»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

26./27./28.

In der Nacht vom Samstag auf Sonntag schlief ich so lange und viel wie schon lange nicht mehr und wie noch in keiner Nacht zuvor in diesem Winter. Diese Nacht, vom 26. auf den 27. Februar, war der Winter. Als ich einmal, kurz, gegen 5 Uhr erwachte, konnte ich mir vergegenwärtigen, dass es weit draußen hinter den Vorhängen ein Lied gab, das ich kannte – ich hörte genauer hin (im Dunkeln kann es einem ja gelingen, seinen Hörsinn auf etwas in vager Entfernung zu richten und sich dann darauf ganz zu konzentrieren wie mit einem Fernrohr, sodass sein Klangbild schärfer wird), tatsächlich: Die Nachtigall war zurück. Dann schlief ich weiter, viele Stunden, und als ich ausgeschlafen, war der Frühling da.

Mit allem.

Am Samstag war ich noch mit Markus durch den nackten Wald gegangen, jetzt zeigte sich dort immerhin schon seidige Luft am Himmel und abgerissene Wolkenbäusche trieben vor dem Blau. Als wir dann gestern bei der Mutter Fourage im Garten saßen, schien uns für mindestens zwei Stunden am Stück die Sonne ins Gesicht. Kiefernstämme leuchteten: Es gibt nichts Schöneres für mich unter den Bäumen. Und als wir durch das Villenviertel heimwärts gingen, hieltest du mich am Arm fest. Aus dem Wipfel hinter der Mauer kam das Lied der Amsel und fügte der Melodie des Frühlings das Entscheidende hinzu. Kaum zu beschreiben, im Augenblick des Wiederhörens sofort wiedererkannt. Ton für Ton.

Der Schlaf alleine dann: längst nicht mehr so lang, vermutlich auch nicht annähernd so tief. Als ob in der Samstagsnacht etwas Pflanzenhaftes geschehen war mit uns; etwas dem Geschehen tief im Frühjahrsboden Vergleichbares, wo ja auch vor einer Woche noch, als ich die Schnecken vor die Tür gesetzt, die Schneeglöckchen schon ihre zwiebeligen Triebe vorgestreckt hatten, und jetzt gab es bei der Mutter Fourage schon Zweige mit Weidenkätzchen in zwei Farbnuancen (klassisch gelblich und rosa), Magnolienknospen (in Holland vorgetrieben, denke ich), und alles deutete hin auf die ersehnte Explosion um uns herum. (Ich kann mich noch gut an die Zeit hier im Wald erinnern. Am schönsten wirkt es bei der Fahrt mit der S-Bahn, dann sieht es so aus, als hingen zwischen den Baumstämmen dichte Wolken maiengrünen Staubs.)

Beim Menschen ist es eine Implosion. Nach dem langen Schlaf besteht sie aus winzigen Lichtsamen. Eine Pusteblume mit Glühwürmchen besteckt. Und beim Einschlafen, wieder allein, fragte ich mich: Wie bringst du eigentlich den Mut auf, Nacht für Nacht seit so vielen Nächten allein zu schlafen? Das muss doch für Tausende von Jahren etwas Furchteinflößendes gewesen sein für die Menschen. So sehr, dass die gar kein Auge zutun konnten vor Angst. Und damals wussten die noch nicht einmal, dass sie sich auf einem Planeten befanden; geschweige denn: allein im All. Oder dass es noch Tausende von anderen Artgenossen gab, alles Menschen wie sie, von denen aber genau im selben Moment wie sie, genau die Hälfte ebenfalls schlafen ging. Sodass die eine Hälfte bald wehrlos der anderen Hälfte ausgeliefert daliegen würde wie tot. Und keiner schaute zu.

Um 5 Uhr dann wieder die Nachtigall. Bald würde ich bei offenen Türen leben und schlafen können. Der Winter war, seltsam, beinahe vergessen. So beinahe wie diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war.

25.2.

Wenn man viel reist, lässt man auch ganz viel zurück. Orte, klar. Spezialitäten. Aber manchmal dauert es Jahre, und auf dem Telefon erscheint mit einem Schlag eine Nummer mit zwei Nullen, einem Plus und dahinter eine rare Kombination aus Zahlen, die weder auf Frankreich, England oder auf die Schweiz hinweist.

