»2016 – The Year Punk Broke«

»2016 –
The Year
Punk Broke«
Tagebuch

5.12.

Ein Platz wird gebaut, in der Frankfurter Innenstadt. Die Geräusche der Baumaschine dringen von weit her durch die geschlossenen Fenster. Als Abwechslung finde ich es schön, wenn es morgens mal nicht still ist draußen. Die Maschine ist, ohne aus dem Fenster zu schauen, schwer bis unmöglich vorzustellen. Die Geräusche klingen lange erst so, als ob es sich um eine Maschine handelte, die etwas Schweres, Klumpiges aus Eisen zwischen zwei aufrecht stehenden Platten aus Eisen hin- und herschüttelt wie einen Klöppel. Dann entsteht eine Pause und es rührt und röhrt nur der Motor. Es wird vollkommen still und dann werden übergangslos und kurz hintereinander eiserne Röhren, in etwa zweieinhalb Meter lang, die einen Durchmesser von 50 Zentimetern haben, eine kurze Rampe hinuntergerollt. Daraufhin noch einmal der Motor in seinem geräuschvollen Leerlauf. Und das Ausschütteln von eiserner Schmutzwäsche aus einer eisernen Tüte. Es sieht so aus, als ob rings um den Platz schwarz lackierte Poller in den Erdboden eingelassen werden. Vor einer Häuserwand steht ein Erdbohrer bereit. Außer einem kleinen Bagger ist keine weitere Maschine zu sehen.

Gestern waren im Palmengarten die Becken und Teiche dünn vereist. Da mit der Stiefelspitze vorsichtig aufdrücken und dieses langgezogene Quietschen, bevor das Eis ins schwarze Wasser bricht – die Sonne schien aus klarem Himmel, an dem der dünne Mond erschienen war. Ein Kondensstreifen führte durch sein Bild hindurch, als ob er daran aufgefädelt würde. Es gab natürlich noch so einige Kondenstreifen zu bewundern, bevor es dann dunkel wurde (übrigens weit später als in Berlin; es bleibt hier länger hell am Nachmittag, weil Süden vermutlich). Ich dachte an das I Ging, das im letzten Sommer gesagt hatte, dass der Südwesten Rettung bringen wird. Wie kann das sein?

Eine junge Frau und ein junger Mann, beide aus Russland (zumindest werden sie Russisch angesprochen von einem Fotografen mit professionell wirkender Kamera) posieren im letzten Sonnenlicht. Hier werden die Spielszenen für eine Pornogeschichte ausfgenommen. Das sieht man den Posen, das sieht man der Kleidung (vor allem seiner!) deutlich an. Der Fotograf ordnet ihr an, vor einem teils bereiftem Rosenbusch niederzuknien und eine dort im Sonnenlicht hängende Rosenblüte mit spitzen Fingern an ihr Gesicht heranzuziehen. Sie soll dort im Knien vor dem Rosenbusch die Rose zwischen die Lippen nehmen, während ihr Begleiter etwas abseits neben ihr steht und ihr die Hand tätschelnd an den Hinterkopf legt.
Denkbar, dass die Nackthandlung dann in einem der Gewächshäuser inszeniert werden würde, weil es dort drin hot and steamy zugeht, aber praktisch wird es dann doch die Behindertentoilette des Café Siesmeyer oder halt ein Hotelzimmer geworden sein, weil in den Gewächshäusern des Palmengartens herrschte sonntäglicher Publikumsverkehr comme d’habitude.

Ansonsten aber nur wenige Passanten zwischen den schönen Häusern. Komisch, dass mich die Architektur, sogar oder gerade die des Einkaufscenters hinter dem Messeturm, noch einmal ganz anders ergreift, wenn es kalt ist (und alles Lebendige entweder drin bleibt, oder erstarrt; die Nilgänse jedenfalls, die ich in einer kleinen Anlage dort sah, standen wie geschnitzt auf ihren dicken roten Beinen herum).

Früh zu Bett mit der Nachricht von Norbert Hofers Niederlage in Österreich. Endlich mal eine gute Nachricht. Mal wieder.

4.12.

Freilich habe ich mir dann doch noch einen kleinen Scherz erlaubt mit meinen beiden Schnecken. Und zwar einen practical joke, einen, wie es nicht erst mittlerweile heißt, prank – ich bin mir sicher, dass Sie ihn nicht verstehen werden. Aber was soll’s! Ich stelle es mir so dermaßen lustig vor, aber leider werde ich ja nicht zugegen sein können, wenn die Sache steigt, die Bombe platzt gewissermaßen und von daher stellt sich jetzt die Frage, ob ein Witz auch witzig sein kann, wenn ihn niemand mitkriegt, also an sich? Daoisten wie Jorge Luis Borges fällt dazu vermutlich der Sound of one Hand clapping ein.

