2016

31.12.

Es schneit. Noch ist es nur eine dünne Schicht auf dem Dach des alten Fabrikgebäudes im Hinterhof (in dem ich extrem gerne eine Milchbar eröffnen würde, aber das ist eine andere Geschichte, die erzählt werden wird in einem anderen Jahr). Das Wetter ist heute also genau andersherum, als es gestern noch in der Tagesschau versprochen ward: nicht sonnig, nicht hell, die Pyramide an der Spitze des Messeturms ist nicht zu sehen, der Rest vom Messeturm auch nicht; die klare Sicht aufs Feuerwerk wird ebenfalls nicht möglich sein, denn wenn es so weitergeht, dann fällt der Schnee ab 15 Uhr, spätestens viertel vor vier dann richtig dicht an dicht in großen Flocken runter.

Bis dahin, also jetzt gerade, verhält sich dieser Schnee noch so wie dieser rührende Hund, von dessen zurückhaltender Art Alexander Gorkow eine Serie von drei Bildern auf Twitter gepostet hatte. Auf einem sieht man nur den schwarzen Schnauzenfleck, wie er sich unaufdringlich in den Spalt einer Zimmertür geschoben hat, um etwas von den Düften dort (als Mensch nimmt man anhand der Lichtstimmung von dort hinter der Tür auch Kerzen wahr, halb ausgetrunkene Weingläser, Aschenbecher, Bässe von Musik in Stereo, Stimmengewirr, aber das alles sagt dem Hund halt nichts) einzusaugen; nur die Schnauzenspitze, die wie aus Gummi gemacht wirkt, schiebt er herein und darunter steht eine Zeile von Menschenhand: »Hund, der nicht betteln darf, aber zeigt, dass es ihn gibt #Terror #Hunger #2016«.

In diesem Sinne. Und nicht nur, weil es zuletzt dann doch noch geschneit hat: Es war ein sehr schönes Jahr. Vor allem wegen Friederike.

30.12.

Aufgeweckt um drei Uhr in der Frühe vom Mondschein, der in dieser klaren Nacht verstärkt wurde von den Neonleisten an den Kanten der Pyramide hoch oben am Messeturm, in deren Gehäuse ich, lange ist es her, mir die Wohnung eines Gurus fantasiert hatte. Der Pfad meiner Genesung hatte mich am Tag stadtauswärts geführt auf der Mainzer Landstraße, nachdem ich in der Rhein-Main-Zeitung von einem Grundstück dort gelesen hatte, auf dem seit dem Sommer schon die obdachlosen Mitglieder einiger Romafamilien in selbstgebauten Biwaks wohnen. In dem Bericht wurde eine offizielle Quelle zitiert mit den Worten, dass man dort »das Versagen des Sozialstaates vor Augen geführt bekomme«. Wollte ich mir anschauen. Ohne Karte wandernd, die Sonne von schräg oben links, auf dass ich manchmal blinzeln musste, tröpfelte die Stadt bald aus – nach der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers in den Adlerwerken. Ein islamisches Bestattungsunternehmen und an der Wand stand hingesprüht »YUPPIES VERTREIBEN GEFLÜCHTETE BLEIBEN«. Auf dem Parkstreifen neben den Bahngleisen waren drei lange Wohnwägen in Folge abgestellt. Schrebergärten füllten die dreieckigen Landstriche zwischen den Autobahnzubringern auf. In einem der Gärten stachen die Wassertriebe eines ungepflegten Apfelbaumes in den blitzblauen Himmel, wo in der Weite die dunklen Rücken des Taunus sich zeigten. Die gelben Äpfel wirkten, obwohl mittlerweile schon mehrfach nachts durchgefroren, noch frisch, aber die Wicklungen rostigen Stacheldrahtes auf dem Blechzaun machten ein Zugreifen unmöglich. Lange, offenbar viel zu lange, betrachtete ich einen mir entgegenstürmenden jungen Mann, bis ich dann endlich begriffen hatte, was mir an seiner Silhouette als merkwürdig oder unstimmig aufgefallen war: An beiden Händen fehlten ihm sämtliche ersten Fingerglieder. Die Hände wirkten deshalb auch schon von weitem besehen, und dazu im Gegenlicht, Schaufeln ähnlich. Vermutlich war er schon tausendmal, seitdem ihm dieses Unglück mit einem modifizierten Böller passiert war, auf diese Art musternd, angestarrt worden. Im Vorbeigehen rief er mir zu, ob ich »ein Problem« hatte; also nicht speziell mit seinen verstümmelten Fingern, sondern generell: ob ich ihm ein Problem zu werden versprach. Diesem glaubhaft widersprechend, beeilte ich mich meines Weges zu gehen. Einander freundlich hinterherschreiend, strebten wir in entgegengesetzten Richtungen davon. Er auf die Stadt zu, ich unter der Brücke hindurch, wo sich am Wegesrand die Verbotsschilder häuften, die mit Strafen für unerlaubtes Abladen von Müll drohen sollten. In der Kurve einer üppig ausladenden Fußgängerbrücke über den Gleisen war ein abgeschmückter Weihnachtsbaum aufgestellt, an dessen unteren Etagen zwei laminierte Ausdrucke darauf hinwiesen, dass es sich bei diesem öffentlichen Weihnachtsbaum um eine Spende des Ortsvereins Griesheim handelte (oder gehandelt hatte, denn ohne Schmuck und bloß mit den Hinweisschildern dran handelte es sich ja streng genommen bloß noch um einen abgesägten Tannenbaum).

Dort, im verträumten Zentrum des einst unabhängigen Städtchens, kaufte ich ein Set für das Bleigießen in der Silversternacht und ging dann, gelockt vom sonnig strahlenden Widerschein des Flusses am Ende der Gasse eben dorthin: an den Main. Wenn der Rhein der Vater sein sollte, was war dann der Main? Sein schlanker Bruder? Ein dicker Sohn? Ganz klar schien das Wasser über den mit pelzigen Algen überzogenen Felsbrocken. Ein hüggeliger Park war dem letzten Bürgermeister der Stadt Griesheim, Benno Schubert, geweiht, einem, wenn die Gestalt dieses Parks als ein Abbild seiner Seele zu nehmen war, Mann des Ohne-großen-Drumherums. Drei Schüler versuchten dort gerade noch mit ihren Ranzen auf, ein Rudel Nilgänse zu drangsalieren, die in einem kalten Sandkasten nach Würmern gruben. Was schließlich gelang. Hörbar genervt, erhob sich erst eins, dann auch die übrigen der schweren Tiere in die Luft, um nach nur einem Augenblick ihres wenig imposanten Formationsfluges ein paar Meter weiter in dem für die Schüler lebensfeindlichen Element des eisig kalten Flusswassers zwischenzulanden.

Im Sommer, vielleicht ja auch schon bald, wenn das mit den sonnig-klaren Tagen bloß so weitergehen würde, könnte man sich sehr gut dort an dem Pfeiler der großen Eisenbahnbrücke auf die Liegestühle fallen lassen, die vor dem Lattenverschlag mit Namen Orange Beach bereitgestellt waren, um einen Apfelwein zu genießen. Trinkenderweise. Das Motto lautete, hinter Folie zu sehen: »Sonnen, Chillen, Bierchen killen«. Vor allem liefe das dann unter dem Motto eines befugten Aufenthaltes. Daneben ragte ein Warnschild der Hafenbehörde auf, das gemäß Gefahrenabwehrverordnung für Häfen den unbefugten Aufenthalt im Hafengebiet für nicht erlaubt erklärte. Der Rausch des Neuen, der mich in noch unbekannten Städten ergreift, hält, das ist mir mittlerweile bewusst, nicht ewig an. Wie jeder Rausch hat auch dieser eine unangenehme Komponente, die bekämpft werden will, sonst droht ein Überschnappen in Ekstase und dann finge ich an, jedes Schild zu fotografieren, jedem Blässhuhn zu huldigen als einem Boten einer mir vertrauten Welt (und tatsächlich sah ich auch dort, am Uferstreifen des Griesheimer Hafens das mir wohlbekannte Kopfruckeln aus dem Augenwinkel – rasch weiter, schnell fort, bevor ich noch anfinge, mich mit der Produktion von Lockgeräuschen vor den Griesheimern zu blamieren).

So kam ich endlich auf die Gutleutstraße, die, ich war durch Griesheim wie in einer Schleife gefädelt worden, von beiden Seiten mit Industrie flankiert, zurück in die Innenstadt führte. Man kann mir mit nur wenig so viel Freude bereiten wie mit einem Industriegebiet an einem sonnig-klaren Tag. Ich will auch gar nicht genau wissen, was in den einzelnen Komplexen hergestellt wird, sondern erfreue mich schon an den Sonderformen der fensterlosen Gebäude, den blinkenden Röhren, die kreuz und quer hinter den Zäunen geführt werden, den schweren Maschinen und hoch aufragenden Silotürmen. Ungefähr auf der Mitte des Weges vor der Stadtgrenze befindet sich das Briefzentrum der Deutschen Post. Ein Schicksalsort, insbesondere für die Liebenden, die sich noch Briefe und Karten schreiben. Von hier aus, in diesen fensterlosen Hallen werden ihre Zeilen verteilt. Was von hier aus nicht weitergeleitet wird und in der Vorform des Funkloches verschwindet, ist unwiderbringlich und endgültig fort. Es stand dort sogar ein Briefkasten vor dem Briefzentrum, obwohl ja weit und breit nur Industriegebiet herrschte; eine von hier abgeschickte Ansichtspostkarte, womöglich noch mit dem Briefzentrum drauf: schöner kann man den Postfreund nun wirklich nicht mehr beschenken. Vom gegenüber gelegenen Gutleutimbiss muss ich hingegen zwar nicht gerade abraten, doch sollte die dort gebratene Rindsworscht nur in Ausnahmefällen, also etwa bei extremem Gefühl des Ausgezehrtseins, oder schon beinahe selbst als wahnhaft verspürtem Rindsworschtappetit, bestellt werden. Verzehrt habe ich sie dann nur zur knappen Hälfte (was eingedenks meines sparsamen Wesens wohl etwas heißen will!).

Schön ablesen, zumindest bei größeren Unternehmungen, lässt sich in Industriegebieten auch die jeweilige Firmengeschichte hinsichtlich deren wirtschaftlichen Erfolgs: vergleichbar hier etwa mit den Jahresringen in einem durchgesägten Baumstamm findet sich die Keimzelle des Unternehmens in einem grobschlächtigen Zweckbau aus den Siebzigerjahren, dann, klötzchenhaft verspielt und mit brüniertem Glas wurde in den Achtzigern ein Gebäude für Buchhaltung und Marketing hinzugesellt, in den Neunzigern vielleicht noch eine technologisch motivierter Pavillion und im Moment weiß man halt noch nicht so recht, wie das alles weitergehen wird. Das ist sogar bei Schulen so, wie ich es ganz beispielhaft am Fallbeispiel der städtischen Werner-von-Siemens-Schule, einer Berufsschule für Elektro-, Informations-, und Medientechnik, vorgeführt bekam. Erbaut in den frühen Achtzigerjahren in der lupenreinen Architektur der sogenannten Postmoderne, schaut dagegen die Staatsgalerie Stuttgart geradezu nüchtern und zweckmäßig aus: maurisch karierte Sequenzen im Mauerwerk, arkadische Laubengänge in hochglänzendem Weiß gekachelt samt verblichenen, einst pinkfarbigen Fensterprofilen: es ist alles da. Und, das lässt sich ja auch insbesondere an den ländlichen Bankfilialen aus dieser Epoche begutachten: von dem für die Postmoderne üblichen Schwarzschimmel befallen. Ob das, die Ursache für einen spezifisch die Postmoderne Architektur befallenden Schwarzschimmel, nun an den damals verwendeten Steinsorten liegt, oder aber an einer nur damals verwendeten Isoliertechnik, in einer Kombination aus beidem – ich weiß es leider nicht.

Auf der Spitze eines gedachten Dreieckes zwischen der Berufsschule, dem Imbiss und der Fabrik des Druckfarbenherstellers Carl Milchsack stand ich übrigens kurz vor der berüchtigten Brache. Sie schien mir vor allem halt weitflächig, dafür sehr aufgeräumt. Ganz hinten im Blick: die Biwaks der Roma. Einige Menschen. Auf dem Beton hinter dem Gitter stand sinnlos ein elektrischer Rasenmäher herum.

Frankfurt ist, hier mit Berlin verglichen und dabei textlich gesprochen: nicht zu lang. Es folgt Knüller auf Knaller; oder No Fillers, just Killers, wie es früher auf den Houseplatten geheißen hatte – zumindest für mich; jedenfalls solange ich die Stadt noch nicht gut genug kenne, um nicht mehr von ihr berauscht zu werden. Von der Abfolge der Bilder und Szenen, von der Abfolge der Situationen vor alledem. Warum es gleich hinter dem Hauptbahnhof in einer Seitengasse, in der Martin Mosebachs Der Mond und das Mädchen meiner Vermutung nach spielt, drei Fachgeschäfte für Motorsägen hintereinander gibt, will ich noch unbedingt herausfinden, beispielsweise. Deren ansichtig geworden, musste ich an Thomas Meinecke denken, der ja früher öfter mal eine schöne Jacke angehabt hatte, auf der war ein Aufnäher mit dem Logo des Motorsägenherstellers Stihl. In der derzeit aktuellen Ausgabe des Faltblattes, mit dem die Restaurants und Läden des Bahnhofsviertels von Frankfurt für sich Werbung machen, und zwar auf eine sehr schöne Weise, denn auf der Rückseite des auf bestem Papier gedruckten Posters ist einformatig ein türkischer Fischschlachter zu sehen, wie er seine glitschige Ware präsentiert, spricht mir Thomas Meinecke dann auch aus der Seele, wenn er die kompakte Diversität Frankfurts nur noch mit den Verhältnissen im Hamburger Stadtteil St. Pauli zu Beginn der Neunzigerjahre vergleichen kann. Das geht mir haargenau so. Und ich weiß, wovon ich rede, denn schließlich war ich damals vor Ort. Gleich über dem Interview steht dort auf dem Faltblatt eine Anzeige der Frankfurter Sparkasse, die mit einem rötlich eingefärbten Geldautomaten, der halb von einer nackten Frauenbrust verdeckt wird, für ihre Dienste wirbt: »Als Kunde der Frankfurter Sparkasse können Sie an über 25.000 Geldautomaten deutschlandweit kostenlos Geld abheben. Allein in Frankfurt stehen Ihnen über 200 Geldautomaten zur Verfügung. Zum Beispiel in der Elbestraße 49-53 im Laufhaus ‚Crazy Sexy‘. Denn manchmal muss es eben Bargeld sein.«

Das sind die Widersprüche. Die gilt es auszuhalten. Und so ließ ich mich zwischen den funkelnden Türmen auf dem Platz vor dem Café an der Hauptwache nieder, einem herrlichen Ort, wo der Apfelwein nur mit 5 Euro das Glas berechnet wird, und wo auf den Herrentoiletten im Kellergeschoss die Urinale stets frisch mit haufenweisen Eiswürfeln befüllt werden. Warum auch immer. Oder wozu. Die Klofrau, eine Westafrikanerin, die zu den karibischen Rhythmen ihres kleinen Verstärkers wie entgeistert auf der Stelle neben ihrem Trinkgeldteller vor sich hin skankt, weiß wahrscheinlich auch nicht so recht; sie macht’s halt einfach.

Auf dem Heimweg dann, längst war es dämmrig geworden und dementsprechend auch kalt, endlich erster Widerhall von Böllern aus Hinterhöfen.

Feierabend mit Goldrand.

29.12.

Eingeschlafen in der Gewissheit, dass ich am Morgen wieder befreit sein würde und gesund. Den ganzen Tag hatte ich mit Lesen verbracht, das geht ja komischerweise selbst dann noch, wenn das Denken sonst unmöglich scheint. Aber aufsaugen, empfangen kann mein Gehirn selbst noch unter der Schnupfenglocke*. (Blind werden, wie Borges und sich dann alles nur noch vorlesen lassen können, stelle ich mir schrecklich vor, anstrengend vor allem, weil ich mich dann vermutlich sehr beherrschen müsste, um alles genau registrieren zu können und mir nicht, noch während ich es eingetrichtert bekäme, dazu die sogenannt eigenen Gedanken zu machen; in einer solchen Situation könnte ich mir den leichtsinnigen Umgang mit den Informationen nicht mehr leisten. Sämtliche Wahrnehmung würde verschult, weil ich als Blinder dann unmündig geworden wäre.)

Ob man dann spürt, am Luftdruck eventuell, an den Geräuschen, die aufgrund des veränderten Luftdrucks anders als sonst, klarer, schneller, an den durch die Blindheit mächtiger gewordenen Hörsinn gelangen, dass es ein schöner Tag wird? Es wird auch einer, das konnte ich erkennen, schon bevor die Sonne aufging, am klareren Grau der Fassaden vor dem Fenster, an denen dann zum Kaffee schon erste Sonnenflecken erschienen waren. Kondensstreifen natürlich, die, weil es wohl noch kalt ist dort oben, klar definiert und schmal im Himmelsgrau erschienen und die wie die Säulen des Dampfes, den Botho Strauß korrekt als Wrasen bezeichnet, der aus den sieben Schloten der Gebäude, die vom Fenster aus zu sehen sind, von innen heraus leuchteten, bevor die Sonne aufging. Dazu Vogelstimmen, vor allem Amseln. Denen geht es wie mir, dem gesundeten Kranken: Kaum scheint die Sonne wieder, ist die Sonnenlaune voll da.

* Und in dem Fall muss ich halt auch leider sagen leider, denn wie in jedem guten Wartezimmer lag hier die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Neon herum, deren Lektüre für mich jahrelang zu den guilty pleasures zählen durfte, aber was ich da gestern serviert bekam, schaffte es nun wirklich, keinerlei Freude zu bereiten. Das herrliche Schuldgefühl, das sich einst noch bei jedem Blättern in einer Ausgabe des Studentinnenreports verlässlich eingestellt hatte, blieb aus. Schnöde ist ein glimpfliches Wort. Im Grunde trifft selbst Spießorama nicht zu. Egalon. Ich musste an Gabriele D’Annunzios Erzählung Der Märtyrer denken. So, wie er darin die Notoperation eines an einem Furunkel leidenden Matrosen beschreibt, genau so werden im Verlag Gruner+Jahr halt seit jeher und immer noch die Zeitschriften, die dort als »Objekte« geführt werden, repariert. In meinem Fall aber hatte diese an der Wand entlang gekachelte Methode offenbar Wirkung gezeigt, denn so wurde ich schließlich durch meine Furcht geheilt. Nicht einen Tag länger hätte ich es bei dieser Wartezimmerlektüre noch aushalten wollen. Und so fühlte sich mein aufs geistige Überleben fixierte Gehirn zu einer Blitzheilung angespornt.

Doch nun: hinaus an die Sonne, um letztes Niesen zu erlösen.

28.12.

Um den scheußlichen Schnupfen, der mich während der Weihnachtstage befallen hatte, abzuschütteln, besuchte ich das schöne Einkaufszentrum. Selbst dort wollte keine Freude aufkommen. Obschon ich unter der Schnupfenglocke willig war, drang von dem Außen dort zu wenig zu mir durch. Schnupfen, für viele eine Bagatellerkrankung, nimmt mir so viel von all dem, was ich gerne habe: Eine Welt ohne Düfte, ohne Aromen und dazu noch mit den vom permanenten Druckschmerz auf den Augenlidern behinderten Sehvergnügen zeigt sich wie in einer für mich falschen Geschwindigkeit abgespielt. Ich erinnerte mich an meine vor zwei Jahren verstorbene Großmutter Margarethe, die ihre schleichende Erblindung durch den Star stets mannhaft erduldet hatte, bis sie zuletzt die Weihnachtsgesänge am Klavier nur noch mithilfe von zwei übereinander getragenen Brillen hatte begleiten können, aber als sie dann zwischendurch einmal durch falsche Medikamentation für die Dauer eines langen Jahres ihren Geschmackssinn vollkommen eingebüßt hatte, bat sie schon nach wenigen Wochen dieses Leidens hartnäckig darum, dass man sie erschießen möge.

Den Wind im Rücken ging ich, in wehleidigen Gedanken gefangen, die von Neubauten gesäumte Schnellstraße entlang, die von einer sich an das Skyline Plaza tangential anschmiegenden Kurve geradewegs statdtauswärts in Richtung Offenbach führt. Der gedachte Einstichpunkt des großen Zirkels, mit dem diese Straßenführung auf einem virtuellen Reißbrett entworfen worden war, lag inmitten der ehemaligen Firmenzentrale der Deutschen Bahn AG, einem total unterschätzten Meisterwerk des brutalistischen Kathedralstils, das, erbaut nach Entwürfen Stephan Böhms, wie eine in Beton gefrorene Zusammenschau der stilistischen Entwicklung seines berühmten Vaters Gottfried wirkt: Neviges+Züblin=DB.

Schade eigentlich, dass ich in all den Jahren meiner früheren Besuche in Frankfurt kein Auge gehabt hatte, um mir ein solches Schmuckstück off the beaten path in Ruhe anzuschauen. Mittlerweile, denn das Einkaufszentrum und die sich entrollende Schnellstraßenbebauung sind erst der Anfang, ist es dafür zu spät. Einst muss diese ehemalige Firmenzentrale imposant gewesen sein. Nun erscheint sie als eine Sonderform von vielen, die auf dem gegenüber gelegenen Messegelände noch errichtet werden. Unter anderem ein Wohnturm der Lifestylemarke Porsche Design! Die vom Einkaufszentrum aus flankierende Bebauung der stadtauswärts führenden Straße besteht aus rhythmisch gesetzten Klötzen mit Balkonfronten und jeweils aufgesetzten Penthouses, wie sie insbesondere in der Berliner Innenstadt überall dort abgesetzt werden, wo noch eine rechtwinklige Lücke frei ist. Helle Fassaden, bronzefarbene Gitter und Fensterrahmen. An der Frankfurter Europa-Allee sind diese Häuser bereits, so schien es mir, in zwei unendlichen Reihen bis an den Horizont aufgestellt worden, sodass ich mir zwei stählerne Tiere vorstellen konnte, sehr groß und in der Art eines Imperial Walker, die hier Hand in Hand dem Straßenverlauf folgend in Richtung Offenbach unterwegs gewesen waren, um alle zwanzig Meter jeweils eines ihrer hausförmigen Eier zu legen. Vielleicht sind ja so oder so ähnlich die Fantasien eines Stadtplaners. Wobei das heute doch immer mehrere sind. Seltsam auch, dass ich mir nicht vorstellen konnte, jemals jemanden zu kennen, der in solch einem Gebäude dann tatsächlich wohnt. Aus irgendeinem Grund kenne ich ausschließlich Menschen, egal wo, übrigens, die Wert darauf zu legen scheinen, in möglichst alten, also historischen Gebäuden zu wohnen. Auch in die Läden und Restaurants, für die in den hausförmigen Eiern die Gewerbeflächen im Erdgeschoss geplant wurden mit ihren großen Schaufenstern in bronzefarbenen Rahmen und den dunkel gebeizten Holzböden hinter drei Meter hohen Eingangstüren aus Glas mit vertikal angebrachtem stabförmigem Türgriff aus gebürsteter Bronze, gehen die Menschen, die ich kenne, nicht. Man geht, und das auf der ganzen Welt, hier oder anderswo lieber in Läden und Restaurants, die von der Bauweise und ihrer Einrichtung her wie die Wohnungen und Häuser sind, in denen man wohnt.

Unterbrochen oder rhythmisiert wird die Europa-Allee nach einem Kilometer durch ein Verschwinden der Straße im Untergrund. Darüber wölbt sich dann in Zukunft ein Park, an dem momentan noch gebaut wird. Noch ist alles planiert, man bekommt Märklingefühle angesichts der weiten, braunen Fläche aus Mutterboden, die sich zwischen den hellen Gebäudereihen weit aufzuspannen scheint wie eine tatsächliche Leinwand, in die man bald hier oder dort ein paar ausgesucht wenige und kugelrund gestutzte Robinien hineinstecken könnte. Oder eine lange Reihe von Platanen, um in dem Park eine Zone mit dem Gepräge mediterraner Gefilde zu schaffen. Ganz am Ende der braunen Ebene, die bald schon im Frühjahr dicht mit saftgrünen Halmen bestreut werden wird, türmt sich ein Kegel aus Erde auf bis in eine Höhe von etwa zehn Metern. Es gibt einen Aussichtssturm, von dessen Plattform im dritten Stockwerk aus kann man sehr gut sehen, wie sauber und geometrisch dieser Erdkegel dort aufgeschichtet wurde. So verstärkt sich noch einmal das Gefühl, dass es sich lediglich um eine momentane Abwesenheit eines riesenhaften Baumeisters handelt (der stählernen Tiere), der hier mit seinen Materialvorräten in rasendem Tempo eine Neustadt erschafft.

Am Fuße des Aussichtsturmes, in einem wetterfesten Kasten für Aushänge der Anwohner, gibt es ein von der Sonne ausgebleichtes Plakat, auf dem die Apfelweinkönigin des Gallusviertels sich präsentiert. Heckenröschen aus Kunstseide ranken mit zwei Magneten befestigt an dem Plakätchen empor. Die Farbigkeit der Fotografie wurde durch das Ausbleichen auf die Druckfarben Magenta und Cyan reduziert. Die Gesichtszüge der jungen Frau sind vage geworden. Sie hält einen winzigen Bembel in der rechten Hand. Der Name der Apfelweinkönigin lautet Janina die Erste.

27.12.

Kaum habe ich mich beschwert, so scheint es, wurde mir der heutige Eintrag prompt im Traum beschert: »Verführungstipp: Perserkatze und rasierte Muschi«. Diese Worte waren hängen geblieben von einem Traumgeschehen, von dem ich vage noch weiß, dass ich in diesem Traum ein erfolgreicher Komiker war, der einmal in einem Straßencafé am Potsdamer Platz, der Abend war sommerlich orangefarben, mit bunten Punkten hoch über mir in der Luft, eine umjubelte Nummer brachte, die aus nur drei goldenen Sätzen bestand. Der mit der Perserkatze war da noch nicht dabei gewesen, zudem ich diesen ja angeblich rein aus Emojis formuliert erhalten hatte – was sich nun, während der Niederschrift, als traumtypischer Trugschluss entzaubert hat: Weder gibt es ein Emoji für Verführung, noch eines für Perserkatze, Rasierklinge, Schaum oder Vulva. Das habe ich aber öfter mal, dass ich im Traum einen funkelnden Satz überantwortet bekomme; einen Weltsatz, die Formel, und wenn ich den dann, aus einem solchen Traum erwacht, notieren will, steht dort plötzlich etwas Mattes, mit dem ich in der Welt ganz sicher nichts bewirken könnte. In den Augenblicken bis zum Lichtanschalten und Notieren aber, wenn ich im schlaftrunkenen Zustand versuche, meinen Funkelsatz herüberzuretten, ohne dass mir etwas von ihm abbricht oder verlorengeht, kommt er mir noch gehaltvoll vor und zauberhaft. Ähnlich wie dieser Veführungstipp, der ja, bei Lichte betrachtet nun auch nicht gerade. Schon gar nicht, wenn er nicht einmal ein einziges Emoji enthält. Als Komiker, der ich in diesem Traum gewesen war, wurde ich bis zum Moment des Aufwachens immer nur noch erfolgreicher und von daher auch erst sehr, dann ziemlich reich. Zum Schluss hin spielte das Wetter draußen keine Rolle mehr, weil ich da bereits in einer großen Wohnung lebte, deren geschwungene Wände mit Holz verkleidet waren. Es gab Hunderte von Schubladen, die ich anscheinend niemals aufzuziehen nötig hatte. Auch verließ ich diese Wohnung nie während meines Traumes. Ich war bewaffnet, weil andere Komiker mir ans Leben wollten. In dem Moment kurz vor dem Aufwachen, als mir der Verführungstipp überantwortet ward, erteilte ich einem von meinen Leuten Schießunterricht in einem verglasten Windfang, der ebenfalls zu meiner Wohnung gehörte. Ich konnte mich dann kaum noch konzentrieren, sonderte mich ab, um ungestört die magischen Worte Perserkatze und rasierte Muschi auf mich wirken zu lassen. Die Worte wurden mir von den Emojis, die mit leuchtenden Farben in helle Plastiktäfelchen graviert waren, verkündet. Entweder schwebten die um mich herum, vielleicht hielt ich sie auch einfach in der Hand.

26.12.

Das schimmlige Brot liegt zuoberst. Nichts lockt mich, um es mit Max Goldt zu sagen, bei dem einst stets etwas zu locken schien, was sich dann mit der Annäherung daran als leider nur schimmliges Brot entzaubern ließ. Wobei, das stellte ich dann heute früh im Dämmer fest, die Landschaft hier bei -1,25 Dioptrien einen noch tristeren Anschein macht als hinterher mit Brille auf. Täte mich nicht wundern, wenn ich das nur geträumt hätte. Denn im gar nicht symbolischen Tausch für mein traumhaftes Leben sind meine Träume zu Abwasser geworden. Vermute ich, aber noch nicht einmal das ist geklärt, da ich mich an meine Träume so gut wie gar nicht mehr erinnern kann.

Seit ich das Schlafzeitenregulierungsprogramm verwende, wache ich mit einem Bewusstsein auf wie blankgewischt; wäre vielleicht auch nicht tragisch, wenn ich nicht dennoch ahnte, oder sogar wüsste, dass ich aber sehr wohl etwas geträumt hatte (es gibt ja auch Leute, die behaupten stoisch und dabei auch stets prompt, sie träumten »nie«. Gerade so, als ob Träumen für sie so ein ansteckendes, schuldbesetztes, parasündiges Randgruppending sei wie Homosexualität). Selbst beinahe direkt vor dem Einschlafen eingespeiste Lektüre wie am gestrigen Abend noch Wilhelm Reich hinterläßt anscheinend keine nennenswerten Spuren.

»Zur Zeit, als die Koliken am stärksten waren, hatte der Patient Träume, denen die Tendenz zugrunde lag, vom Arzt durch den Mund befruchtet zu werden. Am Tage traten heftige Kopfschmerzen auf. Ein solcher Traum lautete: ›Unser Installateur repariert unsere Rohrleitungen, ich bin dabei, plötzlich setzt er einen Spülapparat in Gang, die Flüssigkeit versprüht wie feiner Nebel (ich werde naß) und schmeckt salzig.‹ Die Einfälle zum ersten Teil ergaben sofort, dass der Installateur den Analytiker darstellt, der die Rohrleitungen, d.h. das Glied des Patienten, reparieren soll. Der zweite Teil enthält einen affektiven Widerstand gegen die Heilung der Impotenz und die Erfüllung eines bevorzugten Wunsches: Der Analytiker befruchtet (Einfall) mit Urin durch den Mund (salziger Geschmack)«. Woraufhin Reich sich auf den nächsten Seiten seiner Analyse des imaginären Rohrleitungssystems hingibt. Daraus, aus diesen von ihm diskursiv freigelegten Röhren, entsteht wenig später nicht bloß das Rhizomatische bei Gilles Deleuze und Félix Guattari, sondern vor allem auch die Urszene des Pornographischen zur Zeit meiner Jugend (Ära VHS), als die Szene noch häufig damit losging, dass ein angeblicher Klempner bei einer angeblichen Hausfrau anklopfte, um ein imaginäres Rohr zu verlegen. Wilhelm Reich ahnt zu seiner Zeit noch nichts von dieser Wucherung seines analytischen Rohrleitungssystems in die Reiche der kollektiven Traumproduktion hinein: »Das Interesse für die Rohrleitungen diente ebenso analen wie urethralen Tendenzen«.

Kann doch nicht wahr sein, dass ich nach solcher Lektüre nichts nennenswertes an Traum zustande bringe. Und wenn doch, dass es das Schlafregulierungsprogramm sein soll, das sie mich spurlos vergessend machen kann. Bei Leopold S.M. Ist es »ein Buche von Hegel«, über dem er einschläft, woraufhin ihm in dem folgenden Traume dann Wanda erscheint, nackt im Pelz.

Hier dagegen: George Michael ist tot (gähn).

Weihnachten

In der Dunkelheit losgefahren und in der Dunkelheit dort angekommen, wo ich noch nie gewesen war. Hier und da dann noch ein Haus, zu erkennen daran, dass in einem seiner Fenster der Schwippbogen leuchtete. Am Morgen des Heiligabends zeigte sich das ehemalige Zentrum der deutschen Kautabakproduktion in trübes Licht gehüllt; die Burgruine auf dem schwippbogenhaft geschwungenen Ausläufer des Südharzgebirges blieb gleich im Nebel versteckt. Auf der von den Pferden verschmähten Wiese neben dem Haus las ich sechs große und ein kleines Schneckenhaus aus dem nass verfilzten Gras. Drumherum lagen noch ganz viele, aber halbierte. Und Trümmer davon.

Im Fenster des Cafés Zur Herrenwiese hing ein Schild: »Kluge Frauen folgen ihren Männern / Wohin sie wollen«. Das Café hat über die Festtage geschlossen. Eigentlich waren wir auf der Suche gewesen nach Kerzenhalterungen. Im einzigen Gemischtwarenladen lief gerade ein Gespräch über die Niederungen des weihnachtlichen Konsumterrors, dass man sich früher noch über eine Orange hatte freuen können, und das auch noch ehrlich, aber heute musste es ja unbedingt gleich das Tablet sein. Kerzenhalterungen aber ebenfalls Fehlanzeige. »Nichts, das nicht schwände«, wie Botho Strauß, der Naumburger, es einst hatte feststellen können. Und mittlerweile hoffentlich noch immer kann.

Demenz in all ihren Formen, die Mannigfaltigkeit der Demenz, als da wären: die wütende, die anschmiegsame, fast unzertrennlich wirkende Demenz, und die galoppierende, die schleichende, die allfällige, sowie auch die weihnachtlich zahme, die gute und brave Demenz. Im Zweifel aber doch stets die Demenz ist als Thema hier allgegenwärtig. Demenz des Ostens, des einstigen Lebens, des Harzes, der Kautabakproduktion, die Demenz Naumburgs und die Demenz von Botho Strauß. Nichts, das nicht schwände. Vor der ehemaligen Bäckerei Slash Konditorei fegte der ehemalige Bäcker und Konditor den Bürgersteig und beantwortete sehr gerne meine Frage nach der verschwundenen Kautabakproduktion. Sein Vater beispielsweise hat noch gepriemt. Dann bat er uns herein, um uns den Verkaufsraum und die dahinter gelegene Backstube seines vorzuführen. Klaffend, und an den gekachelten Wänden noch die Spuren der herausgerissenen Maschinen. Vor allem der Ofen fehlte (wie in vermisst). Dafür stand nun ein Tischtennistisch mitten im Raum. Auf der Platte standen die zum Überwintern eingestellten Pflanzen in Eimern aus Plastik dicht beieinander. Aus Dosen entnahm er rollgriffweise Weihnachtskekse, überreichte eine kleine Tüte. Ein Relief aus Bronze mahnt den Betrachter, das Brot zu loben, weil es doch Frucht der Arbeit sei. Die Kekse schmecken noch genau so wie früher, also gar nicht. Nichts, das nicht schwände? Von wegen!

Die Kirche innen: verblüffend schön. Was ihr von außen nicht anzusehen gewesen war. Vermutlich liegts aber an den Jahrzehnten des praktizierten Atheismus, dass der Gottesdienst herzlos durchgezogen wurde und nicht gefeiert. Am Mikrofon stand eine junge Frau mit dunklem Schopf, die sich als Vertreterin des Pfarrers vorzustellen hatte, der an diesem Abend in einer anderen Gemeinde den Gottesdienst an Heiligabend hielt. Es offenbarten sich dann noch weitere Probleme im Umgang mit der Feier des christlichen Ursprungsmythos: Der Organist war auf dem Sprung, hatte nach vier von fünf Liedern noch woanders zu tun und verabschiedete sich deswegen sang und klanglos vor dem Segensspruch. Während die reizend verkleideten Kinder vor dem Altar ein Krippenspiel aufführten, meldete sich von der Kanzel herab die Handpuppe eines Rabens, um dort ein Kasperletheater zu veranstalten, beziehungsweise mit unverstellter Männerstimme die Weihnachtsgeschichte vorzutragen. Dann kamen die heiligen drei Könige, allerdings ohne ihren Kumpel aus dem Morgenland. Dann wieder Singen. Dann musste der Organist zum Bus. Na ja. Ohne Ton hätte es allen viel besser gefallen. Mittlerweile ist es aber auch so, dass auf den unteren Etagen recht bald die Smartphones herausgeholt werden, wenn der Gottesdienst nervt. Plus es fehlt halt auch Schnee. Wenigstens war es schön dunkel.

Kerzenhalterungen, allerdings für Grablichter gedacht eigentlich, fanden wir dann in einer Art 1-Euro-Shop am Wegesrand. Alles, vom Nagellackfläschchen und der Wunderkerzengroßpackung über das grüne Gästehandtuch bis hin zur Grablichtbefestigungsklemmhalterung kostete hier pro Stück 1 Euro 49. Es war also genaugenommen ein 1-Euro-49-Shop, der aber vom Konzept her demjenigen eines 1-Euro-Shops folgte, wie wir sie aus unseren Heimatstädten Frankfurt, beziehungsweise Berlin bereits kannten. Neuartig war, neben dem beinahe um die Hälfte höheren Preis für die einzelnen Produkte eines wie gewohnt beinahe willkürlich zusammengewürfelt oder -gekippt anmutenden Sortiments, auch die kompetente Beratung der Inhaberin betreffs unseres Anliegens. In der Großstadt undenkbar, hier auf dem ostdeutschen Land aber quasi natürlich, erteilte man uns Ratschläge, wie die zahlreich vorhandenen Kerzen an den Zweigen des Weihnachtsbaumes zu befestigen waren. Improvisierenderweise. Die uns für ebenfalls 1 Euro 49 verkauften Wäscheklammern aus Holz wurden dann letztendlich doch nicht benötigt, da sich die langen Dorne der Grablichtbefestigungsklemmhalterung anstandslos durch das zähe Holz der Zweige treiben ließen.

23.12.

Am Hauptbahnhof, dessen bis weit in die Kuppel hineinragender Weihnachtsbaum in diesem Jahr einen eigenen Hashtag hat (in der Anfangszeit des Hauptbahnhofes bestand die Attraktion des damals schon imposanten Baumes jahrelang in seiner Geschmücktheit mit den Glaskristallen von Swarovski), ließ sich zu meinen Füßen ein Star nieder, der sich auf das Aufpicken der vor dem panasiatischen Imbiss dort zu Boden gepurzelten Reiskörner spezialisiert zu haben schien. Seit neuestem gibt es dort auch einen würfelförmigen Container aus Pressholzplatten, der von der Deutschen Bahn an wechselnde Beitreiber sogenannter Pop-up-Konzepte verpachtet werden soll. Den Anfang macht, in der Weihnachtszeit, die Filiale einer Systemgastronomie, die sich auf Haferschleim mit diversen Toppings spezialisiert hat (die kleine Schale für 3 Euro 50, eine Banane zum Mitnehmen kostet 80 Cent). Der Haferschleim wird mit dem Attribut des Handgemachten beworben – was sich doch eigentlich von selbst verstünde: von Robotern gerührt would raise a brow. Aber dergleichen Gedanken verbat ich mir zwar nicht, erstickte aber deren Fortgang haferschleimhaft in ihrem Keim, da ich mir die vorweihnachtliche Stimmung nicht selbst noch verderben wollte durch ein galliges Denken, dessen ungestüm überschießende Variante ich am Morgen in einer unangenehmen, weil auf peinliche Weise als unnötig empfundenen Kolumne im Feuilleton hatte zur Kenntnis nehmen müssen. Dort war es um Locomore gegangen, beziehungsweise also gegen das mir sympathische Unternehmen einer zweiten Bahnstreckenbewirtschaftung auf der Strecke zwischen Stuttgart und Berlin et vice versa. Was es dagegen zu sagen gibt? Nun, nicht eben viel, aber das lässt sich verdünnen (absichtlich vermeide ich eine Konnotation zum handgecrafteten Pop-up-Schleim, um nicht in ein ähnliches Fahr»wasser« zu steuern, aber ziemlich ungefähr so). Nach einigem Hin und Her, vor allem aber Her, schloss der Verfasser dieser Zeilen mit seiner Prognose, dass die von ihm als alternativlos empfundene Deutsche Bahn und so weiter, beziehungsweise Locomore sowieso und genau bald schon wieder pleite gegangen und vorrüber sein wird wie ein Spuk. Unterzeichnet mit einem Kürzel, das mir nichts sagte. Seinen Ansichten zufolge handelte es sich dabei um einen entweder unendlich alten oder noch viel zu jungen Menschen. Was ihn zum Hass auf Locomore und vor allem auf Einhörner angestachelt haben könnte, blieb somit schleierhaft. Nachdenklich geworden, zerteilte ich beim Warten auf meinen ICE einen Apfel, warf, da es die Zeit der Barmherzigkeit war, einer dahergehüpften Taube ein Stück vom Kernhaus hin, dessen Samenkörner sie geschwind herauspickte, den Rest aber verschmähte und an der Bahnsteigkante liegen ließ.

Diese, die Bahnsteigkante, wurde am Bahnhof von Wolfsburg, wo man ja viel zu selten innehält, vom Künstler Daniel Buren, einem Franzosen, in ein Kunstwerk verwandelt. Man liest das zunächst auf einem Hinweisschild, dann sucht man etwas und schließlich konnte es gar nichts anderes sein, als dass die weißen Streifen, die, diagonal zum Verlauf der Bahnsteigkante gesetzt, dort auf ganzer Länge des Bahnsteiges verliefen, also dass sie es waren, die aus dem Bahnsteig nun einen Träger oder auch schon einen Teil des Kunstwerkes Daniel Burens gemacht hatten. Im weihnachtlich geschmückten Fensterchen des Bahnaufsichtsgebäudes klebte ein Fahndungsplakat in Din A5 auf dem der Attentäter auf den Weihnachtsmarkt von Berlin gesucht wurde. 100.000 Euro Belohnung für Hinweise. Zwei Sternchen, zwei Disclaimer. Mit in diese Collage hinein war erschienen das blau leuchtende Symbol der Volkswagenwerke. Die drei Schornsteine waren rötlich angestrahlt über dem schwarzen Wasser des Mittellandkanals.

Ich war wider Willens in Wolfsburg gestrandet, wie es heißt, da mein Zug von Berlin nach Hannover in kurzer Zeit bereits so viel an Verspätung akkumuliert hatte, dass es dem Zugchef als zu riskant erschienen war, noch den Anschlusszug von Hannover aus erreichen zu wollen. Damit war meine Platzreservierung für die Weiterfahrt perdu. Immerhin aber, so hieß mich der Zugchef des in Wolfsburg einlaufenden ICE nach Basel willkommen, würde ich nun überhaupt mein gebuchtes Ziel noch erreichen. Außer mir waren nun allerdings noch viele, viele andere Umsteiger wider Willens an Bord und es hob sich der Vorhang sozusagen über einem Tanztheater, das allweihnachtlich auf den südwärts führenden Strecken in engen Röhren aus Blech seine Aufführung findet, während die Bühne selbst mit bis zu 230 Kilometern pro Stunde durch Deutschland rast. Im Stehen, die Hoffnung auf einen der Sitzplätze am Boden hatte ich aufgegeben, lauschte ich der Musik aus meinen Kopfhörern, Carrot Rope von Pavement, die mir die Szenerie mehr als angemessen, geradezu vorteilhaft zu untermalen schien und tat. Und schon nach wenigen Stunden lief unser train of fools in den heiligen Hallen des Frankfurter Bahnhofs ein. Draußen war es beinahe Nacht.

Noch wurden die Hochhäuser im Nebel des herrlich milden Klimas verborgen.

22.12.

Das Spätwerk Mark Rothkos lässt sich ganz ordentlich mit Bügelperlen rekonstruieren. Jedenfalls beschloß ich dann nach einigen Stunden mikroskopischer Bastelei, dass es ganz ordentlich geworden sei. Gerade wenn man zur Detailverliebtheit neigt, besteht beim Arbeiten mit Bügelperlen die Gefahr, sich zu verpuzzeln (dabei hatte ich die Abmessungen des Originals von 2,3 Metern mal 1,75 Meter bereits im Maßstab 3:1 geändert, schließlich musste ich es ja noch einwickeln und dann vor allem noch mit der Bundesbahn transportieren).

Heute früh besah ich mir das Ganze dann noch einmal und war leider nicht ergriffen. Das, was an den Gemälden Rothkos reizend ist, das Brummen der Farbfelder, geht bei der Übersetzung in das Medium der Bügelperlen anscheinend kaputt. Was aber wohl nichts mit der Verkleinerung des Formats oder der Abbildung einer Abbildung zu tun haben wird (ich habe selbstverständlich nicht von einem Original abgebastelt, ich kenne leider niemanden, der einen Rothko besitzt), weil die Postkarten mit Abbildungen aus dem Spätwerk Mark Rothkos brummen auch. An den Bügelperlen an sich kann es kaum liegen. Wenn Kinder mir Reklame von Ingeborg Bachmann darbringen, aufsagenderweise, ergreift mich das auch. Oder die Mondscheinsonate auf dem Klavier. Aber ob sie dann selbst davon gerührt werden? Ich kann mich leider so gar nicht mehr daran erinnern, wie das war (unzählige Auftritte in Schultheaterstücken, Gedichtvorträge vor der ganzen Klasse, Referate und das Stellen der Frage »Willst du mir mir gehen«: Es wird alles gelöscht). 

21.12.

Yalda, die Feier der Wintersonnenwende (in einem Schaltjahr fällt sie auf die Nacht vom 20. auf den 21. Dezember): Heute ist der kürzeste Tag in diesem Jahr (weil diese Nacht die längste war). Lang und leuchtend, mit einem roten Blinklicht hinten drauf, zieht ein Personentransporter über den See. Keiner drin bei 55 Sitzplätzen. Mahlendes Rauschen des Straßenverkehrs von der Brücke her, von der Autobahn weit dahinter, als Echo aus den Wäldern ringsum.

Was habe ich gemacht an dem Spezialtag dieses Schaltjahres 2016, am 29. Februar? Da wohnte ich wohl noch in der Stadt, war gerade aus Cagnes-sur-Mer zurückgekehrt, hielt mir zwei Hummer und dachte über Rezepte gegen Liebeskummer und Vermissen nach. Ganz praktisch, so ein Tagebuch. Noch interessanter wird es freilich dann in zehn oder noch mehr Jahren nachzulesen, was ich vor zehn oder noch mehr Jahren an einem bestimmten Tag gedacht habe. Jetzt schon kommt mir einiges davon wie von fremder Hand geschrieben vor. Und wird für mich dadurch erst interessant.

