»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

1.4.

»Lunch is for losers«, schreibt Hans Bude in seinem Gefühl der Welt, das ich lesen will, weil wir uns am Montagnachmittag zu einem Gespräch für die Jubiläumsausgabe von 032c treffen werden. Und weiter:

»Als der Prozess der wundersamen Geldvermehrung nicht mehr weiterging, weil plötzlich das Gerücht aufkam, dass vielleicht eine Million Haushalte in den USA, die sich ein Haus in einer Gegend leisten wollten, in der sie ohne Bedenken ihre Kinder auf die Schule schicken konnten, ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten, mussten die ganz normalen Vermögensindividualisten mit ihren Sparguthaben und Altersrücklagen herhalten, damit die großen, als ›systemrelevant‹ erachteten Banken ihre ›faulen Papiere‹ wieder loswerden konnten. In der Krise von 2008 und den mit ihr verbundenen Staatsschuldenkrisen seit 2011 mussten die Bürgerinnen und Bürger als Steuerzahlerinnen und Steuerzahler am Ende für Krisen haften, die anderen über den Kopf gewachsen waren.«

»Kinder, die mit ganz verschiedenen Worten zu erzählen beginnen«, schreibt Peter Handke am 15. Juni 1975 im Gewicht der Welt:

»durcheinanderredend, was sie gemeinsam erlebt haben – und als sie an den Schluß der Erzählung kommen, diese gleichzeitig und mit den gleichen Worten beenden.«

Das Gewicht meiner Welt fand sich in drei DIN-A4-großen Schachteln von Tiffany & Co, na ja, so ist das halt, ich hab da in jedem neuen Jahr den Kalender rausgenommen und mit den gesammelten Aufnahmen der Trusty SX-70 gefüllt. Bis eben, ja, leider: es dann plötzlich keine Filme mehr gab für diese so formschöne wie zuverlässig schön fotografierende Polaroidkamera. Gestern habe ich einen Batzen anderer Fotos an Friederike versandt, dabei aber ging ich dann noch einmal durch diese Boxen und es war schon hardcore, wie ich mir dabei meines ganzen Lebens vergegenwärtigt wurde. In der Reihenfolge, es gibt keine Reihenfolge, denn diese Polaroids liegen »einfach bloß so« drin:

– Sonnenaufgang über der Speicherstadt in Hamburg, ziemlich unscharf, die vorherrschende Farbe ist, unten zumindest: blau,

CD-Hülle von Carl Craig, beleuchtet von Kerzenlicht: More Songs about Food and Revolution,

– Natalie zündet sich eine Zigarette an,

– Judith schaut in die Kamera, viele Schatten,

– das Hotel Negresco in Nizza bei Nacht, tanzende Lichter, alles doppelt, der Himmel scheint schwarz,

– ich selbst mit Schnurrbart, blaue Krawatte von Gucci (zweite Tom-Ford-Kollektion),

– unbekannte Frau mit blondem Haar, der Hintergrund ist Dunkelrot,

– Olrik, er schaut kritisch, orientiert sich dabei innerlich an Tom Ford,

– zwei Stengel von Pfingstrosen, die sich kreuzen,

– zwei kleine Katzen in einer Tomatenkiste, die sich balgen,

– irgendwas nachts, die Aufnahme erscheint verkratzt,

– die Tomatenkiste, davor, unscharf, zwei übereinandergeschlagene Beine,

– Maren schaut melancholisch auf ein arabisch beschriftetes Dosengetränk (das war in Paris),

– Natalie in dem roten Angorapullover, den ich mir auf Markus Peichls Geburtstagsparty ausgeliehen hatte, weil mir so kalt war, und außerdem war es auch meine Geburtstagsparty, denn wir haben am selben Tag Geburtstag,

– die Müllfahrerhose mit den Reflektorstreifen hängt an der Wand in der Wuppertaler Wohnung (Barmen),

Contrazoom in die Gasse eines französischen Supermarktes,

– ich in einem hellblauen Polohemd aus Frottee, Hamburg, Marlboro-Sessions, Löffel hatte aufgelegt,

