»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

1.2.

Im Inneren des Kapitel II und dort an einem Tisch neben dem Tresen fragte ich Anne, ob sie Lust hätte, zum Runterkommen ein bisschen was von dem Zeug meines Nachbarn zu ballern, aber Anne hat eine Nadelphobie und alleine wollte ich dann auch lieber nicht.

Also Chambord mit Coca-Cola.

Vor ein paar Jahren wollten wir mal ein Buch zusammen schreiben, das sollte heißen »Zum Beispiel Du und Ich« und darin wollten wir uns mit neuen Formen der Liebesbeziehung beschäftigen. Also nicht bloß Paare und Dreier, sondern auch solche ganz ohne Geschlechtsverkehr, oder Cluster aus vielen verschiedenen Individuen, es gibt das ja alles, und wir hatten auch schon ganz schön viele Interviews geführt, aber irgendwann kam dann die Arbeit ins Stocken, die Typoskripte liegen noch immer in einem Ordner mit geteilten Zugriffsrechten in einer Dropbox. In der Zeit meiner Abwesenheit hat sich dann Anne weiter diesen Forschungen gewidmet, allerdings vor allem an sich und somit auch am lebenden Objekt. Ein erstes Zwischenergebnis ihres Erkenntnisgewinns hat sie dann am 7. Dezember letzten Jahres auf Zeit Online veröffentlicht in Form eines Aufsatzes, in dem sie für eine Abschaffung der Monogamie plädiert. Mehr als 350 Kommentare bis dato.

Ich weiß ja nicht.

– Wieso, sagte Anne, wieso weißt du nicht – vor allem: was? Das mit deiner Muse ist doch auch nichts anderes – beziehungsweise ist das doch auf eine andere Weise auch nicht gerade leicht zu verstehen. Ich meine: Hast du die Muse denn überhaupt schon einmal zu Gesicht bekommen?

– Natürlich nicht.

– Das wäre aber doch wichtig, findest du nicht?

– Viel wichtiger ist mir, dass es nur eine für mich gibt. Eine Muse. Also meiner Erfahrung nach bringt eine Liebesbeziehung mit mehr als zwei Beteiligten vor allem sehr viel Organisationspanik mit sich. Ich kenne auch kein einziges Beispiel, wo es gelungen ist. Dabei ist mir theoretisch klar, dass Monogamie eine Perversion des Kapitalismus bedeutet: Menschen besitzen wollen. Aber ich bin eben ultrawertkonservativ und kenne meine Grenzen mittlerweile auch ziemlich präzise. Mit Liebe ist nicht zu spaßen, sonst kommt Mister Aua und verfolgt dich mit seiner Dachlatte noch im Traum. Was ich aber sehr wohl kenne, sind diese angeblich offenen Beziehungen insbesondere hier in Berlin, von deren Offenheit aber nur immer einer von beiden etwas weiß. Beziehungsweise erst dann davon erfährt, dass er in einer offenen Beziehung gelebt hat, wenn er es zufällig herausfindet. Dass er oder sie nämlich betrogen wurden. Gut, manchmal wussten das diese Personen auch schon etwas länger, sie haben es geahnt oder gewittert, aber entweder nicht wahrhaben wollen, gehofft, das ginge schon wieder vorbei, oder insgeheim sich bereits ebenfalls nach einer Affäre umgeschaut, bloß halt nichts Passendes gefunden.

– Muss aber nicht so sein. Es geht auch anders. Und dann ist es gut – für mich zumindest ist es das.

– In deinem Text schreibst du diese zwei Sätze »Nichts gegen die Ehe. Ein paar der Männer, für die ich die größte Liebe hege, sind verheiratet.« Der steht dann im Layout genau auf Höhe deines Portraitfotos, links daneben. Und prompt schreibt einer deiner männlichen Leser, dass er es als eine angenehme Überraschung empfindet, dass die Autorin dieser Zeilen so attraktiv ausschaut. Ziemlich schnöde.

– Ist mir aber egal.

– Du schreibst, und nach allem, was ich von dir weiß, lebst du ja auch danach: Du hast nichts gegen die Ehe, aber die damit einhergehende Monogamie lehnst Du ab – die gehört aber nun einmal zur Ehe. Sonst braucht man doch gar nicht zu heiraten, wenn man sich nicht exklusiv einer anderen Person versprechen will. Und dann brauche ich doch bloß eine existenzielle Situation zu konstruieren und schon stürzt alles ein. Stell Dir einfach vor, du gehst zum Arzt und kriegst eine Horrordiagnose gestellt: noch zwei Wochen zu leben oder so. Oder ein Unfall, du wachst auf der Intensivstation auf und kannst dich nicht mehr bewegen. Du kannst noch nicht einmal mehr telefonieren, weil es nämlich auf der Intensivstation keine Telefone gibt. Dein mit jemandem anders verheirateter Partner wird es eventuell gar nicht erfahren, wie schlecht es um dich steht. Oder, im Falle des ersten Beispiels: Du rufst ihn an, um ihm die Nachricht deines baldigen Todes zu überbringen, aber er wird dir leider nicht beistehen können; eventuell, weil er mit seinem Ehepartner sich auf einer längst gebuchten Ferienreise befindet. Oder weil es aus anderen Sachzwängen heraus, vielleicht auch aus emotional gefärbten Gründen heraus, schlicht keine Ausrede gibt, die valide wäre. Was machst du dann? Wie fühlst du dich dann?

