»2018 – Barthel und Most«

»2018 – Barthel
und Most«
Tagebuch

Ortolan und Leinenhaube

Das Loom gibt es wirklich. Kaum noch in Bielefeld am Hauptbahnhof angelangt, wurden wir von unseren Gastgebern in eine Fußgängerzone geführt und kurz darauf standen wir auch schon davor. Dass ein Einkaufszentrum so etwas wie Berühmtheit erlangt, auch das verdankt sich dem Internet. Dort war in den Wochen vor Weihnachten unter anderem auf Twitter viel berichtet und kommentiert worden hinsichtlich des Looms. Unter anderem fragte man sich, ob der merkwürdige Name des Bielefelder Einkaufszentrums, Loom, eventuell als eine Art hot take auf den Namen des berühmten Bielefelders Niklas Luhmann zu nehmen sei oder war. Nun, da wir dem veritablen Loom in Luhmanns Stadt und Wirkungsstätte gegenüber standen, ward uns sonnenklar gemacht, dass die Herleitung unumwundener zu deuten war: Loom, der Webstuhl im Englischen, weil Bielefeld ja einst, noch weit vor Puddingpulver und Pizza von Oetker und freilich auch vor Systemtheorie als Stadt der Leineweber bekannt geworden war.

Heute lautet der Slogan »Bielefeld – weil‘s mir gefällt«. Und ich muss es nicht, will aber sagen: mir auch. So standen wir, auf unserem Weg in unser Hotel, den Plettenberger Hof in der Magenbruchstraße, auch einmal vor einem Baum, der voller Weinlaub hing (im Sommer freilich, momentan war er noch kahl) und dessen knorriger Stamm sich wie unter Schmerzen aus dem Asphalt des Vorplatzes einer schmucklosen Kirche herauszuwinden schien. Beschaulich. Daneben war eine lebensechte Bronzeplastik aufgestellt von einem Mann, der eine Tragstange voller Trauben über die Schulter gelegt auf diesen Baume, der ja im Gegensatz zum traubentragenden Kanaaniter echt war, zuzustreben schien. Eine Begegnung von Kunst und Natur, die mich gedanklich noch lange in Atem hielt.

Derweil wir saßen und, wie es im Schwäbischen heißt: tagten, im Brauhaus Joh. Albrecht, wo es ein sehr gutes Bier gab, das man im Amerikanischen als crisp bezeichnen würde. Aber ein Bier als knackig bezeichnet hier in Westdeutschland kein Mensch. Es war auffällig, wie sauber und ordentlich die Straßen und Wege in Bielefeld gehalten wurden. Interessant für die Freunde der Administrative: Bielefeld wird aus zwei Rathäusern heraus verwaltet und regiert. Eines heißt einfach wie gewohnt Rathaus, das zweite aber trägt die Aufschrift »Technisches Rathaus« in serifenlosen Lettern aus Messing auf der weitflächigen Eingangstüre aus brüniertem Glas. Leider war es da schon spät am Abend, und zudem noch ein Sonntag, sodass sich ein Versuch des Nachfragens vor Ort, was es denn mit dem sogenannt Technischen Rathause auf sich hat, von alleine verbot.

Die Obstdiebin

Die »Special Edition« von Bahlsen Butterkekse mit dem Aroma »Scharfer Salsa« schmecken wie versprochen spicy, also köstlich. Unerwarteterweise. Sie sind auch, das bestätigt Friederike, der ich meine halbe Packung gestern spät am Abend überreichte wie einen Stafelstab, auch mürber, vom Mundgefühl her also knuspriger als die vom Aussehen her identisch wirkenden Originale. (Nur echt mit den 52 Zähnen. Der erste Keks, der nicht nur nach einem Philosophen benannt wurde, Gottfried Wilhelm Leibniz auch der erste Philosoph, nachdem man einen Keks benannt hat; zudem noch einen, der mit seinen 52 nur sogenannten Zähnen – für jede Woche einen? – auch zurückbeißen könnte. So er wollte. Aber Kekse wollen nicht. Und Wollen kann man nicht sollen. Können aber ebenfalls nicht – weder sollen noch wollen.)

