»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

25.5.

Die Frau mir gegenüber hatte sich in eine Ausgabe von Zeit Wissen vertieft, auf deren Titel stand »Wie komme ich voran«, was dann freilich, wir saßen uns in einem Abteil im ICE nach Frankfurt am Main gegenüber, der fullspeed, also mit mehr als 200 km/h durch die leere Landschaft flog, insgesamt ein lustiges Bild ergab. Es war kurz vor halb neun am Abend, das Fensterglas ward gefüllt mit zwei Dritteln Schlachtschiffgrau oberhalb und einer zittrigen Lache aus Blattgold über dem Grund.

Stunden später, da war es längst dunkel, stieg ich aus der klimatisierten Büchs‘ auf den Bahnsteig herunter in das leicht schwüle, vielleicht nur mich an tropische Gefilde erinnernde Lüftchen, von dem ich angeweht wurde, das Leuchten der Türme um Mitternacht und die ein ums andere Mal aufs Neue verblüffend großen Mengen Sperrmüll, die hier in den barocken Gässchen und Gassen der Frankfurter Innenstadt ihrer Abholung harrend vor den Haustüren liegen. Der Spätverkauf hat schon geschlossen, vor der Tür stehen dort zahlreich die letzten Kunden im Dunkeln, ich kann nicht einmal mehr ihre Augen erkennen, es sind Silhouetten, sie unterhalten sich leis‘. Und all dies wird gerahmt oder gefasst von dieser Kulisse aus glitzernden Türmen, die nicht einfach bloß schweigsam sind, sondern majestätisch wirken. Das nächtliche Frankfurt: ein majestätisches Bild.

Am nächsten Morgen sitzt die Mume auf dem Balkon, mitsamt ihren Röcken, im Gesicht eine Sonnenbrille, darüber drei Kopftücher in Smaragdgrün, in Saphir, Quartz und artverwandt kostbaren Farben, sie sieht aus wie Sun Ra. Dem Licht der aufgehenden Sonne hält sie ihre flachen Hände entgegen. Sie betet in der unverständlichen Sprache. Die Mume hat sich den Zoroastern unterworfen. Vermute ich.

Bald wird es noch viel wärmer. Die Fahrt führt im Auto an Wiesbaden vorbei (Henkell trocken) nach Eltville, was sich eleganter liest als spricht (weil man es genauso spricht wie man es liest, also halt nicht français): Mariannenaue, die mythische Insel im Rhein, der sie vor 10.000 Jahren auf einem Bett aus Kalkfelsen geformt hat (aus von den Alpen angeschwemmtem Sand sowie Kies).

Der Kies scheint wichtig, aber auch das Mikroklima inmitten des Flusses. Die Weine werden auf nur 24 Hektar angebaut. Es stimmt übrigens nicht, dass der Jahrgang 2017 gefährdet war oder noch immer ist durch die ungewöhnlichen Fröste früher im Jahr. Der Kastellan des am Ufer errichteten Schloß Reinhartshausen kann darüber bloß noch lachen. Da wurden, so rückt er die Situation zurecht, von den Fernsehjournalisten zumeist einige Mikrogerüchte aufgebauscht und zu Katastrophenszenarien montiert. Doch die Weine des angeblich zur Gänze bedrohten Jahrgangs waren zumindest hier im schönen Rheingau in keiner einzigen der frostigen Frühjahrswochen in ernsthafter Gefahr. Die Natur war hier einfach schon viel weiter als beispielsweise in Berlin: Im Innenhof des Schloßgartens blühten die Pfingstrosen. Das Akaziengrün flirrte digital.

Gern ließen wir uns dort unter dem Sonnensegel nieder und tranken eins der uns empfohlenen Winzerbiere, die mit dem ebenfalls auf der mythischen Insel angebauten Klipphopfen gebraut wurden. Dazu passte eine Fleischwurst im Brotmantel, also mit Brotkrustenkrümeln paniert und in Butter ausgebacken. Dazu Kartoffelsalat. Später noch Tempura aus Holunderblüten. Vollkommener Stillstand am Himmel. Die Wolken lagen aufgereiht nebeneinander wie Zeppeline im Regal.

