»2017 – Year of the Cat«

»2017 – Year
of the Cat«
Tagebuch

19.11.

Nebenbei erlebte ich noch so einiges und noch viel mehr. Dann lag die Zeitdiebin tatenlos, weil unaufgeschlagen herum. Beispielsweise hatte ich mit einer neuen App die Weckfunktion des iPads mit dessen Helligkeitssensor gekoppelt, dergestalt, dass im Augenblick, da meine Augenlider noch geschlossen, die Sonne aber über der Horizontlinie auftauchte, der von mir eingestellte Radiosender, das zweite Programm des Südwestdeutschen Rundfunks, aufgeblendet wird. Ein Sprachprogramm, nur in langen Abständen wird es von angenehmer Musik unterbrochen. So stand also plötzlich eine Stimme im Raum. Es war die tiefe, sehr dunkle und von mir als wärmend empfundene Stimme eines Greises, und die ersten Klangbilder, deren Bedeutung ich begreifen konnte, lauteten »Kakao – ja, Sie haben richtig gehört, meine lieben Hörerinnen und Hörer. Tun Sie sich etwas Gutes und bereiten Sie sich einen Kakao. Aber einen richtigen, den dunklen, bitteren; nicht etwa den sogenannten Plantagentrunk. Im Supermarkt werden Sie den Kakao, von dem schon die Azteken nicht genug bekommen konnten, aber nicht bekommen«. Und immer so weiter.

Das war am Samstagmorgen, dem soundsovielten Todestag von Marcel Proust, der ja wiederum der heißen Schokolade den Vorzug gegeben hatte, wobei es mir dann unklar war, ob es sich dabei um den Kakao der Azteken gehandelt haben wird, oder um Plantagentrunk. Nach einigen Stunden des Blätterns und Suchens in der Suche nach der verlorenen Zeit, hatte ich einige der Stellen gefunden und auf Hinweise hin untersucht. Aber aus keiner einzigen ging das hervor; enttäuschend. Ich war vor allem von mir selbst enttäuscht, dass ich es nicht schon früher hatte herausfinden wollen, so dass ich mir diese Gedanken heute gar nicht mehr erst hätte machen müssen, ganz einfach weil ich es wusste.

Dann ging ich die Straße entlang spazieren, weil ich aus der Zeitung erfahren hatte, dass der König von Saudi-Arabien seinen Botschafter aus Berlin abberufen hatte, wegen den Äußerungen des Deutschen Außenministers Sigmar Gabriel. Das Anwesen des saudi-arabischen Botschafters befindet sich in meiner Nachbarschaft; es ist dies der Mann, der sich im vorvergangenen Sommer einen Schlittenhund angeschafft hatte und im selben Sommer auch noch ein Gewächshaus, in dem er Brennnesseln züchten ließ und Löwenzahn und Rainfarn – für ihn, den Wüstensohn aus dem Morgenland waren all dies die allerdenkbarst exotischen Pflanzen, so wie der Schlittenhund für ihn ein exotisches Tier. Aber keinerlei saudi-arabischer Sperrmüll vor dem Lanzettenzaun. Nicht einmal ein durch flüchtige Packen geplatzter Koffer oder sonst irgendeine Hinterlassenschaft. Möglicherweise war die Familie also noch gar nicht abgereist.

Kaum später schweifte ich aus meiner Lektüre ab ins Internet, um herauszufinden, ob es die Brasserie Mollard am Gare Saint Lazare auch in Wirklichkeit gibt. Es gibt sie, hüben wie drüben. Und im Buchmollard erhält die Obstdiebin von ihrem Vater letzte Instruktionen für ihre Wanderung in die Picardie. Er rät ihr, für Zwischenzeiten zu sorgen, »möglichst viele. Wie habe ich jedesmal aufgeatmet, und ruhiger geatmet, sooft eine dramatische Geschichte unterbrochen wurde mit einem ›in der Zwischenzeit‹. Die Zwischenzeiten, sie stehen in deiner Macht. Dass du sie dir nicht nehmen lässt!«

18.11.

