»2019 – Du kommst auch drin vor«

»2019 – Du kommst
auch drin vor«
Tagebuch

16.10.2019

Für mein Empfinden von der Zeit am Tag ist es schon ziemlich spät, zu spät für mich jedenfalls: Ich sitze in einem ICE nach Frankfurt am Main, draussen, hinter den Fenstern ist es Nacht. Die Abfahrtszeit habe ich mir nicht selbst ausgesucht, das Ticket stammt noch aus einer von mir sogenannten Phase in diesem Sommer, als ich noch nicht einmal mehr genug Geld zur Verfügung hatte, um mir sechs Eier zu kaufen, einen Liter Milch, geschweige denn eine Fahrkarte für die Deutsche Bahn.

Der Zug ist voll mit Passagieren und wie natürlich ist der Speisewagen seit Abfahrt am Berliner Hauptbahnhof ausser Betrieb. Ich habe in meinem Leben noch nie eine Platzkarte gelöst, mich immer auf einen Sitz im Speisewagen verlassen. Auch seitdem es, seit ein paar Jahren nun zunehmenderweise: dort keinen Service mehr gibt. Aus den sogenannten Bordbistros ist somit im Laufe der Zeit ein wie reguläres Abteil geworden, faktisch ist es eine rollende Ruine, in dem sich all diejenigen einfinden, die sich für den regulären Reservierungsvorgang bei der Deutschen Bahn zu spontan, also faul, oder zu blöd oder halt auch zu klug, alles gleich gut, befinden. 

Wenn man regelmässig mit der Bahn fährt, bedeutet es Coolness, sich nicht über die Mängel bei der Durchführung der Reise aufzuregen. Die Deutsche Bahn ist zwar privatisiert, gehört aber noch immer ganz dem Staat. Gesellschaftlich ist es in Deutschland sogar so geworden, dass man als Beschwerdeführer über die Zustände innerhalb der Fahrzeuge der Deutschen Bahn sich als extremer Alman outet — als Spiessbürger also, wie das einst hiess. Von daher nehme ich das Milieu dort im Gemischtwarenabteil mit Humor. Heute war eine Familie mit fünf Kindern zu Gast. Die waren eindeutig arm, sonst hätten sie ja nicht so viele Kinder, die lebten vom Kindergeld, der Mann schaute nach Arbeitslosigkeit aus, wahrscheinlich durften die sogar en famille umsonst bahnfahren, und wenn Ulf Poschardt mit an Bord gewesen wäre, dann hätte er sich wie in alten Vanity-Fair-Zeiten beflügelt gefühlt, eine Hymne auf die Deutsche Familie zu schreiben. Aber, und das ist wohl Teil des unsrigen, des deutschen Problems: Anders als die Königin von Norwegen reist Ulf Poschardt nicht mit der Eisenbahn. Die Minister im Bundestag auch nicht — vor Jahren sass ich neben Christian Wulff, dann später einmal noch neben Frau Professor Schwan —, oder auf jeden Fall nicht so, dass sie mit «den Leuten» dort in Kontakt kommen könnten. Meint: Mit den Deutschen an sich.

Wer war schon mal in Braunschweig? Wer schaut die neue Serie auf ZDF Neo, wo sich deutsche Frauen bei deutschen Männern zum Essen einladen lassen und die von der Machart her wie auch von ihrem Casting sämtliche von Vox et cetera unterbotenen Standards unterbieten will? «Morgen 16 Grad in Hildesheim. 7 Grad kälter als heute»

In der Warteschlange liess ich alle fünf Kinder aus dieser Familie vor — eins nach dem anderen. Sie erhielten dort gegen Vorlage ihres Gutscheins jeweils ein verkleinertes Modell eines ICE-Zuges, in dem sie sich schon befanden. Als ich dann nach den Kindern — eilig hatte ich es nicht, man fährt ja immerhin und ist damit beschäftigt — an der sogenannten Reihe war, konnte die Tresenchefin wie es mir schien: endlich ihren Damm brechen lassen. Barsch und sächselnd fuhr sie mich an. Ich habe die für sämtliche Beteiligte ungute Situation an Bord bei vielen Fahrten studieren können. Mir tun die Leute, die dort arbeiten natürlich leid, wenn sie, mangels Ware gleich selbst sinnlos geworden, durch das Bundesgebiet gefahren werden, aber ich finde trotzdem, dass sie sich das nicht anmerken lassen dürften. Sie aber rief mir entgegen «Wenn ich unhöflich werde, klingt das ganz anders».

