»2018 – Barthel und Most«

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und Most«
Tagebuch

FIZHEUER ZIEHEUER

Für die aktuelle Ausgabe der Metamorphosen hatte ich über meinen einzig guten Lehrer in 13 Jahren geschrieben. Als das Heft aus der Druckerei kam, war der Umschlag gelb. Jörg Rager, so hieß der Lehrer (Deutsch und Geschichte) hatte uns am Beispiele vom Tod in Venedig die Verwendung einer sogenannten Symbolfarbe in einem literarischen Werk analysiert. Dort färbt sich ja, anfänglich mit den Zahnreihen des Mahnenden in München, die Welt zunehmend gelblich ein: Strandfarbe, Plakatfarbe und immer so fort. Für Rager war das ein Zeichen für die Hinfälligkeit des Beschriebenen; wohl auch, weil dort im Venedig der Erzählzeit die Cholera umging.

Dann passierte das mit meinem Vater. Ich empfinde es noch immer als Wunder, dass, oder wie er das alles überstanden hat. Mittlerweile darf man ja sogar auf der Intensivstation telefonieren. Und manchmal plaudern wir somit am Nachmittag.

Nachts schaute ich mir die Premiere des Lohengrin an auf 3Sat, weil ich auf die Ausstattung von Neo Rauch gespannt war. Alles in Blautönen, der Hauptmann lagerte vorhersehbarerweise auf einem M.C.-Escher-haften Dreigestirn aus keramischen Isolatoren, die ich als Kind so ansprechend, wie zum Ablecken schön gefunden hatte. An seinem Kostüm waren hinten dran lange Insektenflügel befestigt wie bei Flip, dem geigenden Grashüpfer in den Zeichentrickfilmen der Biene Maja, der alten Nazi-Schickse.

Donnerstags fuhr ich abends extra ins Westend hinaus, um mir von den Pichelsberger Höhen die Mondfinsternis anschauen zu können. Aber ausgerechnet an dem Abend war es am Himmel bedeckt. Das nächste Mal soll sich das in dieser Form wieder in einhundertzwanzig Jahren ereignen. Vermutlich bin ich dann aber schon tot.

Am Sonntagmorgen ging ich in den Wald. Dort hatten, am kleinen Strand in der Bucht, die Raver einen veritablen Sauhaufen hinterlassen, von dem ich mich angeekelt abwenden musste. Und ich ging, von dort aus, quer durch das Unterholz an einem sich nackt auf einem Plastikstuhle sonnenden Greis zurück. Bei einem Stapel gefällten Pioniergehölz entdeckte ich auf dem Waldboden liegend ein Etwas, das mir wie ein kostbar von Händen gefertigter Lampion schien. Aus geschöpftem Papier, meliert in Grau.

Ein Wespennest, dachte ich. Das wäre so schön dort bei mir auf der Treppe. Aber gerade als ich mit beiden Händen zugriff, vernahm ich aus dem Inneren des Papierballons ein Krispeln. Ließ das Gebilde rasch fallen, doch es war zu spät. Auch dass ich rannte, konnte mich nicht vor dem Zugriff der Soldaten retten. Einige bissen sich in meinem Wadenfleisch fest.

Erstaunlicherweise verspürte ich kaum Schmerzen. Doch ist das Gewebe dort unter meiner Haut seit heute fleckenweise in dunklem Violett eingefärbt (und wenn ich in die Knie gehen will, spüre ich das Hinderliche der Schwellung wie Holz.) Möglicherweise bin ich, da ich am vorvergangenen Wochenende im Garten meiner Eltern barfüßig in eine Biene getreten war, immunisiert gegen das Insektengift.

Die Geranien setzen sehr schön zu einer zweiten Blüte an.

STÄRKE

Die Bäume wurzeln tief. Weil niemand sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern scheint, gibt es vereinzelt nun an die Stämme geheftete Zettel, die Handschrift deutet auf Kinder hin, worauf darum gebeten wird »einen Eimer Wasser« hinzuschütten.

In den vergangenen Tagen, in Baden-Württemberg war es noch heißer, scheint es auch in Berlin ziemlich heiß gewesen zu sein. Schon als ich dort aus dem Flugzeug ausgestiegen war, spürte ich den anderen Duft. Und auch das Licht war—mit seinen ganz anderen Schatten: ja, ich war es gewohnt; ich konnte mich daran erinnern: das war Heimat für mich.

