»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

21.8.2019

Wenn es nicht so irrsinnig langweilig wäre, würde ich jetzt doch ganz gerne über das Schreiben an sich— Das war ja neulich «bei, oder: an, auf?» dem Abend von Claudius interessant: Ich wollte dort natürlich mit den Jüngeren reden; was die in meinem Alter sich befindlichen zu sagen hatten, kannte ich ja eh (es gab tatsächlich eine akustische Welle, die lief über alle Köpfe hinweg bei der Erwähnung des Wortes «Althen»)…

Ja, aber, was soll ich sagen—schreiben immerhin: die Kaufleute haben doch ganze Arbeit geleistet. Wer heute noch jung ist, und schreibt, der redet von den Schwierigkeiten, sein Schreiben zu vermarkten; von den eigenen Schwierigkeiten eventuell, die sein Geschriebenes hervorrruft, bei der Vermarktung des Grossen und Ganzen, in das er sich eingebettet empfindet, oder zumindest: sieht.

Was nicht ging, was ich mir wünsche, sind Gespräche über die wachsende Unmöglichkeit, eine Schwierigkeit, Text zu produzieren, während man sozusagen beschossen wird mit Bildern, mit vorläufigen Meldungen, mit Vagestem. Selbst in der Zeitung! Die ja, leider, auch dabei mitmacht, weil wohl Kaufleute empfehlen, diese Ecke schwarz anzumalen. So gab es vorgestern erst ein grosses Foto und darunter stand eine Zeile, die als Meldung gedacht war «Ein Jet im Kornfeld». Aber dieses fehlgelandete Passagierflugzeug stand tatsächlich in einem Maisfeld. Als weitgereister, polyglotter (und Corn Flakes essender) Leser versteht man das irgendwie, das geht schon: Corn equals Mais. Und trotzdem.

Ich würde da gerne noch einmal, wie es heisst: zurückkommen auf meine ursprünglich geäusserte Idee zu einer Zeitschrift. Monatstitel, eventuell auch Quartalsschrift. Titel jedenfalls «Texte zum Text».

20.8.2019

Komisch eigentlich: plötzlich sitzt so eine dieser Wanzen bei mir auf dem Fussboden—die waren doch im letzten Sommer die Plage in Frankfurt. Und ich, ich konnte immer behaupten: Bei uns in Berlin gibt es die aber nicht. Als ich die jetzt heute furchtlos anpackte, um sie aus dem dritten Stock auf die Terrasse des Kette-Rauchenden-Kehlkopfmikrofon-Lord-Vaders herunter-zu-schmeissen, hinterliess dieses Insekt an meinen Fingerspitzen doch seinen eigenen Geruch—um es mit Mark Murphy zu sagen: Out of this World.

Dämlich auch: dieses Buch von Evelyn Waugh «Scoop»: also wenn das einer der bedeutendsten Romane der britischen et cetera, et cetera, sein soll—dann gut nacht um sechse, wie es in meiner Provinz so schön heisst. Als ich in Addis Abeba einst in das älteste Hotel des Landes eincheckte für ein Jahr, konnte man sich dort kaum zurückhalten, mir an jedem neuen Morgen zu erklären, dass nun in genau diesem Zimmer (Zimmer Nummer 102, für Amharic-Freaks: Meto Hulet),  in dem ich nun wohnte, vor ein paar Jahren erst (es waren deren 80) «dieser andere Schriftsteller» (Waugh) gewohnt habe. Seinen Namen hatten sie freilich vergessen. Es gab ja auch keine Buchläden in Addis, der Hauptstadt Äthiopiens. Die Strassenhändler verkauften «Atlas Shrugged», und die Lebenserinnerungen von Barack Obama.

Wobei es dann am Ende doch eine gute Szene gibt in Scoop, da ist der Held heimgekehrt aus dem fiktiven Land und isst erstmals wieder unter Engländern: «Das Abendessen zog sich fast eine Stunde hin, doch nicht etwa wegen einer Überfülle oder gar Abwechslung an Gerichten. Es war ein ziemlich schlechtes Essen…» Und das aus dem Munde eines Briten. Er fährt weiter unten fort, mit «Im Laufe der Zeit hatte sich bei jedem Mitglied der Familie Botte ein persönlicher Essstil entwickelt; vor jedem Gedeck war ein kleiner Vorrat an Zutaten und Gewürzen aufgebaut, alle mit dem Namenszug ihres Besitzers versehen: Zwiebelsalz, Bombay-Fischpulver, Gürkchen, Knoblauch-Essig, Dijon-Senf, Erdnussbutter, Puderzucker, verschiedene Sorten von Keks (*die Übersetzung ist durchgängig nicht gut) von Bach und Turnbridge Wells, Parmesankäse und noch ein Dutzend anderer Töpfe und Flaschen und Blechdosen, die sich zwischen dem schweren Georgischen Silber lächerlich ausnahmen. Onkel Theodorhatte eine kleine Spiritusflamme und ein Rechaud, auf dem er sich eine Sauce zusammenbraute. Die Gerichte, wie sie von der Küche hereingeschickt wurden, waren eher Grundbestandteile, als die Küche selbst.»

