»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

7.12.2019

Vom Heim in die Heimat: Der Zug rollt, jetzt beginnt die schöne Zeit.

Heute, in der Strassenbahn, noch ein Erlebnis, eine Szene. Wie im Zunftzeichen der Theaterleute: ein greinendes und, hinterdrein, ein weinendes Gesicht. Am Hauptbahnhof in Richtung Römer (Weihnachtsmarkt) stieg eine kleine Gruppe aus zwei erwachsenen Frauen mit einem circa Zwölfjährigen und einem Kleinkind im Wagen zu. Es sind Verwandte. Möglicherweise sind die Erwachsenen Schwestern, Mutter und Tochter konnte eigentlich nicht sein. Das Kleinkind im Wagen plaudert, die Mutter holt aus ihrer Bauchtasche eine Tüte mit Knabbereien, es handelt sich um einen mir unbekannten Snack: in etwa fingerlange, hellgelbe und auf mich schaumig wirkende Tuben (möglicherweise aus Kartoffelmehl?) Ich sehe das häufig, und nicht bloss in Frankfurt, dass Schulkinder mit Chipstüten herumspazieren, aus denen sie munden; dass Kleinkinder mit Knabbersnacks ruhig gestellt werden. Der Halbwüchsige streckt seine Hand aus, die Mutter teilt auch ihm ein Bündel dieser kurioserweise den Styroporwürstchen aus Versandpaketen ähnlich sehenden Snacks zu. Das Kleinkind, ungeduldige Laute produzierend, bekommt zu der Snackwurst in seiner rechten Hand noch eine weitere in die Linke. «Die braucht immer beide Hände voll», sagt die Mutter. Die andere Frau nickt. 

Jetzt hat die Strassenbahn die Münchener Strasse hinter sich gelassen, der Ausblick weitet sich über den Willy-Brandt-Platz, die Skulptur des grossen Eurozeichens und die ersten Bankentürme kommen auf uns zu. Der Junge ist fasziniert von den Hochhäusern. Er ist anscheinend nur zu Besuch in der Grossstadt mit seiner Mutter und der kleinen Schwester. Er will seinen Blick nicht abwenden von den spiegelnden Fassaden, da fällt ihm ein: «Weisst Du, wo wir nachher auch noch hinmüssen? Zu Gucci.»

Die beiden Frauen, scheel: «Ja. Klar. Gucci.»

Er, die Ironie kriegt er nicht mit: «Du brauchst eine echte Gucci Bag, Mama.»

Die Mutter, die Snacktüte zusammenfaltend, weil da vorn kommt der Weihnachtsmarkt: «Weisst du, was du von mir bekommst bei Gucci? Einen Kassenzettel, der dort auf dem Boden herumliegt. Mehr gibt es nicht.»

Der Junge lacht. Dann sagt er nichts. Die kleine Schwester saugt still und abwechselnd an ihren Snacks in beiden Fäustchen. Flausen im Kopf und Flausen im Bauch. Jetzt steigen sie aus.

6.12.2019

Die Geschwindigkeit selbst war die Hauptdarstellerin in diesem Film von Claude Lelouch. Ich nehme an, er hat damit mindestens eine Generation von Kunststudenten beeinflusst, wobei ich gar nicht weiss, wo man in den siebziger Jahren, vor der Erfindung von Videokassette ff., solche heute sogenannte Videokunst zu sehen bekam — auch damals schon im Museum? Gerade damals noch da? Ich erinnere das Video zu «Jumping Someone Else’s Train» von The Cure, das eine rasant beschleunigte Eisenbahnfahrt aus der Perspektive des Lokführers zeigt, von Prellbock zu Prellbock. Damals, als ich das zum ersten Mal zu sehen bekam, auf MTV, kannte ich «C’était un rendez-vous» nicht.

Auf der oberen Etage des MMK war übrigens der schönste Raum, an dessen Wänden hingen ringsum die Datumsbilder On Kawaras. Er war ja der, so erinnere ich das, zeitgenössische Künstler, für den ich mich als erstes interessiert hatte, weil in der Staatsgalerie ein Datumsbild von ihm hing, das weiss auf schwarz gewesen sein muss (laut Erinnerung). In Frankfurt waren die allermeisten blau, einige rot mit weissen Zeichen. Jetzt, wo On kein Zeitgenosse mehr von mir ist, war es mir erlaubt, seine Leinwände aus der Nähe zu betrachten; wie er sie gemacht hatte, dafür hatte ich mich immer schon interessiert. Aber ich konnte keine Spuren entdecken, die Farbe war mit der Engelsgeduld einer Maschine aufgetragen. Die Ränder von Buchstaben, Zahlen und Trennungspunkten so trennscharf, das ich nicht einmal sagen könnte, ob weiss auf blau, beziehungsweise rot, oder andersherum. Oder parallel?