– ich in einem weißen T- Shirt in einem Garten, kurzes Haar,

– ich, verschwommen, süß, wie gemalt,

– ich auf dem Rücken, der Heizkörper im Hintergrund, ich trage den gestohlenen Pullover und eine durchsichtige Brille von Cutler & Gross, die ich zuvor in einer Margiela-Geschichte im i-D gesehen hatte – ich weiß noch, dass ich damals andauernd unendlich müde war,

– ich, lachend, irgendwo,

– Natalie, eine Zigarette in der Hand, Haarband, dahinter blauer Himmel ohne Wolken,

– ich unscharf, es ist nur mein Gesicht zu sehen, Schnurrbart, wahrscheinlich extrem zugekifft,

– ich am Strand vor dem Negresco auf den Kieseln in einem Dufflecoat von H&M mit rosafarbenem Futter – ich tue so, als ob ich schliefe,

– Suse Eichrodt und ich nebeneinander in roten Hemden, meine Haare sind wasserstoffperoxid, Suse hält ein selbst gemaltes Schild hoch, darauf steht: UFO,

– ich mit Schnurrbart und dieser Krawatte von Tom Ford, ich lächle verzeihend,

– Natalie, mit Essen in beiden Händen, schaut sich nach hinten um,

– Natalie mit Gucci und Prada, den Katzenkindern,

– die Lampe auf dem Boden im Flur ganz hinten, ich habe vergessen, wer die gemacht hatte,

– junges Fotomodell, männlich, schaut hoffnungsvoll drein,

– Reflektionen,

– Natalie mit einem gestreiften Tuch auf, soll tuaregmäßig aussehen,

– Judika Portner und Natalie schreien sich an (irgendwo draußen),

– Autofahren,

– blaue Glühbirne bei Nacht,

– rote Schatten,

– Verneinung,

– unscharfes Lächeln,

– Natalie am Strand von Kalifornien, mit der orangefarbenen Wodkabrille auf,

– Selbstportrait durch den Deckenspiegel der Riesenradkabine auf dem Hafenspektakel zu Hamburg,

– Heiko Jahnke im Profil,

Nike Air Max, weiß und burgunder, im Profil am Strand,

– ich im Profil, die Wodkabrille auf, Ginster im Hintergrund,

– Unscharfes in braun und rot,

– unscharfe Szenen vom Rummelplatz,

– Clark schenkt Wein auf marrokanische Weise ein (close-up),

– Katze, sehr groß, dahinter Natalie im Wintermantel, Himmel dementsprechend,

– Zwei Mitbewohner meiner Zivildienst-WG, Gernot und Tobias, seilen eine Kinositzbank aus dem dritten Stock ab in den ersten,

– mein Bauch,

– Bäume, Himmel, roter Sonnenschirm (nicht aufgefaltet),

– Baumgerippe aus dem D-Zug heraus fotografiert,

– ein Fenster, die Treppe und ihr Handlauf beim Verlassen der Party,

– Natalie und ich beide extrem unscharf,

– Maren,

– Natalie am Strand,

– mein Bauch, eine Muschel bedeckt meinen Nabel,

– ich im Wasser der Ostsee, am linken Rand der Aufnahme steigen vier weiße Punkte senkrecht,

– Judith,

– Judith in einem Smoking, left arm akimbo,

– Natalie mit einer Zigarette, sie stützt das Gesicht in ihre Handfläche (der rechten),

– Natalie und ich auf dem Parkettfußboden, ich habe eine Hose an, im Hintergrund die Plantage,

– dito, andere Posen,

– unbekannte Person, nachts,

– Maren auf dem türkisfarbenen Futon, sehr müde,

Burger King,

Air Max, Strand,

– Schaufenster eines Fachgeschäftes für Verspiegelungen in Paris bei Nacht,

– Adriano mit Hornbrille,

– Marcus Staiger tanzt nackt mir grellgrüner Badekappe auf, handschriftlicher Vermerk: Instant Karma,

– Olrik, ganz früh am Morgen auf meinem Sofa,

– Judith und Olrik ganz früh am Morgen auf unserem Sofa,

– gelbe Lilien,

– ein graphisches Muster aus roten und blauen Flächen, darauf fällt Sonnenlicht,

– Markus und Adriano,

– Natalie vor dem Spiegel,

– Mohnblüten,

– unscharfer Mensch,

– Natalie mit Gucci, vielleicht ist es auch Prada,

– Natalie mit Essen in beiden Händen,

– dito,

– Maren auf dem Futon, schlafend,

– Mohnblüten,

– Judika,

– die Alutreppe, die auf die Dune du Pyla führt,

– schwarzes,

– Natalie, dreifachbelichtet,

– Christian,

– Natalie, nachdem ich sie gezwungen hatte, Rhabarber mal so zu probieren,

– Einkaufswägen vor dem Casino in Saint Paul de Vence im Licht der untergehenden Sonne,

