»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

1.12.

Bei Regen eingeschlafen, bei Regen wieder aufgewacht. Dabei hatte ich gestern früh noch gedacht, es könnte vielleicht Schnee daraus werden, weil da ein Geruch war in der Luft zwischen den Tropfen, der hatte so dieses Scharfe, eine metallische Note, die darauf hindeuten kann.

Im Sandbuch gelesen. Eigentlich hatte ich bloß nachschauen wollen, ob Borges den Duft der Schneeahnung erwähnt, aber schon sein Vorwort ist so herrlich formuliert. Das Buch ist 1975 erschienen, da ist er schon beinahe blind, kann lediglich zwischen Lichtern und Schatten unterscheiden und nimmt diesen Abglanz in Gelbtönen wahr (ein paar Jahre später ist es ein dunkles Orange, elf Jahre später ist er tot): »Ich wollte in diesen Blinden-Exerzitien dem Beispiels von Wells treu sein: die Verbindung eines ebenmäßig schlichten, zuweilen fast mündlichen Stils mit einem logisch unmöglichen Inhalt«.

Das Sandbuch enthält seine einzige Liebesgeschichte, Ulrika, und darin geht es ums Schneien. Der Erzähler, ein Greis wie in allen dieser dreizehn Erzählungen, die das Buch enthält, lernt am Rande eines Philologenkongresses eine Frau aus Norwegen kennen, eben diese Ulrika. Sie steht mit dem Rücken zu ihm, als erstes hört er sie sprechen, sie sagt: »Ich bin Feministin. Ich will die Männer nicht nachäffen. Ihr Tabak und ihr Alkohol sind mir zuwider«.

Sie ist, das wird er wenig später feststellen, »schlank und groß, mit feinen Zügen und grauen Augen. Sie lächelte schnell und das Lächeln schien sie zu entrücken«.

Am nächsten Morgen macht er beim Frühstück einen Scherz übers Spazierengehen allein zu zweit, den er von Schopenhauer hat. Den findet sie gut, sie gehen zu zweit. Von da an lässt Borges die Zeit rückwärts laufen, aber in zwei verschiedene Richtungen: Sie wird immer älter, er immer jünger. Da die gesamte Erzählung vier Seiten lang ist, geschieht das in wenigen Sätzen, wobei der gemeinsame Spaziergang schon eine Seite beanspruchen darf. Es kommt auch zu einem Kuss (auf Augenlider und Lippen), die große Liebe füreinander wird auch ausgesprochen, aber dann treibt Ulrika ihn schon zur Eile an, da sie den Gasthof noch erreichen müssen, bevor ihnen die Zeit endgültig zerronnen sein wird. Es ist, als ob sie sich, die zwei Figuren in einer Erzählung sind, tatsächlich auch als solche erkennen können und dabei trotzdem noch lebendig sind. Lesend erreicht man mit ihnen das Zimmer unter dem Dach des alten Gasthauses, es hat angefangen zu schneien, der Himmel löst sich auf in Flocken, wie der Talar eines Priesters, der in Fetzen davon geweht wird, aber dann erst erkennt man, dass es Krähen waren und dass dort niemals ein Priester war oder ist.

Alterslos strömte die Liebe im Dunkel, und zum ersten und letzten Mal besaß ich Ulrikas Bild.

Aufzuwachen, wenn es über Nacht geschneit hat, und man das schon von der Art her, wie man geschlafen hat, weiß oder ahnt. Wie es bei Borges steht: Ich fühlte, dass es stärker schneite. Und dann noch vor dem Aufklappen der Augendeckel – an der Geräuschkulisse. Dann am veränderten Licht, an der Lichtstimmung, der Lichtkulisse. Später dann auch an einem veränderten Appetit auf Skifahrergerichte (wenn man je einmal Skifahren gewesen war). Allgemein auf Schmalziges, auf Schokolade und Käse, harte Würste, auf Fettbatterien. Ich mag Schnee lieber anschauen als anfassen. Was ich überhaupt nicht mag, ist, wenn Schnee schmilzt.

30.11.

Bis weit nach Mittag lagen die Schatten über den Wiesen, sodass sich dort der Raureif hatte erhalten können, bis es wieder dunkel wurde. Dazu ein schönes, klares Licht. Im Garten der Villa Minoux, bekannt als Haus der Wannseekonferenz, lagen noch Äpfel im bereiften Gras. Sie waren durchgefroren. Die, die noch an den Zweigen hingen, waren von den Vögeln angeflogen worden und im hängenden Zustand ausgehölt wie kleine Laternen. Alles war bedeckt von diesen wunderbaren Kristallen. Eine glitzernde Vervielfachung der Oberfläche unserer schönen Welt. Durch den Frost war ihr ein Fell gewachsen, das ich nicht berühren sollte, das aber Lust machte, jedes dort zwischen bleichen Halmen steckende Ahornblatt aus großer Nähe zu betrachten und zu fotografieren. Hagebutten und grüne Sterne im Rhododendron, von hinten beleuchtet.