Quirky, isn’t it. Da muss man doch gar nicht mal gross England-feindlich gesinnt sein, um das provinziell zu finden. Aber manchmal, im Grunde ziemlich oft, ist es ein Textfeld wie dieses hier, von der Grösse einer Visitenkarte, das ein wenig besuchter Autor bei mir hinterlässt.

Armutsessen gab‘s übrigens auch so ähnlich bei uns hier, in der BRD: Ich war mit meinen Grosseltern manchmal Zelten in Jesolo (Italien), da hat die Grossmutter eine von ihr sogenannte Pasta Asciutta angerührt, die bestand, aus heutiger Sicht erinnert, aus: Corned Beef, Tomatenmark, Zwiebeln, Salz und Pfeffer, wahrscheinlich Maggi und, freilich, Spaghetti. Schmeckte uns, Jahr für Jahr: hervorragend. Und ob jetzt Italienisch (in Italien), oder nicht original, das interessierte uns damals nicht.

19.8.2019

Am Nachmittag mit Buch im Park, auf der Suche nach einem Platz im Schatten. Schön warm, die Laune steigt, nachdem es gestern beinahe den ganzen Tag lang geregnet hatte. Wovon die App, die sonst doch alles weiss, nichts gewusst hatte. Der Luftdruck, bekanntlich vom stationären Barometer abgelesen, war erstmalig auf unter Tausend Hektopascal gefallen. Einer meiner Theorien nach, nämlich der traurigen Wissenschaft von meiner durch Schlechtwetter niedergedrückten Laune besagt, dass ich mich speziell beim Blick aus dem Fenster auf ein unablässig regnendes Draussenbild an meine Jahre als Kind erinnert sehe, wenn ich eigentlich etwas anderes mir vorgenommen hatte, etwas draussen, an der frischen Luft, aber dann fing es zu regnen an und egal wie intensiv ich aus dem Fenster starrte, das Regnen liess sich nicht wegmagnetisieren, es hörte einfach nicht auf.

So ähnlich. Ausserdem wird es jetzt ja an beinahe jedem Tag noch früher dunkel. Gestern brauchte ich um kurz nach acht schon künstliches Licht. Meine Überlegung, dass ich mir für die kalte Jahreszeit die Beschäftigung mit Bundesligaspielen antrainieren könnte, musste ich nach wenigen Anläufen verwerfen. Ich habe es in 42 Jahren nicht geschafft, mich für Fussball zu interessieren. Es wird einfach nichts mehr. Aber Frankfurt besiegt Hoffenheim 1:0 und, etwas closer to home: das Eichhörnchen die Tauben. Jetzt macht es manchmal Geräusche bei der Arbeit. Wenn es aufwippend in einem Zweig gelandet ist. Ein gutturales Zwitschern, ein Knacken, ganz allein vor sich. Bestimmt ist es schwanger.

Im Feuilleton stand heute in der Kritik eines Hörbuchs zum Thema Alkohol der wahre Satz, dass es für Heroin im Grunde keine öffentliche Genusskultur gibt (verglichen mit der für Bier). Seltsamerweise empfinde ich Heroin vor allem als Schlechtwetterdroge. Jedenfalls nicht als sommerlich. Bier hingegen als jahresrund.

Rainald Goetz, am 31.10.1998: «Im Grunde geht es um Heiterkeit». Kurz darauf stirbt Niklas Luhmann und das Dramolett mit dem Matratzenkauf nimmt, wie es heisst: seinen Lauf. «Sie reisst das Plastik auf, und ich vertiefe mich in den Neugeruch der Latexmatratze. Leider bin ich kein Gummifetischist.»

18.8.2019

Die Tauben sind zurück. Nachdem ich aus der Verzweiflung kurz der wahnhaften Idee verfallen war, das Eichhörnchen könnte das Nest allein zu dem Zweck renoviert haben, um die Taube anzulocken mit dem Hintergedanken, sie ihrer Eier zu berauben; und der damit einschiessenden, noch wilderen Fantasie, das Eichhörnchen konspiriere mit der Krähe zu diesem Zweck; die beiden beabsichtigten mit der Beute halbe-halbe zu machen, gab ich es vorläufig ganz auf und mich selbst anheim: dem traurigen Naturtheater. Wie denn überhaupt konspirieren—gestisch? Pantomimisch, animalisch-telepathisch? Und wozu brauchte ein Eichhörnchen Hintergedanken? Seine Handlungen, wenn nicht gar die Wesenshaftigkeit seiner Erscheinung müsste der Taube doch hinlänglich schleierhaft sein. Sozusagen unbegreiflich. Aber wie es auf der (aus dem Indischen übersetzten) Anleitung meines Tees so richtig heisst «Boil the water fully, But do not Overboil».

