»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

23.3.

Die Neugierde lässt sich nicht entsichern wie eine Waffe. Ich treffe oft Menschen, die in sich keine Frage spüren. Sie sind fertig mit der Welt. Ich kann mich für alles Mögliche interessieren, begeistern oft auch. Ich lerne gern. Es hört nie auf, hoffentlich.

Mit einem Stift schrieb ich ein paar Gedanken auf. Es war nicht irgendein Stift, es war der Stift. Ich hatte ihn vom Schreibtisch der Schweizer genommen. Zeitweilig ausgeliehen. Es ist der Stift, mit dem sie ihre Gedanken auf die Ausdrucke von Fotos schreiben, die sie von den über den Fußboden im Flur ausgebreiteten Ausdrucken von Fotos gemacht haben. Dieser Vorgang nennt sich Layout.

Ich war früh im Bikinihaus eingetroffen, um mit einer Origamikünstlerin zu sprechen. Ihre Installation hing dort von der Decke des Kaufhauses, das sich laut Eigenwerbung als Concept Mall versteht. Kuratiert selbstredenderweise. Das geht, also das kuratorielle Selbstverständnis der Mieter jeder Verkaufsfläche dort (#ShopInShop), bin ins Detail. Keiner der in den Schaufenstern ausgestellten Gegenstände (Tee, Schal, Lautsprecher, Kaktus) wirkt für den alltäglichen Gebrauch bestimmt. Eine Ansammlung von Museumsshops, ohne ein zugehöriges Museum. Die Ansammlung der Museumsshops ist das Museum.

Hinter dem breiten Fenster im Erdgeschoss ist ein Ausschnitt des direkt angrenzenden Zoos zu sehen. Auf der Fensterbank sind bunte Kissen ausgelegt, hier sitzen schon einige Menschen und betrachten die Tiere, die im Nieselregen auf einem Felsen umherklettern. Ich hatte vergessen, wie abstoßend hässlich Paviane sind.

Plötzlich schrie jemand laut, eine Männerstimme, dann gab es einen Knall. Auf der Galerie war jemand im Laufschritt zu sehen, der in ein Funkgerät sprach. Dann noch jemand. Sie eilten hin und her. Unter den Pavianbeobachtern ging jetzt die Frage um, was dort oben passiert sein könnte. Keiner bewegte sich. Ich fragte mich, ob sich die Scheibe zum Zoo hin einschlagen ließe, um aus dem Gebäude zu fliehen, falls da nun gleich jemand den Gang entlang käme, um alle hier zu erschießen. Von der Fensterbank aus durch den breiten Gang alleine zum Ausgang zu laufen, erschien mir nun zu gefahrvoll. Die Scheibe einschmeißen – mit was? Mit einem Stuhl aus der Kaffeebar? Mit meinem iPad?

Die Männer vom Wachpersonal mit ihren Funkgeräten erschienen dann auch bald im Erdgeschoss, um Entwarnung zu geben: nur ein Obdachloser. Auf der Fensterbank nickte man sich zu, klar »das macht Sinn.«

Nach Mittag schaute ich mir im Store des Soho House die neue Kaktusrange an, einige Exemplare sehr schön, aber alle auch sehr groß. Der Trend geht zum Monolithen. Ich traf Niki Pauls, die mir auf ihrem iPhone eine Aufnahme ihres eigenen Kaktus zeigte, den sie sich zuhause hält, und der aber seit kurzem erkrankt ist. Von dem, was ich auf dem kristallklaren Bild erkennen konnte, handelt es sich um einen gehirnförmig aus einem Tontopf wuchernden Sukkulenten in einem schönen, dunklen Grün, der regelmäßig abgestaubt wurde. Ich riet ihr, den schwärzlich verfaulenden Ausläufer abzuschneiden, bevor der infizierte Teil ihr noch den gesamten Organismus zerstört. Den Rest der Zeit bis zum Nachmittag verbrachte ich dann mit dem tschechischen Fotomodell Karolína Kurkovà, die zum Spaghettiessen eingeladen hatte. Sie kochte, die Schreibenden durften ihr dabei Fragen stellen. Als ich sie um eine Unterschrift bat, weil die Schweizer die für das Layout benötigten, drehte sie den Stift aller Stifte hin und her in ihrer Hand. Sie zog den Deckel ab, betrachtete die seltsam geformte Filzspitze wieder und wieder, wog ihn dann mit dieser Spitze über dem Zeichenkarton in der Schwebe gehalten in ihrer Hand. Obwohl sie schon seit Ewigkeiten in New York lebt, war an ihrer Fingerstellung noch immer die europäische Herkunft abzulesen. Amerikaner packen ihre Stifte im Pfötchengriff.