Nebenbei las ich sämtliche Kritiken der Obstdiebin und musste mir, wenn auch nicht physisch, doch seelisch die Augen reiben. Wie unterschiedlich wir Menschen sind. Selbst in der Süddeutschen, wo seinerzeit Der Bildverlust, also das Vorgängerbuch von Thomas Steinfeld gepriesen worden war (in jener für die Zeitungslandschaft stürmischen Zeit, als Frank Schirrmacher den Großen Austausch im Feuilleton verursacht hatte), schrieb jetzt Lothar Müller pflichtschuldig, insgesamt eher abgeturnt von der Vergeblichkeit, mit der Peter Handke sich daran versucht, einen Text zu schreiben, der Handlung haben müsste — weil er, das ist die Logik: atens) lang ist und b) stimmt das gar nicht, denn es steht auf dem Schutzumschlag nicht Roman und auch nicht in der Titelei. Das Feuilleton der Süddeutschen war einst der Ort, in dem Peter Handke selbst als Fürsprecher für Hermann Lenz auftrat in einem Artikel mit der schönen Überschrift »Tage wie ausgeblasene Eier«.

Wenn er, Handke, eine Biene beschreibt, dann steht da »wollig, pelzig, in den altbekannten Bienenfarben«. Bemängelt wird, von Ijoma Mangold, das Fehlen des Konflikts, bemängelt wird eine psychologische Ausgestaltung der sogenannten Figuren. Bemängelt wird im Grunde das Schöne an diesem Text. Es dürfte nicht sein. Für mich sind das Indikatoren der allgegenwärtigen Mauligkeit über den Stress und die eigene Gestresstheit, der ja viel zu oft Gammelstress ist. Die wenige Zeit, die einem angeblich gelassen wird (oder die man sich selbst nicht mehr zugesteht). Der Schwund an Muße, die eingetauscht wurde wie die Lachfähigkeit Tim Thalers. Eingetauscht gegen ein geregeltes Einkommen, gegen einen Induktionsherd. Mich erinnern diese Kritiken an die saure Miene der Kellnerin, wenn sich ein Gast zur frühen Stunde ein Glas Wein bestellt. Weil sie ihm die Muße neidet und selbst gerne eins hätte.

17.11.

In etwa an der Stelle – wer könnte sie bestimmen an einem Fluss; möglicherweise weil da eine Coladose vorbeitreibt? – legte ich das Buch in einen Rucksack und machte mich auf. Das kann bei mir nur Peter Handke: dass ich, vom Gelesenen und erst recht von dem noch zu Lesenden (wie eine beinahe noch volle Tüte Spekulatius) aufgefordert hinaus will, vor die Tür muss – Wetter egal, um mir die Welt persönlich anzuschauen. Dass Denken und Gehen zusammenhängen weiß ich, ich habe es selbst erlebt, aber das Denken eines anderen hängt nicht oft genug mit meiner Lust zusammen, dem nachzugehen. Und aber der Wald war genauso, wie in der Obstdiebin beschrieben. Dabei war es bis zu jener Stelle noch so gut wie gar nicht um den Wald gegangen. Die Erzählung hatte sich bis dahin nur einmal, anttäuschend, spielerisch in einen Wald bewegt, um dort Menschen zu beschreiben, die im Schatten der Bäume ihr mitgebrachtes Mittagsessen verzehrten. Die Buchzeit war Mitte August, bei mir war es Mitte November, und trotzdem.

Als ich, immerhin gingen die Uhren simultan, an der Canterburykirche am gepflasterten Dorfplatz ankam, war meine Hose, selbst im Wald noch weiße Hosen, voller unregelmäßig gesetzter Schmutzflecke. Die waren von den Hundepfoten mir aufgestempelt worden. Der Wald ist auch ein Hundeausführrevier und ich wurde vielfach begrüßt. Unter anderem von einem beigen Windhundmischling, den seine Halterin, das teilte sie mir bei ihren Entschuldigungsversuchen für das an mir Hochspringen des Hundes mit, aus Dubai gerettet hatte, wo er herrenlos und einsam vor sich hinvegetiert hatte, wie Hunde das nun einmal machen, wenn man sie lässt. Sie vegetieren.