– Klar, das ist eine Angst, die ich habe. Aber das ist dann eben der Preis: dass ich alleine sterben muß. Ohne dass mein Geliebter mir die Hand halten wird.

– Das ist eine absolute Horrorvorstellung. Kennst du Bob Flanagan?

– Sagt mir nichts.

– Das war ein Künstler, ein Freund von Mike Kelley. Man nannte ihn den Supermasochisten. Das hatte wohl biografische Gründe. Er litt als Kind schon an Mukoviszidose. Da erstickt man am eigenen Schleim. Seine Eltern mussten ihn sich dann regelmäßig übers Knie legen und ihm so lange auf den Rücken hauen, bis der im Übermaß produzierte Schleim ihm nicht mehr die Bronchien blockierte. Es war wohl so, dass er aus dieser frühkindlichen Erfahrung heraus die elterlichen Schläge mit Zuneigung verwechseln musste, und da kam er sein Leben lang nicht mehr heraus. Jedenfalls hat er dann spät sein privates Glück noch finden können, nämlich in der Person von Sheree Rose, die eine Supersadistin war. Die konnte ihm dann geben, wonach es ihn immer verlangt hatte. Der Dokumentarfilm von Kirby Dick zeigt auch seinen Tod, da kommt er ins Krankenhaus und es ist den Ärzten leider nicht mehr möglich, die Schleimproduktion zu drosseln – er erstickt. Einmal kommt er noch zu Bewusstsein, er ringt um Atem und fragt seine Frau, die mit der Kamera vor seinem Bett steht: »Hey, was passiert mit mir?«, und sie sagt, während sie voll draufhält: »Du stirbst, mein Schatz.« Und so ist es dann auch. Es ist das letzte, was er hört: wie seine über alles geliebte Frau ihm mitteilt, dass er jetzt gerade stirbt. Das ist eine unerträgliche Szene. Wirklich unerträglich. Ich wünschte, ich hätte sie niemals mit ansehen müssen. Viel schlimmer noch als der Tod von Sonne in Victoria. Und das ist ja schon so schlimm, dass ich seitdem nicht mehr am Westin Grand Hotel in der Friedrichstraße vorbeigehen kann, ohne dass ich zu weinen anfange. Seitdem muss ich die absurdesten Umwege nehmen, bloß um nicht diesen grauenhaften Ort passieren zu müssen.

– Der war aber auch nicht allein. Beide waren sie nicht allein.

– Eben. Und da ist es schon unerträglich gewesen. Du aber, du stirbst dann allein.

– Wieso ist das denn zwangsläufig so? Es gibt doch auch noch Freunde. Du könntest doch beispielsweise kommen.

– Versprechen will ich dir das nicht. Das ist doch etwas, was nur der Liebespartner darf und soll. Letztes Frühjahr habe ich von Tristan Garcia La Meilleur Part des Hommes gelesen. Ein ziemlich harter Roman, der in den achtziger Jahren spielt, da stirbt der Protagonist am Ende auch allein in völliger Umnachtung an AIDS. Eine Bekannte besucht ihn zwar andauernd im Krankenhaus, aber kein anderer Mensch kümmert sich mehr um ihn. Seine Eltern haben sich von ihm abgewendet. Sie geht dann kurz mal aus dem Sterbezimmer, um sich einen Kaffee zu holen, und er fällt aus dem Bett und zerbricht, weil er bereits so abgemagert ist und sein Knochengerüst ist marode. Immerhin hat er ausschließlich für die Liebe gelebt. Für die Liebe zu sehr vielen Personen, aber das Virus rafft ihn dahin. Und weil es schambesetzt ist, an AIDS zu sterben, kümmert sich keiner mehr um ihn. Mit der Polyamorie ist es ähnlich, fürchte ich.

– Das ist totaler Quatsch. Und im übrigen entspricht das eben genau diesem ultrawertkonservativen Denken, das ich anprangere. Deshalb schreibe ich ja Liebe©: Es ist doch Quatsch, dass es da nur eine mögliche Form geben kann. Geben darf.

– Das nicht. Eventuell. Aber vermutlich handelt es sich um dasselbe Prinzip wie beim Vetrauen: eine notwendige Reduktion von Komplexizität. Worin besteht denn dein Lohn, wenn du dir ein verschärft komplexes System schaffst?

– Ich glaube mittlerweile, das war schon immer so in mir angelegt. So wie früher am Rande der Autobahnen, da standen diese gelben Gefäße und darauf dieser Slogan: »Ich bin zwei Öltanks« – dabei war ja nur einer zu sehen. Das fand ich als Kind schon mysteriös. Aber gleichzeitig auch faszinierend. Zwei Öltanks sein. Zwei Seelen haben, von denen eine auch mal kurz woanders sich aufhalten kann, bloß um dann wieder zu mir zurückzukehren wie eine Brieftaube. Vor allem weiß ich inzwischen aus Erfahrung, dass es gut für mich ist, wenn es da eine Sehnsucht gibt in mir, und diese Sehnsucht wird eben niemals gestillt werden. Ich sage absichtlich nicht »leider«. Denn eins weiß ich: Wenn ich es erst habe, dann mache ich es kaputt. So aber hält es mich am Leben. Es beflügelt mich – nenne es wie du willst.

– Also ist er deine Muse?

