»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

30.8.2019

Mein Zug fuhr in Frankfurt ein auf Gleis 7, dessen historische Bedeutung mir erst gen Ende bewusst wurde: Dort hielten sich einige Menschen in Andacht auf. Zumindest lasen sie andächtig die Kondolenzschreiben, die an einem mobilen Zaunelement befestigt waren. So lange war ich also nicht mehr hier gewesen; seit dem Tag, an dem am Morgen der Hubschrauber laut und langsam über dem Viertel stand und kreiste. Nach jenem Wochenende, das mit dem ersten richtig heissen Abend hier in Deutschland für mich begonnen hatte.

Am Fuss des Zaunelementes mit den Briefen liegen aufgehäuft die unterschiedlichsten Stofftiere, bestimmt mehr als fünfzig und daneben stehen, als eigene Kategorie des Totems, eine Versammlung von Gipsfiguren, die nur teils figürlich geformt sind (keine Ahnung, woher man die kriegt, ich habe sie zu or noch nie in einem Laden hier entdeckt). Dazwischen die roten Grablichter. Was macht man da als Deutsche Bahn? Giesst man den Altar dann irgendwann in Kunstharz oder Bronze, beziehungsweise: wie entscheidet man, wann die Trauer betrauert ist und ihre Gegenstände abgeräumt werden können. Wem gehören die jetzt überhaupt? Schwierig zu entscheiden zudem, wenn Trauernde und Betrauerter in keiner persönlichen Beziehung zueinander standen, sondern in einer sozialen. Richtlinien wird es da hoffentlich keine geben.

Noch in der Dunkelheit wache ich auf, weil im Haus gegenüber jemand laut niest. In regelmässigen Abständen, mindestens zwanzigmal hintereinander. Es klingt wie ein Gerät. Und für mich wie das Echo auf die kleine Tochter einer chinesischen Familie, gestern im beinahe leeren Grossraumabteil, die weinte, wie vielleicht alle kleinen Mädchen in China weinen, aber mir war das fremd: Mit langen Pausen dazwischen stiess die immer wieder einen Klageton aus. Bloss ein Ton, ein Lautwert. Dann war sie wieder still. Die Eltern redeten wechselseitig auf sie ein, das vermochte aber anscheinend nichts zu verändern an der Gefühlslage des Kindes. Der Rhythmus seiner Lautausstossung blieb sich exakt gleich. Das ging so von Schlüchtern bis Hauptbahnhof.

29.8.2019

Soso, die Milch ist also sauer geworden in ihrem Kühlschrank über Nacht, obwohl die versprochenen Nachtgewitter ausgeblieben waren? Ich nahm es heiter, als Zeichen dafür, dass sie trotzdem umher-, dass sie an uns (der Milch und mir) vorübergegangen waren, bloss halt ohne sich zu offenbaren. Sozusagen im Schleier.

In der Los Angeles Times wird berichtet, dass Kentucky Fried Chicken jetzt in einem Vorort von Atlanta das Restaurantgebäude von Rot auf Grün haben umlackieren lassen. Auch die Behälter sind jetzt mit einem grünen Farbstreifen verziert und der Colonel sagt «it’s still finger lickin’ good»—noch immer, weil die dort auf dem Testmarkt jetzt hühnerfleischfreie Chicken-Nuggets und Chicken-Wings verkaufen (aus Sojaprotein). Bestechend das Argument im Text: It’s hard to argue that actual chicken nuggets look and taste like chicken. Springy, meat-like, coated in crunch, yes. Apart from that, the bar for replicating the nugget is low.

Right on. Ich frage mich, ob sich KFC dann in the long run umbenennen wird, oder ob sich im long run der künftigen Menschheitsgeschichte der Begriff vom Huhn wird wandeln. Denkbar sind als Zwischenstufe tatsächlich Hybridformen, wie sie angeblich von der (ebenfalls US-amerikanischen) Firma Alternative Proteins entwickelt werden: dort vermehrt man die Zellen des Hühnergewebes im Labor und mischt diese dann unter die Nuggetmasse aus Mungbohnenprotein. Der Hintergrund ist, dass in den pflanzlichen Nuggets zuwenig Omega-3-Fettsäuren enthalten sind. Der Gehalt wird durch die Vermischung mit dem gezüchteten Hühnergewebe angehoben. Es geht aber zudem auch um den Geschmack des nicht nur sogenannten Produktes. Amerikaner liefern ja immer die besten Zitate ab, so auch hier der Leiter der Produktentwicklung: «Because the cells are so clean, it has more of a chicken flavor than you’d anticipate. Super clean and more forward in umami chicken depth.»