Aramazt habe ich in Äthiopien kennengelernt. Sein Name, das hatte er mir erklärt, bedeutet Zeus, der Göttervater, im Armenischen. Damals lebte ich ein Stockwerk oberhalb seines Schreibtisches, einem aus gelbem Plastik in Form eines Kronkorkens auf roten Füßen. Mein Balkon (fünf auf anderthalb Meter) befand sich direkt darüber, am Horizont zunächst ein Avocadobaum und dahinter die Addis Abeba einfassende Gipfelkette: im Abendlicht der untergehenden Sonne flogen die großen Vögel dorthin.

Damals bin ich auch schon früh aufgewacht. Mit der aufgehenden Sonne, es gab keine Vorhänge, und die Szenerie war dann in der trockenen Saison immer genau so, wie man sich das vorstellt: disneyhaft, bonbonfarben, mit einem Wolkenbild über den afrikanischen Bergspitzen, den Vögeln auf weitgespanntem Schwingen, die von dem anvisierten Punkt her ins Bild zurück auf einen zugeflogen kamen; von diesem Punkt her, in den hinein sie des Nachts noch scheinbarerweise verschwunden waren: Magic. An jedem Morgen aufs Neue. Dieser Effekt verliert sich auch nach Monaten nicht.

Aramazt, von dem ich damals nur seine Stimme kannte, saß dann an jedem dieser Morgen unten an seinem Kronkorkentisch und redete auf mögliche Investoren ein. Das konnten durchreisende Vogelforscher aus Skandinavien sein, italienische Bibelexegeten, Weiße aus Südafrika, Entrepreneure aus dem benachbarten Jemen. Als ein in Manhattan aufgewachsener Armenier mit circa zweihundert Kilogramm Lebendgewicht konnte er seiner im Grunde hohen Stimme den dafür prinzipiell nötigen Nachdruck verleihen, um die Leute von seinem Projekt, einem Dokumentarfilm über die in der äthiopischen Hauptstadt lebenden Armenier, zu überzeugen. Nach ein paar Wochen hörte ich seinen Elevator Speech im Schlaf. Ansonsten biss niemand an. Wie ich gestern erfuhr, ist sein Filmprojekt noch immer »in production«. Unser Kennenlernen im Palasthotel, durch Tocotronic berühmt gemacht*, ist sechs Jahre her.

Das letzte Bild: Er hält seine Hände um meinen Hals fest geschlossen und drückt mich damit gegen die Wand einer DDR-mäßigen Plattenbauwohnung in Kashansis, in der wir damals zusammen lebten; er droht mir, mich umzubringen, wenn ich ihm nicht sofort eine Barsumme im Gegenwert von 100 Euro gäbe (2500 Birr). Sein Atem roch nach Schnaps. Äthiopischer Schnaps war billig. Es gab ihn in den Geschmacksrichtungen Ananas, Cognac oder Anis zu eins fünfzig den Liter. Danach hörte ich von ihm lange nichts.

Er hatte um die einhundert Kilo abgenommen. Ich selbst hatte ihm damals ein Diätprogramm verordnet, das im Wesentlichen aus frischer Ananas und Wasser mit Chilipulver (Berbere) drin bestand. Abends ein äthiopischer Salat ohne Brot. Seit seinem Abflug aus Ä wohnt er technisch noch immer in Armenien. Seine Frau hat im letzten Jahr die Scheidung eingereicht. Er überlegt stark, nach Berlin umzuziehen. Sein Kapuzenpullover ist orangefarben, um den Mund herum hat er noch immer den Bart. Er schaut sich das Manuskript von Marc Degens über dessen Jahr in Eriwan an und angeblich hat sich dort bis heute nichts groß verändert. Letztes Jahr gab es eine staatliche Organisation namens Cleantec, die den Einwohnern der Hauptstadt Mülleimer ausgegeben hatte. Die Mülleimer wurden von den Einwohnern der Hauptstadt Armeniens auf dem Schwarzmarkt verkauft. Untereinander. Aramazt versuchte sich dort bislang als Grafiker für Infografiken durchzuschlagen. Er hat das Bedürfnis, sich für den versuchten Totschlag zu entschuldigen. Ich sage, dass das, was auf der Insel passiert sein mag, auf der Insel verbleiben soll. Und zahlte sein Bier.

* Vulgäre Verse, Wie Wir Leben Wollen, 2013

24.2.

