»2016 – The Year Punk Broke«

»2016 –
The Year
Punk Broke«
Tagebuch

24.6.

Leider, leider muss ich diesen Eintrag in zwei Teile sozusagen brechen, denn mich ereilte das nicht nur sogenannte Reporterunglück. Hatte ich nun über die letzten Wochen hinweg den amerikanischstämmigen Hipster, eine Sie, dabei beobachten können, wie sie in dem Erdbeerhäuschen neben dem kleinen Café gegenüber ihren Dienst versah, war diese Frau halt ausgerechnet an jenem Tag, also gestern, als ich mir Batterien gekauft hatte, um mit ihr ein Interview im Stile der Bottroper Protokolle zu führen, nicht am Platz.

Karls Erdbeere, das Unternehmen, setzt ja im Ostgebiet der BRD, seit neuestem auch in Leipzig nach »eigenen Angaben« ungefähr 400 Verkaufsstände ein, die aus Blech sind, aber so bemalt und geformt wie eine jener Erdbeeren, die dann daraus pfundweise verkauft werden sollen. Zu dem unverwechselbaren Merkmal dieser Erdbeerhäuschen, wie auch der daraus verkauften Erdbeeren, zählt bei Karls, dass sich auf dem Häuschen, das, wie gesagt, einer Erdbeere ziemlich ähnlich sieht, auch ein grüner Stiel befindet, der dort sanft gekrümmt in einer gedachten line of beauty and grace in den mehrheitlich blauen Himmel ragt. An jeder Erdbeere mindestens ein Zentimeter Stiel: so wirbt auch Karls für die Unverwechselbarkeit der auf seinen über 300 Hektar geernteten Erdbeeren. Der Stielansatz ist sozusagen Karls Label; seine four stitches, das Markenzeichen an einem Produkt, das schon immer so da war, das wer weiß schon geschaffen hat (auf gar keinen Fall aber Karls).

Mir war in diesem Jahr, dem Jahr 2016, jenem Jahr also, in dem Punk seinen Durchbruch erhalten hätte sollen und soll, aufgefallen, dass in den erwähnten Erdbeerverkaufshäuschen zumindest hier, in meiner Region der Stadt und des Bundeslandes, das ja noch immer Brandenburg hieß, vor allem aus den Vereinigten Staaten angesaugte Hipster dort ihren Dienst an der Erdbeere versahen. Von der Qualität der aus besagten erdbeerförmigen Häuschen verkauften Erdbeeren einmal abgesehen – wie jedermann weiß, wurde das Unternehmen Karls in den zwanziger Jahren gegründet und lieferte bis zum Mauerfall eine vor allem dem Hauptabnehmer Schwartau genehme Feldfrucht, die dort zu einer schleimig süßen Marmelade verarbeitet wurde – handelt es sich um vor allem große, rote und gleichförmige Erdbeeren, deren Aroma weder sozusagen »vorschmeckt« noch stören soll bei dem Verzehr der kostbaren Früchte. Auch fehlen hier die ansonsten in der Textur sandig markant knirschenden Samen, die bei der Erdbeere ja auf der Außenhaut plaziert worden sind.

Ich kann es nicht nur, ich darf Erdbeeren objektiv beurteilen, da ich vor bald nicht weniger als 45 Jahren in einem Erdbeeranbaugebiet geboren worden bin. Deshalb, aber vielleicht auch nicht nur deshalb, buk und rührte meine Mutter zu jedem meiner Geburtstage eine Erdbeertorte, die jedes Jahr identisch geriet (bis auf die Jahreszahl in der Mitte, die aus Schlagsahne war und einem Kreis von auf Sahnehäubchen gesetzten Erdbeeren, die das Tortenrund umzingelten wie die Stundenzahlen einer Uhr; kurz vor meinem Auszug aus dem Elternhaus wurde es dort sozusagen: eng).