»Ich liebe diesen Stift«, sagte Frau Kurkovà. Und betrachtete ihr eigenes Schriftbild. Ich schenkte ihn ihr. Auch weil ich wusste, dass die Schweizer sich diese Stifte in rauen Massen mitbringen für ihren Eigenbedarf. Das sagte ich ihr freilich nicht. Sie wirkte sehr glücklich und reichte den Stift weiter an ihren Assistenten.

Als ich in die Redaktion zurückkam, waren die Schweizer unter anderem damit beschäftigt, einen gigantischen Barren Toblerone mit einem Messer zu zerstückeln. Die Schokolade wiegt viereinhalb Kilo und wird in einem über einen Meter langen Pappkarton verkauft, der sogar einen Tragegriff hat an der Oberseite, aber ansonsten so golden und, tobleronetypisch, dreikantig geformt ist. Sie lachten. Sie freuten sich über dieses groteske Souvenir aus der Schweiz, das sie am Flughafen Kloten in Zürich vor ihrer Abreise nach Deutschland entdeckt hatten. Ich dachte an den Stift. Ob sie wohl jemals wirklich damit schreiben wird?

Heute früh dann zum ersten Mal wieder das Eichhörnchen gesehen.

22.3.

Neulich las ich in einem Gespräch mit Pamela Rosenkranz, dass Menschen die Farbe Blau deshalb so schön finden, schöner als andere Farben, weil sie evolutionsbiologisch auf eine angenehme Wahrnehmung dieser Lichtwellen programmiert sind. Das leuchtete mir sozusagen ein, wenngleich ich mich frage, weshalb es dann im Altgriechischen kein Wort für Blau gibt. Gerade da, im alten Griechenland, war doch von Natur aus extrem viel blau. Möglicherweise, aber unwahrscheinlich bleibt es, war für diese Generationen die Allgegenwart von Himmel und Meer selbstverständlich, beziehungsweise war das Wetter beinahe immer gleichbleibend gut, sodass sie nur bei Gewitter und Nacht die Farbveränderung beschreiben mussten oder wollten. Kleider in dieser Farbe gab es dann halt einfach nicht, oder sie waren himmlisch oder meerhaft gefärbt (so wie im Deutschen von etwas behauptet wird, es sei orange.)

