»2016 – The Year Punk Broke«

»2016 –
The Year
Punk Broke«
Tagebuch

31.5.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieses viele Grün vor meinem Fenster in ein paar Monaten bereits wieder komplett verschwunden sein wird. Ich kann mich nur noch vage daran erinnern, wie das vor ein paar Wochen hier noch ausgesehen hat. Als ich in Peking war, ist mir erst nach ein paar Tagen aufgefallen, dass es dort in der Innenstadt keine Pflanzen gibt. Der Himmel war sowieso immer gleich, neblig grau, auch nachts, manchmal regnete es kurz. Ich wohnte da in einem Hotelzimmer, im 78. Stockwerk, vom Fenster aus blickte ich direkt auf das Rem-Koolhaas-Gebäude, das mittlerweile von Baustellen umgeben war. In den folgenden zehn Tagen wuchsen mir von dort unten neue Häuser entgegen.

30.5.

Patricia Bateman (Idee für einen Roman)

29.5.

Erik rief an, da lag ich gerade auf dem Steg rum, um zu fragen, ob die Inkubation nun abgeschlossen wäre. Ich sagte »Noch nicht ganz.« Abends fuhr ich dann bei bestem, lindem Frühlingswetter in die Stadt und vor der Betonkirche St. Agnes saßen artig aufgereiht eins, zwei, drei, vieleviele Blogger aus Japan mit ihren Kameras und warteten.

Fünfzehn Jahre 032c – eine Zeitschrift aus Berlin, bekannt vor allem außerhalb Deutschlands, weil sich Jörg Koch von Anfang an dafür entschieden hatte, in englischer Sprache zu publizieren. Wahrscheinlich wirkte das gestern nur so stark auf mich, weil ich ja gerade auf dem Rittergut Schnellroda gewesen war, und Götz Kubitschek vergleichbar lange schon als Kleinverleger aktiv ist.

Jörg Koch und sein »Manual for Freedom, Research and Creativity«: krasser Gegenentwurf zu Götz Kubitschek und seiner »Sezession – Right Is Right and Left Is Wrong«. Vor allem ist 032c halt wirklich radikal. Dazu sieht 032c halt auch ultra aus.

Im Eingangsbereich wurden in der Konstantin-Grcic-Vitrine die Standbilder aus Ralf Schmerbergs ultimativen Berlin Film ausgestellt, die, natürlich, überhaupt gar nicht in Berlin entstanden sind, sondern in Chandigarh und sonstwo noch. Im Heft selbst sind das dann 70 Seiten, gedruckt nach allerneuesten Methoden auf dem allerbesten Papier, das Heft selbst, am Anfang noch auf Zeitungspapier und ohne Fotos, mittlerweile seit mehr als zehn Jahren in Basler Bindung, Art Directed by Mike Meiré. Alles an 032c, um 032c und um 032c herum ist, wie Martin Fry es einst sang, »So hip, it hurts« – gewiss, aber mach das erst mal selbst, fünfzehn Jahre lang.

Und zwischen der Vitrine und dem roten Block aus Heften, der bis ins erste Stockwerk hinauf sich türmt, stand das Kind hinter der Popcornmaschine und siezte die Gäste und freute sich an seiner Aufgabe im Familienunternehmen. Während oben auf der Terrasse mit Aussicht auf den Betonkirchenturm sich die Gäste vor allem darüber unterhielten, dass es hier endlich mal andere Gäste gäbe: »anders als sonst«. Und dann ging die Sonne unter. Und der Beamer ging an. Und man schaute gemeinsam, auf den breiten Turm der Betonkirche projeziert, den Film über ein mögliches Berlin in naher Zukunft an. Textbuch: Helene Hegemann.

28.5.