Ich hingegen habe den Schnecken ein rohes Ei unter ihre Kuppel gelegt. Sie sind ja ganz verrückt nach Kalk und fräsen jede Woche den Gipfel einer Frühstückseierschale kurz und klein. Nun, da sie allein zu Hause sind, werden sie sich nach dem Zerschleimen des Gemüsebergs mit Wonne auf das monolithisch umherkullernde Ei stürzen, um dessen Schale wie gewohnt mit ihren unermüdlichen Radulen zu beackern. Dass diese ihre Knochenschaufelräder scharfzackig sind, erwähnte ich ja gestern bereits. Um dann aber, hier kommt der Prank mit dem Arbeitstitel Après nous le Déluge, nach ein paar Tagen durch die Schale zu brechen wie üblich. Gänzlich neu wird ihnen dabei sein, dass ihnen aus dem Raum hinter dem Loch in der Eierschale, aus dem Eiinneren also, eine Riesenmenge zimmerwarmen Schleims entgegenquellen wird (ob Schnecken mit ihren Fühlerpünktchen Farben sehen können, ist noch nicht erforscht). They met their master, so to say. Das ließe sich jetzt ewig weiterspinnen, ob dann die von Eiklar gänzlich verschütteten Schnecken in diesem Ei, aus dessen Schoß quasi die Schleimmassen quollen, ihren Gott und Überschneck erkennen wie einst die Ewoks auf dem Waldplaneten Endor im goldenen Roboter C3PO den Ihrigen et cetera. Aber es wird ja leider, wirklich leider so sein, dass ihnen zur Epiphanie der hierfür nötige Geist fehlt. Schleim zu Schleim gewissermaßen.

Ich finde es trotzdem derart lustig. Also die Vorstellung! Mir hat sie die ganze Bahnfahrt versüßt (und den Rest besorgte der sogenannte Relaunch des Bahnmagazins Mobil), wie ich mir diesen tunnelhaften Moment des Durchbruchs in Makro und unter der Zeitlupe wieder und wieder in Gedanken habe vorspielen lassen: Wie das Eiklar mit monströs gedehnten Quellgeräuschen aus dem Loch lappt und beide Schnecken (mit winzigen golden spiegelnden Bauarbeiterhelmen auf) gurgelnderweise mit sich reißt. Dagegen war die arme Kuh, die neulich auf meiner Rückfahrt auf Stuttgart vom ICE überfahren wurde, geradezu gar nichts. Wobei: ein bisschen halt doch (aber auf der Fahrt zum Bahnhof hatte ich in der S-Bahn neben einem Mann Platz genommen, der eine Augenbrauenprothese auf hautfarbenem Plastik montiert trug (darunter, sie saß nicht ganz perfekt, lag schwarz im Schatten seine Augenhöhle ohne Augapfel drin, das war ganz schön gruselig!)).

Vor dem Fenster draußen, wir hielten in Wolfsburg, stand der Rauch wattehaft über den Schornsteinen des schönen ziegelbraunen Komplexes. Ein Sonnenuntergang in Grün und Gelb durch staubige Scheiben. Die in Orange beleuchteten Outskirts von Hildesheim. Dann Stadt des Wissens. Ich vervollständigte die zarte Silhouette des Mondes mit der Zeigefingerspitze in die Luft malend zu einem in Schreibschrift geschriebenen Z (also nahm er zu und es würde schon bald wieder mal Vollmond sein). Kurz vor Fulda (die Barockstadt hat einen neuen Zusatznamen und nennt sich jetzt auf den Bahnsteigschildern »Voll da! Fulda.« (Abb. Emoji »Face with Medical Mask«) hielten wir ohne erläuternde Lautsprecherdurchsage zehn Minuten lang bei schlechten Lichtverhältnissen auf freier Strecke an. Ich dachte natürlich sofort an die Kuh und musste als einziger lachen im Ruheabteil. Danach ging wieder das mit den Schnecken los. Als wir die Kinzigtalsperre passierten, war es kohlrabenschwarz, still, finster und Nacht.

Hallo, lieber zweiter Advent.

3.12.

