»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

18.1.

Derzeit komme ich täglich an einem Antiquitätengeschäft vorbei, dort steht im Fenster eine afrikanische Skulptur. Sie ist in etwa einen Meter hoch und ähnelt von der äußeren Form her einem Kaktus ohne Verzweigungen (und ohne Topf). Im oberen Drittel der Form befinden sich auf der dem Fenster zugewandten Seite zwei Löcher, die, weil sie parallel und nebeneinander auf einer Waagerechten eingebracht wurden, mich an Augen denken lassen, und daraufhin erscheint mir das Ganze natürlich als Bild eines beseelten Wesens. Das Material könnte Ton sein oder eine andere Erde, jedenfalls ist es von rötlichem Hellbraun. Weder glasiert noch bemalt.

Ich habe das Geschäft noch nie betreten, bleibe aber jeden Tag zweimal vor dem Schaufenster stehen. Wenn es dunkel ist, wird die Skulptur von der Nachtbeleuchtung gelblich angeleuchtet (nicht -gestrahlt). Man würde das Lämpchen mitkaufen wollen, falls. Ich kam da gestern aus dem Lokal Zwiebelfisch, wo ich die Neue Zürcher Zeitung gelesen hatte. In den kommenden Tagen habe ich viel mit zwei Schweizern zu tun, da kommt es leicht zu Missverständnissen, also bade ich allabendlich ein bisschen in deren Sprache, um mich vom Gefühl her auf ihre Ausdrucksweisen einzustellen. Die beiden sind, sprachlich gesehen, wie Goldfische in ihrem Plastikbeutel von ihrer Schweizer Sprache umgeben und mit meinem Deutsch dringe ich nicht vollständig zu ihnen durch. Gestern fragte Beda, dabei eine der eigens für ihn aufgestellten Styroporwände abschreitend, an der schon zig ausgeschnittene Schriftproben und Zeitschriftenseiten beispielhaft hingen, nach einer Nadel, dabei erzählte ich ihm, dass ich neulich vor dem Haus eines Mannes gestanden hatte, einem Uhrmacher, der als Erfinder der Reißzwecke gilt.
»Was ist Reißzwecke?«, fragte der Schweizer. Und lächelte nach meiner Erläuterung in sich hinein. Enea, der andere Schweizer, schaute mich ausdruckslos an.

Bei der Zeitungslektüre genügt beinahe schon ein einziger Satz. Gestern beispielsweise auf der Titelseite im Vorspann zu einer Randspalte: »Trump spricht im Interview mit europäischen Zeitungen«. Nicht »Bild« und »Times«, sondern europäische Zeitungen. Das rückt alles zurecht. Der Satz würde vermutlich noch stärker wirken, wenn ich ihn in einem Lokal in Freiburg gelesen hätte, wo die Schweiz schon ganz nahe scheint, vor allem räumlich. Er funktioniert aber auch noch am Savignyplatz in Berlin. Es gibt Menschen, die halten die Schweizer Sprache für eine Art Dialekt des Deutschen. Dann könnte ich mir das abendliche Sprachbad sparen. Auf einer Folgeseite, noch immer im Politikteil, fand sich eine ganzseitige Erzählung von den Straßenrestaurants in Singapur: »Tische und Hocker sind profan und am Boden festgeschraubt; für Kinder sind das ideale Turngeräte. Eine Zuordnung der Plätze zu einer bestimmten Küche gibt es nicht. Es herrscht Selbstbedienung. Ventilatoren blasen, Plasticgeschirr klappert. Angestellte räumen die verschmierten Teller ab und schieben sie auf Servierwagen in die Küche. Kinder schreien, und sporadisch heulen Mixer auf. Die Luft ist voller Dämpfe und scharfer Gerüche, es ist überall feucht und nass. Im Neonlicht glänzen die braun-grillierten Gänse fettig, daneben liegen blasse, rohe Hähnchen. Grosse Schweinsstücke versperren wie ein fleischiger Vorhang die Sicht auf Töpfe und Bratpfannen.« Ein Meisterwerk. Ganz klar. Als Objekt abgesandt aus einer Galaxie im außereuropäischen Weltraum.

Der große See friert jetzt zu. Die Verkehrsschiffe hinterlassen gurgelnde Geräusche.

17.1.