Draußen, unter blauem Himmel, saß ich auf dem Walter-Benjamin-Platz und aß eine Matjesmuschel. Das hatte ich mir jetzt schon wochenlang vorgenommen, seit ich im Schaufenster der Lehrbäckerei dort die Schiefertafel auf einer winzigen Staffelei entdeckt hatte. Darauf stand, in einer den Kreidestrich nachahmenden weißen Tinte: „Neu! Matjesmuschel“, sowie der Preis. Es gibt viel zu selten Innovationen auf dem Sektor belegter Brötchen. Vor zwei Jahren führte die Bäckereienkette Steinecke den Brögel ein, einen Hybrid aus Brötchen und Bagel, der mit Amaranth bestreut serviert wurde. Aber belegt wurde der dann wenig innovativ, aber immerhin war es ein Brötchen mit Loch und das gab es zuvor halt noch nicht. Die Matjesmuschel wiederum ist ein vergleichsweise von Grund auf neu gedachtes belegtes Brötchen. Schon das im Namen angekündigte Brötchen gibt es solo nicht. Es ist tatsächlich geformt wie eine Muschel, wie man sie vom Markenzeichen der Tankstellenkette Shell erinnert (oder, wenn man älter ist, aus dem Eiscafé, als dort in den Eiscafés noch geraucht werden durfte und auf den Marmortischplatten waren die Schalen von Jakobsmuscheln aufgestellt, als Aschenbecher, weil das Aschen in die Schalen von Jakobsmuscheln als etwas typisch Italienisches galt). Diese gebackene Muschel aus Teig wird quer aufgeschnitten, sodass ein typisch muschelhaftes Aufklappen der beiden Hälften möglich ist. Dieses Muschelmaul, aus der Sesamstraße erinnert man das Klappern des niedlichen Muschelchorgesangs, wird dann, eventuell vom Erfinder der Matjesmuschel selbst, mit zwei Filets vom Matjeshering gestopft. Darauf liegen, sorgsam zum Symbol der Olympischen Spiele arrangiert, in feine Ringe geschnittene Zwiebeln. Keine Butter. Was ich begrüße. Dafür aber leider Salat. Eine Unsitte, was soll das? Es ist reine Augenwischerei, dass aus jedem, wirklich jedem, sogar aus Wurstbrötchen oder solchen mit einer Scheibe Käse, wo es nun wirklich kein Salatblatt mehr braucht, um den Wohlgeschmack noch zu heben, trotzdem noch eines heraushängt (oder, noch schlimmer: kräuselt, denn mittlerweile scheint der sogenannte Lollo Bionda den Eisbergsalat und auch Rucola aus der Poleposition im Salatpflanzengame und so weiter und so fort). Ich zupfte das Grün aus der Muschel und warf es in einen Aschenbecher aus Kruppstahl, den Hans Kollhoff, wie alles auf und an und um den Walter-Benjamin-Platz herum für die Ewigkeit entworfen hatte. Aber leider, das würde ich ihm selbst natürlich niemals sagen, altert sein Walter-Benjamin-Platz wirklich schlecht. Mittlerweile wirkt sein innerstädtisches Gepräge auf mich wie die Stalinallee, früher. Bloß halt noch dazu viel zu niedrig, eng und kurz. Mit einem Wort: missraten. Aber gut, das Grundstück war halt auch von seinem Schnitt her viel zu schmal und kurz für Hans Kollhoffs Visionen von einem innerstädtischen Quartier. Von daher trifft den Architekten nur eine geringe Schuld. Die Leute nehmen den Platz auch noch immer nicht gut an. Ich war dort der einzige, der auf der neorational gestalteten Piazza in der Sonne saß. Mit meiner Matjesmuschel. Dann kamen die weißen Wolken zurück.

21.3.

Ariane, die im kleinen Café gegenüber an der Kaffeemaschine steht, wird morgen schon dort gestanden haben, heute ist ihr letzter Tag. Sie kam wenige Tage nachdem ich selbst hierher gezogen war, das Jahr ging alles andere als schnell vorüber, Ariane sagt, sie ziehe zurück nach Genf. An den anderen See, der größer sein muss als der hier, ich kann mich nicht mehr an ihn erinnern, aber sie will dort in ein Unternehmen einsteigen, das Fahrten mit einem Katamaran über den Genfer See vermittelt (wenn ein Katamaran auf dem Wannsee in Schwung käme, prallte er nach fünf Minuten gegen das Spandauer Bürgermeisteramt).

