»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

19.2.

Auf die Geburtstagsfeier hatte ich mich jetzt eine Woche lang gefreut. Einerseits, weil ich Andreas schon lange nicht mehr gesehen hatte. Auch wenn ich an seinem Studio mehr oder weniger zufällig vorbeigekommen war, hatte ich ihn nie angetroffen (was allerdings auch nur zwei Mal vorgekommen war, seitdem wir uns zum letzten Mal kurz vor Weihnachten im Schädels begegnet waren). Andererseits, weil er in seine Kommune einlud, von der er mir schon häufig erzählt hatte, und auf die ich extrem neugierig war. Ich liebe Wohngemeinschaften und Kommunen. Ich finde es extrem fantasieanregend, wenn ich mir vorstelle, wie es wäre, in einer Kommune leben zu dürfen. Ich habe noch nicht einmal belastbare (oder stabile, wie es im Kreis der Gründerfamilie hieße) Erfahrungen in einer Wohngemeinschaft gemacht. Einmal, in den frühen Neunzigerjahren, war ich auf einer Dienstreise nach Berlin, von Hamburg kommend, in einer Kommune untergebracht. Die befand sich in der Yorckstraße in einem ausgedienten Fabrikgebäude. Auf jeder Etage wohnten dort um die 25 Menschen. Und zwar so, dass sie nicht nur nach Geschlechtern, sondern auch nach geschlechtlichen Neigungen sozusagen sortenrein auf den Etagen untergebracht waren. Aus mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen war ich damals auf dem heterosexuellen Frauenstockwerk untergebracht (während ich tagsüber ein Casting für Programmansagerinnen im Auftrag von Pro 7 im Hotel Intercontinental durchführte – Programmansagerinnen gibt es ja mittlerweile nicht mehr; aber immerhin noch das Hotel Intercontinental). Dort stand (also in der Frauenkommune, in die ich nach Drehschluss zurückkehrte) eine Presslufthupe neben dem Telefon (ein Festnetzapparat an der Küchenwand, Mobiltelefone waren noch nicht verbreitet (ich hatte aber schon eins!)), um, das fand ich auf Nachfrage heraus: in die Muschel hineinstöhnende Anrufer, von denen es damals wohl noch viele gab, durch einen Blast aus der Presslufthupe, die ihnen eigene Lust am Anstöhnen wildfremder Gesprächsteilnehmerinnen ein für allemal zu nehmen. Das Badezimmer dort war in Anlehnung an das von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Bahnhofsgebäude von Uelzen mit buntgemischten Splittern von Fliesen und Spiegeln verziert. Aufregender aber, als durch Presslufthupe (die während meines Aufenthaltes dort übrigens nicht zum Einsatz kam) und diesen Fliesenbelag rings um den beeindruckenden Zahnbürstenbottich angedeutet wurde es aber nicht.

Was eventuell an der Kürze meines Aufenthaltes dort gelegen haben wird. Die Kommune, in der Andreas seinen Geburtstag feierte, war in den Neunzigerjahren in einem besetzten Haus entstanden. Ich war schon locker geschätzt eintausend Mal an seiner unsanierten Fassade vorübergegangen, denn mittlerweile liegt es ziemlich zentral (aber nicht das Haus ist umgezogen, die Stadt hat sich umgeformt). Im Erdgeschoss ist ein Kino, die Kommune beginnt eins drüber. Ein sehr kleiner Kommunarde hielt mir die Haustüre auf. Als ich eher anerkennend als mäkelnd eine Bemerkung machte betreffs der Dunkelheit im Treppenhaus, schaltete er das Licht ein. Andreas stand dort in der Küche, die freilich von riesenhaften Dimensionen war. Sämtliche Einbauten stammten aus der Küche eines Restaurants. Auf dem mächtigen Gasherd stand ein Topf, der bis zur Hälfte mit einer Fischsuppe gefüllt war. Das maximale Fassungsvermögen des Topfes war 100 Liter. Es gab einen Lagerplatz für Brote, auf dem sechs Laibe lagen. Einfach so. Der Brotberg fiel, ästhetisch gesprochen, nicht ins Gewicht. Go, try this at home!

Wenn man, wie ich, Gegenstände sehr mag, wird man sich in einer Kommune extrem wohlfühlen. Die einzelnen Gegenstände sind dort entweder sehr groß, wirken also skulptural, oder sie sind extrem zahlreich und, das hebt die Kommunenküche über die in einem Zeltlager oder in einer Mensa, Kantine et cetera: in sich dann variantenreich. Jede zweite Gabel sieht anders aus; es gibt nicht nur eine Suppenkelle oder zwei, auch nicht drei, sondern 15 und immer so weiter.