Erik, der mich gestern anrief, schreibt derzeit an einem Tagebuch des Jahres 2012, das er auf Kalendereinträge gestützt aus seinen Erinnerungen zu konstruieren sucht. Es hat mit seinem Leben heute, 2016, nur noch wenig zu tun, oder ganz viel – im Moment rekonstruiert er aus seiner Perspektive in der dunkelsten Phase des Winters 2016 die Tage im Sommer 2012. Und sagte, gestern: Ich nähere mich jetzt dem Tag, als wir uns in Weimar trafen. Ich freue mich schon darauf, seine Beschreibung unserer Begegnung lesen zu können, an die ich, wie es mir gerade erscheinen will, nur noch einige standbildhafte Erinnerungen habe (aber wenn ich damit anfinge, die aufzuschreiben, fielen mir noch mehr und andere, auch falsche Erinnerungen, beziehungsweise ungenaue, und dazu gedichtete, Wunschvorstellungen und Geschöntes ein; das Sprunghafte der Erinnerung würde umflossen von erzählerischen Notwendigkeiten, erzeugt durch Erklärungsbedarf, aber auch durch Formvorstellungen; obwohl ein Tagebuch vor allem die wesentlichen Ereignisse enthalten sollte, dazu noch Sonnenstand, Windgeschwindigkeiten, Korrespondenz). Wenn das dann alle oder viele so machten, wäre man – also ich zumindest – viel beschäftigt, bei anderen nachzulesen, wie vielfältig ein Tag, an dem man selbst zwei Hummer kaufte und ansonsten Suppe aß und die Waschmaschine lief im Hintergrund, von anderen erlebt worden war. Also gedanklich vor allem. Wie in der tollen Schlussszene in dem Film von Wim Wenders, wo ein Paar in einer Höhle lebt und seine Träume mit einem Traumvideorekorder aufzeichnen lässt, die sie sich nach dem Aufwachen auf Bildschirmen, die auf der Innenfläche von Skibrillen montiert sind, vorführen lassen. Entweder die eigenen, oder die des anderen, das geht aus der Inszenierung nicht klar hervor, bleibt selbst traumartig, wahrscheinlich handelt es sich dabei um ein mise en abyme.

Ein zweites Projekt von Erik besteht aus kiloweise Zinn, das er in einem Kupferkessel schmilzt und dann in ein eigens konstruiertes Abkühlbecken auskippt. Und das immer wieder und immer wieder von Neuem, bis er in dem schockhaft erstarrten Zinn eine Figur erkennen wird, die ein für ihn akzeptables Sinnbild seiner Zukunft darstellt. Im Galerieraum sollen dann die möglichweise extrem zahlreichen Mutationen und frühen Formen seiner Zukunft nebeneinander ausgestellt werden. Die reine Gestalt seiner Zukunft dann natürlich auf besondere Weise hervorgehoben präsentiert (auf einem Sockel, angestrahlt, in einem eigens hierfür hergerichteten Raum o.ä.)

20.12.

Gestern, es war schon kurz vor 16 Uhr und das Café beinahe geschlossen, schaute ich noch bei Markus vorbei. Wenn er sich freut, dann glänzen seine Augen immer noch einmal besonders schön. In der Küche wurden gerade die letzten Pfannen in die Geschirrspülmaschine geräumt, die Tische alle noch besetzt mit Gästen, die, so schien es, einfach nicht nach Hause oder weiter wollten, obwohl die Tassen längst ausgetrunken waren. Erschöpft, aber glücklich, alles verkauft, was zu essen vorbereitet worden war. Wir sprachen über die spezielle Stimmung kurz vor den Festtagen, wenn alle sich noch einmal mit allen treffen wollen, im Notfall auch nur kurz, gerade so, als ob dann nicht bloß ein Jahr zu Ende ginge, sondern das letzte aller Jahre überhaupt.

Gut wäre es, meinte Markus, wenn es so eine Zeit der Milde auch noch im Sommer gäbe; wenn, wie in Frankreich oder Italien, einfach so gut wie alles für ein paar Wochen lang zumachte wegen allgemein verordneter Ferien. Dann entstünde auch im Sommer so eine alle und alles umfassende Stimmung der Losgelöstheit vom Machen und Müssen. In der Illusion, dass das sogenannte Leben nicht einfach immer weitergeht. Sondern neben Tiefen auch wirkliche Höhen enthält. Und erzählte mir dann noch von seinem Forschungsaufenthalt bei einem Fischzüchter am Chiemsee, mit dem er vor dem Morgengrauen in einem Boot aus verchromtem Stahl in die Dunkelheit gefahren war: Nach dem Sonnenuntergang blieben die Nebel auf dem Wasser liegen, und, so Markus, er bekam die Energie des Ortes zu spüren, wo schon im Jahre fünfhundertirgendwas ein Kloster errichtet worden war, das es heute noch immer gibt. Dahinter die Berge. Und damals schon Dunkelheit und dann Nebel auf dem See. Spiritualität.

Auch Orte wollen dann noch ein letztes Mal im Jahr besucht werden. Auf dem Heimweg kam ich am Souterrain vorbei, da war es längst dunkel und der Platz, auf dem ich so oft und lange dann immer auch gesessen hatte, war frei, als sei in seinem Buch für ihn nichts anderes vorgesehen. Ich unterhielt mich dort mit Wolfgang Ullrich über die Galerie als Tatort, und ihm war eine Folge von Der Alte eingefallen, in der das vorgekommen war. Und wie von allein kamen wir nach ein zwei diesbezüglich ausgetauschten Nachrichten dann auf die Möblierung der Wohnungen von Siegfried Lowitz und Horst Tappert als Kommissar Derrick zu sprechen, wie unterschiedlich die eingerichtet und vor allem unterschiedlich aufgeräumt die inszeniert worden waren. Man könnte beispielsweise einen Tumblr machen mit den Screenshots aus sämtlichen Szenen, in denen die Kommissare beim Wohnen gezeigt worden waren. Und diesen Tumblr, so Wolfgang Ullrich, dann zusätzlich bestücken mit den Abbildungen aus den historischen Versandhauskatalogen, in denen diese Möbel der Filmwohnungen angeboten worden waren. Könnte man alles machen. Man könnte noch so viel.

19.12.

Wetter weiterhin scheußlon. Gestern ist nichts passiert. In den wachen Stunden, von denen es nur wenige gab, mit radio.garden auf dem Erdball herumgefahren und in die Radioprogramme hineingehört. Die anzapfbaren Stationen werden als grüne Punkte dargestellt. Man bewegt eine Zieloptik drüber und wählt dann das jeweilige Programm aus (die Website verbindet sich mit dem jeweiligen Stream). Radio Sada aus Damaskus verbreitet Bestlaune. Da läuft nonstop diese Musik aus meinem Friseursalon. Der Sri Lankesische Greisenkanal Gold FM sendet Weihnachtslieder im Calypsorhythmus. Aus dieser (lauschenden) Vogelperspektive auch Interessant: Afrika, der Radiokontinent. Wäre auch sehr schön, wenn es das mit Fernsehsendern gäbe. Also wenn man die fremdartigen Einfälle und Dialoge aus anderen Kulturen sich mit befremdetem Blick beäugen könnte. Im Tatort kam gestern eine ferngesteuerte Schneeeule vor. Desweiteren: Stromausfall in Frankfurt (Hackerangriff) und ein explodierender Learjet. Der an der Unterlippe gepiercte Startupmillionär wohnte in einem Bungalow direkt am Main, im Hintergrund das apfelweinglasförmige Gebäude. An den Sichtbetonwänden seiner Wohnung hingen gleich mehrere fixed gear bikes. Vor dem Panoramafenster eine in Nagellacktönen lackierte High-End-Stereoanlage. Als der Kommissar ihn um eine Hörprobe bat, schaltete der ein bluesig grundiertes Gegniedel an, woraufhin beide schlangenhaft sich an der Glasscheibe auf und ab bewegten wie Go-go-Boys. Allerdings ohne die Einstellung, wo man von außen her gefilmt zu sehen bekommt, wie sie mit ihren Zungen diese Fensterscheibe ablecken. Dafür kam dann auf der Weihnachtsfeier im Kommisariat noch ein Pulp Fiction-Zitat. Huiuiui! Na ja, some like it halt hot.

18.12.

Nichtsahnend eingeschlafen und im denkbar schlechtesten Wetter wieder aufgewacht: Himmel hinter grauen Wolken nicht zu erkennen, nackte Bäume, dazu Regen, dessen Tropfen von einem laschen Wind gegen das Fenster zur Seeseite hin geschlenkert werden. Mit einer Lustlosigkeit, die direkt ansteckend wirkt auf mich. Ich würde gerne sofort weiterschlafen, kann aber leider nicht. Dürfen schon.

Sofort erste Regungen eines schlechten Gewissens, weil ich gestern kein einziges Mal draußen gewesen war. Dafür habe ich die lichten Stunden des Tages damit verbracht, in dem Tagebuch von René Kemp zu lesen, das Marc Degens mir empfohlen hatte. Ausgerechnet in einem Tagebuch, und das auch noch im Internet! Das hätte ich auf heute verschieben sollen, als ideale Schlechtwetteraktivität. Und gestern dafür irgendwas mit Draußen und natürlichem Licht. Stattdessen auch noch Telefongespräche. (Wobei die ja in den letzten Tagen vor Heiligabend immer besonders schön werden, weil alle dann so milde gestimmt sind; oft auch noch betrunken von der letzten Weihnachtsfeier, oder schon wieder, auch schon wieder am hellichten Tag, ganz einfach weil das halt geht, möglich ist und erlaubt in der Weihnachtszeit. Was mir gar nicht fehlt, sind Weihnachtsscherze. Bei Rainald Goetz riefen vor 18 Jahren um diese Zeit noch andauernd welche an und riefen »Ja ist denn heut‘ schon Weihnachten« ins Rohr, weil das in einem Werbespot für E-Plus Franz Beckenbauer so aufgesagt hatte, mit seinem damals schon debil wirkenden Christbaumkugelgesicht und es in der Ära Harald Schmidts en vogue war, irgendwelche Werbefritzen, oder sich verhaspelnd habende Außenreporter, ironisch zu zitieren – quasi als Vorform eines Memes im Internet.)

Ich kenne, das fiel mir gestern während eines dieser Telefonate ein, gar keine ironischen Menschen mehr. Und empfand das als eine Wohltat. In der mir gemäßen Form, dem epischen Präteritum.

17.12.

Abschied von Daniel, dem Künstler, dessen Zeit nun um ist, er fliegt zurück nach Los Angeles. Ich kann mir kaum vorstellen, ihn dort einmal zu besuchen. Das eine Mal, das ich dort war, fand ich es zwar ganz schön, aber auch mit viel zu viel Autofahren verbunden. Die Stadt ist, textlich gesprochen: zu lang. Auch Daniel überlegt angeblich, aber aus anderen Gründen, nach Berlin umzuziehen. Und wie um ihn zu locken, gab es hier gestern ab neun Uhr bereits das idyllische Winterlicht wie auf den Fotografien von Philip Lorca Dicorcia*: auf der einen Straßenseite liegt alles im Schatten und dort ist es kalt, gegenüber sieht man alles angestrahlt vom Sonnenschein.

Auf dem Weg in die Stadt saß ich mit dem Rücken zu zwei Schülerinnen, deren Gespräch ich belauschte. Sie diskutierten den Fall dreier Mitschüler mit roten Haaren. Woher das wohl kam, ob da eine Absicht dahinter zu vermuten ist, dass es ausgerechnet in ihrer Klasse gleich drei davon gab, wo doch, so die eine nach Recherche bei Wikipedia: nur drei Prozent der Weltbevölkerung mit roten Haaren geboren würden. Gerade das, so die andere, machten die Rothaarigen aber in ihren Augen attraktiv: weil sie selten sind. Zum Abschied fragte die eine, was die andere denn werden wollte später einmal: »Schauspielerin oder Autorin«. Das kam prompt. Sie hatte es sich anscheinend gut überlegt.

Und als ob der Tag nicht noch schöner werden könnte, wurde er es natürlich dann doch noch. Indem zuerst ein Mann mit Querflöte Hallelujah von Leonard Cohen spielte. Ganz ungewöhnlich, denn auf dieser stadteinwärts führenden Linie trat das ganze Jahr über immer und, wie meine Mutter zu sagen pflegt: »so sicher wie das Amen in der Kirche«, das immerselbe Trio auf, aus einem Trompeter, einem Trommler und dem Kleinen, der die Soundbox an und dann halt leider nicht mehr abstellt, die auch immer nur das immerselbe Lied zu bieten hatten: Hit the road, Jack. Was ich beim ersten Mal noch amüsant gefunden hatte, so von wegen themenbezogen (road/Schiene), dann aber ab dem zweiten, dritten und immer so weiteren Mal gar nicht mehr.

Dann Friseur, Licht immer nur noch schöner, ich wusste, das gibt einen Hammersonnenuntergang. Besah mich im Spiegel und sah dort einen anderen Aspekt meiner Person mit jeweils einem Wattestäbchen aus jedem Loch in Ohren und Nase ragen, während sich der ägyptische Greis mit einer Weihnachtsmannmütze auf mit meinem Nacken beschäftigte – schnipfelnderweise. Als ich erwachte, hatte er mir die Frisur unserer Bundeskanzlerin verpasst. Aber da mir alle drei Friseure im Salon Marwan, auch Marwan selbst, also vor allem er, glaubhaft versichern konnten, dass die mir stünde, war ich zufrieden. Mal was anderes. Und vor dem Radioempfänger ahnt niemand, dass du die Frisur der Bundeskanzlerin trägst. Was anderes, auch hinsichtlich des Programms im Hause Marwan, wo gestern freilich Hochbetrieb herrschte, und am Ende sehen alle Männer, egal wie alt, wie groß, wie dünn dann idealerweise gleich aus von ihren Frisuren her. Das geht so weit mit dem identischen Look, der im Salon Marwan mit einer beinahe schon industriell zu nennenden Präzision hergestellt wird, das einer, der sich dort gestern vor dem Spiegel posierend handvollweise Haargel in die briketthafte Tolle schmierte, von seinem Freund zur Ordnung gerufen wurde, mit dem freundschaftlich gemeinten Ordnungsruf aller Ordnungsrufe: »Hör auf damit, Bruder, Du siehst wie ein Neunzigerjahrekanack aus!«. Der einzige, der da nicht mitlachen konnte, war der kleine Vogel, der in seinem Käfig still auf seinem Platz hoch oben auf dem Kühlschrank saß. Seit neuestem ist nämlich sein Käfig mit Frischhaltefolie umwickelt. Gefragt, weshalb, erklärt Chef Marwan gerne, dass der Vogel zu viel und heftig mit den Hirsekörnern um sich schmisse, weswegen er nun diese Hirsekornrückhaltefolie um den Käfig zu ziehen angeordnet hat.

Dann so das Übliche, auch Berlin ist ja zu lang, aber das Studio, in dem die Radiosendung stattfand, war im sechsten Stock mit Blick über das Kanzleramt bis weit in den Westen (sogar der abgebrochene Turm der Gedächtniskirche und der weiß beleuchtete Mercedesstern aus Christiane F ragten ins Bild). Und während ich dort in ein Mikrofon der Marke Neumann sprach, ging dann auch die Sonne unter. Und übertraf noch meine Vorstellungen davon, wie es werden könnte. Wie beinahe immer. Wie an jedem Morgen, wie an jedem Abend, egal wo. Und vielleicht lag es an Frauke Petry, die währenddessen im Erdgeschoss vor Journalisten und Fotografen auftrat, vielleicht war aber auch noch etwas anderes los. Auf jeden Fall stand hoch am Himmel ein Hubschrauber und regte sich nicht auf der Höhe seiner Wacht. Dann färbte sich alles olivgrün ein und in der Weite zeigten sich letzte bunte Streifen. Hatte Daniel alles bestimmt nicht haargenau so mitbekommen. Aber es spielte zumindest in seine Überlegungen hinein, höchstwahrscheinlich.

Für Daniel Joseph Martinez

*»Moments cut loose from a narrative«

16.12.

Beim Einkaufen bekam ich den Neid der Leute hinter mir am Kassenband explizit zu spüren. Weil ich mir gleich mehrere Liter Kuhmilch leisten kann. Seit die Milchpreise angezogen haben, ist mein liebstes Nährmittel zum Hassobjekt in antielitär gestimmten Kreisen aufgestiegen. Flüssiger Kaviar. Weißes Gold.

Kühe: Was fingen wir bloß ohne sie an. Seit ich mich kürzer fassen will, ufern meine Träume aus. Das scheint nach dem Prinzip des durchlöcherten Gartenschlauchs zu funktionieren. Hält man bei dem ein paar der Löcher zu, drückt es aus den übrigen mit umso mehr Nachdruck heraus.

Noch mehr aber vermisste ich: Musik.

So auch (ich muss jetzt aber auch scharf aufpassen, nicht etwa etwas dergleichen der von mir zwar geliebten, aber nicht beherrschten Gattung des Haikus unbeabsichtigterweise zu fabrizieren) auf meiner Rückfahrt aus der Stadtmitte nach Hause, währendderer mir der iPod das längst nicht mehr gehörte Stück Thought I’d never see you again von Working Week zuspielte: »Sunny Days drinking wine in the sun: that’s what you are to me«.

Für Carl Jakob Haupt

15.12.

Gestern dann mit diesem tiefen Gefühl der Befriedigung eingeschlafen, etwas Großes vollbracht zu haben. Zu groß halt, leider, wie sich heute früh dann herausstellen sollte. Und ich hatte, wie beinahe immer, noch nicht einmal etwas geahnt. Sehr gerne würde er diesen herrlichen Text in seiner Literaturzeitschrift drucken, schrieb der Herausgeber mir in seiner E-Mail, verfasst eindeutig bei Lampenschein, den sie ward‘ versandt an mich kurz nach 3 Uhr in der Früh. Während ich noch im Pilzgarten umherging, deren klingelndes Läuten in mein geflochtenes Körbchen zu ernten, denn so ging mein Traum.

Aber leider, so geht der Brief an mich weiter, ist der Text mit seinen 70 Druckseiten zu lang. Wo ihm als Herausgeber doch gerade mal 90 Druckseiten zur Verfügung stehen.

Ich verstehe sein Problem nicht. Vorbei die Zeit, da Alfred Andersch in seiner Zeitschrift Texte und Zeichen blahblahblah. Beziehungsweise: Es ist ja nicht allein seines. »Zu lang« ist seit einiger Zeit bereits zu einem Argument geworden in der literarischen Welt. Man würde so gerne, findet es persönlich auch gut, aber es ist halt zu lang. In meinem Schreibleben hatte ich dieses Argument, das für mich nie eines war, bis dahin nur von einer einzigen Person gehört: Franz-Josef Wagner, von dem ich ansonsten sehr viel gelernt habe, sagte zu mir, da war ich vielleicht 27 Jahre alt: Du musst Deine Sätze kürzer machen.

Ich denke nicht gerade sehr oft, aber doch immer wieder mal und das stets sehr gerne an diesen Satz des Meisters. Und klar, ich kann auch ganz gut meine eigenen Texte kürzen. Auch schnell. Sogar von 70 Druckseiten auf 10, wie es mir nun vorgeschlagen wird. Mein Text ist nämlich um einiges zu lang geraten. Wobei: Geraten ist da gar nichts. Ich wusste ja von vorneherein, dass 359 Bildbeschreibungen nicht auf eine Seite passen würden. Hätte ich vorher um Erlaubnis bitten müssen? Schlimm ist ja auch, seit es zu lange Texte gibt, die zum Standard gewordene Redaktionsansage: »Können Sie das auf ein Drittel eindampfen, den ganzen Text bringen wir dann online« – das Internet als Textmüllkippe. Oder eben Textreservat, ganz wie man es betrachten will. Ein Vorgänger Franz-Josef Wagners hatte einst bei der Schöpfung einer neuen Frauenzeitschrift aus dem Hause Axel Springer verkündet, damit würde »aus der Mülltonne eine Schatztruhe« gemacht. Klingt doch gleich viel besser. Nett geradezu. Das Internet eine Frauenzeitschrift, klingt ebenfalls nett. Aber halt auch ein bisschen böse. Und böse will ich auf gar keinen Fall mehr sein. Sonst ist es aus mit Träumen, in denen Pilze mir ihr Glockengeläut zur Ernte anbieten, und ich muss träumen, was auf den Bildern von Cursed Images zu sehen war. Und das dann ewiglich!

Tagebucheintrag auch schon wieder viel zu lang. Sollte meine Sätze noch viel kürzer machen. Oder halt noch länger. Dann aber bloß 1.

14.12.

Das Lied des Wirbelsturmmachers aus dem alten Ugarit hört sich gar nicht so schlecht an, wenn man es nur halblaut gestellt im Hintergrund laufen lässt. Angeblich ist es das älteste überlieferte Musikstück der Welt. Entdeckt vom Archäomusikologen Richard Dumbrill aus London. Auf der Informationsseite seines Institutes sieht man ihn an einem Arbeitsstisch sitzen, seine Rechte ist von einem türkisfarbenen Gummihandschuh bekleidet, damit greift er gerade nach einem uralten Manuskript, eventuell handelt es sich dabei um die Niederschrift des zweitältesten Musikstückes der Welt. Dr. Dumbrill trägt ein messingfarbenes Cordjackett.

Wohingegen ich den gestrigen Tag mit vergnüglichstem Bildbeschreiben zugebracht habe. Man merkt’s wie hier im Falle des Musikologen: Ich bin gut drin im Metier, die Arbeit geht mir flott von der Hand. Allerdings habe ich gestern erst die Hälfte meines Pensums geschafft. Nicht weiter tragisch, der Text muss erst morgen früh fertig sein, dann gebe ich exakt zum vereinbarten Zeitpunkt ab (ist mir ja sehr wichtig: Pünktlichkeit). Es geht um Geisterbilder, so würde ich es ins Deutsche übersetzen. Also nicht unbedingt Abbildungen, auf denen Geister zu sehen sind angeblich, sondern Fotos, deren Herkunft und Zweck während des Studiums ihrer Motivik zunehmend schleierhaft zu werden scheint, bis ihr Zustandekommen einem geisterhaft vorkommen will – und man sich im besten Fall abwenden muss. Cursed Images hieß der Account, der ein knappes halbes Jahr lang ein paar Hundert solcher Bilder gepostet hatte. Für eine Literaturzeitschrift beschreibe ich sie nun alle einzeln. Auch für den Fall, dass der Account sich irgendwann löscht (das wäre ja nur konsequent und erst wirklich geisterhaft).

Mit Dumbrills Musikausgrabung im Hintergrund leiernd (er lässt das Lied von Michael Levy* auf dem angeblichen Originalinstrument spielen, einer wuchtig aussehenden handgeschnitzten Harfenabart namens Lyre, die eher einer Apparatur zur Apfelweingewinnung ähnlich sieht), dazu eine Tasse Tee: gemütlich und auch interessant, lustig sehr oft ist der Beruf des Bildbeschreibers am Fließband. Ein Traumberuf, den ich sehr gerne ausüben würde. Vergleichbar mit dem Job, den Joaquin Phoenix hat in Her, wo er die Liebes- und Verzeih‘-mir-Briefe für andere Leute von Hand schreibt und verschickt. Würde ich auch gerne machen. Nicht ganz so gerne wie Bilder beschreiben, aber noch immer gern. Mein Traum wäre es geradezu, dass mir beispielsweise eine Firma mit Sitz im Ausland jeden Montag 1050 Bilddateien auf einen Server lädt, die ich bis zum nächsten Montag beschrieben haben sollte. Das ist zu schaffen, ich habe gestern etwas über 160 Stück beschrieben. Pro Bild, sagen wir: 5 Euro? 4,50? Wahrscheinlich würde es bei unbefristetem Vertragsverhältnis eher auf 45 Cent pro Stück hinauslaufen. Auch nicht schlecht! Ich wäre dabei.

*Wie eine Art Malbuch für Novizen der Bildbeschreibung: ancientlyre.com

13.12.

Rund und stechend hell, mit grünlicher Korona, stand der Mond in einem – endlich wieder Minusgrade – endlos schwarzen, ungetrübten Himmel über dem Haus. Schnecken wohlauf, die Heizkörper verrichteten schweigend ihr Werk. Als sei ich niemals fortgegangen. Properz hatte seine schönsten Zeilen im Schoße Hostias verfasst. Wie heißt noch diese Lebensform, in der du, kaum dass wir dort voneinander Abschied genommen, hier schon mich empfangen hättest?

Schlafend erwartete ich, dass über Tivoli die Sonne wieder schiene.

Mein Traum spielte in einer Welt, in der sich alle etwas Dringliches zu sagen hatten, es waren Botschaften, die von Mund zu Mund weitergegeben werden mussten, aber die Münder waren voll mit sandigem Gebäck*, das, je mehr ich kaute, umso mehr an füllendem Volumen gewann. So konnte der Schreckliche sein Werk ungehindert vollenden. Allein, es war so ungeheuer umfangreich, dass selbst er, dem anscheinend alles zu vollbringen zugestanden war, nicht damit fertig werden konnte. Um kurz nach sieben wachte ich auf.

*Vermutlich induziert über einen Kalauer, den ich insgeheim aus der Bahnsteigsansage gemacht hatte: »Lassen Sie ihr Gebäck nicht unbeaufsichtigt« – hätte ich aufschreiben sollen (was im Notizbuch steht, ist dadurch unschädlich gemacht).

12.12.

Abschied von Frankfurt (der Goethe-Stadt): Um 7 Uhr ist es noch dunkel, aus dem Dach eines gegenübergelegenen Industriegebäudes quillt heller Dampf wie eigens hinterleuchtet. Darüber fliegt auf gerader Bahn und blinkend ein Stern vorüber in Richtung des Flughafens. Wolken dunkler als der Himmel, wie Schatten. Einzelne Fenster sind schon erleuchtet. Im Haus ist es still. Die Heizkörper klopfen.

Und plötzlich, gestern dann: das Lied einer Amsel. Hoch oben in einem nackten Baum vor einem irgendwie bedrohlich zartvioletten Himmel, der ansonsten frei von Wolken war. Aber ein paar Minuten später fing es mit großen warmen Tropfen zu regnen an. Beim Abendspaziergang durch die Taunusanlage ergeben sich zu allen Seiten hin die reizendsten vertical views, die in Manhattan als Sonderfunktion einer Wohnung ausgeschrieben werden (und sie dementsprechend teurer machen). Aneinanderstoßende Spiegel, Leuchteffekte, Verzerrungen der ineinander sich spiegelnden Spiegel, dazwischen ein ganz kleines Gebäude im historischen Stil. Neben dem Eingang zu einem Kunstmuseum war der ringsum verglaste Empfangsraum eines Hochhauses so eingerichtet, dass dort hinter einem breiten Tresen allein die Figur eines Pförtners saß; der Tresen ansonsten beinahe ganz leer und in glänzendem Weiß rein gehalten, ganz links außen zwei Vasen mit wenigen Blumen drin, sonst nichts, kein aufgeschlagenes Buch, in das die Besucher sich eintragen müssten. Selbst die Schranken, hinter denen es um die Ecke herum zu den nach oben in das Gebäude hinein führenden Aufzügen ginge, sind aus transparentem Plexiglas. Nichts, das den Genuß einer totalen Leere im Raum stören könnte. An der hohen Wand hinter dem Tresen nichts weiter als die Buchstaben, die, wie ein Bild, den Firmennamen darstellten. Hier, wo Fläche so teuer war, dass man in die Höhe bauen musste, bleibt der einzige einsehbare Raum leer, wie in Kyoto, der Kaiserstadt, die in der Mitte eine bauliche Leerstelle hat. Mark Wigley bezeichnet die Hochhäuser Manhattans als manifestation of greed.

Frankfurt, knapp 750 000 Einwohner, aber wie Goethe es über Bethlehem geschrieben hatte »so klein und doch so groß«, hat tatsächlich dieses Beieinander von protzig und bescheiden bis ärmlich und wieder zurück, das in den Artikeln über Berlin (die Hauptstadt) so lange beschworen wurde, bis es zumindest in Berlin selbst niemand mehr noch einmal lesen wollte – weil es ja einfach nicht stimmt. Es sei denn, man machte während der Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, PKW oder Fahrrad die Augen fest zu. Während des Transfers von der einen sozialen und architektonischen Situation zur anderen, ändert sich dort nämlich allerhand. Die Gegensätze sind da, aber sie wirken nicht krass, weil es kein Stadtviertel gibt in Berlin, wo ich beispielsweise am Potsdamer Platz rechts abbiege und schon bin ich aus einem Areal spiegelnder Türme auf einer Meile des Elends gelandet, wo sich vor einer Kulisse aus sogenannten Laufhäusern mit rosafarben beleuchteten Fenstern die dubiosen Gestalten auf der schummrig beleuchteten Straße gegenseitig drangsalieren (und dann, ein paar Schritte weiter, leuchtete die schaumig geformte Fassade des Hauptbahnhofes). Das »Groß-Stadt-Getrie-hie-be-he«, mit dem Udo Jürgens seine Glissandi begleitete (in Siebzehn Jahr‘, blo-hondes Haar), hier: ist alles zusammengedrängt und zu einer Koexistenz gezwungen, in Berlin gibt es das alles zwar auch, aber es existiert entzerrt auf das Stadtgebiet verteilt und wirkt dadurch beinahe geordnet (man taucht auf und ein). Frankfurt wirkt dadurch filmhaft beim Hindurchspazieren, Berlin wird erst im Schnitt zu diesem Film, den alle schon so oft gesehen zu haben meinen oder glauben. Und das in etwa seit Drei Damen vom Grill.

11.12.

Schönes Datum heute, aber Zahlen lassen mich ungerührt. Wenn unsere Zeitrechnung hingegen mit Buchstaben notiert würde Punkt, Punkt, Punkt.

Trübe Aussicht, zwar kein Nebel, aber der Himmel scheint aus ausgeleierten Schläuchen zu bestehen, gefüllt mit nassem, grauem Material (man will es nicht wissen, was es ist; also ich). Bloß einmal geradeaus auf ungefähr zwei Uhr gibt es eine rundliche Öffnung, dahinter leuchtet das Himmelblau. Den einzig schönen, weil überhaupt sichtbaren Sonnenaufgang gab es, seitdem ich hier bin, gestern. Bald darauf war im Internet schon beinahe eine Mannigfaltigkeit von Aufnahmen des in zarten Farben getönten Morgenhimmels, vor allem halt gespiegelt in den Hochhäusern des Bankenviertels, durchzogen von wie Kreidestriche anmutenden Kondensstreifen, aber auch reflektiert von dem vom Nachtregen glänzend gemachten Asphaltbelag der Straßen, hier insbesondere als ein Motiv begehrt, sobald darüber eine S-Bahn-Brücke Sonnenschatten spendete, es dahinter aber himmlisch rosa ward.

Diese Technik, von der ich neulich in der Zeitung las, Apple hat sie bereits an Konzertveranstalter vermarktet, scheint vom Prinzip her aus einer Art Störsender zu bestehen, der bestimmte Funktionen des iPhones auf Kommando lahmlegen kann (also während des Aufenthalts an einem Veranstaltungsort beispielsweise die Kamerafunktionen des Smartphones). Sie wird dann auch von Neuschwanstein aus, in den Häfen von Bilbao und Sidney, vom Berliner Fernsehturm herunter und im Frankfurter Bankenviertel betrieben werden. Kaum scheint die Sonne, kaum geht sie mal ansehnlich unter oder auf, wird das Fotografieren des Schönen kostenpflichtig. Man lässt die Motive per App freischalten, um sie fotografieren zu können. Auch schöne Menschen, also beispielsweise solche mit einem malerisch zerfurchten Gesicht wie Samuel Beckett, oder sein Verkörperer in dem Videoclip von Killing An Arab, werden sich einen dieser Störsender implantieren lassen. Die interessanten Tiere im Zoo auch, klar. Das Schöne angucken bleibt aber bis auf Weiteres kostenfrei.

Sehr toll wird dann freilich die Gegenbewegung, betrieben von den Leuten, die absichtlich nur das Unansehnliche, das also offiziell Unschöne, beziehungsweise nicht Fotografierenswerte fotografieren und ihren Anhängern zur Verfügung stellen werden. Aus Trotz, vielleicht auch noch schnöder: Aus Geldmangel wird diese behauptete Schönheit dann zwangsläufig zu einer etablierten sich mausern. Möglich, auch wenn es mir gerade zu komödienhaft vorkommen will, dass die durch solche Aufnahmen zu Gesellschaftsruhm und folglich auch zu Wohlstand gekommenen Künstler, dann wiederum ihre einst unansehnlichen Motive zu kostenpflichtigen Sehenswürdigkeiten codieren mithilfe der Störsender-App. Woraufhin dann das Bankenviertel bei Sonnenuntergang mit einer eigens produzierten Imagekampagne als Classic Sight beworben werden wird; man befände sich in einem Wettbewerb mit Capri, der Insel und dem Central Park zu Zeiten des Indian Summer.

Seitdem ich hier auf dem Weihnachtsmarkt die erste gebratene Rindswurst am Stand des Eberhardt gekauft, ging es mit meinem großen Rindswurst-Test bloß noch bergab. Beispielsweise ging ich in der Kleinmarkthalle beinahe achtlos an einem Stand vorbei, weil ich von dort keine Bratdüfte hatte vernehmen können. Bloß um hinterher zu erfahren, dass ausgerechnet dort heiß gemachte Fleischwurstringe verkauft würden, deren gewünschte Abschnittslänge die Kunden vermittels einer pantomimischen Geste aus schieblehrenhaft zueinander parallel gehaltenen Handflächen anzuzeigen aufgefordert waren.
Ein Sample, geholt bei Erich Zeiss, bestehend aus einer traditionellen Rindswurst und seiner pikanten, brachte kaum so viel Neues – Zeiss führt seine Stadtmetzgerei seit dem Schicksalsjahr 1908 –, dass ich noch Lust verspürte, weitere Rindswürste probieren zu wollen.
Das Packaging der als Jahrhundertmetzgerei gepriesenen Sachsenhausener Institution Gref-Völsing – übrigens von zwei Frauen geleitet, von denen eine Friederike heißt; außerdem wurde im Schicksalsjahr 2009 eine Straße im Frankfurter Ostend in Gref-Völsing-Straße umbenannt – ist ein Hammer. Die Würste: freilich auch. Wobei mir beim Abbeißen von den Gref-Völsingschen Rindswürsten der für mich besonders ärgerlicherweise von Bertolt Brecht stammende Klassiker des Mansplaining in den Sinn kam, nämlich dass es sich bei Enttäuschung um ein Produkt von Selbsttäuschungen handeln wird. Es spielt im Falle GV vermutlich stark der historische Fakt hinein, dass die Eheschließung des Schlachtermeisters Karl Gref am Tag seiner Firmengründung vollzogen wurde. Beziehungsweise verhielt es sich aus seiner und seiner Ehefrauens Sicht halt exakt umgekehrt: die Wurstfabrik wurde eröffnet, die Ehe geschlossen. N’importe quoi.

Lustig war es aber auch. Beispielsweise als wir auf dem Markt im Kaisersack noch früh am Morgen eine Rindsbratwurst bestellten, der sogenannte Vogelsberger so eine aber noch nicht fertig hatte. Das allein noch nicht, aber als er dann in die uns als Ersatz angebotene Käsekrainer pikste, spritzte die ihm ihren heißen Käsesaft ins Aug‘! Gottlob ist der Hesse an sich gemütsruhig. Gemeinsam wurde dann noch viel gelacht.

10.12.

»Kanzi® ist ein erfolgreicher Apfel, der durch seinen hervorragenden Geschmack überzeugt. Die Süße und der knackige Biss von Kanzi® sind unvergleichlich. Wer einmal diesen exquisiten Apfel gekostet hat, wird begeistert sein«, so steht es in weißer Schrift auf dem schwarzen Karton, in dem vier Stück des Apfels Kanzi® zum Kauf angeboten werden. »Zögern Sie nicht…probieren Sie Kanzi®.«

Der Apfel schmeckt okay. Sympathisch, frisch. Es gibt eine eigene Website (kanziapple.com), auf der Apfelrezepte und ein paar Informationen zur Züchtungsgeschichte zur Verfügung gestellt werden. Hier, in der Stadt des Apfelweins, interessiert das selbstverständlich. Aber sonstwo? Legt man den erfolgreichen Kanzi® übrigens falschrum hin, also auf den Stiel und nicht auf die Blüte, dann fängt er dort nach zwei Tagen kreisrund rings um den Stielansatz an zu faulen, wie alle anderen Äpfel auch. Gegen die Reifungsgase ausdünstenden Bananen und Zitrusfrüchte in seiner Obstschale ist auch der Kanzi® noch nicht immun und reift unweigerlich mit allen anderen mit. Und wer die Züchtungsgeschichte gelesen hat, wird einigermaßen enttäuscht sein, wenn er so drauf ist wie ich, denn der sirihafte Ton des Textes verheißt ja zumindest die Ankunft eines Retortenapfels à la synthetische Schlange, aber tatsächlich ist der Erfolgsapfel halt doch bloß eine Frucht vom primus malus, gekreuzt aus den Sorten Gala und Braeburn.

Gestern sprachen wir länger über basale Erfahrungen und wie sie vermutlich unsere Abneigungen und Vorlieben geprägt haben werden. Auch kulinarisch: Ich stamme aus einem Apfelanbaugebiet, der Apfelsaft aus Heimerdingen gehört, nach wie vor in der Fabrik der Familie Bayer ausgepresst, zu den besten der Welt. Finde ich, aber das hat vermutlich mit meinem ersten Trinkerlebnis zu tun; mein erster Apfelsaft war einer aus Heimerdingen und so müssen seit jeher sämtliche Apfelsäfte sich mit jenem tiefgoldenen und muskatgefärbten Nass aus Heimerdinger Streuobstwiesenäpfeln (und ein paar Birnen pro Liter, denn es wird noch immer von Hand sortiert und irgendwann muss man halt auch mal niesen, oder vom Vesperbrot abbeißen dürfen) sozusagen messen. Wohinein auch spielen dürfte, dass ich mir meine ersten Mark in den Schulferien als Sortierer und Entlader von Traktoranhängern und später auch Lastwagen bei den Bayers verdienen durfte. Einmal, da war die Ernte schlecht gewesen und man hatte einen Lastwagen voller Äpfel aus Belgien bestellt, da schwamm im Wasser des Sortiergrabens ein Feinrippunterhemd an mir vorbei. Und, jung und dumm wie ich war, stellte mir vor, wie der Geschmack des ausgepressten Feinrippunterhemdes so ganz fein und leicht, subtil, wie ich es heute nenne, in den Säften einer bestimmten Charge herauszuschmecken sein würde.

So wird es dazu gekommen sein, dass ich den Anblick nasser Äpfel, vor allem den Anblick von Äpfeln im Frühtau zwischen Grashalmen, insbesonders wenn es grüne mit dünnen roten Streifen und einigen dunklen Flecken sind, schön finde. Ja, dass mich dieser Anblick sogar mit heimatlichen Gefühlen beschickt zurückzulassen schafft. Und als ich 1998 zum ersten Mal die Buchmesse besuchte, sah ich im von gelblichem Scheinwerferlicht bestrahlten Innenhof einer Sachsenhausener Apfelweingaststätte auch auf einen großen Haufen nasser Äpfel, die dort zu einer vagen Pyramidenform aufgeschüttet lagerten. Nur so, also im Anblick dieser nassen Äpfel dort in Sachsenhausen, konnte ich wohl diesen folgenden Abend dort überstehen. Der Apfelwein selbst ist nämlich fürchterlich. Und das gestern wie heute: er schmeckt einfach grässlich. Noch nicht einmal abstoßend, sondern gar nicht. Sauer und fad. Ich bin aber sowieso nicht dafür, dass man, wie Carl Schmitt es in liebevoll tadelnder Absicht über seinen fehlgegangenen Schüler Gerhard Nebel schrieb, »gleich Neptun anruft, wenn man einen Brathering vor sich hat«. Den Kölnern ihr Kölsch, den Mexikanern ihre Pulque lautet meine Devise. Hesse ist, wer Hesse sein will, so lautet bekanntlich die Zinnsche Definition des Hessentums; das Apfelweingutfinden fällt da bereits unter den Tisch.

Im Rahmen meines mittlerweile extrem großen Rindsworscht-Tests probierte ich auf dem Weihnachtsmarkt sogar den sogenannten Heissen, also einen Glühapfelwein, dessen namensgebende Erhitzung (man spricht es sympthischerweise wie Hase aus!!!) mir aber in den Worten meines unseligen Mathematiklehrers (Manfred Deschner! Das war eine Type – müsste ich glatt mal eigens beschreiben, es klänge wie ausgedacht, also literarisch as hell) als veritable Verschlimmbesserung vorkommen wollte. Apfelwein und ich: we don’t match. Dass auch das regionale Bier aus der Brauerei Binding nichts taugt, dieses Fass lasse ich lieber zu. Doch soll ein Spezialfall, der uns im anmutigen Ambiente der Marktstub‘ in der Kleinmarkthalle zur Bratwurst serviert worden war, nicht unerwähnt bleiben: Der frische Apfelmost der Kellerei Haas, zuletzt im Jahre 1978 mit einer Bronzemedaille der DLG e.V. ausgezeichnet, schmeckt im Vergleich zu den übrigen Erzeugnissen der Apfelweinszene hier schlaraffisch, kommt aber leider noch nicht einmal annäherungsweise an die Produkte schwäbischer Mostkellereien heran. Und, aber da bin ich wie gesagt frühkindlich geprägt: Über all diesen Flüssigkeiten schwebt, einem Wasser über den Wassern gleich, der Heimerdinger Apfelsaft im goldenen Ornat.

9.12.

Dieses herrliche Einkaufszentrum! Gestern, eigentlich hatte ich bloß Glühbirnen kaufen wollen, war ich dort schon um kurz nach neun. Um dann aber festzustellen, dass die Geschäfte erst ab zehn geöffnet werden würden. Ohne leider und zu müssen, übrigens. Es gibt keinen mir bekannten Ort in Deutschland, der von Menschen gemacht wurde, und der eine vergleichbare Anmut besitzt wie dieses Einkaufszentrum eine halbe Stunde vor der Ladenöffnungszeit. (Apropos: Stellen Sie, liebe Leser, sich doch bitte vor, gerade jetzt, da Sie diese Zeile mit der Anmut und dem Einkaufszentrum lesen, schöbe sich von oben her ein tannengrünes Schild ins Bild, auf dem dann nach einem einleitenden »Entschuldigen Sie die Störung« die Redaktion waahr um Spenden bitten würde. Ist mir eben genau so auf Wikipedia passiert, als ich kurz nachschauen musste, wie der Terminus technicus für die Öffnungszeiten für Geschäfte, Läden u.ä. lautet. Also ich finde das aufdringlich. Unangenehm. Zumal ich nicht unbedingt auf Wikipedia hatte nachschauen wollen, ich gab das Suchwort Ladenöffnungszeit bei Google ein. Wusste es eigentlich eh schon vorher et cetera.)

Der Grundriss des Gebäudes ist dem Ausschnitt aus der Silhouette einer kurzen, dafür extrem breiten Schlange nachempfunden, die sich gerade voranschlängelt. Darauf bauen sich zwei Stockwerke auf, in denen – das weiß ich seit gestern; es wurde mir mitgeteilt in jenem magischen Moment, den ich hier mit seinen Facetten zu beschreiben versuche – 170 Geschäfte untergebracht sind. Snackbars, Nailbars, Saturn, Turnschuhe, Rewe, dm, alles. Sogar eine Filiale des von mir so extrem geschätzten schwedischen Dekoladens Flying Tiger (wenn auch mit einem, im Vergleich zu dem in Schöneberg, empfindlich reduzierten Sortiment). Ein zentral im Erdgeschoss (das hier weltmännisch Grundebene sich heißt) aufgestellter Geldautomat, gibt die Scheine wahlweise in Schweizer Franken, US-Dollar oder eben Euro aus. Es ist dort, vor Beginn der Ladenöffnungszeit, still. Nur wenige Männer sitzen in den Wartezonen auf kurzen, mit genarbtem Kunstleder bezogenen Polsterbänken. Sie warten jeweils vor den mit eisernen Rollgardinen (ich schaue jetzt n i c h t mehr nach, weil ich nichts spenden w i l l !!!) verhängten Eingängen zu den Geschäften, die vor Beginn der Ladenöffnungszeit (damit hat sich jetzt meine Spende amortisiert) noch geschlossen haben. Ihre wenigen Besitztümer: Schlüsselbund (werden auch immer dürrer, seit es Codekarten und Systemschließanlagen gibt), Smartphone, Riesenkaffeebecher breiten sie auf dem Polster neben sich aus. Die Jacke lassen sie an. Den Schal auch um, obwohl es vor der magischen Stunde schon angenehm temperiert ist in den Gängen des Einkaufszentrums. Männer mögen keine Handtaschen. Viele lehnen sogar die offizielle Alternative Umhängetasche ab. Die meisten Männer haben sich aber gleichwohl von der althergebrachten Aktentasche abgewendet. Männer sind halt nicht nur in Bezug auf ihre Haltung den Taschen gegenüber wie traurige Geheimagenten, da hatte und hat Clemens J. Setz halt recht. Ob dem so sein wird?

Kunsthistoriker werden in dreitausend Jahren anhand der Ruine des Einkaufszentrums einen klugen Vergleich ziehen wollen hinsichtlich dem Grundriss (Schlangen dann vermutlich ausgerottet und, wie von Philip K. Dick prophezeit, allenfalls als verbesserte Nachbauten erhältlich; Sünde demnach auch bloß noch mimetisch empfunden – aber was heißt schon bloß noch; wer weiß, wie das dann kicken wird) und Hogarths Line of Beauty and Grace. Momentan befinden wir uns noch zu nah dran am 17. Jahrhundert (Die Lebensdaten Hogarths weiß ich ungefähr auswendig. Was mir größere Schwierigkeiten macht, ist die Umrechnung von Viererkombinationen in Jahrhunderte: 1856 beispielsweise: welches Jahrhundert? Bin dann immer versucht, 18. zu sagen, weil eine 18 die Kombination einleitet), um die Schönheit des Einkaufszentrums nüchtern sehen zu können, ungetrübt von den letzten zweihundert Jahren Malerei und Skulptur. Von daher kommt es uns mit seinen geschwungenen Gängen, den vogelnestartig über die armierten Brüstungen hängenden Sitzblasen, den Skeuomorphismen allerorten, den von innen nicht etwa traditionell ausgemalten oder blattvergoldeten, sondern violett verspiegelten Kuppeln und den Ausblicken hier und da auf getönte Stadtlandschaften und himmelhohe Türme einfach nur postmodern vor. Das ist momentan noch der einzige Begriff, den wir uns dafür gegeben haben. Aber in dreitausend Jahren! Da wird diese Epoche exakt und sehr fein in ihre Phasen zerlegt und beschrieben sein, dass es eine Lust sein wird, uns zu studieren.

Es war dann so, dass zu der Zeit, da die magische Stunde in dem Einkaufzentrum kurz zuvor stand, sich an dem Stand mit der Überschrift »Deluxe Döner« drei frisch aufgesteckte Dönerspieße sich vor keinem Publikum, und kein Tresenangestellter weit und breit zu sehen, nur für sich alleine drehten. Geräuschlos. Ein mechanisches Ballett. Wie einst von Sven Väth, dem großen Schamanen, Sohn der Stadt Frankfurt, in deren Mitte dieses Einkaufszentrum mehr gelandet schien als errichtet, prophezeit, als er sein den Techno zugleich beendendes und neuschaffendes Album nach diesem Moment of Beauty und Grace, dieser drei grazienhaft sich um sich drehenden Dönerspieße im menschenleeren Einkaufszentrum, schon so benannt hatte: The Harlekin, The Robot, The Balletdancer. Auch hier schon: Entwicklung. Auch hier: Zukunftsoptimismus. Auch hier, letztendlich: A Line of Schönheit und Anmut. Und dann: Eine sirihaft weibliche Stimme ertönt. Es gibt keine Schluckgeräusche, keine Atempausen mehr. Sie heißt die Besucher des Skyline Plaza Centers willkommen: »Alle 170 Geschäfte sind ab sofort für Sie geöffnet«. Und währenddessen heben sich mehr oder minder geräuschlos, aber synchron, sämtliche der eisernen Rolltore und geben den Blick auf die dahinter sich formierenden Verkäuferinnen frei. Die Wartenden erheben sich von ihren Bänken. Die Stimme aus den zahllosen Lautsprechern auf den bis eben noch menschenleeren Fluren des Einkaufszentrums wünscht einen schönen Tag. Im Anschluss läuft Lana Del Rey.