Wenn diese Stille, dieses Glitzern, dieses Blau von Himmel und See bei angenehmen Temperaturen zu haben wären. Die Wasservögel machen nun nichts anderes als im Frühjahr und den Sommer über. Die Enten schubsen sich mit derselben Bewegung von den Treppenstufen an der Promenade, watscheln mit denselben orangefarbenen Flossenfüssen über den beraureiften Stein. Ich kann die orangefarbenen Füsse im schwarzen Wasser erkennen. Das Wasser nahe des Ufers wirkt schwarz, weil es im Schatten liegt. Ein paar Meter weiter im Hintergrund spiegelt sich darin der Himmel, und die Wasseroberfläche scheint matt wie stählern, in prächtigem Pulloverblau.

Im Frühjahr und den Sommer über wirkt das, was Enten, Kormoran und Blässhuhn so den ganzen Tag lang tun und veranstalten, müßig, es wirkt wie ein Hobby. Faul auf dem Bauch liegen. Dann mal kurz ins Wasser. Schnattern, tröten, flattern. Planschen, abtauchen, schütteln. Nicht, dass sich irgendwas geändert hätte. Bloß herrschen jetzt halt Minusgrade. Die Tiere lassen sich nichts anmerken.

29.11.

Nach längerer Zeit der Abstinenz schaute ich gestern Abend mal wieder das heute journal im ZDF und war konsterniert: Was geht denn da in Mainz vor? Stand da doch tatsächlich eine Ansagerin, von der behauptet wurde, ihr Name sei Gundula Gause. Den direkten Einstieg in die Sendung, den ich, wenn schon TV, dann genau so wie den Werbestreifen vor dem Kinofilm liebe, hatte ich verpasst. Als sich mein Bild aufgebaut hatte, sprach bereits ihr Kollege, ein terrierhaft die Kamera attackierender und mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf hin- und herschüttelnder Blondschopf, dessen sogenannte Bauchbinde schneller verschwunden war, als ich seinen darauf eingeblendeten Namen hatte entziffern können (er attackierte mit den Mitteln des eingezogenen Nackens und einem zustechenden Blick). So nahm er den Sprecher des Bundesamtes für Datensicherheit in die Mangel, einen gutmütig dreinkauenden, kahlköpfigen Greis mit Bundesadlerbutton am Revers, der stets verneinte, dass es ein Sicherheitproblem mit den Daten der Deutschen jemals geben könnte. Es ging um die Panne bei der Deutschen Telekom (hinter dem Datensicherheitsbeauftragten war die Skyline von Bonn (!) eingeblendet, für mich am sogenannten DHL-Tower zu erkennen, vermutlich war das Ministerium für Datensicherheit also noch in der ehemaligen Bundeshauptstadt ansässig), der ja vermutlich auch mein Tagebucheintrag vom 27. November 2016 zum Opfer anheim gefallen war.

Mit einem scharf gebellten »Das klingt jetzt aber nicht so gut, oder?«, unterbrach der ZDF-Ansager den rheinhaft breit dahinfließenden Vortrag des Ministers für Datensicherheit im Bundesamt für Sicherheit im Informationswesen, Arne Schönbohm. Der wiederum ließ sich von dieser Zwischenfrage nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Mich störte der Name des Ministers, beziehungsweise dass er eingeblendet worden war, denn gedanklich war ich noch immer mit der Bonner Skyline beschäftigt. Jetzt ging es, intern, um die Kombi aus Nach- und Vornamen beim Minister: Arne vor zu Schönbohm hinten – das passte doch hinten wie vorne nicht! Das hatten die doch aber schon vorher gewusst (die Eltern); die hatten doch da auch schon Schönbohm geheißen! Weshalb also Arne? Da er geschätzte zehn Jahre jünger war als ich (ansehen konnte man ihm das aber auf keinen Fall), schaute ich auf dem Splitscreen bei babyvornamen.de nach, ob 1981 der Vorname Arne – nichts. Na gut. Also ein Kind fühlloser Individualisten. Zudem noch Sohn. Kein Einzelkind (abgestoßene Schneidezähne – kriegt man vom hastigen Zu- und Abbeissen, da ständig von hungrigen Geschwistern angetrieben; da kann ich ein Lied von singen!), vermutlich schon früh in eine freakhafte Existenz desertiert. Nie gemalt. Dafür halt Computer. Parteieintritt aus Verzweiflung. Und immer schon gutmütig.