Die London Review of Books hat einen interessanten Text, der an die Zeit erinnert, als London noch die grösste Stadt der Welt war: Am Ende des 19. Jahrhunderts lebten dort wohl noch viel mehr Menschen als in New York City, und selbst Tokio war damals um 5 Millionen Einwohner zahlenmässig unterlegen. Ein Buch von Brenda Assael beschreibt die erste Blüte einer Restaurantkultur in dem London dieser Ära, als allabendlich Millionen die Gasthäuser füllten, die, man glaubt es kaum, mehrheitlich von Deutschen betrieben wurden. Bevor diese Einwanderer die gastronomische Landschaft der Hauptstadt bereichert hatten, ernährte man sich dort angeblich zu einem überwiegenden Anteil von Koteletts (Hammel, Schwein, Lamm) und als Beilage gab es traditionell Porridge. Dann ändert sich die britische Esskultur zumindest in London für ein paar Jahrzehnte, aber dann beginnen die Vorbereitungen für den Ersten Weltkrieg, und die gastronomischen Wanderarbeiter verlassen die Insel. Dann Weltwirtschaftskrise, dann Zweiter Weltkrieg. Claudia Roden hat mir das einst erzählt, als ich sie für ein Interview in ihrem Haus in Golders Green besuchte: Wie das war, als sie in den fünfziger Jahren mit ihrer Familie auf der Flucht vor dem Sechstagekrieg in London angekommen war; wovon die Londoner sich da ernährt hatten (Spaghetti On Toast). Und sie war an die üppige und variantenreich zusammengestellte Kost des Mittleren Ostens gewohnt.

Dann gab es, auch befördert und betrieben durch Leute wie Claudia Roden (die ein Haus neben dem von George Michael hatte), aber halt auch eingebracht durch Tausende von Libanesen, Österreichern, Franzosen, Deutschen, Italienern, Indern, Arabern und Japanern und Taiwanesen und Vietnamesen und immer so weiter und immer so fort ein paar Jahrzehnte lang bis ins 21. Jahrhundert hinein eine mehr als anständige Esskultur nicht bloss in London, sondern sogar auf dem englischen Land.

17.8.2019

Grau und, für mein Empfinden: dräuend, dabei unerlöst blieb der Himmel gestern bis in meinen Nachmittag hinein. Er ragte. Was mich verdriesslich stimmte, vor allem weil ich mir dazu dachte: besser, du gewöhnst dich daran. Dazu kam, dass ich mir rasch ein Wissensgebiet aneignen sollte und dazu in amerikanischen Websites lesen musste. Es nervt derart brutal, wenn bei jeder Bewegung ein Banner hereinfährt und fragt, ob ich ein Abonnement abschliessen will. Oder zumindest den Newsletter abonnieren? Was ist das für ein Umgang mit Text? Ich weiss schon, aber es ist für mich ein deprimierender Einblick ins Denken, wenn man den Leuten, so sie nicht freiwillig zahlen wollen, absichtlich auf die Nerven geht. In dem Zusammenhang war ich freilich schon perforiert durch das Geschehen vor meinem Fenster. Vor einer Woche erst hatten zwei Tauben das von dem Eichhörnchen mühevoll ausgebaute Restnest in dem Baum dort in Beschlag genommen. Die eine fing dann auch umgehend zu brüten an. Was zu meiner schlechten Laune beitrug, denn das Nest ist für ein Eichhörnchen zwar leicht zu erreichen zwischen steil aufragenden Ästen in der Krone des Baumes versteckt, für einen plumpen und doch ziemlich grossen Vogel wie die Taube gibt es aber keine angemessene Einflugsschneise, weswegen die Ankunft des nicht brütenden Partners mit dem für Tauben typischen Rascheln begleitet wird. Sowieso sind sämtliche Geräusche von Tauben unschön. Ihr monotones Rufen klingt für meine Ohren so, als ob jemand eine Kuckucksuhr lose in Butterbrotpapier eingewickelt hält, um dem dämlichen Kuckucksruf der Apparatur zu zusätzlich scheppernder Resonanz zu verhelfen. Es hat etwas seelenloses. Zudem sind diese Tauben noch grau.