Seltsam, dass man in sich einen ausgeprägten Sinn für Trennschärfe hat bei bestimmten Dingen. Ging mir neulich schon so bei der Nachricht von den Mischwesen aus Mensch und Schwein. Vermutlich reine Gewöhnungssache. 1975 jedenfalls schrieb Peter Fischer noch im Vorwort seines Kochbuches «Mit dem Fortschritt der kapitalistischen Demokratie ist notwendig die fortschreitende Kaputtmachung des menschlichen Lebens in allen seinen Bereichen verbunden. Die Zerstörung der Psyche, die Zerstörung des Individuums ist enorm. Das schlägt natürlich auf den Magen.» 

Das Buch heisst «Schlaraffenland, nimms in die Hand!» Aber damit genug der Theorie. Ab morgen geht es um Praxis.

28.8.2019

Am Abend machte ich mich auf zu einer Verabredung in Wedding. Dem Gleis entlang sah ich dort aufgetürmt die Quälbewölkung. Von oben her wie rosa angestrahlt, Marshmallowfarbend. Nichts für mich. Doch, oh Wunder, dort herrschte dann ein ganz anderes Klima. Ein frisches Lüftle wehte mir entgegen und insgesamt kam mir nun ausgerechnet die Gegend um den sogenannten Gesundbrunnen tatsächlich wie eine der letzten noch verbliebenen vor, in der es in Berlin zum Aushalten war. Zwar gab es erste Anzeichen für Gentrifizierung, aber die verschwieg ich pietätvoll vor meinen Gastgeberinnen.

In deren Wohnung stand die Türe zum Balkon offen. Der Baum im Hinterhof hing voller Kastanien, und ein nacktes—wieso eigentlich splitter- bei soetwas Biegsamem wie dem menschlichen Körper?)—sprang auf dem Flokati herum, der lange, weisse Haare hatte. Eigentlich müsste man in der Wohnung dieser beiden Frauen mit dem nackten Kind bloss noch eine Gitarre in die Ecke stellen und eine Hängematte aufhängen; und Makramee fehlte auch. Noch.

Yotam Ottolenghi hat, das ist offensichtlich, Jamie Oliver verdrängt, beziehungsweise wird von Männern weiterhin noch nach Oliver gekocht, aber Frauen bevorzugen Ottolenghi, dessen Markename noch vor wenigen Jahren derart unbekannt gewesen, dass die Buchhändler dachten, der hiesse mit Vornamen so wie Waalkes. Und nur wenige Frauen kochen heute noch aus der Hüfte (oder dem Gedächtnis), deshalb werden die Rezepte befolgt, was dann bei Ottolenghi die Anschaffung einer Dealerwaage unabdingbar macht, weil er, auch wenn es bloss um Basilikum geht, verlangt, dass zehn Gramm davon in den Salat gehören, sonst schmeckt er nicht «wie im Restaurant».

Genau so schmeckte er aber, also Chefmässig. Und Anne erzählte, dass Alban Nikolai Herbst jetzt als Hochzeitsredenschreiber arbeitet für eine international tätige Wedding plannerin. Mehr noch, er halte dort diese Reden auch, trägt dabei aufwändige Kostüme und wird teilweise auch als Zeremonienmeister der Traufeiern eingesetzt. Konnte ich nicht glauben, aber wie es heute so ist, konnte es Anne mir glasklar beweisen. Sogar einen eigenen Instagramkanal hat er. Die Beweise sprechen für sich. Ich war extrem neidisch. Mit Sicherheit verdiente ANH damit extreme Mengen Geld (und vor meinem angeblich inneren Auge erschien meine absolute Lieblingsdenkblase von Erika Fuchs: In einem Bulldozer durch Geldscheingebirge manövrierend denkt Donald «Millionenwerte stehen auf dem Spiel! Wenn ich das Geld nicht dauernd wende, kann es leicht verschimmeln.»—Ob ich das noch erleben würde?) Zum Glück kam da das nackte Kind herein und bat um einen Tomatenschnitz. Ein Comic relief wie aus dem Bilderbuch.

Zurück in meinem Schwitzkasten kam ich am Schaufenster eines Bestatters vorbei. Der hatte in seinem Schaufenster ein kurioses Stillleben aufgebaut: eine Geige lag im Geigenkasten wie in ihrem Sarg. Über einer danebenstehenden Topfpflanze hing ein gerahmtes Schild, das hatte eine Wolke aus Noten und eine gezeichnete Klarinette und in Frakturbuchstaben stand dazu Spiel mir das Lied vom Tod.