Der Process des Inkubierens, wie Carl Gustav Jung ihn benannte, ist das Fürchterlichste am Schreiben. Vielleicht nur für mich (und ein paar andere, die ich nicht kennengelernt habe). Ein innerer Vorgang, darüber gibt es nichts zu vermitteln, er macht stumm und blöd auch, wie ich finde, auf jeden Fall aber einsam. Das Material liegt vor, es ist viel zu viel geworden, das Sortieren erscheint unmöglich. Wegwerfen aus Angst, ansonst gar nichts mehr daraus machen zu können. Objektvermeidung, Michael Balint beschreibt den unbehaglichen Zustand als das Dämmern eines Matrosen im Hafen, solange er nicht in See stechen kann, als das Dämmern eines Astronauten vor dem Countdown, als das Dämmern eines Abfahrtsweltmeisters in der Talstation.

Selbst nach vielen Jahren, und auch nach tausend Seiten und mehr, gibt es kein Gefühl dafür, wann das Inkubieren sich dem Ende zuneigen wird; wann das Belastende, das Verstopfte, mein Gefühl des vom Material überhäuften, einmünden wird in die Lösung. In meinem Falle war das bisher immer der erste Satz. Ein Einstieg, dann die Luft lange anhalten und dorthin, wo eines das andere ergibt. Das ist eine geliehene Vorstellung, das ist mir schon klar, sie stammt aus einem Film, bei dem jemand durch ein Loch unter die Eisdecke eines Sees bricht und zurückwill an die Luft und ans Licht. Und aus Race for Your Life, Charlie Brown (die Szene mit dem Wasserbett).

27.5.

Komisch, dass ich den Geflügelzüchter von Schnellroda automatisch für einen brutalen Typ hielt. Dementsprechend hatten wir uns mit gedämpften Stimmen an seinen Hof herangeschlichen, um die neben seinem Eingangstor angezweckte Liste der zum Verkauf angebotenen Arten von Enten und Hühnern abzufotografieren. Da hielt hinter uns ein silberner Geländewagen und das war der Bauer selbst, der dann ausstieg und uns freundlich »Guten Abend« sagte (es war ja schon weit nach 18 Uhr und im Gasthof, dem einzigen des Dorfes, saßen die Männer und säbelten in Spiegeleier mit Pommes frites). Ein untersetzter Mann mit breitem Lächeln, der mir gerne noch die paar Enten verkaufen wollte, nach denen ich ihn gefragt hatte, um unser Herumlungern und Plakatabfotografieren zu rechtfertigen. Fand er auch nur ein bisschen kurios, wie es schien, dass wir um diese Zeit noch nach lebenden Entenküken fragten.

»Ich glaube, die kosten drei Euro das Stück«, sagte er. Ganz hinten, am Ende des weiten Innenhofs in einer Nische saß seine Familie um einen Tisch, und er rief nach seiner Tochter, die für den Stall mit den Küken verantwortlich war. Das Mädchen kam, brachte den Schlüssel, sie begrüßte uns knapp und sperrte auf, blieb aber gleich bei der Tür stehen, während wir von einem Gehege zum anderen gingen, wo unter Wärmelampen hunderte fluffiger Küken umherwuselten. Die gedrungenen Sachsenenten, Wildenten, kleine Hühner ganz hinten, aber uns gefiel vor allen anderen die sogenannte Laufente, die ich bislang nur aus einem Buch von Wolf Erlbruch kannte – Ente, Tod und Tulpe –, und die ich, ohne jemals nachzuschlagen, für eine zeichnerische Erfindung Erlbruchs gehalten hatte. Die sind langgezogen und sehen schon im Kükenalter aus wie Flaschen für Riesling auf zwei Watschelbeine montiert. Ich würde ein Paar dieser Enten, so stellte ich es mir vor, in die Steggemeinschaft aus Blässhuhn, Schwan und Wildente eingemeinden, und könnte ihnen dann jeden Morgen und noch einmal am Nachmittag beim Aufwachsen zuschauen: »Ginge das«, fragte ich den Geflügelzüchter, »dass wir die jetzt in einen Karton mit Luftlöchern in den Kofferaum bei uns stellen und dann über Nacht drin lassen, weil wir haben hier noch ein paar Stunden was zu tun, fahren aber heute Nacht noch zurück nach Berlin – so um Mitternacht könnten wir sie dann freilassen. So eine Lampe haben wir aber dort nicht.«

Die Tochter schüttelte den Kopf. Eine Geste, die er sich mit einem Blick von ihr abholte. »Nein, das geht nicht«, sagte der Geflügelzüchter, ein unerwartet sanftmütiger Mann. »Das würden sie nicht überleben.« Aber er gibt uns eins von den Plakaten mit, das wir vorhin noch abzufotografieren versucht hatten. Unter den Laufenten steht »Gute Schneckenvernichter«. Ich kann es mir bildlich vorstellen, jetzt, wo ich sie in natura erlebt habe.