Probleme der Haustierhaltung: Gestern auch sehr schön in dem Film von Sonja Heiss auf Arte, Hedi Schneider steckt fest, in dem eine junge Frau nach drei Tavor und einer halben Flasche Obstler in einer Zoohandlung nach einem Hasen verlangt: »Ich will einen Hasen«. Zuvor hatte ihr der Verkäufer dort ein Chamäleon angepriesen: »Aus dem Jemen. Das hat geile Farbwechsel« (das Drehbuch auch von Sonja Heiss und total genial, bis auf den Schluss, die letzten zwanzig Minuten, aber wie Jan immer sagt: der Schluss ist wurscht), wohingegen sie, nachdem die chemisch induzierte Welle einer Sympathie für das Chamäleon vom Bauch ins Hirn durch sie hindurchgeschwappt ist, erinnert sich an seine Worte, dass ein Chamäleon nicht wirklich zutraulich würde und danach geht in ihr der Wunsch nach einem Hasen auf. Laura Tonke spielte diese Frau (toll auch ihr Gluckluckgluck mit einer Flasche Bratkartoffelbier; überhaupt der Score in diesem Film (Lambert), und auch so sonst alles, jede Szene erfreulich und schön).

Als ich vor ein paar Wochen schrieb, man dürfe Schnecken nicht länger als vier Tage alleine lassen, schrieb mir daraufhin Wolfgang Ullrich, noch nicht in direkt kondolierender Absicht, aber schon in einem mitfühlenden Ton, da ich mich offenbar missverständlich ausgedrückt hatte. Ein bisschen Übertragung wird dabei eine Rolle gespielt haben, denn ihm war zur selben Zeit während seiner Abwesenheit seine grüne Raupe gestorben. Eingegangen: Bei Raupen passt dieses Wort ausnahmsweise, es sieht tatsächlich so ähnlich aus. Und das ohne ersichtlichen Grund, da liegt für den Halter, aus menschlicher Perspektive, ein Kummertod nahe. Selbstmord scheidet bei Raupen aus, weil sie sich in einem Terrarium nirgendwo runterstürzen können und selbst bei maximaler Krabbelgeschwindigkeit wohl tausendmal gegen die gläsernen Wände sich rammen könnten, ohne dass ihnen ein lebenswichtiger Knochen bräche oder bricht. Weil sie gar keine haben.

Meine Schnecken hingegen sind wohlauf. Und waren es auch bei meiner Heimkehr nach tagelanger Abwesenheit neulich, allerdings hatten sie ihre von mir für sie geschaffene Welt vollkommen zerstört. Schnecken sind, ihrem anschmiegsamen, durch und durch weichen Wesen wie zum Trotz: ziemlich stark. In den Schneckenforen werden Novizen auch darauf hingewiesen, dass eine Schnecke das fünfzehnfache ihres Lebendgewichtes stemmen kann. Meine Schnecken wiegen mittlerweile jeweils so viel wie eine Standardpostkarte samt Marke und Tinte, also gibt es abgesehen von der ihr Schleimarium begrenzenden Glasschüssel nichts in ihrer Welt, was ihrem unergründlich bleibenden Willen im Wege bleiben müsste. Dazu kommt, das musste ich neulich nach meiner mehrtägigen Abwesenheit feststellen, eine zersetzende Komponente im Schneckenschleim. Die Schnecke produziert sozusagen, wo sie geht und steht diesen Schleim, auf dessen Film sie sich fortbewegen kann. Bei täglicher Reinigung fällt das nicht auf, aber die auf Salatblättern, Salatgurken hinterlassene Schleimspur zersetzt das organische Material rapide, bis schließlich nach drei bis vier Tagen alles zu Schleim geworden ist. Wolfgang Ullrich gegenüber verwendete ich den Begriff Midasschleim, der das Phänomen zu beschreiben hilft. Mit Nietzsche gesprochen, ist grün alles, was die Schnecke fasst, und Schleim alles, was die Schnecke lässt.