»Wie soll das bloß weitergehen? Das sieht nach düsteren Prognosen aus, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer«, rief der Terrierhafte. Was war bloß aus dem ZDF geworden? Einst ein selbst mir zu gemütliches Programm, erschien mir nun nach einer kurzen Zeit der Abstinenz schlagartig als geradezu tarantinohaft krass geschnitten und in unbotmäßiger Hektik vorgetragen. Was waren schon zehn, zwölf Jahre im Bezug auf die Evolution des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms? Offenbar eine ganz schöne Menge!
Das Top-Aufregerthema war nun endgültig abgefrühstückt, den Terrierhaften hatte das noch nicht einmal ein Lächeln gekostet. Mit einer von Kalle Schwensen abgeguckten Geste rückte er sich den Krawattenknoten zurecht und leckte sich beinahe schon über die Lippen, während die Kamera seine Einstellung konvulsivisch auf einen Schlitz zusammenzog, als er one for the ladies antrailerte »Ladies and gentlemen: Trump!«

Die Schalte ließ den Studioleiter des Zweiten Deutschen Fernsehens in Washington auftauchen, der angeblich Ulf Röller heißen sollte (mittlerweile schrieb ich die Namen mit und machte mir Notizen. Hinter »Ulf Röller, ZDF« steht »Ralf Röller, The Barn —> Café Krantzler-Übernahme?«) Man weiß bei diesen angeblich zugeschalteten Korrespondenten halt leider nie, also ich weiß das halt leider nie, ob die tatsächlich live vor Ort berichten oder kommentieren. Im Falle Ulf Röllers war das, von seinem auffällig konstruiert wirkenden Namen abgesehen, besonders fraglich, weil im Hintergrund das sogenannte Weiße Haus als Standbild insertiert worden war. Warum nicht Webcam, fragte ich mich. Nicht nur ich, da bin ich mir sicher. Kalauer hinsichtlich Sicherheitsgründe und Bonn hatten zu unterbleiben. Ulf Röller hatte ein Brillengestell von Tom Ford auf. Auch nicht gerade ein Ausweis seiner Seriösität. Seine Thesen hingegen: Trump, schwarzes Loch, es wird lustig bzw. kann heiter werden, schnallen sie sich besser mal an, meine Damen und Herren, blah blah blah — das wiegte mich wiederum in Sicherheit. Außer Spesen nichts gewesen, 0815 und im Westen nichts Neues. Das war das ZDF aus Mainz wie es leibte und lebte.

Dann sprach Gundula Gause die kurzen Nachrichten. Sie las sie, wie es in meiner Jugend über den Teleprompter noch geheißen hatte: vom virtuellen Blatt ab. Tolle Frisur auch. Modell Anna Wintour. Am Donnerstag, als Holm Friebe sich mir in seiner neuesten Figuration vorgestellt hatte, ging es unter anderem auch um eine Frisur in dieser Machart. Friebes Haupthaar ist ja von einer für mich beneidenswerten Fülle. Besonders beneidenswert voll erscheint es an seinem Bruder Jens, der ja, obwohl die Friebes aus dem Sauerland stammen, etwas Friesisches hat. Was nicht unbedingt bloß am Haar liegt, dass ja bei beiden Friebes noch heller ausfällt (sic!), vom Ton her, als das des Terrierhaften, sondern auch eben vom Blick. Der ja viel nachgiebiger ist. Und sozusagen darin mehr weilt und in der Landschaft ruht als direkt zustechen zu wollen, wie einer vom Schlage des T.

Wusstest du, Joachim, hatte Holm Friebe mich beispielsweise gefragt, dass Fidel Castro eine illegitimen Bruder hat, der Fiete Castrow heißt? Ja, ja, der lebt in Dithmarschen. Und das, ganz ähnlich wie bei Gerhard Schröder übrigens, eher schlecht als recht. Statt Havanna Club gibt’s bei dem Grog. Sein Trainingsanzug ist von Puma. Gummistiefel statt Salsagirls. Na ja.
Wusste ich nicht. Ergab aber freilich Sinn. Holm Friebe sah ja Gerhard Schröder ebenfalls recht ähnlich. Hieß aber unverwechselbar anders. Sein (Holms) Bruder Jens wiederum erinnerte an Gunter Sachs.
Stunden später, da schlief ich aber bereits, war Fidel Castro tot.

27. & 28.11.

