»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

31.1.

Heute früh war alles, was am Boden nachts noch schwarz gewesen war, zu einer dünnen weißen Schicht geworden. Das sah zumindest friedlich aus. Gestern hatte es am Mittag zu regnen angefangen, ganz scheußlich. Bei dieser Temperatur. Zum Glück fiel mir das Kino ein. Im Zoopalast wurde ein Film gezeigt, bei dem ich mir die Chance, dass in den bei Tageslicht gedrehten Szenen auch die Sonne scheinen würde, als gut ausrechnen konnte. In Axolotl Overkill sind sogar grüne Bäume zu sehen. Und in einer langen Szene tritt ein Pinguin auf. Mitten in einer sommerlich leuchtenden Wohnung. Er bewegt sich über das Altbauparkett und schaut in die Räume hinein. Ich hatte noch nie einen Pinguin in einer Wohnung gesehen. Niemand sprach mit dem Pinguin. Es war auch fast niemand zu Hause. Leider war die Szene nicht noch länger, ich hätte dem Pinguin noch sehr gerne weiterhin zugeschaut. Aber draußen regnete es, und der Film war irgendwann vorbei.

30.1.

In der vorvergangenen Nacht hatte ich von einem Kuchen geträumt. Also auch von seiner Herstellung. Und das sehr detailliert, beziehungsweise war mir das Rezept plausibel erschienen. Ich dachte noch oft an den Kuchen in meinem Traum und ging dann gestern früh zum Supermarkt (denn es war verkaufsoffener Sonntag sogar hier draußen), um die in meinem Traum nötigen Zutaten zu besorgen, weil ich herausfinden wollte, wie der Kuchen aus meinem Traum schmeckt, denn der Geschmack hatte, wie überhaupt das Anschneiden, im Traum keine Rolle gespielt. Von seiner äußeren Wirkung war der Kuchen imposant gewesen. In jeder Beziehung wollte ich ihn von innen sehen.

Auf 3Sat lief, etwas Schöneres kann es beim Anrühren von Kuchenteig überhaupt nicht geben: die betagte Dokumentation aus den siebziger Jahren, als Vladimir Horowitz zum ersten Mal nach Jahrzehnten aus den Vereinigten Staaten in die Sowjetunion einreisen durfte, um dort in Moskau ein Konzert zu spielen (er stammte ursprünglich aus Kiew). Ich bin alles andere als ein Kenner der klassischen Musik! Aber ich höre sehr gerne Klaviermusik und ich kann genau benennen, welche Stücke mir gefallen, auch wenn ich das Werk der Komponisten im Einzelnen nicht kenne. Der Saal, in dem Vladimir Horowitz auftrat, er war da schon ziemlich gebrechlich und betrat die Bühne mit vorsichtig gesetzten Schritten, fasste über eintausend Menschen. Man erkannte das nicht nur an den Brillengestellen (Horowitz selbst trug in den Interviews eine flamboyante Fliege, die ziemlich schlaff herunterhing, weil sie so üppig war): Sie entstammten nicht bloß einem anderen System, das war eine andere Welt. Er setzte sich, und die Kamera, weil es ein alter Film war, zeigte das nicht in HD, aber ich konnte die Hände von Vladimir Horowitz gut erkennen: Er fing an ein Stück von Scarlatti zu spielen (das wurde eingeblendet). Und ich sah: Er denkt mit den Fingerspitzen.