– Vielleicht etwas ähnliches. Manchmal denke ich zu viel nach, aber darüber nicht. Ich arbeite ja jetzt schon seit Monaten an dieser großen Karte im Stile Mark Lombardis. Ich habe auf einer Tapetenrolle angefangen, aber mittlerweile ist das System derart ausgeufert, dass ich von vorne anfangen werde. Ich zeichne es auf die Wand in meinem Schlafzimmer, die ist vermutlich von den Dimensionen her einigermaßen ausreichend. Es sind Hunderte von Namen, sie stehen alle miteinander in Verbindung. Wenn ich damit fertig bin, wird man davor stehend sehen können, dass jeder, wirklich jeder hier in Berlin schon mit allen anderen im Bett war. Von daher: Was soll das denn alles mit der Monogamie. In Wahrheit ist es doch lediglich eine Frage der Synchronizität.

31.1.

Ursprünglich war ich auf der Suche gewesen nach »Obsession« von Animotion, auf Youtube gab es sogar eine Version, die ein sogenannter »Muse Tube« hochgeladen hatte. Leider hatte ich vergessen, die Autoplay-Funktion zu deaktivieren und dadurch shuffelte mir das Youtube-Orakel dann »Hello« von Lionel Richie.

Ein Schicksalsstück! Auch das Video hat über die dreißig Jahre nichts von seiner Frische verloren. Ganz vergessen hatte ich die Stelle, an der seine Muse im Bett liegt und liest. Mit den Fingerspitzen auf weißen Seiten, die Brailleschrift ist nicht zu erkennen, seine Muse ist blind. Ganz klarer Rilke-Bezug also, ein Grund mehr, dieses Lied zu lieben. Dann kommen kurz vor der Abblende noch drei echte Knaller, die erwischen einen total unvorbereitet, aber sonst wären es ja auch keine:

a) Ein rosa Zierkissen in Herzform.

b) Das weiße Telefon klingelt und Lionel Richie singt der Blinden den Refrain von »Hello« durch das Telefon ins Ohr.

c) Lionel Richie findet heraus, dass die Blinde die ganze Zeit heimlich an einer Büste von ihm, Lionel Richie, gearbeitet hat. Aus Ton, vielleicht ist es auch braunes Fimo, auf jeden Fall ist ihr die Frisur Lionel Richies mega gut gelungen.

Das kann ich übrigens echt objektiv beurteilen, denn ich habe Lionel Richie letztes Jahr gesehen. Und zwar nicht im Konzert und von Weitem oder auf der Videowand, nein: leibhaftig und live. Im Sunset Tower. Er hatte einen weißen Pullover an mit einem Rollkragen, so groß wie ein Winterreifen. Er sah gut aus. Und glücklich. Ich habe in meinem Leben nur wenige getroffen, mit denen es das Glück offensichtlich derart gut gemeint hat wie mit Lionel Richie.

Und wie es in den Märchen so schön heißt: Als ich dann am Donnerstagabend auf der extrem schönen, weil ergreifenden Kunstausstellung war, die Johannes Fricke-Waldthausen bei Sprüth Magers kuratiert hat, fragte mich Juliet Kothe, ob ich denn morgen auf der Eröffnung einer von ihr, Juliet, kuratierten Ausstellung bei Jan-Philipp Sexauer etwas singen könnte und zwar »Hello«. Ich war noch nie zuvor in der Streustraße gewesen, aber dort ist es jedenfalls noch so richtig schön. Es gibt noch nicht einmal Straßenbeleuchtung und später am Abend erschien am geöffneten Fenster, das zur Straße hin vergittert war, das Gesicht eines Mannes mit krummer Zigarette zwischen den Lippen, das erschien dort, es ging auf wie die Sonne, also wie Alexander Dorm.

Juliet konnte übrigens tatsächlich Klavier spielen, allerdings eben nur dieses eine Stück, »Hello«. Man hätte da vielleicht noch »Falling« von Julee Cruise daraus entwickeln können, aber dafür war es zu hektisch und zu laut. Gregor Hildebrandt saß neben dem Flügel und spielte den ganzen Abend Blitzschach gegen einen anderen Herren. Ich wusste gar nicht, dass Gregor Hildebrandt so gut Schach spielen kann. Holm Friebe war in einer Art Bestlaune, ging aber meiner Ansicht nach viel zu früh. Es gab eine kurze Überlegung, ob wir den Handel mit gebrauchten Seiko-Uhren wieder aufnehmen sollten. Vor vier Jahren haben wir so am Pool des Soho Houses ganz gut verdient. Immerhin konnte ich mit meinem Anteil, den Holm mir zunächst lieber doch nicht, dann widerstrebend, plötzlich aber überschwänglich und sogar noch mit Bonus auszahlte, weil ich ihm, vor dem Cafezinho sitzend, gewährt hatte, dass er mir die Fäden am Kinn ziehen darf, über ein Jahr lang in einem Hotel wohnen. Zwar war das ein Hotel in Äthiopien, und letztes Jahr ist es auch noch abgebrannt, aber mich trifft da keine Schuld, obwohl einige Äthiopier das anders sehen, weil ich ja diesen Hasen, T’intschal auf Amharisch – und der Hase ist in Äthiopien verhasst und gefürchtet, so wie hierzulande die Hyäne, die wiederum in Äthiopien niedlich gefunden wird. Wenn die Sonne untergeht à la Alexander Dorm, also mit reichlich Drama, dann sagen die Äthiopier nicht, dass die Engel Brot backen, sondern sie lächeln und sagen: Ach schau, der Jibb bekommt Kinder. Hyäne heißt Jibb.