In dem Umfeld des Krankenhauses, in dem mein Vater noch immer, wie es heißt: liegt, gab es durch die breiten Fenster nur die herrlichsten Felder zu sehen. Auf der Terrasse der Cafeteria dort, die keinen Namen hat, aber von der es heißt, dass zu der auch, am Abend, die Einwohner der Stadt hinaufsteigen, um am äußersten Rande des Gebäudekomplexes einen Drink zu nehmen, schaut man auf eine für das Strohgäu klassische Streuobstwiese, und dahinter ergießt sich dann ein Strohblond bis zum Horizont. Ab und an hebt der Rettungshubschrauber ab in Richtung der vielen Autobahnen. Er steuert dann unter den Starkstromleitungen durch und das soll uns vielleicht auch daran erinnern, in welch diffizil empfindlichen Gewebe wir uns Tag für Tag sicher fühlen wollen.

Drei Farben Gelb: ich hatte ihn mir gelber vorgestellt, und von daher, nicht nur von daher, war es auch gut, dass wir uns von Angesicht zu Angesicht anschauen durften. Und Umarmen auch. Schreiben ist das eine, die direkte Gegenüberschau hat mir zumindest eine Bekräftigung gebracht. Wie lässig er mit den zahlreich an seinem Unterarm befestigten Schläuchen umgeht! Als wir ein Eis aßen, auf der Terrasse mit Ausblick auf die Wiese, an deren Ende es einen niedrigen Käfig gibt mit einem viel zu groß gewachsenen Hasen drin, sagte er »Eis ist das Schmalz der Seele.«

Immer abends sprengten wir dann den Garten, in seinem Sinne. Kurios, wie so etwas, ohne dass man darüber auch nur sprechen müsste, einem ins sogenannte Fleisch und Blut übergeht.

PLANET HASE

Also sind meine Ohren, die ansonsten für Schmerz so empfindlich sind, ebenso meine Einfallstrichter für den Trost. Ich habe die vergangenen zwei Tage mit dem Abhören des Bandes verbracht, auf dem Malakoff Kowalski mit Chilly Gonzales über die hölzerne Muschel mit dem in schwarz und weiß gestreiften Saume spricht. Das war wie eine Zuflucht, aber dann, gegen Ende des Textes fiel es mir ein: weshalb ich das so beherzt übersetzen konnte. Weil die sich ja annähern wollten in ihrem Gespräch! Suche nach Verwandschaft. Ein Ursprung der Philosophie. Wo ich doch ansonsten nur mit Künstlergesprächen zu tun habe, wo es um Abgrenzung, um das gegenseitige Herausarbeiten der feinen Unterschiede geht. So also Freundschaft. Größe. Und das Lauschen von Solo Album 3 versagte ich mir bis zum Abschluß der Arbeit—wie einst als Kind, wenn ich mir die besten Bestandteile des Tellers bis zum Schluß aufgespart hatte.

Morgen geht es um fünf Uhr in der Frühe dorthin zurück: zur Familie. Von freudiger Erregung kann ich leider nicht sprechen.

Dabei leuchtet es hier golden aus dem Gebüsch.

IN DUBIO OREO

Dann, doch und leider, sehr ernstes Telephonat mit dem Vater. Er spricht von seinem Bett aus, ich kann ihn dabei nicht sehen, weil die Versorgung mit Internet dort im Strohgäu noch immer zu dürftig ist für Skype. Wenn man, wie er jetzt zwangsläufig, den Chirurgen zuhört, kann man ja gar nicht anders, als den Eindruck zu gewinnen, dass das Innenleben des menschlichen Körpers größtenteils verzichtbar ist und im Zweifelsfall folgenlos entfernt werden kann.

Indes hatte ich, innerlich quasi am anderen Ohr wiederum andere, die sich beklagen mussten, dass auf dem sogenannten Shooting von Suçuk und Bratwurst die Credits für Balenciaga, meinem Beisein zum Trotz, nicht deutlich genug herausgekommen sind auf den Bildern. Dadurch entstehen freilich druckterminliche, wie sogar darin eingeschriebene, finanzielle Probleme.