Ich schmolz zwei Tafeln extrem dunkle Schokolade (also solche, die man eigentlich nicht essen kann oder will, es sei denn, man trägt braune Schuhe zu blauen Anzügen, gelt sich die Haare, kennt sich mit Rotweinen oder Zigarren aus und findet Armbanduhren interessant) im Wasserbad und tat, weil solche Schokolade wenig Fett enthält, noch zwei Löffel voll Butter dazu. In einer zweiten Schüssel rührte ich vier Eier mit vier Löffeln Zucker so lange, bis der Zucker sich in den Eiern gelöst hatte. In die Eier füllte ich die Schokolade mit der Butter, stabilisierte diese Creme mit etwas Mehl, aber nicht viel, vielleicht drei Löffeln, dazu etwas Backpulver, denn bei den Eiern heutzutage weiß man halt nie. Das Backpulver war die bislang einzig reale Zutat, den Rest hatte ich exakt so in der Zusammensetzung geträumt. Dann wickelte ich den Inhalt einer Tüte Weichkaramellbonbons aus. Die gibt es von unterschiedlichen Herstellern, zumeist zeigt das Einwickelpapier der Bonbons eine Kuh. Das Format dieser Bonbons ist klassischerweise quaderförmig. Ich halbierte die mit dem Messer, sodass ich einen Haufen karamellfarbener Würfel vor mir liegen hatte.

Vladimir Horowitz spielte noch immer. Beziehungsweise schon wieder. Es waren Interviews eingeschoben, in denen er sich an seine Kindheit erinnerte. Beispielsweise an seinen Onkel, einen Spezialisten für Skrjabin, den sie Kinder den loud piano player genannt hatten – weil er laut Klavier gespielt hatte. Und dass sie zu Hause auf vier Klavieren Beethoven gespielt hatten: seine Mutter, sein Vater, seine Schwester und er. Möglicherweise auch in anderer Geschlechtskonstellation. Es ging ums Prinzip.

Die Hälfte der Teigmasse füllte ich in eine auslaufsichere Springform, die ich gebuttert und gemehlt hatte (der Kuchen würde, wenn er was würde, extrem feinporig werden). Auf diese erste Schicht verteilte ich spiralförmig die halbierten Karamellbonbons. Es waren vierundzwanzig Würfel, also hatte ich zwölf Bonbons halbiert. Eine gute Zahl, denn wie es in den Psalmen steht: Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Bevor die zweite Teigschicht drüberfließen kann, muss kräftig mit Meersalzflocken gesalzen werden. Dann mit Teig fluten. Dann noch einmal salzen. Bei 160 Grad Ober- und Unterhitze backen.

Lange Auskühlen lassen. Am Besten sogar über Nacht. Er sieht wenig appetitlich aus, weil der zerfließende Karamell ziemliche Löcher brennt in die Kuchenoberfläche. Mein Tipp: Die kraterhafte Oberfläche mit einer Schicht Schlagsahne verbrämen.

Ansonsten: traumhaft. Hüben wie drüben sozusagen. Im Traum wie in der sogenannten Realität.

29.1.

Zwei Tage lang fast nur gelaufen. Durch den Wald, der nur noch aus Stämmen besteht, soweit mein Auge reicht. Im Sonnenschein leuchten sie grünlich golden, sind wie aus Metall gegossen, vor langer Zeit schon, mit einer schönen Patina. Ich dachte unwillkürlich an Fritz Lang mit seinem Dekowald für Die Nibelungen, der nur aus Stämmen ohne Blätterdach besteht (die Kamera schaut nie hinauf in diesem Film), so sah das aus. Die Stämme nur weniger dick oder umfangreich. Aber das Licht ganz genau so wie im Stummfilm. Dementsprechend wenige Waldbesucher. Als fehlten dem Wald momentan die Attraktionen, also meidet man ihn wie einen schlechten Zirkus mit nur einem Kamel (der Elefant ist leider erkrankt).

Für den Wannsee hat es nicht gereicht, auch im kleinen Wannsee treiben nur noch Schollen, die man von Weitem durch das Holz glitzern sehen kann bei entsprechendem Licht. Der Schlachtensee ist zugefroren. Nicht weil er schmaler ist oder weniger tief, er ist stellenweise sogar tiefer, glaube ich, aber vor allem ist es ein richtiger See, wohingegen der Wannsee bekanntlich, wie es bei Rothko (der Band) heißt: Roads Become Rivers, Rivers Become Oceans (Four Tet Remix).