Extreme Schnödesse draußen. Noch nicht einmal mehr bis zum Briefkasten reicht die Sicht. Der Zaunkönig scheint auch wieder ausgezogen. War ihm wohl zu wenig los. Die Nachbarskinder, davon künden Decken und Wände, leiden am Stubenkoller. Von einem Monat auf den anderen wurden sie 80 Prozent ihres natürlichen Lebensraumes beraubt. Nun werden sie, bei kleingeschnittenem Obst und Keksen, in einem Reservat gehalten, viele Wochen lang. Und es herrscht absolutes Fernsehverbot. Nur manchmal, kurz vor Sonnenuntergang, wird der Vorstandsvorsitzende ans Wasser geführt. Er ist vier Jahre alt. Dort angekommen, kippt man ihn mit einer Vorwärtsbewegung aus seiner Karre, woraufhin er widerwillig ein paar Schritte vorführt, um sich danach wieder bettwärts schieben zu lassen. Aber wie es in der Sternbildervorschau für den Dezember hieß, steht uns der kürzeste und dadurch auch dunkelste Tag erst noch bevor: Am 21. Dezember erreicht die Sonne angeblich schon um 10 Uhr 44 den Zenit. Hell ist sie ja die Wintersonne, bloß wärmen tut sie leider nicht.

Aber innen recht freundlich. Ich halte die Vorhänge nun durchgängig geschlossen, weil ich bei Helene Nostitz von ihrem— exakt hier endete der Eintrag für den 27. November 2016, The Year Punk Broke. Beziehungsweise der besagte Eintrag in seiner von mir ursprünglich konzipierten und demnach verfassten Gestalt. Was daraufhin geschah, also mit dieser ersten Fassung des Textes? Ich weiß es nicht. Kann es nicht sagen. Alles, was ich von diesem unbegreiflichen Vorgang mitbekommen habe, war, dass ich die Schaltfläche »Speichern« berührt hatte. Dann längere Zeit nichts, aber als ich mich, bereits im Mantel, überprüfenderweise dem Display des iPads zugewandt hatte, zeigte es mir einen deutlich kürzeren als erwartet, eine gestutzte Version meines Textes an. Ich flippte völlig aus. Dann fuhr ich zum Hauptbahnhof, um Friederike abzuholen, verbrachte aber die nächsten 24 Stunden in Sorge um den Rest meines Textes. Denn der war ja nicht gelöscht, und könnte auf irgendeine Weise wiederhergestellt werden. Etwas war beim Speichern schiefgelaufen. Der dabei weggestutzte Text war futschikado. Perdu. Total im Orbit und weg.

Dort hatte, also dort auf der imaginären Schiefertafel, die, kaum von mir beschriftet, den heranschäumenden Fluten zum Opfer gefallen war, etwas von meiner Begegnung mit Holm Friebe gestanden. Und zwar etwas über Holm in seiner neuesten Figuration als Schnupperaal. So hatte er sich am Donnerstag mir vorgestellt, als wir uns im Hof des Aufbauhauses gegenüber den Prinzessinnengärten begegnet waren. Interessant für uns beide war dann, dass Gunnar offenbar so gut wie gar nichts über Aale wusste. Für Holm, der ja nun der Schnupperaal war, ein willkommener Anlass, um seine Steintheorie am Beispiel der Aale vorzuführen. Es ging um den beschwerlichen Weg der langen Dinger von der Saragossasee bis in unsere Süßwassergewässer; teilweise sogar über Land. Ich mag die Aale geräuchert und dann kleingehackt mit ebenso klein gehackten Radiesschen und Salzflocken auf getoastetem Vollkornbrot. Gunnar mag Räucheraal als Bodensatz in einer Schale cremiger Petersilienwurzelsuppe.

Es war also - wobei, auf die Formulierung kommt es auch noch an - nicht rasend viel an Text, der da nun unwiderruflich verloren gegangen war. Und dennoch: Jedes kleine Stückchen Text, jeder Satz, sobald er einigermaßen steht, hat ein Recht auf Speicherung und Niederschrift. Er soll bewahrt werden vor dem Vergessen, dem Nichts, aus dem er einst gekommen war. Soll also bitte nicht mehr passieren.

Dafür scheint heute die Sonne. Der Himmel ist blau, ohne Wolken. Und die grauen Vorhänge, um die es bei Helene Nostitz ging – sie hatte sie bei Hugo von Hofmannstal in dessen Wiener Wohnung entdeckt und beschrieben, dass Hofmannstal nie seine Vorhänge zur Seite gezogen hatte, um gerade nichts vom Stephansdom dort draußen sehen zu können; nichts vom Wetter oder ob es gerade regnete oder schon wieder nicht, weil er sich durch diesen konsequenten Verzicht auf Welt eine Steigerung seiner Einbildungsfähigkeit versprochen hatte (ähnlich wie Jonathan Franzen, der ja seine Korrekturen mit der Schlafbrille auf geschrieben haben wollte), während ich doch gerade das Gegenteilige mir wünsche: weniger Einbildungskraft und noch mehr an scharfsinnigem Erleben. Lupenhaft. Kristallin. Vorhänge also weg. Auch die für innen. Kaffeefilter ja, trübe Tasse nein danke.