Am Abend traf ich mich mit Moritz in der Mozarellabar, die wirklich so heißt. Dann gingen wir die kurze Strecke zu Fuß in die Schönhauser Allee. Die Diskothek dort heißt Last Cathedral. Es gibt sie schon eine verblüffend lange Zeit, viele Jahre. Dabei ist diese Gegend auf der Talseite der Schönhauser Allee längst gentrifiziert, im Nachbargebäude befindet sich beispielsweise das für seine restriktive policy berühmte Café The Barn von Ralf Rüller. Auf der anderen Seite wird das Last Cathedral von einem Drogeriemarkt (Rossmann) flankiert. Es handelt sich um eine sogenannte Klienteldiskothek. Die Klienten sind, der Name lässt es vermuten, klarerweise Grufties, aber gestern ging es um Mode, denn im Last Cathedral fand die Auftaktveranstaltung der Berliner Modewoche statt. David Roth und Carl Jakob Haupt veranstalteten dort ihre Mottoparty. Motto: Tod.

Die Warteschlange hatte sich bereits um das Drogeriegebäude und beinahe um das um die Ecke gelegene Soho House herumgewickelt. Das ist das Gute an den Partys von David und Carl Jakob: Seit es diese Veranstaltungen gibt, ist die Modewoche danach auch gleich wieder vorbei. Das war vorher nicht so. Man musste dann teilweise noch quälend viele Modenschauen besuchen und sich dann am Mittwoch auf dem grauenhaft langwierigen Cocktailempfang der Zeitschrift Vogue mit Filialleitern einer Mercedesniederlassung auf Sylt unterhalten. Die Modewoche in ihrer alten Form erstreckte sich tatsächlich noch über mehrere Tage und nahm vom Gefühl her tatsächlich eine gesamte Woche in Anspruch. Die von David und Carl Jakob relaunchte Modewoche dauert nur ein paar Stunden einer einzigen Nacht. Aber mittlerweile, seit dem Anschlag auf ein Konzert der Eagles of Death Metal in Paris sind noch nicht viele Monate vergangen, in der Sprache der Mode: nur ein Wimpernschlag, habe ich scheinbar ein für mich neuartiges Gefühl entwickelt: Ich stehe nicht mehr gern in Warteschlangen vor Diskotheken namens Last Cathedral an, in der eine Mottoparty mit dem Motto »Tod« gefeiert wird. Ein Gefühl, das ich teilen kann mit beispielsweise Thom Heise, der damit sogar etwas geschäftlich zu tun gehabt haben wird, und den ich dann an der Bar traf, und der, im Gegensatz zu mir, sich verkleidet hatte mit einem imposant wirkenden Offiziershut. Auch ihm war nicht wohl mit solchen Menschenmassen, die über die Wendeltreppe hinunter in den Raum drängelten. Meldung aus dem oberen Stockwerk: Die Schlange war inzwischen doppelt so lang. Anscheinend gab es im Untergeschoß keine Notausgänge. Allein, das man nach so etwas schaut!

An einem Kreis aus Stahl hingen gehäutete Schafsköpfe über dem Tresen, die, das erzählte Carl Jakob und es schien für das Verständnis wichtig, in einem Koffer aus Aluminium aus Kassel hertransportiert worden waren im ICE. Was mir sehr gefiel, Moritz gab sich anfangs abwartend, dann aber doch hingerissen: zwei Zwerge. Sie hießen Elke und Ulf. Also auch von den Namen her angenehm kurz. Übrigens selbst auch Eltern. Carl Jakob hatte sie über eine Webseite gebucht, die sinnigerweise unter »Kleindarsteller.de« firmierte. Der Job der beiden bestand nun darin, vom Tresen aus, also stehend, eine Flasche Wodka nach der anderen in die geöffneten Münder all jener zu füllen, die sich so etwas schon immer, oder bloß heute, spontan, gewünscht hatten. Das wollten viele. Unschönes Detail: Wie Carl Jakob erst am Abend beim Eintreffen der Zwerge herausgefunden hatte, handelte es sich bei ihnen von der Gesinnung her um Nazis. Also nicht bloß Wutzwerge, schon noch ein bißchen mehr. Aber wie beim Wutzwerg war wohl der Grund bei Ulf und Elke in deren Lebensgefühl des Ausgeschlossenseins zu suchen. An diesem Abend waren sie jedenfalls mittendrin im Geschehen. Aber ob das politisch was brachte, gesinnungsmäßig, muss leider bezweifelt werden. Als wir gingen, schraubte Elke gerade eine neue Flasche auf. Im Eingangsbereich traf ich dann noch auf Larissa, eine Tätowiererin, die auf malerische Übergänge spezialisiert ist (in ihrer Kunst), und die sich dort einen kleinen Arbeitsplatz eingerichtet hatte. Die Gäste durften sich von ihr kostenlos tätowieren lassen. Aber bloß eins von zwei Motiven: entweder Pentagramm oder Totenkopf. Bei unserem Abschied hatte sie gerade Ulf in der Mache, der sich einen Schädel in den Unterarm stechen ließ. Die Warteschlange reichte bis zum gelblich flimmernden Horizont.