Gekaufte Erdbeermarmelade, weder aus dem Hause Schwartau noch sonstwoher, wäre bei uns daheim jedenfalls nie (»net ums verrecke«) auf den Tisch gekommen. Im Gegenteil (mein Vater pflegte »im Geigentiel« zu sagen – »Tadellos.«, »Tadellöser!«) hatten wir unsere sogenannte liebe Müh‘, die alljährlich angesammelten Erdbeermarmeladenglasberge über den Rest des Jahres abzutragen. In den wenigen Wochen der Saison kochte meine Mutter in ihrem Sicomatic derartige Mengen des appetitlich rosafarbenen schäumenden Gemisches, das füllte Myriaden von ausgespülten und -gekochten Gläser in denen ehemals die Gürkchen, Kürbisschnitze oder Senfe gewohnt hatten, dass wir, auch bei großzügigstem Verhalten selbst durch das Verschenken der selbstgemachten Erdbeermarmeladen niemals Herr werden konnten. So lagerten sich in unserem Keller in den rostfreien Regalen von Mauser bald Jahrgänge ein. Der Wein ging bei uns irgendwie schneller weg. Dasselbe galt für die Zucchinifluten, die aus dem Hausgarten zu uns hereinbrandeten, aber das würde eine andere Geschichte.

Jedenfalls verbrachte ich dann gestern sehr viele Stunden, im Grunde war es der gesamte Tag bis um 17 Uhr 30, den ich an meinem Tisch vor dem kleinen Café neben dem Platz, auf dem das Erdbeerhäuschen aufgestellt ist, mit der Olympussy LS-14 griffbereit saß, um einen Schichtwechsel dort drüben abzuwarten*. Aber der fand nicht statt. Der amerikanische Hipster war an diesem Tag, an dem die Temperaturen sozusagen die dreißig Grad Marke sprengten, nicht eingeteilt. Vielleicht war sie erkrankt? Wahrscheinlich aber würde sie morgen, dies in der Erzählzeit von gestern gedacht, also de facto heute, am 24. Juni in ihr Häuschen zurückkehren. Dann würde, nein, werde ich ihr meine Fragen zu ihrem Daseinsgefühl in einem erdbeerförmigen Haus beim Verkaufen von Erdbeeren stellen.

Die Batterien, so hatte mir es der herzkranke Besitzer des Strandkiosk auf der anderen Seite der Schnellstraße versprochen: würden halten noch mindestens einen weiteren Tag.

* Das klingt jetzt so dramatisch, und ich schäme mich beinahe ein bisschen dafür, aber manchmal, also ein Mal im Jahr zumindest muss man halt auch mit seinem Alter Ego konform gehen und das ist in meinem Fall eine Filmfigur (Vgl. Jack Nicholson in Beruf: Reporter).

23.6.

Am Vormittag machte ich einen Spaziergang zur Insel Schwanenwerder, nachdem ich am Vortag, unabsichtlich, mit dem Fahrrad auf die Pfaueninsel geraten war. Wie kann es denn sein, dass ich sämtliche umliegende Inseln auf dem Landwege ereichen kann – lebe ich am Ende selbst auf einer Insel?

Schwanenwerder: Ich erreichte die Brücke nach einem kurzen Fußweg durch den schattig bestandenen, von daher mich kühlenden Abschnitt des Grunewaldes, auf dessen sandigem Boden sich die massenhaft herumliegenden Kiefernnadeln doch soweit schon erhitzt hatten, dass der Duft der Kiefernnadeln und der des Sandes sich zu jenem Aroma vermischt hatten, das ich als ein maximal aphrodisierendes wahrnehmen musste: Erinnerungen an diese Zeit, als ich mich mich im Wald einfach nur ausziehen wollte, nackt sein wollte, irgendwo hinlegen und sozusagen so sein. Ein Baum bot mir Wildkirschen dar, die ich pflückte und in meiner Tasche verstaute, um später – sie liegen noch immer in einer Tasse von Bed Bath & Beyond in meinem Kühlschrank.

Die Brücke hinüber zur Insel Schwanenwerder, die man als Freund der Nostalgie-Edition von Monopoly vor allem deswegen kennt, weil sie teuer scheint, sich deren intensive Bebauung aber doppelt bis dreifach lohnen wird, kann nun ungehindert beschritten werden – und das, obwohl auf den den dort aufgestellten Schildern aus Glas ein Warnspruch aufgedruckt wurde, dass es zu früheren Zeiten, also noch vor dem zweiten Weltkrieg, noch vor der Vertreibung der ursprünglichen Besitzer der Anwesen sämtlicher Häuser auf der Insel Schwanenwerder verboten war, diese Brücke zu überqueren: »Keine Parkplätze, keine Spazierwege, keine Gastronomie«.