Es ist seltsamerweise niemand anders auf dem Eis. Aus dem Holz ringsum dringen Spaziergangsgespräche. Ich warf einen Scheit, ziemlich dick, dicker als mein Arm, Birke: eine dumpfe Erschütterung, die kaum höher kommt als bis über meine Knöchel. Das Eis ist demnach einen Meter dick oder mehr. Vermutlich. Abdrücke von Schuhsohlen, kleine und große, die Spurrichtung nicht mehr nachzuvollziehen, ein Knäuel in mehreren Schichten übereinander. Bei Virginia Woolf bricht eine Frau mit ihrem Apfelkarren in die erstarrende Themse ein und wird dort, einen Apfel in der Hand, wie um ihn von hinter der Mattscheibe schwebend anzubieten, in dem schwarzen Eis konserviert wie in einem Tropfen Bernstein. Seltsam, dass mich die Furcht erst auf der Mitte des Eises ergreift, als das Ufer, von dem aus ich losgegangen war, genauso weit entfernt ist wie das Ufer, das ich erreichen könnte (und seltsam, dass ich auch in dieser Situation nur ungern denselben Weg zurücknehmen wollte, sondern einen in Anführungszeichen anderen. Den anderen kannte ich ja in dieser Logik gesprochen schon).

Eine Frau, sehen konnte ich sie nicht, bezichtigte mich. Ihr Mann, mindestens ebenso laut, nannte sie Gisela. Und mahnte sie dann noch mehrfach, ihn zu begleiten: Gisela!

Meine Tante heißt so. Ist aber ganz anders.

»Was machen die Enten im Winter«, fragt ein Kind. Berechtigte Frage. Im Zeitmagazin läuft jetzt ein Jahr lang eine Serie, die sich mit dem Thema Fernbeziehung beschäftigt. Eine Fotografin und ein Fotograf geben für jede Ausgabe je ein Foto ab und schreiben dazu ein paar Zeilen. Sie lebt in New York, er in London. Wahrscheinlich habe ich die erste Ausgabe verpasst, in der vielleicht erklärt wurde, wie das zu lesen ist. In meiner Ausgabe schickt er ihr ein Bild eines Frauenhalses mit Perlenohrring, sie ihm das Innere eines Papierkorbes aus gebürstetem Stahl, an dessen Wand verschiedenfarbige Klebebandreste leuchten. Er schreibt von seiner Erinnerung an ihre Schönheit. Sie lehnt seinen Vorschlag, zu ihm zu ziehen, argumentativ sauber begründet ab. Ich bin trotzdem gespannt, wie es weitergeht. Auch weil ich das Buch von Leanne Shapton so gerne mochte mit dem fiktiven Bestand von Fotos und Gegenständen einer Haushaltsauflösung. Zum ersten Mal hatte das freilich Fran Lebowitz gemacht, 1977 in I Cover the Waterfront: da bestand die ganze Seite ihrer Kolumne aus irgendwelchen Gegenständen, einer Herdplatte unter anderem, und im Text hatte sie so getan, als sei sie bereits tot und nun würden ihre Hinterlassenschaften versteigert. Dementsprechend las sich der Text wie einer aus dem Auktionskatalog. Und war, wie sämtliche ihrer Kolumnen, als Protest geplant gegen die von ihr als menschenunwürdig, zumindest schwer erträglich empfundenen Lebensbedingungen einer freischaffenden Schreiberin im Manhattan der Siebzigerjahre.

Die Zeit mit dem Zeitmagazin hatte mir der Zeitungsverkäufer verkauft, der am Donnerstag abends im Zwiebelfisch seine Runde machte. Das gibt es dort am Savignyplatz noch, dass ein Zeitungsverkäufer mit dem druckfrischen Tagesspiegel und der Zeit durch die Lokale geht. Das Wechselgeld war so gut wie gefroren. Als ich ihm Danke sagte, dass er das für uns macht, schaute er mich lange an.

28.1.