Irgendwann wurde das sogar Jan-Philipp Sexauer zuviel, er verlor kurzzeitig, also beinahe absencenmäßig die Fassung und brüllte mit einer halbgerauchten Zigarre (!!!) zwischen den Zähnen seine Gäste an, sie führten sich respektlos auf, und überhaupt sollten jetzt alle den Raum verlassen, die er nicht persönlich kennt. Das war eine nicht nur einigermaßen, sondern komplett undurchführbare Handlungsanweisung. Weswegen dann auch alle einfach sitzen oder stehen blieben, wo sie eben saßen oder standen. Dann gab jemand Feuer an die kalte Zigarre, der Gastgeber saugte, stellte dann die Musik wieder an und es ging exakt genau so weiter wie zuvor.

Anne und ich brachen dann zügig auf. Wir fanden beide, dass man sich auf seiner eigenen Party nicht derart daneben benehmen darf. Sohn von Manfred Sexauer hin oder her. Rollerblade-Aktivist der ersten Stunde, Organisator der ersten Blade Night in Berlin hin oder her. Anwalt für internationales Völkerrecht – gerade als Anwalt für Internationales Völkerrecht. Aber egal.

Draußen war es hell. Ein paar Meter die Streustraße hinunter gab es ein Lokal, das noch offen hatte (oder schon wieder oder immer noch – so eine Gegend ist das dort, ich schrieb ja bereits: echt schön!!!), auf dem blauen Leuchtschild über der Tür stand: KAPITEL II.

Da konnten wir nicht anders, und man ließ uns gerne ein.

Morgen mehr.

30.1.

Immer wenn es regnet, muss zumindest ich nicht an Max Herre denken, dafür umso heftiger an die Muse. Mein Vater liegt im Krankenhaus. Dieses Krankenhaus kenne ich, meinen Vater leider nicht so gut.

Schlaganfall, das klingt bescheuert. Mein Vater, eine Kameliendame? Das sind so Fragen; Fragen, die ich gerade so überhaupt gar nicht gebrauchen kann.

Alles fing damit an (Christian Kracht), dass der Router (Hitron Technologies) plötzlich anders zu blinken begann. Anders, weil er blinkt ja andauernd und ständig (in grün). Blinken halte ich in gleichwelchen Farbtönen nur schlecht aus, ich lösche ja auch jede E-Mail im Spam sofort und nicht etwa umgehend, weil ich diese Zahlen, die Mail mir dann anzeigt, nicht ertragen kann. Wobei: ertragen vermutlich schon, aber konzentrieren (ich mich) halt nicht oder schlecht. Ich muss ja auch immer die Spülmaschine ausräumen und alles wegsaugen oder aufräumen, bevor ich überhaupt einen einzigen Satz eintippen kann. Wie andere beim Schreiben auch noch Musik hören können, also: wie sie das schaffen, ist mir ein Rätsel. Und zwar eines von denen, davon gibt’s ziemlich viele, die ich niemals lösen können werde. Wie Moritz mir mal sagte: »Es muss knallstill sein dabei«.

Mein Nachbar hat gestern wieder Löcher gebohrt. Und das manisch. Inzwischen werden es um die hundert sein, so lange wohne ich schon hier (nicht, dass es da einen Zusammenhang gäbe). Neugierig bin ich auch nicht, aber vielleicht ist es ja so, dass er die Internetleitung angebohrt
hätte – also klingele ich, das Bohren hört sofort auf und, obwohl es mir unangenehm ist, bittet er mich herein.

– Das ist mir jetzt aber unangenehm.

– Hab’ dich nicht so. Komm’ rein!

Er sagt es von sich aus: »Diese Wand dort, sie kriegt Sommersprossen«. Und  er spricht es vor sich selbst aus wie UKW: »Es kommen immer mehr geschossen.« Er kann sie angeblich nicht anders vertreiben, als sie in die Wand tiefer hineinzudrillen mit seiner Maschine.

(Auf dem Tisch liegt das Gerät und eine goldene Kundenkarte von Alufolie24.de.)

Wir trinken Tee aus total schönen Tassen (Indisch Blau von Hutschenreuther), und er behauptet, dass er das Internet nicht angebohrt haben will (oder wollte). Mit Sicherheit.

Wie soll ich ihm glauben, wenn seine Wand ihm doch bändeweise widerspricht?

Meine Mutter meint auch, ich sollte mir keine Gedanken machen.

Bringt das was?

Es bringt: original nix. Besonders, weil ich dann bei Markus in die geliebte Frankfurter schaute und es ging in etwa routermäßig und exakt so beschissen weiter: Ein sogenannter Jakob Strobel y Serra (mit dem Namen würde man ihn bei der Zeit mit sogenannter Kusshand nehmen) hatte von nun an die Aufgabe des von mir heimlich, still und leise verehrten Dollase übernommen (Vorname weiß ich gerade nicht, und kann ja nicht googeln) – Methode Handstreich.

Naturgemäß ohne Vorwarnung!!! Ersetzen ist eh blöd, mein Textprogramm fragt mich schon andauernd, ob ich dies oder jenes ersetzen will, als ob es (Textprogramm) das und/oder tatsächlich können könnte.