Beerdigungsredner? Nur über meine Punktpunktpunkt

27. 8. 2019

Auf der Suche nach Heiterkeit. Die scheint mir nicht verlorengegangen, sondern erstickt in der Dämpfigkeit der Nächte. In der Zeitung lese ich den Begriff von der «Entwortung» (in einem offenen Brief der Mitglieder der Akademie der Darstellenden Künste an die Intendanz des Hessischen Rundfunks). Ungewöhnlicher Ausdruck—gibt es den überhaupt? (Es ist zu stickig, um zu googeln; falls nicht: Der Begriff vom Googeln hat, entgegen meiner Erwartung problemlos Eingang gefunden in die Normsprache. Wer etwas im Internet nachschaut, will mehr sagen als das Blosse; warum nicht gleich «auf seinem Rechner im Netz»!  Weiterhin gehe ich nicht davon aus, dass Entworten sich durchsetzen lassen wird. Selbst dann nicht, falls sich, wie ebenfalls von mir erwartet, die Entwortung an sich durchsetzen wird. Was den HR2 anbetrifft, so hiess es ja von deren Seite aus, es ginge um eine Verbesserung der Snackability. Kurioserweise klingt das zwar widerwärtigst, leuchtet aber voll ein. Hat vermutlich mit meinem Menschenbild zu tun.)

Auch Barbershopquartettgesänge, ansonsten fachen die bei mir geradezu Heiterkeitsstürme an, bringen es heute nicht. An allen anderen Tagen lache ich spätestens beim Refrain von I‘m Forever Blowing Bubbles. Mir fielen dann aber diese herrlichen Gesänge ein von kleinen Männerchören, die in den alten englischen Kostümfilmen diese pseudo-mittelalterlichen Acapella-Stücklein geträllert haben. Keine Ahnung, wie man die nennt. In Kraftanstrengung gab ich bei Google in das Suchfeld ein «period drama quartet singing». Der angebliche Volltreffer war ein Video mit dem Titel «My Menstrual Cup Popped Out At Work» aus der Serie Period Dramas.

Let‘s call it a day.

26.8.2019

Abends dann ein Gewitter, malerisch mit Donner und rauschendem Regen im Dunkeln. Leider wachte ich nach wenigen Stunden auf und konnte nicht mehr in den Schlaf finden. Weil es so heiss und stickig geworden war. Der Regen hatte nicht erfrischend gewirkt, sondern dämpfend. Schlaflos bis zum Morgen, das hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Ist ja grauenvoll. Man denkt leere, ziellose Gedanken. Dementsprechend entkräftet und mutistisch fühle ich mich heute. Zu nichts zu gebrauchen. Meine Kunstlehrerin schreibt, ob ich mich an eine Erzählung mit dem Titel «Die Beatles auf Helgoland» erinnern könnte, die ich ihr im Abitursjahr geschenkt hatte. Ich kann mich nicht erinnern. Sie hatte sie wohl lange aufbewahrt, dann neulich erst wieder gesucht und bis dato nicht gefunden.

25.8.2019

Was aber soll diese andere Natur von Gedanken sein; woher stammen die? Bei mir: aus der Natur. Ich gehe dann nicht bloss für gewöhnlich, sondern: immer, stets vor die Tür. Ich weide mich, mit den Augen bloss, am Grünen. Auch Menschen, die dort in dem Grünen umhergehen und sonstwas machen, zählen für mich zur Natur.

Live von Long Island meldet sich Martin Amis, der heute 70 Jahre alt geworden ist. Er sagt, die Familie ist das Zentrum des Lebens. Ausserdem findet er: autobiographisches Schreiben engt ein.

Wo? Natürlich auf HR2. Der Kultursender, der in den vergangenen Tagen töter gesagt wurde als tot. Gestern schrieb Jürgen Kaube, abschliessend gemeint, wie und dass. Und trotzdem mischt sich bei all dem Widerstand gegen die Abwicklung bei mir ein Gefühl ein, dass es sich insgesamt nicht aufhalten lassen wird. Dass es, trotz alledem, passiert. Und ich erinnerte mein Zusammensitzen mit dem Verleger erst neulich, immerhin «Verleger des Jahres», wir hatten Rhabarberschorlen bestellt, und er sagte «Es ist einfach nicht mehr sexy, Bücher zu verlegen, Bücher zu schreiben. Aber es bleibt uns nichts anderes, als weiterhin gute Bücher zu machen.»