Arianes Vater ist Architekt, er konstruiert Labyrinthe. Für Freizeitparks und Privatparks und wo man halt sonst noch ein Labyrinth braucht. Dass sie Ariane heißt, ist als Beispiel für seinen speziellen Humor zu verstehen. Sagt sie. Außerdem ist sie ein Kind des europäischen Space Age (gibts ältere Russen, die Sputnik heißen, oder Amerikaner namens Apollo?)

Dass die Tochter dieses Mannes seit Jahren in der Gastronomie arbeitet und nun in ein Binnensee-Startup wechseln will: Heißt das was, dynastisch gesprochen, oder ist das egal? Müsste sie nicht eigentlich Künstlerin werden wollen oder schon eine sein? Bei mir blähten sich gleich wieder die Wunschsegel auf, kurz dachte ich: Ob man als Segelbootverleiher zum glücklichen Menschen werden könnte, weil man dann abends noch genug Zeit hätte und Kraft, um Literatur zu lesen und für eine niedrigschwellig angelegte literarische Produktion?

Hat man dann aber nicht. Eventuell ging das noch mit einer kleinen Professur, in deren Rahmen man so ein- bis dreimal die Woche eine minimale Vorlesung hält, dann noch ein Sprechstündchen, und ab und an mal einen dünnen Stapel Hausarbeiten korrigiert. Geht aber auch nicht mehr. Ist auch vorbei, die schöne Zeit. Und wo man noch genug an Zeit finden könnte, bekommt man einfach nicht mehr genug Geld. Seit auch in Bereichen, die dem Verdacht künstlerischer Tätigkeit bislang unverdächtig geblieben waren, Journalismus zum Beispiel, nur noch Honorare gezahlt werden, die allenfalls superspartanische Lebensführung ermöglichen, gibt es dort die Vorstellung, man mache eben etwas Künstlerisches, zumindestens Kreatives und in diesem Mischbereich von Kreativarbeit, Kunst und Bohème sei das halt so. Weil es ja schon immer so war. Früher mussten die Künstler noch ins Schwefelbergwerk, um das Geld für die Farben und Leinwände zu verdienen (oder für die Farbbänder ihrer Schreibmaschinen, Papier, Marmorblöcke et cetera), das immerhin muss nicht mehr sein. Also dass man die Waren einräumt im russischen Supermarkt, um sich die Arbeit als Schreiber für die Website einer Zeitung noch leisten zu können.

Am Freitag sprach ich in der Paris Bar mit zwei Schreiberinnen aus der Schweiz, die sich für ein Praktikum interessiert haben. Allerdings erzählten sie auch, dass ein Praktikum in der Schweiz mit 2000, auch 3000 Franken bezahlt würde. Dass dies hierzulande einer Forderung in Fantastilliarden entspräche, fanden sie erstaunlich. Einsehen wollten sie es nicht.

18.3.

Die Isoliermatte liegt stramm zusammengerollt zwischen den Gleisen. Zeltlager, Habsel eines Obdachlosen, Yoga – alle drei Lesarten sind möglich. Und eine vierte, persönliche: das frische Grün des Schaumstoffs auf dem nassen Holz der Bahnschwelle orchestriert meinen Weltschmerz. Anne Clarke, so steht es auf ihrer Website, geht es gut. Mir nicht.

Ich leide am Wetter, an der Blattlosigkeit der Zweige, den schwarzen Stämmen, der ganzen Tristesse der Natur, wohin ich auch schaue. Ich leide am großen Zusammenhang, an seiner Größe vor allem, im Grunde. Alles ausgelöst, so meine ich, durch einen einzigen Satz, vermutlich waren es noch zwei, die ich selbst ausgesprochen hatte in kleiner Runde. Es ging um die Zukunft, um Träume, meine, und ich denke nun, ich hätte es für mich behalten sollen, aber sobald etwas, selbst Träume und Hoffnungen, ausgesprochen wurden, sind sie unwiderruflich in der Welt, und es wird wahr.