Je nun. Da ich an anderer Stelle schon bösartigerweise geschrieben hatte, die Bahn zöge (sic) Ostdeutsche an, weil dort aus der Zone vertraute Zustände herrschten, so will ich mich heute korrigieren: Die Zustände bei der Bahn befördern (sic) bei den vornehmlich ostdeutschen Angestellten einen Rückfall in die aus der Diktatur vertraut gemachten Techniken zur Kompensation: Anschnauzen, Abmeiern, Wegwinken. Ein ICE sorgt somit, dafür braucht es kein Ticket, bei Bahnfestangestellten (sic) für eine stundenlange Zeitreise zurück in das verloren geglaubte System. Interessanterweise zeigte sich die Mutter der kinderreichen Familie unter solcher Aegide damit beschäftigt, ihren Nachwuchs zum Stillschweigen zu mahnen. Stumm spielten deswegen ihre Kleinen mit den Nachahmungen des ICE auf dem elipsenförmigen Tisch des Bordbistros. Arme Eltern wissen um ihren niedrigen Status in der Gesellschaft; auch um ihre ständige Bedürftigkeit und wollen nicht, dass der Nachwuchs den Gönnern wie Metastasen ihres Lebensstiles lästig fällt.

Doch neben mir sass, so nahm ich an: ein Intendant. Vielleicht war er auch Dramaturg. Er schrieb von Hand, aber was er schrieb, erschien mir nicht als selbst ausgedacht, sondern wie kommentierend. Allein durch mein Anschauen seines Schreibens und mein Nachdenken über die Bestimmung seiner Zeilen konnte ich zu meiner Ruhe zurück finden (während die Bordbistroregentin eine Kundin schuriegelte, die es gewagt hatte, einen grünen Schein hervorzubringen (oder wie es im Englischen heisst: zu produzieren). Der Mann neben mir zog davon unbe- und gerührt sein blaues Band aus Schleifen über die Seiten.

«Why do you write?» lautete die Frage an Nick Cave heute. Ich habe schon oft genug betont, wie gut, wie segensreich ich seine Antworten auf die an ihn gestellten Fragen finde. Aber. Diese hier betraf mich nun. Hätte sie doch, eigentlich und im Grunde, von mir selbst stammen können. Denn warum schreibe ich, wenn ich mir das Schreiben doch eigentlich und im Grunde nicht einmal mehr leisten kann?

Es wird jetzt 26 Jahre her sein, da kam Nick Cave im dunklen Anzug aber barfuss auf die Bühne der Grossen Freiheit in Hamburg. Für mich war das damals ein religionsstiftendes Ereignis. Und hier steht nun seine Antwort auf meine Frage, warum ich schreibe: 

«I feel my songs are conversations with the divine that might, in the end, be simply the babblings of a madman talking to himself. It is this thrilling uncertainty, this absurdity, from which all of my songs flow, and more than that, it is the way I live my life. So, for me, living in a state of enquiry, neutrality and uncertainty, beyond dogma and grand conviction, is good for the business of songwriting, and for my life in general.

Some of us, for example, are of the generation that believed that free speech was a clear-cut and uncontested virtue, yet within a generation this concept is seen by many as a dog-whistle to the Far Right, and is rapidly being consigned to the Left’s ever-expanding ideological junk pile. Antifa and the Far Right, for example, with their routine street fights, role-playing and dress-ups are participants in a weirdly erotic, violent and mutually self-sustaining marriage, propped up entirely by the blind, inflexible convictions of each other’s belief systems. It is good for nothing».

​Morgen 15 Grad in Einbeck. 8 Grad kälter als heute. Die Zugchefin macht eine Durchsage: «Mein Name ist Aphrodite Vrazioti». Und damit geht es los.

15.10.2019

Lust auf Schnee.

14.10.2019

Der Himmel wie leergefegt — nicht einfach blau. Denke mal, dass die Sprache doch einiges für sich hat; beispielsweise, dass ich mich vom Blau hinausgezogen fühle. Körperlich findet das ja nicht statt.

Im Hof sind alle schon beinahe ganz golden; an der Brandmauer spreizt eine Hand das Weinlaub rot. Dieses Licht ist genau so, wie wir uns im Frühling die Welt vorstellen wollen. Aber jetzt erst, in ihrem Vergehen, wird alles vergoldet, die Schatten scheinen endlos quer, sie kommt uns damit nah.