24.5.

Es gibt hier, in Moabit, noch ein Viertel, in dem die Menschen so leben, wie es ihnen gefällt. Zumindest sieht es für mich danach aus. Ein Nebendraußen des innerstädtischen Lebens, in das ich zufällig geriet, weil ich mich noch nicht auskenne (was noch möglichst lange so bleiben möge, denn wenn man sich erst auskennt, sieht man ja nichts mehr bis beinahe nichts. Dann ist es mit den Häusern und Läden und Straßen bald so, wie Peter Sloterdijk es über die Möbel gesagt hat: dass man die kauft, um sie nicht mehr sehen zu müssen.)

Das Viertel, möglicherweise wird es Bergisches Viertel genannt, weil eine breite Straße dort die Elberfelder ist, beginnt so unauffällig wie nur möglich, es wird zu zwei Seiten hin vom Autoverkehr umflossen, nur auf seiner Rückseite, wo kaum jemand geht, fließt die Spree. Dort entlang führt ein schattiger Spazierweg am Ufer entlang, der einst noch vollends als Hansa-Ufer bezeichnet war, seit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin hat man den das schöne Viertel von hinten beschließenden Abschnitt in Bundesratufer umbenannt. Das klingt weniger unschön als es sich liest auf den Straßenschildern, und wie zum Ausgleich krümmt sich der Fluss dort in einer darmhaften Schlinge als wönde er sich – oder wünde?

Ein herrlich in die Jahre und dabei heruntergekommenes Lokal, die Restauration und Buffet Zur Quelle stellt zur Straßenseite hin das Portal dar. Ein Schild wirbt für »Wein Schnaps Frühstück«, der Innenraum ist lang und mit dunklem Holz vertäfelt, es gibt ungefähr fünfzig Sitzplätze und selbst um neun Uhr morgens schon sitzen dort welche am Tresen, über dem noch Lampen in der traditionellen Form kupferner Kannen hängen, und haben kleine Pilsbiere vor sich stehen. Aktuell wird dort, die Anzeige ist neben der Reklame für das Frühstück befestigt, eine Tresenkraft gesucht, und weil ich gerade mit Gewinn meine Lektüre des Frühwerks von Eckhard Henscheid abgeschlossen habe, liebäugle ich mit einer Bewerbung, aber. Begibt man sich gleich nebenan in die Seitenstraße hinein, empfängt einen bald Ruhe, die Verkehrsgeräusche werden durch die Bäume mit üppigen Kronen gedämpft, von denen es hier noch so viele gibt wie einst nach der Zusammenlegung in Prenzlauer Berg, wo sie mittlerweile aber größtenteils gefällt wurden, sogar in der Pappelallee die Pappeln sind weg, um überall dort die Parkplatzgebühren so flächendeckend wie nur möglich, und so wenig wie nur möglich durch die dem flächendeckenden Parken hinderlichen Bäume gestört, einkassieren zu können. Die Strategie nennt sich Intensivierung der Parkraumbewirtschaftung. Das tönt sogar in Baumes Ohren friedlich und rustikal, nach rechtschaffenen Bauersleut‘, nach der alttestamentarisch abgesegneten Dreifelderwirtschaft et cetera, aber Bäume haben keine Ohren. Und kein Mensch hört es, wenn die Säge sich in den Stamm der Pappel frisst.

Die erste Quergasse ist zur Schattenseite auf gesamter Länge von alten Rotdornbäumen bestanden, manche Gebäude hier sind burghaft mit nur wenigen Fenstern, die schmal wie Schießscharten sind, die Fassaden geklinkert und gleich am nächsten wölbt sich aus der Beletage ein italienischer Balkon mit einem Fries gedrungener Säulen. Verhockte Kneipen mit winzigen Gastgärten, im Rücken die Mülltonnen für das gesamte Haus, wechseln sich ab mit Neugründungen, also beispielsweise einer Schaubäckerei, was auf eine Beliebtheit des Viertels unter Zugezogenen hinweist.