In der U-Bahnstation Rosa-Luxemburg-Platz werden historische Fotos als Wandschmuck ausgestellt und auf einem dort erfährt man, dass es vor hundert Jahren hier noch eine Zigarettenmarke gab, die hieß »Problem«.

16.1.

Um kurz nach zwei Uhr aufgewacht; ungewöhnlich, weil wenn schon, dann wache ich mitten in der Nacht für gewöhnlich kurz nach drei Uhr auf. In meinem Traum war ich in der Umkleidekabine der Rolling Stones gelandet. Wer genau von den Musikern mit mir in dieser Kabine war, konnte ich nicht erkennen – was auch daran gelegen haben wird, dass ich von denen nur drei auswendig präsent hätte, aber ich wusste, wie ich es vom Gefühl der Gewissheit her nur als Träumender wissen konnte, dass es sich bei den mit mir in der Enge einer Kabine zusammengepferchten Männern um die Rolling Stones handelte. Die Stimmung war heiter, aber die Heiterkeit wirkte nicht ansteckend auf mich. Dies allerdings nur im Traum selbst, und dies auch lediglich im Nachhinein festgestellt, denn als ich dann wach lag, fand ich mich guter Laune. Auch amüsiert von der absurd weit hergeholten Geschichte meines Traums. Ich interessiere mich für ziemlich viel, aber so gar nicht für die Rolling Stones.

Vermutlich war es die waranhafte Mimik von Edmund Stoiber gewesen, die diese Traumbilder erzeugt hatten. Vor dem Einschlafen hatte ich ihn noch in der Gesprächsrunde von Anne Will gesehen. Die Kamera hatte ihn, wenn er sich abgeregt hatte, immer wieder mit einer Nahaufnahme gezeigt: die Augen geschlossen, als genieße er den Sonnenschein. Wie ein sehr großes Reptil, oder ein sehr kleines in Großaufnahme, auf einem Stein.

15.1.

»Am nächsten Tag setzten wir die Graupen auf, kochten sie mit Salz und gossen sie ab. Meri verrührte in einem zweiten Topf drei Becher Matsun und drei Becher Schmand«, las ich in einem Manuskript über sein Jahr in Armenien, das Marc Degens mir mitgegeben hatte. Fügte sich wärmend in unsere Situation in dem Haus am zugefrorenen See, das, je länger wir dort blieben, desto wahrscheinlicher war zumindest mir das erschienen, um die Klappe im Küchenfußboden, beziehungsweise den darunter verborgenen Vorratskeller, herum gedacht worden war.

Zehn Stunden geschlafen, ohne sich am Morgen danach auch noch krank zu fühlen – entweder lag das in der Landluft begründet, vielleicht auch waren dem Ofen die Nacht über einschläfernde Gase entwichen. Jedenfalls fühlten wir uns stark. Ein Spaziergang über den knirschend gefrorenen Schnee führte am Ufer entlang und später dort eine Treppe empor auf den Wall, hinter dem ein Supermarkt wartete. Die freundliche Verkäuferin packte uns von ihren Kümmelknackern in eine Tüte, die mit nackten Schweinchen bedruckt war. Die veranstalteten übermütig Purzelbäume und, wie auf wundersame Weise, verletzten sie sich dabei nicht mit den Messern und Gabeln, die sie in ihren Fäusten hielten. Kein Tropfen Comic-Blut war auf die ihnen umgebundenen Servietten gespritzt. Am Tresen stand auch ein Freak an, größer noch als Erik, dazu mit Schultern in etwa doppelt so breit. Dem ringelte sich ein dünner Pferdeschwanz aus ergrautem Menschenhaar unter seiner Mütze aus vanillefarbenem Pelz in den Nacken. Seinen Körper hatte er in das Twin-Set eines weißen Daunenanzuges verpackt, das kreuz und quer mit stilisierten Birkenstämmen bedruckt war, hinter denen sich schematisch dargestellt, die Schatten von Tieren zu verbergen suchten. In den Wäldern ringsum gab es nirgendwo Birken.