Vor zwei Monaten, in zehn Monaten. Der Sturm braucht knapp fünf Stunden, um seine Front aus der Mitte in den Nordosten des Landes zu verlagern. Dem Sturm selbst ist das natürlich alles egal. Um Mitternacht lese ich auf Twitter noch vom Zugverkehr im Rheinland, dem das auch alles egal ist, aber der trotzdem ausfällt. Um kurz nach fünf wache ich auf. An der Zimmerdecke bewegt sich in einem Viereck aus Licht der Schatten eines Astes hin und her wie ein Zeiger. Das Geräusch des Sturmes ist mehr Rieseln als Rauschen. Als ob in den Wänden jemand aus vielen Händen etwas innerhalb der Wände rieseln lässt. Ins Bodenlose – oder es dauert halt unendlich lange, bis die unendlich vielen Kugeln aus den unendlich vielen Händen losgelassen unten angekommen sind.

Ich schlafe noch einmal ein. Im Traum wird mir der neue Fünfhunderteuroschein gezeigt. Zwei aufeinandergelegte Handkuppeln öffnen sich wie die Schalenhälften einer Walnuss. Der Schein ist winzig, er passt in die untere Handhälfte hinein, ohne überzustehen. Von den Farben her ist er blockhaft gestaltet mit geometrischen Feldern in Rostbraun, Karminrot und Ocker. Darüber liegen wie verstreut, oder auf das Design gefallen, drei schwarze Balken, von denen einer in einem Winkel von 60 Grad abgeknickt wurde. Der Wert, 500 Euro, ist in Grün aufgedruckt und wird zu einem Teil von einem Schenkel des schwarzen Balkens abgedeckt. Ich weiß da alles noch, als ich aufwache und die Erinnerung schärft sogar noch nach. Bemerkenswert erscheint mir nun, dass auch die Form des Geldscheins geändert wurde – von der verringerten Größe abgesehen: Die Form ist den Flaggensymbolen der Emojis angepasst. Der Schein wirkt belebt, so als wehte er oder würde von den zahlenden Fingern ins Flattern gebracht. Ich weiß selten derart viele Details zu erinnern von meinen Träumen. Vor allem Farben verblassen geschwind.

Im ersten Licht sehe ich die Scheiben von Tropfen bedeckt, sie leuchten. Der Sturm ist durch die Ritzen der Fensterrahmen hindurch in den Raum eingedrungen, ich spüre den kalten Hauch an meiner Schulter. Das Windgeräusch kommt in Wellen, es hört sich jetzt tatsächlich wie Brandung an aus der Entfernung, dabei ist es ganz nah. Die Äste des Baumes links im Bild schwanken hin und her, langsam, was ich mit gutmütig verwechsle. Ich träume also von Geld.

23.2.

Gemütlicher Nachmittag mit Kaffeeschorle und schokoladigem Kuchen. Der Regen pladdert, stellenweise prasseln die Tropfen gegen die große Scheibe, hinter der, nun schon mit Fenstern drin, der Neubau entsteht (an das Haus, das dort ursprünglich einmal gestanden hatte, kann ich mich nicht mehr erinnern; es wird eines aus der Nachkriegszeit gewesen sein – kein Kaiser’s!, soviel weiß ich – ein Gebäude aus der Zeit zwischen den Kriegen, oder gar aus der sogenannten Gründerzeit würde saniert, notfalls entkernt, niemals abgerissen. Selbst dann nicht, wenn der Schwamm ihm schon tief im Gebälk Metastasen gebildet hätte. Warum ist das so? Warum werden die alten Häuser in Ehren gehalten und geradezu verehrt? Als auf dem Land groß Werdender träumte ich damals freilich von hohen Zimmerdecken, die, knallweiß gestrichen, mit Stuck verziert sein würden, wie auf dem Land höchstens mal ein Stück Torte Rhabarberbaiser. Ab und an war ich bei befreundeten Kindern in Stuttgart zu Besuch, bei denen fuhr die Straßenbahn am Fenster vorbei und die Zimmerdecke in deren Wohnung war derart weit droben, dass sie die Modelleisenbahnanlage auf ihrer Platte montiert an einer Seilzugmimik bis dorthin hinauf ziehen konnten, um das Seil dann an einem Karabiner in der Wand einzuhaken. Dann stand der Platz auf dem Boden für andere Aktivitäten zur Verfügung. Für das Draufliegen und Musikanhören beispielsweise. Das kam dann auch immer öfter vor).