Das liebende Subjekt, schreibt Roland Barthes, erlebt jede Begegnung mit dem geliebten Wesen als Fest. Das Fest ist für den Liebenden, den Träumer, ein Jubel, kein Zerspringen; ich genieße das Festessen, die Unterhaltung, die Zärtlichkeit, die sichere Verheißung von Lust: »eine Kunst des Lebens über dem Abgrund«. (Bedeutet Ihnen das denn nichts, jemandes Fest zu sein?)

Immer wieder Wahnsinn dieses Buch. Aber heller Wahnsinn. Einfach nur gut.

26.11.

Im Rausgehen las ich auf der Titelseite des Tagesspiegels eine kurze Meldung über die Zustände auf den Flughäfen von München und Frankfurt: Hotels überfüllt, es werden Feldbetten aufgestellt. Im Internet fand ich dazu den Tag über nichts, obwohl ich immer wieder nachgeschaut habe. Dafür aber bei Georges Perec, in seiner Philosophie über den Heimatbegriff Espèces d’espaces, deren Titel etwas unglücklich ins Deutsche übersetzt wurde. Darin berichtet er von dem Plan eines Freundes, der für längere Zeit in den Flughafen umziehen wollte (vermutlich Charles de Gaulle in Paris), weil es dort mittlerweile – das Buch war 1974 erschienen – ja alles gäbe, was man zum Wohnen braucht. Es folgt dann die ellenlange Aufzählung sämtlicher Möbelstücke, Restaurants und Geschäfte, die es in den Siebzigerjahren wie heute unter dem Dach eines Flughafens gab, endend mit einem »Haufen Banken (denn es ist heute praktisch unmöglich zu leben, ohne dass man mit einer Bank zu tun hat).«

Aber »die Bedeutung eines solchen Unterfangens läge vor allem in seiner Exotik: eine mehr scheinbare als wirkliche Verschiebung der Gewohnheiten und der Lebensrhythmen, kleine Anpassungsprobleme. Die Sache würde sicherlich ziemlich schnell langweilig werden; am Ende wäre es allzu einfach und infolgedessen wenig aussagekräftig: so gesehen ist ein Flughafen nichts anderes als eine Art Geschäftspassage: ein Scheinviertel; er bietet bis auf wenige Dinge die gleichen Leistungen wie ein Hotel. Es ließe sich also aus einem solchen Vorhaben keinerlei praktische Schlußfolgerungen ziehen, weder in die eine noch in die andere Richtung.« Der Text ist, wie gesagt, etwas unglücklich übersetzt.

Und auch ansonsten war es ein produktiver Tag. Tulpen stecken in der Vase. Alles blitzt und blinkt. Der Duft von Ariel liegt in der Luft und mischt sich dort mit dem eines Schokoladenkuchens. Denn es wird schon bald wieder Sonntag. (Hoffentlich machen mir die Schnecken keine Schande!)

In einem kurzen Telefonat mit meinem Vater wurde die Meldung besprochen, dass die Hersteller von Elektroautos in ihre Fahrzeuge einen Geräuschgenerator einzubauen sich verpflichtet hatten. Bevor ab 20 Stundenkilometern die Rollgeräusche der Reifen ausreichend Warnschall produzieren, sollen eigens von den jeweiligen Ingenieuren programmierte künstliche Motorengeräusche den Fußgängern und Radfahrern das Herannahen eines ansonsten lautlosen Fahrzeuges signalisieren. Für meinen Vater, auf dessen Visitenkarte unter seinem Namen die Berufsbezeichnung »Akustik und Schwingungen« stand, war dies eine lustige Nachricht. Vor allem ja, weil er sich vierzig Jahre lang vor allem darum gekümmert hatte, die Autos so leise wie nur möglich zu machen. Am Ende seines Arbeitslebens gab es aber bereits Geräuschdesigner, die beispielsweise den Zuschlagesound einer Tür besonders satt und wertvoll klingen lassen sollten. Ich spürte, obwohl wir das Telefonat ohne Videobild machten, auch Wehmut mitschwingen in seinem Lachen; er hatte bestimmt sehr große Lust, in dieser noch einmal ganz neuen Epoche der Automobiltechnologie selbst mitzumachen (und was er anzumerken hatte, war deckungsgleich mit den Prophezeiungen in der Zeitung: diese künstlichen Motorgeräusche würden eher dunkel und brummend werden, weil ältere Menschen die höheren Töne nicht mehr gut wahrnehmen können).