Aufgrund eines Missverständnisses bin ich dann gestern Abend noch einmal hin, um einem Podiumsgespräch der Museumsdirektorin Susanne Pfeffer mit Anne Imhof und Eliza Douglas zu lauschen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die anderen Zuhörer zu Hunderten kommen würden. Für mich missverständlich hatte es in der Einladung geheissen, dass im Anschluss eine Performance gegeben würde. Damit war allerdings die konzertante Aufführung der Musik zu Imhofs Performance «Faust» gemeint gewesen, die im September im Doppelalbum erschienen war. Erstaunlich viele im Publikum waren in interessanter Kleidung gekommen. Und dabei war es ihnen anzusehen, dass sie sich nicht verkleidet hatten, sondern dass sie auch anderntags so gekleidet vor ihre Türen traten. Nämlich vom Stile her so, wie die Handelnden in den Performances von Anne Imhof für gewöhnlich auftreten. Diese selbst trug gestern übrigens schicke Cowboystiefel mit magmafarbenen Spitzen. Eliza George hingegen solche mit schwarzen. Eine Art Partnerlook, wobei es George auf dem Podium einfiel, dass sie für gewöhnlich als Muse von Imhof betrachtet würde, doch was das Musizieren anbeträfe, da habe sich bei ihnen das Verhältnis von Muse zu Künstler umgekehrt.

Ich ging nach dem Medusa Song. Draussen war es noch immer sehr neblig. Die Stadt war die Hauptdarstellerin und schickte himmelhoch Leuchtsignale in die beschlagene Nacht.

5.12.2019

Vor dem Bilderaufhängen zum Anschauungsunterricht ins Museum für Moderne Kunst am Rande der Altstadt. Wie es den Anschein machte, war ich um kurz vor Mittag der einzige Besucher. In einem sehr weiten, abgedunkelten Raum wurde ein Film auf einen weissen Monolithen projiziert. Aus der Perspektive des Fahrers, dabei dicht an der Fahrbahn aufgenommen, rast die Kamera über den frühmorgendlichen Champs Elysees. Die Ampeln zeigen rote Lichter, ein Lastwagen überquert die Kreuzung, aber das Vehikel der Kamera verlangsamt seine Fahrt nicht und passiert die Kreuzung bei Rot. Es ist kaum jemand anderes unterwegs, der Himmel schaut nach kurz nach Sonnenaufgang aus — es muss also Sommer gewesen sein, kurz nach vier Uhr in der Früh —, wie der Place de la Concorde mit seinem mehrspurigen Kreisverkehr am Horizont auftaucht, wurde ich nervös, als ob ich selbst am Steuer sässe. Das Einfädeln auf die Spiralbahn gelingt bei kaum gedrosseltem Tempo, das mir halsbrecherisch vorkommt (zumal die Strassen zu jener Zeit anscheinend noch flächendeckend mit Kopfsteinpflaster belegt waren) — wie ich im Nachhinein las, hatte der Filmkritiker Michael Althen einst mit Stoppuhr und Stadtplan nachweisen können, das die Geschwindigkeit auf dem Champs Elysees bei 110 Stundenkilometern gelegen hatte. Nicht wirklich halsbrecherisch im Angesicht aktueller Innenstadtrekorde von 170 Stundenkilometern an aufwärts, aber immerhinque.

Obwohl ich ein paar Abzweigungen später auf dem Weg den Montmarte hinauf begriffen hatte, wie der Raserhase läuft, brachte ich es nicht fertig, mich abzuwenden. So schön hatte ich das «alte», beziehunghsweise meinen Erinnerungsbildern noch entsprechende Paris schon lange nicht mehr gesehen; vor allem in einer einzigen Einstellung en passant, ohne störende Schauspieler im Bild. Ganz oben angekommen, vor Sacre Coeur, strebt die Kamera auf die Mauer zu, die Scheinwerfer machen gelbe Flecken auf der Wand. Eine Frau im Kleid kommt die Treppen hoch — es ist tatsächlich Sommer! — ein Mann kommt ins Bild, die beiden umarmen sich. Im Hintergrund: in Blau mit gelben Punkten, die Stadt.