Schon bei der Hausschwammfantasie geriet ich ins Schwärmen, auf Abwegen kam in mir der Appetit nach etwas Salzigem und leicht Verkohlten auf. Das lag am Regen, ich träumte vom Rom um diese Jahreszeit, wo es genau so regnen kann. Ich hatte jetzt Lust auf Pajata. Es müsste auch gar nicht in einem Lokal sein. Pajata im Stehen, umweht von den bläulichen Schwaden des Grills, auf dessen Rost die Spieße dicht nebeneinander liegen. Rosig, braun und schwarz verkohlt. Der Stand ist mit einer hellen Plane überspannt, von deren Rand sich die Tropfen abseilen. Senf gibt es auch.

Gehört leider nicht zum Repertoire der Streetfood-Aktivisten. Neulich, als ich an dem ersten Frühlingstag auf der Berlinale den Film über Berlin im Winter anschaute, fand ich nach der Vorstellung in einer Seitengasse des Marlene-Dietrich-Platzes ein paar ihrer Wägen (also nicht Dietrich, sondern Streetfood). Und über die Gasse war ein Schild geschraubt, auf dem stand in einer Las-Vegas-Schrift »Streetfood«, was ich in dem Fall auch sinnvoll fand und finde, weil die Straßen am Potsdamer Platz sind ja von ihrer sozialen Funktion her keine Straßen und werden auch von den Stadtbewohnern nicht als solche gelesen. Der Potsdamer Platz im Ganzen besitzt in der Stadt die Funktion einer Freiluftmall, ist also Sonderfläche und eine Sonderform des Marketing (von der mir jetzt bloß Streetfood einfallen will, aber da kommen noch andere!) muss hier ultrakonservativ, also mit Las-Vegas-Typo und Schild ausgewiesen werden, weil die Strategie des Beiläufigen*, deren Streetfood sich ja ansonsten bedient, funktioniert auf unstraßenhaften Straßen, wie beispielsweise in den Seitengassen des Potsdamer Platzes, nicht.

Aber gerade da wäre doch Pajata toll. Dafür, für Pajata, wäre ich gestern sogar durch den Regen bis an den Potsdamer Platz gelaufen. Den ganzen Weg gerannt vielleicht nicht, aber immerhin. Und eigentlich funktioniert die Strategie des Beiläufigen ja nur so und eben weil dann ungewöhnliche und exotische Grillspezialitäten verkauft werden; servierte jeder aus seinem Streetfoodtruck heraus lediglich Würste, Fritten, Frikadellen und Schaschlik, würden sich die Anwohner und Passanten ja auch nicht mehr freuen, sondern ganz im Gegenteil eine Beschwerde einlegen wegen zuvieler Drei Damen vom Grill und der Wiederkehr des Immergleichen.

*Man stellt einen schwarzlackierten Bus auf, aus dem heraus drei Expats eine fremdländische Spezialität vom Grill servieren. In einer Straße mit sozialer Funktion wird das von den Anwohnern und Passanten als Bereicherung gelesen. Wie ein Shitsicle, der eines Morgens im Vorgarten liegt.

22.2.

Ich hatte sie unter einen kahlen Birkenbusch plaziert, der Rindenmulch war kalt aber feucht vom tagelangen Regen. Ein Büschel Schneeglöckchen, an den Trieben hingen Tropfen, zeigte ein zwiebliges Grün.

Dann übernahm der Tag, und ich vergaß die beiden Schnecken. Zum ersten Mal fielen sie mir wieder ein, als ich noch früh am Abend auf die Straße trat. Die blaue Stunde, die es nun wieder gibt, und die in Berlin sehr schön sein kann, wenn es, wie gestern, zuvor noch geregnet hatte, sodass die Straße, in die man, aus dem Hauseingang kommend, einkehrt, sich lang und glänzend, vor einem im bläulichen Licht und nach hinten hin grauer und zugleich nur wenig dunkler werdend, präsentiert (dazu braucht es freilich ein bis zwei Bremslichter, zumindest eine umspringende Fußgängerampel und ein golden leuchtendes Schaufenster, oder eins auf der ersten Etage, wo jemand einen Tisch deckt und man sieht von dieser Person bloß die Unterarme und Hände, das Gesicht wird von Stores verdeckt).

In der Bahn kam das Bild von den zwei Häusern unter den Schneeglöckchen wieder. Dieses Mal dachte ich an ein Kinderbuch, ich sah den Moment von mir gezeichnet und die Schneeglöckchentriebe waren zu Straßenlaternen geworden en miniature. Die Tau- oder Regentropfen, die an den Trieben gehangen hatten, gaben funkelndes Licht. Dagegen sahen die beiden Häuser mit ihrem Spiralmuster aus wie Findlinge. Ganz massiv.