Eine volle Dreiviertelstunde vor der vom iPad empfohlenen Schlafenszeit zu Bett. Ansonsten halte ich mich strikt an seine Anweisungen, insbesondere was die Stunde des Aufwachens betrifft. Und was soll ich sagen: es tut mir gut. Sehr gut sogar. Allerdings vergesse ich durch diese neue Weckprozedur sämtliche Träume. Es sei denn, ich wache noch vor dem iPad auf, wie eben, als ich gerade an der Theke der Fleischerei Haase stand und mit der Verkäuferin über das Gänseschmalz sprach, von dem sie mir eine Kostprobe auf einem dreieckigen Stück ungetoastetem Toastbrot überreicht hatte. Woraufhin ich mit diesem für mich ungenießbaren Dreieck zwischen den Fingern vor ihr stand wie angemalt, bis ich es mit einem einzigen löwenhaften Biss sozusagen vernichtete, um unserer Szene ein Ende zu bereiten. All das hatte sich genauso zugetragen wenige Stunden zuvor. Es handelte sich also genaugenommen um gar keinen Traum, sondern um eine Wiederholung, das war mir auch schon beim Betrachten des Traumgeschehens klar geworden, was das Filmchen nicht unterhaltsamer gemacht hatte. Manche meiner Träume sind eben Trash. Da hilft bloß noch das sogenannte Glotzen. Von daher war der Übergang vom Träumen und Schlafen in den Wachzustand ein fließender, der mit einem Geräusch aus der Realität akzentuiert wurde. Das Telefon vibrierte. Es war 11 Minuten nach 4, noch knappe zwei Stunden, bis meine Schlafenszeit vorüber war. In seiner SMS erkundigte sich Jan, ob ich noch immer daß mit ß schreiben würde, und dies dann im Nachhinein korrigieren ließe. Ich antwortete selbstverständlich postwendend. Wahrheitsgemäß stellte ich fest, dass ich mir mittlerweile angewöhnt hatte, dass mit zwei s zu schreiben. Allerdings nur hier.

25.11.

Warum Tulpen? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung meldet, dass Jeff Koons der Stadt Paris eine Skulptur zum Geschenk gemacht hat. Das Standbild einer Faust aus poliertem Stahl, die einen Bund Tulpen emporhält, soll nach seiner Fertigstellung in den Hallen der Arnold AG im Taunus bis auf eine Höhe von 10 Metern und 36 Zentimetern vor dem Palais de Tokyo aufragen. Gedacht ist das Ganze als Mahnmal für die Opfer der Terroranschläge des 13. Novembers 2015 in Paris. Angeblich, so stand es in der Zeitung, bezieht sich Jeff Koons mit seinem Geschenk auf die Schenkung der Freiheitsstatue durch das französische Volk an die Vereinigten Staaten von Amerika.

Es gibt Menschen, die, aus ähnlich falschen Gründen wie auch im Falle Andy Warhols, die Kunstwerke von Jeff Koons für belanglos halten. Warum Tulpen fragt man sich dann noch am ehesten. Vermutlich weil es ein Geschenk ist, ein sehr wertvolles noch dazu. Hübsch ausschauen tut es ja. Immerhin. Aber Tulpen als Mahnmal – sind die nicht zu wenig zeichenhaft, mahnen sie unmissverständlich genug? Beziehungsweise: Hat dieses Kunstwerk, abgesehen von seiner Widmung, denn überhaupt etwas mit dem Anlass zur Mahnung zu tun oder handelt es sich um ein Geschenk, ein sehr wertvolles zwar, aus einer Art Geschenkeschublade des Künstlers Jeff Koons? Braucht ein Mahnmal nicht viel mehr Krassheit, mehr Aufdringlichkeit, muss oder soll es nicht abstoßend und so hässlich wie nur möglich sein, schartig und spitz, um als Dorn im Auge oder im Fleisch die Wunde offen halten zu können? Anders als im Falle des angeblichen Weihnachtsbaumes von Paul McCarthy im Hof des Louvre sollten die Tulpen keinen öffentlichen Anstoß erregen dürfen. Und das von diesem Künstler, der einst Ilona’s Asshole schuf und dessen Ausstellung Made in Heaven in der kurz zuvor eingeweihten Stuttgarter Staatsgalerie von den Evangelischen Landfrauen gestürmt ward. Noch nicht einmal im Lexicon der Blumensprache, verfasst zu einer Zeit, da es Fleurop noch nicht gab, steht Verfängliches über die Tulpe drin (»Rote Tulpe = Symbol ewig währender Liebe«).