– Pflanzen und junge Katzen,

– Stalingrad, die Metrostation,

– weiße Hasenmodelle vor einem weißen Fensterrahmen und dahinter ein weißer Himmel (Hamburg),

– mein Gesicht vor dem Straßenschild von Kernen im Remstal,

– Janine,

– Adriano und Markus,

– ich mit extrem kurzen Haaren in unserem Büro bei Gruner + Jahr, im Hintergrund der Hafen,

– römische Blüten in rosa,

– ich in dem hellblauen Frottepolo mit einer Sonnenbrille von Jean Paul Gaultier,

– Judith im Profil,

– Natalie schmachtet eine aufblasbare Tulpe an,

– unscharfes Portrait von irgendwem,

– Pflanzliches,

– die aufblasbare Tulpe bei Nacht ganz allein,

– Busen,

– Strand,

– Wasser,

– ich mit krimineller Kurzhaarfrisur,

– Flur,

– der Heinrich-Hertz-Turm, Wolken,

– Dune du Pyla, ein Baum, Schatten,

– Ausblick vom Gipfel der Dune du Pyla auf den Atlantik,

– Adriano,

– ich, mit selbstgefärbten schwarzen Haaren und einem mit Simplicol selbst gefärbten Hemd in schwarz, ganz bis oben hin zugeknöpft,

– Maren vor diesem obskuren Antiquariat in Paris,

– Hans Israel, der Assistent von Edgar Herbst bei dieser ultra shady Foto-Lovestory, die ich mit Adriano für Gruner + Jahr gemacht habe,

– Mark Schüttler mal an den Drums,

– Marcus, nackt, als er Geld als Nacktmodell verdienen wollte an der Kunstakademie Stuttgart,

girl, infatuated,

– Scherben,

– Maren und ich auf Trümmern in Paris,

– der Boulevard von Cagnes-sur-Mer,

– Adriano extrem müde in unserem Hotel in Manchester,

– Häuser, Gebäude,

– Nelken (knallrot),

– Natalie in einem Anzug,

– Heiko, in einem lupenreinen Strahl ins Gebüsch pissend (Planten un Blomen),

– Gewitterwolken, davor Kräne,

– das Abseilen der Kinobank aus einer anderen Perspektive,

– zwei südfranzösische Jogger bei Nacht,

– vier Silos aus Edelstahl (Froschperspektive),

– Heiko und Sven,

– Heiko und Sven und die aufblasbare Tulpe (nach Paul Simon und Art Garfunkel von Richard Avedon),

– völlig unscharf,

– dito,

– wahrscheinlich ein Berg,

– Harre, irgendwas essend, im Hintergrund Schilf,

– etwas mit Gold,

– Tänzer auf der Loveparade im Gegenlicht,

– Natalie und ich, sehe aus wie – ich weiß auch nicht wie, aber jedenfalls nicht so wie ich,

– Natalie im Wind von links,

– Toni beim Versuch, etwas zu essen (Lätzchen korrekt),

– Katrin auf dem türkisen Futon, weißes Herrenhemd, sie schläft,

– Hortensien, violett,

– Kiefern,

– Sand,

– Streifen,

– Sven,

– Kronleuchter,

– Häuser,

– zweifelndes Gesicht,

– trauriges Gesicht,

– Körper im Gegenlicht, nackt, dahinter die Plantage,

– Cannabisblätter, zart und lindgrün entfaltet im Gegenlicht der nachmittäglichen Sonne über Hamburg und dazu die Erinnerung, wie Natalie mir mit der flachen Hand ins Gesicht schlägt und mich anschreit: »Du Scheiß-Yuppie, ich zieh aus. Du kotzt mich an! Du hast nichts anderes im Kopf als Geld, Geld, Geld.«

Hatte ich lange verdrängt, beinahe vergessen; es ist noch eine Box übrig.