Mittlerweile, und an beinahe all den Briefkästen hängen nun Dutzende Adresschilder von dubiosen Briefkastenfirmen (mangointernetservices.com usw), reicht eine gesunde Sonnenbräune, reicht frisch gebügelte Kleidung beim Überqueren dieser Brücke als Shibboleth.

Später, daheim, bringt Markus mir eine Salami mit, die ist länger als mein Unterarm. Der See zeigt sich von seiner ewigen, der besten Seite, und es gibt Wolken und Wellen, die sich zur Rautenform zusammenziehen. Ich hatte Eiswürfel besorgt.

Gelächter im Dunkeln.

22.6.

Das war also der längste Tag des Jahres. Es hat bis kurz nach zehn gedauert, bis die letzten zitronengelben Reflexe von der Wasseroberfläche verschwunden waren. Da war die Sonne selbst schon längst hinter dem Waldrand am gegenüberliegenden Ufer versunken.

Der Ostersonntag fällt 2017 auf den 16. April. Ich nahm meine Fingerknöchel zuhilfe und rechnete – 9, 31, 31, 30 usf. – aus, wieviele Tage noch blieben, bis das Jahr 2016 nach meiner Zeitrechnung zuende gegangen sein würde: 358. Noch 358 Einträge also über die Krähen und Enten, die Nachtigall und die Amsel, die Rauchschwalben, die Hornissen, die sich in dem Loch im Mauerwerk unter meinem Balkon ihren Bau eingerichtet haben und die interessanterweise erst nach dem Einbruch der Dämmerung so richtig aktiv werden; 358 Einträge über Schnecken und Schwäne, über den Kormoran und den Reiher, die Blässhühner, die schon wieder alles verloren haben und die bereits entweder unermüdlich oder unbelehrbar oder uneinsichtig an genau derselben Stelle unter dem Steg ihr mittlerweile drittes Nest der Saison beginnen zu flechten. Überhaupt, der sogenannte Wechsel der Jahreszeiten – bald kommt ja schon der Herbst, die Laubfärbung!!! Die kam bis jetzt ja noch gar nicht vor. Und dann noch einmal der witzige Winter mit seiner Kälte und dem Wind und da werde ich ganz bestimmt wochenlang das Bett nicht verlassen aus Protest. Und denke mir Sätze aus, die sich nur unter Riesenverlusten ins Englische übertragen lassen, wie beispielsweise: »Mit einer gebatikten Krawatte, die er sich selbst gebunden hatte«.

Ob der See wohl zufrieren kann? Neulich hörte ich im Café gegenüber eine Frau von der Wildschweinplage erzählen. Sie sprach – klaro besitzt sie den Jagdschein, das sah ich ihr von der Frisur her an – von einer »dreibeinigen Bache«. Hihi, diese Jäger. Die reden ja auch vom Ansprechen, wenn sie eigentlich abschießen meinen. Ein paar Meter die Straße runter gibt es ein pseudo-österreichisches Schnitzelrestaurant, das heißt Halali. Aber wenn man auf dem Fahrrad sich nähert, dann wird der letzte Buchstabe des Wirtshausschildes die längste Zeit von einem herabhängenden Kastanienzweig verdeckt. Und ich lese dann immer »Wirtshaus Halal« – in Frakturbuchstaben! Sieht irgendwie angenehm aus für mich. Könnte gerne so bleiben.

358 – die Zahl kommt mir seltsam hoch vor. Sind ja beinahe noch einmal so viele Tage wie ein Jahr im Gregorianischen Kalender hat. Ist denn bis zum längsten Tag des Jahres nicht rein rechnerisch bereits ein halbes Jahr vergangen? Ich bin schon zu müde, um noch einmal nachzuzählen. Aber so wie ich mich kenne, ist bestimmt nicht nur ein Rechenfehler drin. Macht aber nichts. Ich werde es ja erleben, ob es stimmt oder nicht.

21.6.

Wolfgang Welt ist gestorben. Das erfahre ich am Nachmittag aus einer SMS von Sebastian, den ich wegen einer ganz anderen, dann doch aber ähnlich gelagerten Sache angefunkt hatte. Wie es aussieht, starb er am Sonntag. Ich kann noch nicht einmal sagen, dass ich traurig bin deswegen, denn er hat etwas hinterlassen. Der beste erste Satz in der deutschen Literaturgeschichte lautet ja nicht etwa »Ilsebill salzte nach«, oder »Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke«, sondern meiner Meinung nach lautet der halt: »Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester«. Und so begann, beginnt, und wird weiterhin noch beginnen »Peggy Sue« von Wolfgang Welt. 