8.12.

Fremde Städte lassen sich am schönsten vom Sortiment ihrer Supermärkte her erschließen. Sozusagen in einer Archäologie der Gegenwart, als die einst DJ Shadow seine Methode beschrieben hat. Zugegebenermaßen habe ich damit zunehmend Schwierigkeiten, da sich die Sortimente aneinander angleichen – das Angebot in einem Supermarkt in Manhattan unterscheidet sich nicht mehr groß von dem eines Supermarktes in Berlin (um jetzt nicht eine völlig grotesk an den Haaren herbeigezogene Stadt wie Lima bloß um ihres grotesk an den Haaren Herbeigezogenseins willens zu nennen); allenfalls unterscheiden sich ländliche Supermärkte in der Republik Kongo noch deutlich von denen auf St. Helena, was dann wiederum in beiden Regionen mit der jeweils spezifischen Beschaffungsproblematik zu tun hat (und nicht etwa mit dem theoretisch verfügbaren Angebot, beziehungsweise mit der über das Internet selbst in abgelegensten Regionen geweckten Nachfrage danach).

Hier jedenfalls, in der Frankfurter Innenstadt, gibt es einen diesbezüglich für mich hochinteressanten Supermarkt, weil er, also man dort, die Mangelwirtschaft Bulgariens abbildet. Es ist also eher kein Supermarkt, sondern ein Laden, der keinen in einer für mich lesbaren Schrift dargestellten Namen hat, also - wie ein Frisör ohne Namen in Berlin - als Laden ohne Namen in Frankfurt Erwähnung finden soll. Im Eingangsbereich, wo ansonsten noch in Knisterfolie verpackte Cremetorten gelagert werden, stehen einige wenige Kisten mit Weißkohlköpfen, in grün und rot melierten Paprikaschoten, Gemüsezwiebeln und losen, mit einer erdigen Staubschicht umschlossenen Kartoffeln herum. Dazwischen drei, nicht ineinander geschobene Einkaufswagen. Dann gleich Alkoholika, aber nur wenig. Auch die Auswahl eher lustlos: warmes Bier (die Coca-Cola- und Spriteflaschen werden in einem Kühlschrank mit Werbeleuchtschild von Coca-Cola präsentiert), Pfefferminzlikör (oder Schnaps, ich konnte es nicht lesen, aber die Farbe der Flüssigkeit deutete auf Pfefferminze hin), Wodka (oder etwas ähnlich Klares), sowie der in der DDR unter Schriftstellern und Theaterregisseuren* beliebte, nicht aber begehrte bulgarische Rotwein. Dann noch etwas Wurst, also Dauerware, die selbst für einen extremen Wurstfreund wie mich einen extrem bedauerlichen Eindruck machte (aber jede einzelne davon noch appetitlicher als die angebliche Spezialität in Hessen Ahle Worscht), kaum Käse (und wenn schon mal, dann lag er in Salzlake versunken), viele Süßigkeiten. Etliche Regalmeter blieben leer, um, wie gesagt, die heimische Mangelwirtschaft Bulgariens abzubilden. Ich hatte auf Petersilie gehofft, kaufte dann Liebstöckel, getrocknet, die Tüte zu 39 Cent. Zwar war mir durchaus bewusst, dass die Grüne Sauce größtenteils aus frischen Kräutern zu bestehen hat, aber was sollte ich machen, wenn es nun mal keine gab?

Bei Penny übrigens auch nicht. Obwohl der, Stichwort Archäologie der Gegenwart, lediglich von einer vierspurigen Schnellstraße (Symbol für die Zeit) getrennt auf der anderen Seite ein und desselben Stadtviertels lag, stand, sich befand. Dort, ich müsste es absichtlich verschweigen, um keine politische Aussage zu treffen, aber es war tatsächlich so und trug sich folgendermaßen zu, dass im Supermarktradio eine männliche sirihafte Stimme die den feierabendlichen Alkoholkauf untermalende Muzaq unterbrach, um mit einem »Liebe Pennykunden« anzuheben. Dann fuhr sie fort: »Es ist Weihnachtszeit bei Penny. Um Sie und Ihre Lieben zu verwöhnen, haben wir diese Woche im Angebot das dreilagige Toilettenpapier Happy End mit himmlischem Spekulatiusduft und Weihnachtsbaummotiven«.

Ganz klein, in die Ecke gedrängt vor einem Notausgang, entdeckte ich ein Gebinde billigen Apfelweins in PET-Flaschen. Auf den Etiketten stand in silberner River-Cola-Typo auf weinrotem Grund Stöffsche.

Na gut. In der die beiden Welten verbindenden Gass‘ schaute ich mir dann gerade die Auslag‘ eines extrem dubiosen Ladens an, der gefälschte Telefonkarten, aber auch geklaute Telefone und Computer im Schaufenster hatte, da hielt direkt neben mir und entgegen der legalen Fahrtrichtung dieses Einbahnsträßleins ein Maserati Dueporte mit einem extrem kurzen Frankfurter Nummernschild (F-F 6). Der Fahrer, ein mich um einen Kopf überragender Mann, schaute mich auch an, nachdem ich ihn wohl zu lange bereits angeschaut hatte. Dann machte er eine Kopfbewegung die übrigen Autos am Straßenrand betreffend: »Einbahnstraße oder was?«

»Ja«, sagte ich. »Macht aber nix!«

»Ernsthaft! Seit wann?«

»Seit gestern.«

»Echt!«

»Nein, nein, war nur Spaß. Ist schon eine Weile so.« Und fühlte tatsächlich Erleichterung, als er mich sozusagen vom Haken ließ und beinahe herzlich wurde: »Ändert sich ja dauernd hier, Scheiß.«

*Quelle: Das Leben der Anderen, BRD 2006

7.12.

Rehe in Landschaft mit Sonnenuntergang, gemalt von Anton Zwengauer: Vor diesem Bild blieb ich im ersten Nebenraum des Städel Museums lange stehen. Von weiter her hatten mich die im Spiegel des Sees dargestellten Farben des Sonnenuntergangs angezogen. Das Bild, die Farben vor allem, erinnerten mich an daheim. Gleich daneben hing der mir liebe Rosenfreund von Carl Spitzweg. Entstanden im selben Jahr wie Zwengauers Gemälde. 1848 war also ein gutes Jahr für die Malerei. Und so sehr ich das Städel Museum gut finde, mit der Bildbeschreibungstafel für den Rosenfreund war ich nicht einverstanden. Wer auch immer die verfasst haben mochte, es wird dem an einer Rose schnuppernden Wanderer dort Voyeurismus unterstellt! Das lässt sich, ganz eventuell und mit sozusagen erotomanem Willen in die Komposition hineinlesen (im, auf dem Original übrigens im Vergleich zu meiner Postkarte, noch einmal doppelt sinister verschatteten Garten, ist ja ganz weit hinten im Schatten eine Frau auszumachen, die sich, wenn man so will, von einer anderen Gestalt, könnte ein Mann sein, stützen, eventuell sogar umarmen lässt, während dahingegen im vom letzten, geradewegs im scheiden begriffenen Sonnenlichte, das den an diesem schatt’gen Grundstücke vorbeiführenden Pfad noch streift, der Rosenfreund, ein im übrigen, es ist ihm anzusehen, unbescholt’ner junger Mann mit einem Stapel Bücher in der linken Hand, die er im Rücken hält, um sich zu stützen, zum Zwecke dass er an die dort am Zaune zum schatt’gen Grund emporrankenden Rosen schnuppernd sich erquöcke), doch wozu?

Hat möglicherweise etwas mit der museumspädagogischen Haltung des Hauses zu tun, die Themenausstellung Geschlechterkampf, derentwegen wir auch gekommen waren und die nach diesen ersten, Altmeister wie Carl Spitzweg und Anton Zwengauer ausstellenden Räumen beginnen sollte, war jedenfalls ebenfalls auf der textlichen Ebene etwas boulevardesk geführt. Das Treppenhaus ist mit Zitaten aus Zeitschriften und Zeitungen tapeziert, die irgendwie zusammenhängen, weil es in den Textstellen jeweils irgendwie um Männer und Frauen geht bzw. ging. Man hätte also in dem Stile vermutlich sogar ganz Frankfurt, ja sogar die unter Journalisten beliebte Strecke vom Planeten Erde bis zum Trabanten Mond und wieder zurück tapezieren können; ein anderer Serviervorschlag bestünde darin, sämtliche Textstellen ohne Quellenangaben zu einem einzigen Text zu montieren und den als einen die Ausstellung begleitenden Essay abdrucken lassen.

Die gezeigten Bilder hingegen sind überwiegend interessant und oft auch sehr schön. Ich kannte Leo Putz auch gar nicht, vor dessen Gemälde Der Schneckenkampf mich erneut das Heimweh kurz ergriff. Die Zusammenstellung konzentriert sich auf die ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es gibt ein ganzes Kabinett mit den tollen Bildern von Franz von Stuck, den ich verehre. Unter anderem ist Die Sünde zu sehen, die ich zuvor noch nie im Original vor mir hatte. Die Materialität der Schlange, also wie das die Schlange im Zickzack überziehende matte Narbengewebe sich absetzt von der wie schleimig glänzenden Schuppenhaut (Victor Hugo stellte sich den Sternenhimmel als eine Schlange vor, von Sternen geschuppt, die nächtens ihren Leib um unsere Erde enger zieht wie um ein Ei) und dann noch einmal mit demselben Pinsel gemalt: vom winzigen, dafür umso kostbarer funkelnden Aug‘. Und wie das Gesicht der Sünde dort im Dunkeln glüht!!! Und es gibt das Bild eines Künstlers namens John Collier, Porträt der Klytämnestra kurz nach dem Zerhacken Agamemnons. Collier, der Engländer war, malt die Frau mit Doppelbeil (angeblich ja ein Symbol für sapphische Präferenzen?) wie nach den neuesten Erkenntnissen der Profiler mit hängenden Schultern (angeblich macht das Töten ja angenehm müde, vergleichbar mit dem Verlangen nach einem Chillout nach dem Rave), das Blut sickert zwischen grandios gemalten Marmorfliesen in einen Spalt, aber besonders sind vor allem Licht und Farben: Das Bild sieht aus wie ein Standbild aus Ben Hur, also von der Farbigkeit her, aber gab es denn da überhaupt schon farbigen Film? Irritierend jedenfalls. Aber auf eine sehr gute Weise. Man schaut es immer wieder und das gerne an. Auch von weitem noch. Durch die Flucht der Räume. Wie um Abschied zu nehmen. Weil es ja dort hängen bleiben muss.

Museumsshop größer als das Museum selbst. So ist sie halt, die Zukunft. Es hätte schlimmer kommen können für die Kunst. Passend zur Ausstellung gibt es Geschlechterkampftee. Riecht schon durch die Tüte irgendwie oll. Am Kaffeetresen empfiehlt uns der freundliche Barista ein Buch. Ohne dass wir uns ihm vorgestellt hätten. Le Corbusiers Sustainable Cabin im Birkhäuser Verlag. Sehr schönes Buch. Über Hütten für zwei, die man an schönen Orten aufstellen kann. Könnte. Wie kommt er darauf? Draußen ist der Nebel mittlerweile von den dreißigsten Stockwerken auf die zwölften herabgesunken. Man weiß schon beinahe nicht mehr, in welcher deutschen Großstadt man sich gerade befindet. Jemand hat den Platanen ein Leid getan. Und zwar allen dasselbe.

6.12.

Geräusche raten im Bett, noch bevor es hell geworden ist: Was die dazugehörigen Menschen wohl machen?

»Krch-ch-ch-kh, krch-h-h-ckh!«, kann ja nicht gerade vieles, aber doch einiges sein. Liegt noch ein bisschen Nachhall drunter (der Nachbar schlägt die Haustür zu wie einen Gong im Buddhistenkloster), wird es eine Schippe sein, wahrscheinlich also von der Baustelle gegenüber das Geräusch, wo – von der Zeit her könnte es hinkommen – ein Bauarbeiter* mit der Schippenrückseite nach oben über den Asphalt schabt, um mit der Schippenkante etwas, vielleicht Dreck, der aus den Stollen des Planierraupenreifens gebrochen dort festgebacken liegt, zu lösen.

Kein oder wenig Nachhall: dementsprechend kleine Schippe. Winzlingsschippe: ein Eiskratzer nämlich zum Windschutzscheibenfreikratzen. Es ist ja so kalt. Gestern, wir waren gerade auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt, der ja einer der ältesten in ganz Deutschland sein soll, fing es kurz nach 18 Uhr an zu schneien. Der erste Schnee in diesem Jahr! Sanft und eher tanzend als rieselnd wurden die feuchten Flöckchen im orangefarbenen Licht einer Straßenlaterne sichtbar. Dann kam die Bahn. Als wir inmitten des Weihnachtsmarkt durch den Schacht der Rolltreppe an die Oberfläche befördert wurden, war es mit dem Schneien schon wieder vorbei. Es wird aber wiederkommen. Auch heute morgen riecht es schon danach.

Weihnachtsmarkt ansonsten sehr gut. Insbesondere der historische Kern auf dem Römer auf Höhe des tollen Wandmosaiks, wo ein Riesenvogel die Kreuze aus den Gräbern zieht und gen Himmel schickt. Die Outskirts des Marktes in Richtung Zeil werden stilecht dann zunehmend ghettohaft, aber das ist ja mittlerweile überall so. In Berlin gibt es ja nur einen einzigen erträglichen Weihnachtsmarkt, das ist die gated Weihnachtscommunity auf dem Gendarmenmarkt, wo Eintritt verlangt wird, und sämtliche Geschäfte in auf einem Raster (Methode Mannheim) ausgerichteten orientalischen Schlumpfzelten auf die zahlenden Besucher warten. Da stehen dann original sächsische Glasbläser bereit, um ihr mundgeblasenes Glas zu verkaufen et cetera. Gibt natürlich auch Currywörscht. Im Idiotikon des Berlinischen, das ja unter den Mundarten eine Sonderstellung einnimmt, immerhin!, weil es als ein Soziolekt begriffen werden muss, steht freilich Cürriwourst. Hier hingegen bekam ich gestern am Stand des Eberhardts meine erste Rindswurst**. Ganz was eigenes. Ich bin zwar weiterhin der Meinung, dass die Stuttgarter Rote die (leider) ungekrönte (doppelt leiderdings auch: ungekrönt von den Stuttgartern; man unterschlägt dort einfach ihre Delikatesse, so wie man auch im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung, das ja nicht immer schon so belanglos war, traditionell die in Stuttgart schaffenden Schriftsteller unterschlagen hatte; dass man es mittlerweile nicht mehr tut, und sich beispielsweise der Existenz von Anna-Katharina Hahn dann rühmen tut, beweist halt trauriger- und beinahe schon perverserweise, dass es mit der Seriosität der Stuttgarter Zeitung abwärts gegangen ist und geht) Königin unter den Bratwürsten Deutschlands ist (in Frankreich rühme ich die Merguez!); Frankfurter Rindswurst aber ab jetzt auf Platz zwei. Züricher Cervelat auf Platz drei.

Dann lange, lange nichts. Aber dann, ganz wichtig: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Peter Handke!

* Es wird übrigens kein Platz, es wird ein Haus!

** Die Detailrankings meines umfassenden Rindsworschttestessens, sowie meine dezidierten Ansichten zur unseligen hiesigen Tradition, den Apfelwein erhitzt auszuschenken, folgen in der Wochenendausgabe Escape from Mainhattan des Tagebuchs 2016—The Year Punk Broke.

5.12.

Ein Platz wird gebaut in der Frankfurter Innenstadt. Die Geräusche der Baumaschine dringen von weit her durch die geschlossenen Fenster. Als Abwechslung finde ich es schön, wenn es morgens mal nicht still ist draußen. Die Maschine ist, ohne aus dem Fenster zu schauen, schwer bis unmöglich vorzustellen. Die Geräusche klingen lange erst so, als ob es sich um eine Maschine handelte, die etwas Schweres, Klumpiges aus Eisen zwischen zwei aufrecht stehenden Platten aus Eisen hin- und herschüttelt wie einen Klöppel. Dann entsteht eine Pause und es rührt und röhrt nur der Motor. Es wird vollkommen still und dann werden übergangslos und kurz hintereinander eiserne Röhren, in etwa zweieinhalb Meter lang, die einen Durchmesser von 50 Zentimetern haben, eine kurze Rampe hinuntergerollt. Daraufhin noch einmal der Motor in seinem geräuschvollen Leerlauf. Und das Ausschütteln von eiserner Schmutzwäsche aus einer eisernen Tüte. Es sieht so aus, als ob rings um den Platz schwarz lackierte Poller in den Erdboden eingelassen werden. Vor einer Häuserwand steht ein Erdbohrer bereit. Außer einem kleinen Bagger ist keine weitere Maschine zu sehen.

Gestern waren im Palmengarten die Becken und Teiche dünn vereist. Da mit der Stiefelspitze vorsichtig aufdrücken und dieses langgezogene Quietschen, bevor das Eis ins schwarze Wasser bricht – die Sonne schien aus klarem Himmel, an dem der dünne Mond erschienen war. Ein Kondensstreifen führte durch sein Bild hindurch, als ob er daran aufgefädelt würde. Es gab natürlich noch so einige Kondenstreifen zu bewundern, bevor es dann dunkel wurde (übrigens weit später als in Berlin; es bleibt hier länger hell am Nachmittag, weil Süden vermutlich). Ich dachte an das I Ging, das im letzten Sommer gesagt hatte, dass der Südwesten Rettung bringen wird. Wie kann das sein?

Eine junge Frau und ein junger Mann, beide aus Russland (zumindest werden sie Russisch angesprochen von einem Fotografen mit professionell wirkender Kamera) posieren im letzten Sonnenlicht. Hier werden die Spielszenen für eine Pornogeschichte ausfgenommen. Das sieht man den Posen, das sieht man der Kleidung (vor allem seiner!) deutlich an. Der Fotograf ordnet ihr an, vor einem teils bereiftem Rosenbusch niederzuknien und eine dort im Sonnenlicht hängende Rosenblüte mit spitzen Fingern an ihr Gesicht heranzuziehen. Sie soll dort im Knien vor dem Rosenbusch die Rose zwischen die Lippen nehmen, während ihr Begleiter etwas abseits neben ihr steht und ihr die Hand tätschelnd an den Hinterkopf legt.
Denkbar, dass die Nackthandlung dann in einem der Gewächshäuser inszeniert werden würde, weil es dort drin hot and steamy zugeht, aber praktisch wird es dann doch die Behindertentoilette des Café Siesmeyer oder halt ein Hotelzimmer geworden sein, weil in den Gewächshäusern des Palmengartens herrschte sonntäglicher Publikumsverkehr comme d’habitude.

Ansonsten aber nur wenige Passanten zwischen den schönen Häusern. Komisch, dass mich die Architektur, sogar oder gerade die des Einkaufscenters hinter dem Messeturm, noch einmal ganz anders ergreift, wenn es kalt ist (und alles Lebendige entweder drin bleibt, oder erstarrt; die Nilgänse jedenfalls, die ich in einer kleinen Anlage dort sah, standen wie geschnitzt auf ihren dicken roten Beinen herum).

Früh zu Bett mit der Nachricht von Norbert Hofers Niederlage in Österreich. Endlich mal eine gute Nachricht. Mal wieder.

4.12.

Freilich habe ich mir dann doch noch einen kleinen Scherz erlaubt mit meinen beiden Schnecken. Und zwar einen practical joke, einen, wie es nicht erst mittlerweile heißt, prank – ich bin mir leider sicher, dass sie ihn nicht verstehen werden. Aber was soll’s! Ich stelle es mir so dermaßen lustig vor, aber leider werde ich ja nicht zugegen sein können, wenn die Sache steigt, die Bombe platzt gewissermaßen und von daher stellt sich jetzt die Frage, ob ein Witz auch witzig sein kann, wenn ihn niemand mitkriegt, also an sich? Daoisten wie Jorge Luis Borges fällt dazu vermutlich der Sound of one Hand clapping ein.

Ich hingegen habe den Schnecken ein rohes Ei unter ihre Kuppel gelegt. Sie sind ja ganz verrückt nach Kalk und fräsen jede Woche den Gipfel einer Frühstückseierschale kurz und klein. Nun, da sie allein zu Hause sind, werden sie sich nach dem Zerschleimen des Gemüsebergs mit Wonne auf das monolithisch umherkullernde Ei stürzen, um dessen Schale wie gewohnt mit ihren unermüdlichen Radulen zu beackern. Dass diese ihre Knochenschaufelräder scharfzackig sind, erwähnte ich ja gestern bereits. Um dann aber, hier kommt der Prank mit dem Arbeitstitel Après nous le Déluge, nach ein paar Tagen durch die Schale zu brechen wie üblich. Gänzlich neu wird ihnen dabei sein, dass ihnen aus dem Raum hinter dem Loch in der Eierschale, aus dem Eiinneren also, eine Riesenmenge zimmerwarmen Schleims entgegenquellen wird (ob Schnecken mit ihren Fühlerpünktchen Farben sehen können, ist noch nicht erforscht). They met their master, so to say. Das ließe sich jetzt ewig weiterspinnen, ob dann die von Eiklar gänzlich verschütteten Schnecken in diesem Ei, aus dessen Schoß quasi die Schleimmassen quollen, ihren Gott und Überschneck erkennen wie einst die Ewoks auf dem Waldplaneten Endor im goldenen Roboter C3PO den Ihrigen et cetera. Aber es wird ja leider, wirklich leider so sein, dass ihnen zur Epiphanie der hierfür nötige Geist fehlt. Schleim zu Schleim gewissermaßen.

Ich finde es trotzdem derart lustig. Also die Vorstellung! Mir hat sie die ganze Bahnfahrt versüßt (und den Rest besorgte der sogenannte Relaunch des Bahnmagazins Mobil), wie ich mir diesen tunnelhaften Moment des Durchbruchs in Makro und unter der Zeitlupe wieder und wieder in Gedanken habe vorspielen lassen: Wie das Eiklar mit monströs gedehnten Quellgeräuschen aus dem Loch lappt und beide Schnecken (mit winzigen golden spiegelnden Bauarbeiterhelmen auf) gurgelnderweise mit sich reißt. Dagegen war die arme Kuh, die neulich auf meiner Rückfahrt auf Stuttgart vom ICE überfahren wurde, geradezu gar nichts. Wobei: ein bisschen halt doch (aber auf der Fahrt zum Bahnhof hatte ich in der S-Bahn neben einem Mann Platz genommen, der eine Augenbrauenprothese auf hautfarbenem Plastik montiert trug (darunter, sie saß nicht ganz perfekt, lag schwarz im Schatten seine Augenhöhle ohne Augapfel drin, das war ganz schön gruselig!)).

Vor dem Fenster draußen, wir hielten in Wolfsburg, stand der Rauch wattehaft über den Schornsteinen des schönen ziegelbraunen Komplexes. Ein Sonnenuntergang in Grün und Gelb durch staubige Scheiben. Die in Orange beleuchteten Outskirts von Hildesheim. Dann Stadt des Wissens. Ich vervollständigte die zarte Silhouette des Mondes mit der Zeigefingerspitze in die Luft malend zu einem in Schreibschrift geschriebenen Z (also nahm er zu und es würde schon bald wieder mal Vollmond sein). Kurz vor Fulda (die Barockstadt hat einen neuen Zusatznamen und nennt sich jetzt auf den Bahnsteigschildern »Voll da! Fulda.« (Abb. Emoji »Face with Medical Mask«) hielten wir ohne erläuternde Lautsprecherdurchsage zehn Minuten lang bei schlechten Lichtverhältnissen auf freier Strecke an. Ich dachte natürlich sofort an die Kuh und musste als einziger lachen im Ruheabteil. Danach ging wieder das mit den Schnecken los. Als wir die Kinzigtalsperre passierten, war es kohlrabenschwarz, still, finster und Nacht.

Hallo, lieber zweiter Advent.

3.12.

Probleme der Haustierhaltung: Gestern auch sehr schön in dem Film von Sonja Heiss auf Arte, Hedi Schneider steckt fest, in dem eine junge Frau nach drei Tavor und einer halben Flasche Obstler in einer Zoohandlung nach einem Hasen verlangt: »Ich will einen Hasen«. Zuvor hatte ihr der Verkäufer dort ein Chamäleon angepriesen: »Aus dem Jemen. Das hat geile Farbwechsel« (das Drehbuch auch von Sonja Heiss und total genial, bis auf den Schluss, die letzten zwanzig Minuten, aber wie Jan immer sagt: der Schluss ist wurscht), wohingegen sie, nachdem die chemisch induzierte Welle einer Sympathie für das Chamäleon vom Bauch ins Hirn durch sie hindurchgeschwappt ist, erinnert sich an seine Worte, dass ein Chamäleon nicht wirklich zutraulich würde und danach geht in ihr der Wunsch nach einem Hasen auf. Laura Tonke spielte diese Frau (toll auch ihr Gluckluckgluck mit einer Flasche Bratkartoffelbier; überhaupt der Score in diesem Film (Lambert), und auch so sonst alles, jede Szene erfreulich und schön).

Als ich vor ein paar Wochen schrieb, man dürfe Schnecken nicht länger als vier Tage alleine lassen, schrieb mir daraufhin Wolfgang Ullrich, noch nicht in direkt kondolierender Absicht, aber schon in einem mitfühlenden Ton, da ich mich offenbar missverständlich ausgedrückt hatte. Ein bisschen Übertragung wird dabei eine Rolle gespielt haben, denn ihm war zur selben Zeit während seiner Abwesenheit seine grüne Raupe gestorben. Eingegangen: Bei Raupen passt dieses Wort ausnahmsweise, es sieht tatsächlich so ähnlich aus. Und das ohne ersichtlichen Grund, da liegt für den Halter, aus menschlicher Perspektive, ein Kummertod nahe. Selbstmord scheidet bei Raupen aus, weil sie sich in einem Terrarium nirgendwo runterstürzen können und selbst bei maximaler Krabbelgeschwindigkeit wohl tausendmal gegen die gläsernen Wände sich rammen könnten, ohne dass ihnen ein lebenswichtiger Knochen bräche oder bricht. Weil sie gar keine haben.

Meine Schnecken hingegen sind wohlauf. Und waren es auch bei meiner Heimkehr nach tagelanger Abwesenheit neulich, allerdings hatten sie ihre von mir für sie geschaffene Welt vollkommen zerstört. Schnecken sind, ihrem anschmiegsamen, durch und durch weichen Wesen wie zum Trotz: ziemlich stark. In den Schneckenforen werden Novizen auch darauf hingewiesen, dass eine Schnecke das fünfzehnfache ihres Lebendgewichtes stemmen kann. Meine Schnecken wiegen mittlerweile jeweils so viel wie eine Standardpostkarte samt Marke und Tinte, also gibt es abgesehen von der ihr Schleimarium begrenzenden Glasschüssel nichts in ihrer Welt, was ihrem unergründlich bleibenden Willen im Wege bleiben müsste. Dazu kommt, das musste ich neulich nach meiner mehrtägigen Abwesenheit feststellen, eine zersetzende Komponente im Schneckenschleim. Die Schnecke produziert sozusagen, wo sie geht und steht diesen Schleim, auf dessen Film sie sich fortbewegen kann. Bei täglicher Reinigung fällt das nicht auf, aber die auf Salatblättern, Salatgurken hinterlassene Schleimspur zersetzt das organische Material rapide, bis schließlich nach drei bis vier Tagen alles zu Schleim geworden ist. Wolfgang Ullrich gegenüber verwendete ich den Begriff Midasschleim, der das Phänomen zu beschreiben hilft. Mit Nietzsche gesprochen, ist grün alles, was die Schnecke fasst, und Schleim alles, was die Schnecke lässt.

In der einzigen mir bekannten Verfilmung des Lebens mit einer Schnecke als Haustier, Spongebob Schwammkopf, gibt es, obwohl die Serie unter Wasser spielt, hin und wieder Episoden, in denen die verderbliche Wirkung des von Gary abgesonderten Schleims thematisiert wird. Allerdings füttert der hosentragende Schwamm seine Schnecke mit einem Trockenfutter aus der Tüte. Mal davon abgesehen von der Frage, wie sich Trockenfutter unter Wasser in den Schneckenfutternapf streuen lassen soll, wird auch dieses Futter von der Schnecke in Schleim verwandelt werden. Allerdings spart die Verfilmung dieses unappetitliche Detail aus. Die Schnecke wiederum wird es nicht unappetitlich finden. Darauf weist Giorgio Agamben bereits hin in seinem Essay Das Offene – Der Mensch und das Tier, wenn er das Bild von der honigsaugenden Biene anführt, der während ihres Trinkens der Hinterleib abgetrennt wird mit einem Skalpell, das Insekt aber ungerührt weitertrinkt, wobei ihr inzwischen der Seim aus dem geöffneten Rumpf quillt. Agamben führt das Beispiel aus zu seinem Begriff des Benommenseins des Tieres von seiner Umwelt – vergleichbar mit der Frau in Sonja Heissens Film, die Drogen im Blut hat und den kuscheligen Hasen im Arm. Es lässt sich durch den gravierenden Einschnitt in seine Welt, den Körper, nicht ablenken, weil es im Moment der Nahrungsaufnahme eins geworden ist mit der Welt der Nahrung, sich also nicht nur als dieser Welt zugewandt erlebt, sondern zu einem Teil von ihr geworden ist. Das Tier ist das Trinken, wenn es trinkt. Krasser verhält es sich da mit der Schnecke, die, um sich fortzubewegen, nicht bloß den Schleim produziert, auf dem sie fährt, sondern gleich die ganze Welt in Schleim verwandeln kann. Wenn erst alles weich und leis‘ blubbernd ihr zu ihrem Fuße liegt und gärt, existieren in ihrer ganz von Widerständen bereinigten Welt bloß noch zwei feste Komponenten: ihr Häuschen und die Radula, jenes unaufhörlich sich drehende Rad aus einem winzigen Knochen, mit dem die Schnecke alles, was uns grün scheint, in sich hineinschaufelt. Von weitem, also aus menschlicher Perspektive betrachtet, mümmelt und saugt die Schnecke an Gurkenschale und Salatblatt herum. Unter der achtfachen Vergrößerung, die mir die aufgeschraubte Makrolinse meines Fernrohres bietet, zeugt sich ein raspelndes Weiden; die Schnecke reißt und fetzt sich durch das Material. Klebt sie scheinbar müßig an der gläsernen Kuppel, geht in Wirklichkeit ein unaufhörliches wellenhaftes Pulsieren durch die Muskulatur ihres Saumes, der unter der Linse betrachtet etwas faszinierend Vaginales hat.

Tja. Obwohl es von den momentanen Temperaturen her durchaus nicht unmenschlich gewesen wäre, die beiden vor meiner Abreise ins Freie auszusetzen, konnte ich mich dazu einfach nicht entschließen. Stattdessen stopfte ich ihnen alles, was ich noch an leicht verderblichem Grünzeug übrig behalten hatte, unter die Kuppel. Es geht halt nichts über empirische Wissenschaft. On verra.

2.12.

Das Schönste am Reisen finde ich, gleich nach dem Aus-dem-dabei-aus-dem-Fenster-schauen, dass ich vorher noch alles aufessen muss, was ich an leicht verderblichen Nahrungsmitteln zuhause auffinde. Das Reisen selbst kommt viel weiter hinten, ungefähr auf Platz sieben. Wie Rainald Goetz schrieb, ist nicht etwa weniger mehr, sondern mehr ist mehr. Und ganz genau so finde ich, dass nicht der Weg das Ziel ist, sondern das Ziel ist das Ziel.

Da es draußen mittlerweile nicht mehr bloß regnete wie in den Tagen zuvor, sondern nach Sonnenaufgang auch noch angefangen hatte zu stürmen, gedachte ich die auf der Anrichte versammelten Zutaten zu einer stärkenden, betont winterlichen Speise zusammenzurühren.

Das Konzept solcher Resteverwertung mit Pfiff fand ich einst in Peter Fischers Schlaraffenland nimms in die Hand, einem »Kochbuch für Kooperativen und isolierte Einzelfresser«. Aber auch wenn Adelige zu Besuch kommen, kann mein Feuertopf des Rotchinesischen Pflügersgesellen* auf den Tisch (den stilechterweise kein Tischtuch bedeckt). Adelige lieben, lieben und lieben nichts so sehr wie Erzählungen von Armut und Vertreibung. Und was ist eine gut gekochte Speise denn anderes als eine Erzählung. Heißt es nicht, wenn etwas sehr gemundet hat, und alle satt und glücklich sich das vorgestreckte Bäuchlein reiben: »Ein Gedicht!«. Na gut, vielleicht noch in den Fünfzigerjahren, als Johannes Mario Simmel Es muss nicht immer Kaviar sein geschrieben hatte. (Ich habe es neulich erst wieder durchgeschaut; die Rezepte, die ich als Kind noch märchenhaft verschlemmt fand, wirken heute einfach bloß noch bizarr und beinahe eklon: »man nehme drei Pfund Speisestärke«, so geht das immer los.)

Am Vorabend der Abreise (für Adelige: am Vorabend der Vertreibung aus dem Stammschloss, in dem Jahrzehnte später ein Penny eröffnen würde) erhitze ich alles an kleingeschnittenen Zwiebeln und sonstigen Würzpflanzen, die entweder nicht in den Kühlschrank dürfen, oder aber darin nicht lange genug ausharren könnten, ohne zu Schleim zu zerfallen. Öl oder dergleichen nicht vergessen. Ich versuche hier das Wort »Anschwitzen« zu vermeiden. Dazu nach einiger Zeit (glasig klingt, finde ich, ebenfalls schauderhaft) alles an Wurzelgemüse und Karotten. Grund: siehe Würzpflanzen. Fleischbrühe angießen. Aber nicht zu einer Suppe verlängern, sondern allenfalls knapp bis an die Oberschicht der Gemüsewürfel. (Im Französischen spricht man sinnigerweise von einer court bouillon; alas, die haben halt auch das Kochen erfunden – übrigens sogar die Pizza! Eingedenks der sattsam bekannten Tatsache, dass die Nudel in China erfunden wurde, stehen die in kulinarischen Dingen meiner Ansicht nach maßlos überschätzten Italiener sozusagen mit leeren Händen da. Tja!) Hier hinein werfe ich handvollweise getrocknete Chilischoten aus Szechuan. Es ist die einzige Spezialzutat. Und es müssen unbedingt diese sein. Zu der Zeit, da Peter Fischer sein Kochbuch verfasste, waren übrigens solche herrlichen Dinge in Deutschland nur extrem schwer aufzutreiben. Schon Kapern, auch Oliven, stellten die Nachkochenden solcher Rezepte vor logistische Probleme. Manche Stellen lesen sich von daher wie Aufrufe zur Beschaffungskriminalität. Also ähnlich wie bei Simmel, bloß geht es halt mit Bolzenschneidern los. Die Schoten quellen in der court buillon rasch auf und werden weich. Sie geben einen rauchigen Geschmack ab und sind viel weniger scharf als gefürchtet. Und ihre Schärfe wirkt wärmend (fühlt sich an, kann ich nicht mehr hören!!!), deshalb müssen es unbedingt diese Chilischoten sein, sonst kann man das Zeug lieber gleich wegwerfen. Was schade wäre, außerdem Geldverschwendung. Den Herd ausstellen, wer’s sicher mag, kann jetzt auch schon die Hauptsicherung rausschrauben (man weiß übrigens tatsächlich nie, und niemand kennt seine Zukunft). Adelige lieben Kerzenlicht. Gerade wenn es lauter unterschiedlich kurz abgebrannte sind. Wie gesagt: Reste, Armut, Flucht und Vertreibung (wenn man das ganz oft hintereinander vor sich hinsagt, sieht man die Dampflok förmlich schon vor sich; und es wird Winter und kalt, und wie!)

Auf die heiße Suppe lege ich eine frische Leberwurst und eine Blutwurst. Ich rate zu denen vom Schlachter Haase auf der Hauptstraße, die nicht nur andauernd Goldmedaillen damit gewinnen (und zwar sogar in Frankreich!!!), sondern auch wirklich sehr köstliche Würste, tja: Stopfen? Mengen? Schlicht verkaufen? Deckel drauf, dann platzen die Pellen schon nach kurzer Zeit, die nehme ich raus und mische extreme Mengen kleingeschnittener (nicht gehackter) Petersilie – unters Volk hätte ich beinahe geschrieben. Mit extrem meine ich extrem. Das Mischungsverhältnis graubraun und grün sollte eins zu eins betragen, sonst schmeckt es nicht so wie bei mir. Ebenfalls extrem pfeffern. Salz wie jeder will.

Das Gericht sieht übrigens nach herrischem Durchrühren genauso aus, wie es schmeckt: genial gut. Na ja, dann hat man wenigstens was, worauf man sein Heimweh kaprizieren könnte, wenn dann das Ziel erst mal erreicht ist. Und das Ziel will erreicht werden – durchaus ein Umstand, dessen Merkwürdigkeit eigens bedacht werden sollte. Aber, auch das lernt man von Adeligen: Kochen kann man überall. Und mit allem. Oder wie es der Adelige ausdrückt, wenn er sich die Hände gewaschen hat: Seife ist ja sowas Schönes.

* Den Titel habe ich in Anlehnung an eine sogenannte Beilwetzers Fuhre geschöpft, die mir vor vielen vielen Jahren einmal auf einer Reise im schönen Melsungen serviert worden war.

1.12.

Bei Regen eingeschlafen, bei Regen wieder aufgewacht. Dabei hatte ich gestern früh noch gedacht, es könnte vielleicht Schnee daraus werden, weil da ein Geruch war in der Luft zwischen den Tropfen, der hatte so dieses Scharfe, eine metallische Note, die darauf hindeuten kann.

Im Sandbuch gelesen. Eigentlich hatte ich bloß nachschauen wollen, ob Borges den Duft der Schneeahnung erwähnt, aber schon sein Vorwort ist so herrlich formuliert. Das Buch ist 1975 erschienen, da ist er schon beinahe blind, kann lediglich zwischen Lichtern und Schatten unterscheiden und nimmt diesen Abglanz in Gelbtönen wahr (ein paar Jahre später ist es ein dunkles Orange, elf Jahre später ist er tot): »Ich wollte in diesen Blinden-Exerzitien dem Beispiels von Wells treu sein: die Verbindung eines ebenmäßig schlichten, zuweilen fast mündlichen Stils mit einem logisch unmöglichen Inhalt«.

Das Sandbuch enthält seine einzige Liebesgeschichte, Ulrika, und darin geht es ums Schneien. Der Erzähler, ein Greis wie in allen dieser dreizehn Erzählungen, die das Buch enthält, lernt am Rande eines Philologenkongresses eine Frau aus Norwegen kennen, eben diese Ulrika. Sie steht mit dem Rücken zu ihm, als erstes hört er sie sprechen, sie sagt: »Ich bin Feministin. Ich will die Männer nicht nachäffen. Ihr Tabak und ihr Alkohol sind mir zuwider«.

Sie ist, das wird er wenig später feststellen, »schlank und groß, mit feinen Zügen und grauen Augen. Sie lächelte schnell und das Lächeln schien sie zu entrücken«.

Am nächsten Morgen macht er beim Frühstück einen Scherz übers Spazierengehen allein zu zweit, den er von Schopenhauer hat. Den findet sie gut, sie gehen zu zweit. Von da an lässt Borges die Zeit rückwärts laufen, aber in zwei verschiedene Richtungen: Sie wird immer älter, er immer jünger. Da die gesamte Erzählung vier Seiten lang ist, geschieht das in wenigen Sätzen, wobei der gemeinsame Spaziergang schon eine Seite beanspruchen darf. Es kommt auch zu einem Kuss (auf Augenlider und Lippen), die große Liebe füreinander wird auch ausgesprochen, aber dann treibt Ulrika ihn schon zur Eile an, da sie den Gasthof noch erreichen müssen, bevor ihnen die Zeit endgültig zerronnen sein wird. Es ist, als ob sie sich, die zwei Figuren in einer Erzählung sind, tatsächlich auch als solche erkennen können und dabei trotzdem noch lebendig sind. Lesend erreicht man mit ihnen das Zimmer unter dem Dach des alten Gasthauses, es hat angefangen zu schneien, der Himmel löst sich auf in Flocken, wie der Talar eines Priesters, der in Fetzen davon geweht wird, aber dann erst erkennt man, dass es Krähen waren und dass dort niemals ein Priester war oder ist.

Alterslos strömte die Liebe im Dunkel, und zum ersten und letzten Mal besaß ich Ulrikas Bild.

Aufzuwachen, wenn es über Nacht geschneit hat, und man das schon von der Art her, wie man geschlafen hat, weiß oder ahnt. Wie es bei Borges steht: Ich fühlte, dass es stärker schneite. Und dann noch vor dem Aufklappen der Augendeckel – an der Geräuschkulisse. Dann am veränderten Licht, an der Lichtstimmung, der Lichtkulisse. Später dann auch an einem veränderten Appetit auf Skifahrergerichte (wenn man je einmal Skifahren gewesen war). Allgemein auf Schmalziges, auf Schokolade und Käse, harte Würste, auf Fettbatterien. Ich mag Schnee lieber anschauen als anfassen. Was ich überhaupt nicht mag, ist, wenn Schnee schmilzt.

30.11.

Bis weit nach Mittag lagen die Schatten über den Wiesen, sodass sich dort der Raureif hatte erhalten können, bis es wieder dunkel wurde. Dazu ein schönes, klares Licht. Im Garten der Villa Minoux, bekannt als Haus der Wannseekonferenz, lagen noch Äpfel im bereiften Gras. Sie waren durchgefroren. Die, die noch an den Zweigen hingen, waren von den Vögeln angeflogen worden und im hängenden Zustand ausgehölt wie kleine Laternen. Alles war bedeckt von diesen wunderbaren Kristallen. Eine glitzernde Vervielfachung der Oberfläche unserer schönen Welt. Durch den Frost war ihr ein Fell gewachsen, das ich nicht berühren sollte, das aber Lust machte, jedes dort zwischen bleichen Halmen steckende Ahornblatt aus großer Nähe zu betrachten und zu fotografieren. Hagebutten und grüne Sterne im Rhododendron, von hinten beleuchtet.

Wenn diese Stille, dieses Glitzern, dieses Blau von Himmel und See bei angenehmen Temperaturen zu haben wären. Die Wasservögel machen nun nichts anderes als im Frühjahr und den Sommer über. Die Enten schubsen sich mit derselben Bewegung von den Treppenstufen an der Promenade, watscheln mit denselben orangefarbenen Flossenfüssen über den beraureiften Stein. Ich kann die orangefarbenen Füsse im schwarzen Wasser erkennen. Das Wasser nahe des Ufers wirkt schwarz, weil es im Schatten liegt. Ein paar Meter weiter im Hintergrund spiegelt sich darin der Himmel, und die Wasseroberfläche scheint matt wie stählern, in prächtigem Pulloverblau.

Im Frühjahr und den Sommer über wirkt das, was Enten, Kormoran und Blässhuhn so den ganzen Tag lang tun und veranstalten, müßig, es wirkt wie ein Hobby. Faul auf dem Bauch liegen. Dann mal kurz ins Wasser. Schnattern, tröten, flattern. Planschen, abtauchen, schütteln. Nicht, dass sich irgendwas geändert hätte. Bloß herrschen jetzt halt Minusgrade. Die Tiere lassen sich nichts anmerken.

29.11.

Nach längerer Zeit der Abstinenz schaute ich gestern Abend mal wieder das heute journal im ZDF und war konsterniert: Was geht denn da in Mainz vor? Stand da doch tatsächlich eine Ansagerin, von der behauptet wurde, ihr Name sei Gundula Gause. Den direkten Einstieg in die Sendung, den ich, wenn schon TV, dann genau so wie den Werbestreifen vor dem Kinofilm liebe, hatte ich verpasst. Als sich mein Bild aufgebaut hatte, sprach bereits ihr Kollege, ein terrierhaft die Kamera attackierender und mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf hin- und herschüttelnder Blondschopf, dessen sogenannte Bauchbinde schneller verschwunden war, als ich seinen darauf eingeblendeten Namen hatte entziffern können (er attackierte mit den Mitteln des eingezogenen Nackens und einem zustechenden Blick). So nahm er den Sprecher des Bundesamtes für Datensicherheit in die Mangel, einen gutmütig dreinkauenden, kahlköpfigen Greis mit Bundesadlerbutton am Revers, der stets verneinte, dass es ein Sicherheitproblem mit den Daten der Deutschen jemals geben könnte. Es ging um die Panne bei der Deutschen Telekom (hinter dem Datensicherheitsbeauftragten war die Skyline von Bonn (!) eingeblendet, für mich am sogenannten DHL-Tower zu erkennen, vermutlich war das Ministerium für Datensicherheit also noch in der ehemaligen Bundeshauptstadt ansässig), der ja vermutlich auch mein Tagebucheintrag vom 27. November 2016 zum Opfer anheim gefallen war.

Mit einem scharf gebellten »Das klingt jetzt aber nicht so gut, oder?«, unterbrach der ZDF-Ansager den rheinhaft breit dahinfließenden Vortrag des Ministers für Datensicherheit im Bundesamt für Sicherheit im Informationswesen, Arne Schönbohm. Der wiederum ließ sich von dieser Zwischenfrage nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Mich störte der Name des Ministers, beziehungsweise dass er eingeblendet worden war, denn gedanklich war ich noch immer mit der Bonner Skyline beschäftigt. Jetzt ging es, intern, um die Kombi aus Nach- und Vornamen beim Minister: Arne vor zu Schönbohm hinten – das passte doch hinten wie vorne nicht! Das hatten die doch aber schon vorher gewusst (die Eltern); die hatten doch da auch schon Schönbohm geheißen! Weshalb also Arne? Da er geschätzte zehn Jahre jünger war als ich (ansehen konnte man ihm das aber auf keinen Fall), schaute ich auf dem Splitscreen bei babyvornamen.de nach, ob 1981 der Vorname Arne – nichts. Na gut. Also ein Kind fühlloser Individualisten. Zudem noch Sohn. Kein Einzelkind (abgestoßene Schneidezähne – kriegt man vom hastigen Zu- und Abbeissen, da ständig von hungrigen Geschwistern angetrieben; da kann ich ein Lied von singen!), vermutlich schon früh in eine freakhafte Existenz desertiert. Nie gemalt. Dafür halt Computer. Parteieintritt aus Verzweiflung. Und immer schon gutmütig.