Nach Einbruch der Dunkelheit fuhren wir zurück in die Stadt. Erik verschwand zwischen den staksenden Menschen im Eingangsbereich des Hauptbahnhofs, mich entließ Heiko am Haus der Berliner Festspiele aus dem Baustellenfahrzeug. Es gab, das war seit Tagen so abgemacht, ein Tanztheater von Alain Platel. Es war noch über eine halbe Stunde hin bis zum Einlass und trotzdem scharten sie sich und strömten. Hier gibt es ein Publikum zu sehen, wie sonst nirgendwo in der Stadt. Auch modisch. Insbesondere modisch. Und das an beiderlei Geschlecht. Hier wird noch Issey Miyake getragen. Und Broschen. Lange Mäntel aus, wie es heißt: fließenden Materialien. Das Stück war ausverkauft.

Das Bühnenbild lässt einiges ahnen. Berlinde de Bruyckere zeigt einen zerschlissenen Fries aus Rupfen. Davor liegen zwei ausgestopfte Pferde aufeinandergestapelt. Ein Flaschenzug, der bis in den Schnürboden reicht, kündigt ein drittes an. Die Tänzer, es sind neun, fangen nach dem kurzen Solo damit an, sich gegenseitig die Nafri-Looks vom Leib zu reißen. Damit sind die acht Männer eine ganze Weile in wechselnden Konstellationen beschäftigt. Vorgeführt werden Beweglichkeit und Stück für Stück nun auch die blanken Instrumente selbst, in Gestalt der sehnigen Körper. Die einzige Tänzerin ist von ihrem Typ »herb« her leider nicht so ausgesucht, das man sich auf das Kommende freut. »Uraufführung 1. September 2016, Jahrhunderthalle, Ruhrtriennale, Dauer 1 Stunde 40 min ohne Pause«. Der Regisseur hat eine hohe Wette laufen mit seinem Publikum, das Stück heißt Nicht Schlafen. Die Musik von Gustav Mahler ist freilich schön.

Der Applaus nimmt kein Ende. Die Frau neben mir macht einen schallenden Indianderruf, den sie mit ihrer vor den Lippen vor und zurück oszillierenden flachen Hand erzeugt. Jan weist mich völlig zu recht darauf hin, dass der Berliner Applaus gemeinhin mit »herzlich, aber kurz« charakterisiert wird. Das dritte Pferd war tatsächlich aus der Versenkung gehievt worden (mit dem Flaschenzug).

Auf dem Weg zur Bahn machten wir bei Herrn Arzou Station. Er betreibt sein Restaurant schon mindestens seit den Siebzigerjahren. Als ich ihn kennenlernte, war er schon ein älterer Herr. Damals noch einer zum Fürchten. Man konnte nicht einfach in sein Restaurant kommen, man musste vorher reservieren. Wer reserviert hatte, hatte unbedingt pünktlich zu kommen. Ansonsten passierte es, dass man von Herrn Arzou wieder nach Hause geschickt wurde. Oder anderswohin. Jedenfalls weg. Mittlerweile ist er milde geworden. Aber in den Details unerbittlich. Die Speisekarte wurde seit den Siebzigerjahren nicht mehr verändert. Wozu auch? Es gibt dazu tatsächlich keinen einzigen Grund. In dem Manuskript beschreibt Marc Degens einen Aufenthalt in den verschneiten Bergen Armeniens, wo ihm ein Bergbewohner seinen ausgedienten Kleiderschrank vorführt, in dem sich stapelweise die armenischen Fladenbrote mit Namen Lawasch türmen. Ein menschliches Eichhörnchen. Dieses Dauerbrot schmeckt frisch vom Grill ausgezeichnet. Vor allem, wenn man darin den Hackspieß Lule einwickelt, gemeinsam (nicht zusammen) mit Streifen roter Zwiebeln und ein paar Blättern Minzbasilikum. Dann kam das Kalbfleisch, das bei Herrn Arzou ein unvergleichliches Aroma hat – von seiner Zartheit nie zu schweigen. Ich glaube ja, dass er beides, Textur und Aroma, unerreicht dadurch erzeugt, in dem er die Kalbsfilets in Milch mariniert, tagelang. Da ist eine fadenhaft zarte Spur eines Aromas von gegrillter Milch an und hinter den Stücken. Gefragt habe ich Herrn Arzou aber noch nie.