Meine Hälfte, die erste, hatte ich während der Zugfahrt verspeist. Dazu las ich in Die Obstdiebin, bei der ich mittlerweile am Rand jener Zone angelangt bin (vorgedrungen klingt scheußlich indiskret), jenem, wie Hermann Lenz es genannt hat: Inneren Bezirk. Dort regiert das Land und die Landschaft. Der Nachtwind weht und am Sockel eines Hauses wächst der wilde Portulak. Draußen, also vor dem Fenster meines Platzes im Großraumabteil war es schon dunkel geworden, nachtkrabbenschwarz. Da schreckte mich ein Wort auf aus meiner behaglichen Lektüre, die so behaglich, weil auch innerlich reibungslos, vor sich hinfließend war von ihrer Gestalt her wie auch das mich Umgebende, der durch Nordhessen dahinpfeilende Inter City Express.

Das Wort war »Eminem«.

Ich legte den angebissenen Keks zurück zu den anderen. Im Ganzen lautete der Absatz, aus dem ich hochgeschreckt war wie aus dem Waldsee, wenn ich von der Libellenlarve angestarrt ward: »Wie offensichtlich war dieser Mond, samt der ihn umkränzenden Wolken. Wie drängte er sich auf. Und wie überdeutlich unter dem Mond – es war, als sei der bei ihrem wiederholten Aufschauen inzwischen voll geworden – die Geräusche auf der ›Diagonale‹. Vor allem die Musik aus den eigens im Schritt fahrenden Autos drang ihr durch die offenen Seitenfenster oder überhaupt aus den dachlosen Untersätzen in die Ohren und trommelte ihr auf den Kopf. Die Obstdiebin war einmal eine Musiknärrin gewesen, und fallweise immer noch. Am tiefsten war ihr der Rap gegangen. Ah, Eminem, mit wahrem Namen ›Marschall…‹. Es war erst ein paar Jahre her, daß sie, wie anders als allein, eins der Elendsviertel von Detroit […]«

Wie konnte das angehen, wie konnte das sein – wie konnte mich das so angehen? Warum gerade dieses Wort, Eminem? Im Inneren Bezirk der Obstdiebin wimmelt der Text zwar nicht gerade vor, er ist auch nicht gespickt mit, aber es kommen doch Ortsnamen und Flussnamen andauernd vor. Worin aber unterscheidet sich Eminem von Courdimanche? War es so, dass ich Peter Handke zutrauen wollte, über Ortschaften in der französischen Picardie zu schreiben, das schien mir ihm machbar, von Eminem aber lasse er besser die Finger? Zumal ich ja selbst nur ungefähr etwas im Ohrgedächtnis hatte von Eminem; mehr sein Gesicht vor mir auftauchen lassen konnte; Slim Shady fiel mir dazu ein. Und Eminems Tochter.

Aber besser halt so, dachte ich mir dann, daraufhin. Zum Lesen konnte ich mich jetzt nicht mehr zusammenreißen, also spionierte ich durch den Spalt, den die zwei Vordersitzlehnen zwischen sich ließen, auf den Monitor einer Frau dort, die, so stellte es sich für mich heraus, an einem Förderantrag für ein Projekt mit Musikern mit migrantischem Hintergrund schrieb. Beziehungsweise baute, denn sie erstellte diesen Antrag in einem Google Doc. Auf einer der sogenannten Folien, die sie mit der Cursorsteuerung durchwechselte wie einen Diavortrag im Schnelldurchlauf, lautete die von ihr verfasste Überschrift »Warum ist Musik so wichtig?«.

Eine interessante Fragestellung, auf die sie sich Antworten holte per copy and paste von einer Internetsite in einem anderen Tab namens Aphorismen.de.

Tulpa

Eine Frau mit einer roten Wollmütze auf betrat das Bahnabteil am Morgen. Sie fand einen freien Platz und setzte sich. Nicht unbedingt umständlich, auf mich wirkte es so, als probierte sie ein Sitzen aus; als säße sie zum ersten Mal auf einem Sitz in der Berliner S-Bahn.