In der einzigen mir bekannten Verfilmung des Lebens mit einer Schnecke als Haustier, Spongebob Schwammkopf, gibt es, obwohl die Serie unter Wasser spielt, hin und wieder Episoden, in denen die verderbliche Wirkung des von Gary abgesonderten Schleims thematisiert wird. Allerdings füttert der hosentragende Schwamm seine Schnecke mit einem Trockenfutter aus der Tüte. Mal davon abgesehen von der Frage, wie sich Trockenfutter unter Wasser in den Schneckenfutternapf streuen lassen soll, wird auch dieses Futter von der Schnecke in Schleim verwandelt werden. Allerdings spart die Verfilmung dieses unappetitliche Detail aus. Die Schnecke wiederum wird es nicht unappetitlich finden. Darauf weist Giorgio Agamben bereits hin in seinem Essay Das Offene – Der Mensch und das Tier, wenn er das Bild von der honigsaugenden Biene anführt, der während ihres Trinkens der Hinterleib abgetrennt wird mit einem Skalpell, das Insekt aber ungerührt weitertrinkt, wobei ihr inzwischen der Seim aus dem geöffneten Rumpf quillt. Agamben führt das Beispiel aus zu seinem Begriff des Benommenseins des Tieres von seiner Umwelt – vergleichbar mit der Frau in Sonja Heissens Film, die Drogen im Blut hat und den kuscheligen Hasen im Arm. Es lässt sich durch den gravierenden Einschnitt in seine Welt, den Körper, nicht ablenken, weil es im Moment der Nahrungsaufnahme eins geworden ist mit der Welt der Nahrung, sich also nicht nur als dieser Welt zugewandt erlebt, sondern zu einem Teil von ihr geworden ist. Das Tier ist das Trinken, wenn es trinkt. Krasser verhält es sich da mit der Schnecke, die, um sich fortzubewegen, nicht bloß den Schleim produziert, auf dem sie fährt, sondern gleich die ganze Welt in Schleim verwandeln kann. Wenn erst alles weich und leis‘ blubbernd ihr zu ihrem Fuße liegt und gärt, existieren in ihrer ganz von Widerständen bereinigten Welt bloß noch zwei feste Komponenten: ihr Häuschen und die Radula, jenes unaufhörlich sich drehende Rad aus einem winzigen Knochen, mit dem die Schnecke alles, was uns grün scheint, in sich hineinschaufelt. Von weitem, also aus menschlicher Perspektive betrachtet, mümmelt und saugt die Schnecke an Gurkenschale und Salatblatt herum. Unter der achtfachen Vergrößerung, die mir die aufgeschraubte Makrolinse meines Fernrohres bietet, zeugt sich ein raspelndes Weiden; die Schnecke reißt und fetzt sich durch das Material. Klebt sie scheinbar müßig an der gläsernen Kuppel, geht in Wirklichkeit ein unaufhörliches wellenhaftes Pulsieren durch die Muskulatur ihres Saumes, der unter der Linse betrachtet etwas faszinierend Vaginales hat.

Tja. Obwohl es von den momentanen Temperaturen her durchaus nicht unmenschlich gewesen wäre, die beiden vor meiner Abreise ins Freie auszusetzen, konnte ich mich dazu einfach nicht entschließen. Stattdessen stopfte ich ihnen alles, was ich noch an leicht verderblichem Grünzeug übrig behalten hatte, unter die Kuppel. Es geht halt nichts über empirische Wissenschaft. On verra.

2.12.

Das Schönste am Reisen finde ich, gleich nach dem Aus-dem-dabei-aus-dem-Fenster-schauen, dass ich vorher noch alles aufessen muss, was ich an leicht verderblichen Nahrungsmitteln zuhause auffinde. Das Reisen selbst kommt viel weiter hinten, ungefähr auf Platz sieben. Wie Rainald Goetz schrieb, ist nicht etwa weniger mehr, sondern mehr ist mehr. Und ganz genau so finde ich, dass nicht der Weg das Ziel ist, sondern das Ziel ist das Ziel.

Da es draußen mittlerweile nicht mehr bloß regnete wie in den Tagen zuvor, sondern nach Sonnenaufgang auch noch angefangen hatte zu stürmen, gedachte ich die auf der Anrichte versammelten Zutaten zu einer stärkenden, betont winterlichen Speise zusammenzurühren.

Das Konzept solcher Resteverwertung mit Pfiff fand ich einst in Peter Fischers Schlaraffenland nimms in die Hand, einem »Kochbuch für Kooperativen und isolierte Einzelfresser«. Aber auch wenn Adelige zu Besuch kommen, kann mein Feuertopf des Rotchinesischen Pflügersgesellen* auf den Tisch (den stilechterweise kein Tischtuch bedeckt). Adelige lieben, lieben und lieben nichts so sehr wie Erzählungen von Armut und Vertreibung. Und was ist eine gut gekochte Speise denn anderes als eine Erzählung. Heißt es nicht, wenn etwas sehr gemundet hat, und alle satt und glücklich sich das vorgestreckte Bäuchlein reiben: »Ein Gedicht!«. Na gut, vielleicht noch in den Fünfzigerjahren, als Johannes Mario Simmel Es muss nicht immer Kaviar sein geschrieben hatte. (Ich habe es neulich erst wieder durchgeschaut; die Rezepte, die ich als Kind noch märchenhaft verschlemmt fand, wirken heute einfach bloß noch bizarr und beinahe eklon: »man nehme drei Pfund Speisestärke«, so geht das immer los.)