Insgesamt besteht dieses Viertel nur aus vier bis fünf solcher Straßen. Aus der Luft betrachtet, auf Maps beispielsweise, ähnelt es mit seiner an den Fluss geschmiegten Form einem Kuchenstück. Übriggeblieben, ein westliches Pendant zur Knorrpromenade in Friedrichshain. Die Stimmung ist durchgehend lieblich, aber das wird wohl auch am guten Wetter liegen. Und dass man dort, war man gerade noch am Rand der Hauptverkehrsstraße unterwegs, den zwitschernden Frieden genießt. Wenn erst die ganzen Kneipen und griechischen Tavernen mit Kindermodeläden und Schaubäckereien ersetzt wurden, oder im Winter, der in wenigen Wochen schon kommen wird, sieht es dort gleich ganz anders aus.

23.5.

Auf dem Wasser treibt eine Schicht Blütenstaub, seit dem Sturm hat er sich auch im Inneren des Hauses verteilt und es ist nicht möglich, ihn in den Staubsauger zu saugen, er lässt sich aber wegwischen (manuell). Offenbar ist Blütenstaub nur seinem Gattungsbegriff nach mit dem Hausstaub verwandt.

Ich kenne eine Stelle im Wald zwischen Försterei und der verlassenen Pferdekoppel, wo noch Maiglöckchen wachsen. Wobei die meisten davon bereits unansehnlich geworden sind. Trotz des vielen Mairegens. Ich musste jeweils die untersten drei, vier Blütenkelche abzwicken, die gelblich und trocken waren. Die Maiglöckchen an ihren kruckenhaft geschwungenen Stengeln klingelnd: Naturvorbild für die Designer der Gaslaternen – wann war das: früher als Jugendstil?

Seit gestern kenne ich eine Stelle am Lehrpfad zur Evolution der Gaslaternen in Deutschland, der von der Straße des 17. Juni bis zur Lehr- und Versuchsanstalt für Strömungswissenschaft durch den Tiergarten führt. Dort lag eine frisch geschlüpfte Amsel. Frisch gestorben war sie auch, ihr Körper noch ganz prall und unter der dünnen Haut, die rosig schien, konnte ich die bunten Eingeweide erkennen, die sahen aus als hätte das Vöglein ein Knäuel Gummibänder verschlungen und sei daran erstickt. Eine physiologische Frühgeburt, wie der Mensch, ohne Federn, blind und der Schnabel ist noch weich und stumpf und breit geformt wie ein Paar gelb angemalte Lippchen. Aus dem Nest gestürzt, wohl eher gestürzt worden. An einem Nachmittag im Mai.

Gleich hinter dem Schleusenkrug, der neben dem markant geformten und auch angemalten (in rosa und violett) Versuchsgebäudes der Anstalt für Strömungswissenschaften, das ob seiner Form allein (»Wozu dies mannshohe Rohr, das einmal durch den Klotz hindurch führt; und warum nur ist es pink?«) in den vorüberziehenden Waggons der S-Bahn verlässlich für Aufsehen sorgt, erstreckt sich unter eben diesen Gleisen ein Fundament aus Beton, das, weil es bis zum Bahnhof Zoologischer Garten reicht, bald als eine Mauer erscheint. Hier lagern, zwischen ein paar dürren Akazien, die aus dem Nest gestürzten Menschen. Sie leben noch. Und das, so ist der Eindruck im Vorübergehen an einem Nachmittag im Mai: gar nicht so schlecht. Auf eine perverse Weise scheint hier das Déjeuner sur l’herbe recht frei nach Manet inszeniert. Vielleicht von Anne Imhof? Jedenfalls wirkt es so: gestylt und gecastet und zumindest genial kuratiert, wie dort vor dem gefährlichen Zaun eine Frau lagert, auf einer punkig karierten Wolldecke, deren Unterseite, die umgeschlagene Ecke führt es ihrem Publikum vor Augen: mit einer aufgedampften Silberfolie gegen die Nachtfeuchte des Rasens isoliert. Ihr Kopfkissen besteht aus einem Plastiksack von Netto, der mit diversen Objekten gefüllt wurde. Sie trägt einige Kleidungsstücke übereinander, obwohl es noch sehr warm ist. Zuoberst ist zu sehen: ein geblümtes Kleid. Sie schmaucht an einer E-Zigarette. Und schaut in die Ferne, in Richtung des Parkplatzes, an uns vorbei.