Ich habe, jetzt muss es heißen: hatte seit Jahren ein Ding mit meinem Freund Jan, das hieß: wir schickten uns immer freitags den Lieblingssatz aus Dollases Aufsätzen. Es sind, jetzt muss es heißen: waren – da wir unterschiedliche Wach-/Schlafzeiten pflegen – verblüffend und damit beruhigend oft: dieselben gewesen.

Ich brauche gar nicht erst reinzulesen, tue es dann aber leider doch und der Text ist derartig grottig, ein Debütant halt, der sich (leider finde ich kein anderes Wort dafür) tierisch freut, dass er sich jetzt auf dem angewärmten Hocker so richtig mal ausbreiten darf: »Für uns gibt es jetzt einen solchen feinen Fisch, mariniert und als Tatar, begleitet von der alchimistischen Wundertat eines Eises aus rosafarbenen Tannenzapfenkartoffeln, austariert mit Orangen-Meerrettich-Pünktchen und großzügig vollendet mit Imperial-Kaviar – wieder ein Gericht von der Harmoniesucht eines Haydn am Herd.«

Ich würde ja gerne »Genau« schreien, und: »Alter!!!«, aber das bringe ich nicht übers Herz. Philipp Jessen aber schon. Von daher besteht für uns andere halt noch diese recht große Chance, dass JakobSyS bald schon mit verdoppeltem Gehalt den Stern zutexten darf, aber der Unterschied zwischen Menschen, die LSD eingenommen haben (Dollase) und davon weise wurden, und solchen (JSyS), die bloß so tun wollen als ob, also schlau sind, bleibt eben weiterhin und: bestehen.

– Na gut, sagte Markus, dem ich den Satz aus dem Feuilleton dieser Zeitung vorgelesen hatte, und schaute.

FAZ abbestellen?, fragte ich.

– Zurückschicken, sagte Markus, ab morgen. Jede einzelne Ausgabe. Nur so wird es zum Protest.

Ja, genau, denn das vergessen die Rookies, die sich in die Küche wagen, aber die Hitze des Herdfeuers scheuen, leider: Köche wissen so viel mehr, als man in Frankfurt zu mindestens annimmt. Das geheime Wissen der Köche ergäbe ein Buch, das ebenso dick ausfallen dürfte wie das berüchtigte vom Geheimen Wissen der Frauen.

Es gibt für mich auf der ganzen Welt nichts Schöneres als die große Dose Nivea (250 ml), die große Packung Cornflakes von Kellogg’s (450 Gramm), Hämatome, die Typo der Normschreiben des Berliner Finanzamtes; die Typo, in der das 6310 die SMS der Muse darstellt auf seinem blau leuchtenden Display. Das Hotel Chevalier und Käsetoasts, wenn Markus sie macht. Einschlafen können und die drei Streifen von Adidas. Träumen, vor allem, mich daran erinnern können – egal an was. Die vier Stitches hinten in den Kleidungsstücken von Maison Martin Margiela. Den neuen Zwanzigeuroschein, dieses Türkis und der Gilb; den 500 Euroschein, den mir Tabassom mal geschenkt hat und den mir an jenem Abend leider wirklich kein einziger Spätkauf auf der Torstraße hat einlösen können; Hibiskustee mit einer Träne Kondensmilch drin, Rasierklingen – Stainless, Rostfrei, Platinum Coated (Ich denke mir das nicht aus, das steht da original in diesem Sprachmix drauf), die Seife aus Aleppo in diesem speziellen Grün mit der eingeprägten Kalligrafie, die leider schon nach einmaliger Benutzung verschwindet; Hasen!, die Muse!!! und Proxy, der Hinterkopf von Christian Boros, Blumen (sämtliche, bis auf Gerbera), Wasser aus der Leitung, der Kaffee bei Markus und im Souterrain, die Schrift, in der die Frankfurter Allgemeine Zeitung sich mir bis dato jeden Morgen präsentiert hat, die Stimme von Nina Simone, wenn sie auf dem Jazzfestival zu Montreux dem Publikum ihre Lecture zum Thema Pop anhand von Feelings hält. Die Stimme von Nina Simone, wenn sie Alone Again vorträgt. Die Stimme von Nina Simone.

Gibt es etwas Schöneres auf der Welt für mich als die vorletzte Szene in Manhattan, wenn Isaac Davis in sein Diktaphon spricht?

Ich glaube nicht. Und falls Roman Flügel das eines Tages lesen sollte: Lieber Roman, ich würde Ihnen gerne die Spuren meines Lebens schicken. Ich hätte so wirklich gerne einen Remix von Ihnen!!!

29.1.

– Hey.

– Hey!

– Hey!!

– Hey!!!

– Hey.

– Bist Du betrunken?

– Halbwegs. Geht aber.

– Mein Vater hat immer gesagt: »Halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld«.

– Meiner auch.

– Bist du im Taxi?

– Nein, ich bin zu Fuß nach Hause gegangen.

– Du sollst doch aufpassen!

– Ich passe extrem gut auf mich auf. Wenn es geregnet hätte, wäre ich zu Hause geblieben und hätte Brecht gelesen. Aber das war in der Straße, die meinen Namen trägt, die die Kinder früher die Hundekackestraße nannten, und da gibts keine Taxis.

– Du hast aber nicht wieder Kunstwerke gekauft.