Am Vorabend der Abreise (für Adelige: am Vorabend der Vertreibung aus dem Stammschloss, in dem Jahrzehnte später ein Penny eröffnen würde) erhitze ich alles an kleingeschnittenen Zwiebeln und sonstigen Würzpflanzen, die entweder nicht in den Kühlschrank dürfen, oder aber darin nicht lange genug ausharren könnten, ohne zu Schleim zu zerfallen. Öl oder dergleichen nicht vergessen. Ich versuche hier das Wort »Anschwitzen« zu vermeiden. Dazu nach einiger Zeit (glasig klingt, finde ich, ebenfalls schauderhaft) alles an Wurzelgemüse und Karotten. Grund: siehe Würzpflanzen. Fleischbrühe angießen. Aber nicht zu einer Suppe verlängern, sondern allenfalls knapp bis an die Oberschicht der Gemüsewürfel. (Im Französischen spricht man sinnigerweise von einer court bouillon; alas, die haben halt auch das Kochen erfunden – übrigens sogar die Pizza! Eingedenks der sattsam bekannten Tatsache, dass die Nudel in China erfunden wurde, stehen die in kulinarischen Dingen meiner Ansicht nach maßlos überschätzten Italiener sozusagen mit leeren Händen da. Tja!) Hier hinein werfe ich handvollweise getrocknete Chilischoten aus Szechuan. Es ist die einzige Spezialzutat. Und es müssen unbedingt diese sein. Zu der Zeit, da Peter Fischer sein Kochbuch verfasste, waren übrigens solche herrlichen Dinge in Deutschland nur extrem schwer aufzutreiben. Schon Kapern, auch Oliven, stellten die Nachkochenden solcher Rezepte vor logistische Probleme. Manche Stellen lesen sich von daher wie Aufrufe zur Beschaffungskriminalität. Also ähnlich wie bei Simmel, bloß geht es halt mit Bolzenschneidern los. Die Schoten quellen in der court buillon rasch auf und werden weich. Sie geben einen rauchigen Geschmack ab und sind viel weniger scharf als gefürchtet. Und ihre Schärfe wirkt wärmend (fühlt sich an, kann ich nicht mehr hören!!!), deshalb müssen es unbedingt diese Chilischoten sein, sonst kann man das Zeug lieber gleich wegwerfen. Was schade wäre, außerdem Geldverschwendung. Den Herd ausstellen, wer’s sicher mag, kann jetzt auch schon die Hauptsicherung rausschrauben (man weiß übrigens tatsächlich nie, und niemand kennt seine Zukunft). Adelige lieben Kerzenlicht. Gerade wenn es lauter unterschiedlich kurz abgebrannte sind. Wie gesagt: Reste, Armut, Flucht und Vertreibung (wenn man das ganz oft hintereinander vor sich hinsagt, sieht man die Dampflok förmlich schon vor sich; und es wird Winter und kalt, und wie!)

Auf die heiße Suppe lege ich eine frische Leberwurst und eine Blutwurst. Ich rate zu denen vom Schlachter Haase auf der Hauptstraße, die nicht nur andauernd Goldmedaillen damit gewinnen (und zwar sogar in Frankreich!!!), sondern auch wirklich sehr köstliche Würste, tja: Stopfen? Mengen? Schlicht verkaufen? Deckel drauf, dann platzen die Pellen schon nach kurzer Zeit, die nehme ich raus und mische extreme Mengen kleingeschnittener (nicht gehackter) Petersilie – unters Volk hätte ich beinahe geschrieben. Mit extrem meine ich extrem. Das Mischungsverhältnis graubraun und grün sollte eins zu eins betragen, sonst schmeckt es nicht so wie bei mir. Ebenfalls extrem pfeffern. Salz wie jeder will.

Das Gericht sieht übrigens nach herrischem Durchrühren genauso aus, wie es schmeckt: genial gut. Na ja, dann hat man wenigstens was, worauf man sein Heimweh kaprizieren könnte, wenn dann das Ziel erst mal erreicht ist. Und das Ziel will erreicht werden – durchaus ein Umstand, dessen Merkwürdigkeit eigens bedacht werden sollte. Aber, auch das lernt man von Adeligen: Kochen kann man überall. Und mit allem. Oder wie es der Adelige ausdrückt, wenn er sich die Hände gewaschen hat: Seife ist ja sowas Schönes.

* Den Titel habe ich in Anlehnung an eine sogenannte Beilwetzers Fuhre geschöpft, die mir vor vielen vielen Jahren einmal auf einer Reise im schönen Melsungen serviert worden war.

1.12.