Fleur de Lys, die französische Symbolblume, ist mit den Tulpen entfernt verwandt. Auch soll der Name der Tulpe vom alten Wort für den Turban abstammen, der zu dieser Zeit des Osmanischen Reiches noch vor allem in rot getragen wurde; rot wie die Urtulpe, bevor durch Kreuzungen und Nachzüchtungen die große Vielfalt an Farb- und Formvarianten bei den Tulpen hervorgebracht wurden. Mit Tulpen, genauer: mit Tulpenzwiebeln wurde ja auch zum ersten Mal in der neueren Finanzgeschichte spekuliert. Infolge der dabei entfachten Tulpengier kam es damals am Ende des Goldenen Zeitalters zu einem ersten Zusammenbruch eines durch wilde Spekulation aufgetriebenen Wirtschaftssystems. Helene Nostitz wiederum berichtet in ihren Notizen aus dem Alten Europa noch aus jener Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als Schloss Derneburg bei Hannover ihrer Familie als Wohnsitz gedient hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog dort ein mit Tulpenzwiebeln Handelnder ein, der die großen und zu jener Zeit noch schwer heizbaren Räume des von einem Skulpturenpark umgebenen Anwesens nutzbar machen konnte, indem er dort seine Zwiebeln lagerte. Das Unternehmen ging in Folge der durch die Holländer erfundenen Discountblumenindustrie ein, Rache der Tulpen, 1975 bezieht dann der Maler Georg Baselitz das Gemäuer. 1981 entsteht hier sein wenig bekanntes Gemälde Tulpen. Mit dem Auszug Georg Baselitzens aus Schloss Derneburg verliert der Ort an Bedeutung.

Das schöne Lied von den Tulpen aus Amsterdam wird unter Holländern zu gewissen Gelegenheiten, bevorzugt auf Campingplätzen, mit einem abgeänderten Text laut gesungen. Der Refrain erzählt dann von Bomben auf Rotterdam. Und gemeinsam mit den Zeltnachbarn aus Deutschland wird damit dem Angriff der Deutschen Luftwaffe am 14. Mai 1940 gedacht, bei dem in wenigen Stunden die Altstadt von Rotterdam zerstört wurde. Als Wahrzeichen Rotterdams gilt heute Gabba-Techno, insbesondere Alles naar de Klote von Euromasters aus dem Jahr 1992.

Jeff Koons lässt in Friedrichstadt ja auch stählerne Hasen herstellen, Ballonpudel, Herzen mit Schleifen dran. Es wäre ja sogar denkbar gewesen, dass er für sein Geschenk an das französische Volk (das Palais de Tokyo ist ein staatliches Museum) etwas ganz neues, eine einzigartige Skulptur sich ausdenkt. So aber stehen dort zukünftig spiegelnde Tulpen und eine menschliche Hand. Und dabei kann sich jeder von egal woher erinnert fühlen, woran auch immer er will (oder muss). Ich muss bei Tulpen, auch bei denen von Koons, immer an Derneburg denken, wo ich einmal war, um mir die Pyramide dort im Park anzusehen. Und bei Derneburg denke ich an Helene Nostiz und dies fabelhafte Buch, speziell an diese Anekdote aus dem späten Lebensabschnitt ihres Großvaters, des Fürsten Georg Münster von Derneburg: »Seine stärkste Antipathie galt wohl jeder Sentimentalität. Vielleicht liegt darin eine Quelle jeder wahren Kraft. Es ist, als ob ein geheimnisvolles Gesetz jede losgelassene Bewegung, ohne Zusammenfassung, von vorneherein zum Tode verurteilte. Ich habe nur ein- oder zweimal eine Träne im Auge meines Großvaters glänzen sehen. Das letzte Mal bei unserem Abschied, der wie eine Vorahnung seines Todes war, in seinem achtzigsten Lebensjahr in Hannover. Da brauchte er auch menschliche Worte, wie er sie sonst nur selten fand: der Abschied tue ihm weh, und ich sei einer der wenigen Menschen, die er immer um sich haben möchte. Es schnitt mir ins Herz, denn solche seltenen Äußerungen haben ein großes Gewicht und einen unvergesslichen Klang.
Am tiefsten erschüttert haben ihn einst der Tod seiner zweiten Frau, von dem meine Mutter folgendes Merkwürdiges erzählte: Sie hatten morgens einen Teich ausgefischt. Zurückgekehrt, setzte sich mein Großvater an seinen Schreibtisch. Da trat Lady Harriet plötzlich ruhig ins Zimmer und sagte ganz gefasst: ›Good bye, George, I am dying‹, setzte sich auf einen Stuhl und starb, wie sie gelebt hatte, ohne jegliche Sentimentalität.«

24.11.