«C’était un rendez-vous» heisst der Film von Claude Lelouch. 1976 auf 35mm gedreht. Angeblich sass der Regisseur selbst am Steuer (ich hatte gedacht, auf einem Motorrad, weil die Spurwechsel so schlank und geschmeidig erscheinen), die Kamera war an der Stossstange befestigt. Von einem Auto welchen Typs aber, darüber streiten sich die Kritiker, eine abschliessende Meinung gibt es wohl nicht.

Heute früh lag Rauhreif auf den Dächern. Ich dachte zuerst, es hätte geschneit.

4.12.2019

In meiner an Umzügen beileibe nicht armen Lebensgeschichte war dies der Mühelose. Ich reiste, wie so oft zuvor, mit der Bahn von Berlin nach Frankfurt. Ass zu abend, legte mich ins Bett und schlief ein. Erst am nächsten Morgen fiel mir ein: Jetzt wohnst du hier. Aus dem Fenster war der Messeturm zu sehen mit seiner Pyramidenspitze, von dem ich einst, 21 Jahre ist das jetzt her, geschrieben hatte «dass dort ein Guru wohne». Später, da ging ich durch die Stadt wie schon so oft zuvor und dachte, dass idealerweise jeder bloss so viele Dinge besitzen sollte, wie in zwei Koffer passen, die man selbst noch tragen kann. Dann würde aus der Zumutung eines Umzuges ein Verlagern. Vom Spielbein aufs Standbein. Einfach so.

Am letzten Berliner Morgen war ich zu so früher Stunde wach geworden, dass noch kein normaler Laden aufhatte. Also musste ich zur Tankstelle, um mir die Zeitung zu holen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Das Licht streute bläulich in die Dämmerung. Keine Autos, es war still. Ein Amselhahn schnetzte, eine Schimpfkanonade. Meine Strasse kam mir vor wie ein nächtlicher Garten. Mit kahlen Bäumen. Ohne Menschen. So sollte es dort für immer bleiben, in meiner Erinnerung.

2.12.2019

Die Koreaner, eine Hälfte der Bevölkerung Südkoreas sind wohl Christen, von denen im Norden weiss ich nichts, hegen eigene Weihnachtsbräuche. Das habe ich ausnahmsweise nicht aus dem Fernsehen, sondern vor Ort selbst beobachten können. Zuerst am Samstagnachmittag und dann gestern noch einmal. Am Samstag war ich eher zufällig in den historischen Weihnachtsmarkt in der Sophienstrasse geraten — der Duft von Lausitzer Bratwürsten hatte mich angelockt. Meine schmeckte dann leider enttäuschend, ich konnte jedenfalls nichts charakteristisches an dem Geschmack dieser Bratwurst in zart reissender Hülle finden, was die mit einem Mal hohl tönende Herkunftsbezeichnung legitimieren könnte. Mein Appetit auf Lausitziana war damit gestillt. Mich abwendend entdeckte ich unter dem mit Redwood-Schindeln gedeckten Dächle des gegenüber gelegenen Standes (auch hier sind sämtliche Marktstände auf beiden Seiten dieser eher Gasse zu nennenden Strasse von einem Generalverleiher bezogen, der aber liefert im Vergleich mit den entseelten Buden vom Breitbachplatz eine manufactumhafte Qualitätsware, was sich auf die Gestimmtheit der Marktbesucher hebend auswirkt) ein groteskes Gebilde, womöglich eine Skulptur? In etwa einen halben Kubikmeter umfangend, dabei stark an Spongebob ohne Augen, Nase, Mund und Extremitäten erinnernd; im Grunde war es ein mit schwammhaft porösem Material überzogener Karton, in dem sich von seinen Dimensionen her zum Beispiel zwei Paar Skistiefel befunden haben könnten. Einst, als Skistiefel noch nicht paarweise, sondern nur zu viert verkauft wurden. Es handelte sich, das verstand ich erst, als die eine Koreanerin einen Korb aus dem sprudelnd heissen Fett ihrer Friteuse hob, um das sehr stark vergrösserte Modell eines für Koreaner traditionellen Weihnachts-Snacks. Man isst dort auf den koreanischen Weihnachtsmärkten diese quaderförmig frittierten Kroketten, die entweder mit Kartoffeln und Fleisch gefüllt sind, oder mit etwas anderem (Kimchi). In Holland, der einzigen mir bekannten Nation übrigens, die keine Speisen ihr eigen nennen kann, gibt es eine Abart dieser südkoreanischen Köstlichkeit — allerdings nicht bloss an Weihnachten, auch sind die sogenannten Frikandellen dünn und rund und überhaupt nicht knusprig. Im Gegenteil, sie sehen nicht nur aus wie sehr, sehr feucht gewordene Longfiller-Zigarren, sie schmecken auch nicht gut. Zudem wurden sie nicht bei den Südkoreanern schlecht abgekupfert, sondern bei den Belgiern, die es ja berühmterweise fertig bringen, noch dem primitivsten Frittat einen Wohlgeschmack abzupressen. Von daher wäre es sehr interessant für mich gewesen, wenn Touristen oder Geschäftsleute aus Holland hier auf dem Berliner Weihnachtsmarkt die koreanischen Para-Frikandellen hätten kosten kommen wollen. Mich hätte deren Meinung zu dem gewiss umwerfenden Geschmackserlebnis wirklich interessiert. Auch weil ich das Holländische so gerne höre. Ein Buch von mir wurde in diese schaumig perlende Sprache übersetzt, aber ich habe bis heute noch keine Holländerin getroffen, die mir daraus vorgelesen hätte. Anders als auf Autobahnen und Campingplätzen machen sich Holländer im Bild unserer Hauptstadt leider rar. Umso mehr gelten sie mir!