In der Bahn sind nach ein Uhr nachts noch hundert Menschen stadtauswärts unterwegs. Telefongespräche, Paare, einzelne Männer. Ich bin einer von ihnen. In Blässhuhnhausen ist alles beim Alten. Hier muss ich nie weg, um bei der Heimkehr die Schönheit von neuem zu finden.

Wind weht, Mensch geht. Bett steht.

14.1.

Vorbei an Gärten und Häusern, an einigen kleben noch Reste der Stadtmauer, führt die Straße an einer Tankstelle vorbei in den Wald. Wir besuchten den Fischer, der dort am Ufer eines weiteren Sees, es gibt deren acht rings im Wald, sein Geschäft betreibt. Ein wortkarger Mann mit klarem Blick. In einem Eimer drängeln sich Forellen aneinander. Dazwischen steckt ein Gerät, das den Strom aus der Steckdose ins Wasser entlädt. Danach ist Ruhe im Eimer. Der Fischer betätigt den grünen Schaltknopf der Sonde noch ein paar weitere Male und bei jedem Mal geht das Gezappel im Eimer von vorne los, ein elektrisches Ballet. Sobald sein Daumen den Knopf wieder freigibt, sinken die Fischleiber in sich zusammen.

In dem Verkaufsraum steht noch ein Weihnachtsbaum. Es ist kalt dort, es liegen kaum Tannennadeln auf dem sauber gewischten Fußboden. Die Zweige des Baums sind mit schmalen Streifen eines Netzes behängt. Dazwischen aus Holz ausgesägte Fischformen. Die fischförmigen Fläschchen aus Kunststoff, in denen einst Sojasoße war, mit dem roten Schraubverschlüsschen anstelle eines Fischmauls. Ich fragte ihn nach einem ziemlich großen Knochen am goldenen Band, der dort hing. Der Fischer erinnerte sich noch genau an den Tag, einem im Februar 1991, als er diesen Wels mit 33 Kilogramm Gewicht aus dem See gezogen hatte. Der Knochen ist einer aus dessen Wirbelsäule. Nach dem Filetieren des Fanges hatte er die Reste auf das Dach seiner Hütte geworfen, wo dann wohl die Krähen die Knochen blitzblank abgeputzt hatten. Die schönsten Teile kommen seitdem, seit den frühen Neunzigerjahren an seinen Weihnachtsbaum. Er zeigte uns die Ringe auf diesen Knochen, reliefartig, an denen sich das Alter eines Fisches ablesen lässt. Vergleichbar mit den Jahresringen auf einer Baumscheibe.

Er lieh uns das Dreibein, auf dem Rückweg fing es wieder zu schneien an.

Erik hatte die Feuerstelle im Garten vorbereitet. Das Blei schmilzt bei 280 Grad in einem Kupfertopf, es dauerte ziemlich lange, so in etwa 20 Minuten, bis drei Kilogramm einer Legierung aus Zinn und Blei zu einer metallisch glänzenden Pfütze zerronnen waren. Eingeschmolzen waren sämtlich misslungenen Güsse, obendrauf, wie als Würze, die Zinnsoldaten aus den in Sütterlin beschrifteten Schachteln. Erik schätzte, dass er in etwa zehn Versuche brauchte, um eine Form zu erhalten, die in seinen Augen Bestand hat. Und das auch aus statischem Grund, denn einige der aus dem Schapfen ins eiskalte Wasser geschütteten Ladungen erstarrten zwar zu bizarren Formen, aber sie halten dann entweder nicht oder nur schlecht zusammen, weil etwa ein zu dünner Grat den zum Standfuß geeigneten unteren Teil mit einem dafür zu schweren Kopf zusammenhält. Das Ganze läuft vom Prinzip der Herstellung her wie beim Käsefondue. Ist freilich gefahrvoller, weil insbesondere beim Einschmelzen der fehlgegangenen Güsse die Legierung aus dem Feuertopf herausknallt und spritzt.