Nichts, das mich noch trösten könnte. Auch nicht der bezaubernde Satz, den Lars Weisbrod bei Walter Kempowski ausgegraben hatte, in dem letzter Vanillepudding isst. Himbeersauce gibt es dazu nicht. In der Folge dann fragt er (Kempowski in seinem Tagebuch): Warum eigentlich nicht?

Ja, warum eigentlich nicht. Ein Telefon spielt Total Eclipse of the Heart von Bonnie Tyler, mir fällt die Interpretation von Yuridia ein, die ich in Mexiko zu ersten Mal gehört habe. Die hat dem Original noch etwas Entscheidendes hinzuzufügen, aber besser macht das meinen Weltschmerz auch nicht hinsichtlich einer Linderung.

Gestern nachmittag wurde in Bonn das Bonner Zentrum gesprengt, es ging ganz schnell. Am Westkreuz steht ein ganz ähnlich geformtes Haus mit vielen Etagen, das wird nun schon seit über einem halben Jahr ausgehölt, Etage für Etage, inzwischen ist es ein betoniertes Skelett. Als die Fassade noch dran war, im letzten Sommer, stand dort in sechs Meter hohen Buchstaben »Gönn dir hart«. Ich habe mich immer gefragt, ob die sich vom Dach herunter abgeseilt hatten, um die Buchstaben aufzusprühen an das damals schon leerstehende Haus. Jetzt frage ich mich, ob die ganze Dekonstruktionsarbeit bloß die Vorbereitung sein wird für die Sprengung, oder ob es dann in diesem Sommer von unten nach oben hin wieder aufgebaut werden wird, entlang seines Knochengerüstes. Wenn das dann immer so weiterginge. Vergleichbar mit den Jahreszeiten. Fassade runter, Fassade rauf, dazwischen nackt.

Dann öffnen sich die Türen der Bahn, der Flöter kommt herein und spielt eine Melodie der Renaissance. Die Querflöte ist wunderbares Instrument. Die Töne steigen aus auf ihr wie Blasen eines bunten Fisches, der vor einer Wiese aus Seeanemonen sich in der Schwebe hält wie ein Kolibri. Als das Lied zu Ende ist, gibt ihm niemand auch nur ein Stück Geld. Der mir gegenüber Sitzende trägt um seine Lippen herum einen Bart aus gelblichen Stoppeln, zu einer Linie so schmal wie Dentalbürstchen rasiert.

17.3.

Der Tagesspiegel hatte einen Text von Ulf Erdmann Ziegler auf zwei ganzen Seiten. Er hat ihn nach seiner Berliner Zeit in Frankfurt geschrieben und erinnert sich darin an die Pariser Straße, in der er viele Jahre gelebt hatte. Das liest sich genau so, wie ich es in der Zusammenfassung beschreibe, ohne besonderen Anlass, warum denn auch nicht. Es war sogar so, dass dort in diesem Text ein freies Durchatmen möglich war. Die Doppelseite selbst war innerhalb der Zeitung zu einem Platz geworden, um den es drumherum rauschte und geschäftig zuging, nur der Schreiber saß davon ungestört da, in seiner Wohnung oben, schaute durchs Fenster auf den Platz und seine Straße und dachte und schrieb. Die Schreibtischsituation wurde auch beschrieben, sodass ich mir das alles gut vorstellen konnte. Dazu gab es eine Fotografie von Ulf Erdmann Ziegler, die eine Straßenlaterne aus jener Zeit vor einem sommerlich blauen Nachthimmel zeigte, die der Doppelseite noch zusätzlich eine Atmosphäre der Gemütlichkeit brachte. Verstärkt auch noch durch den stürmischen Wind draußen, der auf dem Wasser richtigen Wellengang mit Schaumkronen erzeugt hatte. Gebeugte Menschen stemmten sich gegen die unsichtbare Macht und immer wieder fielen vor dem kleinen Café die Eimer mit den Bambussträuchern um. Nach ein paar Malen gab man es auf, ließ sie dort liegen und sie wälzten sich hin und her, mit raschelndem Geräusch. Und mir fiel wieder einmal ein, dass beinahe alle Straßen, in denen ich bis heute jemals gewohnt hatte, eigenartig kurz gewesen waren. Also nicht bloß Stichstraßen, manchmal war es auch nur ein Abschnitt gewesen und nach einer Wegkreuzung verlief die Straße dann unter einem anderen Namen weiter. Ausgesucht hatte ich mir das nicht. Meine erste Straße, die Adresse weiß ich noch heute auswendig, die Telefonnummer auch, war schlaufenförmig gebogen, von oben betrachtet, was man damals als hufeisenförmig beschrieben hat.