Mein Vater, dabei wohl aus dem Krankenhausfenster schauend, berichtete dann von einer Joggerin, die derart langsam vorankommen würde, dass selbst er noch »auf seinen Händen« schneller sein. Würde.

Und er fragt mich: Warum machen wir das alles eigentlich?

Ja.

AN BACHES RANFT

Am Freitag noch standen gleich hinter der Stadtgrenze die Weizenfelder im Wind. Die Halme neigten sich mit der Fahrtrichtung, so als zögen sie mit. Jetzt, kurz nach dem Sonnenaufgang, nur drei Tage später sind alle schon abgemäht. Ballen liegen über den bleichen Flächen verteilt.

Ich kann den Duft der staubenden Süße noch durch die Scheibe des Wagenfensters riechen. Aus der Erinnerung an soundso viele Sommer im Garten am Rand eines Feldweges. Die Felder dort waren freilich geschwungen. Vom Feldweg an, ging es, gefurcht wie Cord, über Hügel hinweg bis an den Waldrand, wo, von Kiefernschatten vor der Sonne beschützt, Wiesen möglich wurden.

So dachte ich eben auch an den lichten Platz an der Bockenheimer Laube, den Friederike mir am Sonntagabend gezeigt hatte: in einem Souterrain im Lofthouse-Stil mit eisernen Sprossenfenstern, der Innenhof überdacht von Geißblatt-Winden und Wein. Es hatte geregnet, am nächsten Morgen würde es wieder regnen: so war das Licht in dem Moment. Kein Strahl der nicht grünte, oder zumindest golden war. Und im Hintergrund, nur wenige Meter entfernt, alles schon dunkel, beinahe schwarz. 

In der Nacht war ich um kurz nach drei Uhr aufgestanden, um die Jalousien herunterzulassen, da war der Himmel eintönig himbeerfarben und es leuchtete einzig die von Neonröhren umrissene Pyramide auf dem Messeturm. Das Dach gegenüber hatte Mickeymouse-Ohren, Silhouetten der Parabolantennen dort auf dem First.

Am darauffolgenden Abend, ich hatte gerade dem Eichhörnchen eine Schale mit Erdnüssen und Pinienkernen gebracht, schallte ein irres Gelächter durch den Hof. Das steigerte sich noch, und als ich oben in der Wohnung angelangt war, hatte das Geräusch schon die Form einer Wehklage angenommen. Weibliche Stimme, wir dachten an einen Verkehrsunfall. Womöglich ward ein Kind überfahren, und die Mutter brüllte den Himmel an. 

Als wir, dem Geräusch folgend, am Spielplatz eintrafen, saß dem dort gegenüber die Mume im Kreis der Leute vom bulgarischen Supermarkt. Die diskutierten etwas und hatten sich von dem nun schon sehr deutlich vernehmbaren Schreien scheinbar nicht aus der sogenannten Ruhe bringen lassen. Es wurde ausgestossen, das konnten wir nun sehen, von einer sehr dicken, weiblich wirkenden Person, die seltsam wulstig deformiert auf dem höchsten Plateau eines Klettergerüstes wie drapiert lag. Direkt vor der Mündung einer von dort oben abführenden Rutschröhre aus Blech, in deren dunkle Mündung sie hineinschrie, was ihrem ohnehin durchdringenden Kreischen noch zusätzliche Resonanz verlieh. Der Eindruck des wulstig Deformierten, dessen wir uns bei ihrem Anblick nicht erwehren konnten, wurde vor allem durch die Beschaffenheit ihrer Lagerstätte bedingt: es handelte sich nämlich um ein Klettergerüst aus Kunststoffseilen, die miteinander verknüpft waren dergestalt, dass sich daraus insgesamt ein Gebilde in Form und auch von der Struktur des Eiffelturmes ergibt. Ich kletterte gemeinsam mit zwei anderen Männern dort hinauf, was gar nicht einfach war. 