Am Sonntagnachmittag dann fand ausgerechnet in der skandalumwitterten Schlüterstrasse ein komplett koreanischer Weihnachtsmarkt statt. Das Koreanische ist derzeit mega im Kommen, im Skyline Plaza (Frankfurt) gibt es seit neuestem ein Fachgeschäft für koreanische Kosmetikprodukte, weil, das wurde mir aus Kosmetikkreisen verlautbart: Koreaner einen Jugendfimmel kultivieren, die finden das schick, sich vor dem Altern ihrer Antlitze zu fürchten und erfinden dagegen lauter Spezialprodukte einer alterungsverzögernden Kosmetik, die es anderswo als in Korea selbst nirgends gibt. Beispielsweise Gesichtsmasken mit dem Extrakt von Schneckenschleim. Den Trend — Wolfgang Joop hat das vor einem Jahrfünft oder noch früher schon prophezeit, dass nach dem chinoisen und dem japonaisen bald das Zeitalter des koreanischen aufzöge — hat jetzt in Berlin aber nicht etwa ein Modemensch aufgegriffen, sondern der legendäre Grossgastronom Duc, der in den vergangenen Jahren heimlich, still und luise ein wirkliches Imperium aus zwölf oder noch mehr Restaurants begründet hat mit der skurilen Besonderheit, das all diese Restaurants entlang der Kantstrasse sich befinden. Meine Theorie bislang war, dass es sich bei diesem Asiaten wohl um einen Laoten handelte oder um einen Vietnamesen, denn diese beiden Völker sind von dem durch ihre Lebenswelt mäandernden Fluss Mekong geprägt. Und die Kantstrasse, so sehe ich das: Erinnert an den Mekong. Allerdings als ein Modell des selben aus Asphalt. Da nun der koreanische Weihnachtsmarkt von ihm, Duc, organisiert und vor einem seiner Restaurants (das die geniale Geschäftsidee hat, eine im Asia-Supermarkt frei erhältliche Tütensuppe mit frisch zerhackten Zutaten verfeinert und in hübsche Schalen gefüllt für das Dreissigfache zu verkaufen) veranstaltet wurde, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob Duc noch aus den Subtropen stammt, oder nicht vielleicht doch aus Korea. Falls nicht, falls er also tatsächlich die Koreaner dort eingeladen hat, um den Trend zum Koreanischen zu melken, wächst meine Hochachtung für seinen Geschäftssinn ins Brüderliche. Man sagt ja, unter Linguisten, das Südkoreanische ist mit dem Schwäbischen verwandt. 