Angesteckt oder -regt von Ulf Erdmann Zieglers Straßenerzählung, hörte bei mir das Erinnern an meine Straßen nicht mehr auf. Mir fielen immer wieder neue Details ein, beispielsweise, dass ich einmal sogar in einem Haus gewohnt hatte, das zwischen zwei Straßen, die eine kurz, die andere megalang, gebaut worden war, sodass ich mir immer aussuchen konnte, ob ich den Eingang von der einen her, oder von der anderen, ob ich die eine Tür aufschließen wollte, oder die andere. Nur in Ausnahmesituationen hatte ich dieses Haus von der langen Straße her betreten.

Mittlerweile war es schon wieder dunkel geworden und ich ging eine Straße, die durch den Grunewald führte, hinab. Der Wind hatte sich verzogen, der Bürgersteig war bedeckt mit den Spitzen von Kiefernzweigen, weil diese Straße an beiden Seiten von Kiefern bestanden ist. Der Wind hatte die mit langen weichen Nadeln behängten Zweigspitzen abgezwickt und zu Boden geschleudert. Mich erinnerten die halt leider noch einmal, bestimmt auch noch nicht das letzte Mal an die peinliche Begegnung von Max Goldt und Dennis Scheck, wo er, Goldt, von Scheck auf seine peinliche Wortschöpfung angesprochen wurde, die ich so gerne vergessen würde, weil ich sie nicht nur nicht schön finde, sondern aufdringlich. Schon von ihrem Bedeutungszusammenhang her, aber dann noch einmal auch von ihrem Klang. Besonders schlimm klingt sie in dieser Szene: Max Goldt hält ein Glas mit einer farblosen Flüssigkeit, eventuell ist es Alkohol, in der Hand und hört leicht genervt zu, was jetzt kommt, wenn Dennis Scheck Klofußumpuschelung ausspricht. Und dabei findet Dennis Scheck selbst es natürlich extrem lustig, sein Gesichtsausdruck könnte als süffisant beschrieben werden oder mokant. Daraufhin dann Max Goldt, der sich seriös zu seiner Wortschöpfung äußert, die Funktion kurz erläutert, Stellung bezieht und sie dann einordnet in die Werkgeschichte, ihr dort einen Platz zuweist. Ich musste mich regelrecht auf Ulf Erdmann Ziegler besinnen, um wieder frei durchatmen zu können.

Noch vor dem Morgengrauen, kein einziges Auto mehr auf den Straßen, flogen aus den vom Nachthimmel unsichtbar gemachten Baumkronen die Vogelklänge hin und her.

16.3.

Nikola Duric schickt eine Nachricht aus Kroatien: Das Mineralwasser, auf dessen Name er einst nicht gekommen war, heißt Radenska. Es stammt aus Slowenien und die Blasen darin sind wohl tatsächlich, wie er es mir damals beschrieben hatte, »ballongroß«. An dem Nachmittag hatte es zum ersten Mal ein paar Stunden Tageslicht gegeben, wir saßen vor dem Café in der Sonne und in der Zeitung war ein hübsches Bild von winzigen Röhren, die auf dem Meeresgrund entdeckt worden waren. Die Röhren, die durch ein Unterwassermikroskop aufgenommen (und wahrscheinlich auch entdeckt) worden waren, hatten sich anscheinend aus einem eisenhaltigen Mineral gebildet. Auf der rotgrundigen Abbildung war deutlich zu erkennen gewesen, wie es aus den Mündungen nur so herausperlte. In der Bildunterschrift wurde die Vermutung der Wissenschaftler zitiert, dass es sich bei der unterseeischen Mineralquelle um den Ursprung des Lebens an sich handeln könnte (der demzufolge im doppelten Sinne ein sprudelnder war).