Bei Regen eingeschlafen, bei Regen wieder aufgewacht. Dabei hatte ich gestern früh noch gedacht, es könnte vielleicht Schnee daraus werden, weil da ein Geruch war in der Luft zwischen den Tropfen, der hatte so dieses Scharfe, eine metallische Note, die darauf hindeuten kann.

Im Sandbuch gelesen. Eigentlich hatte ich bloß nachschauen wollen, ob Borges den Duft der Schneeahnung erwähnt, aber schon sein Vorwort ist so herrlich formuliert. Das Buch ist 1975 erschienen, da ist er schon beinahe blind, kann lediglich zwischen Lichtern und Schatten unterscheiden und nimmt diesen Abglanz in Gelbtönen wahr (ein paar Jahre später ist es ein dunkles Orange, elf Jahre später ist er tot): »Ich wollte in diesen Blinden-Exerzitien dem Beispiels von Wells treu sein: die Verbindung eines ebenmäßig schlichten, zuweilen fast mündlichen Stils mit einem logisch unmöglichen Inhalt«.

Das Sandbuch enthält seine einzige Liebesgeschichte, Ulrika, und darin geht es ums Schneien. Der Erzähler, ein Greis wie in allen dieser dreizehn Erzählungen, die das Buch enthält, lernt am Rande eines Philologenkongresses eine Frau aus Norwegen kennen, eben diese Ulrika. Sie steht mit dem Rücken zu ihm, als erstes hört er sie sprechen, sie sagt: »Ich bin Feministin. Ich will die Männer nicht nachäffen. Ihr Tabak und ihr Alkohol sind mir zuwider«.

Sie ist, das wird er wenig später feststellen, »schlank und groß, mit feinen Zügen und grauen Augen. Sie lächelte schnell und das Lächeln schien sie zu entrücken«.

Am nächsten Morgen macht er beim Frühstück einen Scherz übers Spazierengehen allein zu zweit, den er von Schopenhauer hat. Den findet sie gut, sie gehen zu zweit. Von da an lässt Borges die Zeit rückwärts laufen, aber in zwei verschiedene Richtungen: Sie wird immer älter, er immer jünger. Da die gesamte Erzählung vier Seiten lang ist, geschieht das in wenigen Sätzen, wobei der gemeinsame Spaziergang schon eine Seite beanspruchen darf. Es kommt auch zu einem Kuss (auf Augenlider und Lippen), die große Liebe füreinander wird auch ausgesprochen, aber dann treibt Ulrika ihn schon zur Eile an, da sie den Gasthof noch erreichen müssen, bevor ihnen die Zeit endgültig zerronnen sein wird. Es ist, als ob sie sich, die zwei Figuren in einer Erzählung sind, tatsächlich auch als solche erkennen können und dabei trotzdem noch lebendig sind. Lesend erreicht man mit ihnen das Zimmer unter dem Dach des alten Gasthauses, es hat angefangen zu schneien, der Himmel löst sich auf in Flocken, wie der Talar eines Priesters, der in Fetzen davon geweht wird, aber dann erst erkennt man, dass es Krähen waren und dass dort niemals ein Priester war oder ist.

Alterslos strömte die Liebe im Dunkel, und zum ersten und letzten Mal besaß ich Ulrikas Bild.

Aufzuwachen, wenn es über Nacht geschneit hat, und man das schon von der Art her, wie man geschlafen hat, weiß oder ahnt. Wie es bei Borges steht: Ich fühlte, dass es stärker schneite. Und dann noch vor dem Aufklappen der Augendeckel – an der Geräuschkulisse. Dann am veränderten Licht, an der Lichtstimmung, der Lichtkulisse. Später dann auch an einem veränderten Appetit auf Skifahrergerichte (wenn man je einmal Skifahren gewesen war). Allgemein auf Schmalziges, auf Schokolade und Käse, harte Würste, auf Fettbatterien. Ich mag Schnee lieber anschauen als anfassen. Was ich überhaupt nicht mag, ist, wenn Schnee schmilzt.

30.11.

Bis weit nach Mittag lagen die Schatten über den Wiesen, sodass sich dort der Raureif hatte erhalten können, bis es wieder dunkel wurde. Dazu ein schönes, klares Licht. Im Garten der Villa Minoux, bekannt als Haus der Wannseekonferenz, lagen noch Äpfel im bereiften Gras. Sie waren durchgefroren. Die, die noch an den Zweigen hingen, waren von den Vögeln angeflogen worden und im hängenden Zustand ausgehölt wie kleine Laternen. Alles war bedeckt von diesen wunderbaren Kristallen. Eine glitzernde Vervielfachung der Oberfläche unserer schönen Welt. Durch den Frost war ihr ein Fell gewachsen, das ich nicht berühren sollte, das aber Lust machte, jedes dort zwischen bleichen Halmen steckende Ahornblatt aus großer Nähe zu betrachten und zu fotografieren. Hagebutten und grüne Sterne im Rhododendron, von hinten beleuchtet.