Tja, also es gab natürlich Kimchi. Jan, der schon in Korea war, allerdings in Nordkorea, hat mir erzählt, dass die Nordkoreaner immer eine Sillage von Kimchi hinter sich herwehend haben. Einige Koreanerinnen hatten Seife hergestellt, die wie Stein ausschaute. Möglicherweise hatten sie die auch nicht selbst hergestellt, sondern wie Duc seine Tütensuppen irgendwo anders gekauft. An anderen Ständen aber wurde live gewerkelt. Beispielsweise bestickte da ein zierlich wirkender Mann mit Beatles-Frisur sehr kleine Leinentäschchen mit den winzigsten Motiven, die man sich vorstellen kann. Der Torso einer Frau war da zu entdecken, mit blauer Knopflochseide dargestellt, aus deren Halsstumpf eine leuchtend rosa Wolke stieg. Poetisch. Neben ihm hockte eine junge Koreanerin und stach einem Freiwilligen eine Tättowierung mit einer langen Nadel in den Oberarm. Ohne Maschine, in Korea wird an Weihnachten anscheinend traditionell von Hand tättowiert. Am Tresen, wo an Wochentagen die Suppe zubereitet wird, hingen auf Kleiderbügel die Kapuzenpullover, die Duc seit neuestem vertreibt. Sie sind schwarz, aber in knallend weisser Schrift stehen auf den beiden Ärmeln die Logos aller seiner Lokale entlang der Kantstrasse. Die Ärmel sind jetzt schon, Weihnachten 2020, von den Schulternähten bis zu den Bündchen komplett dicht gedruckt. Die Kantstrasse ist länger.

1.12.2019

Mein Gefühl der Freude, dem anderen eine Freude bereitet zu haben, unterscheidet sich von meinem Gefühl der Freude, die mir der andere bereitet hat.

Noch 23 Tage.

30.11.2019

Mittlerweile war es Black Friday geworden, der in diesem Jahr auf einen Friday For Future gefallen war, aber als ich mich mit dem Fotografen in der Schlemmerabteilung des KaDeWe auf die abwärts führende Rolltreppe begab, war die Erzählzeit noch die eines Vortages. Eine wirkliche Neuheit, die der grosse Umbau gebracht hatte, war das Verschwinden der Kassen. Wir fanden dort jedenfalls keine mehr. Auch hatten wir, von den Gästen in den Bistrots abgesehen, auch keinen einzigen Zahlungsvorgang beobachten können. Die Kassen oder Zahlstellen waren entweder tatsächlich verschwunden wie in wegrationalisiert — wozu dann aber die Preisschilder? — oder aber sie waren mitsamt des zuständigen Personals, den Kassiererinnen und Kassierern, in die neue Innenarchitektur integriert worden und somit an der Oberfläche unsichtbar. Fragen hätte man freilich können, bloss wen? Hier und da standen schwarz Uniformierte herum, schwarz wie das Inventar: etwa die? Von daher hatte der Fotograf einer von ihm sogenannten Einfachheit halber die einem der schwarzen Regale entnommene Phiole mit aus Mexiko nach den Vereinigten Staaten exportierten, dort abgefüllten und daraufhin nach Europa verschifften Maiskörnern, aus denen er sich beim netflixen Popcorn zu machen gedachte, mit in eine unter der Schlemmerabteilung gelegenen Etage mitgenommen. Hier wurde Damenoberbekleidung ausgestellt, und die Zahlungsstelle ragte ob ihrer Glanzlosigkeit und der Unflauschigkeit ihrer gänzlich auf Pelz und Mohair verzichtenden Bauweise wie ein Fremdkörper aus dem wie um die Wette schmeichelnden Bunt. Die Frau, die sich aus einem bungalowförmigen Shop-in-Shop der Marke Jil Sander zu uns herüber an diesen schmucklosen Tresen bequemt hatte, begutachtete die Phiole voll Mais und beschied uns abschlägig: Solcherlei könnte auschliesslich auf der von ihr als «Lebensmittelabteilung» bezeichneten Etage erworben werden. Auf die Frage wiederum, wo denn dort genau, musste sie passen: Sie war noch nie dort. 

Sagenhaft. Wovon sie sich wohl ernähren mochte; was dieses Geschöpf unter Schlemmereien verstand?

Der Fotograf weigerte sich indes, lediglich der Zahlung seiner Maiskörner wegen noch einmal hinauf zu fahren — was wiederum mich an meinen Vater erinnerte mit seiner hartnäckigen Weigerung, auf Spaziergängen auf demselben Weg heimzugehen, auf dem man zu einem Ausflugsziel gekommen war. Weshalb wir uns dann mit schöner Regelmässigkeit in den uns wildfremden Wäldern in der Schweiz, in Frankreich und anderswo verirrten. Derzeit und gerade befanden der Fotograf und ich uns zum Beispiel wie schlagartig vor einem Balenciaga-Stand. 