Großes Hallo, aber wirklich, hier draußen im Supermarkt. Gestern, es war kurz vor Mitternacht, ich stand an der Kasse an und füllte derweil online das Geschmacksrätsel von Haribo aus (allerdings nicht ganz im Sinne der Leute in Bonn, denn die Tüte mit den rätselhaften Sorten gab es in ganz Berlin nicht, die hatte mir Friederike per Post geschickt, insofern ist es nicht einmal mehr fraglich, ob Frankfurt am Main einst weltberühmt werden wird, während Berlin in Frankfurts Schatten ganz prächtig gedeiht). Der Supermarkt hier draußen liegt zwischen einer Schnellstraße und dem Wald, der hinter dem Supermarkt auch rasch tiefer wird. Es öffneten sich die elektrischen Schiebetüren und dort in der Öffnung stand vor nachtschwarzem Hintergrund ein Reh. Nicht mehr ganz das Jüngste. Ich weiß nicht, wie groß die final werden können. Das Reh verharrte auf der Schwelle bei geöffneten Türen. Bei uns Menschen herinnen war es supermarkthell, bei ihm draußen noch dunkel. Womöglich war es von einem Bus aufgeschreckt worden beim Äsen auf dem kleinen Spielplatz vor dem Supermarkt, wo überall handgeschriebene Schilder angetackert wurden, auf denen steht »Alkoholkonsum verboten«, dieselbe Botschaft auch in kyrillischen und polnischen Buchstaben. Das Reh starrte die Menschen an, uns, die wir das Reh anstarrten. Eine Erscheinung. Dann machte es einen Satz, streifte den fahrbaren Container mit Säcken voll Blumenerde. Die Türen, blind für das Ereignis an sich, eine dritte Klasse zwischen Menschen und Tieren, schlossen sich.

An der Kasse des Supermarktes saß, wie so oft, der junge Mann, der sehr dick ist. Er sitzt zurückgelehnt in seinem Kassiererstuhl und in den Abendstunden, wenn man mehrfach hintereinander kommt, weil man noch etwas vergessen hatte, riecht man das: vaporisiert er, vielleicht raucht er auch Bongs; vermutlich auf dem Hinterhof, wo die leeren Kartons gelagert werden. Wie sollte er den Job auch anders aushalten? Er zieht Tüte um Tüte, Karton um Flasche über das Glasfeld des Scanners, es piept, er wartet auf die Eingabe der persönlichen Geheimzahl, vergibt die Treueherzen. Er ist ein Bindeglied zwischen Scanner und Kartenterminal. Eine vierte Klasse hat sich geöffnet und er ist mittendrin.

Am Morgen hatte ich die Sonne aufgehen sehen in dem ehemaligen Café Kranzler, in dem angeblich sogar Helmut Kohl einst die Torte gelobt hatte (wie auch den Apfelstrudel im Hotel am Schlossgarten in S). Ralf Rüller hat die sogenannte Fläche nun übernommen und bespielt sie, wie es heißt, mit seinem Konzept namens The Barn, das in Prenzlauer Berg und Mitte bereits für Aufsehen und -regung gesorgt hatte, als es Donald Trump noch nicht gab. Passenderweise las ich dort den sehr informativen Artikel in der New York Times von Maggie Haberman, die sehr schön von der Freude des neuen Präsidenten an seinen Spielzeugen berichtet. Beispielsweise wie erstaunlich klar die Sprachübermittlungsqualität der Telefonleitungen im Weißen Haus doch ist. Erinnerte mich an Gottfried Benn, der auch nie darüber hinweg kam, dass sein Mäzen Oelze sich in Kastens Hotel zur Teestunde Lachs mit Toast und Butter bestellt hatte. Fand er, der in seine Gedichte auch gern mal das Wort »Avenuen« eingebaut hatte, weil es so schön weltmännisch klingt, auf die schönste Weise faszinierend, wie man auf solche Zusammenstellungen bloß kommt (Tee, Lachs, Toast, Butter).