Selbiges gilt in ähnlichem Maße für die Menschen dort. In der Küche lernte ich eine Frau namens Daphne kennen, die selbst in einer Kommune in Nordhessen aufgewachsen war. Mittlerweile lebte sie in Berlin, und dort ganz normal, also in einer Wohnung für sich. Aber ihre Kindheit und Jugendzeit hat sie, privat wie es heißt, mit ihren Eltern unter anderen Menschen verbracht. Daphne sagte mir auf Nachfrage hin, dass sie es im Nachhinein als belastend empfand, das andauernd unangekündigter Besuch in der Wohnung anzutreffen war. Zumindest dass sie damit zu rechnen hatte als Jugendliche und Kind. Und dass einige dieser Besucher schlecht einzuschätzen waren. Diese Erosion des Sicherheitsgefühls, im Prinzip ja die Zerstörung des Wohnens, gehörte und, wie mir schien: gehört noch immer zur Kommune. In der Kommune, in der Andreas nun seit zwölf Jahren lebt, wohnen die Genossen nach dem Rotationsprinzip. Das bedeutet, dass sie nach bestimmten Zeitabständen in ein anderes Zimmer umziehen müssen, um sich gar nicht erst als Besitzende ihrer Privaträumlichkeiten empfinden zu können. Die Gemeinschaftsräume – die Küche, der Speisesaal und ein Wohnzimmer mit sogenannter Terrasse – bilden davon unberührt das allgemein besessene Zentrum. Die Kommune, das macht den Reiz für mich aus, ist in dieser Form die städtische Wohnform, in der die Villentheorie Rudolf Borchardts überleben konnte: als Dorf, als Versorgungsgemeinschaft nach eigenem Gesetz. Es kann gut sein, dass es dieser mediterrane Flair ist, der mich vor allem in der Wintersaison für den Gedanken der Kommune einnimmt. Aber das allein kann es nicht sein. Als ich dort gestern mit dreißig anderen an der langen Tafel im Speisesaal saß, Gesprächsgeräusche, Suppe sehr gut, dachte ich unweigerlich, dass dies meiner Vorstellung am nächsten kam, die ich einst hatte, als ich, auf dem Land aufgewachsen, an ein mögliches Leben in einer Stadt gedacht hatte. Und dass ich das nie hatte verwirklichen können für mich, außer während dieses kurzen Aufenthaltes (und dann ganz allein unter Frauen, was nicht recht zählt). Weil es diese Form des Zusammenlebens, die Kommune, damals zu Beginn der Neunzigerjahre schon gar nicht mehr gab. Oder zumindest in diesen Kreisen nicht, in die ich damals hineingeraten war.

18.2.

Als erster Gast der Vernissage hatte der Fischer die Galerie betreten. Im typischen Neonlicht vor weißen Wänden wirkte er dort selbst wie ein Ausstellungsstück. Bald kamen mehr und mehr Gäste, die, kaum anders als der Fischer, aber auf entscheidende Weise anders gekleidet und frisiert waren als er. Nun ergab sich das Bild einer Ausstellungseröffnung. Der Fischer verabschiedete sich von Erik und fuhr zurück in sein Haus am dunklen See. Ich hatte ja angenommen, der Fischer habe ohnehin in der Stadt zu tun gehabt. Fische ausliefern, naheliegenderweise. Oder etwas besorgen, was es dort draußen nicht gab. Aber er war wohl eigens dafür nach Berlin gefahren. Ein feiner Mann. Das war mir damals schon aufgefallen, als er mir die Fischknochen an seinem Weihnachtsbaum einzeln erklärt hatte. Wir würden ihn dort bald wieder besuchen müssen. Auch seines Räucherfischs wegen. Angeblich kann man ja in warmen Monaten mit einer Draisine zu ihm.