26.5.

Auf dem Grunde des jeweiligen Gefäßes angelangt, produziert die Saugpumpe freilich hässliche Geräusche. Erinnerungen an Muriel’s Wedding drängen sich da quasi automatisch auf; dort aus der Szene, in der Muriel, gespielt von Toni Colette, im Kreise ihrer vermeintlichen Freundinnen in einer Milchbar an den letzten Resten ihres Milchmischgetränkes schlürft; selbstvergessen, es wurde inzwischen still, woraufhin eine der Frauen aus der Runde alle außer Muriel angesichts der Geräusche aus Muriels Strohhalm beschwichtigt: »Lasst sie doch erst einmal in Ruhe ihren Orgasmus austrinken.«

Der Satz danach, und der Blick, gehört in die Filmgeschichte (meiner Meinung nach).

25.5.

Als eine meine Abiturprüfung vorbereitende Maßnahme sollte ich in den späten achtziger Jahren einen Erörterungsaufsatz schreiben hinsichtlich einer dabei vorgegebenen These »Wer die Sprache beherrscht, beherrscht seine Mitmenschen«. Ich verstand die Frage nicht, arbeitete mich anhand der beigebrachten Werkzeuge von Pro und Contra zu einer Conclusio durch, deren Inhalt mir höchstwahrscheinlich zu Recht nicht in Erinnerung geblieben ist.

1993 wurde im Spiegel der legendäre »Anschwellende Bocksgesang« von Botho Strauß veröffentlicht. Ich nahm die Reaktionen darauf so wahr, dass es sich bei diesem Autor, den ich bis dato nicht kannte, um einen Punk handeln musste; las infolgedessen alles, was er je geschrieben hatte und fortan noch schrieb, und fand seine Sprache zwar nicht beherrschend, aber in höchstem Maße alkoholisch. Apropos Tyrannenmord:

»Das jetzt vernehmbare Rumoren, die negative Sensibilität der feindlichen Reaktionen, die sofort Tollheiten des Hasses werden, sind seismische Vorzeichen, Antizipationen einer größeren Bedrängnis, die sich durch jene ankündigt, die sie am ärgsten spüren werden. Das ›Deutsche‹, das sie meinen, ist nur ein Codewort, darin verschlüsselt: die weltgeschichtliche Turbulenz, der sphärische Druck von Machtlosigkeit, die parricide, die anti-parricide* Aufwallung in der zweiten Generation, Tabuverletzung und Emanzipation in später Abfolge und unter umgekehrtem Vorzeichen, die Verunsicherung und Verschlechterung der näheren Lebensumstände, die Heraufkunft der ›teuren Zeit‹ im Sinne des Bibelworts**; es ist der Terror des Vorgefühls.«

* Vatermörder, beziehungsweise dessen Gegenteil (?) (Anm. JB)
** 1. Buch Mose 41, 27 (Anm. JB)

Smoke and Mirrors

Von daher: 14 Uhr 30 Ankunft in Jena von Berlin Hbf. Erik wird mich abholen. Von Erfurt aus sind es noch eineinhalb Stunden über Land bis Steigra in Sachsen, wo im Ortsteil Albersroda das Rittergut Schnellroda zu finden sein soll. Leider, leider hat Erik seinen Defender verkauft und wir werden in seinem modernistischen Shopper dorthin fahren. Der Kleinwagen hängt hinten tief runter, denn im Kofferraum befinden sich die Waffen des Lichts.

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