Gewann dann nach dem Reh-Incident krachend im Monopoly. Mit meiner üblichen Taktik (je zwei Häuser auf die grünen Straßen, je vier grüne Häuser auf Schwanenwerder (34.000 Reichsmark) und Grunewald (20.000 Reichsmark). Dann, hinter dem Losfeld noch je ein Hotel auf Turm bzw. Huttenstraße (5/9000 Reichsmark). Die fungieren dann als meine Klingelbeutel, in die man im Vorübergehen noch ein bisschen was reintun muss, was aber nicht mehr ganz so wehtut im Vergleich. Später dann noch alle vier Bahnhöfe, dazu E-Werk und Wasserversorgung. Das Glück war mir hold, beziehungsweise: das Unglück, denn willing suspense of disbelief hin oder her: Ich beobachtete dennoch, dass ich zum Arschloch mutiert war durch meinen Erfolg. Gott sei Dank bloß für die Dauer eines Brettspiels.

Kommunismus ist aber auch keine Lösung. Die Menschen brauchen Beschäftigung. In einer generalbuddhistischen Offensive: Jedem einzelnen Tier auf dem Planeten seinen eigenen Wikipedia-Eintrag. Müssen ja nicht alle so lang werden wie der von Peter Handke.

27.1.

»La solitude, ça n’existe pas«, würde es später am Abend in einem Film heißen, der, wie ich mit dem Blick eines Nebendarstellers dort aus dem Fenster realisierte, in einer Berliner Wohnung gedreht worden war, in der ich selbst einmal gewohnt hatte. Diese Wohnung gab es noch immer. Erst neulich war ich an diesem Haus vorbeigegangen.

Zuvor, da war es noch hell gewesen, schauten wir, weil es vom Balkon aus nichts anderes zu sehen gab, auf die Fassaden der anderen Straßenseite. Abschied von den Schweizern, sie erzählten von der Schweiz. Wir kamen auf die Bibliothek von St. Gallen, die ich schon einmal besichtigt hatte und die für mich die schönste Bibliothek war, in der ich jemals gewesen. Aber was ich dort nicht gesehen hatte, war das System aus mehreren Uhren, die durch eine in die Wände eingemauerte Kardanik aus kupfernen Stangen sämtlich miteinander verbunden waren, sodass jede Uhr in der Bibliothek von St. Gallen die genau gleiche Uhrzeit anzeigte wie die große auf dem Turm des Gebäudes, die nach außen hin sichtbar war. Dieses System, so vermutete Enea, vom Prinzip her eine frühe Atomuhr, war mehrere hundert Jahre alt. Wohingegen es in einer weiteren, einer neugebauten Bibliothek in der unmittelbaren Nachbarschaft (noch immer St. Gallen) einen Roboter gibt, der die Bücher sortiert. Weil der Architekt, der diese Bibliothek entworfen hatte, es für unschön befunden hatte, dass in Bibliotheken auf die Bücherrücken ein Inventurskleber angebracht werden muss, hatte der sich ein System ausgedacht, nach dem in die Buchdeckel ein Mikrochip eingeklebt wird, der bei geschlossenem Buch für das menschliche Auge unsichtbar ist. An jedem Abend, wenn die Menschen nach Hause gegangen sind und das Licht in der Bibliothek ausgeschaltet haben, fährt der Roboter an den Regalen entlang und tastet mit einem Lesegerät die Buchreihen ab. Er registriert den Standort jedes einzelnen Bandes. Die zurückgegebenen Bücher müssen von den Bibliothekaren deshalb nie an einen bestimmten Standort zurückgebracht werden, weil der Roboter ihnen am darauffolgenden Abend einen aktualisierten Standortplan liefern wird. Die Bibliothekare tragen die Bücher einfach irgendwohin, wo gerade Platz frei geworden ist. Oder: wie sie lustig sind.

In dieser Bibliothek entsteht, bedingt durch das Ausleihverhalten, eine beständig sich verändernde Gruppierung der Bücher untereinander. Wenn Borges das noch erlebt hätte! Das Auswerten der Standortpläne sämtlicher Tage über einen längeren Zeitraum wäre bestimmt interessant.