Auf dem Heimweg schauten wir noch in einer Pianobar vorbei, in der Filmstudenten aus Georgien ein Fest feierten. Wir kannten dort niemanden, aber es gab sehr viel zu essen. Man nahm es im Stehen ein, weil es nicht ausreichend Stühle gab. Am Flügel saß der herrlich ungesund aussehende Klavierspieler, der mir vage bekannt vorkam, aber ich war mir nicht sicher. Wir wünschten uns was von Gonzales. Nach drei Stücken, zu denen auch getanzt wurde, fragte ich nach Steve ‚Silk‘ Hurley. Er zwinkerte. Eine angeblich berühmte Schriftstellerin in einer karierten Bluse, deren Gesicht hell gepudert war, sodass es wie aus Plastik gemacht wirkte, drehte sich von ihrem Sitzplatz an einem vollbesetzten Tisch um und nahm ein Foto von ihrem eigenen Gesicht auf. Das Buffet wurde andauernd mit neuen Schüsseln bestückt. Das ging dann noch bis Mitternacht, dann musste die Bar bald schließen. Zum Abschluss spielte er noch Good Life (in der Version von Sueño Latino; davor war es La vie en rose gewesen von Grace Jones).

Kurz vor dem Potsdamer Platz, auf dem Abschnitt der Straße, wo die großen Flächen im Erdgeschoss derzeit noch von Galerien mit uninteressantem Programm trockengewohnt werden, bis dann bald auch dort, unterhalb von Andreas Murkudis, teurer vermietet werden kann, hielt ich vor einem Schaufenster inne. Ein Taxi stand dort im bloßen Raum, die Motorhaube aufgestellt. Drumherum war es dunkel. Die gelbe Taxilampe war angeschaltet und verbreitete ein mildes Licht. Das sah so schön aus, war aber leider gar keine Kunst. Erst nach einer andächtigen Weile hatte ich feststellen müssen, dass ich dort vor einer Filiale von Carglass stand.

In der S-Bahn spielte das iPad mit der ihm eigenen Stimme, der eines synthetischen Glockenspiels, den Auftakt von Guten Abend, gut‘ Nacht: Die Schlafenszeit-App erinnerte mich daran, in fünfzehn Minuten ins Bett zu gehen.

17.2.

Am Beispiel dieses Bildes eines Tukans. Wie er da sitzt auf dem Rand einer Trinkschale aus transparentem Kunststoff, in der sich eine Schicht Wasser befindet. Darunter, am Boden, ist der gelbliche Ton des Sandes zu sehen. Die Wirkung dieser Farbfläche ist beruhigend. Man nimmt den typischen Farbton wahr und schließt von ihm auf Käfighaltung; aber Zoo, professionell. Der kleine, grasgrüne Gegenstand aus Plastik, der sich an der Wasserschale befindet, eventuell handelt es sich um ein Ventil, um eine Halterung, ist ebenso wichtig. In seiner Funktion im Leben des Tukans wahrscheinlich nicht so sehr wie in seiner Funktion in diesem Bild.

Den Schnabel schaue ich lange an. Natürlich. Zu Anfang kurz, ganz einfach, weil er um so vieles länger scheint als das übrige Tier. Auf den ersten Blick wie dranmontiert. Dann genauer nachgedacht: Nein, das war eine Idee, die nicht vom Hinschauen ausgelöst wurde. Keine Erkenntnis aufgrund des Geschauten. Dass der Schnabel des Tukans wie dranmontiert erscheint ist ein Witz. Dieses Bild eines Tukans weist auf anderes hin.

Sein Auge, die Umrandung vielmehr. Der hübsche Doppelkreis aus Weiß und Rot. Dass selbst diese Linien aus Federn entstehen! Aus der Art wie sie gemustert sind im Einzelnen. Aus deren Anordnung, wie sie sich legen, entstehen die Ornamente. (Der Tukan kann seine Federn auch sträuben wie jeder Vogel, wie ein Pfau, aber ob er das willkürlich kann; also um partiell andere Muster hervorzurufen, insbesondere rings um seine Augen herum, das möchte ich bezweifeln. Ja, das möchte ich. Weil es mir unheimlich vorkäme, wenn er das tatsächlich könnte – wozu?)

Unweigerlich sehe ich einen Pinsel und eine Hand, die diesen Pinsel mit dem spitzen Griff ganz ruhig um das Auge des Tukans führt, um ihm den Kreis in Weiß, um den in Rot am Augenrand anzubringen. Um ihn, den Tukan zu vollenden. Und ich sehe seine Augendeckel einmal auf- und wieder zuklappen. Eine zarte, ledrig eingefaltete Haut wie von einem winzigen Elefanten. Dies unerschütterliche Blinzeln – ungerührt fährt der Tukan fort, mich anzusehen – ist Fiktion. Einbildung. Auch die Hand mit dem Pinsel gibt es nicht. Den Augenblick der Vollendung. Die eilig entgrateten Kunststoffsorten in verschiedenen Farben, Blau unter anderem, milchiges Orange, aus denen sein Schnabel zusammengesetzt wurde. Alles eingebildet. Ich habe mir all dies eingebildet, während der Betrachtung dieses Bildes.