Ich schaute sie an. Sie machte große Augen. Nicht unbedingt erschrocken. Auf mich wirkte das so, als sähe sie zum ersten Mal Menschen um sich herum. Die rote Mütze, die so gar nicht zu ihrer übrigen Kleidung passen wollte, oder konnte (Hatte sie die Mütze bei ihrer Ankunft in der großen Stadt bei einem Souvenirhändler gekauft? War sie aus einer Gegend, in der es viel wärmer war um diese Jahreszeit nach Berlin gekommen? War sie überhaupt von woandersher?), die Sommersprossen auf der dunklen Haut, ihre großen, hellen Augen: sie brachte eine Szene mit sich herein in den Waggon. Alle spielten mit um sie herum. Zumindest wirkte das so auf mich.

Nachdem ich ausgestiegen war aus dem Zug, war ich gespannt, wie lange das Filmgefühl noch anhalten würde. Was es noch zu erzählen gab von ihrer Geschichte.

Ab in die Suppe, Huhn

Das Telefon zeigt ein ungewohntes Symbol an: parallel übereinander geschichtete Wellenlinien. Das bedeutet Nebel. Die Luft ist so feucht, dass die Zeitung schlapp und wie erschöpft sich anfühlt; ein Bündel alter Scheine. Der Nebel verbirgt die Bäume ab der dritten Reihe und ich frage mich, ob bei Nebel wirklich alles geheimnisvoller wirkt als sonst, oder ob ich das bloß deshalb so empfinde, weil ich von klein auf Filme gesehen habe, bei denen das Geheimnisvolle und Schreckliche und Verbotene vor allem dann passierte, wenn es dort in den Filmen neblig war. In Schwarzweiß.

Die Gebäude sehen schöner aus so halb vom Nebel verschleiert. Sogar das eine, dreistöckige auf der Brachfläche gegenüber des Zoologischen Gartens, das auch bei klarem Wetter sehr hübsch ist, mit den vielen Pflanzen auf jedem Stockwerk hinter großflächigen Scheiben. Einmal habe ich dort nachgefragt, was es mit den vielen Pflanzen darin auf sich hat. Es ist kein Gewächshaus. Umringt von den Pflanzen unter Wachstumslampen werden hier die Futtertiere für den Zoo gezüchtet. Mäuse für die Raubvögel, Küken für die Schlangen.

In der Redaktion rufe ich eine Interviewpartnerin in England an. Der Gesprächstermin war schon vor Weihnachten mit ihrer Agentin vereinbart worden. Sie hebt ab, ich starte den eingebauten Festplattenrekorder, begrüße und fange umstandslos an, sie zuzutexten. Eine Pause entsteht. Sie antwortet, etwas zögerlich zwar, aber sie antwortet. Ich rede weiter. Noch eine Pause. Dann entschuldigt sie sich »I totally forgot that we are doing this interview now. My father just died.« Stimme sehr schwach.

Im ersten Licht

Neuneinhalb Stunden geschlafen, und dann gleich Friederike angerufen, um ihr die E-Mail meines Vaters vorzulesen, in der er auf meinen gestrigen Eintrag ins Tagebuch hin mir seine Rezeptur für eine Vogelfuttermischung geschickt hat. Er schreibt: »Seitdem findet jeder alles, was er gerne frisst und damit ist kaum noch Futter am Boden. Das wenige, das runterfällt, fressen die Mäuse.«

Ich wusste nicht, dass mein Vater bei uns zu Hause für die Mischung des Vogelfutters verantwortlich ist. Friederike weist mich auf die eklatante Beziehung von Haus und Häuschen hin. Weiterhin versuche ich ihr zu erklären, was in einer Meise vorgehen mag, das sie dazu bewegt, die kleinen Körner aus der Futtersäule herauszufeuern, und anscheinend gelingt es mir einigermaßen. Seitdem ich diese Dokumentation gesehen habe, in der nachgewiesen wurde, dass selbst Kühe Appetit auf bestimmte Grünpflanzen artikulieren können, bin ich davon überzeugt, dass meine Beobachtungen an der Futtersäule zutreffend sind: Es ist den Meisen zu mühselig, cumbersome, einzelne Körner Hanf, Hirse oder Negersaat hintereinander weg in ihre Schmiede unter der Sitzfläche des Balkonstuhls abtransportieren zu müssen, wenn sie ihren Energiebedarf mit einer einzigen Erdnuß oder einem einzelnen Sonnenblumenkern en bloc decken könnten, um sich daraufhin ihren weiteren Geschäften widmen zu können (worin aber deren Natur bestehen könnte, das kann ich allerdings nur raten, denn die finden woanders, nicht im von mir beobachtbaren Umkreis der Futtersäule oder der Meisenschmiede statt).

