»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

Schale Chüpli Stange

Ein Bildschirm verstellt mir die Sicht nach draußen. Beinahe war ich versucht, das geliebte ß durch ein ss zu ersetzen. Niemand hatte mir gesagt, dass es in der Schweiz andere Tastaturen gibt. Ganz kurios: mit zwei übereinander angelegten Tasten für die Umlaute. Einer eigenen Taste für das ç. Und das ß ist eben nicht vorgesehen. Das mußte mir erst eingerichtet werden. Dafür kam eigens ein freundlicher Techniker.

Ach, überhaupt die allgegenwärtige Freundlichkeit. Obzwar oder obschon uns neulich erst in einer nächtlichen Szene vor einer Bushaltestelle ein Fan der Grashoppers androhte, jeden Anhänger deutscher Mannschaften totzuschlagen »So bin ich halt.« Ohne Ausrufungszeichen. Nicht ungefährlich also, bei allem Komfort.

Der aber zeigt sich als immens. Heute war ich beispielsweise Zeuge einer Begebenheit, als eine Frau der Kellnerin 70 Franken als Trinkgeld zu geben bereit war. Diese aber lehnte die Gabe freundlich dankend ab. Ich fand mich zwiegespalten, weil ich selbst diese Franken nur zu gern eingesteckt hätte. Allerdings bin ich jetzt schon so weit helvetisiert, dass ich mir die Forderung versagte, weil ich ja keinerlei Leistung erbracht hatte, um dies Trinkgeld verdient zu haben. Als ich Enea später von meinem Erlebnis erzählte, sagte er »Welcome to Switzerland.«

Ich will vielleicht nicht mehr nach Deutschland zurück.

Das Buffet

Zu Mittag fielen dann erste Tropfen. Und durch die geöffneten Fenster wehte der Duft des Petrichor herein bis zu uns hinauf in den zweiten Stock. Man hatte mir angekündigt, dass es zum Nachtessen ein Buffet geben würde, hier, im Studio. Das Ganze wurde immer und immer wieder erneut angekündigt, so dass ich es bald nicht mehr erwarten konnte, bis es endlich so weit war.

Dann, kurz vor achtzehn Uhr an diesem Tag, kamen, leise auftretend, zwei Frauen zu mir in den Raum. Man isst hier um diese Zeit zu Abend. Man isst ja auch um 12 Uhr zu Mittags, und das zweite Frühstück heißt, der Uhrzeit nach z‘nüeni.

Der Computerschirm wurde weggestellt, das Telefon auf den Fußboden geräumt. Die eine entfaltete eine bestickte Decke, die andere hatte schon die Gläser zur Hand. Käse, Leberkäse, ein Tomatensalat, saure Gürkchen, sowie einige Brote — hell und dunkel gebacken —, wurden rings um die Vase mit Feldblumen aufgereiht.

Im Kreise der Mitarbeiter wurde dann zu einem Schweizer Abend willkommen geheißen. Wir fassten uns, sitzend, einander an der Händen, und alle anderen sangen das Schweizer Lied, dessen Text ja, wie ich da noch nicht wusste, einst von Johann Wolfgang von Goethe, und das nicht ohne Fehler, verfasst worden ward.

Dazu gab es Rotwein aus Italien. Nach zwei Stunden des gemeinschaftlichen Schmausens stand Beda auf und rief: „Auf, schaffe! Sonst bleiben wir sitzen.”

Beinahe so rasch, wie auf meinem Schreibtisch das Buffet entstanden war, wurden seine Reste auch wieder fortgetragen.

Die Frösche quakten wie gewohnt, bis ich zu Hause angelangt war.

Sunshine Reggae

Am Morgen nach dem Sächsilüüte brach der Sommer an. Der »Böögg« genannte Schneemann, dessen Kopf mit Pyrotechnik angefüllt worden war, explodierte 20 Minuten und 30 Sekunden, nachdem sein imposanter Scheiterhaufen in Brand gesteckt ward. Dem Glauben nach war darin eine Prognose für einen weniger guten Sommer zu erkennen. Aber seitdem hat es an jedem Tag 28° Celsius. Und die Stadt offenbart ihre Wunder.

Nächtelang glaubten wir, die schnarrenden Geräusche aus dem Landstrich hinter unserem Haus dürften von Vögeln stammen. Fremdartigen, schweizerischen Vögeln, die sich dort nachts in ihrem vermuteten Schlafbaume stritten. Bis wir dann heute früh eher zufällig herausfanden, dass es auf einer Wiese zwischen den Häusern einen Froschteich gibt, in dem hunderte Laubfrösche ihren Geschäften nachgehen. Quakenderweise. Was sich, aus hunderten Froschblasen herausgedrückt tatsächlich so anhört wie klapperndes Geschrei.