Wir waren auf dieses Thema gekommen durch den Besuch eines Vertreters für einen Handschriftenroboter. Die von seiner Firma entwickelte Software ermöglicht es, beliebige Texte einzutippen, oder per copy & paste einzugeben, die dann in einer beliebigen Handschrift dargestellt werden (um sie dann als Bilddatei in ein Layout einzupassen). Korrekturen in der Syntax, der Schreibung und Änderungen des Wortlauts der maschinell erzeugten Handschriften sind problemlos per Tastatureingabe möglich. Das ist der Todesstoß für die Comic Sans.

Der Vertreter kam halt leider ein paar Tage zu spät, da hatten die Schweizer sich schon etliche Zeit mit dem Schreiben und Scannen und Größer- und Kleiner-Kopieren von Handschriften verschiedener Handschriftenkünstler beschäftigt. Was auch schön gewesen war, aber halt anders schön. Nicht unbedingt mühevoll.

Die Arbeit hatte uns zusammengeführt, und die Arbeit war nun beinahe getan. Weihnachtliche Gefühle. Vor uns lag eine Zukunft aus 220 leeren Seiten.

26.1.

1974 verlegt Andy Warhol seine Factory ein vorletztes Mal – von 33, Union Square West auf den Broadway, Hausnummer 860. Zeitgleich wird die Factory umbenannt und heißt ab sofort The Office.

In der Küche gibt es zwei Kaffeemaschinen: die Bravilor Bonamat und eine von Melitta. Die Bravilor Bonamat heißt nicht nur toll, sie sieht auch besser aus als das Gerät von Melitta, ein verdruckster Kasten mit einer langen Reihe von Funktionsknöpfen und einer Flüssigkristallanzeige. Wie in einem Witzfilm will sie andauernd etwas, anstatt einen Kaffee auszugeben. Angeblich kann sie sogar Cappuccino. Ein dünner Schlauch aus weichem Kunststoff führt bis in eine aufgeschraubte Packung fettarmer Milch der Marke Ja! hinunter; angeblich kann die Melitta sich aus dieser Milchpackung die Milch selbstständig heraussaugen, um sie dann, während ihres Weges durch den Innenraum der Kaffeemaschine in Schaum verwandelt, in die bereitgestellte Tasse auszugeben. Doch drückte ich die Cappuccinotaste, meldete das Flüssigkristalldisplay: »Reinigung notwendig«. Oder »Wasserbehälter füllen« – ein für die Kaffeemaschine an sich nachvollziehbares Bedürfnis. Fast immer steht aber da: »Easy Clean starten?« Ich mache dann nichts, fühle mich wie bei Kottan ermittelt, habe das einmal auch schon zur Sprache gebracht, aber freilich kennt diese antike Fernsehserie mittlerweile kein Mensch mehr.
(Macht nichts.)

Die Bravilor, möglicherweise sagt man zu ihr auch der Bravilor – ganz einfach, weil’s muskulöser tönt, ist genau so: no nonsense. Schlicht und klobig wie ein Halbschuh von Alden. Vemutlich aus Amerika (ich hab gerade kaum Zeit, um zu googeln), läuft bei ihm der Kaffee aus dem oberen Teil durch eine Filtertüte in eine Kanne. Die, wenn sie dann mit in etwa dreizehn Tassen voll Filterkaffee sich gefüllt hat, was in etwa drei Minuten bloß dauert, plus der Vorgang läuft (sic!) völlig geräuscharm vor sich hin, man auf das Gehäuseobere stellen kann, wo eine Warmhalteplatte eingebaut ist, die den Kaffee in der Kanne stundenlang warmhält und ihm dabei erst das von den guten Leuten von Bravilor vorgesehene Aroma angedeihen lassen hilft. Das einzige Problem der Bravilor Bonamat: Der von ihm oder ihr produzierte Kaffee schmeckt, gleich welches Kaffeepulver man in die rosettenförmigen Filtertüten eingefüllt haben mag, in etwa so, wie ich mir den von Detektiv Cooper frenetisch gelobten Fernsehserienkaffee in Twin Peaks immer geschmacklich vorgestellt habe. Läuft die Melitta mal, produziert sie zumindest einen Espresso, der nicht ganz verkehrt ist.