In einigen Stunden Arbeit entstand so am Ende, da war es bereits dunkel geworden, gerade mal ein einziges Stück, das Gnade findet vor Erik, der es geschaffen hatte. Zwar spielt der Zufall eine gewisse Rolle beim Bleigießen – man kennt das ja selbst aus der Silvesternacht – und auch in dem stark vergrößerten, brutalistischen Maßstab, in dem Erik hier das Bleigießen betreibt, wird ein Teil der Formgebung von Zufälligkeiten oder schwer beherrschbaren Faktoren bestimmt; aber halt nicht nur. Wesentlich ist an dieser Arbeit vor allem die Selektion. Was darf bleiben, was geht zurück in den Topf. Wir sprachen wenig, fragten uns aber, wie lange, wie umfangreich die Versuchsreihen von Jackson Pollock wohl gewesen sein mögen, bis er dann mal eine Leinwand auf seine Weise befriedigend beschüttet hatte, dass dort ein Bild entstanden war, wie er es sich vorgestellt haben wird.

Wer, wie Erik, schon hunderte Mal ein paar Kilo geschmolzene Metallsuppe in den Bottich geschüttet hat, verinnerlicht gewisse Bewegungsabläufe und weiß, mit welchem Schlenker er eine gewünschte Form erzeugen kann. Auch wenn dann in den Details noch Überraschendes sich gebildet haben wird. Die Skulptur des Tages war dann etwa dreißig Zentimeter hoch. Sie wiegt bestimmt an die zwei Kilogramm. Vom Gesamteindruck her wie ein Bürogebäude namens The Golden Fang. Alle übrigen Stücke werden demnächst wieder eingeschmolzen. Das eine jedoch wird nun von einem 3D-Scanner abgetastet und aus den Daten wird ein 7,3-fach vergrößertes Modell in Wachs ausgedruckt, das in die Ausstellung kommt. Weshalb nun ausgerechnet 7,3-fach bleibt des Künstlers Geheimnis. Und hat ganz vermutlich mit den Eigenheiten des Kunstmarktes zu tun. Wer sich für das Wachsmodell so stark interessiert, dass er sich zum Kauf entschließen kann, erhält damit eine in Bronze gegossene Version. Für Gartenskulpturen gibt es mittlerweile wohl einen gesunden Bedarf, seit unter den Sammlern der Trend zum Landsitz geht.

Zum Nachtessen dann die Forellen aus dem Backofen. Dazu Kirschen und Gurken aus dem Weckglas. Ein guter Jahrgang, frühe Achtzigerjahre. Nachspeise: Schokolinsen in rosa und weiß.

13.1.

Um sechs vom iPad geweckt worden. Hielt das aber für einen Fehler, es war noch krabbendunkel. Weitergeschlafen und später dann festgestellt, dass Erik gestern wohl die Fensterläden geschlossen hatte. Der Garten draußen, unabgeerntete Äpfel wie Christbaumkugeln im Gegenlicht, Schneeschaufelgeräusche von hinter der Mauer zum Nachbargrundstück. Ich greife zum Sprachrohr der Verständigung, einem alten Schlauch, der in die Wand neben meinem Kopfende führt und das untere Stockwerk mit dem Badezimmer oben verbindet, aus dem mir Eriks Geräusche übertragen werden, der dort sein kaltes Bad am Morgen nimmt.

»Mohler«, röhre ich hinein, »tun sie mir doch bitte den Gefallen, und bringen Sie mir einen Mokka. Und suchen Sie mir dazu auch die Karten raus. Von Paris und seiner näheren Umgebung«.

Als es dunkel geworden war, saßen wir längst in dem Baustellenfahrzeug. Am Steuer Heiko Holzberger, der uns nach einstündiger Fahrt quer durch die Stadt noch das angeblich älteste Gasthaus Berlins zeigen wollte. Das niedrige Fachwerkhaus steht am Rande des Tegeler Waldes. Wir aßen dort Linsen und Spätzle, während über uns andauernd Menschen in schweren Schuhen durch die Räume schlurften. Offenbar wurde das erste Geschoss dort mit Fremdenzimmern ausgebaut.

Die Fahrt ging weiter durch leere Natur. Verlässlich die einschläfernde Wirkung des Mittelstrichs in der Dunkelheit. An den Seiten des Blickfeldes wurde es heller und heller: wir fuhren in den verschneiten Wald hinein.