«Alles gut bei Euch?» rief die extrem junge Frau, wohl noch Schülerin, während der Fotograf den Versuch unternahm, einen winzigen Hund aufzunehmen (mit seiner Kamera), der an einer Leine und noch weiter unten von einem mit Strasssteinen besetzten Halsbald gehalten wurde und auf der lavendelfarbenden Auslegeware auf dem Vorplatz des Balenciaga-Standes eine Art Headspin aufführte (ich tippte innerlich auf Verwurmung). Aber die in Wien gebraucht gekaufte Kamera streikte, versagte den Dienst, fuhr ihr Objektiv ein, anstatt das heitere Hundsbild zu bannen. Der Strass auf dem Halsband war zum Schriftzug Moschino angeordnet. Der Fotograf knurrte. Das war Insta-Gold.

Um den Eindruck, wir wären nicht ganz dicht, weitgehendst zu zerstreuen, fing ich eine Fachsimpelei an mit der Einkaufshilfe. Freudig sprudelte diese los, dass just heute die Frühlingskollektion eingetroffen war, die sie nun ganz allein auszupacken und auf Bügel zu hängen beauftragt.

«Belastend», mutmasste ich. Mutmasste vor allem, dass man derzeit noch «belastend» sagt bei solcher Gelegenheit.

Sie aber sagte — «Alles gut.» Und zeigte mir einen der potentiellen Verkaufsschlager aus dem Mastermind von Demna Gvasalia: Ein Pullover, mit extrem langen Ärmeln, der immer enger wird, je häufiger man ihn trägt. Während ich noch wie ungläubig das synthetisch wirkende Gewebe betastete, machte sie rasch ein Foto von sich. Ich wünschte ihr noch «Happy Unboxing». Der Fotograf war inzwischen wieder so weit.

Der Weg ins Freie führt wie bei sehr vielen Kaufhäusern auch im KaDeWe durch die Kosmetikabteilung mit ihren dem Natürlichen an sich in seiner Mannigfaltigkeit nachempfundenen Düften. Inmitten meiner Erläuterung eben dieser meiner Theorien bekam ich im Vorübergehen mit, wie eine der Kaufberaterinnen dort zu ihrer Kollegin sagte: «Ist das nicht der Fabian Hinrichs — der mit der Kamera?» Woraufhin diese wiederum sagte: «Der andere ist jedenfalls dieser Dieter Dittrichson.»

«Diedrichsen heisst der aber, glaube ich. Dietrich Diedrichsen.»

Die andere, schon googelnd: «Wie schreibt man das?»

«Na, so, wie man es spricht!»

Der Wachmann liess den Fotografen anstandslos passieren. Der Mais war offenbar nicht mit einer Diebstahlssicherung versehen worden. Da fragte ich mich, ob es den Tatbestand des Mundraubes überhaupt noch gab. Da der Fotograf in Richtung Flughafen weitermusste, um am Abend rechtzeitig in Nizza einzutreffen, steuerte ich alleine das Café Einstein an, wo es um diese Zeit vor dem ersten Advent die herrlichen Gänsebratwürste gibt. Nicht gerade billig, aber schliesslich war dies meine Abschiedswoche von der Stadt Berlin. Mein Weg führte mich bezeichnenderweise über den urnischen Weihnachtsmarkt auf dem Nollendorfplatz, der sich hier, wo Sterne traditionell mit Stars assoziiert werden, freilich Christmas Avenue nennt. Der Boden war mit elastisch nachfederndem Rindenmull bestreut, die teilweise mannshohen Dekorationsobjekte waren in altrosafarbende Glanzfolie gehüllt worden. Das Niveau der sogenannten Speisen und Getränke war vergleichsweise gehoben. Es gab beispielsweise eine Hirschbratwurst mit beschwipsten Preiselbeeren», die mich potentiell interessiert hätte, aber ich wollte doch weiter zur Gänsewurst. Auf den Lebkuchenherzen, die mir vergleichsweise winzig erscheinen wollten, stand in Zuckerschrift «Sexi». Keinerlei Sicherheitsvorkehrungen im Umkreis des Marktgeschehens übrigens. 

Im Einstein kam ich genau zur rechten Zeit durch die Tür: Es war zehn vor drei am Nachmittag. Die Tageskarte gilt dort nämlich bloss bis um drei. «Alles gut», sagte die Kellnerin, die vermutlich aus Korea stammte. Ich gab meine Bestellung auf und sie rannte. Ich schaute mich um: Und wer sass dort am grossen Fenster zum Garten und redete agitiert auf sein Gegenüber ein? Fabian Hinrichs. Er war es wirklich.

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