Ein Greis stand schwer atmend, kurz vor dem Keuchenmüssen, an einem Gartenzaun. Ich näherte mich. Da knackte es in der Sprechanlage, die in einen der hölzernen Pfosten am Zauntor eingelassen war. Der Greis neigte sich dem Sprechgitter zu und rief: »Essen!«. Da erst fiel mein Blick auf den am Straßenrand abgestellten Kleinlieferwagen, ein Kombi, dem der Greis wohl entstiegen war. Und tatsächlich war dort, auf der fensterlosen Ladekabine des Mobils, ein Bild aufgedruckt eines Menüs mit Rotkohl und Püree, dazu die Adressdaten eines Essenslieferdienstes für Senioren. Dass Greise einst den zum Kochen zu vergreisten ein Mittagessen auf Rädern liefern werden: so stelle ich mir meine Zukunft vor.

Bei Handke, ich las die kommenden Zeilen im Garten vor dem Bauernhaus der Mutter Fourage, weil es, vom Kirchturm spielten die Glocken Geh Aus Mein Herz und Suche Freud, ein dämpfig lauer Mittag war, geht es um die Natur des Weibes, die, laut Schopenhauer, Houellebecq und Peter Handke, jeweils subjektiv und für jeder sich, die eines entschleiernden Verbergens sein müsste. Oder sollte. Wenn sie denn dürfte!

»Das unverschleierte Gesicht einer schönen und ebenso einer weniger schönen Frau war, so schien es mir, so fühlte ich, so wusste ich, wie nichts auf Erden dazu geschaffen, mich und mein Herz zu erheben. Ja, hoch das Herz, hoch die Herzen! Und man musste mir dazu nicht mit dem Paradies kommen, frei nach dem Spruch, wonach nichts sonst so sehr das Paradies verspräche wie der Duft von Moschus, die Schönheit der Frauen und die Frische der Augen im Gebet. Keinmal im Leben hat das schleierlose Gesicht einer Frau in mir so etwas wie ein Begehren geweckt, geschweige denn die sogenannte Geilheit. Geweckt hat mich solch ein offen und still sich zeigendes Gesicht von Zeit zu Zeit, ja, aber das war jedesmal eine heilige Zeit, ja, und geweckt hat es, ihr Antlitz, mich zu mir, ja. Weg mit all euch Verschleierten und Vermummten, um Gottes Willen.«

Hoffentlich liest das der Identitäre Sellner nicht, der kriegt das wieder in seinen falschen Hals. Er hat ja nur den einen.

Vor dem Zubettgehen noch die Matratze auf ihre Winterseite umgewendet. Dort klebt ein Etikett »Memory-Schaum, wohlig, anpassungsfähig, warm«.

16.11.

»Kabel überall!« Was wohl mit Packholz gemeint war?

Nachdem Die Obstdiebin in sämtlichen Buchhandlungen Moabits ausverkauft war, bekam ich in der verträumten Bücherstube am Moritzplatz noch ein, dort war es das einzige, Exemplar. Schon beim Titel, als ich den das erste Mal las in einer Rezension (schaue selten in Verlagsvorschauen) spürte ich Vorfreude (wie bei einer Postkarte, die zwischen den Prospekten im Briefkasten steckt). Als die Obstdiebin hatte Peter Handke schon einmal eine Figur bezeichnet, das war, auf die Zahl seiner seitdem erschienenen Bücher genommen, vor einer halben Ewigkeit im Bildverlust, dem Buch der großen Wanderung zu Fuß, dass ich damals, eigentlich hatte ich mir etwas auf der Documenta anschauen wollen, dort in Kassel an einem Tag und einem langen Abend in einem Café gelesen hatte. Die letzten Seiten aufgespart für die Heimfahrt mit dem letzten Zug nach Berlin.

Jetzt geht es weiter, es geht los. Gleich auf der ersten Seite geht es um einen Bienenstich in den Barfuß des Erzählers. Es ist spätes Frühjahr, früher Sommer, der Klee blüht und allein wie dazu die im Blau schmelzenden Wolken beschrieben werden, macht mich selig. Es kommt, nein, es ziehen vorbei links und rechts sämtliche Bilder, sie sind mir Begriffe geworden, die ich im Bildverlust kennen und lieben gelernt habe (weil sie mir den großen, den verzögerten Lesegenuss verheißen), und natürlich ist es so, dass Handke sie dort aufstellt in der erzählten Landschaft, um auf die lange perichoretisch gesinnt oder -stimmte Wanderung gefasst zu machen, die er beginnt.