»Schau noch mal hin«, sagt Wolfgang Tillmans. Look again! Das Bild eines Tukans ist ein Gedicht. Von Durs Grünbein war gestern ein schönes auf der ersten Seite des Feuilletons. Ich hatte es lange übersehen, so dekorativ war es mit seinem Rahmen in einen großen Text eingesetzt. Ich las das Gedicht wieder und wieder, es schien mir dafür gemacht. Speziell ich sollte es so lange lesen, bis sich der erste Anflug von Sinn davongemacht hatte. Verflogen. Er, das lyrische Ich, wünscht sich Reptilienhaut.

Look again. Nicht alles lässt sich durchdringen. Manches bleibt zu. Ich verstehe nicht, weshalb der Palast der Republik abgerissen wurde – und jetzt wird die Landshut gekauft.

16.2.

Kurz vor der Schöneberger Brücke, am Ufer, springen die Leuchttafeln im Bus, es sind viele, um und dann steht dort auf allen in einer gelben Schrift »Deutscher Widerstand«. Es ist bloß der Name einer Haltestelle, der Name ist eigentlich noch länger, die Worte verfehlen ihre Wirkung nicht.

Die Sonne scheint, jedes Körnchen Rollsplitt auf dem Bürgersteig wirft einen Schatten. Ein neues Blau am Himmel. Es geht, ich kann es kaum fassen, ein lauer Wind. Und zum ersten Mal seit Monaten brauche ich die Handschuhe nicht mehr.

Mittags im Kinocenter am Potsdamer Platz: Ich hatte das mit der Berlinale unterschätzt, es sind Hunderte Menschen, allein in meinem Saal etwa vierhundert, die sich den ganzen Tag über Filme ansehen. Ob wollen oder müssen, ich könnte es nicht. Mich hat eigentlich auch nur interessiert, wie in diesem Film, einem australischen, Berlin aussieht. Es geht gleich gut los (am Kottbusser Tor). Darauf scheinen sich alle Filmemacher geeinigt zu haben: Berlin, die gelb gestreiften Balkons, Möbel Olfe, Kottbusser Tor. Unser Bankenviertel. Ein Sonnenaufgang über der Museumsinsel wird gezeigt, eine Passagiermaschine fliegt durch den rostbraunen Streifen. Im Vordergrund, unscharf, die Patina der großen Kupel, ein bisschen Gold: schön. So sehe ich das selbst nie, geht ja auch gar nicht (aus optischen Gründen). Im Bus las ich auf dem Oberdeck im Sonnenschein das schöne Interview von Dominic Eichler mit Wolfgang Tillmans, da geht es genau darum: wie man das abbilden könnte, was man sieht. Es geht nicht! Was man gesehen hat in einem Motiv, kommt in der Kamera anders an. Die nimmt es physikalisch auf, du: psychologisch. Ganz dumm ausgedrückt. Mit dem Schmerz muss man zu arbeiten wissen. Diese Behinderung verstehen und in das Motiv hineindenken. Seinen Bildern, vor allem den Stilleben, sehe ich das an. Seinen liebevollen Blick. Hingabe. Hoffen tue ich es nicht, aber ich bezweifle es einfach, dass es eine technische Lösung geben wird, um vielen oder beinahe allen eine solche ergreifendere Fotografie im tillmanschen Sinne ermöglichen zu können. Also durch eine Filter beispielsweise, der diesen liebevollen Blick emuliert. Ich sehe ja schon auch, dass die Fotos, die jemand mit seinem iPhone gemacht hat, einen anderen Eindruck hinterlassen, als die von jedem anderen Telefon. Und das interessanterweise auf allen Endgeräten, auf denen man sie sich anschaut – nicht bloß auf dem Display eines iPhones. Sie wirken auf Anhieb technisch gelungener, auch schärfer, auch mit ihren verlagerten Schärfen und ihrer Farbigkeit, die in sich besser aufeinander abgestimmt scheint.

Perverserweise fing es in dem Film dann nach wenigen spätsommerlichen Szenen auf der Oranienstraße bald zu schneien an. Dick verschneite Bäume, es wurde auch so gut wie überhaupt nicht mehr hell. Auch das Ende dann nachts.