Der ihr gegenüber Liegende, ein Mann, hatte am Morgen noch ein ziemliches Durcheinander in Gestalt vieler Tüten um sich. Das hat er nun geklärt und alles dort auf seinem Rasenplatz sieht vorzeigbar aus: er lagert, ganz klassisch, auf einem ausgebreiteten Schlafsack. Die vielen ausgespülten Glasgefäße – für einst Sardellen, Marmelade und Honig, Silberzwiebeln, Maiskölbchen, Cornichons, Marmite, Nutella, Frankfurter – hat er, nach Größen sortiert und gestaffelt, um sich herum arrangiert. Ein eher ausgekippt wirkender Sack halb ausgedrückter Tuben und Flaschen von Acrylfarbe und Plaka weisen auf eine entweder soeben unterbrochene, beendete oder bald schon im Entstehen begriffene Karriere als Künstler hin.

Dazu könnte man ihn, zu den jeweiligen Lebensphilosophien könnte man jeden von ihnen, es sind ja keine Amseln, befragen. Aber das tut freilich niemand. Ab und an findet sich in den Arrangements dieser Tableaux vivantes ein Becher oder eine Tasse integriert, in die man Kleingeld, auch Scheine, wobei ich das noch nie mitbekommen habe, fallen lassen kann.

Im Winter und früh am Morgen sieht die Szene dort natürlich ganz anders aus. Und über sehr lange Zeit betrachtet ganz sicher auch. Wie alles halt.

21.5.

Von Andreas bekam ich nur den Kopf zu sehen, weil sie die Ruine bereits mit einem Sichtschutz umstellt hatten. Er stand dort auf einer Leiter und hielt eine Zigarette. Im Inneren gingen die Aufräumarbeiten voran. Es war Brandstiftung. Am vergangenen Mittwoch, etwa gegen 21 Uhr hat sich der- oder diejenige in das Gebüsch hinter dem Easy Rider gezwängt, die Tür dort aufgebrochen, das Innere durchsucht, kein Geld gefunden, bloß Lebensmittel und Bier, die Rückwand des Kiosks mit einem mitgebrachten Brandbeschleuniger bespritzt und angezündet. Als das Dach in Flammen stand, riefen die vom Rockertreff schräg gegenüber die Feuerwehr, aber die brauchte dann über eine Stunde, um den verborgenen Imbiss zu finden – obwohl die Feuerwache ja in Sichtweite ein paar Meter abwärts den Hügel hinunter steht. Diese Feuerwehrleute aber, das wurde Andreas erklärt, sind ausschließlich für Verkehrsunfälle auf der ebenfalls benachbarten Autobahn zuständig. Jedenfalls, als die zuständigen Floriansjünger aus Steglitz dann schließlich eintrafen, war vom Easy Rider nicht mehr viel übrig. Makaber, dass an dem vom Ruß geschwärzten Sonnendächlein über der Bedienluke ausgerechnet die Worte »Seit 1954« in hellblauer Handschrift auf gelb lackiertem Grund verschont geblieben sind.

»Ich krieg’ Depressionen«, sagte Andreas. »Ich habe auch wieder angefangen zu rauchen.«

Die Versicherung kann ihm den Schaden nicht ersetzen. Für einen derart alten Kiosk wird lediglich eine sogenannte Restwertversicherung angeboten. Basierend auf einem Zeitwert ausgehend vom Baujahr 1954, vom Prinzip her also wie bei einem Oldtimer, bloß halt dass es keinen Gebrauchtimbissbudenmarkt gibt. Die Polizei rät zur Anzeige gegen Unbekannt, klärt aber im gleichen Zug über die Chance einer Aufklärung dieses Verbrechens auf.