»Wie soll das bloß weitergehen? Das sieht nach düsteren Prognosen aus, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer«, rief der Terrierhafte. Was war bloß aus dem ZDF geworden? Einst ein selbst mir zu gemütliches Programm, erschien mir nun nach einer kurzen Zeit der Abstinenz schlagartig als geradezu tarantinohaft krass geschnitten und in unbotmäßiger Hektik vorgetragen. Was waren schon zehn, zwölf Jahre im Bezug auf die Evolution des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms? Offenbar eine ganz schöne Menge!
Das Top-Aufregerthema war nun endgültig abgefrühstückt, den Terrierhaften hatte das noch nicht einmal ein Lächeln gekostet. Mit einer von Kalle Schwensen abgeguckten Geste rückte er sich den Krawattenknoten zurecht und leckte sich beinahe schon über die Lippen, während die Kamera seine Einstellung konvulsivisch auf einen Schlitz zusammenzog, als er one for the ladies antrailerte »Ladies and gentlemen: Trump!«

Die Schalte ließ den Studioleiter des Zweiten Deutschen Fernsehens in Washington auftauchen, der angeblich Ulf Röller heißen sollte (mittlerweile schrieb ich die Namen mit und machte mir Notizen. Hinter »Ulf Röller, ZDF« steht »Ralf Röller, The Barn —> Café Krantzler-Übernahme?«) Man weiß bei diesen angeblich zugeschalteten Korrespondenten halt leider nie, also ich weiß das halt leider nie, ob die tatsächlich live vor Ort berichten oder kommentieren. Im Falle Ulf Röllers war das, von seinem auffällig konstruiert wirkenden Namen abgesehen, besonders fraglich, weil im Hintergrund das sogenannte Weiße Haus als Standbild insertiert worden war. Warum nicht Webcam, fragte ich mich. Nicht nur ich, da bin ich mir sicher. Kalauer hinsichtlich Sicherheitsgründe und Bonn hatten zu unterbleiben. Ulf Röller hatte ein Brillengestell von Tom Ford auf. Auch nicht gerade ein Ausweis seiner Seriösität. Seine Thesen hingegen: Trump, schwarzes Loch, es wird lustig bzw. kann heiter werden, schnallen sie sich besser mal an, meine Damen und Herren, blah blah blah — das wiegte mich wiederum in Sicherheit. Außer Spesen nichts gewesen, 0815 und im Westen nichts Neues. Das war das ZDF aus Mainz wie es leibte und lebte.

Dann sprach Gundula Gause die kurzen Nachrichten. Sie las sie, wie es in meiner Jugend über den Teleprompter noch geheißen hatte: vom virtuellen Blatt ab. Tolle Frisur auch. Modell Anna Wintour. Am Donnerstag, als Holm Friebe sich mir in seiner neuesten Figuration vorgestellt hatte, ging es unter anderem auch um eine Frisur in dieser Machart. Friebes Haupthaar ist ja von einer für mich beneidenswerten Fülle. Besonders beneidenswert voll erscheint es an seinem Bruder Jens, der ja, obwohl die Friebes aus dem Sauerland stammen, etwas Friesisches hat. Was nicht unbedingt bloß am Haar liegt, dass ja bei beiden Friebes noch heller ausfällt (sic!), vom Ton her, als das des Terrierhaften, sondern auch eben vom Blick. Der ja viel nachgiebiger ist. Und sozusagen darin mehr weilt und in der Landschaft ruht als direkt zustechen zu wollen, wie einer vom Schlage des T.

Wusstest du, Joachim, hatte Holm Friebe mich beispielsweise gefragt, dass Fidel Castro eine illegitimen Bruder hat, der Fiete Castrow heißt? Ja, ja, der lebt in Dithmarschen. Und das, ganz ähnlich wie bei Gerhard Schröder übrigens, eher schlecht als recht. Statt Havanna Club gibt’s bei dem Grog. Sein Trainingsanzug ist von Puma. Gummistiefel statt Salsagirls. Na ja.
Wusste ich nicht. Ergab aber freilich Sinn. Holm Friebe sah ja Gerhard Schröder ebenfalls recht ähnlich. Hieß aber unverwechselbar anders. Sein (Holms) Bruder Jens wiederum erinnerte an Gunter Sachs.
Stunden später, da schlief ich aber bereits, war Fidel Castro tot.

27. & 28.11.

Extreme Schnödesse draußen. Noch nicht einmal mehr bis zum Briefkasten reicht die Sicht. Der Zaunkönig scheint auch wieder ausgezogen. War ihm wohl zu wenig los. Die Nachbarskinder, davon künden Decken und Wände, leiden am Stubenkoller. Von einem Monat auf den anderen wurden sie 80 Prozent ihres natürlichen Lebensraumes beraubt. Nun werden sie, bei kleingeschnittenem Obst und Keksen, in einem Reservat gehalten, viele Wochen lang. Und es herrscht absolutes Fernsehverbot. Nur manchmal, kurz vor Sonnenuntergang, wird der Vorstandsvorsitzende ans Wasser geführt. Er ist vier Jahre alt. Dort angekommen, kippt man ihn mit einer Vorwärtsbewegung aus seiner Karre, woraufhin er widerwillig ein paar Schritte vorführt, um sich danach wieder bettwärts schieben zu lassen. Aber wie es in der Sternbildervorschau für den Dezember hieß, steht uns der kürzeste und dadurch auch dunkelste Tag erst noch bevor: Am 21. Dezember erreicht die Sonne angeblich schon um 10 Uhr 44 den Zenit. Hell ist sie ja die Wintersonne, bloß wärmen tut sie leider nicht.

Aber innen recht freundlich. Ich halte die Vorhänge nun durchgängig geschlossen, weil ich bei Helene Nostitz von ihrem— exakt hier endete der Eintrag für den 27. November 2016, The Year Punk Broke. Beziehungsweise der besagte Eintrag in seiner von mir ursprünglich konzipierten und demnach verfassten Gestalt. Was daraufhin geschah, also mit dieser ersten Fassung des Textes? Ich weiß es nicht. Kann es nicht sagen. Alles, was ich von diesem unbegreiflichen Vorgang mitbekommen habe, war, dass ich die Schaltfläche »Speichern« berührt hatte. Dann längere Zeit nichts, aber als ich mich, bereits im Mantel, überprüfenderweise dem Display des iPads zugewandt hatte, zeigte es mir einen deutlich kürzeren als erwartet, eine gestutzte Version meines Textes an. Ich flippte völlig aus. Dann fuhr ich zum Hauptbahnhof, um Friederike abzuholen, verbrachte aber die nächsten 24 Stunden in Sorge um den Rest meines Textes. Denn der war ja nicht gelöscht, und könnte auf irgendeine Weise wiederhergestellt werden. Etwas war beim Speichern schiefgelaufen. Der dabei weggestutzte Text war futschikado. Perdu. Total im Orbit und weg.

Dort hatte, also dort auf der imaginären Schiefertafel, die, kaum von mir beschriftet, den heranschäumenden Fluten zum Opfer gefallen war, etwas von meiner Begegnung mit Holm Friebe gestanden. Und zwar etwas über Holm in seiner neuesten Figuration als Schnupperaal. So hatte er sich am Donnerstag mir vorgestellt, als wir uns im Hof des Aufbauhauses gegenüber den Prinzessinnengärten begegnet waren. Interessant für uns beide war dann, dass Gunnar offenbar so gut wie gar nichts über Aale wusste. Für Holm, der ja nun der Schnupperaal war, ein willkommener Anlass, um seine Steintheorie am Beispiel der Aale vorzuführen. Es ging um den beschwerlichen Weg der langen Dinger von der Saragossasee bis in unsere Süßwassergewässer; teilweise sogar über Land. Ich mag die Aale geräuchert und dann kleingehackt mit ebenso klein gehackten Radiesschen und Salzflocken auf getoastetem Vollkornbrot. Gunnar mag Räucheraal als Bodensatz in einer Schale cremiger Petersilienwurzelsuppe.

Es war also - wobei, auf die Formulierung kommt es auch noch an - nicht rasend viel an Text, der da nun unwiderruflich verloren gegangen war. Und dennoch: Jedes kleine Stückchen Text, jeder Satz, sobald er einigermaßen steht, hat ein Recht auf Speicherung und Niederschrift. Er soll bewahrt werden vor dem Vergessen, dem Nichts, aus dem er einst gekommen war. Soll also bitte nicht mehr passieren.

Dafür scheint heute die Sonne. Der Himmel ist blau, ohne Wolken. Und die grauen Vorhänge, um die es bei Helene Nostitz ging – sie hatte sie bei Hugo von Hofmannstal in dessen Wiener Wohnung entdeckt und beschrieben, dass Hofmannstal nie seine Vorhänge zur Seite gezogen hatte, um gerade nichts vom Stephansdom dort draußen sehen zu können; nichts vom Wetter oder ob es gerade regnete oder schon wieder nicht, weil er sich durch diesen konsequenten Verzicht auf Welt eine Steigerung seiner Einbildungsfähigkeit versprochen hatte (ähnlich wie Jonathan Franzen, der ja seine Korrekturen mit der Schlafbrille auf geschrieben haben wollte), während ich doch gerade das Gegenteilige mir wünsche: weniger Einbildungskraft und noch mehr an scharfsinnigem Erleben. Lupenhaft. Kristallin. Vorhänge also weg. Auch die für innen. Kaffeefilter ja, trübe Tasse nein danke.

Das liebende Subjekt, schreibt Roland Barthes, erlebt jede Begegnung mit dem geliebten Wesen als Fest. Das Fest ist für den Liebenden, den Träumer, ein Jubel, kein Zerspringen; ich genieße das Festessen, die Unterhaltung, die Zärtlichkeit, die sichere Verheißung von Lust: »eine Kunst des Lebens über dem Abgrund«. (Bedeutet Ihnen das denn nichts, jemandes Fest zu sein?)

Immer wieder Wahnsinn dieses Buch. Aber heller Wahnsinn. Einfach nur gut.

26.11.

Im Rausgehen las ich auf der Titelseite des Tagesspiegels eine kurze Meldung über die Zustände auf den Flughäfen von München und Frankfurt: Hotels überfüllt, es werden Feldbetten aufgestellt. Im Internet fand ich dazu den Tag über nichts, obwohl ich immer wieder nachgeschaut habe. Dafür aber bei Georges Perec, in seiner Philosophie über den Heimatbegriff Espèces d’espaces, deren Titel etwas unglücklich ins Deutsche übersetzt wurde. Darin berichtet er von dem Plan eines Freundes, der für längere Zeit in den Flughafen umziehen wollte (vermutlich Charles de Gaulle in Paris), weil es dort mittlerweile – das Buch war 1974 erschienen – ja alles gäbe, was man zum Wohnen braucht. Es folgt dann die ellenlange Aufzählung sämtlicher Möbelstücke, Restaurants und Geschäfte, die es in den Siebzigerjahren wie heute unter dem Dach eines Flughafens gab, endend mit einem »Haufen Banken (denn es ist heute praktisch unmöglich zu leben, ohne dass man mit einer Bank zu tun hat).«

Aber »die Bedeutung eines solchen Unterfangens läge vor allem in seiner Exotik: eine mehr scheinbare als wirkliche Verschiebung der Gewohnheiten und der Lebensrhythmen, kleine Anpassungsprobleme. Die Sache würde sicherlich ziemlich schnell langweilig werden; am Ende wäre es allzu einfach und infolgedessen wenig aussagekräftig: so gesehen ist ein Flughafen nichts anderes als eine Art Geschäftspassage: ein Scheinviertel; er bietet bis auf wenige Dinge die gleichen Leistungen wie ein Hotel. Es ließe sich also aus einem solchen Vorhaben keinerlei praktische Schlußfolgerungen ziehen, weder in die eine noch in die andere Richtung.« Der Text ist, wie gesagt, etwas unglücklich übersetzt.

Und auch ansonsten war es ein produktiver Tag. Tulpen stecken in der Vase. Alles blitzt und blinkt. Der Duft von Ariel liegt in der Luft und mischt sich dort mit dem eines Schokoladenkuchens. Denn es wird schon bald wieder Sonntag. (Hoffentlich machen mir die Schnecken keine Schande!)

In einem kurzen Telefonat mit meinem Vater wurde die Meldung besprochen, dass die Hersteller von Elektroautos in ihre Fahrzeuge einen Geräuschgenerator einzubauen sich verpflichtet hatten. Bevor ab 20 Stundenkilometern die Rollgeräusche der Reifen ausreichend Warnschall produzieren, sollen eigens von den jeweiligen Ingenieuren programmierte künstliche Motorengeräusche den Fußgängern und Radfahrern das Herannahen eines ansonsten lautlosen Fahrzeuges signalisieren. Für meinen Vater, auf dessen Visitenkarte unter seinem Namen die Berufsbezeichnung »Akustik und Schwingungen« stand, war dies eine lustige Nachricht. Vor allem ja, weil er sich vierzig Jahre lang vor allem darum gekümmert hatte, die Autos so leise wie nur möglich zu machen. Am Ende seines Arbeitslebens gab es aber bereits Geräuschdesigner, die beispielsweise den Zuschlagesound einer Tür besonders satt und wertvoll klingen lassen sollten. Ich spürte, obwohl wir das Telefonat ohne Videobild machten, auch Wehmut mitschwingen in seinem Lachen; er hatte bestimmt sehr große Lust, in dieser noch einmal ganz neuen Epoche der Automobiltechnologie selbst mitzumachen (und was er anzumerken hatte, war deckungsgleich mit den Prophezeiungen in der Zeitung: diese künstlichen Motorgeräusche würden eher dunkel und brummend werden, weil ältere Menschen die höheren Töne nicht mehr gut wahrnehmen können).

Eine volle Dreiviertelstunde vor der vom iPad empfohlenen Schlafenszeit zu Bett. Ansonsten halte ich mich strikt an seine Anweisungen, insbesondere was die Stunde des Aufwachens betrifft. Und was soll ich sagen: es tut mir gut. Sehr gut sogar. Allerdings vergesse ich durch diese neue Weckprozedur sämtliche Träume. Es sei denn, ich wache noch vor dem iPad auf, wie eben, als ich gerade an der Theke der Fleischerei Haase stand und mit der Verkäuferin über das Gänseschmalz sprach, von dem sie mir eine Kostprobe auf einem dreieckigen Stück ungetoastetem Toastbrot überreicht hatte. Woraufhin ich mit diesem für mich ungenießbaren Dreieck zwischen den Fingern vor ihr stand wie angemalt, bis ich es mit einem einzigen löwenhaften Biss sozusagen vernichtete, um unserer Szene ein Ende zu bereiten. All das hatte sich genauso zugetragen wenige Stunden zuvor. Es handelte sich also genaugenommen um gar keinen Traum, sondern um eine Wiederholung, das war mir auch schon beim Betrachten des Traumgeschehens klar geworden, was das Filmchen nicht unterhaltsamer gemacht hatte. Manche meiner Träume sind eben Trash. Da hilft bloß noch das sogenannte Glotzen. Von daher war der Übergang vom Träumen und Schlafen in den Wachzustand ein fließender, der mit einem Geräusch aus der Realität akzentuiert wurde. Das Telefon vibrierte. Es war 11 Minuten nach 4, noch knappe zwei Stunden, bis meine Schlafenszeit vorüber war. In seiner SMS erkundigte sich Jan, ob ich noch immer daß mit ß schreiben würde, und dies dann im Nachhinein korrigieren ließe. Ich antwortete selbstverständlich postwendend. Wahrheitsgemäß stellte ich fest, dass ich mir mittlerweile angewöhnt hatte, dass mit zwei s zu schreiben. Allerdings nur hier.

25.11.

Warum Tulpen? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung meldet, dass Jeff Koons der Stadt Paris eine Skulptur zum Geschenk gemacht hat. Das Standbild einer Faust aus poliertem Stahl, die einen Bund Tulpen emporhält, soll nach seiner Fertigstellung in den Hallen der Arnold AG im Taunus bis auf eine Höhe von 10 Metern und 36 Zentimetern vor dem Palais de Tokyo aufragen. Gedacht ist das Ganze als Mahnmal für die Opfer der Terroranschläge des 13. Novembers 2015 in Paris. Angeblich, so stand es in der Zeitung, bezieht sich Jeff Koons mit seinem Geschenk auf die Schenkung der Freiheitsstatue durch das französische Volk an die Vereinigten Staaten von Amerika.

Es gibt Menschen, die, aus ähnlich falschen Gründen wie auch im Falle Andy Warhols, die Kunstwerke von Jeff Koons für belanglos halten. Warum Tulpen fragt man sich dann noch am ehesten. Vermutlich weil es ein Geschenk ist, ein sehr wertvolles noch dazu. Hübsch ausschauen tut es ja. Immerhin. Aber Tulpen als Mahnmal – sind die nicht zu wenig zeichenhaft, mahnen sie unmissverständlich genug? Beziehungsweise: Hat dieses Kunstwerk, abgesehen von seiner Widmung, denn überhaupt etwas mit dem Anlass zur Mahnung zu tun oder handelt es sich um ein Geschenk, ein sehr wertvolles zwar, aus einer Art Geschenkeschublade des Künstlers Jeff Koons? Braucht ein Mahnmal nicht viel mehr Krassheit, mehr Aufdringlichkeit, muss oder soll es nicht abstoßend und so hässlich wie nur möglich sein, schartig und spitz, um als Dorn im Auge oder im Fleisch die Wunde offen halten zu können? Anders als im Falle des angeblichen Weihnachtsbaumes von Paul McCarthy im Hof des Louvre sollten die Tulpen keinen öffentlichen Anstoß erregen dürfen. Und das von diesem Künstler, der einst Ilona’s Asshole schuf und dessen Ausstellung Made in Heaven in der kurz zuvor eingeweihten Stuttgarter Staatsgalerie von den Evangelischen Landfrauen gestürmt ward. Noch nicht einmal im Lexicon der Blumensprache, verfasst zu einer Zeit, da es Fleurop noch nicht gab, steht Verfängliches über die Tulpe drin (»Rote Tulpe = Symbol ewig währender Liebe«).

Fleur de Lys, die französische Symbolblume, ist mit den Tulpen entfernt verwandt. Auch soll der Name der Tulpe vom alten Wort für den Turban abstammen, der zu dieser Zeit des Osmanischen Reiches noch vor allem in rot getragen wurde; rot wie die Urtulpe, bevor durch Kreuzungen und Nachzüchtungen die große Vielfalt an Farb- und Formvarianten bei den Tulpen hervorgebracht wurden. Mit Tulpen, genauer: mit Tulpenzwiebeln wurde ja auch zum ersten Mal in der neueren Finanzgeschichte spekuliert. Infolge der dabei entfachten Tulpengier kam es damals am Ende des Goldenen Zeitalters zu einem ersten Zusammenbruch eines durch wilde Spekulation aufgetriebenen Wirtschaftssystems. Helene Nostitz wiederum berichtet in ihren Notizen aus dem Alten Europa noch aus jener Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als Schloss Derneburg bei Hannover ihrer Familie als Wohnsitz gedient hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog dort ein mit Tulpenzwiebeln Handelnder ein, der die großen und zu jener Zeit noch schwer heizbaren Räume des von einem Skulpturenpark umgebenen Anwesens nutzbar machen konnte, indem er dort seine Zwiebeln lagerte. Das Unternehmen ging in Folge der durch die Holländer erfundenen Discountblumenindustrie ein, Rache der Tulpen, 1975 bezieht dann der Maler Georg Baselitz das Gemäuer. 1981 entsteht hier sein wenig bekanntes Gemälde Tulpen. Mit dem Auszug Georg Baselitzens aus Schloss Derneburg verliert der Ort an Bedeutung.

Das schöne Lied von den Tulpen aus Amsterdam wird unter Holländern zu gewissen Gelegenheiten, bevorzugt auf Campingplätzen, mit einem abgeänderten Text laut gesungen. Der Refrain erzählt dann von Bomben auf Rotterdam. Und gemeinsam mit den Zeltnachbarn aus Deutschland wird damit dem Angriff der Deutschen Luftwaffe am 14. Mai 1940 gedacht, bei dem in wenigen Stunden die Altstadt von Rotterdam zerstört wurde. Als Wahrzeichen Rotterdams gilt heute Gabba-Techno, insbesondere Alles naar de Klote von Euromasters aus dem Jahr 1992.

Jeff Koons lässt in Friedrichstadt ja auch stählerne Hasen herstellen, Ballonpudel, Herzen mit Schleifen dran. Es wäre ja sogar denkbar gewesen, dass er für sein Geschenk an das französische Volk (das Palais de Tokyo ist ein staatliches Museum) etwas ganz neues, eine einzigartige Skulptur sich ausdenkt. So aber stehen dort zukünftig spiegelnde Tulpen und eine menschliche Hand. Und dabei kann sich jeder von egal woher erinnert fühlen, woran auch immer er will (oder muss). Ich muss bei Tulpen, auch bei denen von Koons, immer an Derneburg denken, wo ich einmal war, um mir die Pyramide dort im Park anzusehen. Und bei Derneburg denke ich an Helene Nostiz und dies fabelhafte Buch, speziell an diese Anekdote aus dem späten Lebensabschnitt ihres Großvaters, des Fürsten Georg Münster von Derneburg: »Seine stärkste Antipathie galt wohl jeder Sentimentalität. Vielleicht liegt darin eine Quelle jeder wahren Kraft. Es ist, als ob ein geheimnisvolles Gesetz jede losgelassene Bewegung, ohne Zusammenfassung, von vorneherein zum Tode verurteilte. Ich habe nur ein- oder zweimal eine Träne im Auge meines Großvaters glänzen sehen. Das letzte Mal bei unserem Abschied, der wie eine Vorahnung seines Todes war, in seinem achtzigsten Lebensjahr in Hannover. Da brauchte er auch menschliche Worte, wie er sie sonst nur selten fand: der Abschied tue ihm weh, und ich sei einer der wenigen Menschen, die er immer um sich haben möchte. Es schnitt mir ins Herz, denn solche seltenen Äußerungen haben ein großes Gewicht und einen unvergesslichen Klang.
Am tiefsten erschüttert haben ihn einst der Tod seiner zweiten Frau, von dem meine Mutter folgendes Merkwürdiges erzählte: Sie hatten morgens einen Teich ausgefischt. Zurückgekehrt, setzte sich mein Großvater an seinen Schreibtisch. Da trat Lady Harriet plötzlich ruhig ins Zimmer und sagte ganz gefasst: ›Good bye, George, I am dying‹, setzte sich auf einen Stuhl und starb, wie sie gelebt hatte, ohne jegliche Sentimentalität.«

24.11.

In einem Monat ist Heiligabend. Weil ich dieses Jahr früh angefangen habe, bin ich schon bei der dritten Tüte Gewürzspekulatius angelangt. In der Hessenschau wurde gestern das Anschalten der Weihnachtsbaumlichter auf dem Römer gezeigt. Angeblich gibt es den Frankfurter Weihnachtsmarkt schon seit dem 14. Jahrhundert und damit ist er noch traditionsreicher als der in Nürnberg. Das Schaufenster der Buchhandlung hier wurde von vorgestern auf gestern mit Tannengrün und roten Kugeln dekoriert. Der saisonale Tip ist ein neues Werk von Gerhard Roth: Wie das Gehirn die Seele macht.

Es wurde erforscht, wo Menschen den Sitz ihres Denkens vermuten. Ihrem Gefühl nach. Dafür mussten sie kurz nachdenken und sich währenddessen auf die Empfindung konzentrieren, die dieses Nachdenken in ihnen hervorruft. Überwiegend zeigten sie danach auf ihre Stirn, zwischen ihren Augenbrauen, ein bis zwei Zentimeter nach oben versetzt. Dort wird gedacht.

Sie wurden nach den Abmessungen ihrer Gedanken befragt. Zunächst waren sie aufgefordert, an spezifische Menschen, Dinge oder Vorgänge zu denken. Danach sollten sie mit den Händen die Dimension dieser Gedanken darstellen. Einige Gedanken waren so groß wie Schuhschachteln. Also größer als der Schädel der jeweiligen Testperson.

In Praxis IV schreibt Rainald Goetz im Absatz zur Ökonomie des Schreibens: »Je billiger das ist, was man schreibt, umso besser ist es bezahlt. Das klingt paradox, ist aber vernünftig. Billig heißt hier eben auch: brauchbar, passend, richtig. Dadurch steigt die IDEELLE Leuchtkraft aller ästhetisch besonders abenteuerlichen Unternehmungen […]. Der einzige Punkt: Man kann eben NICHT nebenher noch diesen einen Tatort schreiben. Denn das ändert zuinnerst den inneren Text. Und auch die zwei kleinen Auftragskritiken für die taz oder Faz. Und das monatliche Rundfunkfeature, das die monatliche Miete zahlt. All diese Arbeiten, so klein sie auch sind, ruinieren die Kraft und verzehren die Stimme. Es gibt dann keinen WEG mehr. Wenn die Bindung in Kontexten auch ganz konkret nach EINKOMMEN ruft, muß man im Weitermachen funktionieren. Und das ist, ästhetisch, Stillstand, das ist das Ende.«

Geschrieben und niedergelegt im Jahre 98 des vergangenen Jahrhunderts wohlgemerkt. Damals hätte ich gesagt: »Hab dich nicht so«. Hab ich wahrscheinlich auch. Was sich geändert hat seither: Es müssten deren zwei monatliche Rundfunkfeatures sein. Mindestens. Die Mieten sind gestiegen, die Honorare gefallen.

Das Problem des zuinnerst zu beschützenden, inneren Textes besteht. Als sogenanntes Pflänzchen Sprich-mich-weder-an-noch-schau-mir-auf-die-Hände,-Chef, darf er von all dem freilich nichts mitbekommen wie eine von Schwindsucht befallene Figur, ein geniales, dafür aber genetisch vermurkstes Kind. Vermutlich finde ich Marcel Proust deshalb auch am allertollsten: Hier fallen oder fielen Autor, Text und die universale Gestalt des inneren Textes in eins (und verschwanden zwischen schallgedämmten Wänden in der Schrift).

Thomas Melle schreibt eine Antwort per E-Mail aus dem fahrenden ICE*: »Du kennst das vielleicht: Es gibt Phasen, wo alles weggeschrieben wird oder eben hingeschrieben, da der Kanal offen ist - dann wieder welche, wo anderes leider vorrangig ist und die wichtigen Kanäle, die inneren, zu. Man kann nicht öffentlich und gleichzeitig literarisch auf Sendung sein (ich jedenfalls nicht)«.

Klar. Und egal eigentlich am Ende, wie sich der Einzelne seine Gedanken vor Augen führt. Ob blockhaft wie eine Schuhschachtel oder als gläserne Steigleitung, spiralig gewunden teilweise (und an solchen Stellen naturgemäß besonders anfällig für Verstopfungen und Ablagerungen aller Art).

»Draußen ist freundlich« heißt es bei Neu! (Er saß, aß und las).

* Das ist neu, das gab es 1998 noch nicht.

23.11.

Das iPad hat Unregelmäßigkeit in meinem Lebensrhythmus erkannt und will mir helfen, diese auszugleichen. Dazu soll ich ein paar Fragen beantworten. Noch spricht es nicht von sich aus mit mir, die Aufforderung sowie die auf meine Einwilligung hin folgenden Fragen erscheinen in Schrifttafeln, bei denen mich das Betriebssystem duzt. Dass ich selbst es bin, mit dem es kommuniziert, dessen kann es sich sicher sein, weil ich es mit meinem Fingerabdruck entsperre. Vielleicht hätte ich es unter einem falschen Namen einrichten können damals, dann würde es mich jetzt mit diesem, einem Frauennamen vielleicht, ansprechen. Aber vermutlich wäre dieser Täuschungsversuch auch bald nach dem Start der Einrichtungsprozedur aufgeflogen, weil ich meine Apple-ID einst mit meinen Bankdaten verknüpft habe. Vor allem: Wozu das Ganze? Das iPad und ich sowie, wie es mir manchmal zu anderen Gelegenheiten schreibt, »deine anderen Geräte, Joachim«, wir sind ja unter uns.

Das iPad fragt mich, wann ich morgens aufstehen möchte, Joachim. Ich tippe ein: 6 Uhr.

Aha, und wieviel Stunden willst du schlafen? Diese Nachfrage flankierend erscheint der Hinweis, dass Erwachsene zwischen sieben und acht Stunden Schlaf pro Nacht benötigen, Joachim.

Das weiß ich, das iPad weiß, dass ich erwachsen bin (aus der Kombination des Fingerabdrucks namens Joachim und den hinterlegten Daten in meiner Apple-ID), ich tippe sieben ein. Das iPad könnte bei Gelegenheit auch richtig streng werden, beispielsweise bei mangelnder Deckung auf meinem mit der Apple-ID verknüpften Bankkonto, und mich mit meinem vollen Namen ansprechen: »Joachim Bessing, bitte schreibe umgehend einige Rechnungen im Gesamtwert von 600 Euro«.

Oder so ähnlich. Es könnte mir auch, in Form einer Widgetwarnung, einfach in meinen Kalender schreiben: »Rechnungen ausstellen für den Text an Sowohin«. Das erforderliche Hintergrundwissen stammte aus dem Gesendet-Ordner meines Mail-Accounts. Das iPad könnte sogar diese Rechnungen von sich aus schreiben. Aus der Analyse meines iCloud-Speichers weiß es ja, wie die auszusehen haben. Und das iPad weiß oft besser als ich, den wievielten wir gerade haben.

Das Programm, das meinen Lebensrhythmus verbessern soll, heißt Schlafenszeit. Das Symbol ist aber leider keine Schlafmütze (vermutlich in Kalifornien unbekannt) oder ein Glas Wasser (optional mit einem Gebiss drin), es zeigt die Strichzeichnung eines Sofas, neben dem eine Stehlampe, nun ja: steht. Also ein nächtliches Sofa. Oder, zur Zeit, ein Sofa ab 15 Uhr 30. Neulich hat Maxim Biller in der Zeit geschrieben, dass er sich immer, wenn er seinen Freund vermisse, auf sein »langes graues Sofa« lege. Mein Sofa ist kurz und weiß. Ich lege mich nie drauf (weil ich dafür zu lang bin). Ich benutze es eigentlich so gut wie nie.

Was das iPad nicht weiß, aber wissen könnte (durch die Analyse meiner Bewegungsdaten in Verbindung mit der Auswertung der sieben oder acht gyroskopischen Sensoren, die in ein iPad eingebaut sind (für das verbesserte Erlebnis beim Videospielen): Ich liege ja so schon echt viel in meinem Bett. Ich muss mich gar nicht umbetten, wenn es Schlafenszeit wird. Ich muss einfach bloß meine Augendeckel schließen. So aber werde ich seit gestern Abend um viertel vor elf vom iPad daran erinnert, dass ich das in einer Viertelstunde bitte tun soll. Es meldet sich und schreibt: »In einer Viertelstunde ist Schlafenszeit, Joachim. Bitte gehe ins Bett«. Um sechs Uhr wiederum weckt es mich mit einem extrem angenehmen Ton, den ich mir selbst ausgesucht habe. Der Ton nennt sich Orbit. Und ich hoffe schwer, dass Ralf Hütter das nicht liest, denn Orbit ist halt frech von Neonlicht abgeschrieben.

Wenn ich die abendlichen Anweisungen des iPads fügsam befolge, verspricht es mir, werden die Stäbchen in meiner persönlichen Schlafgrafik in eine verbesserte Anordnung gebracht. Verbesserte Anordnung der Stäbchen in meiner Schlafgrafik bedeutet Gesundheit. Gesundheit bedeutet das, was Siri dazu im Internet gefunden hat. Der Wikipedia-Eintrag zum Thema Gesundheit ist ganz in Ordnung geschrieben. Macht allerdings nicht mehr oder bessere Lust auf ein langes Leben. Der über Peter Rühmkorf schon eher.

22.11.

Auf dem Küchentisch ein Gedicht von Dietmar Dath: Menschenseelen brauchen

Natürlich in jedem Alter

Wenn sie nicht verkümmern wollen

Schönheit und Wahrheit

Als Nahrung

Zur Entfaltung

Am Morgen sah Daniel noch einmal zerstörter aus. Ganz leise sein Gruß, das gewohnte Lächeln nur wie ein Hinweis darauf, wie ich es im Gedächtnis behalten sollte. Fahl und, wie es heißt: von Gram zerfurcht. Es war das erste Mal, dass er sich in meiner Gegenwart kein Croissant bestellte. Schwache Reaktion auf meinen Bericht von den erotischen Zeichnungen George Condos in der Sammlung Berggruen. Ich spürte sein Verlangen, nun endlich wieder über die politische Lage in Amerika sprechen zu dürfen, körperlich. Immer wieder ging sein Blick zur Zeitung hin, die aufgeschlagen vor mir lag.

Ich zeigte ihm das Bild vom Papst, der, ganz klein im Verhältnis zur riesenhaften Pforte der Barmherzigkeit, diese, sein Gesicht vom Kameraauge abgewandt, im Zuschieben begriffen war. Das Bild allein, genial beschnitten, das Zusammenspiel der alten Farben, dunkles Holz, polierte Bronze, der helle Brokat des bodenlangen päpstlichen Gewandes, das noch Falten warf, wie auf den Gemälden alter Meister, aber halt auch wie auf denen von George Condo festgehalten: Es tat seine heilende Wirkung. »Oh nein, nein, nein: der Vatikan ist fantastisch«, sagte Daniel. Und fing an laut zu träumen von der Kunstsammlung des Vatikans, they are collecting art since the beginnig of time. Mich würden ja vor allem die Briefe der Missionare interessieren, die in der Bibliothek des Vatikans aufbewahrt werden. Und dann, dies interessierte uns beide: häusliche Szenen. Wie dann etwa in einer Sitzecke vor einem raumhohen Fenster mit Ausblick auf die Stadt einige Kardinäle in mit Leder bezogenen Sesseln um einen niedrigen Tisch herumsäßen, Tisch vielleicht in Form einer ausgedienten Pauke der Schweizer Gardisten, und sich auf Latein unterhielten (so wie es ja jahrzehntelang Faszinosum gewesen war, dass in der Redaktionskonferenz der Zeit noch lateinisch diskutiert worden war, angeblich; und dazu wurden drei Sorten Sherry serviert: Medium, Dry, Sweet für die Frauen).

Ob es wohl möglich wäre, ein halbes Jahr lang im Vatikan zu hospitieren? Nach freiwilliger Abgabe von Smartphone und Rekorder, bloß mit Block und Stiften bekleidet? Tief in dieses herrliche Gedankenspiel verstrickt, gewärmt davon auch, überquerten wir die gefährliche Straße wie eine Furt und bald darauf trennten sich unsere Wege.

Kurze Zeit später sah ich von meiner Arbeit auf und es wurde bereits wieder dunkel. Es dunkelte sich ein von den Rändern her. Die Dunkelheit sank tatsächlich von oben hernieder und in etwas geringerer Streifenbreite stieg die Dunkelheit auf, hinter dem Gerippe des Waldes auf der anderen Seeseite, bis die trübe Helligkeit in der Mitte zu einem Schlitz zusammengedrängt worden war, wie früher, ganz früher, ein verlöschendes Fernsehbild. Selbst durch das Fernrohr konnte ich von dem Raubvogel, der auf dem Baum schräg gegenüber ansaß, nicht mehr erkennen als einen Schattenriß. Seiner Form nach tippte ich auf einen Bussard. Und dabei fiel mir ein, dass ich den auf Twitter angekündigten Großreport in der Sonntagszeitung über die Jäger gar nicht gelesen hatte gestern. Weil ich ihn offenbar gar nicht gefunden hatte. Nein, weil ich von Friederikes Geschichte, von der ich nichts gewusst hatte, bis ich sie in der Zeitung dann fand, derart angetan war, dass ich es danach nur noch bis zum Feuilleton geschafft hatte. Und dann, den Sonntag über, die Reaktionen auf Twitter verfolgen wollte: dass sich tatsächlich, wie in dem Gedicht von Novalis, durch ein geheimes Wort von ihr das ganze falsche Wesen dort auf Twitter und auf Facebook hinweg gehoben hatte und verzogen — zumindest für ein paar Stunden. Ganz schön viele. Immerhin!

Und dieses Wort war natürlich Liebe gewesen.

Am 5. Januar 1999 fährt Rainald Goetz nach Wolfsburg, um sich dort eine Andy Warhol-Retrospektive anzuschauen. Ich hatte mir das gestern noch einmal durchgelesen wegen der Sache mit Warhols Dogge, von der Daniel mir erzählt hatte. Rainald fährt mit dem Bus zur Kunsthalle, die ich auch kenne. Er sieht die Fußgängerzone dort, die ja bizarr ist, mit dem von Trashläden wie schief gerahmten Bau von Alvar Aalto, und schreibt um 10 Uhr 02: »Und diese Vorstellung, wie es wäre, wenn es einen durch die Liebe sowohin verschlagen würde, dann wäre vielleicht alles ›Wolfsburg‹, und das würde dann alles beinhalten und versprechen.«

Dem war nichts hinzuzufügen aus meiner internen Sicht.

21.11.

In unserer kleinen Künstlerkolonie ist Daniel im Besitz des Druckers. In den letzten Wochen waren wir uns nur noch im Austausch von Dateien gegen Papier begegnet, oftmals hatte er mir die Ausdrucke in den Briefkasten gelegt, weil keine Zeit gewesen war für eine persönliche Übergabe. Im kleinen Café gegenüber, wo wir uns zuvor beinahe täglich begegnet waren, war ich selbst schon länger als zwei Wochen nicht mehr gewesen. Ich wusste, dass auch bei ihm die Phase der Inkubation abgeschlossen und er bis zu seiner Heimkehr nach Los Angeles schwer beschäftigt war, um seine Arbeit fertigzubringen.

Ich hatte gerade die Lektüre des Politikteils beendet und wollte mich dem Aufmacher des Feuilletons widmen, in dem es um eine Ausstellung zum Begriff des Vulgären ging, da tippte er mir von unten an meinen Ellbogen (die Hocker mit Blick auf den Bahnhofsvorplatz sind hoch eingestellt). Seit mir Daniel erzählt hatte, dass er aufgrund seiner Wirbelsäulenerkrankung um bis zu zwei Inches im Jahr schrumpft, kam er mir tatsächlich bei jedem unserer Wiedersehen noch kleiner vor als jemals zuvor.

Er nahm seine Mütze ab. Ich erschrak. »My clock is ticking«, sagte Daniel. Aber das schien nicht auf seine selbst gemachte Kurzhaarfrisur bezogen, es ging da schon um seine drohende Abreise am 17. Dezember, weil dann das Semester der American Academy zu Ende ist. Abermals machte er mir den Vorwurf, ich hätte ihn im August überredet, mit der abschließenden Fotoproduktion zu seinem Ulrike-Meinhoff-Zyklus bis zum November abzuwarten, weil dann von vorn heranpeitschende Regenstürme, nackte Baumgerippe und graue Suppe ihm den deprimierendsten Hintergrund für die Aufnahmen liefern würden. Und jetzt: tja. Blauer Himmel, linde Lüftchen. Bunt waren die Wälder zwar schon, umd der Wind wehte kühler, wie es im deutschen Herbstlied heißt, aber auf seinen Fotos sähe man die Temperatur des Windes halt nicht.

Sorry, sagte ich. Und, das macht ja nicht nur Daniel so, das machen meiner Erfahrung nach sehr viele Amerikaner in einer solchen Situation: Er versicherte mir, das wäre ja nun nicht meine Schuld. Dann sprachen wir über die anstehende Feier des Thanksgiving, für das aufgrund der Bird-Flu-Situation die Truthähne für 150 Gäste der American Academy in der Diplomat’s Pouch nach Berlin eingeflogen werden würden (eingeflogene Truthähne: mise en abyme Fragezeichen), dann noch einmal über seine Frisur und von dort aus war die Rutschbahn hin zu Donald Trump schon eingeseift.

Um es abzubiegen, nahm ich die Zeitung her und zeigte ihm als comic relief das kleine Foto des Goldfasans, dessen Federschmuck ja tatsächlich aussah wie der comb-over des künftigen POTUS. »Hahaha«, machte Daniel. »That’s fantastic!« – »Ja, gell«, sagte ich. »Und hier steht, dass die Geräusche der Goldfasanenstimme von den Ornithologen verglichen werden mit dem Wetzen einer Sense.«

Daniel war der Ansicht, dass es nur eine einzige Möglichkeit gäbe, um seinen zukünftigen Landesvater zu zähmen. Ihm schwebte ein Szenario vor, in dem Donald Trump vor ein Publikum aus internationalen Politikprofis treten müsste, also beispielsweise vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, und dort hätte jeder, ob Frau oder Mann, auch die Bodyguards und die Simultanübersetzer in ihren Kabinen, seine Frisur auf. Der comb-over hatte sich ja bereits auf der Canal Street von New York zu einem unheimlichen Verkaufsschlager entwickelt. Und in den Heimatländern der auf der Canal Street Handel treibenden, im asiatischen Raum, wo die Perücken hergestellt werden, ging es vermutlich noch wilder ab. »Jeder sollte diese Frisur tragen«, sagte Daniel. »Jeder Taxifahrer, jeder Kellner, jedermann auf der ganzen Welt.« Daniel hatte Andy Warhol noch persönlich kennenlernen dürfen. Am Rande einer seiner letzten Ausstellungen gab ihm Andy Warhol die Hand. In Pittsburgh, im Andy-Warhol-Museum, in dem ich leider noch nie gewesen bin, wird wohl die Dogge ausgestellt, die Andy Warhol sehr geliebt hat. Als sie gestorben war, ließ Andy Warhol seine geliebte Dogge in sitzender Position ausstopfen und auf ein Brett mit Rollen unten dran montieren. Es gibt wohl sogar kurze Filme aus den letzten Tagen der Factory, da zieht Andy Warhol seine ausgestopfte Dogge auf dem Rollbrett hinter sich her. Ich ließ mir von Daniel erklären, wo Pittsburgh liegt, weil ich davon keine Vorstellung hatte. Amerika ist einfach viel zu groß.

Draußen wurde es allmählich schon wieder düster. »I got to run«, sagte Daniel und setzte sich seine Mütze auf. Da war er schon halb aus der Tür. »Nächstes Jahr in Pittsburgh«, rief ich ihm hinterher.

20.11.

Wenn dann mal erst Geruchstwitter erfunden ist. (Vor gut zwölf Jahren hatte ich mal einen Gedankenaustausch mit einem Geschäftsmann, Ex-Werber, aus, ich glaube, Dänemark, der sah sich damals knapp davor, etwas ganz ähnliches entwickelt haben zu wollen. Ein Nachfahre von John Waters gewissermaßen, der ja mit dem Odorama schon viel früher etwas in dieser Richtung unternommen hatte. Der Däne wiederum, angeblich wurde er für seine Forschungen von American Express bezahlt und von Singapore Airlines, die ja einst die ersten von den Fluggesellschafte waren, die ihre, die angeblich besten First-Class-Abteile der Welt mit einem signature smell beduftet hatten (der Stefan Floridian Waters hieß), verschwand so rasch und spurlos wieder aus meinem Leben, wie er gekommen war – ganz passend freilich für einen Mann der Düfte; unter Parfumfreunden hieße es, er konnte nur eine kurze Sillage sein Eigen nennen. Wohingegen John Waters Punktpunktpunkt.)

Beim ersten Gang zum Supermarkt seit meiner Ankunft fand ich, halb verdeckt von feuchtem Laub, ein Taschentuch mit Monogramm und blauen Doppellinien auf ansonsten weißem Grund. Weiß auch nicht, weshalb mich das dann traurig stimmte. Also der Gedanke an die Person, der dieses Taschentuch nun fehlt. Mitnichten ist es so, dass bizarre Fundstücke am Wegesrand mir unbekannt sind. Einmal, ich glaube es war auf dem Weg zu einem Geburtstag von Holm Friebe, da sammelte ich in einer Tüte aus transparentem Kunststoff einfach alles ein, was am Rande meines Weges dorthin den Tag über liegen geblieben war. Mit Haarsgummis und einzelnen Handschuhen könnte ich eh einen schwunghaften Handel betreiben, ich wäre vermutlich schon lange Millionär, wenn es einen Markt für Haargummis und einzelne Handschuhe gäbe (und vielleicht gibt es den auch, aber ich habe es noch nicht einmal ausprobiert; ohne leider), aber an jenem, sozusagen willkürlich ausgewählten Tag fand ich dort halt auch einzelne Schuhe, zerbrochene Kreditkarten und weggeworfene Akkus von Mobiltelefonen. Brillenbügel, auch halbe Brillen. Nahrungsmittel, klar, aber die zählten ja nicht. Ich war noch nicht angekommen, da musste ich aufhören mit aufsammeln, denn die Tüte war voll (und weil es eine transparente Tüte war, sah mein Geschenk wirklich eindrucksvoll aus. So ein bisschen Mike Kelley, auf gar keinen Fall wie Müll, auf jeden Fall wie Kunst). Auf der Kurfürstenstraße – nicht zu verwechseln mit dem sogenannten Ku’damm – machte ich im Sommer ein Foto von einem Höschen, einem Schuh und einem Lippenstift. Aus dem Ensemble sprach eine Art Drama, andererseits auch kein wirklich unerhörtes, denn dort blüht ja der Kinderstrich. Das weggeworfene Taschentuch aber war besonders. Vermutlich, weil ich gar niemanden mehr kenne, der noch Stofftaschentücher benutzt. Und wer das tat, so stellte ich mir vor, der würde seine Taschentücher auch monogrammieren lassen (oder monogrammierte geschenkt bekommen von jemandem, der diese Person so gut kannte, dass es ihnen beiden eine Freude war). Damit war dann aber auch klar, dass dieses Taschentuch vermisst werden würde. Und in der Hoffnung, dass es etwas bringen würde, hängte ich das vom Regen durchweichte Taschentuch relativ gut sichtbar an einen nahegelegenen Zaun.

Zeichenhafterweise fiel es mir erst in dem Zug auf dem Weg zur geplatzten Kuh auf, dass ich meinen Füller bei meinen Eltern hatte liegengelassen. Zeichenhaft, weil ich alles mögliche liegenlasse, verlege oder vergesse, aber den Füller doch nie. Mein Vater behauptet momentan zwar noch, dass der Füller nicht aufzufinden sei bei ihnen, aber ich weiß, dass dem nicht so ist. Weil meine Mutter an dem Abend nach dem Besuch im Hirschen zu Heimsheim, um dessen Feder auszuprobieren, mit diesem Füller in mein Notizbuch geschrieben hatte: »Heute ist Mittwoch« (von mir aus hätte es auch ein Herz werden dürfen, das sie dort hineinmalte, aber so ist sie nun mal). Und danach haben weder ich noch ich mit dem Füller das Haus verlassen. Also sagte ich, dass sie sich keine Sorgen des Füllers wegen zu machen brauchten. Und bitte erst recht auch nicht schicken, so er wieder auftaucht, denn es gab in diesem Jahr schon genügend Hustle mit DHL. Da war ich dann von mir selbst verblüfft, mit welcher Leichtigkeit im Sinn ich einen erneuten Besuch bei den Eltern versprochen hatte. Um den Füller persönlich entgegenzunehmen. Im Hintergrund aber webte darin die Versöhnung mit ihnen, den Eltern und mit diesem Ort, Heimerdingen, wo ich aufwachsen musste und dem ich vor vielen Jahren regelrecht und faktisch entflohen war. Lange Zeit, es sind Jahrzehnte geworden, hatte ich behauptet, ich sei vom Landleben derart traumatisiert, dass ich schon beim Anblick gelber Ortsschilder wahnsinnig würde. Bei sogenanntem Lichte betrachtet, lebe ich seit Anfang des Jahres nun selber dort. Und das so gut und so glücklich wie noch nie zuvor. Was ich bei meinem Besuch dort herausgefunden habe: mich stören weder die Landschaft noch sind es die Tiere und auch nicht das Kirchengeläut, es ist die Enge. Die ist nun mal aufgrund der hohen Grundstückspreise (die wiederum vom Baden-Württembergischen Erbrecht verursacht wurden) besonders, nun ja: eng dort unten. Man sitzt dort halt immer schon halb im Haus des Nachbarn »wie auf dem Präsentierteller« und (Zitat Arno Schmidt) »beobachtet, wie auch ihr beobachtet werdet«. Drum lautete ein güldener Ratspruch meiner Mutter aus Kindertagen: Familie und Verwandschaft werden besser, wohnt man möglichst weit weg. Was ich beherzigte und meine ersten neun Jahre in Hamburg verbrachte. Damals, noch vor dem ICE, dauerte eine Heimfahrt mit dem sogenannten D-Zug satte zwölf Stunden. Kann aus heutiger Sicht nicht sagen, dass es unserer Familie tatsächlich gut getan hätte. Aber, und diesen goldenen Ratspruch verdanke ich der Mutter Holm Friebes, Inge, die Douglas Coupland gechannelt hatte, damals auf dem Sommerfest des LCB 2010: All Families Are Psychotic. Von daher ist das mit der Heilung durch Abstand halt bloß ein frommer Wunsch.