Draußen gottseidank strahlende Luft, Biergläser im Sonnenschein, der noch ein paar Stunden halten würde – es war ja erst Nachmittag. Eigentlich ist Kino eine gute Erfindung, finde ich. Nicht auszudenken, wenn ich da jetzt aus der Tür herausgekommen wäre und es wäre auch dort noch Winter gewesen und schon wieder Nacht.

15.2.

Seltsam, im Internet finde ich keinen Namen für den Erfinder des snooze button. Die Hinweise bleiben vage und verweisen auf die Jahre 1956 oder ´57, in denen ein amerikanischer Hersteller das wohl erste Gerät auf den Markt gebracht hat mit solcher Funktion, die damals noch in Form einer Snooze-Wippe zur Verfügung stand.

Ich war wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass ich lediglich »Erfinder Snooze« einzutippen bräuchte, um auf den Wikipedia-Eintrag eines Menschen verwiesen zu werden. Vielleicht gibt es ihn gar nicht, den einen Erfinder, und die Schlummerfunktion ging aus einem Kollektiv hervor. Möglicherweise hielten die Ingenieure des Weckerherstellers ihre Zusatzfunktion für einen Gag, mehr nicht (so ähnlich wie die Erfinder von SMS). Mit der Snooze-Wippe, das Gerät wird auf den Abbildungen in Rosa gezeigt, hatte der Geweckte die Wahl zwischen zwei verschieden lang verzögerten Weckintervallen. Angeblich, so las ich im Umfeld des Themas Snooze, ist das maschinell gesteuerte Weiterschlummern schlecht für das Wohlbefinden. Nachdem man ein, zwei oder noch mehr Mal auf die Snooze-Taste gedrückt hat, fühlt man sich angeblich teilweise schlechter ausgeschlafen als beim ersten Wecken. Kann ich mir nicht vorstellen. Es ist doch in jedem Fall eine Verlängerung der Schlafzeit. Dazu kommt das schöne Gefühl der Selbstbelohnung, wenn ich auf die Schaltfläche drücke, um mir noch etwas Schlummer zu schenken. Besonders schön finde ich es, wenn ich nach einiger Zeit des Schlummerns aufwache und mit Blick auf den Timer feststellen kann, dass mir noch einige Minuten geblieben sind, bevor der Wecker sich erneut meldet – mir aber auch erneut die Schlummerfunktion anbieten wird. Neulich früh, ich snoozte, entdeckte ich an mir den Wunsch, einmal eine ganze Nacht hindurch mich von der Snoozefunktion wecken zu lassen, um dann immer wieder auf »Snooze« zu drücken, sodass ich nach ein paar Minuten wieder aufgeweckt werden und weitersnoozen würde. Dabei selbst im Schlummer, das Bewusstsein nur halb an und dabei zu einem Teil auch in der Erwartung des baldigen Weckrufes versammelt, die Konzentration schon auf ihrem Weg in die Fingerspitze, die dann die Schaltfläche noch ein weiteres Mal betätigen würde, stellte ich mir das als einen Reigen der Selbstbelohnung vor, als Paradies. Eventuell kombiniert mit künstlicher Ernährung.

14.2.

Gestern begegnete ich einem Mann wieder, den ich viele Jahre nicht mehr gesehen hatte. Damals nannte man ihn den Regenwurm. Er sah immer noch so aus. Wir begegneten uns zufällig, weil er mir von der aufwärts führenden Rolltreppe entgegengefahren wurde, während ich selbst gerade abwärts fuhr. Wie in dem Gedicht topographie c von Helmut Heissenbüttel, mit dem ich eine wichtige Erinnerung verbinde, weil ich beim Lesen dieses Gedichtes auf einer Fotokopie die Möglichkeiten der Poesie vermittelt bekam mit seinem »Schrei der Möwe, der noch immer meine Schwester ist«. Manche hatten geglaubt zu wissen, der Regenwurm sei Organist. Dabei war es unmöglich zu erraten, was er machte. In der Öffentlichkeit machte er so gut wie gar nichts außer Kaffee trinken und geradeaus schauen. Im ersten Sommer hatte er sich gelegentlich mit einer Nachbarin über das Übliche unterhalten. Da waren, so oft ich es überhaupt mitbekommen hatte, keinerlei Rückschlüsse möglich gewesen auf sein Leben. Auch gestern: dass er sich kein bißchen verändert hatte. Er trug die keilförmige Kappe, wie ich sie bei ihm in Erinnerung behalten hatte. Er erkannte mich nicht.