Dabei sind die Schneckenhäuser dünnwandigst. Mir fiel das Buch nicht ein, aber ich hatte es früher, da tranken die Märchentee aus einem Service, das aus Schneckenhäusern gemacht worden war. Oder von Schnecken in ihren Häusern. Egal. Als ich nach Hause kam, war es noch ein wenig hell. Der Platz unter dem Schneeglöckchen war aber leer. Ich hatte mich beeilen müssen, weil ich eine terminliche Arbeit fertigschreiben musste bis spätestens neun, von daher blieb mir keine Zeit, um die Umgebung abzusuchen – weit konnten sie ja nicht sein!

Später war ich zu müde. Heute glaube ich, dass ich sie schon wieder vergessen hatte.

Heute früh um sechs versuchte ich viel, um noch weiter zu schlafen, es ging aber nicht, also machte ich mir Tee, weil ich schon ahnte, dass es eine längere Geschichte werden würde. Als es draußen blau wurde, öffnete ich die Balkontüre: Zwitschern. Mir fielen die ganzen Schnäbel ein.

21.2.

Im Dunkeln nach Hause gekommen, die Treppe hoch, so als ob dort ein Telefon klingele – daran kann ich mich noch erinnern, wie das war, wenn man dann nicht schnell genug aufgeschlossen hatte und das Gespräch mit jemandem am anderen Ende der Leitung übernahm, der sich bereits mit dem Band des Anrufbeantworters abgefunden hatte: »Ah, du bist ja d o c h da!« (usw. usf.) – so ähnlich, aber doch ganz anders, denn ich hatte mich ja schon ab dem Nachmittag darauf gefreut, die Balkontür aufzumachen. Draußen war es still, dunkel, irgendwie sogar noch dunkler, wie mir schien, aber vor allem war es von der Temperatur her angenehm, beinahe lau, sodass die Tür gut offenstehend bleiben durfte. Wie viele? Viele. Wochenlang hatte ich das entbehrt.

Das Quietschen auch total vergessen. Jetzt war es wieder da (und mit dem Geräusch der Blässhühner kam auch die Erinnerung daran sofort wieder. War es demnach also gar keine?) Klang verrostet, wie ein mühsam zugeschraubter Hahn (Wasser-). Sich dehnendes Schiffshupen hatte ich auch schon lange nicht mehr. Im Dunkeln liegen bei offener Tür und auf die Geräusche warten, wie sie sich präsentieren. So leicht, so nebenbei, schön.

Was man im Winter durch den Zwang zu geschlossenen Fenstern verpasst, ist mit Schneedecken nicht aufzuwiegen. Allein, dass ich am Morgen den Parka am Haken lassen konnte, dies Glücksgefühl, nicht bloß Erleichterung! Winterparka will man wirklich nicht werden. Er kann noch so schön sein, irgendwann hat er alle Unlust am widrig gewordenen Dasein, allen Hass auf die dunkle und kalte und isolationshaftmäßige Jahreszeit auf und später in sich gezogen (nicht umsonst sind die Steppjacken nach dem Prinzip eines Zigarettenfilters konstruiert). In den T-Shirts steckt auch im Winter noch Freude vom Frühlingsbeginn, Freude am Sommer, aber Wehmut auch, beim Abschied vom Sommer. In den Parkas überwintert im Sommer der Hass.

Morgen, so dachte ich, während ich im Dunkeln lag, auf das Einschlafen wartete und von fern kam ein gütiges Schnattern, setze ich als erstes die Schnecken vor die Tür. Die hatten sich kurz nach Weihnachten schon in ihre Häuser zurückgezogen und die Öffnungen mit dünnen Kalkdeckeln verschlossen. Als low performer brauchten sie aber kein Schleimarium, beziehungsweise könnte ich mir dann ja gleich zwei Schneckenhäuser aus meiner Sammlung unter die Glasschüssel legen. Oder zwei Steine. Womöglich noch mit künstlichen Salatblättern und einer Gurke aus Fimo!

Soweit kommt es nicht. Soweit wird es nie kommen. War schön mit den beiden, auch lehrreich. Zumindest für mich.

20.2.