Ein ander‘ Mal.

31.3.

Es scheint so, als hätten die Vögel nichts von der Zeitumstellung mitbekommen. Jedenfalls besingt der Amselvater den Sonnenuntergang neuerdings zweifach - erst zum regulären, das bedeutet: zeitlich gesetzten Zeitpunkt nach der Winterzeit, dann aber noch einmal, wenn die Sonne tatsächlich ihren Schein ganz golden und breit über die Fläche des Sees legt, dessen Wasser, gestern, gegen 19 Uhr 23 den Anschein machten, als bestünden sie aus flüssigem Blei.

Die Ozeane auf dem Planeten Titan, so meldete es der New Scientist gestern, sprudeln vermutlich wie Soda und sind ebenso vermutlich noch kälter als -180 Grad Celsius, weil es sich bei der sprudelnden Flüssigkeit gar nicht um H2O handeln wird, sondern um Methan, oder, so der New Scientist: Ethan. Um solche Unterwassergase hat Thomas Meinecke ja mal einen ganzen und ganz großartigen Roman ankristallisiert - Hellblau -, spekulativ damals noch, und allein aus der Musik heraus abgelauscht (Drexciya) und aus einer winzigen Dreizeilennachricht aus dem Münchner Merkur, die er mir in einem noch kleineren Briefumschlag überließ. Ich liebe und verehre Thomas Meinecke. Das darf er selbst freilich nie erfahren.

Andererseits liebe ich Matthew Dear und das darf der ruhig wissen.

Für alle, die sich, wie ich selbst leider auch, fragen mögen, was denn ausgerechnet Christine Westermann im Literarischen Quartett von Maxim Biller zu suchen hat: Es sei ihnen, wie einst schon Thomas Mann schrieb, die Lektüre der Sendungsfolge Zimmer Frei mit Campino, datierend vom November 2008, a n e m p f o h l e n. Dort also ging es quasi voreingestellt um den Sänger und sogenannten Frontmann der Punkband Die Toten Hosen, der mir infolgedessen derart ans Herz sozusagen wuchs, dass ich, dabei nicht seines Engagements für die Antilopen Gang außer Acht lassenderweise ihn, Campino direkt, für immer und ewig in mein Herz schließenderweise liebhaben tun wollte. Und tat.

Was also geschah in dieser Sendung. Was ging da „vor sich“?

Folgendes: Campino, dessen Klarname überflüssigerweise im Vorwort der Sendung erwähnt wird und deshalb auch hier nun nicht weiter erwähnenswert bleiben soll, betritt in einem Kaschmirpullover von Eric Bompard die Szene. Das mit dem Kaschmir scheint wesentlich, denn Christine Westermann scheint bereits dieses des von ihm vorgeführten Pullovers wegen interessiert an seiner Person, ferner allein durch das Begrüßen eines Gastes aus Düsseldorf. Und es ist dann ihre Fragetechnik*, denn es ist eben keine Taktik, die mir dabei, im Anschauen dieser Sendung, auch Christine Westermann derart sympathisch machte, dass ich mir noch sehr viele Sendungen mehr mit ihr wünschte. Aber halt bitte keine Auftritte mehr im sogenannten Literarischen Quartett. Christine Westermann fragt direkt aus dem Herzen, manche wollen auch Seele dazu sagen, das hat in einer MännerMuskelnUndRotoren-Show wie dem Literarischen Quartett naturgemäß und leider nichts zu suchen, schließlich und endlich ist ja Romaneschreiben auch ein beinharter Männersport für Typen aus Eisen und in diesem Geiste fragt Ulf Poschardt in seiner Zeitung Rainald Goetz dann wörtlich: „Wo bleibt das nächste Buch!?!“

Ja, wenn es dann mal so einfach wäre.

Ich finde das respektlos, es ist unverschämt. Die fein ziselierten, dabei ganz golden auf mich wirkenden Instrumente Christine Westermanns sollten mit solcherlei, nun ja, ölverschmiertem Gehabe rein gar nicht in Berührung kommen dürfen.

Matthew Dear übrigens hat noch nie bei Lampenschein einen Track komponiert. Und Thomas Meinecke, ich will annehmen: Ihm geht es eh supergut.