Und noch immer plane ich jeden Fußweg als viel zu kurz ein und muss mich dann sehr beeilen, um noch pünktlich sein zu können. Das passiert mir sogar bei Wegen, die ich gut kenne. Ich nehme an, das liegt daran, dass ich die wahren Distanzen nicht wahrhaben will. Oft ist ein vermeintlich kurzer Weg durch Berlin in Wahrheit derart weit, insbesonders bei diesen Temperaturen, dass ich mich selbst betrügen muss, um mich zu motivieren. So verdränge ich dann regelmäßig die Breite der Straßen. Es gibt sie nicht, wenn ich mir einen Fußweg bis zur nächsten Haltestelle vorstellen muss, und so kommt mir die ganze Strecke in so und so vielen Minuten machbar vor. Aber dann stehe ich gestern am Rand der vierspurigen Hardenbergstraße – es könnten auch sechs Spuren sein, acht, sie würde nicht noch viel breiter angelegt sein müssen – und dort erkannte ich in diesen breiten Straßen, von denen es in der Stadt sehr viele gibt, den Hauptfaktor des Berliner Stressproblems: Ich nenne es den Berliner Schnitt. Dieses Gesetz der Disproportion sieht es vor, eine Straße so unabsehbar lang wie nötig und dabei so unüberwindlich breit wie möglich zu planen. In der Mitte dieser unablässig von Verkehrsmitteln befahrenen Asphaltbahn gibt es eine unabsehbar lange Insel, sehr schmal, auf der eine Fußgängerampel aufgestellt wurde. Diese wird so geschaltet, dass sie immer rotes Licht zeigt. Die am ganz anderen, dem gegenüberliegenden und rettenden Ufer hingegen zeigt öfters mal Grün. Springt die mittlere, die die Hoffnung anfächelnde Ampel, die von den im Frieren wartenden Passanten als Leuchtturm empfundene, auf grünes Licht um, macht die am anderen Ufer eine Pause und zeigt rot an. Die Phasen, in denen der Straßenverkehr an den vom Warten schon ganz durchgefrorenen Passanten vorbeidröhnt, sind so lange wie nur möglich einzustellen. Idealerweise braucht ein Passant von durchschnittlicher Beweglichkeit um die vier Minuten, um eine Straße zu überqueren, die nach dem Gesetz des Berliner Schnitt gestaltet wurde. Unabhängig von diesem Gesetz gibt es noch eines, dass keinen Namen trägt. Es regelt die Häufigkeit, mit der solche unabsehbar langen, unüberwindlich breiten Straßen nacheinander vorkommen sollen im Stadtplan von Berlin. Demnach sehr häufig.

13.2.

Verrückt, nein: erstaunlich, wieviel Nahrung ich verbrauche, wenn ich den Tag über nichts anderes mache, als am Tisch zu sitzen und zu lesen, schreiben, das Geschriebene zu lesen, während ich es schreibe und hinterher. Hauptsächlich gelesen also, ein stiller Vorgang, bei dem die Arbeit im Inneren des Körpers geleistet wird. Ernährungsphysiologisch lässt sich der hohe Energieverbrauch bestimmt mit dem Gehirnstoffwechsel erklären, es ist ja ein großes Organ. Trotzdem habe ich gestern alles aufgeschrieben, was ich im Laufe dieser Stunden meinem Gehirn so alles zuführen musste; die Zubereitung der Speisen schafft freilich noch zusätzlichen Energiebedarf:

1 Liter Vollmilch
2 Eier
75 Gramm Butter (gesalzen)
50 Gramm Zucker
3 Orangen
1 kleines Brot
500 Gramm Joghurt
120 Gramm Leberwurst
1 halbe Salatgurke
180 Gramm Emmentaler Käse
1 Liter Nudelsuppe
2 Weichkaramellbonbons
200 Gramm Cornflakes

Die Liste liest sich, als ob ich einen Gast gehabt hätte (dem war aber nicht so). Wenn sich dann noch, wie bei der Raupe Nimmersatt, diverse Törtchen, ein Lolli oder gar Schokolade im Schrank befunden hätten, wären sie ebenfalls aufgegessen oder zumindest durchlöchert. Und ich war immer noch nicht satt.

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