Als wir die Schreiende erreicht hatten, zeigte sich diese nicht ansprechbar. Auch nicht, als wir sie mit Wasser aus den zu uns heraufgereichten Flaschen bespritzten. Erst als ich eine dieser Flaschen über ihren Oberkörper entleert hatte, fing sie an, um sich zu schlagen. Dann schlug sie mit einem Mal ihre Augen auf, wurde ganz still und beantwortete unsere Fragen. Mittlerweile war auch der Notarzt eingetroffen. Seiner Aufforderung, zu ihm herunterzusteigen, kam sie nicht nach. Auch als die bald darauf eintreffenden Polizistinnen die noch immer dort in dem Seilgeflecht Liegende aufforderten, nun das Gerüst zu verlassen, rief sie denen zu, sie würde es vorziehen, dort oben zu bleiben. Auf die Frage des Notarztes, was es mit dem Schreien auf sich hatte, antwortete sie: »Klettergerüst, es mußte sein.«

Später, da war es schon dunkel, hörten wir noch einmal ihr Schreien. Dieses Mal aber brach sie ihr befreiendes Ritual schon nach wenigen Minuten ab.

ALARMSTUFE GELB

Aber jetzt war es so, dass es tatsächlich diese Gelbfärbung seines Körpers war, die meinem Vater das Leben gerettet haben wird. Denn bei einer mehrstündigen Durchsuchung unter Narkose wurde dann doch ein Tumor entdeckt, der, hätte er nicht eine von seiner Galle abgehende Leitung blockiert, unbemerkt hätte weiter wachsen und womöglich ins umliegende Gewebe hätte streuen können.

In der Nacht wachte ich bald nach Mitternacht auf. Draußen rauschte der Regen, das ging bis zum Morgengrauen so weiter, und als ich um acht Uhr auf die Bahn wartete, strömte das Wasser breit über die Bahnsteigkanten als Wasserfall. 

Mittlerweile darf man offenbar selbst im Krankenhaus jederzeit Anrufe auf dem persönlichen Mobiltelephon empfangen. Das war vor ein paar Jahren noch anders. Aber so konnten wir am gestrigen Nachmittag ein sehr schönes Gespräch miteinander führen. Fachsimpelten dabei etwas über das Wundermittel Disoprivan, mit dem ich ja auch schon gezwungenermaßen meine Erfahrung hatte machen dürfen und mein Vater sagte, dass er es jetzt sehr gut verstehen könnte, warum »Michael Jackson und diese Jungs«, das zum Zeitvertreib eingenommen hatten. Man kommt halt so angenehm hypnotisch drauf und, so betonte mein Vater: es bleibt keinerlei Kater zurück von diesem Trip.

Dann schwärmte er von der mikroskopisch kleinen Sonde, die derweil tief in sein Innenleben vorgedrungen war, während er noch von der Substanz hypnotisiert gelegen hatte. Dass dort aus dem Sondenknopf des Winzlings noch eine weitere, noch feinere Spitze, die zudem noch mit einer  Kamera mitsamt Mini-Scheinwerfer ausgestattet, bis in den vom Tumor verstopften Kanal seines körpereigenen Röhrensystems vorausgeschickt ward—all dies gesteuert vom Operateur vor seinem Bildschirm, der den Apparat vermittels zweier Joysticks gesteuert hatte.

Das ist meinem Ingenieur, dem nie etwas zu schwör war, ein Vergnügen—zu recht—dass er nun selbst zum Nutznießer einer Spitze des technologischen Fortschritts wird. Obzwar der Anlaß ja alles andere als erfreulich ist.

STAMME ICH AM ENDE VON DEN SIMPSONS AB?

Meine Mutter schreibt, da war die Sonne gerade erst aufgegangen, dass sie meinen Vater ins Krankenhaus eingeliefert hat. Er ist wohl am ganzen Körper »so gelb wie eine Banane.« Schmerzen tut ihn das Gallenproblem aber nicht. Und bald steht ja auch schon das Fest der Goldenen Hochzeit an—ist das also, mit dieser seiner Gelbwerdung, ein Vorzeichen?

Ich mache mir trotzdem Sorgen. Auch wegen Andy Warhol. Matt Groening, das läßt sich googeln, behauptete angeblich, dass er seine Simpsonfiguren mit gelber Hautfarbe ausmalen ließ, um Aufsehen zu erregen inmitten eines Stromes von Fernsehbildern, die ja, Disney inklusive, sich bis dahin noch am RGB-Schema orientiert hatten.

Ganz in Gelb also im Real life—trippy! Wobei die Grundhautfarbeneinstellung der Emojis ebenfalls eine gelbe ist.
Man müßte gelb schreiben können.

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