Erwacht dann mit der schlechten Laune des Kindes, wenn die Türen des Kokons aufgerissen werden, weil wir jetzt angeblich da waren. Die kalte Luft überall, und ich hätte am liebsten nur weitergeschlafen.

Leider auch kein intelligent house, das schon per Fernsteuerung eingeheizt wurde. Wir saßen zu dritt um den Tisch in der Stube, die nackten Füße in drei Bottichen mit aufgekochter Schneeschmelze. Der aus Weichkaramellbrocken gemauerte Ofen kam allmählich in Fahrt.
Es gibt dort in der Küche eine Klappe im Boden, darunter liegt ein tiefer Raum, dessen Wände dicht an dicht mit Weckgläsern verstellt sind, aus denen man in Berlin mittlerweile das Bircher Müsli und Salate mit Quinoa oder Couscous serviert bekommt, abends auch Drinks. Hier wurden eingeweckt Birnen in kleinen Stücken und halbierte Zwetschgen. Sieht aus wie in Frank Leders Atelier. Holzberger mischt kleine Schlucke aus einer Flasche Klarem und einem Glas Birnenkompott zu einer wohlschmeckenden Substanz. Auf dem Etikett der Flasche steht »Prima Sprit«. Verkaufspreis 17 Ostmark 60 für den halben Liter. VEB Bärensiegel, Betriebsteil Neuruppin. Das Zeug hat 95%. War also für die damaligen Verhältnisse nicht billig, aber preiswert. Es gibt unter der Küchenklappe auch noch Flaschenweise Pfirsichwein, der, wenn man die ersten zwei Schlucke überwunden hat, gar nicht so übel schmeckt. Nicht gerade nach Sommer, auch nicht nach Pfirsich, aber auch nicht nach Fisch. Das Etikett ist mir grünem Filzstift beschriftet. Abfüllung aus der Ernte 2004. die Birnenkonserve ist von 1996. Ein gutes Jahr.
Wir begutachten die Zinnsoldaten, unbemalt sehen die ja zauberhaft aus. Filigran und regelrecht kostbar. Erik hat hunderte dabei, die mit in die Bleischmelze müssen. Das Blei stammt vom örtlichen Fischer, so etwas gibt es hier noch. So etwas gibt es am Wannsee nicht mehr (Fischer).

Der Trunk wirkt stärkend. Wärmen tut er auch. Da wir uns hier zur Klausur eingefunden hatten, trage ich programmgemäß aus dem first draft meines treatments vor. Der erste Spot unserer Imagekampagne für Thüringen zeigte demnach eine Halbtotale eines türkischen Imbisslokals mit hellblauen Wänden. Die Dönerrübe ist rechts im Bild, links steht der Imbissbetreiber mit schwarzem Schnäuzer im weißen Kittel mit dem langen Dönerabschneidemesser in der Hand. Hinter ihm hängt in goldenem Rahmen ein Portrait Björn Höckes, daneben noch eines von Erdogan. In gelber Futura wird das Wort Thüringen eingeblendet. Der Imbissbetreiber spricht den Umlaut im Landesnamen genießerisch aus. Die Kamera fährt in einer waagerecht gleitenden Bewegung weiter und rahmt einen vor der hellblauen Wand sitzenden Inder ein, der einen safranfarbenen Turban trägt. Er hat graumelierte Augenbrauen und spricht ein indisches Hochenglisch, das in gelber Futura untertitelt wird: »I came to the country in 1961 to work as a mason. We were building the wall. The Chinese had a wall already but this one was same but different. Our work was difficult sometimes but somehow we finished. Then, in 1989 the wall was demolished completely. But somehow I already decided to stay. Because I like it here«.

Dann die Linienzeichnung des Landeswappens und das Wort Thüringen noch einmal in Futura und beides in gelb.
Dann noch der Spot mit dem Klossmuseum, eventuell auch noch einer zur Schokoladenmanufaktur Goldhelm.

Würde in den kommenden Tagen noch ausgearbeitet werden müssen, bis wir das vor Boris Lochthofen präsentieren konnten.

Holzberger meinte, dass nun, da es endlich bullerwarm geworden war, auf wundersame Weise klar würde, was eine Stube ursprünglich bedeutet hatte. Also im ganzen kalten Haus der einzige Ort der Zuflucht. Danach zu Bett.

12.1.