Campino jedenfalls sagt in dieser Folge von Zimmer Frei einen Satz, den ich mir morgen schon in ein Geschirrhandtuch sticken werde:
„Ich bin ordentlich aus einer puren Faulheit heraus - ich bin ordentlich, denn dann brauche ich es nicht aufzuräumen.“

*Betony Vernon sagt: „I am a technician of love and a philosopher of sex.“

30.3.

Gestern las ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von einer Frau in England, die einer Freundin ein Paket mit DVDs schicken wollte, vermutlich The Office, aber anscheinend hatte sich ihre Katze, die wohl Cupcake heißt, in dieses Paket mit hineingeschlichen. Jedenfalls war es dann, laut Zeitung, so, dass die Katze nach vier Tagen des Transportes innerhalb dieses Paketes wohlbehalten, wenn auch „dehydriert“ bei der Adressatin ankam. Mit den unangeknabberten DVDs.

Ich bezweifle nicht bloß, dass eine solchermaßen gemischte Sendung aus Lebendtier und Datenträger in der Zusammensetzung von, sagen wir: Hund und Datenträger oder auch Hase und Datenträger ebenso beschädigungsfrei hätte funktionieren können. Ich bezweifle doch vor alledem, dass die Empfängerin dieses zwar unfreiwillig zusammengestellten, dennoch aber kuriosen Paketes diese Nachricht in einem viktorianischen Sinne k o r r e k t entziffern konnte.

Kenner des aus dieser Epoche stammenden Standardwerkes Electro-magnetischer Liebestelegraph oder neue Zeichensprache zur Verständigung unter Liebenden und Anderen / ein Seitenstück zur Blumensprache, verlegt im Jahr 1854 zu Weimar unter dem Stichwort „Andeutungen zu einer geheimen Correspondenz unter zwei (…) Personen, bei Bern. Friedr. Voigt“, werden dieses von der Frankfurter Allgemeinen nun vorgestellte Dilemma zur Genüge, in- und auswendig sowie vor allem: kennen.
Das Verschicken einer lebenden Katze wird in diesem nicht bloß ergötzlichen, sondern vor allem auch herzerfrischenden Buch mit „Fürchte die Falschheit Deiner nächsten Umgebung!“ übersetzt.

Ganz anders, beispielsweise, als ein postalisch überreichter Amboss. Der nämlich steht dann ein für „Nie finde Trennung unter uns statt.“
Ich habe daraufhin DHL angeschrieben, und es stellte sich sozusagen heraus, dass ein Verschicken eines Ambosses vom Baumarkt nach Frankfurt am Main derart verblüffend wenig kosten täte, dass ich es sogleich tun täte, wenn es im Baumarkt hier bloß einen Amboss gäben tun würde.

In besagtem Buch hingegen finden Liebende und solche, die es werden wollen, in einem schärfstens denkbaren Gegensatz zu den Arsenalen sämtlichster Baumärkte, auch heute noch eine unerschöpfliche Schatzkammer erotisch grundierten Wissens. Beispielsweise deutet das Versenden des Buchstabens F hin auf: „Freundschaft ist nur ein kärglicher Ersatz der Liebe, die ich begehrte“. Man muss dazu auch nicht auf den Flohmarkt gehen, um ausgediente Buchstaben aus Neon oder Blech zu erwerben, denn der leider, leider unbekannt gebliebene Verfasser des Liebestelegraphen weist in seinem herzerfrischenden Vorwort unter anderem auch darauf hin, dass es im Zweifel (für den Zweifel, Anm. d. Red.) auch geschriebene, beziehungsweise geknetete, gezeichnete, skizzierte oder auch aquarellierte Liebeszeichen „tun“. Konkret meint sie oder, weniger wahrscheinlich, er, dass „die Zeichen, die wir auf den nachfolgenden Blättern angeben, eine unauflösbare Hieroglyphenschrift (sind, Anm. d. Red.), zu denen nur dieses kleine Heftchen den Schlüssel liefert. Bis dasselbe so allgemeine Verbreitung findet, wie die Blumensprache im Laufe der Jahrhunderte gefunden hat, und dadurch ebenfalls wieder in Folge der Überlebung unbrauchbar wird, dürfen viele Menschenalter vergehen. Bis dahin ist aber diese Zeichensprache das beinahe ungetheilte und geheime Eigenthum derer, für die sie ursprünglich bestimmt wurde; nicht schwer aber wird es dem, der sich durch dieses Mittel verständlich machen will, fallen, dasselbe dem erwählten Gegenstande durch irgend einen Scherz annehmbar zu machen, und ihm so den notwendigen Schlüssel in die Hände zu liefern. (…) Natürlich mußten wir dabei besondere Rücksicht auf solche Gegenstände nehmen, die leicht zu haben sind,“

AMBOS (Anm. d. Red.)