Davor, also bevor ich diese Nachricht erhielt, war ich in die Stadt gefahren, dort in das Brillengeschäft, und hatte um einen neuen Bügel gebeten. Auf die Frage hin, warum ich denn den abgefallenen Bügel nicht mitgebracht hätte, erzählte ich der Optikerin die Geschichte aus dem IC, von dem Weichspülerbenutzer, der mich geschlagen und geschüttelt hatte, woraufhin mein Brillenbügel doch erst zu Boden gefallen war in dem Waggon kurz hinter Lutherstadt Wittenberg und dass ich mich nach meiner überhasteten Flucht in den Speisewagen, wo ich überraschenderweise auf Philomene und Jan gestoßen war, nicht mehr zurückgetraut hatte in das Abteil des Verderbens, um den Bügel vom Boden zu klauben. Und dass ich auch meine Freunde nicht hatte auffordern wollen, mich zur Verstärkung zu begleiten, weil es doch Jans Geburtstag war, und ich ihm den nicht versauen wollte.

Und sie sah mich kritisch an, als ob ich ihr damit einen Bericht lieferte aus einem fremden Land, das nun, sie war aus Spanien, allmählich und unweigerlich zu ihrem werden dürfte.

Abends rief sie mich an und verkündete, ich erhielte ein komplett neues Gestell ohne Kosten. Ich konnte zuerst gar nicht glauben, dass. Dann aber doch. Und ich fand es Recht.

20.6.

»Loud Pipes Save Lives«

»Gigaspeed For You«

Im Fernseher läuft die Übertragung eines Formel-1-Rennens aus Baku, in der Werbepause steht in weißen Buchstaben über fünf weißen Fahrzeugen »Hello Future«, im Anschluß zeigen sich Saxophone und Posaunen, sie werben für den ADAC, also »Hallo Vergangenheit«, und insgesamt ist es damit halt so gekommen, wie Mixmaster Morris es vor vielen, vielen Jahren einst auf die Hülle seiner sehr guten Schallplatte hatte drucken lassen: »It’s Tomorrow Already«.

Im Opernhaus war gestern eine Leuchttafel hoch über der Bühne angebracht, auf der der gesungene Text zum Mitlesen angezeigt wurde: »Ich will Abschied nehmen von meiner Mädchenzeit«, darunter war der Chor zu einer Feier zusammengetreten und obwohl gar nicht viel getanzt wurde (es lief ja naturgemäß und zwangsläufig andauernd Musik), war Partystimmung entstanden. Und das mit einer einzigen Geste, als ein stummer Diener, der als einziger in Lila gekleidet war, von einem silbernen Tablett einen funkelnd bunten Hut überreichte. Die ganze Inszenierung bestand aus solchen schönen Gesten, aber hier war es besonders eindrücklich, wie wenig es braucht, um ein Ritual zu erklären. Ich ging mit dem Fernrohr von Gesicht zu Gesicht und erkannte, dass jeder einzelner dieser Partygastdarsteller inszeniert worden war. Keiner stand einfach so herum als Staffage, die Partystimmung, die ich fühlen konnte, bestand aus diesen einstudierten Gesten und Gesichtsausdrücken und diesem genau choreografierten Wink mit dem Hut.

Ich bin ja sehr anfällig für Bühnenbilder. Ein gutes Bühnenbild ersetzt mir schon beinahe den Theatergenuss — Jeff Koons damals in Hamburg, Johanna von Orleans im Deutschen Theater, Einstein on the Beach im Haus der Berliner Festspiele, eben dort Phantom Ghost in der Installation von Cosima von Bonin (mit dem tollen Film über die Erfindung des Balletttanzens im ersten öffentlichen Aquarium im Zoo von Paris), Der Die Mann in der Volksbühne und dann eben Leipzig: Im ersten Akt sind es drei unverbundene, nebeneinander plazierte Räume, die, wie es in Der junge Mann von Botho Strauß heißt, im Stile eines »abgelebten Futur« eingerichtet sind. Später rücken sie ein wenig aneinander, im zweiten Akt sind sie ein wenig in den Boden eingesenkt, sodass sich bei mir der Eindruck ergab, dieser Akt spiele nun im selben Hause noch, dort aber unter dem Dach. Im letzten Bild erscheinen die Elemente aneinander gefahren und bilden in ihrer Zusammensetzung einen Salon, den ich sozusagen nicht hatte kommen sehen – obwohl doch beinahe alle seiner Bestandteile über zwei Stunden lang mir vor Augen gestanden hatten.