Kaum angekommen, saß ich am Telefon und hörte mir Tabassoms Leidensgeschichte an. Sie litt an der Liebe, es hatte sich nichts verändert. Ich fummelte an meinem Ersatzfüller herum, ich machte mir zwei Kaffee, ich knusperte mehrere Brote und rührte den Teig für den sonntäglichen Schokoladenkuchen an. Wenn man sich so lange kennt, telefonisch, darf man auch mal kurz einschlafen, wahrscheinlich sogar Zahnseide benutzen, Zahnseide kaufen gehen, falls keine mehr im sogenannten Haus ist, und es wird sich nichts ändern. Irgendwann stieß ich einen persischen Fluch aus – eben diesen einzigen Fluch, den ich kenne, und der angeblich so stark wirkt, dass er vom Lektor bei Kiepenheuer & Witsch aus dem Manuskript von Untitled getilgt wurde, weil man dort die Fatwa fürchtete. Und Tabassom sagte, dass sie jetzt ihr iPhone ausräuchern und neu weihen lassen müsste aufgrund meiner Flucherei. Draußen huschte ein Eichhörnchen durch die nicht mehr existenten Büsche wie eine im Schnellvorlauf abgespulte Raupe. Landleben: What’s not to like?

Meine Eltern haben zwei Autos für zwei Personen. Weil einer von beiden immer im Auto sitzt, um irgendwas zu besorgen. In Heimerdingen gab es mal zwei Friseure, zwei Bäckereien, ein Postamt, einen Blumenladen, zwei Banken, eine Metzgerei, eine Drogerie, einen Rewe und einen kleinen Supermarkt. Eine Grundschule, einen evangelischen Kindergarten, einen katholischen und zwei Kirchen (dito). Es gab sogar einen Schuhmacher, eine Bücherei und ein Autohaus. Die zwei Kirchen gibt es noch. Und einen Netto mit Backshop. Und eine Apotheke, die gute Geschäfte macht. Auf dem Land leben meine Eltern heute so, wie ich 1996 in Ostberlin, als ich zum KaDeWe fahren musste, wenn ich einen cremefarbenen Briefumschlag wollte. Und hier in der Stadt, insbesondere in Ostberlin lebt es sich heute wie einst auf dem Land. Wie in Heimerdingen, wo man alles zu Fuß erledigen konnte, wo jeder jeden beobachtet, wie auch er beobachtet wird.

Strange isn’t it, wie Omar Khayyam zu sagen pflegte. Aber vielleicht gar nicht mal so sehr verwunderlich. Als ich mit Gunnar neulich beim Mittagessen Narbenquartett gespielt habe, sagte er: »Aus Verlegersicht ist das interessant« (allerdings halt schwer zu finanzieren). Es schreibt ja niemand mehr irgendwas auf.

Also: Was wollen die Leute? Die Leute wollen ganz wenig. Vermutlich sind es zudem ganz einfache Dinge. Dass es nach frisch gebackenem Schokoladenkuchen duftet, wenn sie nach Hause kommen. Und dass es jemanden gibt, der Schokoladenkuchen gebacken hat, wenn sie nach Hause kommen eventuell. Im Jahr 2000, jenem Jahr, das uns allen damals als Ankunft der Zukunft versprochen worden war (Captain Future, Laserstrahlen bspw.), war es, damals wohnte ich kurz mal in München, en vogue, die Wohnung mit einem Spray zu parfumieren, das von der Einrichtungsmarke Laura Ashley verkauft wurde. Das roch nach frisch gebackenem Pflaumenkuchen. Und alle liebten diesen Spraygeruch. Sogar Niklas Maak (wir redeten damals nahezu pausenlos über dieses Spray, kurz darauf gab es allerdings die Sonntagszeitung und ich und auch Niklas Maak zogen um nach Berlin; Laura Ashley ist mittlerweile in Vergessenheit geraten. Wie so manches. Wie so viel!).

Alles weitere zum Thema Die Leute haben Fünf Sterne Deluxe gesagt.

19.11.

Schnecken sollte man nicht länger als drei, maximal vier Tage unbeaufsichtigt zuhause zurücklassen.

18.11.

Links entgegen der Fahrtrichtung wäre richtig gewesen. So kam der Stausee, bei dem es sich um die Kinzigtalsperre handelte, halt nicht auf mich zu, sondern war irgendwann einfach da. Auch nicht schlecht. Da hatte unser Zug bereits eine Verspätung von einer halben Stunde auf sich versammelt. Kurz nach der Sperre, während eines unplanmäßigen Aufenthaltes auf dem Bahnhof einer Ortschaft namens Schlüchtern, häufte er davon noch weitere vierzig oder so an, sodass wir mit einem Verspätungskontingent von krassen 78 Minuten ins Rennen gingen. Mein Vater wäre durchgedreht. Dabei gab es einen traurigen Grund für den erneuten Aufenthalt: Der ICE vor uns hatte eine Kuh überfahren! Vermutlich dauerte es deshalb auch vierzig Minuten, bis die Strecke wieder freigegeben werden konnte (so eine Kuh ist ja reichlich groß und ständig vollgefressen, das Euter sozusagen zum Zerreißen gespannt, der ICE, das kommt noch erschwerend dazu: rasend schnell).

Schweigend hatte mein Vater mich zum Bahnhof gefahren, weil meine Mutter einen Termin auf dem Friedhof wahrnehmen musste. Müde und mit Gold behangen, säumten Lärchen unseren Weg. Gleich hinter Münchingen macht die Schnellstraße schon seit ich denken kann eine Linkskurve, die einfach nicht enden will; das fiel mir gestern erst wieder ein, wie oft ich doch schon in dieser Kurve fahrend gedacht haben musste, dass die Kurve nicht mehr aufhören würde. Aber irgendwann hat sie bislang doch aufgehört und dann sind dort die Tunnel von Feuerbach. Als Verfilmung meiner Jugend wäre eine Endlosschleife dieser nicht enden wollenden Kurve durchaus statthaft. Und dazu ein bisschen Scheibenwischerquietschen und eine vorfreudige, sich auf das Ende der Kurve hörbar freuende Musik (beispielsweise Jumping Someone Else’s Train).

Mein Vater findet diese Frau attraktiv, die mit ihrem Gesicht deutschlandweit auf allen Automaten für biometrische Passbilder wirbt. Ich nahm es als Zeichen für seinen Geschmack auf der Höhe der Zeit. Wir waren ja unter uns.

Auf einer digitalen Werbetafel erschien uns zum Abschied ein Rezept für ein sogenanntes Zupf- oder Pull-Apart-Brot. Dafür nimmt man ein ganzes Brot, schneidet es kreuzweise tief ein, aber so, dass der Brotboden die Schluchten noch zusammenhält. Die Einschnitte werden mit Käse und Lauchzwiebelringen gefüllt. Käse und Schinken geht natürlich auch. Im Ofen erhitzen, bis der Käse geschmolzen ist. Im Ganzen servieren. Beispielsweise auf einem Brett.

Na ja. Kurz vor Hildesheim zauberte Friederike einen edelsteinartig glimmenden Himmel, der eine geradezu afrikanische Wolkenvielfalt hatte – vom Schäfchen über die Strähne; Rosentüpfel, linealglatter Kondensstreifen und düster quellender Hecke: es war für jeden was dabei –, der mich nicht nur trösten konnte, sondern mich mit dem ganzen Schlamassel versöhnte. Und zwar voll und ganz.

17.11.

Derek Ladewig heißt der Betreiber der alternativen Bahngesellschaft auf der Strecke von Stuttgart nach Berlin (und umgekehrt). Das Logo seines Unternehmens Locomore erinnert deutlich an das von Tocotronic und die Abteile sind, von dem her, was bislang zu sehen ist, hübsch ausgestattet. Ab dem 14. Dezember soll es losgehen zu extrem niedrigen Fahrkartenpreisen (circa ein Drittel vom regulären Bundesbahntarif) und es soll nicht nur Abteile geben (während die Bahn angeblich zukünftig voll auf Großraum setzt), sondern sogar Abteile mit Motto: Skat beispielsweise für Freunde des Kartenspiels. Stelle ich mir nicht nur angenehm vor, werde es aber trotzdem bald mal ausprobieren. Ich freue mich aber auch auf meine Heimfahrt mit der regulären Bundesbahn: einfach mal ein paar Stunden lang aus dem Fenster gucken, ohne dass mich jemand fragen darf oder fragt, warum ich aus dem Fenster schaue. Eigentlich hatte ich vorgehabt viel zu lesen. Aber in drei Tagen bin ich bei Emma Cline gerade mal bis ins sechste Kapitel vorgedrungen, über dem die Jahreszahl 1969 steht. Einem Jahr, in dem unter anderem meine Eltern geheiratet haben.

»Es war eine Zeit, in der meine Vorstellung vom Heiraten einfach und von Wunschdenken geprägt war. Der Moment, in dem jemand gelobte, dass er sich um dich kümmern würde, gelobte, dass er merken würde, wenn du traurig oder müde wärst oder Essen nicht leiden könntest, das nach der Kälte des Kühlschranks schmeckt. Der gelobte, dass sein Leben parallel zu deinem verlaufen würde.«

Ein bis dahin eigenartiges Buch. Und ich hoffe, dass dem so bleiben wird. Eigenartig gut, extrem gut übersetzt (Diamantringe, kühle Bäche, Apfelbäume: alles wurde vollständig mit hinübergerettet; Wortbilder, Bedeutung und Rhythmus: intakt). Eigenartigerweise habe ich mich wochenlang durch die ersten Seiten geschleppt, oft nicht mehr als ein paar Sätze am Tag geschafft – weil es so dicht war? (In den Achtzigerjahren hätte man idiosynkratisch gesagt.) So lange die Entfremdetheit des erzählenden Mädchens sich mit sich selbst unterhält, wirkt das zumindest so. Wie aus der Unterwasserwelt beobachtet (Uferrandperspektive). Dann kommt die Party und obwohl man weiß, dass es noch schlimmer kommen soll, kann es dann gar nicht mehr schlimmer kommen: das schmutzige Essen (die Melone, die Tischkante, die Kartoffelsuppe), die verwahrlosten Kinder.

Vorgestern nach der Ausstellung hatten wir es eilig, zur Tauberquelle zu kommen, weil ein zentrales Motiv der Ausstellung in Linsen mit Spätzle und Saitenwürsten bestanden hatte, ein Gericht, das in der Innenstadt vor allem noch die Tauberquelle im Angebot hatte. Wenn es das gäbe, dann könnte man bei der Tauberquelle von einem zunehmend übersehenen Lokal sprechen. Ganz einfach, weil an dieser Ecke derart viel und dramatisch umgebaut und neugebaut worden ist, dass ein kurzes, dazu einstöckiges Haus dort mittlerweile nicht einmal mehr wie eine Laune der Architektur wirkt, sondern bestenfalls noch wie etwas aus der Natur; wie ein Stein oder etwas anderes, das dort aus der Erde ragt (die es freilich in der Innenstadt auch nicht mehr gibt, allenfalls symbolisch!). Schräg gegenüber von Hegels Haus, das ebenfalls seltsam und wie vorgeschoben auf seiner Verkehrsinsel steht, wie bestellt und nicht abgeholt. Und in seinem Nacken dünstet das cremefarbene Parkhaus vor sich hin. Ohne ein einziges Fenster, dafür mit vermoosten Lüftungsschlitzen, das, obwohl es sich nicht bewegen kann, trotzdem so wirkt, als ob es hinter dem Hegelhaus drückt und schiebt. Aber kaum sitzt man in der Tauberquelle, ist das Elend vergessen. Was auch an den niedrigen Fenstern liegt, durch die man, an den Gardinenzipfeln vorbei, allenfalls Knie sieht von den Passanten und die Türgriffe und Tankdeckel vorbeifahrender Autos (Fahrräder oder Hunde gibt es in der Stuttgarter Innenstadt so gut wie gar keine). Naja und das Essen dann: wie zu erwarten. Nämlich hervorragend! Dazu kam das Stuttgarter Bier, das einen derart eigentümlichen Wohlgeschmack hat, dass ich ihn jedes Mal sofort wieder vergesse, ohne ihn beschreiben zu können. (Süßlich, aber auch sehr bitter; vor allem bitter! Aber nicht zu sehr.) Na ja. Schön war’s. Auch gestern abend noch im Hirschen zu Heimsheim. Dem traditionellen Abschiedslokal. Der Wirt hatte das namensgebende Wappentier bereits in einer über zwei Meter hohen Variante aus Lichterketten und Schaumstoffelementen vor der Freitreppe zum Lokal aufgebaut. Was nicht allen gleich gut gefiel. Es wurde diskutiert, ob der Hirsch nun bereits zu früh aufgestellt ward (erster Advent erst in knapp zehn Tagen), beziehungsweise, ob das mit den künstlichen Materialien wirklich sein müsste (Gäste von außerhalb Fragezeichen). Aber dann kam, als Streitschlichter: der Kartoffelsalat in einer Extraschüssel (in Äthiopien nennt man ihn den Ahmadjad, und ohne ihn geht wirklich gar nichts im öffentlichen Leben, weshalb Äthiopier i m m e r zu dritt anzutreffen sind (»Wenn zwei sich streiten, schlichtet der Dritte« lautet ein dementsprechendes Sprichwort der Ä.)

Jetzt habe ich bloß noch ein Problem, ich bin mehrfach deswegen aufgewacht, konnte es aber nicht lösen, weil meine räumliche Vorstellungskraft scheinbar seniorentellerhaft abnimmt. Wenn ich mir nachher den Stausee bei Bad Orb ganz in Ruhe anschauen will und es sich sowohl bei Stuttgart als auch im Falle Frankfurt am Mains um einen Sackbahnhof handelt: Setze ich mich dann in Stuttgart in oder entgegen der Fahrtrichtung auf einen Fensterplatz, sowie: auf welcher Seite dann? In oder entgegen der Fahrtrichtung links oder rechts?

16.11.

Nochmals mit dem Feinstaubticket nach Stuttgart. Meine Eltern luden mich ein, mit ihnen die Ausstellung Mythos Schwaben anzuschauen, die im Landesmuseum gezeigt wird. Doch vorher machten wir einen Baustellenrundgang, damit ich mir vom ganzen Ausmaß der Bahnhofsgrube ein Bild machen konnte. Das war von einem überdachten Steg aus bequem möglich. Die Baustelle war zwar groß, aber nicht so groß, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Aber ich musste mir jeglichen Kommentar verkneifen, weil ich ahnte, dass es ansonsten zu einer wütenden Reaktion ob meines mangelnden Mitgefühls gekommen wäre. Recht winzig kam mir auf einmal das Planetarium vor, das von der dann doch nicht ganz so kleinen Baugrube an den Rand des Geschehens gedrängt worden war. Dort hatte ich in meiner Jugend so manchen völlig unverdaulichen Avantgardefilm geschaut. Das Werk von Herschell Gordon Lewis zum Beispiel. Oder Pink Flamingo. Und Chelsea Girls von Andy Warhol. Aber damit durfte ich meinen Eltern nicht kommen. Das Planetarium war eine Steilvorlage für einen schlimmen Ausbruch von Stuttgart-21-Wut, die beide nur dem Anschein nach unter dem Deckel zu halten fertig brachten. Dafür wies ich, kanalisierenderweise ehrlich erschrocken, darauf hin, dass der Mercedesstern auf dem Turm des ehemaligen (und noch) Hauptbahnhofsgebäudes schief herunterhing, anstatt aufrecht dazustehen wie auch auf dem Europacenter in Berlin – was da wohl los sei?

Mein Vater, vergleichsweise desinteressiert: Da werden wahrscheinlich Wartungsarbeiten durchgeführt. Wir überquerten da gerade auf einer nahtlos an den überdachten Steg anschließenden Spannbetonbrücke eine dicht befahrene Schnellstraße, um in den Schloßpark überzusetzen. Rechts lag im Frühnebel das Hotel am Schloßpark, dessen Restaurant noch heute von einer eher beiläufig gemachten Bemerkung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, einem Pfälzer, zehrt, der den dort im Hotel am Schloßgarten ihm servierten Apfelstrudel als besser beurteilt hatte als den in Wien. Das war nun auch schon wieder 30 Jahre her. Zu unserer Rechten lag der wie unschön zusammengewürfelte Gebäudekomplex von Staatstheater und Oper. Meine Mutter hatte in der Frühe aus der Zeitung vorlesend verkündet, dass der Intendant des Staatstheaters, Armin Petras, nun endlich das Handtuch schmisse. Ich hatte daraufhin gefragt, was es ihrer Meinung nach denn gegen Armin Petras zu haben gäbe. Um Streit zu vermeiden, sagten wir daher beim Passieren des Theaterkomplexes alle drei kein Wort.

Am Württembergischen Kunstverein betrachteten wir lange und einträchtig die schöne Gedenkskulptur von Olaf Metzel, die dort noch immer unbeschädigt an ihrem wie für sie gemachten Platz aufgestellt stand. Ich fragte, ob wir eventuell mit der Seilbahn zum Waldfriedhof hinauffahren könnten, weil ich noch die Gräber von Gudrun Ensslin und Andreas Baader zu besuchen vorgehabt hatte. Mein Vater wollte es auf das Wetter ankommen lassen. Ich schaute mir die Figur eines goldenen Hirschen an, die auf der grünen Kuppel des Kunstvereinsgebäudes aufgepflanzt stand wie eh und je. Sie kam mir vor wie ein starker Wehmutssender. Was hatte ich hier nicht alles erlebt, im Schatten dieses goldenen Hirschen sozusagen (genau benennen konnte ich die einzelnen Erlebnisse zwar nicht, aber in ihrer Gesamtheit erschienen sie mir halt in einem Licht, gefärbt vom Abglanz dieser Hirschfigur dort droben), und ich seufzte. Was ich eigentlich so gut wie nie mache.

Ein langes Auto von Mercedes in einem trüben Grün rollte über die sich selbst versenkenden Poller von der Karlsplatzseite her auf uns zu, um in einem gemächlichen Schwenk auf das gesperrte Areal vor dem Neuen Schloß, vis-a-vis des Königsbaus, einzufahren. »Da sitzt der Kretschmann drin«, sagte meine Mutter. Mein Vater nickte (ob stolz auf die Sachkenntnis seiner Frau oder auf den Autogeschmack seines Landesvaters kam nicht klar heraus). Meine Mutter merkte noch an, dass es sich bei diesem Mercedes um ein Modell aus der Elektroflotte des Konzerns handelte. Die Behauptung meiner Mutter, Winfried Kretschmann habe die Ernennung zum Bundespräsidenten auf Anraten seiner Frau hin abgelehnt, da diese nämlich eine grundsolide und auf dem Boden verbliebene Frau sei, ließ ich unkommentiert und konzentrierte mich auf die Wahrnehmung des in spitzenmäßiger Qualität renovierten Innenhofes des Landesmuseums, einem Höhepunkt der Renaissancearchitektur in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs. Wie poliert stand dort etwas versetzt von der geometrisch zu ermittelnden Mitte des Platzes das Reiterstandbild Eberhards im Barte, der ja bekanntlich über die Schwaben nur Gutes zu berichten hatte und noch heute von seinen Lieblingsuntertanen mit den Worten hochgehalten wird, die hervorragendste Tugend der Schwaben sei die Treue – er habe nirgendwo in diesem schönen Land auch nur einen von ihnen finden können, dem er nicht seinen Kopf in den Schoß hatte legen wollen. Da kann man nur nicken und stolz sein. Als Schwabe. Es geht einfach nicht anders. Oder wie es am Schluss der wirklich hervorragend kuratierten Ausstellung hieß:

WER SICH DEN SCHWABEN ZUGEHÖRIG FÜHLT, IST SCHWABE

Ergreifend. Also echt.

15.11.

Es herrschte Feinstaubalarm in Stuttgart. Für die Einwohner hat diese Durchsage auch etwas Gutes, denn während des Feinstaubalarmes darf jeder Erwachsene für den Preis einer Kinderfahrkarte mit der Straßenbahn fahren, bis Entwarnung gegeben wird. Eine von vielen, wie meine Mutter meinte, sehr sehr vielen guten Ideen, mit deren Hilfe Wilfried Kretschmann, der Landesvater Baden-Württembergs aus dem eh schon schönsten Bundesland von allen ein noch schöneres geformt hat. Weswegen es, meinte meine Mutter, auf gar keinen Fall passieren dürfe, dass Wilfried Kretschmann nach dem Schloss Bellevue abberufen wird, um Bundespräsident zu werden. Er wird, sagte meine Mutter, hier nämlich noch gebraucht.

Da saßen wir bereits in der Straßenbahn von Feuerbach zum Fernsehturm hinauf, einer, wie mein Vater es angekündigt hatte: Panoramastrecke, deren Attraktivität uns durch den Feinstaubalarmdiscount nur noch deutlicher vor Augen geführt wurde (aber eigentlich ist die Schönheit Stuttgarts von der Halbhöhenperspektive aus betrachtet schon für sich legendär und bedarf zusätzlicher Booster nicht). Gleich nach dem Bubenbad lichtete sich der Nebel und renovierte Schlösschen aus dem Jugendstil zeigten sich apart und so begehrenswert, wie Häuser halt sein können. Die Wälder ringsum und die Bäume in den steilen Gärten hatten allesamt noch sehr viel mehr an buntem Laub zu bieten, als die Bäume zuhause in Berlin. Als wir an der Endhaltestelle ausgestiegen waren, machte ich meine Eltern auf ein neu errichtetes Haltestellengebilde aus hellem Holz, viel Glas und in türkis lackierten Schrauben aufmerksam und meinte, das sähe selbst mir zu evangelisch aus. Sie nickten, mehr aber auch nicht.

Auf der Aussichtsplattform des Turmes herrschten extreme Temperaturen. Ich beklagte mich, meine Mutter fand es ebenfalls kalt, mein Vater gab mir die Schuld daran, weil ich mich nicht warm genug angezogen hätte. Das rings um die Aussichtsplattform montierte Relief aus Kupfer zeigte sämtliche Sehenswürdigkeiten Baden-Würrtembergs. Geradeaus wies es in Richtung Horb, einem Ort, in dem ich noch nie im Leben war, aber dessen Name bei mir angenehme Empfindungen weckte, weil Friederike dort einmal zu Recherchezwecken hingefahren war, um über das Hotpantsverbot schreiben zu können (im vorvergangenen Nachsommer).

Wir lösten drei weitere Kinderfahrkarten, fuhren in die Stadt hinunter und setzten uns in ein Restaurant.

»Wenn du Eintöpfe magst, kann ich dir den Gaisburger Marsch hier empfehlen«, sagte mein Vater. Seine Verstimmtheit ob meiner zu dünnen Kleidung war längst verraucht. So war das schon immer gewesen. Ich hielt mich an seine Empfehlung und bestellte den Gaisburger Marsch in der von meinem Vater empfohlenen Größe »mittel«. Was der Kellner mit »Ein Seniorenteller, alles klar« quittierte. Dann nahm er die Bestellungen meiner Eltern entgegen und verschwand.

»Was sagt ihr dazu«, fragte ich meine Eltern, also eher meine Mutter, da sich mein Vater leis‘ pfeifend in die Weinkarte vertieft hatte. »Seniorenteller! Also mit 45 finde ich das schon ein starkes Stück.«

»Ärger‘ dich nicht«, sagte meine Mutter. »Der hat es doch gut gemeint.« Um weiterhin völlig unironisch laut nachzudenken »Ich weiß gar nicht mehr genau, wann ich meinen ersten Seniorenteller…«

Beim Essen ging es dann wieder um Wilfried Kretschmann. Beziehungsweise um Schorsch Kamerun, der seit seinem Gespräch mit Wilfried Kretschmann im SZ-Magazin (meine Eltern sind Abonnenten der Süddeutschen) ähnlich hoch im Kurs steht bei meiner Mutter wie der Landesvater. Vor allem seiner kritischen Einlassungen zum Reizthema Stuttgart 21 wegen. Es lag mir sozusagen auf der Zunge, meine Mutter daran zu erinnern, dass ich ihr seinerzeit noch in Hamburg diesen Herrn Kamerun persönlich hatte vorstellen wollen usw., unterließ dies aber ebenso, wie ihr meine Meinung kundzutun, dass ich die Aussagen Kameruns im Gegensatz zu ihr mitnichten als erfrischend empfunden hatte, sondern als geradezu verblüffend deckungsgleich mit denen Botho Straußens oder Erwin Teufels, die sich ja ebenfalls in vergangenen Jahrzehnten zu den Seniorentellerthemen Bundesbahn und Windradstrom kritisch geäußert hatten. Das unterließ ich freilich tunlichst, da es sich in der Wahrnehmung meiner Mutter bei Schorsch Kamerun mittlerweile nicht mehr um einen Prankster oder Punker handelte, sondern um einen ihrer Gunst dem Landesvater Baden-Württembergs Ebenbürtigen; und somit wie gesagt um ein Reizthema.

Der Gaisburger Marsch aber schmeckte ganz wunderbar, da hatte mein Vater schon recht.

14.11.

Dem Supermond entgegen: Mit 216 Stundenkilometern lief mein Zug im schönen Sackbahnhof von Stuttgart ein. Sehr angenehme Fahrt, trotz dieser hohen Geschwindigkeit, trotz des unangenehm überfüllten Zuges vor allem (ich war als dritte Partei an einem Vierertisch gelandet. Geradeaus erklärte ein reizender Herr seiner reizenden Frau die hessische Landschaft, mein Nebensitzer las im SZ-Magazin eine Geschichte über das rassistische Potenzial des Sarrotti-Mohrs und hinter der Lehne, also mir im Nacken, sprachen eine italienisch gefärbte Stimme und eine aus Niedersachsen auf Englisch über Donald Trump. Wenigstens regnete es nicht auch noch rein.)

Im Gegenteil, es war das herrlichste Reisewetter. Und Deutschland, das konnte ich letztendlich auch der vorteilhaften Rahmung durch die speziell proportionierten Fenster des ICE wegen erkennen, war sogar im Spätherbst noch das allerschönste Land. Wir hatten gerade den wie Lötzinn schimmernden Stausee passiert, da fragte sich der Landschaftserklärer laut, ob das nicht am Ende eine Talsperre war. Für ihn bedeutete jeder Satzanfang auch schon das Ende. Jedenfalls betonte er das so. Das Hessische, insbesondere der Ortsname Hanau, der von ihm häufig Erwähnung fand, war für diese auf dem Aushauchen beruhende Sprechweise ideal.

Dann, die beiden waren aus Frankfurt, ging es um die unbebauten Kleingärten von Offenbach entlang der Gleise – die Frage hatte ich gestellt: Warum die denn noch nicht bebaut worden waren (wo doch hier der Wohnraum so begehrt war). Weil’s Kleingärten sind, sagte sie. Um mich danach noch auf das Grünesaucenmuseum dort hinzuweisen »in irgendeiner Wellblechhütte«.

Charmant! Sie verabschiedeten sich mit einem Hinweis darauf, heute Abend noch in die Alte Oper zu müssen. Mit der Betonung auf müssen – Konzert. Sie, vertraulich: »Da kann man nichts machen, die Karten liegen zuhause bei uns herum«.

Dann standen links plötzlich Hochhäuser, wo eben noch die Kleingärten gewesen: sie waren daheim.

Der Supermond zeigte sich schon auf dem Weg nach Heimerdingen durchs Rückfenster des neuen Autos meiner Eltern (einem Raumwunder, wie meine Mutter es nennt). Dann gab es Rouladen und Spätzle und einen wie immer recht rezenten Rotwein aus meines Vaters seltsamer Sammlung. Danach noch lange mit den beiden am Kippfenster im ersten Stockwerk gestanden, wo früher sehr viele Jahre lang mein Zimmer gewesen war. Immer abwechselnd schaute einer von uns durch mein Fernrohr und machte daraufhin entweder Kommentare über das Fernrohr (meine Mutter), den Supermond (ich) oder halt über irgendwas.

13.11.

Um 3 Uhr 30 von einem Licht geweckt, als ob mir die Sommersonne ins Gesicht schiene (dabei lag ich auf meiner dem Sonnenaufgang abgewandten Seite): Es war der Mond. Für morgen ist der sogenannte Supermond zwar erst angekündigt, der heute aber war auch schon mal nicht schlecht. Ich ging gleich raus, denn mir war eingefallen, dass der Sternenhimmel aufgrund der Kälte ja auch so schön sein soll. Und wirklich! Roch wie Silvester (also so gegen 20 und 22 Uhr, wenn alle essen, kaum jemand knallt). Schade, wirklich schade, dass man bei solchem Traumwetter derart frieren muss. Rein optisch wäre es nämlich ein Hochgenuss.

Machte ich mir halt einen Kaffee. Wobei – mir war es ja auch zu laut, aber nicht nur um diese Zeit. Dazu ein Glas vom Birkensaft direkt aus dem Kühlschrank. Im Stehen zu trinken: soll angeblich gut sein für die Knochen. Schmeckt vor allem gigantisch (steht auch so auf der Packung, allerdings auf kyrillisch. Wozu gibt’s Wörterbücher!). Derweil, ich bin, wie es so schön heißt, immer wieder aufs Neue erstaunt: Wie schnell das dann geht, wenn hinter den Bäumen, die ich, seit die ihr sämtliches Laub verloren haben, Bäumchen geneigt bin zu nennen, aus dem Dunkel der Sonnenaufgang wird. In Schichten von unten dunkel bis oben hell: ein einheimischer Drink. Über den fernen Wipfeln ein blassrosa Streifen und nach oben hin blutet es wasserhell aus. Die Bäumchen als Fries, als ein Scherenschnitt. Filigran filigranst filigranstestens.

Neulich sagte Lorenz: Du ziehst ganz schön oft um. Und ich gab ihm recht. Aber hatte ich jemals irgendwo derart schön gewohnt? Ich glaube es nicht nur nicht, ich weiß es. Noch nie. Mit dem genau richtigen bisschen mehr Grün, als auf einem Schnittlauchbrot sein muss, aber noch immer nicht so viel davon, dass ich den Traktorschein machen müsste. Mit Nachbarn, die mich lieben (und nur ganz leise mit den Zähnen knirschen im Halbschlaf, wenn meine Kaffeemühle über die Herdplatte schlackert), mit Kindern, die jubelnd mich begrüßen, um darauf zu berichten, was es Neues gibt in ihrer Welt (die meiner manchmal verblüffend ähnlich sieht: »Wir spielen heute Restaurant!«). Nicht zuletzt die Tiere. Und zwar alle. Bis auf Möwen. Und bis auf die Motten, die, wie ich heute Morgen ebenfalls beim Packen herausfinden musste, in exakt zwei meiner Pullover jeweils zwei Löcher gegessen haben, so als wären das Fahrkarten und sie spielten Kontrolleure. Naja. Na gut. Ich hatte eigentlich noch nie Motten, wenn ich mich recht erinnere (und das tue ich eigentlich). Vermutlich ist das der Preis für das schöne, nein schönste Leben, das ich je hatte. Wenn es weiter nichts ist – im Radio liest einer die Lebensgeschichte Martins vor: »Die Dienstzeit im Römischen Heer betrug damals 25 Jahre«.

12.11.

Kein einziger Laternenumzug gestern. Was natürlich daran gelegen haben mag, dass es hier so gut wie keine Kinder gibt. Generell habe ich den Eindruck, dass in Berlin die christlichen Feiertage nicht mehr ganz so wichtig genommen werden. Obwohl es hier um die Ecke eine hübsche Kirche gibt (wobei das um die Ecke nur auf dem Wasserwege gilt; jetzt off season liegt die ganz hübsch weit weg): von einem Paradiesgärtlein umgeben (da kann man lernen, was Apfelbaum auf Lateinisch heißt). Neulich war ich wieder einmal dort, da harkten gerade zwei Frauen das Laub und machten Stauden winterfest. Die luden mich gleich in resolutem Ton ein, mit anzupacken, da sie mich jetzt schon des Öfteren dort gesehen und scheinbar tagsüber auch viel Zeit und so. Die eine Frau war Koreanerin, das sind ja ganz fleißige Christen; in Schöneberg gibt’s die erste Bibimbap-Stube der Stadt, die heißt nicht nur Christenfisch, die ist Innen auch vom Fußboden bis zur Decke hinauf mit handgemalten Bibelzitaten verziert.

Ich kündigte fürs nächste Frühjahr mein Ehrenamt an, und meine das auch ernst.

Ich kenne das noch aus meiner Kindheit und Jugend. In Heimerdingen wurde ja sogar der Wald nach jedem Winter in ehrenamtlicher Zusammenarbeit aller Bürger vom Müll befreit. Aber gut, Heimerdingen, die pietistische Sphäre allgemein, das waren nicht nur andere Zeiten, dort sind sie es noch immer! Und wenn es Abend eines 11. Novembers geworden war, und sie also in Köln Föttchesföhler machten und sich schon mal warm tranken für ihren Ekelexzess, dann holte Herr Ehret seinen Schimmel aus dem Stall, legte sich seinen dunkelroten Samtmantel um, setzte den goldenen Helm mit dem roten Irokesenkamm auf und ritt ein auf den Schulhof, wo wir Kinder ihn mit unseren Laternen aus Pappdeckeln und Pergamentpapier mit Kerzen drin erwarten mussten. Es war damals schon so kalt wie heute. Dann folgten wir ihm, das Martinslied singend, mit den Laternen an das Vorderkind stoßend, ermahnt werdend und vor uns hin stolpernd durch das dunkle Dorf bergan bis zu jenem Feldweg, der die Ortsgrenze markierte und von dem aus wir auf die beeindruckende Schwärze starrten, die das Ende unserer dörflichen Welt nicht nur bedeutete, sondern die das tatsächlich war. Nach Heimerdingen kam ja lange nichts. Tief unten in der Schwärze war das sogenannte Wünschloch, eine Senke, auf deren anderer Seite das Freizeitheim des CVJM stand. Das aber nur am Sonntagnachmittag geöffnet hatte. Für Kaffee, Kuchen und Schneckennudeln. Im Angesicht des Wünschlochs und der schwarzen Nacht las Herr Ehret die Martinsgeschichte vor. Er machte die Geste mit seinem Schwert und dem Mantel. Den Bettler gab es nicht, den mussten wir Kinder uns vorstellen – that’s Pietismus! Einige der Laternen waren schon arg verbeult. Andere nicht mehr zu retten. Sie gingen in Flammen auf. Wer mit seinem Gummistiefel in den löshaltigen Ackerboden geriet, verlor den Stiefel unweigerlich. Die Klebkraft des Ackerbodens war stärker als jedes Kinderbein und machte ein schmatzendes Geräusch. Alle hatten Hunger, aber es gab nur Mandarinen. Dann ging es mit »Ich geh‘ mit meiner Laterne« nach Haus.

11.11.

Seit der Kirschbaum seine letzten Blätter abgeworfen hat, werde ich in der Frühe von einer Blaumeise geweckt. Sie landet auf dem Fensterbrett und pickt mit dem Schnabel gegen die beschlagene Scheibe. Ruckhaft sehe ich ihre verwaschenen Farbtöne blinken, Zitronengelb und Weiß und, schemenhaft: ihren famous blue raincoat, dazu das hackende Geräusch. Sie pocht auf ihr Recht. Leider kenne ich es nicht. Wer auch immer vor mir dort gewohnt haben wird, vielleicht hat er um diese Jahreszeit dort immer Körner auf das Fensterbrett gestreut? Angeblich werden Blaumeisen bis zu 5 Jahre alt – könnte also möglich sein. Oder es handelt sich um den Nachwuchs einer Blaumeise, die im letzten Winter oder im vorletzten dort auf diesem Fensterbrett bewirtet wurde, und dieser Vogel ist jetzt einer aus ihrem Gelege, an den das Wissen um dieses Anrecht transgenerational vererbt ward. Das gibt es wohl, zumindest bei Tieren. Man hat da diesbezüglich mal mit Hasen, Kirschblüten und Elektroschocks experimentiert. Um Rückschlüsse auf transgenerational vererbte Traumata beim Menschen ziehen zu können. Nicht etwa beim Hasen.

(Gestern aß ich mit Gunnar zu Mittag in einem Restaurant, das war so 21st century, es gab Käsekuchen mit Kirschen, den gestreuselten Boden als topping, und Kaninchen, zu dem als Beilage sinnigerweise Möhren serviert wurden. Und wir erzählten uns Unfallgeschichten. Gunnar hat Titanschrauben in seinen Schlüsselbeinen, ich hab welche in meinem Schädel – das war wie Autoquartett, bei dem mich Gunnar mit seiner Anekdote, in der eine Diamantsäge eine sozusagen tragende Rolle spielte, stach. Und auf dem Rückweg sah ich auf der Friedrichstraße den dümmsten Werbeslogan: »Wenn Sie Gold haben, haben Sie immer Geld«.)

Und vermutlich weil das eben so ist, ungefähr; weil Traumata transgenerational vielleicht nicht gerade vererbt, aber gelehrt werden, sind wir traurig, wenn jemand stirbt, den wir persönlich gar nicht kannten. Obwohl wir seine Lieder weiterhin hören, die Bücher immer lesen können. Seelen wandern nicht. Tot ist tot. Aber wie Robert Montgomery sagt:

The people you love
Become ghosts inside of you
And like this you keep them alive

Ich werde The Partisan hören. Und Suzanne. Wenn Robert Smith stirbt, wird es noch schwieriger, also die Auswahl, weil da habe ich zig Lieblingslieder. Das wird dann sogar richtig anstrengend, mal schauen. Am besten ich feiere schon mal ein bisschen vor mit seiner Interpretation von Lover Come Back to Me.

10.11.

Merkwürdig, dass wenn jemand mit der Zeit in eine andere Zeitzone verreist, dort also mit einer anderen Tageszeit sozusagen mir voran lebt, und die Nacht, die dann zu mir kommt, dort bereits schon war, dass ich dann das Gefühl habe, die Zeit verginge insgesamt für uns auch auch schneller, bis wir uns wiedersehen. Seltsam, aber gut.

Beim Abendessen erklärte mir Jan anhand der Opernmusik, die lief, was ein Melodram ist. In der Oper wohl, anders als im Film, eine Form, in der die eine singt, die andere spricht. Konnte ich besser finden, also angenehmer als Oper sonst. Dann sagte Jan, das mit Trump sei für ihn wie Liebeskummer. Es käme wie in Wellen über ihn, wie die Erkenntnis, dass er verlassen worden sei, und dann müsste er bei jeder neuen Welle wieder und wieder begreifen, dass es doch wahr ist. Da war es längst dunkel und ich hatte erst kurz davor davon erfahren, weil ich den ganzen Tag lang das Haus nicht verlassen hatte, mich niemand angerufen hatte, ich Twitter nicht angeguckt hatte, auch sonst keinerlei Internet. Aber als ich im Frostschutzparka zum Abendessen ging, blinkte auf der Clayallee eine der Werbetafeln auf und zeigte statt einer Werbung für Chile als Reiseland das Gesicht des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten (ein Radiosender kündigte seine Sondersendungen an).

Nach dem Essen, auf dem Weg zum Auto, pflückte ich von der Rankpflanze ein riesiges gelbes Blatt ab, das lange Zacken hatte und im Schein der Straßenlaterne fast weiß leuchtete. Und ich sagte zu Jan: »Das ist doch mal ein Blatt«. Und er schaute drauf, als sähe er es gerade erst (dabei rankt die Pflanze doch rechts seiner Haustür empor): »Wie Trumps Hände«.

Na ja, der war noch nicht so gut, aber ein paar Minuten später machte er dann noch einen wirklich guten Witz, den ich aber leider nicht mehr weiß, weil wir dann Bier tranken und ich ihn mir nicht aufgeschrieben hatte. Heute früh noch in allen Taschen nach dem Blatt gesucht, aber es ist leider weg. Raureif auf den Wiesen und auf dem Steg.

9.11.

Künstliche Träume, also solche, deren Bilderwelt aus einem Gemälde entstanden sind, gibt es auch, da waren Lorenz und ich uns einig. Er war nachschauen gekommen, ob es die Schnecken wirklich gibt. Zum letzten Mal waren wir uns im Frühling gegenüber gesessen. Damals noch an jedem Werktag in der Redaktion der Frauenzeitschrift, die zuerst er, dann ich verlassen musste. Nun saßen wir uns im beinahe schon wieder dämmrigen Licht mit Ausblick auf den kalten, großen und provozierend nutzlosen See gegenüber. Die Schnecken schliefen, eine jede für sich in ihrem Haus; die eine auf, die andere unter einem braun verwelkten Kirschenblatt.

Ich hatte Lorenz das Motiv einer Postkarte gezeigt, die Friederike mir vor ihrer Abreise nach Nepal geschickt hatte: Darauf war dieses Bild von Salvador Dalí zu sehen mit dem Titel, der so lang ist, dass die deutsche und englische Übersetzung der VG Bildkunst auf der Rückseite einfach halbiert abgedruckt worden waren, so als änderte das nichts Wesentliches daran, was die Biene ansonsten noch vorhatte, außer irgendwann einmal des Meisters Traum gestört zu haben. Lorenz nickte, auch er hatte schon einmal etwas aus diesem Gemälde Entstandenes geträumt. Allerdings sei damals die brennende Giraffe auf dem Altar unter den anderen gegrillt worden – also im Grunde flambiert. Möglich auch, dass unter der Einwirkung der Hitze des Giraffengrills damals seine Traumarmbanduhr angefangen habe zu schmelzen, jedenfalls sei er aufgewacht mit dem brennenden Gefühl, es sei bereits viel zu spät. Bezeichnenderweise konnte sich Lorenz aber nicht mehr daran erinnern, wann er diesen Traum geträumt hatte. Noch nicht einmal mehr in welchem Jahr.

Ich hatte mich beim Erhalt dieser Karte an einen Jugendfreund erinnert, Thomas Hirschhorn aus der Bahnarbeitersiedlung Kornwestheims, der als Stipendiat in die Klasse von Markus Lüpertz in Karlsruhe aufgenommen worden war. Der (also Hirschhorn) konnte damals schon extrem gut malen, geradezu georgecondohaft altmeisterlich, und hatte sein Kunststudium mit Auftragsarbeiten finanziert. Die Gegend strotzte ja außerhalb der Bahnarbeitersiedlung nur so von Leuten mit viel Geld und noch weniger Geschmack. Einigen von diesen wohlhabenden Mittelständlern verlangte es nach repräsentativer Kunst in Form handgemalter Unikate. Die lieferte ihnen Hirschhorn auf Kommando (Methode Kippenberger). Und ich erinnerte mich noch ganz genau, so als hätte ich das wiederum nur geträumt, dass es einen Auftrag gab, da verlangte einer von Hirschhorns Auftraggebern exakt jenes Motiv von Dalí, bloß dass die Tiere über der Nackten eben aus einer Coladose herausfliegen sollten und nicht aus dem Maul eines Knurrhahns. Und zwar, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht nur geträumt hatte oder es einer künstlichen Erinnerung entspringt: weil dieser mittelständische Unternehmer eben exakt dies geträumt hatte. Woraufhin ihm Thomas Hirschhorn gerne und gegen gute Bezahlung diesen persönlichen Traum malte.

Wäre freilich interessant, später die Kinder und die Ehefrau dieses Auftraggebers befragt zu haben, in welchen individuellen Modifikationen sie den Traum Salvador Dalís später fortgeträumt hatten.

Am Morgen, heute 7 Uhr, nach einer Nacht, in der ich nach bildlosem Träumen um 5 Uhr 11 lächelnd kurz erwacht war: ein grandioser Sonnenaufgang vor beschlagenen Scheiben. In der kleinen Wasserschale auf der Brüstung war eine dünne Schicht Eis. Wie Milchhaut. Da mit der Spitze des Zeigefingers rein.

8.11.

Saufrüh erwacht (kurz nach 5 Uhr), weil es schon hell wurde, aber das waren die Straßenlaternen; das Laub fehlt, ihr Licht dringt ungehindert zu mir durch. Auf dem Fensterbrett liegen zwei Postkarten aus Sardinien. Sie zeigen den Sommer und wurden im Sommer an mich abgeschickt. In den Nachrichten hieß es, dass es heute schneien soll. Noch regnet es, das sind schon einmal gute Vorraussetzungen, denn zu kalt darf es dafür nicht sein. Aber die Luft riecht nicht danach (und ich kann mir nicht vorstellen, dass es im sogenannten Lauf des Tages noch kälter werden kann).

Ich habe das nur ganz wenige Male erlebt, dass ich erwachte und mich fragen musste, wo ich bin. Ich kann mich nicht einmal mehr präzise erinnern, wann überhaupt – vermutlich als Kind? Nein: im Krankenhaus. Am frühen Morgen des 3. Oktober 2011. Bei Damasio las ich, dass man diese unbewusste Gedächtnisleistung, also vom Prinzip her schon vor dem Aufwachen zu wissen, wo man sich befindet, als Situiertheit bezeichnet. Funktioniert sogar im Flugzeug, im ungewöhnlichsten aller Schlafzimmer, das sich von selbst auch noch durch Raum und Zeit fortbewegt, während man darin bewusstlos ist und schläft. Selbst dort erwacht man und weiß: Ah, jetzt kommt der Landeanflug auf diese Stadt in jenem Land, wo ich noch nie war. Und selbst noch davor, also inmitten des Fluges, wenn alle anderen Passagiere um einen herum im dunkelgrünen Dämmer schlafen, schaut man aus dem Fenster und weiß so ungefähr, welches Land da unten liegt (einmal, als ich nach Hongkong flog, erwachte ich und unter den Flügeln, es war schon Tag, war ein Gebirge aus den merkwürdigsten Felsen, die alle nach demselben Strickmuster sozusagen gebrochen zu sein schienen: wie Kegel aus braunem Gestein. Dazwischen auch alles braun und ich dachte: Das muss jetzt China sein.)

Jan hatte mal diese Idee zu einer Sammlung sämtlicher Filmszenen, in denen eine Person (oder Figur) zur anderen sagt: »Warum erzähle ich Ihnen das eigentlich?« – also sich selbst unterbricht und dann entsteht diese vielsagende Pause, in der die sich selbst unterbrochen habende Figur etwas über ihre Persönlichkeit verrät. Ich war damals, glaube ich zumindest, der Meinung gewesen, dass es sich dabei halt nicht um einen Trick des Drehbuchschreibers handelt, sondern dass es diesen Moment tatsächlich gibt im Miteinanderreden. Aber seitdem achte ich darauf, seit mehreren Jahren schon, und es ist in meiner Gegenwart noch kein einziges Mal dazu gekommen. Genau so mit der Einstellung, in der jemand aufwacht und noch schlaftrunken, halb vergiftet, punch drunk oder panisch sagt: Wo bin ich! Das würde mich sehr interessieren, wie oft das wirklich passiert in einem Leben; vor allem zu welchen Gelegenheiten. Ich glaube: so gut wie nie (außer nach einem Unfall mit Amnesie oder vergleichbarem Substanzenmissbrauch). Es ist eine künstliche Erinnerung, die ins kollektive Gedächtnis eingepflanzt worden ist. Und trotzdem hält man sie für total wahrscheinlich und sogar wahrhaftig. Dabei haben die wenigsten mit dem Ereignis selbst ihre Erfahrung gemacht.