Der Fahrkarteautomat akzeptiert unter anderem Bitcoins. Der Fahrkartenentwertungsapparat knabbert präzise einen Streifen aus der Sechserkarte. Das hinterläßt einen mit befriedigenden Gefühlen. Man freut sich schon auf das Entwerten, wenn es bald schon wieder soweit ist. Morgen soll es angeblich Regen geben. Schaut gar nicht danach aus. Es liegt Schnee auf den Alpen.

On verra.

Dreadlock Holidays

Sehe das alles hier in einem noch einmal ganz anderen Schmelz angesichts meiner morgigen Abreise nach Zürich. Ich hasse das Reisen nicht, ich finde das Ankommen schön (und die Minuten dazwischen verdränge ich »wie ein Mann«.)

In Einsiedeln, nah bei Zürich, soll es einst eine Kapelle gegeben haben, die dann, aus bis heute ungeklärten Gründen, Feuer fing, und insofern bis auf ihren Sockel herunterbrannte, dass dort heute bloß noch die verkohlte Madonnenfigur steht. Man sagt, dass auch darin ein Grund zu finden ist, weshalb der Gott des Dub-Reggae, der sogenannte Upsetter, Lee Scratch Perry, mittlerweile dort, also in Einsiedeln, wohnt. Ich habe mit ihm eine Verabredung. Obzwar ich Reggae nicht mag. Aber er ist eine für mich interessante Person. Zeitweilig, so las ich, trug er um den Hals eine Kette, an der baumelten neben dem obligatorischen Hakenkreuz auch noch das Aral-Signet, sowie eines für »Peace«.

Am 20. März diesen Jahres wurde der Meister, der so ziemlich alles erfunden hat, wozu man heute tanzt, 82 Jahre alt.

Dieses, kaum viel mehr, besprach ich heute mit Anne, während auf dem Vorplatz die Greise flanierten. Plötzlich kam dort eine Dreiergruppe aus Sikhs auf uns zu. Die trugen Turbane in den Farbtönen Himbeere, Dark Lavendel und Neon spazieren. Da wurde es mir, als hätte ich nun endlich meinen Stil für die letzten Jahre gefunden. Anne wiederum zeigte mir auf ihrem Telefon ein Tutorial, wie man sich einen solchen Turban wickelt (man braucht einen Türknauf!)

Schon kompliziert.

Outpost

Eine Wolkenschicht hält vom Licht der Sonne die im warmen Teil des Spektrums wahrgenommenen Strahlungen zurück. Alles erscheint viel zu hell erleuchtet. Stählern. Mich stört es nicht, wenn Die Toten Hosen in dem Text ihres Songs »Wannsee« ihr lyrisches Ich davon fabulieren lassen, mir die Wasser vor dem Fenster anzünden zu wollen (vermittels einer darauf treibenden Schicht aus Öl à la Karl May.) Sind doch bloß Lyrics. Schön, dass es Dichter gibt. Es würde eine vielleicht nicht schönere, aber eine andere Welt, in der alle ihr Augenmerk auf die Dichtenden wendeten.

Der schwer herzkranke Kioskbesitzer hier hat aufgegeben. Der Betreiber des Russenhotels steht eigenen Aussagen zufolge kurz davor. Neulich haben ihm die Antifa-Aktivisten sämtliche Fenster an der Vorderfront eingeschlagen. Die waren in komplizierte, denkmalgeschützte Rahmen gefügt. Die Reparaturkosten sind wohl immens. Er schwört nun — zu wem? — die AfD nicht mehr beherbergen zu wollen. Er schwört ab. Vermutlich halt ist es zu spät.

Ich stelle mir ein Leben als Betreiber des Kiosks vor meiner Tür viel zu idyllisch vor. Die Tage über säße ich dort hinter dem Tresen und läse in dicken Romanen. Über dem Eingang stünde in einer Schrift wie Russisch Brot, aber vergoldet: O U T P O S T.

And Justice for All

Beim Eistütenlecken schauen Frauen wie Männer gleich blöd aus. Gilt übrigens auch für Cunnilingus. 

Dass Reichtum schön macht, beziehungsweise, dass vor allem die gutaussehenden Menschen zu Geld kommen, das läßt sich ganz einfach dabei feststellen, wenn man in der mittlerweile ohnehin teuren Hauptstadt einen Spaziergang von einem elenden Viertel, beispielsweise Moabit auf nach dem sogenannten Mitte unternimmt. Bald nachdem man die triste Schlitzfassadenblockarchitektur des Regierungsviertels hinter sich gelassen hat, scheinen dort die Wege und Gassen gleich weiter; insbesondere bei solcher Wetterlage auch sonnenduchflutet. Und das Volk hier trägt Mode. Die Frauen haben Baseballkäppies auf dem Kopf.