Alles, was ich von Jans Arbeit kenne, kommt auf diese zauberische Weise zustande. Und es entsteht immer wie aus natürliche Weise aus dem Stoff selbst, nichts daran wirkt ausgedacht oder hinzugedichtet. Es handelt sich also um den krassen Gegensatz zu dem, was ich als meine Arbeitsweise bezeichnen kann. Und vermutlich liegt darin auch der Grund, weshalb wir jetzt schon seit 17 Jahren Freunde sind. Auch wenn ich mit der Musik in Opern noch immer nichts anfangen kann. Aber als in der Arabella an der Stelle mit dem Kuss ganz vage sich die Melodie von »Wenn ich ein Vöglein wär« kristallisierte, da tat sich für ein paar Augenblicke so etwas für mich auf wie eine seelische Tür.

19.6.

Die Krähe vor dem Hotel (Leipzig) macht mit einem leeren Kaffeebecher (Pappe) dasselbe, wie ihre Artgenossen daheim mit den Muscheln. Das Geschehen verfolgte ich einigermaßen zwangsläufig mit Interesse, da ich am Vortage kurz hinter Lutherstadt Wittenberg einen meiner Brillenbügel eingebüßt hatte, als ich von einem Mann in Camouflage brutal aus meinem Nachmittagsschlaf geweckt worden war, weil der sich der unverbesserlichen Ansicht behaupten konnte, dass ich auf einem von ihm bereits seit Berlin reservierten Sitzplatz säße. Im Bordbistro des IC traf ich daraufhin auf Philomene und Jan, und wir feierten ein bisschen Geburtstag.

Abends dann, nachdem ich vor meinem Hotel in eine Auseinandersetzung mit drei muskulösen Frauen verwickelt worden war, die dort, auf dem Trottoir der Hedwigstraße, einen Stativgrill in Gang zu bringen versucht hatten, schlief ich zum ersten Mal nicht ein beim Betrachten einer Oper. Und das lag an meinem lieben Fernrohr, mit Hilfe dessen ich nun endlich auch sehen konnte, was in den Schauspielern dort auf der Bühne vorzugehen schien, während sie sangen. Ich kenne mich mit Opern überhaupt gar nicht aus, erfuhr aber hinterher, auf der Geburtstags- und Premierenfeier im Kolonnadenviertel, dass es viele Menschen gibt, denen die Musik und die Lieder aus Arabella von Richard Strauss bis hin zum Auswendigkönnen vertraut sind.

Eigentlich ist Leipzig ganz schön. Besonders gut fand ich den Platz vor dem Opernhaus, als ich dort in der Pause auf der obersten Treppenstufe stand und in den golden bedampften Frontscheiben des Gewandhauses spiegelte sich das Licht der Sonne, die während des dritten Aktes würde untergehen. Aus dem kreisförmigen Brunnenbecken in der Mitte des Platzes stieg eine dünne Fontäne, und eine Firma hatte dort in das Wasser eine große aufgeblasene Ente aus Gummi gesetzt. Aufdruck konnte ich nicht lesen, meines Brillenbügelproblems wegen, und weil ich das mit dem Fernrohr nur mache, wenn ich allein bin (oder im Dunkeln, wie in dem Saal). Der Kritiker neben mir – noch längere Haare als ich, dazu auch noch Locken, also von Lutherstadt Wittenberg und IC-Fahren würde ich ihm abraten –, flüsterte mir später noch zu, dass er sein Opernglas leider zuhause vergessen habe »unverzeihlich, an so einem Abend.«

18.6.