Und am Hafen lag eine Frau auf den Steinen. Ich schaute auf die Laubbäume gegenüber, ihr birnensaftiges Gelb. Ein Greis mit schwarzer Sonnenbrille joggte vorüber. Und bloss ein Junge auf einem der E-Scooter störte meinen Eindruck, meine Vision eines ewig schönen, ewig vorhandenen, mir zuhandenen Berlin.

13.10.2019

«Heute wird kein Niederschlag erwartet»: Es gab dann auch keinen. Ab zehn Uhr wurde es warm und eitel Sonnenschein. Damit lag aber auch eine Forderung in der Luft hinsichtlich des fortgeschrittenen Jahreslaufs, dieser Tag liess sich nicht einfach ignorieren, zumal es auch ein Sonntag war.

Ganz eigentümliches, mir unbekanntes Geräusch: rhythmisch, dabei sanft und wie knutschend — dann erst sah ich es: die Sohlen von tausenden im Gleichschritt joggender Schuhe auf dem frühlingshaft erwärmten Asphalt, unter dem Strom laufender Leiber — City Marathon.

Erst dachte ich: warte ich halt; dann erst wurde mir das Ausmass der Schar bewusst gemacht: noch weit hinter dem Schloss, von eigentlich schon Spandau her kommend, drängten sich die Laufenden über die gesamte Breite der Otto-Suhr-Allee heran. Hier war kein Durchkommen, kein Überqueren möglich (wobei es weit und breit entlang der Piste nirgends Polizeibeamte zu geben schien. Ich hätte also leichterdings und einfach so in die Laufbahn hineinstechen können) — unterliess dies aber und suchte einen Umweg, unterirdisch auch noch, was gar nicht so leicht war, da die Unterführung der U-Bahn-Station seit dem Frühling (2019) blockiert ist wegen Bauarbeiten, die übrigens seitdem meiner Ansicht nach noch nicht einmal angefangen wurden.

Wie in jedem Entwicklungsland entwickeln die Ureinwohner aber auch in Berlin raffinierte Strategien, um ihr Alltagsleben sämtlicher Widrigkeiten — wie das Wasser, wie trotzend dem Stein — voranführen zu können.

Kaum war ich in dem Café meiner Wahl angelangt und hatte dort den letzten noch verfügbaren Sitzplatz auf der Terrasse eingenommen, plärrte mir die direkt hinter mir sitzende Frau in die Lektüre. Es ging, via Telefon, erneut um den Lauf. Zwar hätte ich gerne, doch konnte ich nicht. Also war ihr sogenannter Mann dort unter den Laufenden. Es dauerte dann noch das Feuilleton lang, also nicht so lang, bis er zu uns stiess, stossen konnte. Unter einem Marathonläufer hatte ich mir etwas vollkommen anderes vorgestellt.

Daheim schaute ich auf die toten Fenster im Haus gegenüber. Man sieht das ja kurioserweise sofort, wenn eine Wohnung leer geräumt ist. Wir haben uns nie kennengelernt, die Bewohner dort, ein Mann und eine Frau, die regelmässig auf den Balkon kamen, um eine durchzuziehen. Jetzt steht der alleine da, der Balkon. Auf dem kleinen Tisch steht ein weisser Aschenbecher. Leuchtet seltsam hell, wie ein Skelett. «Der Diagnostische Blick 4/ 4» von Luc Tuymans, den David Wagner zeigt auf dem Umschlag seines Vergesslichen Riesens. 

Kurz danach fing es zu regnen an. Aber es war noch immer schön warm. Ich rückte mir einen Stuhl an den Herd.

«It’s a longway to find peace of mind»