– Leider doch. Es ist ein Bildschirm. Darauf wirst du zwei Wesen sehen, die aus warmem Asphalt geknetet sind und ein anderes, metallisches Wesen in Würfelform sich einverleiben. Dazwischen zwei Hände, die einen Thunfisch zerreißen, den Bildschirmhintergrund von Windows Vista und ein Reh ohne Fell.

– Das hört sich schön an. Und passt gut zu Candida Höfer und diesem Bild vom Schimmel, das du letzte Woche gekauft hast.

– Wenn das so weitergeht, müssen wir anbauen. Oder eine Stiftung ins sogenannte Leben rufen.

– Ich bin am Flughafen.

– Ich weiß.

– Ja.

– Ich frage absichtlich nicht: wo.

– Ich weiß.

– Ich frage auch nicht: warum.

– Das dürftest du aber!

– Wenn einer fortgeht, muß er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat

– Warte. Schrieb sie nicht sommersüber?

– Nein, sommerüber. Klar, das Mittels-S denkt man sich, weil sie doch Österreicherin war. Aus Graz, glaube ich.

– Klagenfurt!!!

– Stimmt. Trotzdem ohne S. Also sommerüber, nicht sommers. Und die Muscheln also ins Meer.
und fahren mit wehendem Haar

– Gebongt!

– er muß den Tisch, den er seiner Liebe
deckte, ins Meer stürzen,
er muß den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten

– Moment – stand das Glas nicht eh auf dem Tisch?

– Eh vor allem, gell? Ja, aber du hast recht, das hätte man umstellen müssen. Wahrscheinlich. Aber hätte es sich dann noch so schön reimen getan?

– Vermutlich nicht. Da hätte der Knock-on-Effekt den ganzen Schluss zerhauen. Apropos:

– Pass auf: er muß den Fischen sein Brot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muß sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!
Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.

(dann lange nichts)

– Und?

– Wie?

– Du sagst ja gar nichts dazu.

– Ich sollte doch nichts fragen.

– Du doch nicht – das lyrische Du war gemeint von ihr.

– Ach so!!!

28.1.

Gestern war auf der Wissenschaftsseite der Süddeutschen Zeitung ein Tintenfisch abgebildet: wunderschöne Farben, und seine gesamte Oberfläche darin zart gemustert, wie der Morgenmantel von Betty auf diesem Bild von Gerhard Richter, das ich sehr lange als Postkarte auf meinem Schreibtisch stehen hatte. Ich habe allein das Foto des Tintenfischs bestimmt ein paar Minuten lang angeschaut, bis ich mich davon lösen konnte und auch dann, später, beim Lesen des Textes, habe ich regelmäßig innehalten wollen, um wieder das Bild –

Es ist nur ein Auge abgebildet, aber es schaut so klug; und dann: goldene Lider! Das obere, scheinbar mit goldenem Lidschatten verziert, ist zudem umrandet mit einem wie handgezogenen dunklen Strich. Das ganze kluge Auge des Tintenfischs ist ein Schmuckstück. Dieser ganze Tintenfisch, so wie er abgebildet wurde, könnte handgearbeitet von Otto Jakob sein. So schön auch fotografiert mit einer Schärfeverlagerung in den schwarzen Hintergrund. Dabei ist er ein Winzling, gerade fünf Zentimeter steht im Text, und ich will jetzt auf gar keinen Fall daran denken, wie enttäuschend Meeresbewohner auf der Handfläche aussehen, wenn man sie an die Luft holt. Seine Flossen scheinen beinahe durchsichtig – ich wusste nicht, dass es Tintenfische mit Flossen gibt. Euprymna scolopes kann zudem leuchten, seine Unterseite strahlt Lichtwellen ab. Die auf dem Meeresgrund lebenden Tiere, von denen er sich ernährt, können ihn dann nicht mehr kommen sehen, weil, aus der sogenannten Froschperspektive gesehen, Muschel- oder Kleinkrebsperspektive in dem Fall, strahlt die vom Mondlicht beschienene Meeresoberfläche, der in Wellen bewegte Himmel dieser Welt, ebenfalls hell; dazwischen gleitet der fünf Zentimeter lange Euprymna scolopes dahin mit seinem Display im Bauch, wie ein Polizeitransporter in Blade Runner. Weil dort unten alle taub sind, ist es vollkommen still.

27.1.

An der speziell schönen Sprache der Wetterberichte mag ich das »feine Regenband« am liebsten. Schon in der gestrigen Nacht zog eines vorüber, heute, kurz nach Mitternacht, noch eines und jetzt ist es beinahe schon wieder so warm wie an Heiligabend. Die Kirschblüte war da ja bereits, wobei ich gar nicht weiß: Können die auch zweimal hintereinander? Dann würde es sich, wie ich seit gestern weiß, um einen infrannualen Rhythmus handeln, so nennt es die Chronobiologie: mit einer Frequenz unterhalb der eines Jahres; da deren Schwingung wiederum für eine zweite Blüte innert eines Jahres von ihrer Dauer her unterhalb der eines halben Jahres bleiben müsste: infrannual. Wenn Kirschbäume, wie ich vermute, nur einmal im Jahr zur Blüte gelangen können: circannual. Stundenlang könnte ich mich mit diesen herrlichen Worten beschäftigen! Es gibt auch noch ultradiane Rhythmen! Dazu meine Dauerlieblinge mega, giga und feines Regenband – kaum ist es vorbei mit der Kälte, bekomme ich supergute Laune. Das ist ja bei objektiver Betrachtung, zu der ich fähig bin, leider, auch dubios.