Warum macht jemand so etwas? Die Polizei ist sich sicher, dass es sich um einen erwachsenen Täter handelt. Im jugendlichen Leichtsinn oder im Suff hätte man allenfalls das neben dem Kiosk aufgestellte Sonnenzelt angezündet. Die Vorgehensweise am Easy Rider weist für die Fachleute auf planvolles Handeln hin. Jahrelange Erfahrung im Brandschatzen, wie es heißt.

Warum beschäftigen sich diese Menschen nicht mit etwas schönerem als mit Brandbeschleunigern und der Existenzgrundlage wildfremder Menschen? Endlich ist es Frühling geworden, der Easy Rider stand inmitten von Bäumen mit zartgrünen Blättern. Die Nacht war lau am Mittwoch, es gab viele Sterne zu sehen. Gar nicht weit von dort, auf dem Parkplatz der Jugendherberge blüht der Flieder nicht bloß in den zwei klassischen Fliederfarben. Dort gibt es auch zwei Büsche, die blühen in Weiß (und wenn man ein Messer benutzt, und die Zweige nicht abreißt, kann man sich getrost einen davon mit nach Hause nehmen, auch zwei, man tut einem Gewächs wie dem Flieder damit sogar einen Gefallen in der Blütezeit).

Auf der anderen Seite, am kleinen Platz zwischen Teutonenstraße und Alemannen, kenne ich einen Kastanienbaum, ich will fast behaupten, dass es der Einzige ist in dieser Gegend, der kirschfarbene Blüten hat. Und zwischen Lohengrinstraße und Walhalla wohnt einer, an seiner Klingel steht »Privatdetektiv«. Wo genau, das gebe ich natürlich nicht preis. Wir sind ja schließlich Kollegen auf eine Art.

Um die Ecke, nicht weit davon: ein Bildhauer. Sein Haus sieht nicht danach aus. Es ist ganz niedrig, aber so steht es auf seinem Schild, einem goldenen mit Patina, wie sich das bei einem Bildhauer gehört. Dass die Antifa ihm mit weißer Farbe ihr Flaggensymbol darunter hingesprüht hat, sollte wohl stutzig machen. Bei Gelegenheit schaue ich es nach.

Zum Trost dachte ich, wobei ich ja viel weniger eines Trostes bedürftig war als der geschädigte Wirt, könnte ich mir Holunderblütenpfannkuchen machen. Auf dem Weg zu der Stelle, wo dies Bahndammgemüse jetzt blüht, kam ich im Wald an dem sowohl tatsächlich auf schattiger Lichtung gelegenen als auch obskuren Gelände der DEVA vorbei – einem Schießplatz. Dort treffen sich unter anderem die Interessensgemeinschaft »Jagd und Hund«, einem Rudiment aus der Zeit, als es die Mauer noch gab und Schießen und Jagen eine von den Alliierten genehmigungspflichtige Ausnahmeerlaubnis war, aber eben auch der Polizeisportverein, sowie die sogenannten interessierten Laien und Hobbyschützen von nah und fern. Auf dem umzäunten Gelände kann man sich so einigermaßen frei bewegen, allein, es wird halt nicht so gern gesehen. Das Schießen selbst findet in den seltsamen Gebäuden statt, deren Bauweise wie insgesamt die Anlage selbst auch an eine Gesamtschule aus grauer Vorzeit erinnert. Und so ergibt sich unweigerlich der Eindruck, dass man hier auf dem menschenleeren Hof einer Waldschule umhergeht, während in deren Klassenzimmern gerade einer Amok läuft mit seinen Kumpels, weil es aus den Fluren und durch die geschlossenen Fenster andauernd in Salven knattert und knallt. Vor dem geöffneten Kofferraum eines Wagens standen dann auch drei Greise, aber keine goldenen, sondern solche mit Wutpotenzial, die eine dort aufgebahrte Langwaffe begutachteten. Das machte einen gefährlichen Eindruck auf mich, wirkte zur gleichen Zeit aber auch erheiternd, weil sie alle drei noch ihre Lärmschutzkopfhörer auf die Stirnen geklappt trugen. Von hinten also wie Micky Mäuse im uniform hellblauen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Aber Micky Mouse ist ja auch böse.