Die Mütter der Wasservögel bringen den Küken bei, wie man hin und her fährt, wie man etwas aufschlürft, wie man über die kleine Schleuse klettert und hüpft, wie man taucht und wie man schläft. Aber ich beobachte es nun schon seit Wochen: Es gibt keinen Nestbaukurs, das scheint instinktiv verankert oder gepflanzt; von daher ist es umso erstaunlicher, was die geschlechtsreifen Tiere dann so von sich aus zustande bringen. Die Enten brüten irgendwo bodennah in den Gebüschen, ich habe noch keines ihrer Nester entdeckt. Aber die Blässhühner haben sich jetzt in diesem Jahr schon zum dritten Mal an derselben Stelle ein Nest auf dem Wasser errichtet. Obwohl dort die erste Brut komplett vernichtet wurde. Das zweite Nest wurde vom Sturm und den Wellen zerstört – sie halten an dieser Stelle fest. Und die ist eigentlich ja auch ideal, weil sie von einem Winkel aus Eisenplatten gegen den See abgegrenzt wird (und obendrüber liegt ein Gitter): Es ist also schattig dort, und sie sind gegen beinahe sämtliche Feinde geschützt, die den Eiern und später den Küken, etwas antun wollen könnten.

Seit zwei Tagen aber sitzt nun auf einem der Poller ein Kormoran. Ein leider hässliches Tier, das Gesicht, wenn man so will, ist verformt, als wäre der Schöpfer in Eile gewesen beim Zuendekneten, oder hätte, der Kormoran ist halt schon etwas länger da, aber trotzdem: nebenbei mit zwischen Kinn und Hals eingeklemmtem Gerät telefoniert. Der Schnabel ist im Vergleich zu dem des Kranichs, der hier auch immer rentnermäßig (manche würden ihn als Dandy bezeichnen) über die Planken spaziert, erstaunlich kurz, denn in allen Quellen wird behauptet, dass der Kormoran den übrigen fischfangenden Vögeln bei weitem überlegen sei (Pelikane gibts hier am See leider nicht).

Was der Kormoran macht, wenn er ansitzt, sieht an und für sich schon so bedrohlich aus, dass ich Schlimmstes befürchten muss für die Blässhuhnküken, wenn die Elterntiere erst einmal fertig sein werden mit dem Brüten (noch ungefähr zehn Tage). Er taucht ja viel, danach breitet er minutenlang seine Schwingen aus, um die Federn gegen die Sonne gehalten trocknen zu lassen. Die Schwärze seines Gefieders erscheint dann aufgehellt, aber nicht etwa bräunlich oder rötlich, sondern lediglich etwas durchlässiger, und bleibt von der Empfindung her, nicht allein von der Wahrnehmung: schwarz.

Ich habe nur einmal noch einen so schrecklichen Vogel gesehen, das war in Afrika, als ich eines Morgens duschte, auf dem Dach eines Hotels, das es mittlerweile nicht mehr geben wird in dieser Form, weil es abgebrannt ist. Und das Wasser rauschte zwar nicht unbedingt aus dem Duschkopf, aber es war trotzdem ganz angenehm, bis ich dieses Geräusch hörte, das alles übertönte. Und dann saß ein paar Meter neben mir ein Geier, der sich plusterte. Der ging mir so in etwa bis zum Nabel, während er saß. Und schaute mich an. Mit seinen verschrumpelten Augen. In etwa entsprach das damals, bloß halt in verkehrter Weise, dem Größenverhältnis zwischen Kormoran und Blässhuhn – oder Hahn, ich weiß ja nie, wer aktuell brütet auf dem Nest aus Plastiktüte, Seerosenblättern und obendrauf kreisrund geflochtenem Weidenreisig, denn bei Blässhühnern gibt es nicht bloß keine ersichtlichen Geschlechtsfärbungen im Federkleid, sie teilen sich auch die Brütarbeit und die Aufzucht paritätisch (und das, natürlich, instinktiv).

Ich könnte den Kormoran töten. Es gibt eine Lücke zwischen dem alten Baum rechts im Visier und dem herunterhängenden Zweig. Von meinem Balkon aus führt eine von mir gedachte Linie geradewegs hin zu ihm in seine Brust, während er dort seine Flügel spreizt. Es sind knapp sechzig Meter, das wäre für mich kein Problem. Dann würde ich verhaftet, wahrscheinlich – der Kormoran war Vogel des Jahres 2010.

Für Jan, der heute Geburtstag hat, aber nicht nur. Und nicht nur deswegen .—

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