Allerdings drangen dann gestern kurz vor der Mittagszeit die ersten unschönen Geräusche durch die von mir im Überschwang der Frühlingsgefühle weit aufgerissenen Fenster – ein lautes Schaben, durch kurzes Echo vervielfacht. Im Grunde unnötig, schaute ich trotzdem vom Küchenbalkon aus hinunter: Mit gleich zwei kleinen Baustellen vor dem Haus eröffneten die Stadtwerke die Saison. Es wird, das bildet hier traditionell den Auftakt, ein Abschnitt des Trottoirs erst aufgerissen, dann wird ein hüfthohes Loch gegraben. Da alle Menschen die geilen Sprüche und somit auch die schon sprichwörtlich gewordenen Umgangsformen der von den Berliner Stadtwerken beauftragten Bauarbeitern kennen und nur noch mehr lieben lernen wollen:

– Guten Tag. Entschuldigung, was graben Sie denn da für ein Loch? (Ich)

– Das werden Sie schon noch sehen, sagte der Mann mit der Schaufel.

Der andere sagte gar nichts. Es sind ja immer zwei. Der eine macht was, der andere schaut zu. An der zweiten Grabungsstelle, schräg gegenüber: identisches Szenenbild. Morgen kommt, das kenne ich schon: die Dixie-Toilette. Zwanzig Meter weiter stehen auf einer der letzten Brachen bereits die Baufahrzeuge bereit, um ein ernsthaftes Loch auszuheben. Es wird also demnächst nicht etwa infra-, sondern ultralaut hier vor meinem Haus. Und das würde einen Frühling und Sommer hinter geschlossenen Fenstern bedeuten. Nicht nur, um dem Baustelleninferno zu entgehen, ziehe ich angeblich schon bald wieder um. Schon allein deswegen kann ich der larmoyanten Bitte meiner Mutter nicht nachkommen, sie doch endlich mal zurückzurufen. Sie zählt nämlich mit (Umzüge) und dabei geht es ihr nebst der Anzahl (18 and counting) wie einem Chronobiologen vor allem um die Frequenz. Infrannuales Umziehen führt zu einem Anheben ihrer Klage, was ich uns beiden ersparen nicht nur will, sondern vor allem auch kann, denn meine Mutter ruft mich aus Prinzip nicht an, solange ich kein Festnetz habe.

Vor allem weiß ich ja noch gar nicht, wohin ich genau ziehen werde – am liebsten ja dorthin eigentlich, wo ich zuvor – also im Herbst letzten Jahres – gewohnt habe, aber diese Gegend ist ja auch nicht mehr sicher, denn jetzt soll dort die Hauptstraße in David-Bowie-Straße umbenannt werden. Wie sollte ich dann das meiner Mutter erklären, dass ich, kaum hätte sie zum x-ten Mal mit ihrem Lamy-Kugelschreiber mit beleuchtbarer Spitze (dasselbe Modell setzt Gerhard Stadelmaier effektvoll in der Dunkelheit der Zuschauerräume ein, bloß um dann auf Anfragen hin nicken zu können: »Gewiss, ich bin Kritiker von Beruf«) eine hinfällige Anschrift ihres einzigen Sohnes ausgestrichen, die neue notiert, schon wieder ein teurer Anruf vom Mobiltelefon: »Nein, die heißt jetzt bloß anders, wohnen tue ich noch immer dort.« Selbst das Band zwischen Kind und Mutter ist nicht endlos strapazierfähig. Von daher – und dennoch: Dort, in der Hauptstraße, hat es mir extrem gut gefallen. Auch wegen des Souterrains dort in der Akazienstraße. Und des malerischen Gemüsegroßhändlers am Eck, wo es eine Sondersorte Radieschen gab, so groß wie zwei Fäuste. Also eigentlich kugelrunde Rettiche, aber nicht so sehr scharf. In der Früh wurden dort gigantische Schütten aus weißer Pappe vor dem Geschäft abgestellt, die voller Äpfel waren. Auf der Rückseite dieser Pappschütten stand immer in schwarzem Filzstift: »Haupt«. Da steht jetzt bald »David Bowie«, das ist schon ganz schick, aber auch ein bisschen traurig: ein household name.

Die E-Mail meiner Mutter fand ich erst Tage nach ihrer Zustellung in meinem Spam. Ich fand das peinlich, gleichzeitig aber auch irre literarisch. Ich fragte mich, ob ich mit diesem Satz in Klagenfurt abräumen dürfte, denn so, wie ich die Lage einschätzen muss, würde das dort goutiert: »Gestern ist meine Mutter gestorben, vielleicht war es auch vorgestern«, lautet in etwa der erste Satz im Fremden von Albert Camus. »Die E-Mail meiner Mutter fand ich erst Tage nach ihrer Zustellung in meinem Spam«: Joachim Bessing. Ich habe mir dann gleich noch mal Jörg Fauser in Klagenfurt auf Youtube angeschaut. Aber nur die Jurydiskussion: »Sie gehören hier nicht her.« Hart auch Walter Jens. War eigentlich eins zu eins das Script für den hohlen und beleidigenden Vortrag Meike Feßmanns im letzten Jahr anlässlich der Lesung von Ronja von Rönne. Im Prinzip der blanke Revanchismus. Toll dabei auch die schamlose Feigheit des eleganten Hubert Winkels.

Na ja, egal. Man muss ja nicht hingehen.