Auf dem Gelände der DEVA werden übrigens untertags Waffen getestet. Wusste ich gar nicht. Da kann man mal sehen, wie wenig man von seinen Nachbarn weiß. Ich ging über den Grat heim, der hinter der Bahnbrücke durch das Dickicht führt, wo es die kleinste Bahnsiedlung gibt in der Gegend. Und kam dort gerade dazu, als ein Paar aus Frauen mit schwarzgefärbten Undercutfrisuren und mit Lederjacken an, ihre Emoschwester besuchten, die dort, vielleicht ironisch, in einem der Schrebergartenhäuschen am Fuße des Regionalexpressdammes wohnte anscheinend. Sie riefen »Guten Tag!«, es klang ironisch für mich. Und brachten einen Kuchen mit in einer Tupperkuchentrommel – auch das Ironie? Und auf dem Gartentisch, der noch von den Eltern war, stand eine Thermoskanne in übertrieben kaffeekannenhafter Form.

Trotzdem verspürte ich da ganz unironisch einen Neid oder Schmerz, dass ich nicht dazu eingeladen war, mit ihnen den Kaffee zu trinken und zwei Stücke Kuchen zu vertilgen. Selbst wenn dann die Gespräche eher irgendwie verlaufen wären als hochinteressant.

Aber gleichwie, dachte ich mit meinen Blüten, das Heimweh spürst Du in den Füßen. Dort bleibt es und so trägst Du es mit Dir herum.

Und: Alles lassen die Leute im Wald liegen, wirklich beinahe alles, der Eindruck wirkt nach, wenn man den Wald nach einiger Zeit wieder verlassen hat und durch lichtere Gefilde spaziert. Alles, außer Geld.

20.5.

Eine Spezialwetterlage hatte Deutschland in den letzten Tagen in zwei Klimazonen geteilt. Erst war es im Westen schöner als im Osten, dann im Osten schöner als im Westen. Gestern war der Unterschied dann besonders krass angeblich: Regen und Stürme im einen Teil, der Himmel über Berlin erschien schon beinahe grau vor lauter Licht bei über 30° Grad.

Spät am Abend ließ ich die Erschöpften zurück und stieg am Nikolassee aus der Bahn. Schon die Fahrt über hatte ich an vergnügliche Dinge gedacht, vor allem doch an diese Schnecke namens Jeremy, die nun als Shellebrity Snail angeredet werden will, beziehungsweise angetwittert, denn sie besitzt einen eigenen Account. Wenn das alle Schnecken so hielten, würde die Welt wohl kaum zu einem besseren Ort, auch Twitter nicht, aber zu einem anderen – so wie man ja Personen, die sich im Gesicht plastisch haben operieren lassen, nicht wirklich attestieren wollte, dass sie nun jünger aussehen. Aber anders, das schon. Ganz eindeutig sogar sehen sie anders aus. Irgendwie.

Na ja und Shellebrity Snail, die Schnecke, die einst noch Jeremy genannt wurde, bevor der Guardian, bevor Le Monde und die Frankfurter Allgemeine Zeitung über sie berichtet haben, das zweihäusige Wesen mit dem falsch herum gedrehten Häuschen aus Kalk auf dem Rücken (es gibt davon nur sehr wenige; Missbildung sollte man es aber nicht nennen!) twittert ja nicht selbst, versteht sich, sondern der Wissenschaftler, der diese einsamste Schnecke unserer Tage erforscht.

Gerade als ich mir überlegte, ob ich das so schreiben könnte, dass Schnecken an sich ja wie gemacht sind für die Bedienung eines Touch Displays, beziehungsweise war es ja umgekehrt, stand ich an der vertrauten Biegung des kleinen Waldweges, der auf das Strandbad zu führte und ich spürte, dass etwas Schlimmes geschehen war. Gespür in einem animalischen Sinne. Wie Tiere, die unruhig werden auf der Weide kurz vor dem Eintritt der Sonnenfinsternis.