12.10.2019

Ein taiwanesisches Restaurant, ganz klein, das seit vorgestern hier um die Ecke eröffnet hat und in das ich dann gestern abend noch unbedingt gehen musste, weil ich noch nie taiwanesisch essen war — zumindest bewusst nicht; auch selbst noch nie in Taiwan gewesen: in den Räumlichkeiten, eigentlich ist es nur ein einziger, dafür sehr langer Raum, hatte sich bis kurz vor Vorgestern das chinesische Restaurant befunden, das auf Nudeln spezialisierte. Die Einrichtung wurde von den Taiwanesen übernommen wie gehabt, sodass ich auch beim genaueren Hinschauen nichts spezifisch Taiwanesisches entdecken konnte. Auf der Karte, so kam überhaupt mein Wunsch zustande, werden seitenweise gedämpfte Teigtaschen angeboten. Ich bin für dieses Thema zusätzlich sensibilisiert worden durch die Berichte von Stephan Löwenstein, dem Wienkorrespondenten offenbar, der in der Zeitung vor ein paar Wochen über eine sogenannte Teigtascherl-Affäre berichtet hatte. Dabei ging es wohl um illegal in zum Wohnen vermieteten Mietswohnungen betriebene Küchen, in denen, womöglich ebenfalls illegale, Chinesen zu dutzenden an langen Tischen hockten, um im Akkord die in Österreich sogenannten Teigtascherl herzustellen, mit denen dann die umliegenden Chinesischen Restaurants der Hauptstadt beliefert wurden. Von Hintermännern selbstverständlich. Das Thema wurde dann von der Wahl in Österreich erdrückt oder verdrängt, aber bei unserem Aufenthalt in Heimerdingen deutete mein Vater an, der Betreiber des Chinesischen Restaurants, in das sie gerne gehen, hätte ihm gegenüber angedeutet, dass er wiederum seine aus Karotten, weissen Rettichen und Rote Beete geschnitzten Dekorationstiere, ein chinesisches Pendant zu unserer Ratsherrengarnitur, von einem Privatmann, schwäbischer Chinese wie er selbst auch, bezöge. Eine Geschichte, die leider zu schön war, um sich bewahrheiten zu dürfen. Als wir dann dort endlich sassen und assen, fragte ich den alten Chinesen am Schluss des Abends nach einem Kontakt zum Gemüseschnitzer. Aber er lächelte bloss, wie es dann gerne heisst: unergründlich. Und behauptete, all die Kraniche, Schwäne und Störche würden bei ihm hinten in der Küche hergestellt.

Ein Aquarium haben sie übrigens nicht in dem taiwanesischen Restaurant, das nach der Stadt Tao Yuan benannt ist. Kommt entweder daher, dass die Taiwanesen nicht gar so sehr auf Dekoration durch Aquarienfische erpicht sind, oder es ist profanerweise deshalb so, weil auch schon die Vormieter, eben jene Chinesen mit den Nudeln, kein Aquarium aufgestellt hatten. Ich dachte bloss, weil mich Sam Sifton auf einen wunderlichen Film hingewiesen hatte, in dem ein Forscher seinen Oktopus im Aquarium nachts beim Schlafen gefilmt hat. Und dieser Oktopus, der Heidi heisst, träumt. Das kann man daran klar erkennen, dass er, während er mit manierlich eingerollten Tentakeln in einem Winkel des Aquariums haftet, sich andauernd umfärbt. Erst wird er sandbraun, dann bekommt er Flecken und ähnelt einem von der Sonne beschienenen Meeresgrund. Dann wieder wird er ganz hell, dann huschen streifenhafte Formen über seinen Leib. Vergleichbar mit Hunden und Katzen, die im Schlaf plötzlich knurren, oder mit den Pfoten zucken, weil sie von einer Verfolgungsjagd träumen. Beim Oktopus wird das psychische Traumgeschehen von der Haut ablesbar. Diese Tiere sollen ja auch sehr intelligent sein. Noch intelligenter als Hummer. Wobei jetzt natürlich auch ein Disput entbrannt ist zwischen Meeresbiologen (oder -zoologen), weil nicht alle diese These schlucken wollen, dass Heidi träumt wie wir. Andere glauben auch, dass es sich bei den Umfärbungen ebenso gut um epileptische Entladungen der Camouflage-Funktion handeln könnte. Wobei: Was bitteschön ist denn unser Träumen gross anderes?

Die Teigtascherl der Taiwanesen mundeten mir übrigens ausgezeichnet. Ganz dünn und zart der Teig, würzig gefüllt und vor allem in einer roten Chilibrühe serviert, die mit viel Zitrone appetitanregend angespitzt war. Zwei asiatisch anmutenden Frauen am Nebentisch wurde indes eine Spezialität des Hauses serviert. Dabei handelt es sich um ein kleines, rundes Fladenbrot, das in zwei Halbmonde geteilt wurde und nach Art eines Döners mit Hackfleisch gefüllt. Die Frauen nahmen sich je einen Halbmond aus dem eigens dafür erdachten Ständer und kosteten. Zaghaft. Beinahe spitzfindig. Ihr Unbehagen ward für mich spürbar, weil sie ihre Stäbchen nicht zum Einsatz bringen konnten. Die mit dem Gesicht zu mir her sass, betrachtete andauernd mit Grausen ihre Fingerspitzen, an denen wahrscheinlich ölige Spuren hafteten. Man kennt diese Aversion durch Fremdstoffe auf der Haut von kleinen Kindern unter drei Jahren, wenn die äusseren Grenzen noch nicht verinnerlicht sind und ein Tintenfleck noch wie eine körperliche Veränderung erscheinen muss. Kann Stundenlanges Händewaschen zur Folge haben. Und wahrscheinlich gibt es das bei Kindern in China und Taiwan in ungefähr ähnlicher Form auch so, wenn jemand ihnen die Essstäbchen anmalt.