Hinhören tut weh — so man empfindsam ist. Denn es geht halt vor allem um Reiseaktivitäten, mit denen man vor anderen, denen das freilich egal ist, prunken will wie mit Orden. Es ist, so scheint’s, ein jeder zweite hier Kunsthändler; zumindest Ermöglicher, oder eine Fürsprecherin der Kunst. Eine größere Gruppe von Interessenten hat sich hier entschieden, in den Ideenraum Kunst hinauf zu diffundieren. Nicht traditionell, aus der Verzweiflung an der eigenen, materiell spürbar gewordenen Armut heraus, sondern aus Überdrüssigkeit, aus dem konkret verspürten Frust an der gläsernen Decke des eigenen Denkens heraus. Dort war immer nur noch Geld; und wenn man sich angestrengt hatte: noch ein bißchen mehr davon. Kunst also wie ein endloser Nachmittag in einer Badewanne, die einem die Ödheit des eigenen Daseins als ein dem Kapitalismus, eventuell Postfordianismus’ ausgelieferten Subjekts verschwiemelt. Angenehmerweise?

»Wer von Euch beiden ist kreativer?«

Es geht um das Smart System natürlich, das wird hier ausgebreitet und, ganz offen: diskutiert. Das Smart System verlangt nach einer andersartigen Methode, und von daher hört man an jedem Tisch hier eine Leier, die besagt, dass ein Verzicht auf Räumlichkeiten, das Hinaufladen der geistigen Kapazität der Galeristen in die Cloud mitsamt aller Werke das sogenannt Nächste Große Ding wird. Wozu noch Miete? Es wird gelogen, dass sich die digitalen Balken biegen. Die Verkrustungen abschüttelnd löst sich der Verein allgemein auf. Kann man sich den Kunstwerksbesitz in Form von Dateien vorstellen; eventuell an den Wänden des Sammlers dargestellt auf eigens hierfür exklusiv verplombten Supersizescreens?

Am Nebentisch sitzt Slavoj Zizek. Und Bobby Roth schreibt alles mit.

Klassischer Kitsch

Erspriessliches Selbstgespräch nach der Methode Johannes Gross in jenem Biergarten am Magnus-Hirschfeld-Ufer, der ja der teuerste ist in ganz Berlin — noch teurer als der am Schlachtensee —, weil man von dort aus einen unverstellten Blick genießen kann auf das am gegenübergelegenen Ufer gelegene Bundeskanzleramt. 

Vom besten Platz aus, unter schüchterner Frühlingssonne, hat man die Aussicht auf eine den Wahlberlinern gut vertraute Eigenheit der Architektur der Stadt: die Brandmauer. Wobei es sich um eine ungeschlachte Mauer ohne Fenster handelt, die einem dann den Ausblick auf das Wahre und vielleicht Schöne trutzig verstellt. Aber sie muß angeblich sein. Im Falle des Kanzleramtes, sein Architekt ist längst vergessen, wurde diese Mauer noch an ihrer Oberkante mit einem Dreiviertelkreis verziert, aus dessen Ausschnitt etwas hervorlugt, dass an ein nordrhein-westfälisches Gesamtschulprojekt aus den frühen Achtziger Jahren erinnert. Der Slogan der CDU hallt noch immer nach »Kann nicht schreiben, kann nicht lesen: Bin in Nordrhein-Westfalen zur Schule gewesen.«

Sowieso wirkt der gesamte Bau wie im Delirium entworfen. Vermutlich auch deswegen all diese Blöcke, die eine Gedankenflucht des Architekten sozusagen erden sollten. Und wie hineingebissen wirken auf uns Heutige die wie aus Verzweiflung in den Beton der Blöcke eingelassenen Glasfronten. Gut, in einem fensterlosen Bunker regiert es sich wahrscheinlich auch schlecht. Wobei die direkt nebenan benachbarte Botschaft eben dies behauptet. Dort gibt es keinerlei Fenster. Auf dem Tresor weht aber die schöne Kreuzflagge im Wind.

Und dahinter, so als wäre der zu Ostzeiten mühsam finanzierte Sockelstab nun endlich weggeschnitten, ragt die Kugel des in Wahrheit elend weit entfernt stehenden Fernsehturms der ehemaligen DDR heraus. Auf der silbrig schimmernden Kugel zeigt sich zu jener Stunde auch die Reflektion des Sonnenlichtes in Form eines Christenkreuzes, was, glaubt man dem ostdeutschen Urban Myth seinerzeit als Subverversion des eingesperrten Architekten und als Signal an seine eingesperrten Mitdeutschen galt.

Im Biergarten gibt es ausschließlich nur wenig attraktive Vögel. Hauptsächlich Spatzen und Stare (die vom nahen Hauptbahnhof einfliegen). Nicht einmal Amseln. Geschweige denn Rotkehlchen. Man ernährt sich von heruntergefallenen Brezelkrumen und Resten der Aufbackbrötchen, die mit den »Uohriginohl Biährgoarten Klassikern« verkauft werden.

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