Und so kam ich dann gestern auf einen ultimativen Lifehack: In eine große Tasse lasse ich die Melitta einen dreifachen Espresso laufen, den ich mit zwei Stücken Würfelzucker verrühre. Darauf einen Schluck Milch. Die Tasse dann mit dem black as the sky on a moonless night aus dem Bravilor (den ich insgeheim Brumilor nenne) auffüllen. Diese Kaffeeschorle schmeckt riesig!

Heute früh bekam ich beim Gedanken daran schon richtig gute Laune, wozu natürlich noch half, dass die Sonne schien und ich gerade in der Zeitung von der Verhaftung oder zumindest Aufstöberung des Keltischen Druiden las. Himmel blitzblau. Vor dem Fenster wurden Baumaschinen auf die gesperrte Straße gefahren. Später dann: Abschied von den Schweizern. Stört alles nicht.

25.1.

Die Vereisung Mitteleuropas beinahe abgeschlossen. Aus München gibt es tolle Geschichten: Schon von der Landebahn aus zeigt sich dort das ergreifende Panorama einer geschlossenen Winterlandschaft (-15 Grad). Der See ist zugefroren, betreten soll man ihn nicht. In der Fahrrinne der Verkehrsschiffe, sie ist in etwa fünf Meter breit, dümpelt das von den Schiffschrauben kontinuierlich kleinteilig gehaltene crushed ice. Die übrige Oberfläche ist in eisengraue Vielecken erstarrt wie der afrikanische Wüstenboden auf den Plakaten von Brot für die Welt. Die Eiswüste von Caspar David Friedrich mit ihren erfrischenden Blautönen vor frühlingshaft flatterndem Himmel: ein Werk der reinen Phantasie. Komisch, dass man sich das, zumindest war das in meinen frühen Jugendjahren so, als Poster kauft und übers Bett hängt. Als Wandschmuck diese Eiswüste. Weil es kaum andere Motive gab im Angebot? Gab es schon. Ich erinnere mich auch noch an Salvador Dalí, die Taschenuhren aus warmem Camembert. Und an weibliche Roboter mit Schlitzsonnenbrillen auf, die sozusagen nackt waren, die als Titten zu bezeichnenden Brüste aus spiegelnd poliertem Edelstahl. Mit rot angemalten Lippen.

In der S-Bahn redete die Begleitperson in beruhigendem Tonfall auf ihre kleine Gruppe aus vier sehr jungen Frauen ein. Wie es sich herausstellte, arbeitet sie für das Goethe-Institut. Woher die Frauen stammen, blieb unklar, weil sie auf Deutsch antworten mussten. Vom Akzent her konnte das alles sein, auch Nepal. Vom Aussehen der Frauen aber Nepal ganz sicher nicht. Also Italien. Die Begleitperson erklärt auf eine schöne Umwege nehmende Weise eine Idee, die ihr wohl im Schlaf der vergangenen Nacht aufgegangen war. Sie fände es schön, und fragt die ihrer Erzählung lauschenden Frauen nach deren Meinung, wenn diese damit anfingen, besondere Gegenstände, die ihnen im Lauf eines Tages in die Finger kämen, auch Gegenstände wie Blätter und Zweige, die ihnen am Wegesrand, aber auch Eintrittskarten und Flyer: wenn sie all diese Gegenstände und Fundstücke, möglich wären sogar kleinere Basteleien, verbunden mit ein paar persönlichen Gedanken, zum Tag, zu ihren Träumen auch, welche Nachrichten sie erhalten haben, was sie traurig gemacht hat, was nicht – ich war da schon beinahe an meiner Haltestelle angelangt, der Zug schon im Bremsen begriffen, da hellte sich das Gesicht einer ihrer Zuhörerinnen auf und sie brachte endlich das deutsche Wort heraus: »Tagebuch«.

Was war ich froh. Gibt ja nichts Schlimmeres, als wenn einem ein Wort auf der Zunge liegt.

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