In derlei taubentrüben Gedanken versunken, wurde ich beim Rühren einer Suppe von einem anders raschelnden Flattern alarmiert. Und kam gerade noch rechtzeitig, um die Nebelkrähe zu bezeugen, die inmitten des Nestes stand, nicht hockte, und sich den Schnabel wischte, an dem noch Eierschleim klebte. Von der Taube war nichts zu sehen. Auch war der Kampf, bis auf das Flattern, ruflos abgelaufen. Spektakulär der Abflug der Krähe von der Raubstätte. Das Tier ist ja noch einmal doppelt so gross wie eine Taube, aber halt auch doppelt so stark. Sie bricht aus dem Geäst wie ein Hirsch; segelte in weitem Bogen davon.

Heute früh das Grau am Himmel. Noch zeichnungsärmer, fader, in sich verblasst über Nacht. Das Nest verwaist. Ich spürte ein minimal schlechtes Gewissen, weil mir die Krähe so vorkommen will wie mein Agent; als ob sich in ihrer Tat mein Wille manifestiert hätte. 

Dann ein wieder anderes Rascheln: das Eichhörnchen war zurück und begann mit dem Wiederaufbau des Nestes. 

Auf dem Küchentisch: Ein Gedicht von Goethe. Er schreibt (weder heftig, noch schwach): 

So sollst du, muntrer Greis,

Dich nicht betrüben,

Sind gleich die Haare weiss,

Doch wirst Du lieben.

16.8.2019

Der neue britische Hofdichter Simon Armitage, seit Mai im Amt, hat ein Auftragswerk über die Krebsforschung verfasst, das auf einer Tablette graviert unters Volk gebracht werden wird. Interessant, dass es dort noch immer einen Hofdichter gibt—was der wohl verdient? Ich lese, dass es sich um den für Dichter gar net mal schlechten Jahreslohn von 5750 Pfund handelt, dazu noch ein «Barrel» voll Sherry. Interessiert mich natürlich, wieviele Liter in so ein Barrel abgefüllt werden. Und schon befinde ich mich mitten in einer unübersichtlichen Tabelle, den es gibt nicht etwa ein Raummass namens Barrel, sondern sehr viele. Teilweise müsste ich, um auf die exakte für den britischen Nationaldichter abgefüllte Ration Sherry zu kommen in ein mir bis dato völlig unbekanntes «Pariser Kubikzoll» umrechnen. Selbst dann aber unterscheiden sich noch die Barrelmasse von Bier und Wein (vom Erdöl ganz zu schweigen). Sherry bleibt unerwähnt.

Der Luftdruck ist sachte gestiegen auf 1004 Hektopascal.

15.8.2019

Der Himmel fuhr seine Gefährte heraus: weiss und ausgreifend, an Bug und Rändern wolkig geraten, entglitten die Schiffe seiner grossen Hand.

Währenddessen kam es im Edeka «bei mir um die Ecke», zu einem spektakulären Zwischenfall, bei dem ein als Kunde getarnter Dieb festgenommen wurde vom Ladendetektiv, weil er, vor dem Getränkeregal stehend, möglicherweise aber auch schon im Bereich der Frischfleischtheke den Inhalt der kleinen Flasche (0,3 Liter) Gerolsteiner Mineralwasser (in der «Sommer Edition») ausgetrunken hatte, ohne diese offenbar bezahlen zu wollen, sondern obendrein auch noch diese von ihm geleerte Flasche in den hauseigenen Pfandautomaten einzuführen, um sich dann an der Kasse den Bon in bar erstatten zu lassen. Für alle, also vor allem für mich, die noch nie richtig begreifen konnten, wie der Betrug mit sogenannten Cum-Ex-Geschäften funktioniert: vom Prinzip her genau so.

Dass die überhaupt noch Ladendetektive haben! Aber vermutlich ist damit bald auch Schluss, denn eine Ära geht zu Ende und dieser, der letzte Edeka seiner Art in Berlin schliesst für sechs Wochen, weil er modernisiert werden soll. So steht es jedenfall auf den Plakaten. Bis dahin will ich mich noch ein bisschen sattsehen an den Metzgersfliesen und den Spiegeln über dem Angebot von «Obst». Sattriechen auch an dem anheimelnden Duft, dem Supermarktduft meiner Kindheit, dem unvergleichlichen Gemisch aus Banane und Schatten und Kühlaggregaten, Bodenreiniger und noch etwas anders Seifigem und ganz viel Karton.

Eine Wiedereröffnung wird es nicht geben. Der modernisierte wird ein anderer Edeka geworden sein. Nichts, das nicht schwönde, wie Rainald Goetz geschrieben hat (vor 20 Jahren). Am 24. August macht Markus das Schädels dicht. Vier Monate noch bis Weihnachten.

I want a Range Life, Honey.

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