„…oder die keine besondere Aufmerksamkeit erwecken können.“

AMBOS (Anm. d. Red.)

„Die Vermehrung derselben durch andere, hier nicht aufgeführte Gegenstände wird solchen Liebenden, die sich miteinander bereits verständigt haben, nicht schwer fallen, und diese ungedruckten Zusätze, die wir in Gedanken in zahlreicher Menge voraussehen, werden dann um so größere Sicherung des Geheimnisses gewähren.“

29.3.

Warum Sarah Brightman im Mai letzten Jahres überraschend von ihrer nicht nur bereits geplanten, sondern auch bereits bezahlten Reise in den Weltraum inklusive eines zehntägigen Aufenthalts dort an Bord der Internationalen Raumstation ISS zurücktrat, die Reise aber halt auch nicht absagte, sondern lediglich den Zeitpunkt des Antritts dieser Reise auf einige Zeit verschoben wissen wollte, dafür habe ich am gestrigen Neujahrsnachmittag eine stichhaltige Antwort gefunden. Und zwar gibt es in dem Film Anomalisa diese bei den Filmkritikern wie auch im Publikum beliebte Szene vor der polarisierenden Sexszene, in der Lisa, die ja nur von ihrem Liebespartner Michael Anomalisa genannt wird, weil ihre Stimme sich als die einzige aus einem von ihm als monophon empfundenen Menscheitschor heraushören lässt, eben diese ihre einmalige Stimme vorführt, indem sie Girls Just Wanna Have Fun von Cindy Lauper singt. Nichts gegen die Wahl eines Liedes von Cindy Lauper! Gerade 2016 erscheint das Werk der Kryptofeministin Lauper (Ich sage nur She Bop u n d Time After Time) sozusagen topaktuell, und die von Jennifer Jason Lee gesungene Version von Girls… in besagter Szene von Anomalisa ist niedlich. Anschließend erzählt Lisa von einer Autofahrt mit ihrer Freundin, deren Ziel hier nichts zur Sache tut, aber sehr wohl halt diese Information: für die sie (Lisa) ihre sämtlichen CDs von S a r a h  B r i g h t m a n mitgenommen hatte. Das Aussprechen dieser Dialogzeile führt in den Programmkinos, in denen Anomalisa läuft, verlässlich zu gütigem Auflachen. Lisa ist ja vom Charakter ihrer Figur her eine Sekretärin aus einer Backfabrik in Ohio. Sie fasst gern Knöpfe an und sagt dann, sie fühle sich »knopfig«. Klar schmilzt sie nach Feierabend dahin zu den Klängen der britischen Sopranistin, die durch Time to Say Goodbye derart megareich wurde, dass sie es sich leisten konnte, das Ticket für eine Weltraumreise im Wert von 56 Millionen Dollars verfallen zu lassen. Einfach so. Nach Lust und Laune.

Oder halt genau: nicht.

Lisa kommt jetzt nämlich zurück auf Cindy Lauper und fragt Michael: »Wusstest du, dass es eine herrliche Version von Girls Just Wanna Have Fun gibt, gesungen von Sarah Brightman, aber auf Italienisch?«

Wusste ich beispielsweise nicht, und ich dachte immer, ich kenne alles von Sarah Brightman. Lisa, also die Figur in dem Puppenfilm von Charlie Kaufman, singt dann einen kurzen Ausschnitt, der sich plausibel anhört. Jedoch ist es mir in den folgenden Tagen auch bei intensiver Recherche im Darknet nicht gelungen, besagtes Bootleg aufzutreiben. In der Diskografie Sarah Brightmans wird diese Coverversion nicht aufgeführt. In den Opernforen will man davon nichts gehört haben (sic!).