Es gibt ein Gartenrestaurant, es heisst Kastanie, dort gehe ich dann meistens hin; gute Auswahl an Zeitschriften, gutes Bier, der Kaffee ist auch nicht zu verachten: ich sitze dort in einem gut ausgeglichenen Verhältnis von Sonnenlicht und Schatten. Der Kellner, er bedient allerdings nur von Mittwoch bis Freitags, stammt aus Australien. Ich weiss nicht, ob der Dreamcatcher, der am untersten Ast der namensgebenden Kastanie hängt, tja: ob der von ihm, dem Kellner dorthin gehängt wurde. Jedenfalls handelt es sich dabei um den traurigsten Traumfänger, den ich je geschaut: Wie ein Kleiderbügel, überzogen mit Wolle in den folgenden drei Farben: Vanille, Mais, Wolkenblau.

Dort, neben dem Stamm, schaute ich auf ein Mädchen, das exakt so ausschaute, wie ich früher. Sogar die Wimpern, der Pony waren gleich. Es sass dort mit seinem Vater, der andauernd mit einem Bedienstift auf seinem Telefon herummachen wollte. Der Kellner der Kastanie hat oft Probleme, die von ihm servierten Gerichte beim Namen zu nennen. Dem Gast wird es dann so erscheinen, als erkennte er sie nicht einmal in ihrer elementarsten Form wieder, wenn er, beispielsweise, sagt «So, hier die Zipfel, etwas Brot, und—ähm—der——Fränkische? Wurschtsalat.»

In der Kastanie esse ich freilich nichts. Mein Heimweg führt mich durch den Schlossgarten. Dort gehe ich mit meinem Messer durch die Reihen, man kennt mich. Ich bin vermutlich einer der wenigen, der sämtliche Kübelpflanzen, die in der warmen Zeit aus der Orangerie ins Freie gerollt werden, kennt. Daheim gibt es dann Linsen und Spätzle. Aber halt auch einen Salat aus Andenhorn, Meldenblatt, Brautmyrte und Tagetes.

Die eine Kraft, Schwerkraft, hilft mir in den Sitz vor der Kastanie. Die andere, sie ist der Physik bislang unbekannt, ist ebenso mächtig. Sie führt mich heim; zeugt den dringenden Wunsch, etwas zu schreiben.

24.8.2019

Wobei Kempowski ja vor allem Ferngeschaut haben will, um «auf andere Gedanken zu kommen». Und um das noch zu forcieren, hat er wohl gezappt .Vermutlich funktioniert aus diesem Grund das sogenannte Digital storytelling nicht, zumindestens bei mir nicht; das war doch kurz mal die ganz grosse Hoffnung im Druckgeschäft nach der CD-ROM: dass man mit Stücken, in denen sowohl gescrollt und gelesen, geklickt und abgespielt werden konnte (Audio- und Videoformate), Leser hält und Werbekunden gewinnt. Mich bringt der Wechsel des Mediums innerhalb einer Erzählung sofort durcheinander, oder wie es im heimatlichen Lingo heisst: «drauss»—jedenfalls auf andere Gedanken, als sie die Redaktion gerne provoziert hätte.

Sasha Frere Jones hat seinen Newsletter ja häufig so aufgebaut, dass sein Text unterbrochen wird von Videobeispielen. Ich schaffe das kaum bis zum Ende, es erschöpft mich, egal wie gut er schreibt. Seine Texte früher im New Yorker  habe ich immer bis zum Ende gelesen. Nur neulich, da hatte er mich am Haken, da ging es um seine Kanonisierung des Liedes «Jump» von Van Halen, das ich, wie wahrscheinlich viele, als gitarrenlastiges Lied in Erinnerung behalten habe. Ist es aber gar nicht, wie SFJ anhand eines frühen Live-Videos beweist, bei dem Eddie Van Halen, der Jahrhundertgitarrist, angestrahlt mit Gitarre über den Rücken gehängt, hinter einem Synthesizer zu sehen ist. Denn Jump ist synthesizerlastig. Und ausserdem, so fing bei SFJ das Erinnern an, wohl tatsächlich von einem Stück von Prince beeinflusst. Am Schluss seiner Ausführungen hatte der Newsletter dann kommentarlos den Film, der Tom Petty und Prince bei einem grösseren Anlass zeigt, auf dem sie «While My Guitar Gently Weeps» aufführen. Und man schaut sich das fasziniert an, denkt aber unweigerlich Fentanyl.

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