»Nur Du und ich, wir beide. Heute Nacht.«

Draußen, der Garten ist mit Nebel gefüllt: tatsächlich das Geräusch fallender Blätter. Ich muss heute den Meisenknödel ausbringen. Auf der Verpackung steht Megameisenknödel. Was sich hoffentlich auf die Vögel bezieht, die damit angelockt werden können.

15.11.

Wobei es nicht allein die rosa Färbung ist. Nach Nase, Ohr, Augenpaar (braune Pupillen), Händen und Zunge, ist mit dem Gehirn ein erstes inneres Organ für die Zeichensprache zur Verfügung gestellt. Herzen gab es von Anfang an und in diversen Ausführungen in der symbolischen Form dargestellt. Ob Lunge (als Zeichen für Frische Luft oder Außer Puste), Nervenkostüm oder Magen demnächst nachgeladen werden, scheint mir unwahrscheinlich, ich frage mich, weshalb die primären Geschlechtsorgane von Frau und Mann, Vulva und Penis fehlen und weiterhin auch fehlen werden. Weder rosa gefärbt, noch in die Nuancen der Hautfarben verstellbar. Weil man sie nicht zeigen darf? Weil man sie nicht aussprechen darf, sozusagen; weil es tabuisierte Zeichen sind?

In seinen späten Schriften, ganz deutlich noch einmal in seinen Sexualitäten hat Volkmar Sigusch darauf hingewiesen, dass es in den westlichen Industrie-Nationen keine Entwicklung einer erotischen Kultur gibt. Das betrifft vor allem die Sprache, Sigusch führt das am Beispiel der Brustwarze aus. Nippel klingt kaum weniger abschreckend. Bei den Emojis greifen die User dementsprechend auf Tortilla und Aubergine zurück, beides wenig schmeichelhafte Analogien. Der Bedarf besteht, das ließ sich deutlich erkennen, als es noch diese Website gab, auf der mikrosekündlich sämtliche Zeichen auf einem Periodensystem der Emojis nach der Häufigkeit ihrer aktuellen Verwendung sortiert wurden. Da rangierten Tortilla und Aubergine stets beieinander und selten unterhalb der zweiten Zeile in der bunt blinkenden Matrix. Friederike findet, der ebenfalls neu hinzugekommene Igel zeige einen Anflug von Geilheit in seinem Gesicht. Ich finde das nicht, aber auch Geilheit fehlt bei den Emojis, wo es mittlerweile sogar ein Gesicht gibt, dem die Schädeldecke explodiert ist, woraufhin das freigelegte Gehirn sichtbar wird. Dort ist es bräunlich und gelblich, das Gesicht des Emojis unverstellbar gelb. Eventuell ist es auch kein Gehirn, das freigelegt wurde, sondern eine Art Atompilz. Ein anderes erbricht sich in einem grünen Schwall. Profanes scheint an sich kein Problem, der Kackhaufen mit Augen war eines der ersten Emojis überhaupt. Erhabenes aber dann auch wieder nicht, denn das gelbe Gesicht mit den Eyes Full of Love, als Symbol für den liebevollen Blick, gibt es ebenfalls schon seit einigen Generationen des Betriebssystems.

Kackhaufen und Aubergine: Wer legt das fest?

14.11.

Zwischen drei und fünf Uhr ist es komplett still. So still, dass ich das Rauschen eines weit entfernten Heizkörpers hören kann. Sonst nichts. Das andere Rauschen, das ich höre, wenn ich meinen Atem anhalte, ist mein eigenes Blut angeblich. Im Traum etwas Neues erfunden. Etwas kulinarisches, ein perfektes Produkt, vielleicht auch eine gute Geschäftsidee, aber sie wird sich nicht verwirklichen lassen. Obwohl im Traum alles fertig war und bereit, sogar das Personal. Besonderen Wert habe ich, das fand ich dann schon wieder weniger traurig, im Traum auf die Gestaltung der Verpackung gelegt. Die hält der Wirklichkeit stand.