Wenn jetzt demnächst die Videosuchmaschine von Google freigeschaltet wird, die es ja schon gibt, wird man solche Dialogzeilen, die auf künstlichen Erinnerungen basieren, eingeben können und Youtube oder ein anderes Programm wird hunderte und tausende von Szenen ausweisen, in denen jemand fragt »Warum erzähle ich Ihnen das eigentlich« oder »Wo bin ich«. Aber halt auch »Wollen Sie noch auf einen Kaffee mit hinaufkommen« und rein Gestisches (Tränen fallen auf einen Brief und verwischen die Schrift, ein Mobiltelefon läutet und leuchtet, aber keiner nimmt das Gespräch an, eine Kühlschranktür öffnet sich und man sieht durch die gläserne Rückwand, wie eine Figur etwas herausnimmt, ein Blick fällt an der Fassade eines Hochhauses entlang auf die Straße herab).

7.11.

Erik schickte einen Link zu einem Videoclip auf Youtube. In der Betreffzeile stand »Gute Besserung«. Statt einer Postkarte wie ich annahm*. Ging ja auch gar nicht anders, es war ja Sonntag. Genau genommen also anstelle eines Telegramms (dafür mit Bildern). Zu sehen waren Bilder aus dem alten Erfurt. Der Clip lief unter dem Titel Erfurt in der DDR. Sollte vermutlich unser nächstes Treffen mit Boris Lochthofen vorbereiten helfen, das ja in Erfurt selbst stattfinden würde (Boris Lochthofen ist für die anstehende Vorweihnachtszeit wohl leider derart verplant, dass es im alten Jahr zu keinem weiteren Zusammentreffen im Mainhattan reichen wird.) Eventuell, und allein das spricht ja für einen Abstecher nach Erfurt: in einer der vielen noch erhaltenen Imbißstuben für Thüringer Bratwürste, die es in Erfurt noch gibt.

In dem Clip war davon keine einzige zu sehen. Die Bilder naturgemäß von einer Traurigkeit, die meiner Stimmung in der Rekonvaleszenz sehr schön entgegenkamen. In den ersten fünf Minuten tauchte kein Mensch auf, der nicht in einem Bagger saß. Was bedeutete, dass ich gar keinen zu Gesicht bekam, weil die Szenen allesamt aus ziemlicher Distanz aufgenommen waren. Vermutlich, weil das Filmen der kaputten Fassaden und Straßenzüge damals illegal war. Ein Gefängnis gab es auch. Es kommt in direktem Anschluß an eine Kamerafahrt entlang einer gigantischen Kuchentafel, die an einem in Orwo-Farben getauchten Frühlingsnachmittag vor einer frisch fertiggestellten Plattenbauzeile aufgestellt worden war. Es waren vor allem mastig in enge Pullunder verpackte Kuchenfreunde mit silbergrauem Haar eingefangen. Die Kuchen selbst: sahnig und flach, mit in stechendem Rot leuchtenden Kirschen verziert (Modell Frankfurter Kranz). Dann drang die Kamera, nach ein paar Nahaufnahmen von Blumen, hinter das vergleichsweise intakt wirkende Mauerwerk eines Gefängnisses ein. Durch die Montage ergab sich ein Sinnzusammenhang: Kuchen nach dem Subotnik ist in Ordnung, aber wer es überteibt, kommt in den Knast. In dessen Inneren es total kaputt und rostig zuging. Klaro, sollte und soll ja auch kein Zuckerschlecken sein. Die Kamera zeigte in unruhig hin und herschwankender Manier und obendrein aus Hundeschnauzenperspektive die verrosteten Schließtüren, hinter denen man alle Hoffnung fahren lassen durfte. Durch die Futterklappe ging es direkt in eine der Zellen hinein: ein  Schemel und zwei Kisten ohne Matratzen versuchten nicht mal mehr, auf Interieur zu machen. Ein unerklärlich reichhaltiges Sortiment von Kübeln und Kannen auf einem Board an der Wand. Vermutlich zum Foltern. Dann wieder Blumen, Kinder im Gänsemarsch und jede Menge Springbrunnen. Vom Reisen her weiß ich, dass in maroden Staaten die Springbrunnen zuletzt abgeschaltet werden. Nur wo es ganz aus ist, liegen die Becken trocken und bald schon staubig geworden noch so lange da, bis sämtliche Rohre geklaut werden.

* Mit Friederike hatte ich am Morgen noch über die Postkarte an sich gesprochen. Wie lange es die noch geben würde? Derzeit sah es ja noch gut aus für das hübsche Medium. In Berlin, nur zum Beispiel, gab es noch an jeder Ecke Postkarten. In Frankfurt auch. Aber im Vergleich zur Hochphase der Postkarte, also als es noch keine Mobiltelefone gab und auch noch keine Videokameras, gab es mehrere Genres von Postkarten, von denen die aus dem kleinsten Segment nur noch in einem ursprünglichen Sinn als Ansichtskarte Verwendung fanden. In Berlin zeigten diese hauptsächlich die drei wohl attraktivsten Orte der Hauptstadt: Holocaustdenkmal, Alexanderplatz, Potsdamer Platz. Und freilich, manchmal als zusätzliches Inlay: das Brandenburger Tor. In Mitte und noch weiter in ostwestlicher Richtung nahm die Anzahl der Postkartenverkaufsständer sogar noch weiter zu im Vergleich mit den Hotspots des Tourismus klassischer Prägung. Aber hier waren jüngere Touristen unterwegs, die insofern als statistisches Material für die etwaige Überlebensdauer der Postkarte an sich relevant waren und es auch noch lange bleiben würden; und auch die dort sesshaft gewordenen, mehrheitlich ebenfalls jüngeren Berliner griffen im Alltag bei diesen dort verkauften Postkarten zu. Die aber, so glaubte Friederike, eher weniger zum Verschicken verkauft werden, sondern um beispielsweise zusammen mit einem Buch verschenkt zu werden. Oder um, sie hatte das schon ein paar Mal so gesehen, die eigene Wohnung damit zu dekorieren. Dementsprechend waren auf diesen zeitgenössischen Kunstpostkarten bevorzugt Plattenbausiedlungen in Instagramoptik abgebildet. Oder eine bröckelnde Mauer, auf die ein Liebesgraffiti gesprüht worden war. Oder eben jene historischen Fotografien aus den zwanziger Jahren, die mit einem das Motiv konterkarierenden Spruch versehen waren. Oder eben japanische Illustrationen oder Stiche aus dem Anatomieatlas oder oder oder. Und während wir uns das gegenseitig erzählten und aufzählten, unser angehäuftes Wissen austauschten, um somit unser beidiges zu vermehren, las mir Friederike aus der Zeitung vor (ich war ja noch zu schwach, um aufzustehen), dass in den neuen ICE-Zügen die Abteile abgeschafft worden waren. Es kann also halt doch sein, dass es die Postkarten irgendwann auch nicht mehr geben wird. Ob wir das erleben würden?

6.11.

Am Nachmittag brachte ein Bote, die rote Uniform glänzte vom daran abperlenden Regenwasser, einen extrem dicken Umschlag, den er mir mit einem Gruß übereignete. Darin befand sich die erste Ausgabe der Numéro. Die wenigen kleinen Blätter an der Hecke waren anscheinend gefroren, sie raschelten wie Cornflakes im Wind. Der dicke Umschlag enthielt lediglich ein Exemplar der Zeitschrift, es musste an die dreihundertfünfzig Seiten stark geworden sein. Mir fehlte da bereits die Kraft hineinzulesen, da dies nur im Sitzen am Tisch möglich gewesen wäre. Zu dem Zeitpunkt konnte ich aber bloß noch liegen.

Während des Mittagessens hatte ich mich plötzlich schwach gefühlt und erst gedacht, ich müsste mich nur mal eben hinlegen, war dann aber von einer krankhaften Müdigkeit erfasst worden. Das Glas mit aufgebrühtem Ingwer brachte nichts. Ein Schub von abgeschwächtem Schüttelfrost, unter der Haut ein Gefühl als fröre ich, das sich mit Hitzewallungen ablöste, hielt mich dort im Liegen unter zwei Decken fest. Ich schlief und wachte dabei; lag wach unter einer Schicht von Schlaf, die sich wie über mich hinweg ziehend anfühlte, so als läge ich am Grund ihres dunklen Stromes. Ab und an kam ich zu klarerem Bewussstein, da war es 23 Uhr, 2 Uhr, 3 Uhr 30, und schaute dann zuerst immer zum Fenster hinüber, in der vagen Hoffnung, es wäre noch dunkel, die Sonne noch nicht am Aufgehen und die Nacht, die mir seltsamerweise mit Heilkräften ausgestattet schien, dürfte noch recht lange dauern. Nach einem solchen Wachmoment war es mir freigestellt, mir wieder eine von den über mir schwebenden Schichten auszuwählen, um von ihr aufgenommen zu werden. Es war, als könnten alle diese Schichten mit mir kommunizieren. Und so machte ich erst Kontakt mit einer, dann mit noch einer anderen, bis dann die dritte schließlich ohne Worte mir bedeutete: Schlaf.

5.11.

Death of a fishmonger.

Dann lange nichts, beziehungsweise die Frage, wieviel an sogenannter Weltwirklichkeit denn in einem Tagebuch enthalten sein sollte. (In der Bildbiografie steht, dass Arno Schmidt seine Frau Alice zum Tagebuchschreiben angeleitet hat. Wunschgemäß leitete sie jeden ihrer Einträge mit Sonnenaufgangszeit, Luftdruck, Temperatur und Windrichtung ein. Auf ihre Frage, was da noch zu stehen habe, gab er die sogenannt »außerordentlichen Vorkommnisse« an. Versehen mit dem schönen Zusatz, dass einem wahrhaft Liebenden alles außerordentlich vorkommen muss.)

Als ich vom Balkon aus nach dem längsten Ast des Kirschbaums angeln wollte, um den Schnecken noch einmal ein paar der schönen pfirsichfarbenen Blätter abzuzupfen, war der bereits nackt und leer.

Würden Schnecken denn tatsächlich schreiben: »You are Schleim beneath my foot«? Fische das Wasser an sich besingen? (DFW ist lange tot.) Und von da aus dann die Frage, ob es überhaupt noch Wind sein dürfte, den poetisch gestimmte Schnecken dann als förderlich empfänden, beziehungsweise: ihre Sohle demnach flügelhaft?

Egal. Es war ein langes Jahr. Megalang – ich würde sogar behaupten, dass die allgemeingültige Zeit für jeden nochmals extra anders vergeht, und von daher, in meinem und deshalb auch in unserem Falle: langsamstens. Von außen betrachtet geradezu genießerisch. Dies aber nur fallweise; an manchen Tagen ging es ruckzuck, dann wieder ganz im Gegenteil. Und eigentlich weiß niemand, den wir wirklich kennen, was in diesem Jahr tatsächlich mit uns beiden geschehen war. Und geschieht! Klar kann man, muss sogar, um seine Haltung zu bewahren, sich mit Schnecken beschäftigen (darf die zu dem Behufe auch zu Hause einsperren bei sich unter Glas), man darf sich auch mit den Vögeln der angrenzenden Landschaft beschäftigen, könnte sogar, was ich bislang unterlassen habe, tunlichst. Aber wer weiß. Nichts ist unmöglich und das Jahr noch immer lang: Würste selbst abfüllen oder Craft Beer brauen. Immerhin war das Jahr ja auch so verdammt lang, dass ich währenddessen nicht nur ein Redakteur bei einer Frauenzeitschrift werden konnte, sondern diese Position (»für besondere Aufgaben«) auch wieder verlieren konnte, und: zwischendurch noch zu Greg Koch wurde für noch wenigere Monate (der immerhin das Craft Beer erfunden zu haben behauptet), was mir sehr viel Freude bereitet hatte, weil ich von Ernie und Bert ja besonders die Episode liebe mit dem Titel Bewusstseinstausch.

Dass man die Nennung von Titeln kursivieren soll, habe ich von Anne, die ganz zu Anfang des megalangen Jahres, ich glaube, es war im Februar oder März, eine eigene Rechtschreibreform für waahr.de sich ausgedacht hatte, und die dann auch derart eigensinnig hatte durchsetzen können, dass sich seitdem jeder dran hält. Einleuchten tut die mir noch immer nicht, aber ich habe ja auch dieses große Glück, dass ich mich darum nicht kümmern musste. Und wie es im Wetterbericht zum Abend gestern so schön hieß: »In der nächsten Woche klopft der Winter an die Tür«.

4.11.

Wie leichtfüßig (und in der Erinnerung beschwingt) man, also ich, in jungen Jahren nach einem solchem Gelage noch aus dem Bett springen konnte, um, anscheinend unbeschädigt, sich ans Tagwerk zu machen. Altwerden ist unschön. Verkatert sein macht es nur schlimmer. So gesehen ist es ja geradezu lebensgefährlich, dass die ganze Welt von jungen, daueralkoholisierten Menschen bestimmt wird, denen es halt bloß gar nicht bewusst werden kann, dass sie ihre Entscheidungen im beschwipsten Zustand treffen. Eben weil sie noch zu jung sind, um an den Folgen ihres Alkoholkonsums zu leiden. Physisch wie metaphysisch sind die Nachwirkungen des Alkoholkonsums die Hölle, da hatte Kingsley Amis recht. Sollte unbedingt in den Grundschulen bereits gelehrt werden. Brächte freilich nichts, weil die noch zu jung sind, um die Verkaterung am eigenen Leib erfahren zu können. Und theoretisch vorgetragen, glaubten die ja sowieso nicht, dass es so etwas in Wirklichkeit gibt (siehe Liebeskummer).

3.11.

Zu den alten, dafür zähen Gepflogenheiten der Berliner gehört auch, dass man Gäste in anderer Leute Wohnung einlädt, um dort für sie zu kochen. Ein seltsamer Brauch, von dem ich nicht wüsste, dass er noch in anderen Gesellschaften existiert oder überhaupt bekannt ist. In Stuttgart, nur zum Beispiel, wäre das undenkbar und würde deshalb auch als unmöglich beurteilt (mit einem ô, ohne n und danach zwei, bis drei é). Ebenso unmöglich fänden echte Schwaben es auch, wenn dann der einladende Fremdkoch, eine Köchin in meinem Fall, extrem kurzfristig, also etwa eine Stunde vor dem Eintreffen der Gäste, absagen täte. Zumal ich da gerade mit tütenweise eigens auf die mir telefonisch übermittelte Speisenfolge des anstehenden Abends eingekauften Flaschen des angeblich benötigten kanadischen Weißweines zu Hause angelangt war. Und dies im Wortsinne, denn der solche Weine nur auf schriftliche Vorbestellung hin führende Getränkemarkt war nicht eben nebenan gelegen.

Dann kam Joachim Lottmann.

Ein perfekter Text hätte damit aufgehört, also nach Lottmann. Aber es ging ja noch weiter, weil ich ja auf die von fremder Hand gekochten Speisen mich verlassen hatte und nun, nach der kurzfristigen Absage mit den Früchten des Gartens (Blässhühner et al.) nach dem Kochbuch Alice Schmidts eine mir selbst vollkommen neuartige und von daher fremd vorkommende Suppe anrühren musste. Denn es ging ja nicht allein um Lottmann (.), der allein wäre ja mit Brot und Käse zufrieden zu stellen gewesen. Nach seinem Eintreffen aber klingelte es noch zweimal und das zum Signal für insgesamt noch drei weitere Gäste: Anne, Philomene und Jan.

Zum Glück bin ich nicht mit Klempnern befreundet, denn um diese Suppe genießen zu können, brauchte es ein gewisses Gefühl der Verwurzeltheit in bohemistischer Tradition. Lottmann, nicht ganz wie (auch wieder telefonisch) angekündigt, hatte einen Piccolo, sowie etwas Eierlikör mitgebracht. Wobei ich ja sagen muss, dass meine Stärke recht geschlechtsunüblich bei den Nachspeisen nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden ist (ein wesentlicher Faktor meines tragischen Scheiterns als Resortleiter war nicht allein darin zu suchen und finden, dass ich den Grundgedanken unkonventionell aufgefasst zu haben schien (also mit einem s), sondern überdies meine Redakteurinnen unverholen zur blümerantesten Zeilenschinderei via Adjektivhäufung, Bandwurmsätzen und Ableitungen aller Art angespornt hatte). Der Kuchen blieb dann freilich beinahe unberührt.

Nicht so der Wein. Vom Aufwachgefühl her also ein gelungener Abend. Seltsam, dieser über die ganze Welt verteilte Brauch, sich gemeinsam zu vergiften. Was denn wohl wäre, wenn nun einer mal tatsächlich dabei draufginge, also stürbe, einfach mittendrin, am Tisch?

 

2.11.

Geträumt, das Titelblatt des New Yorker hätte, auf weißem Grund, ganz viele kleine Münder. Alle in gewissem Abstand zueinander, alle in demselben Rot ausgemalt und vom Stil her so, wie all die vielen hundert kleinen (schwarz-weißen) Symbole und Grafiken, die sich in dem sogenannten Schnibbelbuch befunden hatten, das meine Eltern, aus heute für mich unbegreiflichen Grund in ihrem Regal stehen hatten. Mit dem (aus dem Verlag Zweitausendeins) hatte ich mich über Jahre intensiv beschäftigt – wohl auch, weil ich daraus partout nichts hatte ausschneiden dürfen, sodass ich die für mich interessantesten Zeichnungen (zeigende Zeigefinger mit Hemdmanschetten hinten dran, Bomben, schnauzbärtige Gewichtheber in Badeanzügen, Verkehrs- und Verbotsschilder aller Art) in nachmittagelanger Arbeit als Kopist mit Filzstiften auf die quadratischen Abrisse einer Endlosdruckpapierschlange Marke IBM (aus Vaters »Geschäft«) zu zeichnen übte.

Die Münder auf der Titelseite des New Yorker in meinem Traum konnten aber alle Laute von sich geben (wie die gerahmten Ahnenbilder in Fellinis Stadt der Frauen), das Heft summte schon von weitem; ich ging dann mit der Ohrmuschel näher ran, wobei ich die einzelnen Münder weiterhin klar vor mir sehen konnte. Die Stimmen wurden lauter, allerdings habe ich vergessen, worum es ihnen ging.

Lustiger Traum nach einem lustigen Tag, an dem ich entdeckt hatte, dass im Briefkasten offenbar ein Zaunkönig eingezogen war. Jedenfalls flog er aus der Klappe vorn, als ich mich näherte und hüpfte durch den gegenübergelegenen Busch wie ein Jogger an der roten Ampel, solange ich mit dem Herausholen der Post beschäftigt war (die für ihn ja den Teppichboden seiner Behausung bedeutete). Danach, ich beobachtete den Kasten noch eine Weile aus einigen Metern Abstand, aber da tat sich nichts, schien er wieder dort eingezogen, denn als ich Stunden später wieder nachzusehen kam, flog er erneut aus der Klappe und pausierte sein Wohnen im Busch.

Eine neue Katze gibt es auch. Das heißt, vielleicht treibt sie sich auch schon seit längerem im Garten herum, aber ich hatte sie halt zuvor noch nie gesehen. Allerdings weist die Beschaffenheit ihres Fells schon daraufhin, dass es sich bei ihr um eine auf die Winterzeit spezialisierte Rasse handelt. Wenn ich Kreationist wäre, würde sie mir für einen Beweis herhalten müssen, dass Gott einen sadistischen Humor pflegt, denn diese Katze hat ein Maine-Coone-artiges Strubbelfell aus langen schmutzigbraunen Haaren, aber dafür papierweißes Fell rings um die Pfoten – dabei werden die doch bei dem Wetter eher noch schmutziger als der gesamte Katzenrest! Sie schien mir aber ganz zufrieden mit ihrer streunenden Existenz (hatte sie aber auch echt unwissenschaftlich und sozusagen aus dritter Hand, nämlich durchs geschlossene Fenster beobachtet; und das auch noch »von oben herab«).

Blässhuhn will man bei solchem Wetter auch nicht sein, Schwan schon eher. Bei dichtestem Nieselregen scheinen die gerade gute Laune zu bekommen, jedenfalls fuhren sie dann, es wurde gerade mal wieder dunkel, war also schon kurz vor 15 Uhr, en famille in den kleinen Hafen ein, um dort das Gründeln zu üben. Die Schwanenkinder sind ja inzwischen beinahe größer noch als ihre Elternexemplare und lediglich dadurch zu unterscheiden, dass ihre Gefiederdecke braun meliert ist. Der Vorgang des Köpfchen in das Wasser et cetera wird durch das Lied ja den Enten zugeschrieben, aber so richtig mit dem Bürzel in der Höhe treiben es meiner bescheidenen Beobachtung nach n u r die Schwäne. Und zwar extrem, sozusagen yogahaft. Wobei man, also ich mit meinem Fernrohr, die weiße Unterseite betrachten darf, die junge Schwäne nämlich zuerst entwickeln. Ist ja auch klar: Der Schwan wird deshalb von unten her weiß, weil dieser unsichtbare Teil im Wasser hängt, von daher wird dort das daunenhaltige Gefieder am ehesten gebraucht. Am Hals und zwischen den Flügeln zeigen sie sich immerhin schon weiß gestromert. Die Flügel sind dann wohl als nächstes dran. Und:

Im Frühjahr, wenn Menschen sehnsüchtig nach grünem Ausschau halten

Und jedes auch noch so kleine Spriessen

Mit liebevollem Blick begrüßen,

Präsentiert sich ganz in weiß auf Blau: der erwachsene Schwan

(und seine Frau).

1.11.

»Als ich heute früh erwachte, fand ich meine Uhr verstellt«, singt der Hase Lodengrün. Es war der lichtloseste Oktober seit 1980, heißt es im Supermarktradio. Der Sänger mit der Stahlgitarre von Dobro, der, wahrscheinlich wird er es nun mehrmals täglich gesagt bekommen: ja leider Bob Dylan ziemlich ähnlich sieht, hat nach längerer Pause wieder seinen Platz an den Hafentreppen bezogen und spielt in den Mittagsstunden das von den Sommerabenden vertraute Programm. Einst wie heute geht nach Girl die Sonne unter.

Als ich bereits die Minuten zählte, bis ich endlich zu Bett gehen könnte, ohne mich selbst und meine greisenhafte Müdigkeit komplett lächerlich zu finden, klingelte es an der Tür. Das tut es so gut wie nie, es sei denn, ein Paket wird gebracht. Aber es waren die Kinder; Maria als Minion verkleidet unter einer in stundenlanger Bastelarbeit angefertigten Haube aus Klopapierhülsen und Alufolie, Lilly als Eisprinzessin, Shaya als rosafarbene Minnie Mouse mit emojihaften Elementen.

»Und du«, fragte ich Leon, den noch einmal viel, viel Kleineren, der still und heimlich versucht hatte, an mir vorbei ins Wohnungsinnere vorzustoßen, weil er genau wusste, wo ich die Frankenkekse lagere, »als was bist du verkleidet?«

»Als nichts«, sagte die Eisprinzessin, die im RL seine Schwester ist. »Wie immer.«

31.10.

Vermutlich war es der letzte schöne Tag im Jahr, den ich komplett am Schreibtisch sitzend zu verbringen hatte. Schließlich hatte ich ein Vermögen für die Bildbiographie Arno Schmidts ausgegeben. Der Buchhändler am Nikolassee hatte mich auf meinen Wunsch hin, mir das Buch, von dem er nur ein einziges Exemplar bestellt hatte, einmal ansehen zu dürfen, aufgefordert, auf dem in eines seiner Regale eingebauten Sofa Platz zu nehmen, bevor er es mir überreichte: vierhundert Seiten Din A4, ein wahrlich fesselnder Genuss. Im Bett lesen lässt es sich nicht; mitnehmen, etwa in ein Café, um es dort im Schein der Herbstsonne zu studieren, ist ebenfalls schlecht möglich. Das Buch erzwingt die sitzende Haltung an einem Tisch, auf dem es aufgeklappt liegen kann.

Draußen vor den Fenstern, ein Werbefilm für daylight saving time, war über viele Stunden lang die knalligste Fototapete mit dem deutschen Herbst zu bestaunen: goldfarbenes Laub vor blauem Himmel, darin gerade mal Strähnen vom Wolkenweiß (heißt es deswegen Föhn?). Hätte ich das Vermögen nicht ausgegeben, hätte Jan Philipp Reemtsma nicht die Arno Schmidt-Stiftung gegründet, ja: wäre Arno Schmidt nicht gestorben, dann hätte ich gestern einen Spaziergang durch die herrliche Welt hinter der Tapetentür machen können, wäre etwa den schönen Weg, der teilweise bergab auf der derselben Spur mit den bergab rauschenden Radfahrern geteilt werden musste – viele Greise darunter, in eingefetteten Perlonhöschen von Campagnolo auf ihren Carbonmaschinen mit zusammengebissenen dritten Zähnen über Leichen zu radeln bereit –, dann bei der historischen Telefonzelle in die Gasse, die hinter dem Klärwerk auf die Fußgängerbrücke über die Autobahn führt, eingebogen, um gegenüber von Burger King und Lastkrafttankstelle dem Wirt des Easy Rider einen Besuch abzustatten. Er wäre dann überraschend aus seinem Urlaub auf Spiekeroog zurückgekehrt – aus Heimweh, wie er es immer wieder wiederholt haben würde: aus Heimweh nach seinen Stammgästen und nach dem Grill. Auf Nachfrage, und davon hätte es bei diesem unwiederbringlich herrlichen Herbstsonnenscheinwetter freilich Dutzende gegeben, hätte er immer und immer wieder den eigens hierfür, eventuell schon auf der Fahrt nach Spiekeroog ersonnenen Herrenwitz zum sprichwörtlich Besten gegeben. Zwischendurch, aber eben nicht zur Abwechslung, auch mal über sein Megaphon. Preislich: heute alles für die Hälfte. Und das hätten sich insbesondere die hartgesottensten seiner Gäste, die Veteranen des Chapters Wannsee nicht zweimal sagen lassen. Wenn einer von ihnen mal im Gebüsch verschwand, legte er vorher noch seine Zahnprothese in den Bierbecher, um dem Fremdschlürfen in seiner Abwesenheit einen Riegel vorzuschieben. Laubstudien hätte ich anstellen können. Vogelstimmen herauslauschen und notieren. Aber es stand ja auch noch ein Paket mit einer Warensendung der Firma Haribo, das Etikett des Deutschen Paketdienstes gab das Gewicht seines Inhaltes mit 4,6 Kilogramm an, auf dem Fußboden, wo es der Bote vor vier Tagen abgesetzt hatte. Und dies Paket harrte noch immer nicht von mir auch nur angetastet seiner Bestimmung. Denn: Ja, ich bin zäh. Und was Geduld und eiserne Disziplin betrifft, kenne ich nichts.

Bei Einbruch der Dunkelheit war ich immerhin schon auf jener Seite angelangt, auf der Arno Schmidts Mutter ihrem Sohn brieflich rät, doch endlich die Schreiberei an den Nagel zu hängen, denn nach ihrer Analyse sei er nun mal einfach kein Dichter und sie rate ihm zum Berufswechsel. Sehr besorgt!

Tja. »Eins geht nur« (wie meine Exfrau zu sagen pflegte).

30.10.

Schnecken sind also sehr wohl auch nachtaktiv. Meine zumindest, wie ich heute früh herausfinden durfte, denn als ich um die übliche Zeit meine Augen aufschlug, war es für diese sinnloserweise noch stockdunkel. Die Schnecken aber, noch immer habe ich an die ehemaligen Liebespartner des bis dato immer noch kinderlosen Paares keine Namen verteilt, klebten hoch droben in der gläsernen Kuppel ihres Behälters, wie ich im schwachen Gegenlicht der fernen Straßenlaterne erkennen konnte. Seitdem ich sie bei ihrem Geschlechtsakt auf dem Mauersims am Nymphenufer gestört, unterbrochen und dann eingesammelt hatte, zeigen sie kaum noch Interesse aneinander. Die angeblichen Hochzeitsvorbereitungen vor einiger Zeit führten dann doch zu nichts. Dafür widmen sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit ihrer Ernährung, der aktuelle Verbrauch liegt bei sechs Blättern Löwenzahn, vier Zuckerschoten, einer halben Salatgurke und zwei Möhren pro Woche. Dazu kommen noch die heilen Schalenhälften zweier Frühstückseier, die für die Kalkaufnahme inwändig abgeraspelt werden. Im Gegenlicht läßt sich das sehr schön erkennen, weil dann nach einer Woche die ohnehin zarte Schale eines Hühnereies von dicht an dicht gelegten Leiterbahnen ziseliert wurde, sodass dies Muster auf der Eiinnenseite an ein sorbisches Osterkunstwerk erinnert (allerdings unter Einwirkung einer psychoaktiven Droge ausgeführt). Aber außer Nahrungsaufnahme und Schlafen haben sie weiter nichts im Sinn, wie es scheint. Von daher könnte ich sie, wenn ich Namen für Haustiere nicht so doof fände, Martina und Moritz nennen – nach meinem Lieblingsmoderatorenpärchen im Westdeutschen Rundfunk. Die sind angeblich auch privat ein Liebespaar, aber sie werden immer nur in ihrer Küche gezeigt, die furchtbar vollgestopft ist mit den neuesten Geräten (gestern führte Moritz dort seinen Kontaktgrill vor). Die Sendung geht auch immer nur eine halbe Stunde lang, und in dieser knapp bemessenen Zeit führen die beiden dann die Zubereitung mindestens vier unterschiedlicher Gerichte vor. Durchaus schneckenhaft also, denn auch bei meinen Schnecken, wenn sie denn mal wach sind, geht es ja emsig und betriebsnudelig zu. Dass Schnecken langsam sein sollen, diese irrtümliche, dafür kulturhistorisch eingefleischte Behauptung hat mit dem Referenzrahmen des Betrachters zu tun: Wenn ich der Schnecke beim Befahren eines zwei Meter langen Mauersimses zugucke, kommt sie mir freilich lahm vor; in einer auf den Grundkreis einer Kuchenplatte beschränkten Welt pfurrt sie bloß so herum. Und in der ziemlich engen Studioküche von Martina und Moritz geht es aus ähnlichen Gründen auch ziemlich hektisch zu. Dabei passiert ja, objektiv betrachtet, also wenn man jetzt die beiden mitsamt ihrer vielen Messer und speziellen Brettchen in die Küche einer Unimensa verpflanzen würde: nicht wirklich viel. Um die knappe Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, zu vervielfältigen, unterbrechen sie sich auch noch ständig. Und zwar, wie es dem ungeübten Beobachter erscheinen wird, wahllos. So wird dann, auf der Tonspur, aus den Anleitungen für zwei Mal zwei Gerichten ein Zopf geflochten, der dem Betrachter Schwindelgefühle verursacht. Probiert wird dann ja auch noch, allerdings sozusagen on the fly und mit nur äußerst unschneckenhaftem Abreißen einzelner Bissen, dazu erfolgt noch hastiges Hineinschlucken der von, selbstverständlich: Moritz eingeschenkten Begleitungsweine, während Martina bereits die nächste Pfanne mit etwas Neuem belädt. Gemütlich ist das nicht, aber gemütlich sollen ja die Betrachter daheim werden. Das Markenzeichen von Moritz ist eine Brille mit rotem Gestell, Martina, die Moritz ansonsten auf frappierende Weise ähnlich geworden ist (die Sendung existiert angeblich seit 1988), trägt ein mit auf pinkem Grund in Schockfarben gesprenkeltes Modell. Im Grunde ist es die letzte Sendung eines Typus, der in den achtziger Jahren noch zahlreich in den Dritten Programmen vertreten war: Ob Skigymnastik oder Aerobic – man war immer  vom bloßen Zuschauen erledigt und froh, dass die Folge zu Ende war.

Die Macauly Library, das angeblich weltgrößte Onlinearchiv für Vogelstimmen, wurde neu organisiert und bietet jetzt noch detaillierteren Zugriff auf historisch wertvolle Aufnahmen. Endlich steht also eine Aufnahme (Archivnummer ML 16236) des männlichen Seidenlaubenvogels (Ptilonorhynchus violaceus) zur Verfügung, aufgenommen südwestlich der australischen Hauptstadt. Die Aufnahme ist zwei (!) Minuten lang und von kristallklarer Qualität. Leider, wie ich beinahe feststellen muss, denn mir ist es jetzt kristallklar, weshalb sich der Seidenlaubenvogel auf den Bau seiner herrlichen Lauben spezialisiert hat: Sein sogenannter Gesang klingt, als ob Martina und Moritz mit feuchten Laubsägen ein Menü ganz aus Hartschaumstoff zusägten. Ganz hinten kommt dann noch eine Art Pralltriller in dieser Machart. Als ob ein sich einwählendes Tonwahlmodem in einem Eimer voller Ayran versinkt.

29.10.

Zum ersten Mal richtige Herbststürme, mit an die Scheiben brandendem Regen und dem einen langen Zweig des Kirschbaums, der mit prasselndem Geräusch dagegen gepresst wird. Wie durch und durch scheußlich doch unser Leben wäre, wenn Wasser nicht trocknen würde: ein Satz fürs Leben von Justin Andre.

Auf dem Heimweg kehrte ich nach beinahe über einem Jahr der Abwesenheit wieder im Souterrain IV ein. Es war kurz nach 17 Uhr, außer mir saß dort nur noch ein weiterer Gast an dem runden Tisch für vier neben dem Tresen, las im Tagesspiegel und hatte vor sich ein Glas Bier und daneben ein kleineres, bereits ausgetrunken, für Schnaps. Die Wirtin erkannte mich wieder und brachte ein Glas Tegernseer an den sehr kleinen Tisch gegenüber. Es hatte sich wahrscheinlich überhaupt nichts verändert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite leuchteten in unterschiedlichen Farben die Ladenschilder von Antik & Moderne, Fidelio, Schuhversteher – Schöne Schuhe auf guten Wegen und dem Haus der guten Blume der Jaqueline Fürschke.

Angeblich, so erzählt man sich, gab es in den neunziger Jahren eine Krise, ausgelöst durch eine sprunghafte Mieterhöhung, die beinahe schon das Ende des Souterrains bedeutet hatte, wenn nicht der Schöneberger Bürgermeister selbst – und zuvor hatte es wohl schon ein Angebot aus New York gegeben, das gesamte Interieur des Lokals dorthin verschiffen zu lassen, um es in Sicherheit zu bringen und dann dort wieder in einen ähnlich dimensionierten Raum einzubauen. In den Handlauf der niedrigen Treppe, die in das Hinterzimmer führt, sind untereinander fünf Röhren eingelassen, in denen die zusammengerollten Zeitungen für die Gäste bereit gehalten werden. Den dazugehörigen Messingschildern zufolge sind das außer dem Tagesspiegel noch Süddeutsche, Zeit, Morgenpost und Taz. Vor einem Jahr stand auf einer Konsole im Hinterzimmer noch das Modell einer Zahnarztpraxis im Maßstab 1:15. Es war sogar beleuchtbar gewesen. Als ich bei meinem ersten Besuch dort – ich hatte das Souterrain an einem Sommerabend im Vorbeigehen entdeckt und aufgrund des attraktiven Neonschriftzuges an der extrem schmalen Fassade betreten – fragte ich die Wirtin, was es mit dem Modell auf sich habe. Damals hatte sie mir zugerufen, es war sehr voll gewesen an jenem Abend, dass ein Architekt es dort vergessen habe, es würde aber bald abgeholt. Was dann in einem halben Jahr und länger nicht passiert war. Nun war es fort. Der Zahnarzt selbst sei vor ein paar Monaten aufgetaucht, und habe es an sich genommen, sagte die Wirtin. Es stünde nun im Schaufenster seiner Praxis, die sich nicht weit von hier befände. Sie selbst habe das überprüft.

Dann las ich den Aufsatz von Wilhem Schmid in der Zeit über die heilsame Kraft des Geschlechtsverkehrs, der mit extrem hübschen Zeichnungen verliebter Seesterne aufgemacht war. Der Seestern erfährt derzeit ohnehin ein Revival – oder kommt nur mir das so vor? Als ich aufsah, hatte sich das Lokal gefüllt. Es sah nun um mich herum genau so aus, wie ich es in Erinnerung behalten hatte. Ich erkannte niemanden konkret wieder, aber die Gesamtheit der Gesichter dann halt schon. Zwei Briten, die an dem runden Tisch mitten im Raum plaziert worden waren, hielten einander fest, um auf ihrem gemeinsamen Weg auf die Herrentoilette nicht zu Boden zu gehen. Wie es schien, hatten sie andernorts, und das vermutlich schon seit dem frühen Nachmittag, getrunken. Während ihrer Abwesenheit wurde von der Wirtin bereits ihre Rechnung geschrieben. Nach geraumer Zeit wickelten sie sich umständlich aus dem Filzvorhang, hinter dem sich die Toilettentüre befindet. Beim Versuch, Platz zu nehmen, gingen ihre Gläser zu Bruch. Sie verabschiedeten sich mit kaltem, feuchtem Händedruck von jedem einzelnen Gast, der in dem schmalen Gang vor dem Tresen auf einen frei werdenden Tisch wartete.

28.10.

Wir saßen, wie so oft in letzter Zeit, zu Mittag im Mainhattan, einer gutbürgerlichen, zudem preiswerten Stube, die in der Hessischen Landesvertretung am Potsdamer Platz eröffnet hatte. Wir, das waren Heinrich Holzberger – genannt Heiko –, Erik Niedling und ich, sowie gestern zum ersten, aber wohl nicht letzten Male noch der, wie es heißt, frisch gebackene Direktor des Landesfunkhauses Thüringen, Boris Lochthofen, Sohn des einzigen über die Landsgrenzen Thüringens hinaus bekannten Schriftstellers Sergej Lochthofen.

Unseren ansonsten für brisante Unterredungen dieser Art üblich gewordenen Treffpunkt, das Birdhouse in der Heidestrasse nahe dem Studio Niedlings, hatte Lochthofen aus nachvollziehbaren Gründen abgelehnt: Dort wurden einem Thüringer als zu farblos erscheinende Würste Berliner Machart aufgebraten. Im Mainhattan hingegen – it was the time of the season, wie The Zombies es schon zu singen wussten – gab es herrlichste Wörscht.

Boris Lochthofen, dabei seine Wörscht schneidend, dass es nur so quietschte, hörte sich mein Lamento mit gemischten Gefühlen an: dass es ausgerechnet sein Vater, Sergej Lochthofen, nicht in den ohnehin zu kurz geratenen Wikipediaeintrag Schriftsteller aus Thüringen geschafft hatte – aktuell bestand der Artikel aus ca. acht Nennungen, darunter noch Doubletten und sog. Enten – schien ihm, schien auch mir das eine nur. Aber, so Lochthofen, und hierbei gab ihm Erik Niedling, derweil eine Zigarette drehend, recht: Damit nicht genug. Beziehungsweise: Von dort aus müsste es halt in Zukunft, naher Zukunft übrigens, noch sehr, sehr viel weiter gehen.

Ich sah das im Übrigen ganz genau so und sprach deshalb die Wahrheit ganz gelassen aus: »Thüringen – sowohl der Freistaat, wie auch die kulturelle Sphäre ist hiermit übrigens gemeint – hat lange, viel zu lange im Schatten Sachsens vegetieren müssen. Aber Sachsen«, und hierbei machte ich dem Bembeljung in seiner Schürz‘ ein Zeichen, uns die Gerippten noch ein weiter’s Male vollzufüllen, »Sachsen, da wirst du beipflichten müssen: Das hat sich von selbst erledigt«.

Das Wort vom failed state hing schwer im Luftraum über uns, es hing dort, aber keiner von uns (obwohl nun außer mir drei Thüringer am Tisch, die fühlten es) hatte es nötig, diese Tatsache zudem noch auszusprechen.

Boris Lochthofen nickte. Allein das war ja schon ein großartiger, ach was, es war ein dem Nobelpreis würdiger Romananfang: »Boris Lochthofen nickte« – dagegen konnte »Ilsebill salzte nach« einpacken! Und dennoch, es geschah ja wirklich, es war gar kein Roman, in dem wir als Figuren zu Papier gepresst dort sitzend uns finden mussten, im Mainhattan; wir befanden uns dort in Wirklichkeit, man schrieb den 27. Oktober 2016 und Boris Lochthofen sprach: »Ich brauche jetzt ganz schlicht und einfach deine Hilfe, Joachim«.

Wahrheitsgemäß entgegnete ich »Gern, Boris«. Schließlich hatte mich Erik, hatte mich sogar Heinrich im Vorwege zu diesem Treffen gebrieft. Ich kannte mich aus, was das Imageproblem Thüringens betraf; die Umfragen unter den Bundesdeutschen, bei denen mit unschöner Regelmäßigkeit beinahe sämtliche Befragte ausgerechnet das Bundesland Thüringen entweder nicht zu kennen vorgaben, es vergessen hatten oder sogar noch hinter das Saarland verdrängt: Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht und konnte nun sozusagen Thüringen. Von daher »ist es aus meiner Sicht doch ziemlich einfach, Boris. Zudem uns die sogenannte Zeit zuarbeitet. Es gibt ja vor allem zwei Kernkompetenzen des sympathischen Ostzwillings meiner Herkunftssphäre Baden-Württemberg: Würste und Frauen. Von daher rate ich zu einer Kampagne mit dem argumentativen Fundament Ficken und Grillen – das allerdings zunächst unausgesprochen bleibt. Es schwingt lediglich mit, bleibt subkutan, subsonisch auch. Wir wissen das. Unsere Kunden ahnen das. Aber mehr ist da nicht«.

»Sehr gut.«

»Ja. Darüber aber werden wir einen argumentativ unangreifbareren Brückenkopf errichten. Dabei geht es um all das Gute, das Wahre, kurz: um all das, wofür wir, wofür hier Erik, Heinrich, du, Boris, und schließlich auch ich das Bundesland Thüringen und seine kulturelle Sphäre lieben wollen und bereits lieben: die Zitadelle auf dem Petersberg – mitten in Erfurt! –, größer noch als die in Mainz. Überhaupt, dass man in Thüringen so gut skilaufen kann – auch wenn es häufig Nebel hat; aber gerade das, ein Langläufer nebliger Loipen! Die Nougatspezialitäten von Viba in Schmalkaden. Es ist alles da in Thüringen, sogar Weimar.«

»Tja. Aber halt auch Björn Höcke«, gab Boris Lochthofen zu bedenken.

Wir nickten. Doch auch hierfür gab es eine Lösung. Und ich malte ihm die Sächsisch-Thüringischen Befreiungskriege aus, an deren Ende der Freistaat Thüringen von der Zitadelle auf dem Petersberg aus neu ausgerufen würde. Mit Weimar als Exklave und kultureller Hauptstadt, Erfurt als faktischer Hauptstadt und dem für das nun bekannteste Bundesland von allen gültigen Slogan »Thüringen, Land der weißen Weste«. Flankierend, besonders wirksam in touristischen Belangen käme »Weite, Näher: Thüringen« zum Einsatz. Und eben dort, am Fuße des Petersbergs, den der preußische König einst als Nagel im Fleisch der Thüringer gehalten hatte, würde dann in den ehemaligen Hallen des Heizkraftwerks nach dem Vorbild des Berghain zu Berlin, das Sergej Lochthofen Zentrum für Kunst und Literatur eröffnet. Ein Konzept lag so gut wie schlüsselfertig vor.

Zu den Schwachpunkten des Mainhattan gehört die frühe Schließzeit um 15 Uhr. Wir hatten uns schließlich (!) gerade erst warm geredet. Der Bembeljung‘ aber leerte nun geräuschvoller als nötig den Wörschtkessel, außerdem wurde über Gebühr geschrubbt und gedöns‘. Wir zahlten fürs Erste und verabschiedeten uns. Kurz ging die Überlegung dahin, dass wir uns nach der Thüringer Landesvertretung vertagen sollten, aber selbst Heinrich riet dann letzten Endes davon ab, da die dortige Wurstbraterei noch früher als die Hessische schlösse. Also blieb bloß noch Dunkin‘ Donuts.

27.10.

Von Hermann Lenzens Vater wurde durch Hermann Lenz selbst dessen Begriff der Wandmüdigkeit überliefert. Ein extrem schönes Wort für jenen anders schwer zu beschreibenden Zustand, in dem ich mich seit Tagen befinde. Dass ein Leben, plötzlich, beinahe schon über Nacht, bei geschlossenen Fenstern und Türen eine derartige Veränderung in meinen Gefühlshaushalt bringen würde, hatte ich nicht erwarten können. Also begann ich eine ziellose Wanderung durch die tropfnassen Waldstücke zwischen den Häusern und erreichte nach einem Weg, der die stadteinwärts führende Schnellstraße entlang ging, das verlassene und bereits zur Hälfte vernagelte Gelände des Zollamtes Dreilinden. Man hatte hier noch zu Mauerzeiten ein Ensemble aus Gebäuden im Stile Fernand Légers errichtet. Die erdbeerfarbenen Klötze mit blassblauen Türen standen verlassen inmitten aufgerissener Parkflächen. Die sonnengelben Jalousien heruntergelassen, einige Fenster sogar eingeschmissen. Hinter den mit Natodrahtspiralen abgesicherten Zäunen war der Waldboden heftig aufgewühlt, weil das hier anscheinend zum Revier der Wildschweine geworden war. Auf dem angrenzenden Parkplatz standen einige sehr große Wohnwagen. Unter den Dächern der Vorzelte wurden Frühstückstische eingedeckt. Im Gebüsch am Wegesrand lagen etliche leere Flaschen, in denen sich vormals Babyöl von Penaten befunden hatte. Unter den Nutten des Zollamtsraststättenstrichs schien das die Marke de rigeur.

Stunden später, da hatte ich bereits den mir bislang unbekannten Ortskern von Zehlendorf erkundet, dabei aber das angekündigte Museumsdorf Düppel aufgrund dichter Nebelschwaden nicht finden können, erreichte ich zwischen der U-Bahnhaltestelle Krumme Lanke und noch vor dem in Sichtweite liegenden Mexikoplatz den Garten eines hübschen Hauses, aus dessen vorgelagerter Rasenfläche ein ansprechend geformtes Leuchtschild aufragte. War aber leider bloß Kunst. Nebst einigen alten und sich unter der Last ihrer Früchte tief herabbiegenden Bäumen, deren im nassen Gras herumliegende Äpfel ich aufsammelte, standen in diesem Garten, insbesondere in dessen hinter dem Haus gelegenen Teil, noch einige Kunstwerke mehr herum. Diese qua Aufstellungsort Garten als Skulpturen ausgewiesenen Gegenstände und Zusammentstellungen von Gegenständen waren, wie in einem Witzfilm aus den achtziger Jahren, lediglich an den in einigem Abstand montierten Erklärschildchen als Kunstwerke zu identifizieren. Solchermaßen als Banause beschimpft zu werden, gefiel mir nun schon wieder gut, wann hat man das schon mal, und die Wandmüdigkeit wich nun zum ersten Mal seit vielen Tagen ein entscheidendes Stück weit aus meinem Gemüt. So musste ich beispielsweise bald laut auflachen, was den in einiger Entfernung mit Laubharken beschäftigten Gärtner kaum aus der Ruhe zu bringen schien. Vermutlich kannte er das bereits zur Genüge. Ich hatte da gerade ein Werk des Künstlers Thomas Rentmeister entdeckt. Beziehungsweise war es erst das Schild, das mich wie in einem der besagten schlechten Witzfilme darauf gebracht hatte, dass es sich bei der Ansammlung verrottender Kühlschränke unter der Kiefer tatsächlich um ein Werk eines Künstlers, eben dieses Thomas Rentmeisters handeln sollte. Dessen Werkgeschichte hatte ich mit dem Jahrtausendsprung etwas aus den Augen verloren. Damals, am Ende der neunziger Jahre, hatte ich in München noch eine Ausstellung seiner Werke besucht, da hatte er aus poliertem Kunstharz sehr dekorative Kleckse und Wülste hergestellt, die unterhaltsam waren und vor allem das Deckenlicht reflektierten. Mittlerweile aber, das stand auf dem Erklärschildchen, das aus dem geharkten Rasen ragte, hatte sich Thomas Rentmeister wohl vollkommen auf verrottende Kühlschränke verlegt und war hauptsächlich für diese Etappe seines Werkes berühmt: »Seit einigen Jahren baut Thomas Rentmeister Skulpturen aus gestapelten Kühlschränken. Er bringt Dinge des Alltags, die der Hygiene und direkt oder indirekt dem Wohl unseres Körpers dienen, zusammen. Statt wie in früheren Arbeiten die Oberflächen und Zwischenräume mit Penatencreme zu füllen« — Wahnsinn! Ich hatte anscheindend zwei ganze Stufen seiner Weiterentwicklung verpasst. Na gut, so nahm ich es tadelnd zu mir: So kann es dann halt kommen, wenn man nicht ab und an die selbstgewählte Zurückgezogenheit in der Einöde ruckhaft abzustreifen sich gewillt zeigt, um, nach einem Ausflug wieder wandlüstern geworden, mit neuartigen Eindrücken dorthin zurückzukehren, von wo aus man vor lauter Wandmüdigkeit schon beinahe wütend auf sich selbst und die selbstgeschaffenen Umstände, aufs Wetter, die Fenster, das Bild vor den Scheiben, ein paar Stunden zuvor noch aufgebrochen war.