Während alle die Fischsuppe löffelten, ging es an unserem Ende der Tafel um ein Chamäleon, das eine Bekannte von Daphne sich seit kurzem hält. Leider wohnte sie nicht in der Kommune und so konnten wir das Tier nicht besichtigen, sondern waren ganz auf ihre Beschreibungen angewiesen. Die waren auch sehr gut, also präzise, kamen aber jeweils nur auf unsere Nachfragen hin. Von dem, was sie von ihrem Chamäleon erzählte, ergab sich bei mir bald der Eindruck, dass sie mit diesem auf Anhieb etwas gesucht und dabei bemüht ausgesucht wirkenden Haustier eine gute Wahl getroffen hatte. Es kommt da, wie bei Beziehungen, auf beide an. Insofern ist es ja schade, dass Katze und Hund für Erwachsene wie voreingestellt als Haustiere vermarktet werden. Ich nehme zwar an, dass es eine gewisse Anzahl sogenannter Halter gibt, die noch lieber als einen Hund ein Chamäleon ausprobiert hätten, oder einen Tukan, aber die werden dann ihren zu Recht weitreichenden Überlegungen zum Opfer gefallen sein. Beispielsweise, was ein potentieller Liebespartner dazu sagen würde, wenn er das Terrarium, wenn sie die Voliere entdeckt. Schon eine Katze kann den bis dato allein lebenden Mann aus dem Paarungskreisel ausscheiden lassen. Er wird quasi stigmatisiert als ein männlicher Blaustrumpf (man munkelt, er telefoniert noch beinahe täglich mit seiner Mutter). Die Chamäleonhalterin hingegen wirkte auf mich völlig normal – was möglicherweise schließen lässt auf mein Frauenbild.

Man füttert es einmal am Tag mit einer Grille, die man ihm irgendwo in die Nähe seines Treibholzes hinlegt, damit das Reptil das Gefühl bekommt, die Grille sei von sich aus da hingekommen, und es, das Chamäleon, würde sie nun auf freier Wildbahn erjagen mit seiner grotesk langen Fliegenpapierzunge. Denn das Chamäleon ist sensibel, es empfindet sehr viel. Das tun viele Haustiere, alleinstehende Katzenhalterinnen sind vor allem auch deshalb alleinstehend, weil es kein potentieller Liebespartner lange erträgt, dass in seiner Gegenwart, die allein seligmachend wirken soll, andauernd von den unerfüllten Bedürfnissen der Katze gesprochen wird (oder dass die so schwer zu erfüllen sind, woraufhin beim potentiellen Liebespartner zwangläufig die Vorstellung erzeugt wird, ob er wohl die Katze?), aber das Chamäleon besitzt als einziges der nicht unter Wasser lebenden Haustiere eine Haut, die wie ein Display seines Wohlbefindens funktioniert. Wenn es blaue Punkte anzeigt, erklärte uns seine Halterin, stimmt etwas nicht.

Schön eigentlich. Gibt es freilich auch in menschlichen Beziehungen, also falls man jemanden trifft, der noch keine Katze unter seinem Bett versteckt, keinen Hund dabei hat, nicht von einem Chamäleon erzählt (es geht ihm gut, wenn es fahlgrün anzeigt; mit diesem ganz leichten Stich ins Orangefarbene – »wie dieses Eis, das am Stiel.«)

Drüben in der Kommunenküche, deren Raum mir so lang erschien wie ein gelb gestrichener Tunnel (an dessen Ende war ein Badezimmer, das hatte ich gesehen und mir gemerkt), stand Kerstin mit Andreas unter der monströsen Dunstabzugshaube, aus deren Kuppel ein Halogenstrahl auf die beiden herunterzeigte. Vor zwölf Jahren war er auf der Straße in seinem Mercedes 190 an dem Haus vorbeigefahren, von dem er wusste, dass sich darin die Kommune befand (die in diesem Sommer ihr 25-jähriges Bestehen feiern wird. Der Bürgermeister hat sich angesagt. Andreas soll eine Buchpublikation vorbereiten, aber er weigert sich innerlich, vergisst es absichtlich), und bewarb sich wenige Stunden später dort vor dem wöchentlich einberufenen Plenum als Wohnpraktikant. Das war ein Novum. Das jemand dort erst einmal ein Praktikum machen wollte, um für sich herauszufinden, ob das Wohnen in einer Kommune etwas für ihn sein könnte. Und lernte dann dort während seines Praktikums die bereits dort auf Lebenszeit wohnende Kommunardin Kerstin kennen.

Und they took it from there.

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