Ich hatte Nikola, seine Abreise nach Kroatien stand da kurz bevor, von meinem Lehrgang bei Meister Majica erzählt, der mir das Rezept seiner Familie für Ćevapčići gelehrt hatte. Die geheime Zutat bestand in einem Schub Mineralwasser im Fleischteig, der tatsächlich eine Verfeinerung in dessen Konsistenz ergab. Duric bestätigte das, aber irgendwie schien es ihm auch egal zu sein. Das neue Buch von Zaza Burchuladze hatte er auch noch nicht gelesen. Der war zwar Georgier, aber es ging darin nach einigen etwas ratlos machenden Seiten, auf denen er sich mit Berlin an sich beschäftigt, um die Ursprünge von Tiflis, der Stadt in Georgien, die um eine Mineralwasserquelle errichtet worden war. So auch die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba, die bei den unterdrückten Oromo im Land noch immer Finnfine heißt, was »Heiße Quelle« bedeutet, während das von den Unterdrückern verwendete Addis Abeba aus dem Amharischen übersetzt »Neue Blüte« heißt. Interessant, wie die beiden um Deutungshoheit fechtenden Namen der Hauptstadt übereinandergelegt ein schillerndes Emblem für das Leben an sich ergeben. Im Garten des Hilton dort, aber das nur am Rande, gibt es einen Swimming Pool in Form eines Christenkreuzes, der sich wie von selbst mit dem warmen Wasser aus dieser unerschöpflichen Mineralwasserquelle füllt. Sie gibt, Tiflis bedeutet übrigens auch etwas ähnliches wie Finnfine, ein etwa 40 Grad heißes Wasser von sich, reicht also, thermisch gesprochen, in tiefere Schichten der Erdkruste hinab (beziehungsweise entspringt sie dort).

»Das kroatische Jamnica sei auch nicht schlecht«, schreibt Nikola. Und ich erinnere mich an Michael Hoffmann, den genialen Koch und dabei zwangsläufig auch an Ingo Sperling, seinen Maître d’, der tatsächlich ein lustiger Vogel war. In Hoffmanns Restaurant am Pariser Platz gab es ein Gelee aus Badoit, meinem liebsten Mineralwasser. Herr Hoffmann hatte eine Methode entwickelt, das Mineralwasser gelieren zu lassen, sodass die Blasen darin, die nicht ballongroß waren, aber ideal fühlbar, im neuen Aggregatzustand des Badoit erhalten blieben. Es war so eine Art Luftschokolade, bloß halt elastisch und mit Mineralwassergeschmack.

15.3.