26.10.

Aufgewacht aus einem Traum, in dem ein kleiner roter Koffer aus Hartplastik die tragende Rolle spielte. Mein träumendes Ich hielt ihn am Griff in der Hand, trug ihn. Meine Aufmerksamkeit war den Traum über auf diesen Koffer gerichtet, sodass er stets im Bild zu sehen war (von mir, der ich den Koffer ja trug). Trotzdem war mein Blick dadurch nicht an den Boden geheftet. Der Traum setzte sich im Nachhinein betrachtet aus einer Multioptik zusammen: Ich sah ja dazu noch geradeaus auf Häuser und Wege, denn es ging um eine Verfolgung, deren genauere Umstände ich mir aber nicht merken konnte. Diesen Koffer besaß ich einst wirklich. Ich weiß es, weil ich es erst vor einigen Monaten ein Polaroid in der Hand hielt, auf dem eine bewusst unscharf eingestellte Aufnahme einen Teil dieses Koffers gezeigt hatte.

Ansonsten, bis auf diesen Traum, ist gestern nichts passiert.

25.10.

Seit ein paar Tagen kauft sich Daniel nun jeden Morgen die Zeitung. Er hat keine Ambitionen, Deutsch zu lernen, hat aber durch das Anschauen meiner Exemplare die Arbeit der Frankfurter Bildredaktion zu schätzen gelernt. Klar, die Bilder aus dem Sportteil funktionieren auch ohne Worte. Ihn interessiert das Foto auf der jeweiligen Titelseite. Als dort vor ein paar Tagen auf gelbem Grund ein knallroter Hahn im Schablonendruck zu sehen war, wollte er gar nicht genau wissen, um was es in den Zeilen darunter ging. Das Bild aus dem gelben Cornflakeshahn und den schwarzen Frakturbuchstaben, die den Kopf darüber bilden, wirkte auf ihn stark genug im Sinne einer Nachricht. Gestern früh war an dieser Stelle ein hässliches Nagetier abgebildet. Es stand auf seinen kurzen Hinterbeinen und hielt sich, wie es schien, an einem danebenstehenden Beil fest. Es fiel mir schwer, zu erklären, worum es in dem zugehörigen Kurztext ging. Und selbst, als ich es einigermaßen erklärt hatte, schüttelte er noch ungäubig den Kopf. Ich frage mich, welchen Eindruck er wohl von der Zeitung bekommt. Beziehungsweise: was er einst seinen Stundenten an der kalifornischen Kunsthochschule über das Leben hier erzählen wird, wenn er mit den Souvenirs seines Deutschlandaufenthaltes zurückgekehrt sein wird: dem Ring, bestehend aus in fünf Jahren übereinandergeklebten Werbeplakaten, der von einer sogenannten Litfaßsäule geschält wurde; einer Sammlung von 60, 70 Titelseiten der Frankfurter Allgemeinen mit Hahn, Marder und wer weiß, was noch alles kommen wird bis Weihnachten (er bleibt noch bis zum zweiten Advent). Wenn ich ihm etwas erzähle, macht er sich nie Notizen. Die Informationen erreichen ihn meist ohne Zusammenhang, weil ihn der auch nicht zu interessieren scheint. Er lacht viel, findet halt vieles exotisch (so ähnlich wie das absurde Wetter, wenn es, wie gestern und heute vermutlich auch wieder, einfach mal regnet von weit vor Sonnenaufgang bis in die Nacht.) Und trotzdem, ich denke, so würde ich das machen, könnte sein Studienaufenthalt zu noch krasseren Ergebnissen führen, wenn man ihm für die Dauer seines Aufenthaltes das Internet verbieten würde. Am besten ganz wegnehmen! Dass er sich vollkommen den Bildern und der ihm unverständlichen Sprache ausgeliefert fände. Er forscht ja über die RAF. Und als sich in Sachsen der Islamist in seiner Zelle an seinem T-Shirt erhängte trotz Überwachung, hat ihm das extrem fasziniert. Da ergaben sich für ihn, er war gerade von einem durch die American Academy organisierten Rundgang in Stuttgart-Stammheim zurückgekehrt, aufregendste und ergiebigste Parallelen. Und gleich am nächsten Tag studierte er das Titelbild meiner Ausgabe der Zeitung – ich habe leider vergessen, was dort zu sehen gewesen war –, um sich sozusagen ein Bild zu machen. Und wenig später kaufte er sich dann seine eigene Ausgabe, um für seinen Bedarf ausschneiden zu können. So fing das bei ihm an.

24.10.

Vor dem Easy Rider trafen sich gestern noch einmal die Stammgäste. Unter dem Plexiglas des Bezahltellers war eine Fotografie eingelegt, die den Imbiß an einem Wintermorgen zeigte: die Luke hochgeklappt, der Boden ringsum weiß, die Bäume kahl. Damals, orangefarbene Zahlen eines Datums in den neunziger Jahren sind eingeblendet, war der Kiosk noch in Rot und Blau lackiert. Eine zweite, darunter liegende Aufnahme stammt aus dem zurückliegenden Sommer. Der Wirt mit einem in schwarz-rot-gold gestreiften Schaumgummihut auf, beide Hände in grotesken Handschuhen, anscheinend tanzend vor dem Kiosk; muss am frühen Abend aufgenommen worden sein, das Bild hat einen Blaustich, die Front des Kiosks leuchtet zitronengelb.

Der Wirt lässt den Sommer Revue passieren (und zwar Woche für Woche anhand seines Kassenbuches): insgesamt kein hervorragender Sommer, aber in der Bilanz doch solide. Ein Paar, beide mit Schal und Mütze, ständern unschlüssig vor der Luke herum, um schließlich zwei Magnum zu bestellen, »eins klassisch, eins mit Mandel«. Die Gefriertruhe ist beinahe ausgeräumt, was dem Wirt Gelegenheit gibt, eine seiner besseren Nummern aufzuführen: Von einem täuschend echten, unendlich lange verhallenden Schreckensschrei begleitet, stürzt er in die unendlichen Tiefe des Innenraums der eiskalten Truhe ab, findet aber im letzten Augenblick noch einen Halt an deren mit Eis verkrusteten Steilwänden und arbeitet sich scharrend und schnaufend ans Licht zurück. Die beiden Stieleise an den Verpackungsenden zwischen die Zähne geklemmt: voilá. Der Mann bedankt sich, legt Geld hin, verteilt das Eis und bestellt dann noch zwei stille Wasser zum Mitnehmen. Diese Bestellung sorgt nach dem Abgang des Paares natürlich für einigen Gesprächsstoff: Wozu das stille Wasser? Was ist das für eine Diät? Was läuft bei denen et cetera. Direkte Überleitung, thematisch, zum Wesen der Frau. Der Wirt, nun bis April mehr oder weniger mit Freizeit gesegnet, wie er findet (am Easy Rider steht in Türkis auf die gelben Bretter handgepinselt »Saisonimbiß seit 1960 — geöffnet bei Sonnenschein von April bis Oktober«), wird noch an demselben Abend an die Nordsee abreisen. Wohin dort genau, weiß er nicht. Bei der Erholungsreise handelt es sich um ein Geschenk seiner Frau. Ansonsten ging es nach dem Saisonende immer nach Thailand. Aber in diesem Jahr war ihr das wohl – politisch – zu heiß. Ausgerechnet nach dem Sommer, in dem ihm der Buddha gestohlen wurde! An dessen Stelle steht vor dem vierarmigen Leuchter seit kurzem das Modell einer Windmühle.

Aber ausgerechnet die Nordsee — der Wirt hadert mit seinem Schicksal. Den ganzen Sommer über hat er den Sonnenschein zwar sehen können, war aber in seiner Holzschachtel gefangen (der Wirt kennt Rob Brydon nicht). Dies Foto, das ihn mit den Handschuhen unter dem Schaumgummihut zeigt, ist in einer seiner seltenen Verschnaufpausen entstanden. Der Laserpointer, der an der oberen Innenkante der Luke montiert ist, streut abwechselnd rote, dann wieder grüne Punkte auf den Tresen. Der Wirt macht einen seiner ultraklassischen Witze. Die Querflöte hat übrigens auch noch niemand abgeholt.

23.10.

Bei bestem Herbstwetter gestern noch die vorletzte Ausfahrt mit Ilse. Seit der Generalüberholung des Motors durch Meister Müller ist das die reinste Freude (die neue Wasserpumpe produziert einen kräftigen, klaren Strahl), und die Gärten an den Ufern des Griebnitzkanals zeigen sich kurz vor dem Big Abwurf sämtlichen Laubes als ein einziges Megapuzzlemotiv. Ich will gleich vor Sonnenaufgang an diese Stelle am Stölpchensee steuern, wo es sich, kurz vor der Brücke, angeblich noch zu angeln lohnt. Ungefähr von dort aus wurde um Mitternacht ein Feuerwerk veranstaltet, das ich zwar hören, aber nur sehr schwach sehen konnte. Rötliches Blitzen, unscharf hinter einer dichten Nebelwand. Im Sommer war ich dort mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Hinter den Gleisen führen unmarkierte Wege in ein bald unübersichtliches Gebiet im Wald, wo ein paar Minuten hinter einem Fabrikverkauf des klobigen Geschirrs der Nazischickse Bollhagen offenbar Gesetzlose hausen (in zusammengefallenen Häusern und aneinandergeschobenen Gartenhütten). Ein schmaler Waldweg führte plötzlich steil um eine Kurve und an deren Ende standen zwei Männer und eine Frau, die mit einer Motorsäge damit beschäftigt waren, Stämme quer über den Weg fallen zu lassen. Als Barrikade. Sie machten abwehrend rudernde Gesten mit den Armen. Mit einem Mal war es still geworden, bis auf die Vögel. Ich verblieb auf Abstand und kehrte um.

Angeln gilt, völlig zu Recht übrigens, als vollkommen langweilig. Es ist sogar schade um den langen Moment des Nichtstunmüssens und des reinen Schauens, sollte tatsächlich ein Fisch anbeißen. In der Zeit davor geht ein allmähliches Verschmelzen mit dem umgebenden Naturbild vor sich, das durch die dann nötigen, vergleichsweise hektischen Tätigkeiten innerhalb eines Augenblicks zerstört wird und es dementsprechend lange braucht, bis sich sozusagen die Wogen wieder geglättet haben. Um diese Langeweile gut aushalten zu können, bereite ich mir vorher eine größere Menge Proviant zu. Auf der völlig neu gestalteten Website der Wurstfabrik Rügenwalder Mühle gibt es seit neuestem eine ästhetisch zwischen Barbara und Nido angesiedelte Rezeptecke zum Thema lunch prepping, was laut Redaktion der Mühlentaler Rüge »ein Trend ist, der in den USA so populär ist, dass die Fotos davon wohl bald das Internet verstopfen. Dabei heißt meal prep eigentlich nur, Mahlzeiten (z. B. das Mittagessen, engl. lunch) durchzuplanen und vorzubereiten. Früher ging es eher darum, zeitsparend vorzukochen, Geld zu sparen oder die Einkäufe zu kontrollieren.

Beim heutigen Lunch Prep könnte man manchmal fast den Eindruck gewinnen, es ginge darum, den Kollegen zu zeigen, wie sehr man auf seine Ernährung achtet und wie schön man buntes Gemüse arrangieren kann. Das führt so mancher Lunch Prepper dann auch beeindruckend auf Instagram vor.

Vor allem Sportler und Menschen mit speziellen Diäten preppen eigentlich schon immer — denn es kann schwer werden, zwischendurch mal eben etwas zu finden, was zum strikten Ernährungsplan oder zur Gluten-Unverträglichkeit passt. Doch auch ohne strenge Diät kann Lunch Prep superlecker sein und ganz einfach in den Tagesablauf eingebunden werden.«

Empfohlen werden unter anderem sogenannte Mini-Muffuletta mit vegetarischer Mühlen-Salami — wobei das Kunstwort Muffuletta eine Muffinkreation aus dem Hause Rügenwalder bezeichnen soll, die aus handelsüblichen Brötchen, die mit besagter vegetarischer Salami belegt, über Nacht im Kühlschrank ruhend, hergestellt wird. Die Seite richtet sich in offensiver Deutlichkeit an weibliche Lunch Prepper.

Ich hingegen bereite für ein frühes Sonntagsfrühstück meine berühmte Eigenkreation Cornflakes nach Art der Tante Tatin, kurz Cornflakes-Tatin zu. Dazu schäle ich einen Apfel und befreie ihn von seinem Kernhaus. Und zwar, hierin besteht übrigens auch der einzige Trick für die ansonsten leicht herzustellende Tarte Tatin: bereits am Vorabend. Dass die Apfelstücke über Nacht braun anlaufen, stört in dem Fall nicht, weil sie durch das Karamellisieren eh braun gefärbt werden. Wichtig ist allerdings, dass die Apfelstücke auf diese Weise überflüssigen Fruchtsaft verlieren, der ansonsten beim Karamellisieren Probleme bereiten kann, was der Tarte Tatin einen Ruf des Problemkuchens eingebracht haben wird, der, bei Beherzigung meines simplen Tricks, jedoch seinen Schrecken verliert. Kurz vor dem Servieren werden also die Apfelspalten blättrig aufgeschnitten, während in einer kleinen Omelettpfanne eine gewisse Menge Butter verflüssigt wird. Ich nehme gesalzene Butter. Dann so viel braunen Zucker einstreuen, bis unter vorsichtigem Rühren (am heißen Zucker kann man sich übelst verbrennen!!!) eine gebundene Masse entstanden ist. Die Apfelscheiben zu einem windmühlenhaften Muster einlegen — ebenfalls mit größter Umsicht. Nicht mehr rühren und die Hitze etwas herunterdrehen, damit der Zucker nicht verbrennt. Dann die Hitze ganz abdrehen und die Pfanne vom Herd ziehen. Währenddessen die Cornflakes (ich rate zu Kellogg’s) in einen Suppenteller schütten. Etwas Vollmilch (für Ex-DDR-Bürger: Trinkvollmilch) aufschäumen. Die Apfelscheiben sollten nun in der Pfanne zu einer runden Scheibe verbunden sein. Die Pfanne noch einmal kurz auf die restwarme Herdplatte stellen, sodass sich die untere Zuckerschicht verflüssigen kann. Dann den Pfanneninhalt beherzt auf einen passenden Teller stürzen. Von dort aus auf die bereitgestellten Cornflakes gleiten lassen. Von den Rändern her kalte Milch unter die Scheibe eingießen. Die Scheibe selbst mit der warmen, aufgeschäumten Milch behäufen. Die aromatische Verbindung – wahrlich ein Amalgam aus warmer und kalter Milch, dem Malz aus den Cornflakes, von Äpfeln und Karamell – lässt das Schlemmerherz höher schlagen. Dazu passt schwarzer Kaffee oder Lapsang Souchong mit gezuckerter Kondensmilch.

22.10.

Seinen Vortrag an der American Academy leitete Danny mit einem Standbild aus dem Internet ein: Gezeigt wurde die Nahaufnahme zweier Königspudel, deren üppiges Fell in grellen Farben getönt worden war. Der rechte gestreift wie das Kostüm Ronald McDonalds, der andere ganz in einem schönen Rot, wobei der Hundefriseur ihm das Fell am rechten Hinterbein lang stehen gelassen hatte, um daraus, mit appliziertem Wackelauge und detaillierter Airbrushtechnik, einen Elmo aus der Sesamstraße entstehen zu lassen. Beiden Hunden hängen die Zungen aus den Mäulern wie ein Lesezeichen. Sie schauen von Natur aus irritiert.

Es waren so viele Zuhörer gekommen, dass der Vortrag in den angrenzenden Nebenraum übertrugen wurde. Auch dort eine Videoleinwand, die das Geschehen aus dem ersten Saal mitsamt der Projektion dort projizierte. Dannys Vortrag wurde von unaufhörlich wechselnden Bildern begleitet. Als nächstes erschien eine Möbiusschleife, darunter stand »LOVE«. Er nahm das zum Anlass, seiner Frau und seiner Tochter zu danken, die eigens aus Paris angereist waren, um seinen Vortrag zu hören. Die Philosophie hinter der Kunst, die Poetologie, ist halt nichts, was man mal so morgens beim Kaffee bespricht.

Auf dem Heimweg sah ich einen bei laufendem Motor abgestellten Wagen, dessen Scheinwerferlicht sich vom dichten Nebel zu zwei voranragenden Säulen materialisiert hatte. Dabei bekam ich ein Erinnerungsgefühl an frühe Novemberabende; wenn man von irgendwoher abgeholt wurde. Sonore Radiostimmen aus dem Inneren des Fahrzeuges, Heizungsluft, die unvergleichbar gemütliche Stimmung der Innenbeleuchtung. So noch einmal ganz anders als Kerzenlicht.

»Eva hat gerade auf eine Website gewechselt, die den Titel GAY MEN DRAW VAGINAS trägt, da rumort es in ihrem Notebook, und Henri in Frankfurt verlangt aufgekratzt, sie möge auf der Stelle ihr Bildtelefon aktivieren. Er möchte seine Geliebte gern ausführlich in Augenschein nehmen; nicht nur ihr bewegtes Brustbild (in einem ausgeschnittenen weißen Nicky mit Trompeten-Ärmeln). Also erhebt sich Eva und streckt ihren (in pastellblaue Shorts gekleideten) Unterleib ganz nah gegen die Bildschirmkamera hin und steigt nach kurzem Verharren auch noch auf ihr Sofa, um Henri ihre unbekleideten langen Beine auf SKYPE zu präsentieren. Dann möchte er noch ihr Gesicht bewundern, bittet Eva darum, eine winzige Unregelmäßigkeit in ihrer linken Braue glattzustreichen, und sie muß ihren Kopf auch zur Seite drehen, damit  er sich an ihren (genau genommen, gar nicht vorhandenen) Ohrläppchen delektieren kann.

Der ferne Freund am anderen Ende der Leitung macht eine Reihe von Screenshots, in deren Betrachtung er sich vor dem Einschlafen genüsslich VERLIEREN möchte, und meldet sich dann zufrieden wieder ab.«

Beim Abspülen versuchte ich den Gesprächen auf dem Blauen Sofa im Livestream zu folgen, dachte zwischendurch kurz, ich hätte eine alte Sendung aus der Mediathek erwischt, weil mir die Antworten der männlichen Stimme so vertraut erschienen waren, aber bei Kontrollblick zeigte sich dort eben nicht Friedrich Liechtenstein, sondern Markus Lüpertz – zu identifizieren allein schon durch einen ganz anderen Bart –, der mittlerweile auch schon nicht mehr über seinen Ruhm sprach, sondern über Gott (live).

Später suchte ich auf Youtube den Schnipsel einer Lesung von Thomas Meinecke aus Selbst, für die er das T-Shirt des Robert Johnson angezogen hat, das er in seinem Roman gerade kauft, während Henri und Eva sich über Skype verständigen. Seltsam, wie durchwegs anders mir meine innere Stimme diesen Text in den letzten Tagen vorgetragen hat. Und wie andersartig mir der Charakter des Textes nun, da er mir von seinem Autor dargebracht wird, erscheinen will. So, als hätten wir uns am Ende missverstanden: der Autor, seine Stimme, die meinige und ich. Aber das ist ja nicht möglich, glücklicherweise.

21.10.

Mit Daniel Martinez, der sich Danny nennt, saß ich wie an so vielen Morgen zuvor im kleinen Café gegenüber. In den letzten Wochen, seit er im August aus Los Angeles hierher gezogen war, um als Fellow der American Academy an einem auf ein halbes Jahr befristeten Projekt über die RAF zu arbeiten, hatten wir noch vor dem Schaufenster gesessen; seit es Herbst geworden war, saßen wir dahinter. Der Anblick, unverändert: das frühmorgendliche Geschehen auf dem Vorplatz des Bahnhofs. Für Daniel besitzen die Szenen noch immer unwiderstehlichen Reiz. Erst hier hat er wohl begriffen, worin der wesentliche Unterschied zu seinem Herkunftsviertel, von hier aus gesehen 9000 Kilometer westlich gelegen, besteht: Fußgänger, Passanten, sichtbar gemachte Intimität. Durch oder wegen vergleichsweise kaum vorhandenem Autoverkehr. Plus natürlich, mit jedem Tag drängt sich ihm dieser Unterschied zum Kalifornischen nur noch mehr auf: das Klima (er war tatsächlich mit nur einem einzigen Pullover im Gepäck angereist; ansonsten Bücher, Computer, Geld).

Er hatte mich gerade gefragt, um was es in dem Buch geht, das ich lese. Und ich sagte: »Schüchternheit« (I was lacking the wordshyness träfe es nicht ganz), da tat sich draußen vor dem Fenster etwas Neues, zugleich Außerordentliches und, wie sich bald herausstellen sollte, etwas geradezu schwer Widerbringliches: Ein Lieferwagen hatte drei Männer von sich gegeben, die bald eine mitgebrachte Flex dazu benutzten, um von der inmitten unseres Blickfeldes aufragenden Litfaßsäule den umlaufenden Mantel aus übereinandergeklebten Plakaten zu schälen. Diese Schicht, einer der Männer setzte unter dem durch die Trennscheibe geschnittenen Schlitz ein armlanges Stemmeisen an, zeigte sich erstaunlich dickwandig. Es brauchte der vereinten Kraft aller drei Männer, um sie von der Säule, die darunter aus Beton und hell und von ihrem Umfang her zart zum Vorschein kam wie ein ehemals gebrochener Arm oder auch ein Bein beim Abnehmen des Gipsverbandes, zu trennen. Auch schien sie ziemlich schwer, da die Männer es gerade so zu schaffen schienen, die aufgetrennte Pappröhre zur Seite zu ziehen. Ich fragte die Männer, um wieviele Jahre übereinandergeklebter Plakate es sich hierbei handelte. Es waren wohl fünf. Die einzelnen Plakate waren durch das Überleimen untrennbar miteinander verbunden worden wie Schichtholz. Da Daniel kein Wort Deutsch spricht, bat ich den Mann mit der Flex, ihm einen Ring abzuschneiden. Idealerweise – die letzte, nun einzig noch sichtbare Plakatschicht hatte als Motiv den sommerlich abgeschmeckten Jack Daniels mit Honigaroma – mitten durch das mit goldgelber Flüssigkeit und drei Eiswürfeln gefüllte Glas. Dem Wunsch wurde entsprochen. Und wenig später ging Daniel, der ziemlich zierlich von Wuchs ist, mit seinem golden und schwarz leuchtenden Plakatring über der Schulter hinüber in sein Atelier. Die letzten Meter musste er den Ring sogar absetzen und für den Rest der Wegstrecke vor sich herrollen, derart schwer war das Ding ihm geworden. Wieviele tausend, wahrscheinlich sogar Millionen Blicke über die letzten fünf Jahre, wieviele Kilogramm Aufmerksamkeit für diese Plakate wohl in diesem Ring gespeichert geblieben sind, fragt er sich.

Litfaß liegt auf dem Dotheenstädtischen Friedhof begraben. Auf seinem Grabstein ist in Gold auf glänzendem Schwarz seine flamboyante Unterschrift graviert. Als hätte er seinen eigenen Grabstein signiert.

Auf dem Friedhof war ich zuletzt vor ein paar Wochen gewesen, im Sommer. Vermutlich habe ich deswegen auch nicht groß auf die Bäume geachtet, auf die Laubsituation Grün, die man bei schönem Wetter für gegeben erachtet und im Ganzen nimmt. Das Erinnerungsbild sieht nun ausschließlich die Oberfläche des Grabsteins vor. Das gedachte Gesichtsfeld bleibt nach oben hin begrenzt vom Augengrau und es ist mir nicht möglich, die hiesige Laubsituation Gold auf das Erinnerungsbild zu übertragen. Ganz so, als ob es mit einem Ortsmarker und einem Zeitstempel versehen abgespeichert worden wäre, der mir solche Manipulation als unzulässig gebietet. Auch dass ich mir im Angesicht der beinahe vollkommen gefärbten Laubbäume ringsum nun noch vorstellen könnte, wie sie vor ein paar Tagen noch in Grün ausgesehen hatten, scheint solange unmöglich, bis ich eine dementsprechendes dokumentierende Fotografie zur Hilfe nehme.

20.10.

Gegen 14 Uhr hatte sich der Nebel so weit aufgelöst, dass der in Gold gesprenkelte Rasen zwischen schwarz glänzenden Stämmen wie vorgeführt wirkte, wie ein Bühnenbild. Urplötzlich zeigte sich der Himmel blau, hinter den Bäumen, die das gegenüberliegende Ufer säumen, ergab sich ein breiter Streifen wie aus Glas, hinter dessen Scheibe es türkis zu leuchten schien; darüber breite, wie wütend oder, nein: wild entschlossene Pinselstriche in violett und helleren Nuancen.

Das selbstgestrickte orangerote und goldgelbe Rechteck, gezeichnet von Michaela Meliàn, das den Schutzumschlag von Selbst bestimmt (auf weißem Grund): Das Buch lag im Schein der zwar hellen, aber leider nicht warmen Sonne dieser Tage auf dem Gartenstuhl, dessen weiße Lackschicht an vielen Stellen abgeblättert war, darunter war das grünlich-dunkle, wie vom Moos durchzogene Holz der Brettchen zu sehen. Ein gelb gefärbtes Blatt eines Ahorns mit verrenkten Spitzen landete neben dem Buch mit seinem Bild, das dem Ahornblatt nun ähnlich sah. Das Blatt hatte ganz viele rote Punkte wie eine besonders reife Frucht.

Seltsam, dass es in so vielen Rezensionen von Selbst geheißen hatte, das Bemerkenswerte an den darin auftretenden Frauen- und Männergestalten sei, dass die sich so steril und frigide gebärdeten (und das wurde pikiert angemerkt). Dabei, und ich hab nichts am Auge, geht es um nichts anderes in dem Buch (als um Schüchternheit). Der Text auf dem Schutzumschlag hinten – ein Käufer, der die Rezensionen gelesen hat, müsste annehmen, dort stünde halt eine Marketingsphantasie – stimmt ganz genau: »Selbst ist ein Liebesroman«.

19.10.

Gestern, ich saß in einer italienischen Bar neben dem Imbiß zur Nachtigall an der Prenzlauer Allee, schaute durch die Scheibe auf den Verkehr auf dieser Straße, die ich noch ganz zu Anfang diesen Jahres zumindest zweimal pro Tag zu überqueren versucht hatte, ohne dabei überfahren zu werden, mir wurde ganz wehmütig; beinahe so, als starrte ich nicht auf Autos und Fahrradfahrende im Stop-and-go, sondern in die Glut eines Feuers.

Zu einem Teil lag der leichte Abschwung in meinem Gefühlshaushalt auch an meiner Lektüre, am Morgen hatte ich das neue Buch von Thomas Meinecke bei der Buchhändlerin abgeholt. Sie hatte mich nach meiner Meinung zum Träger des Deutschen Buchpreises gefragt. Sie war damit unzufrieden, hatte dennoch elf Exemplare von Widerfahrnis bestellt, die sie wohl, so ihre Einschätzung, bis Weihnachten verkaufen können würde. Ein größerer Erfolg in der Region Nikolassee, hier stehen in etwa dreiundfünfzig Häuser, war fraglich, ihrer Meinung nach. Ich fing noch in der Bahn zu lesen an. Natürlich war das ein ganz anderer Text, als es die eitle und vor allem für den Kritiker des Textes Werbung treibende Rezension in der Sonntagszeitung hatte glauben machen wollen. Der Name des Kritikers ist längst von der Timeline verschluckt, aber er war noch sehr jung und hatte bereits extrem viele für sich Werbung treibende Texte verfasst, zum Beispiel sogar auch im Hanser-Verlag. In dem über Selbst hatte er in absichtlich verkomplizierten Sätzen, die dazu auch noch zu lang waren, behauptet, in dem Buch ginge es um derart komplizierte Diskurse, dass selbst er selbst, der Kritiker dieser dort widergegebenen Diskurse, kaum den Durchblick erreicht haben konnte. Oder so etwas in der Art. Dabei geht es in diesem Buch gar nicht darum, was gesagt wird. Auch nicht wie. Sondern dass. Wie immer bei Thomas Meinecke halt. Nur, und das scheint mir wesentlich, dass sein neues Buch vor allem unter Frauen spielt. Es gibt ja laut Helmut Dietl keinen gesunden Mann, der nicht von einem unbemerkten Belauschen eines Frauenabends fantasiert. Und zeitgleich, hier zitierte Helmut Dietl dann gerne den Linguisten Ferdinand de Saussure, den »Ferdl«, der ja selbst wiederum immer dann, wenn das Gespräch auf die Gespräche unter Frauen gekommen war und wie man die belauschen könnte, am besten halt solche unter Inuitfrauen, weil dann ließe sich dabei noch gleichzeitig das mit den hundert verschiedenen Begriffen vom Schnee sozusagen miterledigen, woraufhin der Ferdl dann, Dietl konnte den ja so herrlich nachmachen inklusive dessen Saugens an einer Pfeife aus türkischem Meerschaum, die dann bei Dietls Paradeparodie freilich aus einer Zigarette bestand, einer filterlosen, sagenderweise an das Zirkuspferd mit Namen Clever Hans zu erinnern pflegte. Es geht nämlich nicht, jemanden zu beobachten oder zu belauschen, ohne dass sich dessen Verhalten durch den Umstand seines Beobachtetwerdens, des Belauschtwerdens veränderte. Die belauschten Frauen wären also grob gesagt gar keine Frauen.

Und darum geht es, meiner Meinung nach, in Selbst. Grob gesagt. Dafür halt fein wahrgenommen.

»Friseur und Beautytermine online buchen«, davor ein vollbärtiger Mann mit rotem Haar, zweifelnder Blick aus blauen Augenscheiben: Die gesamte Bahn ist unter diesem Motiv hinweg in einem lachsrosa Ton lackiert. Fährt sie ab, gibt sie dahinter einen Fries der schwarz auf schwarz gehaltenen Plakate für das iPhone7 frei, die gerade jetzt – es war nun um die blaue Stunde, jedoch spielte der Himmel nicht mit und zeigte sich grau – flackernd hinterleuchtet wurden. Während eine Dreiergruppe, ein jeder mit Brille, Mütze und Bart, ihre Gläser mit dem IPA aneinander stießen. Und danach sagte der eine von ihnen zu den anderen »Guck, ich hab mir das neue iPhone gekauft.« Das geht als Boys Talk durch. Es geht, konkret, um andere Männer: um Anrufende, deren Anrufe man nun nicht mehr entgegennimmt (die Anruferliste wird auf dem Display des neu in den Besitz gebrachten Gerätes herumgezeigt als ein Beweis männlicher Unerbittlichkeit und Härte). Man raucht selbstverständlich und sitzt deswegen vor dem Lokal an dieser Straße. Zwischen den dreien steht ein Töpfchen Heidekraut auf dem Tisch.

Eine Stunde später und mittlerweile auch eine Kreuzung weiter in der Marienburger Straße angekommen, werden sie, die sich die Boys nennen, dort durch die Scheibe der Bar Italia von einem Girl erkannt und zu sich hereingewunken. Sie trägt ein schwarzes Exemplar des Bestsellers von Uniqlo und ihre Beine sehen aus, als hätte sie mit Latex tapeziert. Die Frau am Nebentisch ist Frances Schönberger. Le chaleur du soleil transformera le raisin en vin.

18.10.

Ein Ruck geht durch das Schneckenreich: Im Verlauf des gestrigen Tages wurde bei unsäglicher Nebelsuppe vor dem Fenster – was die beiden freilich nicht die Bohne anficht, weil sie es unter ihrer Kuppel auf der Fensterbank bei aufgedrehtem Heizkörper, wie es unter Schnecken heißt, schnuckelig feucht und dämpfig warm haben, und weil Weichtiere auch keine Knochen und Gelenke haben, in denen Rheuma sich entwickeln könnte, dennoch auf eine Weise, die ein menschlicher Blick nur als gelenkig wahrnehmen kann – die gesamte (ausgespülte) Schale eines Viereinhalbminuteneies weggeraspelt und eingeschlürft. Heißhunger auf Kalkhaltiges? Hochzeitsvorbereitungen bien sûr!

Die Schneckenforschung allerdings ist im Detail auch anderer Meinung. Neuesten Veröffentlichungen aus Kanada und Australien zufolge — ganz merkwürdig übrigens, dass es immer wieder Forscher aus diesen beiden ansonsten komplett irrelevanten Ländern sind, die in der Tierforschung wegweisende Veröffentlichungen liefern; und nicht nur dort: Die menschliche Klitoris beispielsweise wurde ja neulich erst, also erst neulich, im Jahr 2008 von einem australischen Team vollständig kartographiert und beschrieben — zum ersten Mal!, davor hatte sich kein Mensch so Recht für die Details der Frauen interessiert. Eigentlich ja ein Skandal, aber na gut. Über die Vorgänge im Schneckenhäuschen weiß der Mensch auch noch nicht genug, aber in besagten Studien ging es immerhin um die Funktion des einen Geschlechtswechsel bei den zweihäusig angelegten Schnecken konstituierenden Kalkpfeils. Beziehungsweise: Der kanadische Forscher fand heraus, dass es nicht, wie bis dato angenommen, der Pfeil selbst ist, der die Schnecke zum Weibchen programmiert, sondern der Schneckenschleim, der daran haftet. Der Fremdschleim, der an der Spitze des Kalkpfeils haftet und in den Leib des Partners geschleust wird, ruft dort den Geschlechtswechsel, beziehungsweise die geschlechtliche Definition hervor. Von daher trägt die Veröffentlichung auch diesen herrlichen Namen »Funktionen des Schleims bei Soundso«.

In meinem Labor war generell ein gesteigerter Appetit festzustellen. Zusätzlich zur Eierschale mussten auch noch ein größeres Stück Gurke, ein halber Möhrenknispel und dazu gereichtes Blattwerk daran glauben. Wobei Selleriegrün verschmäht wird. Radieschenblätter dito. Bei ersteren könnte es am intensiven Geruch und Geschmack der hellgrünen Blätter gelegen haben. Farbinformationen spielen scheinbar eine untergeordnete Rolle, sonst würden Möhre und Kernhäuser von Äpfeln ebenfalls ignoriert. Bei den Radieschenblättern stören sie sich wohl an den brennesselhaften Dorndrüsen, die sich dort auf der Unterseite der Blätter befinden. Pilzstiele allerdings haben sie gern.

Nach der Nahrungsaufnahme ziehen sie sich gemeinsam in das Tubularium eines aufgerollt daliegenden Löwenzahnblattes zurück. Wie Schnecken wohl knutschen — Haus an Haus? Oder doch im ausgefahrenen Zustand, und ob das dann für sie eher Rücken an Rücken, Seite an Seite, Bauch an Bauch, oder Hand in Hand bedeuten mag? Alles noch Terra incognita.

17.10.

Da ich am Abend eingeladen war, hatte ich den ganzen Nachmittag über gebacken, aber danach wurde mir bald so schlecht, dass ich die Einladung absagen musste, um den Rest des Abends im Liegen verbringen zu können. Der Grund war, wie in jedem Jahr zu Beginn der Saison, dass ich die Tage bis zum Fest der Feste mit der Herstellung meiner beliebten Frankenkekse eingeläutet hatte. Dabei handelt es sich, wie nicht jedermann weiß, mitnichten um eine etwa fränkische Spezialität – das sind die in den Tagen bis zum Fest der Feste ohnehin allseits beliebten Lebkuchen ja selbst. Bei meinen Keksen bezieht sich der Zusatzbegriff »Franken« auf das Leichenpatchwork Frankenstein, die legendäre Frühform einer wandelnden Drohne, die Mary Shelley sich ausgedacht hat; auf die ebenfalls namensgebenden Kekse bezogen, bezeichnet der Gattungsbegriff meiner Kreationen analog zum vor einigen Jahren noch durch Martino Gamper popularisierten Wort Frankenfurniture ein Machwerk aus gekauften, also backtechnisch betrachtet: kalten oder zu einem anderen Zweck vorgefertigten Keksen und Süßigkeiten aller Art.

In dieser Tradition des Mad Konditor stehe ich nicht allein da auf dem Feld der vorweihnachtlichen Köstlichkeitenzubereitung. Im Grunde handelt es sich um einen dem Free Jazz in der Musik vergleichbaren, interpretatorischen Zugang zum Adventsklassiker Lebkuchenhäuslein — wenn auch ohne Lebkuchen (und ohne Haus).

Für eine Menge von einem knappen Kilogramm Frankenkekse, das entspricht meiner Erfahrung nach dem nachmittäglichen Bedarf einer erwachsenen Person, rühre ich zunächst als wesentlichen Bestandteil eine gewisse Menge essbaren Keksklebstoff an. Hierzu je nach Größe der Zitrusfrüchte ein bis zwei Zitronen auspressen und in den Saft so lange Puderzucker einrühren, bis eine steife, glänzende, schwer vom Löffel reißende Masse entstanden ist. Der Säure des Saftes im Kleber wird benötigt, um die vorwiegend stumpfe und durch die Zugabe der sogenannten weihnachtlichen Gewürze vor allem in die Breite und Tiefe schmeckende Würze der Süßigkeiten nach hinten hinaus anzuspitzen und über den Gaumen zu verlängern. Die Frankenkekse schmecken somit beinahe schon erfrischend; jedenfalls wirkt sich ihr Genuss im Übermaß, der unvermeidlich nicht nur scheint, nicht derart ermüdend auf die Geschmacksnerven und deren Rezeptoren aus. Das Gehirn quittiert den Empfang säuerlicher Informationen mit der Dankesbotschaft: »Da geht noch was«.

Zur Fertigstellung der Frankenkekse werden die Trägerplatinen, ich verwende den Inhalt einer Packung Gewürzspekulatius der Handelsmarke von Penny, Douceur, à 600 Gramm, wie eine Partie Patience oder Tarot auf der Arbeitsfläche ausgelegt. Reliefseite nach unten, lautet meine Devise (Merkregel: aufs Gesicht!) ebenfalls auspacken und in sortenspezifische Schüsseln und Schalen füllen: die diversen Süßigkeiten, mit denen die Platinen bestückt werden sollen. Hierzu gibt es wie im Free Jazz üblich: keine Regeln. Erlaubt ist, was schmeckt und der intensive Basisgeschmack der knusprigen Spekulatiae läßt jegliche Kombinationen zu: Gummibärchen, Lebkuchen, vor allem halt Dominosteine, aber auch Miniflorentiner, Snacksize-Schockoriegel, Smarties, aber sogar Dominosteine oder Schokoladenkränze (von mir auch als Crunchy Ecstasy bezeichnet) sind geeignet, um die Köstlichkeit der Frankenkekse ins schier Unermessliche zu steigern.

Von daher geht es dann auch ziemlich schnell: Die Module werden an ihren gedachten Unterseiten mit dem Kleber bestrichen und mit sachtem Druck auf den Platinen angebracht. Hier darf man seiner sogenannten Kreativität freien Lauf lassen. Wer davon keine in sich spürt, dem sei die Lektüre von Wolfgang Ullrichs Der kreative Mensch anempfohlen, d e m Primer zum Thema; allerdings nicht unbedingt für die Last-Minute-Lektüre geeignet. Dafür aber für die »Mußestunden« im Liegen, danach. Für Novizen noch mein Tip: Durch die Begriffe Platine und Modul habe ich die von mir bevorzugte Richtung hinsichtlich der Anordnung bereits vorgegeben. Bunt sollte es sein, von den Beklebungspattern her robotisch, beispielsweise macht sich sowohl vom Mundgefühl her als auch visuell ein mit Fruchtgummi, Schokoladenkranz u n d einem Dominostein beklebter Spekulatius ganz außerordentlich gut auf jedem noch so bescheidenen Teller, dessen Herumstehen in der Wohnung das Einläuten des Festes der Feste signalisieren soll.

Das Geile an den Frankenkeksen wiederum ist: keine Abkühlzeit. Sie sind im Handumdrehen ready to crunch. Der Zuckergußkleber trocknet in einer knappen Stunde an, dann kann die Frankensteinernte eingestrichen und serviert werden. Im Idealfall sind die Gäste aber erkrankt oder sagen aus anderen Gründen ab. Wem beides nicht beschieden wurde, dem bleibt als letzte Option noch immer, eine weitere Edition aufzulegen.

16.10.

Auch heute Morgen schaute ich, wie gestern Abend vor dem Zubettgehen, mit einem angenehmen Gefühl des Befremdens in den Spiegel. Mein Spiegelbild, ansonsten für mich kaum der Rede wert, gehört nun seit gestern in die Galerie der anderen Bilder hier an meinen Wänden; ich erkenne mich noch wieder, zögernd, aber immerhin. Älter sehe ich nicht aus, jünger auch nicht. Die Veränderung in meinem Gesicht lässt sich allenfalls mit dem Effekt plastischer Chirurgie beschreiben, deren Patienten ja hinterher auch nicht wirklich jünger aussehen, oder besser. Sondern halt anders.

Gerade weil es gestern frühmorgens schon derart so unerfreulich wie ausdauernd zu regnen angefangen hatte, fuhr ich nach dem dritten Kaffee zu meinem Friseur, denn bei extrem schlechtem Vormittagswetter lässt sich mit einem Samstagmittag nicht viel anderes veranstalten, als einen Schönheitstag einzulegen. Im Vorübergehen nahm ich auf der Hauptstraße sozusagen mit Wohlwollen zur Kenntnis, dass die Gedenktafel am David-Bowie-Haus mittlerweile ersetzt worden war und mehr noch: Sie war jetzt zusätzlich noch mit einem Rahmen aus gebürstetem Edelstahl bewehrt (ein Äquivalent für »ringsum« existiert in der deutschen Sprache nicht für einen eckigen Gegenstand), sodass es den Andenkenjägern dieses Mal deutlich schwerer fallen dürfte, das Porzellan zu zerschlagen, um es scherbenweise abzutransportieren. (Ich habe meine zwei i-Punkte für einen dem sentimentalen Wert extrem angemessenen Preis an Steve verkauft, den Burgerbrater im kleinen Café gegenüber, auf dessen einem Unterarm Elvis eintätowiert ist, auf dem anderen Bowie. Steve war sichtlich gerührt bei der Übergabe der minuskulen Scherbe. Ich hatte diese nämlich zum Zweck des Verkaufes in eine edle Schatulle aus schwarzem Polyvinylchlorid mit klarsichtigem, leicht gewölbtem Deckel gebettet, der auf den darunterliegenden Inhalt eine sachte, dafür entscheidende Vergrößerungswirkung hatte.) Es ist also nicht nur in diesem Zusammenhang unangemessen, wenn ausgerechnet Frankfurter Kreise Berlin als einen failed Stadtstaat ins Gerede zu bringen suchen. Sehr vieles funktioniert hier nämlich einwandfrei.

In meinem Salon herrschte der für einen Samstag übliche Stoßbetrieb, was in diesem Fall bedeutete, dass beide Stühle der Brüder bereits mit Kunden besetzt waren, die frisiert wurden. Auf den zu einer Bank an der Wand entlang bis zum Kühlschrank hin aufgereihten Stühlen saßen noch weitere Männer in die Lektüre ihrer Zeitschriften vertieft. Teegläser waren bereits verteilt worden. Ich hatte mich soeben meiner feuchten Jacke entledigt, da stand ein mir fremder Mann mit grauem Bart und rasierter Glatze vor mir und wies einladend, dabei einen Umhang wie das Handtuch eines Oberkellners im Cartoon über seinen die einladende Geste ausführenden Unterarm gehängt, auf den ominösen dritten Stuhl. Dieser hatte, so zumindest nahm ich es aus Erfahrung an, stets leerzubleiben. Jedenfalls hatte ich noch nie jemanden auf diesem zwar montierten, doch nie genutzten dritten Friseurstuhl sitzen gesehen. Und mir nichts weiters dabei gedacht. Wäre ich eine Frau und käme in das Behandlungszimmer meines Gynäkologen und der hätte dort, warum auch immer, einen zweiten Behandlungsstuhl aufgestellt, dann würde ich mir angesichts dieser Konstellation vermutlich weitreichende Gedanken gemacht haben wollen (selbst wenn dieser zweite Behandlungsstuhl dann für die Dauer meiner Behandlung leer bliebe; selbst dann vor allem, wenn mein Gynäkologe auf meine Frage, was das denn mit dem zweiten Stuhl solle, mit einer wegwerfenden oder beschwichtigenden Geste entgegnen würde; vor allem dann!). Bei einem stets unbesetzten dritten Stuhl in einem von zwei Friseuren betriebenen Salon kommen unbehagliche Gefühle dieser Art nicht auf. Auch hatte ich mir bis gestern noch keine Gedanken gemacht, was oder wer sich in dem durch einen Klimpervorhang abgeteilten Hinterzimmer des Salons befinden mochte. Das war nun klar, es war der Alte, der von dort aus auch mit einer Fernbedienung die Lautstärke des unablässig Hochzeitsmelodien abspielenden Fernsehapparates regulieren konnte, der an einem stählernen Teleskoparm hoch über Stuhl eins an die Salondecke montiert war. Augenblicklich waren dort die Melodien illustrierende Aufnahmen von Golfspielern am Golf zu sehen. Auf den Greens Saudi Arabiens, so schien es, wehte eine steife Brise: In einer fatal wirkenden Gefährdung der idealen Abschlagsbewegung, die ja eine Torsion des Oberkörpers bei gereckten Oberarmen erfordert, knatterten die Schleier der Spielenden im Wind.