Es war also eindeutig so, dass Charlie Kaufman aus Gründen der Refinanzierung seines extrem kostenintensiven Puppentrickfilms diesen Teil des Drehbuchs auktioniert hat. Der Pitch an die Agenten von Sting, Elton John, K.D. Lang und eben auch Sarah Brightman lautete: obskure, eigentlich nichtexistente Coverversion von Girls Just Wanna Have Fun quotet Starnamen im Kultfilm Anomalisa von Charlie Kaufmann - wieviel?

Von all diesen Megastars, denen diese Erwähnung zu erweitertem Kultstatus verholfen hätte, sah sich jedoch keiner in der Lage, Sarah Brightman zu überbieten, die ankündigen ließ, d a f ü r ihre Weltraumreise nach den Kinostart von Anomalisa zu verlegen, um dann, aus dem Weltraum, live, schwerelos schwebend, die von Cineasten wie Kryptofeministen und sogar Opernfans weltweit gesuchte Version von Girls Just Wanna Have Fun zu bringen.

28.3.

Ich verstehe nicht, will also anregen, den Jahresanfang weg von der dämlichen Silvesternacht mit dem geisttötenden Geballere auf den Morgen des Ostersonntags zu verlegen. Von mir aus könnte man das Fest sogar Auferstehung des Jahres nennen und es dürften andere weiterhin »Prosit Neujahr« rufen.

Mein Jahr 2016 fing ja gestern schon gleich königlich an mit dem schönsten Sonnenaufgang dieses noch jungen Jahres, der den Himmel in verschiedenen Farben quer streifte, bis er aussah wie ein Laken von Missoni. In den Gärten waren hier und da Elternteile zu beobachten, die Körbchen mit Süßigkeiten und Lernmitteln in den Hainbuchenhecken versteckten, um später vor ihren Kindern zu behaupten, das hätte ein Hase getan – ich meine: come on, das ist doch ein rührender Brauch!!! Dann auf dem Fahrrad zur Tankstelle, die Waschanlage leer und rein. Still standen die raumhohen Bürsten mit ihren Borsten aus aralblauem PVC; der gesamte Innenraum wurde von diesem herrlichen Aralblau beleuchtet und ganz hinten an der Rückwand blinkten diese zwei grünen Plexiglasfelder, darauf erschien jeweils die Buchstabenfolge »Wachsen«. Wie in einem Nest aus trübseliger Springerpresse wurde mir die Sonntagszeitung präsentiert, auf deren Titelseite zur Feier des Tages ein Hase abgebildet war, der mir die frohe Botschaft überbrachte. Ich nahm sie freilich an.

Das Gute an Ostern, aus der Erwachsenenperspektive erlebt, ist doch, dass man nichts machen muss, außer essen und trinken und lieb sein zu allen. Es gibt ja glücklicherweise keine Osterlieder, aber Kerzen anmachen darf trotzdem, wer will. Alles steht voll mit Tulpen, man muss auch nicht warten, bis es Mitternacht wird, kann sich also gleich nach dem Frühstück betrinken und es geht dementsprechend früh dann ins Bett. Es sei denn, man langt, wie ich in dem Fall, entgegen sämtlicher Warnungen der Hausfrau dennoch beherzt zu bei der Quarkspeise Pascha. Dann nämlich schläft man noch am Tisch sitzend ein.

Der Ostermontag ist ja bereits als ein Feiertag voreingestellt, es gäbe also keinerlei Adaptionsproblematik. Ich verstehe, wie gesagt, seit gestern nicht mehr, weshalb der Jahreswechsel im Dunkeln bei schlechtem Wetter gefeiert werden sollte.

27.3.

Genau dieser See, andere Bäume wahrscheinlich, einige standen vor einhundert Jahren schon an diesem Ufer.

Keine Laternen wahrscheinlich, jedenfalls nicht so viele. Insgesamt aber ein ähnliches Licht an diesem Tag, um diese Stunde, wie vor einhundert Jahren.

Genau dieser Balkon.

Eine andere Amsel sang für eine andere Person, die vor einhundert Jahren von diesem Balkon, zu dieser Stunde, in diesem Licht, auf diesen See geschaut hat. Keine Autogeräusche wahrscheinlich. Kein Blinken, kein Fernsehturm, kein Flugzeug am Himmel. Aber ähnliche Gedanken, andere Gefühle. Und der einzige wirkliche Unterschied besteht wohl darin, dass in meiner Szene der Notizblock von sich aus leuchtet. Ich schreibe mit zwei Fingerspitzen auf einer Fläche aus Licht, während die Amsel ein Lied singt – wie vor einhundert Jahren. Gleich wird es hell.