Wobei ich neulich, gerade als ich wieder einmal im Stillen bei mir gedacht hatte, es gibt dann wohl leider nie mehr etwas Neues mehr, im Zufall ein kleines Café betrat, das es in der Woche zuvor noch nicht gegeben hatte, und dort gab es, groß angekündigt: Zuckerrohrsaft. Ganz köstlich. Der Mann dort nimmt einige der auf Unterarmlänge zurecht gesägten strohhaften Röhren und steckt sie in ein anscheinend eigens für diesen Zweck hergestelltes Gerät aus Portugal (oder Brasilien). In dem Gerät wird unter ziemlichem Getöse das Zuckerrohr in einen Wirbelwind aus Kieseln, Split, dann Sandkörnern verwandelt und aus der Schnaube rinnt derweil ein olivengrüner Saft über reichlich Eiswürfeln in ein Glas. Schmeckt wie die Flüssigkeit in einer Birnenkonserve. Von der Wirkung her aufputschend, dies aber sanft; nicht ganz so langanhaltend wie der grüne Matcha, da kann es ja rasch unangenehm werden. Ich fühlte mich jedenfalls angenehm beschert. Ungefähr so muss sich Ernst Jünger gefühlt haben, als man ihm in den siebziger Jahren tief im brasilianischen Wald die von ihm so bezeichnete Mangopflaume vorgesetzt hat.

Das war am selben Tag, als das Update auf iOS 11.1.1 mir 50 neue Emojis auf die Tastatur brachte. Und endlich wurde mir damit mein großer Wunsch erfüllt, weil es jetzt ein Gehirn gibt. Allerdings ist es rosa. Und man kann dies Rosa nicht, das finde ich nicht konsequent, anders als bei Händen, Gesichtern, ja sogar bei den Ohren und den Nasen kann man die Farbe des Symbols nicht in diversen Abstufungen von Dunkelbraun und Karamell über Lyonerfarben bis nach Gelb verstellen. Neu in der Sektion Nahrungsmittel: ein Brokkoli. Makkaroni fehlen noch.

Sankt Martin

Death of a diva: Der Kirschenbaum entledigt sich seiner letzten Blätter auf eine denkbar theatralische Weise. Ein Melodrama. Ich schaue ihm vom hinter den Scheiben dabei zu und es läuft Michelle Gurevich.

»I am a party girl. Look at me. I’m a natural.«

So ähnlich habe ich mir den Striptease-Akt vorgestellt, von dem Charles Aznavour singt, den damals, einst, Roberto Ohrt zu später Stunde. Am Ende steh’ ich völlig nackt. Es ist für mich entsetzlich lange her.

Heute teile ich meinen roten Mantel für all die, die nach dem Wissen von den Makkaroni dürsten.

Beispielsweise war ich einst, es ist noch nicht so lange her, zu Gast bei einem Greis, der wohnte Rive Gauche und gegenüber war das Grand Palais. Das konnte man von seinen Fenstern aus sehen, auch die Brücke davor. Es war um die Mittagsstunde, damals regnete es nicht. Ein in weißer Kellnerjacke auftretender Kellner hatte ein Büffet für zehn bis zwölf Skifahrer aufgebaut, wir, der Greis und ich, waren alleine zu zweit.

Der Greis, sein Name war Hubert, und er ist mittlerweile tot, hatte nach dem Ende des Weltkrieges eine Rezeptur für eine Gesichtscreme erfunden. Er war weder Chemiker noch Apotheker. »Der Kreative macht, was er kann. Das Genie, was von ihm verlangt wird.« Aus der Rezeptur war in den siebziger und sechziger Jahren ein Riesenunternehmen der Kosmetikindustrie gewachsen. Der Greis war unermesslich reich.

Von dem Büffet rührte er kaum eine der Schüsseln an. In einer winzigen Pfanne lag eine Schnecke aus Makkaroni, die zu einer den gesamten Boden des Pfännchens bedeckenden Spirale eingelegt worden waren. Dann in Butter gebraten und mit ein paar Flocken Butter bestreut. Der Nudelkuchen ließ sich, nun da die gartenschlauchhaft sich gebärdenden Makkaroni niedergehalten sich fanden, in Viertel zerteilen und somit leicht essen.

Schmeckte einfach nur wunderbar.

»Das hat er für mich erfunden«, rief der Greis von seinem Aussichtsplatz nahe der Fenster. Der Kellner der D’Ornanos verneigte sich still.

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