Seife gibt es ja überall.

11.10.2019

Wenn ich mich morgens schon auf das Einschlafen am Abend freue und am Abend vor dem Einschlafen auf das Aufwachen am Morgen: Ist das Harmonie?

Den Nachmittag verbrachte ich jedenfalls mir nichts, dir nichts in Melanies Haus auf dem Lande, das mir da aber leider noch nicht ländlich genug gelegen war, sondern halt in genau jener Zone, die direkt nach dem mit einer roten Linie durchgestrichenen Ortschild von Berlin offiziell beginnt (das Schild steht da tatsächlich, wie hundertausendemal sonst noch überall auf dem Bundesgebiet und trotzdem wirkt es unerklärlicherweise extra seltsam, wenn da auf dem vertraut gelben Grund des Blechs dieses Wort durchgestrichen steht «Berlin»).

Der Hund lag unweit von meinem Sitzplatz entfernt auf seinem Kissen und schnaufte und schnüffelte in eine ihm liebe Decke hinein. Diese Atemgeräusche des Hundes steigerten sich periodisch zu einem sahnigen Röcheln. Der Hund heisst Floyd. Ich kenne ihn schon lange. Einige Jahre sind es geworden. Vor allem kenne ich ihn auch noch aus der Zeit vor seiner Operation. Floyd ist eine kleingezüchtete Bulldogge. Vor der Operation, die durch seine samt Wunschgrösse angezüchtete Erbkrankheit unumgänglich geworden war, machte sich der Kleine bei nahezu jedermann beliebt durch seine Fledermausohren, die ihm etwas Alertes verliehen. Die stellt er mittlerweile, im zweiten Jahr nach seinem Aufenthalt in der chirurgischen Abteilung des Tierklinikums, so gut wie nie mehr so schön auf wie früher. Die allermeiste Zeit hängen Floyds Ohren jetzt herunter wie schlapper Salat. Ob das auf seine Gemütsverfassung zurückschliessen lässt, weiss kein Mensch. Man hat ihn damals wohl vom Brustbein bis tief zwischen die recht kurzen Hinterbeine hinunter aufgeschnitten, die Eingeweide beiseite geräumt und ihm die Wirbelsäule über deren gesamte Länge mit einem Gerät glattgefräst. Dann wurden die entkalkten Wirbel mithilfe eines langen Drahtes aus chirurgischem Stahl auf optimiertem Abstand zueinander fixiert. Der zugenähte Floyd brauchte dann noch einige Wochen, bis er sich wieder auf allen Vieren fortbewegen konnte — einem Menschen wäre es ähnlich gegangen. So gummiballhaft, wie ich es aus den wenigen Jahren vor der Operation zu erinnern glaube, kann Floyd sich heute noch immer nicht umherbewegen. Insbesonders wenn er sich beeilt, um beispielsweise einen Neuankömmling in seinem Revier zu begrüssen, entgleitet ihm sein Hinterleib, als ob ihm ein Schelm die Pfoten dort mit Seife eingeschäumt. Folglich führt Floyd inzwischen mehr oder minder freiwillig das Leben einer Fledermaus in Rente. Er liegt auf seinem Kissen, schnauft und röhrt in seine Decke hinein. Melanie meint, die Narkose hat ihm wohl nicht gut getan. Wir tranken Fencheltee und machten einen Plan für Themen eines Leporellos, der in der Vorweihnachtszeit an die Kunden des Cremestübchens verschickt werden soll.

Auf der Heimfahrt freute ich mich richtig auf die Stadt — gerade so, als sei ich ewig weggewesen (oder käme jetzt gleich zum ersten Mal dort an). Ganz auf dem Land, vor allem bei mir daheim, finde ich es herrlich und will immer gleich für immer dort bleiben. Aber im sogenannten Speckgürtel — Speck also wie jenes Ding zwischen Fisch und Fleisch? — halte ich es nie lange aus.