Dann, nach den beiden Langnese-Schildern konnte ich es zuerst sehen, dann riechen: Der Easy Rider war abgebrannt.

Das musste sich vor wenigen Tagen zugetragen haben. Ich war ewig schon nicht mehr dort gewesen, weil es in diesem Jahr mit dem guten Wetter so lange gedauert hatte. Die Außenwände standen noch so einigermaßen. Aber alles, was einst noch rot oder gelb lackiert gewesen, war jetzt schwarz. Nicht kohlrabenschwarz, kein bisschen mehr Glanz, holzkohlenschwarz. Paul-McCarthy-schwarz. Vorbeischwarz.

Andreas, der Wirt, nicht da. Hinter dem Kohlenkasten (auf dem schwarzen Dach stand ein Liegestuhl, der Plastikkürbis auf dem Schornstein zwar rußig, aber auch noch orange) ein Paar, die Ruine untersuchend. Wie es bei Peter Handke heißt: »Kalt wie auf einer Brandstätte«. Unaufhörlich strömen die vom Strandbad Heimkehrenden an der Brandstätte vorbei. Einer, die Sonnenbrille schief über der Nase, deutet mit dem Finger auf die Brandstätte und schreit: »So eine Scheiße!«

Wohl wahr. Dann lange nichts.

Traurig, dass ich mir nicht einmal die Telefonnummer von Andreas aufgeschrieben hatte. Irgendwann im letzten Sommer, als wir uns mehrmals in der Woche gesehen hatten. Er hat mir die alten Zeitungen aus der Sammlung seines Vaters geschenkt, wir haben gemeinsam den Raub des Buddhas erlebt, es gab die Sache mit der englischen Querflöte. Im vergangenen April, der um einiges wärmer und trockener gewesen war, hatte ihm eine Familie ein Übernahmeangebot für den Kiosk gemacht. Ablöse 150.000 Euro. Andreas hat abgelehnt. Weil er mit dem Kiosk, mit dem Verkauf von Speisen und Getränken in den wenigen warmen Monaten genug Geld machen konnte, um damit seine immerhin vierköpfige Familie zu erhalten. Am einzig schönen Tag im April dieses Jahres hatten wir kurz gesprochen, da hatte er gerade den Pachtvertrag für einen kleinen Garten unterschrieben. Die Wurstqualität war übrigens 1A. Die Speisekarte, die wir zu Beginn des Sommers 2016 zum ersten Mal in der jahrzehntelangen Geschichte des Hauses Easy Rider in zwei Sprachen abgefasst hatten, war bis auf die unvermeidliche Novität Süßkartoffelfritten erfreulich konservativ. Die Übernehmerfamilie hatte Expansionspläne hinsichtlich Grillhähnchenstation, Döner und freistehendem Pizzaofen neapolitanischer Bauweise. Andreas hatte einmal, im Überschwang seiner gastronomischen Ambitionen, mit einem Lavasteingrill experimentiert. Kostete damals noch über eintausend Euro in der Anschaffung. Gibt es mittlerweile bei Tchibo. Die Steaks wollte aber damals schon kein Mensch.

Die Stammkundschaft des Easy Rider, zu denen ich mich auch nach dem intensiv dort verbrachten Sommer 2016 nicht zählen will, setzt sich freilich zusammen aus greis’ gewordenen Motorradrockern aus der first wave der Hell’s Angels, dem örtlichen Bestatter, der sich aber zur Ruhe gesetzt hatte, dem pensionierten Polizeiwachtmeister, einem irren Schwätzer, der auf einem winzigen Telefon herumtippt und recht viele Telefonnummern auf einem laminierten oder vakuumierten Din-A4-Blatt mit sich führt, einigen Ehefrauen, die zwar eindeutig zuordenbar waren, jedoch mit ebenfalls blass bleibenden Ehemännern auftauchten, von denen ab und an einer auch wegblieb, weil er entweder operiert werden musste, oder verstorben war. Der Easy Rider war zur Hälfte immer auch ein Speisesaal auf dem sich verjüngenden Vorhof zum Pflegeheim. Und dazu reichlich sogenannte Laufkundschaft, die entweder zum Strandbad hinstrebten (noch nüchtern, zumindest so einigermaßen), oder vom Strandbad weg (voll).