26.1.

Es kommt mir so vor, als geschehe das in jedem Jahr schubweise, aber ist es nicht auch so, dass es gewisse Monate einfach gibt, in denen steht plötzlich wieder alles voll mit Babys? Babyfotos treffen ein per Mail – Jonas punktet mit Hightech direkt aus der Intensivstation, weil sein Baby a) sechs Wochen zu früh geboren wurde und es sich b) mit einem Virus infiziert hat, sodass ich vor allem Schläuche sehe auf dem Bild; eine Beatmungsapparatur umschließt die winzige Nase des Babys, das auf Jonas‘ nackter Brust liegt. Er trägt einen Mundschutz. Im Hintergrund ein blaues Display, auf dem die Herzfrequenz des Babys angezeigt wird, aus der weißen Decke, die flauschig aussieht, ragt etwas hervor, das vermutlich das Ärmchen des Babys ist, dessen winzige Hand wird von einer Art blauem Sensorstrumpf umschlossen, aus dem noch ein Schlauch, vielleicht handelt es sich auch um ein intelligentes Kabel, ragt. Sieht alles bedrohlich aus, ist es aber wohl nicht, wie ich Jonas‘ Zeilen entnehme: am selben Tag wie Cat Power geboren. Anne geht es den Umständen entsprechend gut.

Beim Mittagessen mit Mirna hat sie ihr Baby in diesem sogenannten Maxi Cosy hinter sich stehen, worin es schläft. Als ich das Café betrete, verabschieden sich gerade zwei andere Frauen von ihr, beide mit jeweils einem Korb und darin jeweils einem Baby. Ein neugeborenes Baby lässt sich sehr gut in geschäftliche Besprechungen integrieren. Erst schläft es, später hängt es schlaff herum. Ich frage mich, ob es in naher Zukunft genmanipulierte Babys geben wird, die niemals Zähne kriegen und auch sonst nicht weiter wachsen? Auf dem Land ist das mit den heranwachsenden Kindern nicht problematisch, man lässt sie einfach raus in den Garten oder geht mit ihnen spazieren in den Wald, bringt ihnen Fahrradfahren bei, kauft Hasen für die Kinder, baut den Hasen einen Stall.

In Berlin, oder in jeder anderen Stadt, erzwingt das Heranwachsen der Kinder einen Lebensstil, der, so beobachte ich das zumindestens um mich herum, sehr vieler Geräte bedarf und wohl auch einer intensiven Beschäftigung mit den heranwachsenden Kindern – sie irgendwohin bringen, abholen, aufpassen, dass sie nicht weglaufen, oder wenn, dann nicht dahin, sondern bloß dorthin et cetera. Ein Urban Baby, das nicht wächst und immer mega niedlich bleibt; das man immer mitnehmen kann und das nie genug Kraft entwickeln wird, um so richtig laut zu schreien (die bringen in den ersten Monaten nicht mehr Geräusch hervor als diese kleinen Dosen, die ringsum mit einem Berg- und Rinder-Panorama bedruckt waren und die, wenn man sie umwendete, in ihrem Inneren ein müdes »Muh« machten), vor allem sind sie transportabel und laufen nicht weg. Stundenlang klammern sie einem den Zeigefinger ein und schauen auf denselben Fleck in der Ferne.

In »Was geht da drinnen vor«, einem empfehlenswerten Buch über die neurophysiologische Entwicklung des Kleinkindes, schreibt Lise Eliot, die frühen Bewusstseinszustände ähnelten denjenigen von Erwachsenen auf einer Mikrodosis LSD. Außerdem habe der Mundinnenraum in dieser Phase noch die Funktion eines 3D-Scanners, weswegen Babys alles in den Mund stecken müssen – dort wird jeder Gegenstand erkennungsdienstlich abgetastet und erfasst. Es gibt ein Experiment bei Lise Eliot, da lässt man unterschiedliche Babys unterschiedlich geformte Bärte von Schlüsseln ablutschen. Dann präsentiert man ihnen Kuben, in deren Oberfläche ein Schloss eingefräst wurde, in das aber jeweils nur einer der fraglichen Schlüssel passt. Die Trefferquote ist verblüffend hoch!!!

Wahrscheinlich wird es von der Programmierung her auf einen Kompromiss hinauslaufen. Das Urban Baby kommt mit einer Art genetischer Wegfahrsperre auf die Welt, dient seinen Eltern dann einige Jahre als Quell der Freude und empfängt im Gegenzug von ihnen Liebe und Zuneigung; es rettet vielleicht sogar die eine oder andere Beziehung, weil sich das Paar gegenüber dem Baby als etwas Drittem symbolisch betrachtet, zu ihm aufschaut, sich von ihm in der Basis gestärkt fühlt. Schließlich aber, wenn es reicht mit dem Stadtleben, wenn genug Geld verdient wurde und die berufliche Zukunft gefestigt erscheint, wird das Urban Baby genetisch entsperrt, und fängt von diesem Zeitpunkt der Maßnahme an, traditionsgemäß und unaufhaltsam heranzuwachsen.

Rechtlich müsste das so gefasst werden, dass diese ersten Jahre als Urban Baby (und damit also in der Alterungswarteschleife) nicht der Kindheit zugeschlagen werden; sonst blieben ja bald alle Menschen ewig Baby und würden 160 Jahre alt!!!

(Für Etta und Teo Maria mit ❤)

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