Wie uns dieses Thema, Vögel, über drei Orte und mit den Mitteln von Telefon, E-Mail und Tagebuch miteinander verbindet. Aber, wenn ich mir diese Verbundenheit auf der Karte vorstelle, nicht in Form eines Dreiecks. Es entsteht eine Linie über Land.

Weit und noch weiter droben die Vögel.

Pott vs. Tasse

So kehrte ich unter strahlend blauem Himmel nach meinem Dreikönigstagsspaziergang im Tierfuttersupermarkt ein. In meinem Viertel schließen zwar die kleinen Fachgeschäfte, wie beispielsweise das Reformhaus, der Schreibwarenladen, der nicht zu einer Kette gehörende Bäcker und, wie überall sonst auch in Berlin, die Filiale der Berliner Sparkasse, dafür gibt es jetzt auf engstem Raum, eigentlich direkt gegenüberliegend an dieser Straße, die ansonsten vor allem zunehmend leer stehende Ladenflächen zu bieten hat, zwei Filialen von Edeka (die eine ist hier angestammt seit 25 Jahren, die andere gewissermaßen zwangsläufig durch die Konzernübernahme aus einem Kaiser‘s entstanden); außerdem einen Vintage-McDonald’s in der Architektur der achtziger Jahre und zwei Tierfuttersupermärkte. Es fehlt aber noch ein Mediamarkt. Irgendwo las ich neulich erst, dass es eine Folge des Postfordismus sein soll, dass sich die Empathie des Menschen auch auf alles mögliche und nicht Mitmenschliche quasi ausweiten lässt – Geräte zum Beispiel. Und Tiere eben auch. Sogar solche, die sich nicht streicheln oder an einer Leine ausführen lassen, also Bienen zum Beispiel.

Ich brauchte noch Vogelfutter. Und hätte nicht gedacht, in welcher Auswahl und Fülle man es mir dort anzubieten hatte. Denn ich betrat den Tierfuttersupermarkt zum ersten Mal, auch dessen Logo ist eher unangenehm, ein Zerrbild des wie weichgewordenen und dabei halb geschmolzenen Comic-Hundes Pluto, den ich schon ungeschmolzen nicht mag, zudem in gelb und rot (vermutlich, um die Corporate Identity des Tierfuttersupermarktes an die eingefleischtere Corporate Identity von McDonald’s anzuschmiegen, denn der Tierfuttersupermarkt befindet sich – räumlich gesehen – im Hinterhof des Drive-Inn-Restaurants.)

Im Tierfuttersupermarkt duftete es so herrlich wie einst in den Zoohandlungen meiner Kindertage. Einmal habe ich das in camouflagefarbenen Flocken verkaufte Zierfischfutter sogar mit angefeuchteter Zeigefingerspitze gedippt und probiert. Über den Duft vorgestern, 2018, entstand ein umgekehrter Madeleine-Effekt. Am ausladenden Regal mit den Tüten voller Futtermischungen für freilebende Wildvögel entschied ich mich für eine Mischung für wild lebende Waldvögel. Auf der Packung aufgemalt waren so gut wie alle Schnabelträger, die sich regelmäßig an meiner Futtersäule zu versammeln pflegen: Kleiber, diverse Meisen und sogar das süße Rotkehlchen. Mit ausschlaggebend für meine Kaufentscheidung war zudem das Logo des Herstellers, ein Rotkehlchen mit Chefkochmütze auf und einem Kochlöffel in der zur Faust geballten Flügelspitze, das sich als Sternekoch empfahl. Außerdem enthielt die aus unbehandelten Körnern bestehende Mixtur laut Inhaltsangabe einen Anteil einer ominösen »Negersaat« von der ich noch nie zuvor gehört hatte, auf deren Schmackhaftigkeit ich aber gespannt war in meiner Eigenschaft als Voyeur.