Wenn diese Stille, dieses Glitzern, dieses Blau von Himmel und See bei angenehmen Temperaturen zu haben wären. Die Wasservögel machen nun nichts anderes als im Frühjahr und den Sommer über. Die Enten schubsen sich mit derselben Bewegung von den Treppenstufen an der Promenade, watscheln mit denselben orangefarbenen Flossenfüssen über den beraureiften Stein. Ich kann die orangefarbenen Füsse im schwarzen Wasser erkennen. Das Wasser nahe des Ufers wirkt schwarz, weil es im Schatten liegt. Ein paar Meter weiter im Hintergrund spiegelt sich darin der Himmel, und die Wasseroberfläche scheint matt wie stählern, in prächtigem Pulloverblau.

Im Frühjahr und den Sommer über wirkt das, was Enten, Kormoran und Blässhuhn so den ganzen Tag lang tun und veranstalten, müßig, es wirkt wie ein Hobby. Faul auf dem Bauch liegen. Dann mal kurz ins Wasser. Schnattern, tröten, flattern. Planschen, abtauchen, schütteln. Nicht, dass sich irgendwas geändert hätte. Bloß herrschen jetzt halt Minusgrade. Die Tiere lassen sich nichts anmerken.

29.11.

Nach längerer Zeit der Abstinenz schaute ich gestern Abend mal wieder das heute journal im ZDF und war konsterniert: Was geht denn da in Mainz vor? Stand da doch tatsächlich eine Ansagerin, von der behauptet wurde, ihr Name sei Gundula Gause. Den direkten Einstieg in die Sendung, den ich, wenn schon TV, dann genau so wie den Werbestreifen vor dem Kinofilm liebe, hatte ich verpasst. Als sich mein Bild aufgebaut hatte, sprach bereits ihr Kollege, ein terrierhaft die Kamera attackierender und mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf hin- und herschüttelnder Blondschopf, dessen sogenannte Bauchbinde schneller verschwunden war, als ich seinen darauf eingeblendeten Namen hatte entziffern können (er attackierte mit den Mitteln des eingezogenen Nackens und einem zustechenden Blick). So nahm er den Sprecher des Bundesamtes für Datensicherheit in die Mangel, einen gutmütig dreinkauenden, kahlköpfigen Greis mit Bundesadlerbutton am Revers, der stets verneinte, dass es ein Sicherheitproblem mit den Daten der Deutschen jemals geben könnte. Es ging um die Panne bei der Deutschen Telekom (hinter dem Datensicherheitsbeauftragten war die Skyline von Bonn (!) eingeblendet, für mich am sogenannten DHL-Tower zu erkennen, vermutlich war das Ministerium für Datensicherheit also noch in der ehemaligen Bundeshauptstadt ansässig), der ja vermutlich auch mein Tagebucheintrag vom 27. November 2016 zum Opfer anheim gefallen war.

Mit einem scharf gebellten »Das klingt jetzt aber nicht so gut, oder?«, unterbrach der ZDF-Ansager den rheinhaft breit dahinfließenden Vortrag des Ministers für Datensicherheit im Bundesamt für Sicherheit im Informationswesen, Arne Schönbohm. Der wiederum ließ sich von dieser Zwischenfrage nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Mich störte der Name des Ministers, beziehungsweise dass er eingeblendet worden war, denn gedanklich war ich noch immer mit der Bonner Skyline beschäftigt. Jetzt ging es, intern, um die Kombi aus Nach- und Vornamen beim Minister: Arne vor zu Schönbohm hinten – das passte doch hinten wie vorne nicht! Das hatten die doch aber schon vorher gewusst (die Eltern); die hatten doch da auch schon Schönbohm geheißen! Weshalb also Arne? Da er geschätzte zehn Jahre jünger war als ich (ansehen konnte man ihm das aber auf keinen Fall), schaute ich auf dem Splitscreen bei babyvornamen.de nach, ob 1981 der Vorname Arne – nichts. Na gut. Also ein Kind fühlloser Individualisten. Zudem noch Sohn. Kein Einzelkind (abgestoßene Schneidezähne – kriegt man vom hastigen Zu- und Abbeissen, da ständig von hungrigen Geschwistern angetrieben; da kann ich ein Lied von singen!), vermutlich schon früh in eine freakhafte Existenz desertiert. Nie gemalt. Dafür halt Computer. Parteieintritt aus Verzweiflung. Und immer schon gutmütig.