10.10.2019

Tage far from the madding crowd, begleitet vom schönen Fingerzeig, der uns zum ersten Mal vorvorgestern, das heisst am Montag, als seine Günstlinge an die Hand genommen hatte, um uns in die Stadtgärtnerei zu führen, wo — lang war es her — nun endlich wieder der Kater Fimo auf seiner flauschigen Decke neben der Kasse lag und schlief. Der Gärtner erzählte, mit kargen Worten, wie es halt seine Art war zu erzählen, dass der lange, heisse Sommer den Kater stark gefordert hatte. Durch Streunen und Dehydration hatte  Fimo einiges an Gewicht verloren, was er nun durch sein Schlafen im geheizten Treibhaus wieder aufzuholen gedachte. Er war tatsächlich kaum wach zu bekommen. Hielt selbst die Augen zugepresst, während er ein ihm dargebotenes Wienerle frass.

Und gestern erst strebten wir am Nachmittag noch einmal in den Park, um Pilze zu finden. Allerdings war an den üblichen Stellen (bei der Bank zum Beispiel, in deren goldfarbenes Schild eingraviert steht «Karin, ich liebe Dich. Willst Du mich heiraten?») nichts weiter nachgewachsen, seitdem wir nach dem Besuch bei Fimo geerntet hatten. Ich spürte, dass Friederike bedrückt war und wünschte ihr ein Erfolgserlebnis. Das aber liess noch lange auf sich warten. Ein rostfarbenes Eichhörnchen kam in Bögen wallend wie eine Raupe auf sie zugehoppelt, ganz nah. Genau so eines war uns am Montagmittag schon einmal begegnet, als wir im Gastgarten vor der Kastanie gesessen hatten und mit einem Mal sass es dort neben uns, auf einem Tisch und fing an, einen Blumentopf umzugraben. Jetzt also ein Wiedergänger dieses schelmischen Hörnchens. Gerade so, als hätte es Friederike eine Nachricht zu überbringen. Eine Botschaft der Pilze. Und tatsächlich rief sie mir dann kaum eine Viertelstunde später zu, ich sollte ihr helfen kommen «Ich kann sie nicht alleine tragen».

Nun war sie also an einer Stelle, an der ich noch nie gesucht hatte, fündig geworden. Vergleichbar mit dem versteckten Brief bei Poe, den niemand findet, weil er bei den Briefen liegt, gab es also im Park die meisten Pilze auf jenem Rasenstreifen direkt am Schloss entlang, wo sie durch die raumhohen Fenster der Orangerie bestens zu sehen auf einem Präsentierteller gedeihen. Gerade so, als wollten sie damit, also mit ihrer Heimatortswahl: provozieren. So ernteten wir dann zwei gute Pfund, aus denen wir daheim dann eine Suppe kochten, die uns beiden herrlich mundete. Bloss einig sind wir uns aber nicht immer, beispielsweise fanden wir zwischen Fimo und Pilzen auch etwas Trennendes heraus. Das war am Dienstag abends gewesen, da war es schon dunkel und es hatte gerade aufgehört, zu regnen. Wir waren auf dem Weg zur Verleihung des Michael-Althen-Preises an Verena Lueken und die Luft roch feucht und frisch, nach spätem Herbst auch, und ich sagte, dass es schön wäre, wenn wir jetzt auch Laternen hätten. Stellt sich heraus, dass ich noch mit von Wachskerzenstumpen beleuchteten Laternen zu den Martinstagsumzügen geschickt ward, während Friederike schon ein batteriebetriebenes Lämpchen hatte, das sie mit einem an ihrem Stäbchen angebrachten Schalter ein- und ausschalten konnte. Zu meiner Zeit hatte es regelmässig in Flammen aufgehende Laternen gehabt, ihr war diese Erfahrung schon erspart worden.

Aber ansonsten — und freilich kam bei mir noch ein verkleideter Heimerdinger auf einem hellen Pferd angeritten und führte an seinem roten Umhang die seligmachende Gnade vor. Heute mittag nahm ich die Decke vom Tisch wie in einem Film von einem sich schliessenden Vorhang, rückwärts abgespielt. Wo in den Tagen goldener Fingerzeige die Tafel war, soll fortan wieder gearbeitet werden. Arno Geiger schreibt, dass ein Erwachsener sich eben nicht zurück in ein Kind verwandeln kann, weil das Wesen des Kindes in der Fortentwicklung besteht. Dass die rostbraunen Eichhörnchen unterhaltsamer drauf zu sein scheinen als die kupferfarbenen: Ist das bei rothaarigen Menschen nicht auch so?

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