In einem Monat ist Heiligabend. Weil ich dieses Jahr früh angefangen habe, bin ich schon bei der dritten Tüte Gewürzspekulatius angelangt. In der Hessenschau wurde gestern das Anschalten der Weihnachtsbaumlichter auf dem Römer gezeigt. Angeblich gibt es den Frankfurter Weihnachtsmarkt schon seit dem 14. Jahrhundert und damit ist er noch traditionsreicher als der in Nürnberg. Das Schaufenster der Buchhandlung hier wurde von vorgestern auf gestern mit Tannengrün und roten Kugeln dekoriert. Der saisonale Tip ist ein neues Werk von Gerhard Roth: Wie das Gehirn die Seele macht.

Es wurde erforscht, wo Menschen den Sitz ihres Denkens vermuten. Ihrem Gefühl nach. Dafür mussten sie kurz nachdenken und sich währenddessen auf die Empfindung konzentrieren, die dieses Nachdenken in ihnen hervorruft. Überwiegend zeigten sie danach auf ihre Stirn, zwischen ihren Augenbrauen, ein bis zwei Zentimeter nach oben versetzt. Dort wird gedacht.

Sie wurden nach den Abmessungen ihrer Gedanken befragt. Zunächst waren sie aufgefordert, an spezifische Menschen, Dinge oder Vorgänge zu denken. Danach sollten sie mit den Händen die Dimension dieser Gedanken darstellen. Einige Gedanken waren so groß wie Schuhschachteln. Also größer als der Schädel der jeweiligen Testperson.

In Praxis IV schreibt Rainald Goetz im Absatz zur Ökonomie des Schreibens: »Je billiger das ist, was man schreibt, umso besser ist es bezahlt. Das klingt paradox, ist aber vernünftig. Billig heißt hier eben auch: brauchbar, passend, richtig. Dadurch steigt die IDEELLE Leuchtkraft aller ästhetisch besonders abenteuerlichen Unternehmungen […]. Der einzige Punkt: Man kann eben NICHT nebenher noch diesen einen Tatort schreiben. Denn das ändert zuinnerst den inneren Text. Und auch die zwei kleinen Auftragskritiken für die taz oder Faz. Und das monatliche Rundfunkfeature, das die monatliche Miete zahlt. All diese Arbeiten, so klein sie auch sind, ruinieren die Kraft und verzehren die Stimme. Es gibt dann keinen WEG mehr. Wenn die Bindung in Kontexten auch ganz konkret nach EINKOMMEN ruft, muß man im Weitermachen funktionieren. Und das ist, ästhetisch, Stillstand, das ist das Ende.«

Geschrieben und niedergelegt im Jahre 98 des vergangenen Jahrhunderts wohlgemerkt. Damals hätte ich gesagt: »Hab dich nicht so«. Hab ich wahrscheinlich auch. Was sich geändert hat seither: Es müssten deren zwei monatliche Rundfunkfeatures sein. Mindestens. Die Mieten sind gestiegen, die Honorare gefallen.

Das Problem des zuinnerst zu beschützenden, inneren Textes besteht. Als sogenanntes Pflänzchen Sprich-mich-weder-an-noch-schau-mir-auf-die-Hände,-Chef, darf er von all dem freilich nichts mitbekommen wie eine von Schwindsucht befallene Figur, ein geniales, dafür aber genetisch vermurkstes Kind. Vermutlich finde ich Marcel Proust deshalb auch am allertollsten: Hier fallen oder fielen Autor, Text und die universale Gestalt des inneren Textes in eins (und verschwanden zwischen schallgedämmten Wänden in der Schrift).

Thomas Melle schreibt eine Antwort per E-Mail aus dem fahrenden ICE*: »Du kennst das vielleicht: Es gibt Phasen, wo alles weggeschrieben wird oder eben hingeschrieben, da der Kanal offen ist - dann wieder welche, wo anderes leider vorrangig ist und die wichtigen Kanäle, die inneren, zu. Man kann nicht öffentlich und gleichzeitig literarisch auf Sendung sein (ich jedenfalls nicht)«.

Klar. Und egal eigentlich am Ende, wie sich der Einzelne seine Gedanken vor Augen führt. Ob blockhaft wie eine Schuhschachtel oder als gläserne Steigleitung, spiralig gewunden teilweise (und an solchen Stellen naturgemäß besonders anfällig für Verstopfungen und Ablagerungen aller Art).

»Draußen ist freundlich« heißt es bei Neu! (Er saß, aß und las).

* Das ist neu, das gab es 1998 noch nicht.

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