Abschied von den Schweizern. Zuletzt waren sie schon etwas ungehalten wegen der Zustände am Berliner Flughafen – Streik, das mögen sie nicht gern. Ohne »so«. Es fielen wenige, dafür harsche Worte. Unter anderem war die Rede von der Dritten Welt. Als ich abends mit Ijoma im Café Savigny saß, schwärmten wir von Martin Walser. Um zu Martin Walser zu gelangen, muss der Flughafen in Friedrichshafen angeflogen werden, der natürlich ganz klein ist, ungefähr so klein wie der von Jerez de la Frontera oder der von Dire Dawa, aber mit einem weniger schönen Schriftzug über dem Terminalgebäude (der in Jerez de la Frontera ist in einer serifenlosen Type plastisch, aus Beton geformt; in Dire Dawa sind sie entweder zu arm für Schriftzüge, oder die Buchstaben wurden aufgegessen), und ohne Palmen entlang des Rollfeldes (in Dire Dawa gibt es nicht einmal Palmen, bloß Sand. Und Staub). Oder man macht es halt so, wie damals Frank Schirrmacher, der auf den Autorentagen des Theaters in Hannover vorschlug: »Kommt, wir fahren jetzt noch zu Walser«, weil draußen stand seine Limousine mit Fahrer bei laufendem Motor. Was dann aber aus irgendeinem Grund doch nicht mehr stattgefunden hat, diese nächtliche Autobahnfahrt hinunter aus Niedersachsen zu Martin Walser. Obwohl es bestimmt schön geworden wäre, beim Sonnenaufgang über dem Bodensee dort an seiner Haustür zu klingeln. Und die Wasservögel machten Quack und Kräh.

Na ja, beim Verlassen des Cafés fragte ich die Besitzerin, die rein zufällig anwesend war, was mich schon seit zwanzig Jahren interessiert, denn so lange kenne ich ihr Café schon und so lange zeigt es sich mir auch in unveränderter Form, woher diese beiden Reliefs, die dort über den Mauerbögen in die Wand eingelassen zu sehen sind, eigentlich herstammten. Dargestellt sind antike Szenen, sie wirken höfisch auf mich. Einer sitzenden Dame wird mit der Flüssigkeit aus einer Amphore der Fuß gewaschen, vielleicht auch gesalbt, man kann es nicht erkennen, denn die Reliefs sind einfarbig, beziehungsweise wurden sie mit der Wandfarbe, die weiß ist, übertüncht.

Die Besitzerin trug, wie immer, wenn sie zufällig anwesend ist, eine lose gebundene Krawatte, gemustert im Stile des Buchumschlages von Takis Würger. Die Reliefs waren von Schinkel. Ob ich denn nicht wüsste, dass das Café Savigny einst als das Creamcheese bekannt geworden war? Wusste ich nicht, denn das war nun mal ausnahmsweise vor meiner Zeit. In den späten siebziger Jahren also, so die Besitzerin, war das Creamcheese zwar auch schon eine Art Café in diesen Räumen, in denen sich aktuell das Savigny befindet, aber es war vor allem dafür bekannt, das man dort in Ruhe einen durchziehen konnte – Kiffen war dort nicht nur toleriert, der Stoff, der bekanntlich high macht, wurde dort unter dem Tresen gehortet. Zum Zwecke des Verkaufs. Entweder, so konnte sich die Besitzerin erinnern, in Form vorgedrehter Tüten, oder zum Selbstbau als damals sogenanntes piece. Wobei, sie war selbst Stammgast in Creamcheese, konnte sich von daher lebhaft erinnern, als Parole »Prise« ausgegeben war. Wer nach einer Prise fragte, wurde mit Haschisch bedient. Es war damals, so sagte die Besitzerin des Savigny, sehr sehr still im Creamcheese. Weil an den Tischen ein jeder im Haschischrausch vor sich hin dümpelte. Gesprochen wurde nur wenig, Musik gab es keine. Und die Wände, so waren wir ja eigentlich darauf gekommen, waren leuchtend Aralfarben angestrichen gewesen. Schinkels Reliefs mit Goldlack übermalt. Es muss also ungefähr so ausgesehen haben wie in dem Haus von Hubert Burda am Münchner Siegestor, seiner Junggesellenbude, wo auf den Aralfarben lackierten Wänden unter anderem ein schöner Böcklin hängt. Die Besitzerin des Café Savigny hat sich dann, als sie das Creamcheese übernehmen konnte, für eine Totalübermalung in Weiß entschieden (frei nach Wilkie Collins). Die siebziger Jahre waren vorbei.

Subscribe to »2017 – Year of the Cat«