Andreas, Held, Koch, Konditor ja eigentlich, Buddhist (angeblich, aber ich habe ihn gleich bei unserem ersten Gespräch widerlegt; er nahms gelassen – also doch!), großer Sänger, ein Fels. Na gut, es reicht jetzt. Er wird es überlebt haben. Von daher soll es keine Grabrede werden. Bis bald.

Zu Hause war es still und bald dunkel. Applaudierende im Nachbargarten. Dann kam der Sturm.

19.5.

Lauschig

Flauschig, sehr vermutlich mit dem Wort verwandt, ist die Nacht,
wenn ich bei geöffneten Fenstern liegen kann.

Die Stille ist weit,
sie schläfert ein,
sie führt mich in die Wälder.

Es klingt schon wie von ganz weit her,
wenn dem Nachbarn beim Reintragen das Tablett runterfällt.
Dann wieder still,
bis auf den sehnsüchtigen Vogel.

Auf der Vilbeler Landstraß’ gibts eine gleichnamige Bar.

Ich würde Tender is the Night mit Lauschig ist die Nacht übersetz’.

18.5.

Gleich hinter dem toten Gleis am Bahnhof Zehlendorf stehen die Flieder dicht an dicht. Und in den Lücken dieser naturbelassenen Hecke, die wuchert und blüht wie es ihr gefällt, zeigen sich die Dächer der Gartensiedlung, die reicht anscheinend bis zum Horizont. Die Dächer niedrig, die Hecken hoch. Kaum Fahnenmasten. In anderen Gartensiedlungen, zum Beispiel in Griesheim, gibt es davon mehr. Ich sah dies alles im Vorüberfahren aus meinem Fenster. Die Frau mir gegenüber las in dem Roman One Day. Ich war dann extra aufgestanden, als sich der Zug in die ewig lange, sanfte Kurve vor der Haltestelle Schlachtensee begab auf seiner Bahn.

Der Abendhimmel: blau und hoch, wie senkrecht aufgespannt im eigenen lauen Wind vor einem Licht, das es nur im Sommer gibt. Ein Wisch am Himmel, hell, wie vergessen. Oder wie absichtlich, dann aber ungeschickt plaziert.

Ganz lange fliederfarbene Querstreifen über dem Wald am anderen Ufer. Das Wasser wellte sich seidig, sah aus wie ein Bildschirmschoner. Im Geiste ging ich den langen Weg zurück durch die warme, lebendig gewordene Stadt mit den Menschen und den Bratdüften aus den offenen Fenstern und Türen bis zu dem ersten Bild meines Tages, als ich im Park vor dem von Raupen mit einem Gespinst überzogenen Baumgerippe stehengeblieben war. Sie hatten ihm zunächst sämtliche Blätter abgefressen, im zweiten Schritt (die haben ja viele Beinchen) dann die Äste und den Stamm in ihre Fäden eingesponnen, alles mit jenem Gewebe überzogen, dessen Material sie durch die Vertilgung der Blätter des Baumes gewonnen hatten, um schließlich, im letzten Schritt, dann sich selbst in Kokons verpackt an diesem von ihnen zu diesem Zweck vorbereiteten Wirtsbaum aufzuhängen. Als ich davor stand, hingen sie schon alle dran wie an einer Art Kettenkarrusell. Es war früh am Morgen und recht warm. Wenn alles gut ging, wie von den Schmetterlingen vorgesehen, würden sie in wenigen Wochen aus den Kokons schlüpfen können. 

An die Gründer, die Raupen, an den Baum würde sich niemand erinnern. Schwundstufen der Schmetterlingsgesellschaft. 

First walk, then fly.

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