Es war dann aber leider so, dass meine Vogelschar sich zwar wie gewohnt auf die frisch angefüllte Säule stürzte, doch wurde mein Zuschauvergnügen extrem geschmälert insofern, dass die Kleiber, vor allem aber die Meisen, die Gourmetmischung so nicht als zum Erbrechen, aber zum Wegschleudern fanden. Und dies und ausdauernd auch so lange, bis sie durch die Neuanfüllung hindurch auf den Bodensatz eines Restes der noch in Frankfurt besorgten Mischung aus der Samenhandlung von Herrn Andreas vorgedrungen waren. Die besteht aus Erdnüssen und Sonnenblumenkernen, enthält allenfalls Spuren von Negersaat.

Das dauerte zwar einen Tag lang an, das stoische Hineinpicken und Herausschleudern, aber es unterhielt mich vom Anblick her eher schlecht. Nun liegt am Balkonboden alles voll mit teurer Wildwaldvogelmischung. Wobei auf der Packung ausdrücklich versprochen wird, dass die Saaten restlos aufgepickt werden, da es sich um eine extrem schmackhafte Zusammenstellung von Körnern handele. Zudem kommt mir der deftige Temperatursturz zur Hilfe. Seit heute früh hat es -3° Celsius. Die Säule wird von mir erst wieder nachgefüllt, wenn auch das letzte Saatenkorn vom Balkonboden aufgepickt ward.

Die Last der Jahre (Ich als Gespenst)

Den Zauberkasten mochte ich nicht, aber die Bedienungsanleitung habe ich viel gelesen. Dass man da etwas einstudieren sollte, Tricks, ich habe das nicht verstanden (was daran andere fasziniert haben soll). Magisch war für mich der Begriff der Servante, also dass man als Zauberer eine geheime Schublade sich einrichten sollte, um daraus etwas hervorzaubern zu können. Tatsächlich besaß ich einen weißen Hasen, es war ein Albino, aber als ich den Zauberkasten geschenkt gekommen hatte (als das Wünschen noch half) war der leider schon tot. Gestorben auf eine unzauberische Weise, die eventuell meinen Glauben an Zauberei an und für sich, ja, eigentlich zerstört haben dürfte. Es war nämlich so gewesen, dass dieser Hase, ein sogenanntes Männchen (das wird jetzt gleich wichtig) die Tapete meines Zimmers heruntergekratzt hat, um dann an diesen bloßgelegten Stellen empor zu pinkeln. Man frage besser nicht, warum, wie es bei Thomas Bernhard heißt. Daraufhin, also nach einigen dieser Wandanpinkelungen hasenseits wurde im Elternbeirat beschlossen, den Hasen auszusondern. Er bekam ein von meinem Vater liebevollst gezimmertes (auch hier schon, ganz früh: die Widersprüchlichkeit der erwachsenen Welt!) Freiluftgefängnis auf dem elterlichen Rasen zugewiesen, das ab und an auch planvoll versetzt wurde, sodass der Hase neue und nur ihm frisch erscheinende Grasnarben abnagen konnte. Wer, wie ich, auf dem Lande aufgewachsen ist, der wird sie wohl kennen, die allumfassende Nutzbarkeitsmachungslust der dort ansässigen Leute.

Der Hase aber, er wusste sich zu widersetzen. Eines Nachts (es war ein Abend, aber Kinder werden ja allzu früh schon zu Bette geschickt) weckten mich gellende Schreie auf. Ich schaute den Vater, wie er, im Hemde, das zudem wild gestreift war, und im Verbund mit dem männlichen Anteil der nachbarschaftlichen Bevölkerung in einem Graben, der zum Verlegen neuartiger Telefonleitungen direkt vor unseren Haustüren ausgehoben ward, herumsprang. Und zwar wild. Zwischenduch schon mal fuchtelnd. Das traf mich sehr, denn es ging dabei um den Hasen. Der nämlich hatte sich durchgegraben aus seinem Gatter und war in dem unsere Behausung umgebenden Graben zugange. Dort suchte er Freiheit.

Man konnte ihn einfangen. Im darauffolgenden Winter fand ich den Käfig dann eines Morgens von ihm leer. Eine läpperige Blutspur zeigte auf das Ende unseres Grundstücks, das meine Eltern ohne Zaun hin zum fernen Waldrand gestaltet hatten. Man hat mir dann eröffnet: das war ein Fuchs.

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