In ihrer Meditation der Gemeinsamkeit beschreiben Ingrid und Jörg Splett den Blick des Kindes als eine Schale: Aufgrund seiner geringeren Körpergröße schaut es auf zu seinen Eltern, deren liebende Blicke diese Schale füllen. Wer kein gemeinsames Kind hat, zudem noch getrennt vom Liebespartner leben muss, erlebt das Schalenphänomen dann doch mit einem ersehnten Telefonat, wenn die vermisste Stimme lindernd wirkt und sich für beide, nach der Beendigung des Telefongespräches, die gemeinsame Schale wieder als mit dem Guten gefüllt fühlen lässt. Die Oberfläche noch zittrig, zeigt es dennoch schon ein klares Bild: Wir beide sind eins. Oder wie Fran Lebowitz im August 1976 in I Cover The Waterfront schreibt »Food gives real meaning to dining room furniture«.

Und wie durch ein Wunder, oder als ob dies Wundersame am Schalenphänomen noch einer Bebilderung durch das Naturgeschehen bedurft hätte, fing es kurz darauf mega an zu schneien. Und wenn ich mega schreibe, dann meine ich es auch so. So viele Flocken, Minimum. Nach einer halben Stunde trieben sie in waagerechter Strömung an den großen Fenstern vorbei. Am Nachmittag hatte sich der Sturm dann gelegt und die Flocken säuselten abwärts oder wie es bei Schnee heißt: hernieder. Selbst auf den nackten Ästen des Baumes lagerte sich eine zentimeterhohe Schicht ab. Das traurige Bild eines auf die Gleise geworfenen Adventskalenders der Sexshopmarke Orion, sämtliche Türchen im Unterleib der daraufgedruckten nackten Frau klaffend, die Schokoladenstückchen fehlten, darunter der Schriftzug »Süße Weihnachten«, das ich am Morgen an der Station versehentlich angeguckt hatte, war damit hoffentlich verhüllt. Oder wie Tomas Maier mir das vor vielen, vielen Jahren als Essenz seines Relaunches von Bottega Veneta diktiert hatte: »I had to pull the black drape upon«. Bloß halt in Weiß.

Es kommt nicht oft vor, dass man das Glück hat, bei der Erfindung eines neuen Frühstücks dabei zu sein. Mir war dies bislang noch nicht gelungen, bis dann gestern um kurz nach 9 Uhr Markus aus dem sogenannten Ärmel eins schüttelte, für Tammo und mich, die wir dort in seinem Café am Tresen standen und unsere Zukunftsängste so lange voreinander laut aussprachen, bis sie uns gar nicht mehr so angstfördernd vorkamen. So ähnlich wie in dem Gedicht von Samuel Beckett in den Flötentönen, also wie es in En face/Le pire als Lebensempfehlung ausgesprochen wird. Inzwischen hatte Markus Scheiben von Weißbrot geröstet und mit Olivenöl imprägniert. Darauf Sardellen und eine große Menge Petersilienblätter und in einer symbolischen Vorwegnahme des nachmittäglichen Wetterumschwunges wie mit Schneeflocken bestreut, aber die hier waren aus Botarga. Dazu passten zwei Gläser Prosecco. Markus Schädel: mit einem Ärmel als Füllhorn. Sein großes Herz. Dass es später schneien würde, war da nicht nur noch nicht vorstellbar, wir hatten überhaupt nicht an diese Möglichkeit gedacht. Die Möglichkeit späteren Schneiens, Roman.

Wir kennen unsere Zukunft nicht. Auf Anhieb ist das ab und an ein schrecklicher Gedanke. Auf Dauer wirkt er angstlindernd. Unklar blieb, wie man das neu erfundene Frühstück betiteln sollte. Denn auch das Frühstück brauchte einen Namen. Tammo war der Ansicht, das Datum seiner Erfindung müsste genügen: Elftererster. Aber ob das ein guter Name für ein Frühstück war? Und war das überhaupt wichtig? Würde es sich weisen? Es würde sich weisen. Soviel war gewiss.

In ihren Verpackungen stoßen die Menschen aneinander wie Spielfiguren. Und in den Gassen wie in der Sophienstraße fällt es gar nicht groß auf, dass auf dem Bürgersteig dort einer das Kind auf dem Schlitten zieht. So dörflich wirken die niedrigen Häuser. Das Umherschweben der Flocken arbeitet ihrem dörflichen Erscheinungsbild entgegen. Rings um den Friedhof. Inmitten Berlins.

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