»Wie soll das bloß weitergehen? Das sieht nach düsteren Prognosen aus, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer«, rief der Terrierhafte. Was war bloß aus dem ZDF geworden? Einst ein selbst mir zu gemütliches Programm, erschien mir nun nach einer kurzen Zeit der Abstinenz schlagartig als geradezu tarantinohaft krass geschnitten und in unbotmäßiger Hektik vorgetragen. Was waren schon zehn, zwölf Jahre im Bezug auf die Evolution des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms? Offenbar eine ganz schöne Menge!
Das Top-Aufregerthema war nun endgültig abgefrühstückt, den Terrierhaften hatte das noch nicht einmal ein Lächeln gekostet. Mit einer von Kalle Schwensen abgeguckten Geste rückte er sich den Krawattenknoten zurecht und leckte sich beinahe schon über die Lippen, während die Kamera seine Einstellung konvulsivisch auf einen Schlitz zusammenzog, als er one for the ladies antrailerte »Ladies and gentlemen: Trump!«

Die Schalte ließ den Studioleiter des Zweiten Deutschen Fernsehens in Washington auftauchen, der angeblich Ulf Röller heißen sollte (mittlerweile schrieb ich die Namen mit und machte mir Notizen. Hinter »Ulf Röller, ZDF« steht »Ralf Röller, The Barn —> Café Krantzler-Übernahme?«) Man weiß bei diesen angeblich zugeschalteten Korrespondenten halt leider nie, also ich weiß das halt leider nie, ob die tatsächlich live vor Ort berichten oder kommentieren. Im Falle Ulf Röllers war das, von seinem auffällig konstruiert wirkenden Namen abgesehen, besonders fraglich, weil im Hintergrund das sogenannte Weiße Haus als Standbild insertiert worden war. Warum nicht Webcam, fragte ich mich. Nicht nur ich, da bin ich mir sicher. Kalauer hinsichtlich Sicherheitsgründe und Bonn hatten zu unterbleiben. Ulf Röller hatte ein Brillengestell von Tom Ford auf. Auch nicht gerade ein Ausweis seiner Seriösität. Seine Thesen hingegen: Trump, schwarzes Loch, es wird lustig bzw. kann heiter werden, schnallen sie sich besser mal an, meine Damen und Herren, blah blah blah — das wiegte mich wiederum in Sicherheit. Außer Spesen nichts gewesen, 0815 und im Westen nichts Neues. Das war das ZDF aus Mainz wie es leibte und lebte.

Dann sprach Gundula Gause die kurzen Nachrichten. Sie las sie, wie es in meiner Jugend über den Teleprompter noch geheißen hatte: vom virtuellen Blatt ab. Tolle Frisur auch. Modell Anna Wintour. Am Donnerstag, als Holm Friebe sich mir in seiner neuesten Figuration vorgestellt hatte, ging es unter anderem auch um eine Frisur in dieser Machart. Friebes Haupthaar ist ja von einer für mich beneidenswerten Fülle. Besonders beneidenswert voll erscheint es an seinem Bruder Jens, der ja, obwohl die Friebes aus dem Sauerland stammen, etwas Friesisches hat. Was nicht unbedingt bloß am Haar liegt, dass ja bei beiden Friebes noch heller ausfällt (sic!), vom Ton her, als das des Terrierhaften, sondern auch eben vom Blick. Der ja viel nachgiebiger ist. Und sozusagen darin mehr weilt und in der Landschaft ruht als direkt zustechen zu wollen, wie einer vom Schlage des T.

Wusstest du, Joachim, hatte Holm Friebe mich beispielsweise gefragt, dass Fidel Castro eine illegitimen Bruder hat, der Fiete Castrow heißt? Ja, ja, der lebt in Dithmarschen. Und das, ganz ähnlich wie bei Gerhard Schröder übrigens, eher schlecht als recht. Statt Havanna Club gibt’s bei dem Grog. Sein Trainingsanzug ist von Puma. Gummistiefel statt Salsagirls. Na ja.
Wusste ich nicht. Ergab aber freilich Sinn. Holm Friebe sah ja Gerhard Schröder ebenfalls recht ähnlich. Hieß aber unverwechselbar anders. Sein (Holms) Bruder Jens wiederum erinnerte an Gunter Sachs.
Stunden später, da schlief ich aber bereits, war Fidel Castro tot.

Subscribe to »2016 – The Year Punk Broke«