(Für Friederike)

26.3.

Nachmittags in Neukölln gewesen, Anomalisa läuft im gesamten Stadtgebiet nur dort, im IL Kino, und dann noch in einem einzigen anderen (in Kreuzberg). An der Kasse traf ich Götz Offergeld. Das letzte Mal waren wir uns ebenfalls an einer Kasse begegnet, damals kaufte Götz einen Kaktus. Von daher fing es gut an. Auch der Kassiererin wegen, einer passiv-aggressiv kassierenden Italienerin, die weder Deutsch noch Englisch sprach und die von ihr zu kassierenden Eintrittspreise als Zahlenfolge auf ihrem großformatigen Taschenrechner anzeigte, wie ich es als dergestalten Brauch nur noch aus den wenigen noch verbliebenen Ländern mit autochthonen Landessprachen kannte. Ob das nun ein Reenactment sein sollte oder ein tatsächlicher Fall von mangelnder Bildung, war für mich nicht so klar zu ermitteln. Sollte ersteres zutreffen: Styling Suggerimento: Spesso avvolgere la tastiera della calcolatrice con un foglio, o avvolgere completamente, perché in quei paesi c’è anche ancora ultrastaubig*.

Götz nahm ein Tiramisu to go mit in den Saal und freute sich schon darauf sofort einzuschlafen. Schlafen kann er wohl nur im Kino. Dem Kaktus geht es aber gut.

Film leider megadeprimierend. Ich versuchte mich auf die Puppen und Modelle zu konzentrieren und das ging auch stellenweise, weil ja alles gebastelt ist in diesem Film und ich mich immer wieder beruhigenderweise fragen konnte, in welchem Maßstab da die gesamte Welt, vor allem die Innenräume des Hotels nachgebaut worden waren. Faszinierend fand ich die Proportionen der Handtücher und Bademäntel bezüglich der Puppen. Die Flauschigkeit trat in einem extremen Maße hervor, also auf die wirkliche Welt übertragen ungefähr wie Angora. Die Ausstattung insgesamt im besten Sinne in Details verliebt, also zugleich miniaturisiert und dabei wie unter einem Vergrößerungsglas. In der fürchterlichen Frühstücksszene, nach der desillusionierenden Sexszene, beispielsweise tragen die Liebespartner beide diese Bademäntel mit dem Logo des Hotels, einem aufgestickten F in einer Raute, das, wiederum auf unsere Realität übertragen, aus einem sechs Zentimeter dicken Stück Stoff bestünde.

Leider wird aber auch in solchen Dimensionen gesprochen und gehandelt. Also Bigger than Life and Twice as Ugly, wie Martin Fry einst sang. Wenn Filme träumen könnten, wäre Anomalisa der Albtraum von Lost in Translation. Hat mich nicht ganz so drastisch erwischt wie Victoria, aber trotzdem.

Ich hatte Dietmar Dath damals so verstanden, dass es sich um einen romantischen Film handeln würde. Nun stellte sich heraus, dass es unterschiedliche Auffassungen von Romantik gibt. Von einem Schisma kann und soll aber nicht die Rede sein, denn mit Dietmar Daths Haltung zu Zootopia, insbesondere seiner Haltung zur handelnden Häsin, gehe ich d’accord.

Zuhause musste ich zwei Stunden lang das Special zu den Geschlechtsunterschieden auf Welt der Wunder anschauen, um einschlafen zu können. Da ging es um echte Menschen, und es wurden die Erregungskurven von Baumarktkunden beim Betrachten von Druckluftreinigern und Nagelpistolen gemessen. Sie gingen freilich steil nach oben. Danach befragte man Frauen im Schuhgeschäft nach ihren Einkaufsgewohnheiten – sie waren extrem.

Kind of did it for me.

*(Styling-Tipp: Die Tastatur des Taschenrechners vielfach mit Folie umwickeln oder ganz darin einpacken, denn in solchen Ländern ist es zudem noch ultrastaubig.)

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