Der Alte, bei dem es sich unzweifelhaft um den sogenannten Meister handeln musste – das teilte sich mir aus den halblauten Kommentaren der Brüder mit, die mich ja beide als ihren Stammkunden kannten –, drückte mir die Knöchel seiner geballten Fäuste links und rechts in die Vertiefungen meines Schlüsselbeins und gab dazu einen katzenhaft schnurrenden Laut von sich, den er dann noch einmal in einer gedehnten Version wiederholte, als er mir mit beidseitig flach angelegten Handkanten die Blutzufuhr durch meine Halsschlagadern abklemmte. Breath Play im Friseursalon – why notzky, wie es hier in Schöneberg ganz richtig heißt. Da er mir mittlerweile die Brille abgenommen hatte, nahm ich den Rest seiner Behandlung durch einen mein Vertrauen fördernden Schleier wahr. Den Bart kürzte er freehand, ohne einen Kamm zuhilfe zu nehmen. Das allein wies ihn als einen alten Hasen der gestählten Sorte aus. Währenddessen, ich hielt die Augenlider fest geschlossen, aber mein Gesichtsgefühl sagte mir das ungefähr so genau, wie es tausend Blicke getan, verteilte er mit einer dritten (???) Hand bereits heißes Wachs auf meinen freirasierten Wangen und, das empfnd ich als alarmierend: über meiner Stirn. Mit harten Gegenständen – eventuell waren es Essstäbchen, möglicherweise auch Rouladennadeln oder Pfeile – drang er tief in meine Nasenlöcher, sowie beiderseits in meine Ohren ein. Dann, er war mit dem Rest seiner Tentakel gerade in meinem Nacken zugange, wo er, obwohl ich ihn ausschließlich um die Bartpflege gebeten hatte, mit relaishaft klickendem Schnippschnapp die Saumkante meines lang gewachsenen Haars begradigte, oder gar ausdünnte, gab er in gebrochenem Englisch, der einzigen Sprache, die ihm außer dem Arabischen zur Verfügung stand, ein Kommando zum Spiegelblick. Dazu reichte er mir meine liebe Brille. Und was ich sah, war ein Gesicht mit Brille und Bart, in dessen sämtliche Öffnungen der Alte Ohrenstäbchen gesteckt hatte wie in eine Voodoopuppe. Zögerlich öffnete ich meine Lippen. Mein gebrochenes Englisch ist nicht besonders gut, also zeigte ich ihm den international gültigen Code für thumbs up.

Während der von ihm allein in Vorfreude verbrachten Momente, in denen das solchermaßen in meine Ohren und Nasenlöcher praktizierte Heißwachs aushärten musste, neigte er sich mit seinem freundlich wirkenden Gesicht nah an meines und spähte in mein nun wieder von der schützenden Brille entkleidetes Auge. Er spähte dort hinein, als sei mein Auge ein Türspion, und fragte: »Where you come from?«. Ich sagte »Heimerdingen«. Er zwitschte durch die Zähne und lachte. Die Brüder nickten und es gab einen kurzen Trialog auf Arabisch. Währenddessen schnippte der Alte mit diversen Fingerspitzen gegen die in meinen Gesichtsöffnungen steckenden Ohrenstäbchen. Ich kannte diese Methode aus dem kambodschanischen Foltermuseum S21 in Phnom Penh, allerdings hatte man den Patienten dort und damals Stecknadeln unter die Fingernägel getrieben. Durch ein Schnippen gegen die dort festsitzenden Nadelköpfe wurden die Geständnisse erpresst.

Gut, also so weh tut es nicht. Aber es ist unangenehm. Vor allem, weil der Alte danach noch die gesamte nicht vom Bart bedeckte Fläche mit seinem Zwirbelfaden von etwaigen Feinsthaaren befreit. Mir war nun plötzlich klar, weshalb die Vollbärte in der arabischen Sphäre beinahe das gesamte Gesicht bedecken sollten. Als er mir meine Brille final überreichte, sah ich im Spiegel auf eine Tomate mit Zähnen. Das war mein Gesicht. Zum Abschied hämmerte mir der Meister, der mich von nun an als Stammkunden akzeptiert hatte, noch einen seiner goldenen Merksprüche ein: Bart alle sieben Tage – good. Nackenhaare alle 21 – good. Den nach wie vor gelangweilt vor sich hin strömende Regen empfand ich als angenehm kühlend auf meinem Gesicht.

15.10.

Heute vor 40 Jahren schrieb Peter Handke in sein Tagebuch: »Jemand, der mitten im Beischlaf aufhören und ehrlicherweise sagen würde: ›Ich weiß nicht mehr weiter‹«. Ich bin darauf gekommen, also parallel zu den vergehenden Tagen, an jedem Morgen den wie auf einer Umlaufbahn um 2016 korrespondierenden Eintrag im Gewicht der Welt zu lesen, durch eine Bemerkung von Jan. Das war an dem Tag nach der Nobelpreisverleihung an Bob Dylan. Wir hatten anlässlich jener Collage von Clemens J. Setz auf Twitter, für die er die Porträtfotos von Handke und Dylan zu einem Gesicht harmonisch zusammengefügt, so ein bisschen, wirklich nicht allzu sehr überlegt, ob oder wenn doch, welchen Liedtext von Bob Dylan wir denn a) kannten, beziehungsweise im Gedächtnis behalten hatten. Zu einem Punkt b) kam es im weiteren Verlauf der wie gesagt bündigen Diskussion erst gar nicht, weil die von Jan angeführte Zeile aus Mr. Tambourine Man aufgrund des Liedtitels zu einem 90-Grad-Shift im molekularen Gefüge des Gedankenaustauschs führte. Denn nun war mir wieder klar, weshalb ich den frühen Handke, den ganzen Dylan so uninteressant und fremdartig fand: Es war dieses Zirkushafte, das Schwärmen von den Gauklern, den Jongleuren, der Dame mit dem Schlangenleib und den noblen Landstreichern, das mich anwiderte. Jan erklärte das mit den Fünfzigerjahren, mit La Strada, und sah sich selbst auch nicht ganz frei davon.

Na gut, das ist halt, so hätte ich es beschließen können, nicht ganz so meine Szene, nicht meine Generation. Ich habe zum ersten Mal Bob Dylan gehört, in den Neuzigerjahren, als Jochen Distelmeyer noch die Konzerte mit seiner Interpretation von It’s Allright Ma’ (I’m only bleeding) zu beschließen pflegte. In dieser Zeit stand besagtes Album von Dylan, das den Krauskopf selbst und eine Frau in Rot vor dem Kamin im Hintergrund zeigte, ganz vorne in den Plattenstapeln vieler Leute, die ich ab und an besuchte. Später, als Distelmeyer seinen Mash-up aus Rainer Werner Fassbinder und Hannes Wader und Heinz Rudolf Kunze zu verkörpern suchte, hatte ich Bob Dylan schon wieder vergessen. Und zwar rasch und schmerzlos. (Den Remix, den Nicolas Jaar von Love Sick gemacht hat, finde ich noch immer gut.)

Trotzdem aber: Wenn das schon, wenn die La-Stradahaftigkeit und die Kette aus bunten Glühbirnen über allem und die Kritik an der blinden und stumpfen Maschinenhaftigkeit des Geschlechtsverkehrs nicht meine Szene war, allein weil ich etwas jünger, was dann? Ich dachte nach und nach und kam auf kein konkurrierendes Konzept. Wie es aussah, hing meine Szene ohne Chance auf Nobelpreis und ohne Establishment in der sogenannten Luft. Viele waren schon tot, die übrigen sind entweder vergessen, verblasst oder wie Dave Gahan und Robert Smith und Morrissey und Paul Weller und New Order in einer Art Programm für die Rente mit 3000 eingespannt. In derlei Gedanken ging ich auf Rogers Geburtstag, wo ich dann halt auch etwas deplaziert in der Gegend herumstand, was mir aber nichts ausmachte, weil Rogers Wohnung eine schöne, eine der schönsten Gegenden in Berlin ist: Lauter Räume beinahe ohne Möbel, in denen es weihnachtlich roch, weil es Wildschwein gab, das eine feine Orangennote hatte. Ich aß viele Austern und führte drei kurze Gespräche zum Thema, ob es das überhaupt geben kann: zu viele Austern. Dann ging es noch um meinen Milchkonsum. Satt, aber guten Gewissens nach Hause.

14.10.

Beim Austausch der Löwenzahnblätter, bei denen die Schnecken übrigens weit weniger heftig zuschlagen, als es in den österreichischen Foren versprochen worden war (meine stehen besonders auf Karotten und Gurke, aber auch quer durch eine Scheibe Bottarga haben sie sich gefräst), fand ich das bis dahin männliche Tier von seinem Kalkzapfen befreit. Ob es den nun aufgegessen hatte, oder in seinen Leib zurückgezogen, ob er einfach abgefallen war und nun schwer auszumachen auf der ebenfalls weißen Kuchenplatte, die den Boden des Schleimariums abgibt, herumlag, ließ sich während der kurzen Zeit, da ich die Salatschüsselkuppel abgehoben hatte, nicht eruieren. Allzu lange kann ich das Mikrotop leider nicht unbedeckelt stehen lassen, denn die Schnecken bewegen sich, insbesondere unter einer schwallweisen Zufuhr von Frischluft: verblüffend schnell.

Nun, da die Zeit der Regeneration nach dem unterbrochenen Geschlechtsakt anscheinend vorüber war, sah ich sie tagsüber gemeinsam über die gläsernen Wände ihres Gehäuses ziehen wie Flugzeuge oder Wolken in der Kuppel eines frühgeschichtlichen Himmelmodells. Und ohne den aus der einen herausragenden Zapfen sehen sie einander ähnlich wie, nun ja: eine Schnecke der anderen. Hinsichtlich meiner Forschung wäre es extrem wichtig gewesen, das ehemalige Männchen zu markieren, um bei einem erneuten Paarungsversuch ablesen zu können, ob es denn bei diesen zwei Exemplaren immer wieder dasselbe Tier sein würde, das den gebenden Part übernimmt. Oder ob Schnecken tatsächlich genderfluid sind und somit mal die eine, nächstes Mal die andere nimmt, dann wieder gibt.

Dazu hätte ich einfach nur das fragliche Häuschen mit meinem Lackstift markieren müssen (etwa mit einem Punkt in Leuchtrosa), aber was das Anmalen von Schalentieren betrifft, wurde mir vor vielen Jahren eine schreckliche Geschichte erzählt, die ich seitdem nicht vergessen kann, und die mich insbesondere von dem Lackieren von Schildkrötenpanzern for fun auch weiterhin abhalten wird. Die Frau, die mir diese Geschichte erzählt hatte, ihr alkoholkranker Vater spielte darin die tragende Rolle des Schildkrötenlackierers, hatte ich in Hamburg kennengelernt. Sie enstammte einer Dynastie von Werbetextern und verwendete ein Gesichtspuder von Christian Dior, das sie aufgrund dessen Beschaffenheit den Kometenstaub nannte. Die, wenn auch extrem kurze, durch und durch merkwürdige Beziehung, die sich zwischen uns entwickelt hatte, scheiterte letzten Endes nach wenigen gemeinsam verbrachten Stunden daran, dass sie für meinen Geschmack zu sehr damit beschäftigt war, ein Doppelgängerleben zu führen. Und zwar als Doppelgängerin Holly Golightlys. Ich weiß nicht, woran das liegt, es ist mir in meinem Leben dann viel später noch einmal begegnet dieses Phänomen, allerdings war das dann in München, aber auch dort fragte ich mich, ob es die Holly Golightly aus dem Film ist, die Moon River singt, also ob es eigentlich Audrey Hepburn war, der solche Frauen ähnlich sehen und sein wollten, oder ob sie auch das Buch gelesen – die Holly Golightly bei Truman Capote hat ja so gar nichts lieblich neurotisches, sondern ist einfach nur abgefuckt. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, die in Hamburg hatte sich die Holly Golightly aus dem Film vorgenommen, die aus München las auch ansonsten viel und gern.

Schnecken sind kaum geräuschempfindlich. Nach dem Essen ziehen sie sich in ihre Häuser zurück und – tja, was eigentlich? – schlafen vermutlich. Was sonst. Es muss ja dann reichlich gemütlich, wenn nicht eng zugehen in dem kleinen Haus, wenn sich die Gesamtschnecke dorthin zurückzieht. Also in sich. Denn auch wenn man stets geneigt bleibt, das Haus aufgrund seiner Andersartigkeit, seiner Unschleimigkeit und seiner Beschaffenheit aus hartem Material, wohingegen der Schneckenkörper weich ist wie ein elastisches Cornichon, als etwas von der Schnecke Getrenntes zu betrachten, so darf es auch hinsichtlich Schnecken keine dualistische Sichtweise mehr geben. Das Haus gehört zur Schnecke, die Schnecke ist auch das Haus sozusagen, so wie die Milchkuh auch ihr Horn ist und umgekehrt. Wenn die Schnecken also in sich zurückgezogen liegen, spiele ich ihnen manchmal das einzige Lied vor, das ich besitze, in dem es um das Dasein als Schnecke geht – jedenfalls wird es darin periphär mitbeschrieben. Es befindet sich auf dem Roten Album von Tocotronic und heißt Prolog. Schallwellen treiben die Schnecken irgendwann aus den Gehäusen. Sie entrollen sich in dieser unaufhörlichen, eleganten Bewegung, sozusagen in einem Zug (also wie ein rückwärts abgespieltes auf Ex), und dann fahren sie jeweils nur eines ihrer beiden Stielaugen aus, um die Umgebung zu scannen. Ob sie Farben wahrnehmen können, was für sie überhaupt von Interesse ist: alles noch unbekannt.

13.10.

Die Schneckenhaltung bringt unvorhergesehene Probleme mit sich. Möglicherweise liegt es an der abgeschlossen wirkenden Gestalt der Schnecke, die ihr Haus und somit vermeintlich ihre ganze Welt mit sich bringt, dass ich annahm, es bräuchte darüberhinaus lediglich das Schleimarium und etwas Futter, um sie zufriedenstellen zu können. Doch gegen Mittag zeigte sich die Situation unter der gläsernen Kuppel verändert: Beide Tiere hatten sich unter jeweils andere Salatblätter zurückgezogen und dort wiederum, im Schatten von Löwenzahn und Sauerampfer, wie Träume innerhalb von Träumen, noch einmal zusätzlich in ihre Häuser zurück. Die Moose hatte ich bereits befeuchtet (Methode Briefmarkenkissen), die Innenseite der Kuppel von den Schleimspuren gereinigt — was fehlte ihnen denn noch?

Im Internet fand ich eine Seite aus Österreich, die sich monothematisch mit der Haltung von Schnirkelschnecken, vor allem aber mit der Haltung der exotischen Achatschnecke beschäftigte. Als sämtlichen Arten übergeordnet erschien dort als generelles Problem das der schläfrigen Schnecke. Das nahm ich mit einer Mischung aus Erleichterung und Interesse zur Kenntnis, denn genau dieses Problem schien ja auch bei meinen Schnecken vorzuliegen: Schläfrigkeit. Und das ohne einen für mich ersichtlichen Grund. Wo sie am Vorabend und in der darauffolgenden Nacht noch für Schneckenverhältnisse hyperaktiv sich präsentiert hatten (um sich bei mir einzuschleimen?), ging nun sozusagen gar nichts mehr. Auf geradezu unheimliche Weise abgeschlafft – in einem Werner-Enke-Sinne – schmollten sie mir. Was eventuell, so hatte ich es mir vor dem Studium der Internetseite noch überlegt, an dem von mir unterbrochenen Geschlechtsakt lag. Vielleicht zeigten sich, wie es das Sprichwort behauptete, sämtliche Tiere bis auf den Esel und den Hahn nach dem Geschlechtsverkehr wehmütig. Die Schnecken aber, und davon schwiegen die Römer, waren als einzige im Tierreich zur Erwartung und Hoffnung begabt und daran lag es, dass sie mir nun schmollten — weil es ihnen auf menschenhafte Weise bewusst war, woran ich sie gehindert hatte. (Und der Geschlechtsakt an sich war auf rein technischer Ebene derart schwierig zustande zu bringen mit diesem Kalksporn et cetera, dass sie nun einen sogar für Schneckenverhältnisse ewig langen Anlauf würden nehmen müssten, um einen erneuten Koitus zu organisieren; die schiere Aussicht auf diese Vorbereitungen zum Fest ließ die beiden derartig abschlaffen, dass es nicht auf ein Neues zur Sache gehen konnte.)

Zu weit gedacht, zu kompliziert auch, denn wie aus den Foren zur Schneckenhaltung ganz eindeutig hervorging, hat das dort bekannte Phänomen der schläfrigen Schnecke ihren Ursprung in der Atmung der Tiere. Wie viele Organismen produziert halt auch die Schnecke reichlich Kohlendioxid, das sich am Boden des Schleimariums ansammelt. Die dort sitzenden Schnecken schläfern sich somit allmählich selbst ein. Ich konnte dieses Problem rasch beheben, indem ich zwei Geldstücke unter die Kuppel klemmte, sodass diese ein wenig angehoben wurde. Die durch den schmalen Schlitz zusätzlich einströmende Raumluft genügte anscheinend voll und ganz, um den benötigten Sauerstoff zuzuführen. Bereits nach wenigen Stunden zeigte sich das Weibchen wieder aktiv und sozusagen in alter Frische. Und noch ein wertvoller Hinweis aus dem Schneckenhalterforum setzte ich stante pede um: Schnecken brauchen nämlich Kalk! Bei Kalkmangel – und zumindest mein Männchen müsste allein durch die Hervorbringung des prächtigen Penetrationszapfens bereits am Limit sein – fressen Schnecken nämlich ihr eigenes Haus — eine Horrorvorstellung! Das durfte auf gar keinen Fall passieren. Unter erfahrenen Schneckenhaltern geht der Trend eindeutig zum Einbringen eines Schulpes vom Tintenfisch, wie man es aus den Käfigen von Wellensittich, Kanari und Co kennt. Aber die Schalen vom Viereinhalbminuten-Ei werden ebenso akzeptiert. Faszinierend. Woher die Schnecke wohl weiß, dass es sich bei dem abstrakten hellen Gebilde um eine Kalkquelle handelt — besitzt sie, analog zu den Kryptochromen der Zugvögelarten, einen Mineraliensinn? Das Forum schweigt dazu.

12.10.

Erwachend fand ich meine innere Landschaft verändert. Über allen Gipfeln und selbst weiter drunten im Tal schien es windstill geworden. In mir herrschte nicht einmal mehr, das war wohl unnötig geworden, es war einfach die Ruhe selbst, die seiend sich verbreitet hatte. Und von ihren Dimensionen her nahm ich sie als galaktisch wahr.

Dass ich verschlafen hatte, es war bereits weit nach acht Uhr, kümmerte mich nicht. Ich schaute länger aus dem Fenster, dort war es diesig hinter den beschlagenen Scheiben. Vom Vorbeiflug des Merkur am Saturn (oder war es umgekehrt gewesen) hätte ich sowieso nichts hätte sehen können, mit oder ohne Fernrohr. In meinem E-Mail-Eingang sah ich eine Nachricht von Bob Mankoff, dem Ressortleiter für gezeichnete Witze beim New Yorker. Und freilich war meine Verehrung für ihn und seine Arbeit schon groß, so riesengroß, dass ich einen Moment lang tatsächlich annahm, es wäre Bob Mankoff selbst gewesen, der sich aus einem ganz auf mich bezogenen Grund an mich gewandt hatte. Aber natürlich war dem nicht so, wir kannten uns gar nicht persönlich. Es war lediglich so, dass ich als langjähriger und regelmäßiger Einsender beim monatlichen caption contest nach zwölf Jahren als überseeisches Jurymitglied Schöffendienste leisten sollte. Leider halt bloß online. Machte ich aber trotzdem gerne, bis dann bei der Bewertung des zwanzigsten Panels die Seite abstürzte. Na ja. Machte mir, so wie ich drauf war, nichts. In anderer Verfassung hätte ich wahrscheinlich mit dem iPad einen Nagel in die Tischplatte getrieben. Temps passé. Trotz blödem Nieselregen packte ich gleich nach dem dritten Kaffee meine Sachen und brach in Richtung der Kleingartenkolonie am Nymphenufer auf.

Dort gibt es unter dem Bahndamm eine alte Mauer, deren interessantester Abschnitt von Brombeerranken gut geschützt ist, sodass diese Stelle außer mir wahrscheinlich niemand anders kennt und besucht. Die vielen unterschiedlichen Arten von Moos, die auf dem Sims der Mauer sprießen und gedeihen, sind insbesondere an feuchten Tagen jeden Ausflug wert. Ich pflückte mir einige kleine Kleckse davon in die Hand, um sie daheim unter der Makrolinse meines Fernrohres studieren zu können. Denn das Sprichwort stimmt ja, zumindest auf die Einsatzmöglichkeiten meines Fernrohrs bezogen: Warum zu den Sternen schweifen, wenn es so hübsche wie unbekannte Mikrowelten wie Moose gibt? Und dabei, also auf dem schwarzen Sims der Mauer, entdeckte ich zwei Schnirkelschnecken mit blaßrosa Häusern beim Geschlechtsverkehr! Das hatte ich, in all den Jahren der Schneckenforschung, die ich ja noch weit länger schon betrieb, als ich am caption contest teilnahm, noch kein einziges Mal live und mit eigenen Augen gesehen. Der einen Schnecke, die dadurch als männlich sich konstituierte, ragte der gut einen Zentimeter lange Kalkspieß aus der Seite. Papierweiß. Die andere schmiegte sich schon mit dem Leib heran.

Das gute an Schnecken ist, dass ihr Protestgeschrei unhörbar bleibt für menschliche Ohren. Auch tun die Bisse mit der Radula nicht weh. Fickende Hunde, ja, sogar Katzen oder Blässhühner würde ich mich nicht zu unterbrechen trauen. Aber Schnecken halt schon. Und jetzt halte ich die beiden bei mir zu Hause. Ich habe ihnen ein sehr hübsches und vor allem mega-artgerechtes Schleimarium gebaut aus einer weißen Kuchenplatte und einer darüber gestürzten Salatschüssel aus Glas. Der Boden ist bedeckt mit Salatblättern aus eigener Ernte – also voll regio – die ich noch vom Wochenende im Kühlschrank hatte. Dazu das Moos natürlich und für die Farblust des beobachtenden Auges: eine Scheibe Karotte. Ich fragte mich natürlich vor allem, wie das Schneckenmännchen mit dem Interruptus zurechtkommen würde. Menschliche Männchen klagen da ja recht oft und auch vor einem Hintergrund jahrtausender Jahre Kollektiverfahrung als unterbrochener Mann. Nicht so die Schnecke anscheinend, die ja von ihrer Wesensart eher als genderfluid zu bezeichnen ist: Das Weibchen begann sofort damit, die gläserne Kuppel der Behausung zu erkunden, fahrenderweise, während das Männchen samt ausgefahrenem Penetrationszapfen sich unter ein Salatblatt zurückzog. Vermutlich, um sich zu regenerieren. Mal sehen. Als erste Erkenntnis nach dem ersten Tag der Beobachtung verzeichne ich, dass Schnecken, also meine Exemplare zumindest, ultra tagaktiv sind. Das geht soweit, dass das Weibchen sofort unter dem Salatblatt hervorstößt und losfährt, wenn ich mitten in der Nacht im Badezimmer mal kurz das Licht andrehe. Ich werde die Salatschüsselkuppel eventuell mit einem Tuch abdecken müssen wie einen Kanarienvogelkäfig. Wenn Schnecken nun noch singen könnten oder leis‘ blubbern zumindest Punktpunktpunkt

11.10.

Kryptische Nachricht von Jochim Lottmann (für meine um Erläuterung bittende Nachfrage war er freilich nicht zu erreichen gewesen) auf einer bereits mehrfach genutzten Servicepostkarte der Wiener Elektrizitätswerke, die ich am Nachmittag in meinem Briefkasten gefunden hatte: Ich sollte mich pünktlich um 19 Uhr 30 im Deutschen Theater einfinden. »Bring bitte eine Prinz Heinrich-Mütze mit, und trage diese beim Betreten des Gebäudes gut sichtbar. Beispielsweise auf Deinem Kopf.«

Es regnete bereits, als ich, wie mir geheißen ward, das Foyer betrat. Für die Hostessen der Frankfurter Allgemeinen musste es so ausgesehen haben, als ob mein Gesicht von Tränen überströmt war, dabei waren das die Regentropfen, die vom Rand des Mützenschirms mir in die Stirn geweht worden waren. Mit kurzem Blick auf diese Mütze wurde ich offenbar als einer der geladenen Gäste für die intime Feier zur Verleihung des Michael-Althen-Preises für Kritik identifiziert. Jedenfalls sah ich, wie eine meinen Namen von ihrer Liste strich. Damit war ich sozusagen drin und wurde eingelassen.

Im ersten Stockwerk, an der kleinen Bar des mit Raunen gefüllten Festsaales, regierte Joachim Lottmann im Kreise seiner Anhänger. Ich hegte gemischte Gefühle, denn mir war ja inzwischen klar, dass ich mich vor einigen Wochen selbst für diesen mit 5000 Euro dotierten Preis beworben hatte. Verliehen wurde er dann aber an eine mir unbekannte Kunsthistorikerin aus dem Stall der Süddeutschen. Nun war mir mein Erscheinen als Ausgeschiedener irgendwie peinlich. Aber es sprach mich niemand darauf an.

Der ehemalige Chefredakteur der Süddeutschen, Hans-Werner Kilz, hielt eine Rede, mit der er die schöne Zeit vor der Jahrtausendwende ins Gedächtnis rief, als Michael Althen noch nicht gestorben war und Claudius Seidl, Georg Diez und Niklas Maak in dem damals noch nicht geräumten Redaktionsgebäude an der Sendlinger Strasse ihre Feuilletons schrieben. Niklas Maak und Claudius Seidl waren anwesend. Die Witwe Michael Althens auch. Georg Diez nicht. Thomas Hüetlin, wie ich als Preisgewinner ausgeschieden, war nicht erschienen. Der wusste halt, was sich gehört, war noch vom alten Schlag.

Ich hatte selbst noch gute Erinnerung an diese Zeit in Münchens Sendlinger Strasse, die ja im Nachhinein betrachtet eine Ära war. In der Rede ging es, wie immer, wenn von dieser Ära die Rede war, auch um die Anzüge von Helmut Lang, und niemand hat den Esprit dieser Tage schöner und auch kunstvoller in Szene gesetzt als Christopher Roth, der Autor von 200D, dem ersten Roman der Popliteratur immerhin, in seinem Kurzfilm Hawaii 69, in dem Ulf Poschardt, damals noch mit einem an René Weller geschulten Oberlippenbart, eine tragende Rolle spielt.

Herrliche Rede also, bei der Verlesung des Siegertextes durch die Siegerin selbst nickte ich leider mehrfach ein. Was ich nicht wollte, da ich fürchtete, mir könnte dieses mehrfache Einnicken und gedämpfte Aufschnarchen nach dem Sekundenschlaf von den Umsitzenden als eine dämliche Form meines von Neid motivierten Protestes ausgelegt werden. Ich konnte es aber trotz schärfster Selbstzucht nicht verhindern. Glücklicherweise erkannte mich aber niemand, was wohl an meiner abstrusen Mütze lag. Man verwechselte mich mit dem Sänger und Gitarristen Malakoff Kowalski, in dessen signature look ich durch Lottmann instruiert wider besseren Wissens erschienen war. Kowalski wiederum, der im Gegenstz zu mir geladen wurde, war nämlich nicht erschienen, was wiederum Lottmann im Gegensatz zu mir gewusst haben wird.

Im Anschluss an die Reden wurden Salami-Sticks serviert und Fruchtspieße. Joachim Lottmann übergab mir ein Manuskript eines seiner 35 noch unveröffentlichten Romane. Darin sollte es um seine Zeit als persönlicher Assistent eines Bundestagsabgeordneten in Bonn gehen. Ich war gespannt.

10.10.

»Seife — it’s my wife and it’s my life.« Eine schöne Zeile, beinahe schon ein Gedicht, wie ich finde. Es steht in meinem Notizbuch, dessen letzte Seiten ich durchblätterte, um mich an der Ausbeute meiner Erimitage zu weiden. Aber, oh Wunder Wunder: Damit hatte es sich auch schon. Bisschen mager, fand ich auch. Vor allem hatte ich es komplett anders in Erinnerung. In Erinnerung hatte ich die Tage und Nächte dort auf dem ländlichen Gebiet der ehemaligen DDR als von extremer Produktivität durchflutet behalten. Aber all I got was this silly T-Shirt. Na gut. Wird schon zu irgendwas nützlich sein. Irgendwann. Könnte sein, dass mir die allzu ländliche Abgeschiedenheit, vor allem die absolute Stille und der balladenhafte Zauber des Nichtgeschehens dort halt doch nicht so gut getan haben wie gedacht. Bei Milchkühen wiederum, das haben haben Forscher an der australischen Universität zu Leicester in diesem Sommer publiziert, verhält es sich genau andersherum. Zwei Kuhsamples gleicher Stärke wurden jeweils mit unterschiedliche Zentren aktivierender Musik bespielt. Die Gruppe, die Everybody Hurts von REM, What a Difference a Day makes von Aretha Franklin und Perfect Day von Lou Reed zu lauschen bekam, gab deutlich mehr Milch von sich, als die Gesamtheit aller Kühe aus der anderen Gruppe, die kollektiv mit dem Space Cowboy von Jamiroquai, Horny von Mousse T und Size of a Cow (hihi) von Wonderstuff beschallt wurde. Tja, Milch ist halt keine Lymphflüssigkeit, sondern scheint, dem sogenannten Herzblut eines Dichters vergleichbar, erst dann im Überfluß zu strömen, wenn es der Milchkuh gut bis bestens geht. Ganz entzückend, diese Vorstellung, wie die Kühe da in ihrem Stall stehen und sottovoce muhen, wenn Michael Stipe singt (Abb. Emoji »Eyes Full of Love«).

9.10.

Die elektrische Geladenheit des innerstädtischen Lebens, der Buzz, von Diane Charlemagne besungen, aber halt auch und mir noch lieber von Petula Clark, und von Epic Soundtracks, haut nach ein paar Tagen und Nächten extremen Landlebens freilich noch einmal ganz anders rein, beinahe schon so wie beim ersten Mal, wenn man, wie ich selbst, eigentlich vom Land kommt und für den Buzz dementsprechend empfänglich geblieben ist, weil man nicht allmählich ins Stadtleben in seiner Alltäglichkeit hineingewachsen ist, sondern blitzartig an irgendeinem Tag in früher Kindheit davon getroffen wurde. Das funktioniert ja auch andersherum: Stadtmenschen berichten dann von einem Naturflash, wenn sie nach Jahren zum ersten Mal auf eine Wiese in der Uckermark sich abgeworfen fühlen wie ein Carepaket, und rings um sie herum ist nichts mehr, was sie an den Buzz erinnert, noch nicht einmal mehr Hochspannungsleitungen oder Asphaltiertes – auch dieser Landissimo-Effekt ist besungen worden. In Naturträne von Nina Hagen.

Um mich zu akklimatisieren, war ich aus der S1 Unter den Linden ausgestiegen, um vor dem Niveahaus maulwurfshaft eine Weile vor mich hinzublinzeln. Das Niveahaus ist ein guter Ort, um sich zu akklimatisieren: vertraute Düfte, ein tröstendes Blau und der Schriftzug, mit dem ich ausschließlich angenehme Erinnerungen verbinde. Aktuell gibt es dort eine Aktion, für die Kunden sich an einem Stand im Niveahaus fotografieren lassen können, idealerweise zu zweit, denn die Botschaft aus dem Hause Beiersdorf lautet: sich gegenseitig öfter mal eincremen. »Hautpflege als Herzensangelegenheit«. Noch schöner ist die Kampagne in Frankreich, da lautet der Slogan schlicht »Le Soin«. In die Fotos wird dann die klassische Wortmarke der Creme montiert und die Fotografierten können eine mit ihrem Foto auf dem Deckel bedruckte Dose mit nach Hause nehmen. Das Customizing kostet inklusive Creme 4 Euro 90.

Gibt es auf dem Land alles nicht. Da gibt’s noch nicht einmal richtige Supermärkte, geschweige denn ein Niveahaus. Aber Selfies natürlich. Doch anderswo produzierte Bilddateien darf man nicht einschicken und per Mailauftrag auf die Dosen drucken lassen. Wahrscheinlich fürchtet man sich im Niveahaus zurecht vor Nacktbildern, Snaps et cetera.

Mit meinem leichten Gepäck, da halte ich es stets mit Astrud Gilberto, spazierte ich dann noch ein paar Meter den Boulevard hinauf, um am Potsdamer Platz meine Heimfahrt fortsetzen zu können. Geriet aber unvorhergeseherweise vor dem Brandenburger Tor in eine Demonstration der Deutschen Kommunistischen Partei. Ich wusste gar nicht, dass die noch existiert. Ich hatte geglaubt, die sei schon längst von der Linken absorbiert worden. Aber na gut, ich hatte ja auch geglaubt, dass es Frauen verboten war, sich zur Bundespräsidentin wählen zu lassen, bloß weil die antiquierte Sprache des Gesetzestextes mich das glaubend gemacht hatte. Und der Fall Gesine Schwan. Jedenfalls (ist der Kopf dicker als der Hals, wie meine Mutter zu solchen Gelegenheiten zu sagen pflegte) trottete eher denn marschierte ein Fähnlein alt gewordener Wackersdorfveteranen auf die US-Botschaft zu. Es waren Frauen und Männer im Verhältnis fifty-fifty, es gab Spruchtafeln, die mit grünem Edding auf gelber Pappe beschriftet waren, in einer Handschrift, die einen akkuraten Eindruck auf mich machte, aber auch etwas Zittriges hatte: »Schutz vor Terroranschlägen: Andere Völker in Frieden leben lassen und Rohstoffe fair handeln«, stand da auf einem. Zwei jüngere Männer schwangen Fahnen mit der weißen Taube auf blauem Grund. Eine Fahne, die ich gerne mag. Dazu schrie aber einer mit deutlich dickerem Kopf als Hals in ein Megafon. Die Leute kamen also nicht in rein friedlicher Absicht, so die Message. Es wird ja rätselhafterweise immer unverständlicher als ohne, wenn erst einer durch ein Megafon spricht oder brüllt. Der angebliche Stimmverstärker ist seines hypertrophen Brandings zum Trotz eine krasse Fehlentwicklung wie das Festnetztelefon Gigaset, trotzdem finden beide Geräte noch immer treue Anhänger. Warum noch niemand etwas besseres als die batteriebetriebene Flüstertüte erfunden hat? Vermutlich ist die Nachfrage auf dem Sektor Protestbedarf eher gering. Deshalb werden die Plakate ja auch noch immer handbemalt und nicht etwa bedruckt verkauft.

Na ja, dann wurde ein über und über mit den Karikaturen des US-amerikanischen Gesellschaftslebens tapezierter VW-Bus auf den Pariser Platz gefahren. Der hatte Lautsprecher, aus denen spielte zunächst Rammstein vom Band »Coca Cola wunderbar«, dann kam ein Lied mit Flöten von, ich glaube, Zupfgeigenhansel, dessen Refrain alle Demonstranten mitsangen. Der ging einfach so: »Go Home Ami, Ami Go Home«.

Währenddessen hatte es angefangen zu regnen. Viele deutsche Polizeibeamte ohne riot gear hatten sich vor dem Gebäude der amerikanischen Botschaft postiert. Und gegenüber vor derjenigen Frankreichs. Es fing dann noch eine Rede an ohne Megafon. Die Stimmung blieb friedlich, schulstreiksmäßig und angesichts des Scheißwetters gut.

Angekommen, wie es heißt, und dem heimischen Bahnhof entstiegen, zeigte sich der See mit stürmischen Wogen und von einer einzigen steingrauen Wolke in Form eines Bügeleisens gekrönt. Der aus dem zweiunddreißigsten Stockwerk in den Innenhof geworfene Einkaufswagen setzte sich von selbst wieder zusammen und flog unter der Zeitlupe wieder dorthin zurück, von wo er einst gekommen war. Auch ein Buzz, es gibt deren unterschiedliche, wie es mir scheint.

8.10.

Nach Müllabfuhr und Tanklastwagen war an Ereignissen für den Rest der Woche nichts weiter zu erwarten. Angeblich. Im Sommer, so malte ich mir aus, träfen jetzt zu heute Mittag, an heißen Abenden schon gestern, gleich nach dem Feierabend und dem Stau, die Wochenendbewohner ein. Dann, so unwahrscheinlich das gerade schien, würde die Kolonie belebt. Gestern aber, bei nächtlicher Vorbeifahrt am hiesigen Gasthof, der sage und schreibe Zum Gemütlichen Waldhasen genannt’: nicht ein Kopf zu sehen gewesen im erleuchteten Gastraum hinter den Scheiben. Die neben dem Haupthaus aufgebaute Pyramide aus imprägniertem Zeltstoff mit Folienfenstern: dunkel und wahrscheinlich leer. Unwirtlich das Ganze, wie vermutlich selbst Frau Monika König, die Wirtin des Gemütlichen Waldhasens mit Sicherheit und das nicht nur insgeheim fand. Der Geschichte des Hauses haftet ein Ruch der Dissidenz an, wie es heißt. In den letzten Jahrzehnten des DDR-Regimes war den Betreibern die Konzession entzogen und dauerhaft vorenthalten worden. Aus welchem Grund und wie genau, dazu hätte ich unter anderen, wirtlichen halt, Umständen gerne Frau König befragt.

Was Jan Wiele in der Zeitung über den Roman des Bundespräsidenten schreibt, klingt auch fürchterlich. In etwa so wie der Roman von David Szalay, den James Wood im New Yorker bespricht. Allerdings hat Szalay nicht vor, Bundespräsident zu werden. James Wood hat von keinerlei politischen Ambitionen des Schriftstellers zu berichten, außer halt literarischen, und die sind ihm, Wood, zu ambitioniert. Andauernd vergleicht er ihn mit dem Norweger Knausgård, mit Michel Houellebecq und mit Christian Kracht, wohl um die europäisch avantgardistische Erzählhaltung des Briten David Szalays, der halber Ungar zu sein scheint, herauszustellen. Was allerdings Avantgarde ist an seinem Text, dazu führt James Wood nur Stellen mit nicht befriedigendender Aussagekraft an, sodass ich leider, vor allem seitdem ich Woodsens eigenes Werk über die Kunst des Erzählens gelesen habe, das mir mal von Henning in bester Absicht ausgeliehen wurde, davon ausgehen muss oder sollte, dass es sich mit der einen Stelle auch schon hat, in der zwei Jungs in ein Konzert gehen, das Eintreten und Platznehmen im Konzertsaal wird wohl noch beschrieben, aber dann blättert der Leser, also James Wood in dem Fall, um, und dann steht da auf der Mitte einer leeren Seite bloß der eine Satz »The Music.«. Genaugenommen also nicht einmal ein Satz, weil ja das Verbum Punkt. Möglicherweise steht dieser aus avantgardistischen Gründen unvollständige Satz sogar aus Gründen des verbesserten grafischen Schockmoments auf einer leeren Doppelseite.

Egal. Als ich träumte, der neue Roman von Christian Kracht bestünde aus lauter unbedruckten Seiten, war das ja auch nur ein Traum. Wobei nur: Claudius Seidl schrieb in der Sonntagszeitung anlässlich eines Bildbandes zur Geschichte des Studios von Walt Disney: »Mir hat geträumt, sagt man im Süden, wo man noch weiß, dass sich der Träumer nicht als Autor seines Traums empfindet«. Und damit hat der Kritiker mit vergifteter Herzensgüte über einen angeblich noch existenten Süden sprechend, klar gemacht, dass es den so flauschigen wie verlogenen Dualismus nicht mehr gibt. Flauschig und in dem Sinne rettend war die dazugehörige Abbildung einer Herrenrunde an Zeichenpulten, rings um einen Teppich gruppiert, auf dem ein Haufen Heu lag und zum Zipfel vorne links unterwegs: ein Reh. Genau vor dem Pult desjenigen Zeichners für Walt Disney in spe innehaltend also, dem vom Zeichenlehrer gerade etwas beigebracht wurde. Es lässt sich leider nicht einmal unter der Lupe erkennen, was. Der Druck der Fotografie ist zu grob aufgerastert.

Hier könnte ich jetzt überleiten von der Herrenrunde bei Walt Disney, die ein weibliches Reh in eine Ikone des Zeichentricks namens Bambi zu transformieren lernen, über Navid Kermani und Ursula von der Leyen hin zur Sedisvakanz beim Amt des deutschen Bundespräsidenten und einer avantgardistischen Änderung im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Artikel 54 ff. hinsichtlich, warum das unbedingt ein Mann sein muss, der sich wählen lassen kann, beziehungsweise, weshalb Frauen per Grundgesetz davon ausgeschlossen werden, Bundespräsidenten zu werden, tue das aber nicht.

7.10.

Das Leben auf dem Land, Landlust in der HC-Variante, also hier, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in einer Datschenkolonie, hat wenig bis nichts mit dem von Sue Hubbell beschriebenen gemeinsam (oder gar mit dem von Peter Mayle beschriebenen oder dem von Thoreau; Wolf Rüdiger Marunde war noch gar nie hier, Dörte Hansen dito (nehme ich einfach, aber nicht leichtfertigerweise, an)), wenn überhaupt mit irgendwas von irgendwem beschriebenen, dann allenfalls mit Frühem von Arno Schmidt, Caliban über Setebos. Aber hier gibt’s ja noch nicht einmal Scheunen, geschweige denn Menschen.

Der Ausblick ist derart öde leider, dass ich auch und gerade weil die Wände des Hauses größtenteils aus Fenstern bestehen, bald nach dem Aufstehen bereits wandmüde werde, wie Hermann Lenzens Vater das auszudrücken pflegte. Aber gestern dann, ich saß gerade halb weggenickt am Tisch und ließ mir über den Lautsprecher meines Telefons von einem Mitarbeiter von Phonetastisch in Mitte die Prozedur für einen Displaytausch am iPad Pro erklären – derartiges Heimweh nach den Menschen hatte ich bereits; dermaßen viehisch litt ich schon an meiner selbstverschuldeten Eremitage –, fiel meinem, vom vielen Aus-den-noch-mehr Fenstern-Schauen, müd‘ gewordenen Blick auf:

Ein Mensch, muss ich gerufen haben. So jedenfalls kommt es mir im Nachhinein jetzt vor. Ich blieb sitzen und brüllte hinter meiner Scheibe. Mein Wunsch, diesem Menschen zu begegnen, ihn ansprechen zu dürfen, seine Hand berühren, insofern er sie ausgestreckt’, schütteln sogar: All diese, sich nach Machart einer Partytröte dicht hintereinander entrollenden Wünsche eilten mir schneller noch als der Schall meiner Rufe voraus, bis ich dann endlich selbst aufstand und sozusagen mir hinterherkam, um ihm, der einem altertümlichen Tanklastwagen entstiegen war, bis an das Gartentor heran entgegenzueilen.

Nach der in Brandenburg üblichen Begrüßung erklärte er mir in sachlichen Worten, zu wessen Behufe er gekommen war. 

»Hier«, sagte August Sanders Posterboy 2016 und nahm die Kappe ab von einem kruckenhaft aus dem kargen Erdreich ragenden Rohr, an dessen bloßgelegte Öffnung er einen aus seinem marineblau lackierten Tankwagen über den nassen Mittelstreifen sich wälzenden Schlauch flanschte. 

So unmysteriös also war es in Wirklichkeit: Das zusätzlich auch noch sagenumwobene Geheimnis der DDR-Kanalisation. Es gab sie nämlich gar nicht. Also jedenfalls nicht in einem dem 21. Jahrhundert verwandten Sinn. Die Abwässer der Häuser hier wurden in individuell im Vorgarten vergrabene, im Zweifelsfall  umgewidmete Atombunker aus den Fifties, geleitet und dort so lange unterirdisch zwischengelagert, bis dann am Tag nach der Mülltonnenabholung, gesetzt freilich dem Fall, sie wurde auf der dem Grundstück gegenüberliegenden Seite des Feldweges mit den Griffschalen jedoch auf das besitzangebende Grundstückstor gerichtet, abgestellt, der Tanklastzug vorrollte, um vermittels des sich über den nassen Mittelstreifen wälzenden C-Rohrs, den unterirdisch zwischengelagerten Content (um mich abzulenken, arbeitete ich in einem Subchannel meines Bewusstseins bereits »mit Hochdruck – Hihi!!!« an einer Kampagne für die Brandenburgische Abwasserwirtschaft, BAWW, die es in punkto Humor mit derjenigen der Berliner Verkehrsbetriebe, BVG, aufnehmen können würde und täte), in das mobile Tanklager einzuschlürfen. Tja, tatsächlich. So hörte sich das an. Ich verabschiedete mich und verzog mich hinter das Haus, da ich nicht zugegen zu sein vorhatte, wenn er erst den dicken Schlauch wieder abflanschte. »Die Minute zwischen Flansch und geschlossener Kappe« (Hihihihihi!!!), Untertitel: »Notizen für eine brandenburgische Posse aus dem Ventunesimo, Fäkaler Roman«.

Ruhe und Frieden, mich selbst letzten Endes, fand ich dann schließlich in der Natur. An dem Apfelbaum hingen noch wenige Früchte, doch bei näherem Hinschauen entdeckte ich daran, vor allem auch darin, die Hornissen, die jene am Baum hängenden roten Äpfel bereits ausgehölt hatten wie Kürbisse. Eigentlich ja Fleisch-, auch Aasfresser sind ihnen in dieser Jahreszeit sogar sterbende Früchte recht, deren vergärende Säfte ihnen die für die Winterzehrung notwendigen Kohlenhydrate liefern. Nicht nur Bier ist flüssiges Brot, ein faulender Apfel tut es halt auch. Den Stich der Hornisse braucht übrigens niemand zu fürchten. Entgegen der Horrorgeschichten ist hier im Vergleich zur DDR-Kanalisation genau das Umgekehrte der Fall: Der Hornissenstich tut weniger weh als der einer Biene. Als Grund wird vermutet, dass die Hornisse wie die Wespe mehrfach zustechen kann in ihrem Leben. Im Gegensatz zur Biene, die kamikazemäßig stirbt (ihr Tod ist verschlungen mit dem Sieg).

Auf dem von mir bereits mehrfach erwähnten Schmidt Sting Pain Index, SSPI, des Insektenstichschmerzforschers Justin Schmidt belegt der Hornissenstich eine submediokre Zwei. Mister Schmidts Tasting-Note: »Wie ein abgebrochener Streichholzkopf, der auf deiner Haut abbrennt«.

6.10.

Kaum war ich hier eingetroffen, fing es leider pausenlos zu regnen an. Es kann sein, dass es nachts aufhört, aber da schlafe ich (ohne leider). Aus meinem ursprünglichen Plan (gibts denn andere?), das nicht allzu weit entfernt vom Bogensee gelegene Schulungszentrum der FDJ zu besichtigen, wird wohl nichts werden. Wenn es eins gibt, was ich noch schlimmer finde als nass werden beim Spazierengehen, ist es, nass werden auf dem Fahrrad (das vermeintliche Mittelding: nass schieben ist in Wahrheit noch schlimmer als beides zusammen).

Meine Vermieter hatten mir eine Nachricht hinterlassen: Gestern sollte ich den Mülleimer auf den Feldweg rollern und ihn dort abstellen, allerdings nicht direkt vor dem Gartentor, sondern vor dem des gegenüberliegenden Grundstückes, dabei, so die Mitteilung: »mit den Griffen in Blickrichtung unseres Küchenfensters weisend«. Na ja, dachte ich, kleiner Scherz auf Kosten des unwissenden DDR-Touristen. Aber nicht mit mir!, und ließ den Mülleimer d i r e k t und sinnfälligerweise vor dem Gartentor des Grundstück stehen, auf dessen Gemarkung der in der Tonne enthaltene Abfall produziert worden war. Dann begab ich mich in die dahinter gelegene Küche, um durch besagtes, dem Feldweg zugewandtes Küchenfenster das anstehende Geschehen zu beobachten. Dann kam ein Müllauto und leerte die Tonne des Nachbarn auf der gegenüberliegenden Seite des Feldweges. Die andere auf der anderen Seite ließen die Müllfahrer unangetastet stehen. Ich schritt nicht ein, protestierte auch nicht.

Im Lichte dieses Ereignisses sah ich die Bibliothek meiner Gastgeber in einem anderen Licht. Da ich nun wusste und sozusagen schwarz auf weiß bekommen hatte, dass es sich bei ihrer abstrusen Mülltonnenplazierungsbitte keineswegs um einen Scherz auf meine Kosten gehandelt hatte, sah ich nolens volens ein, dass sie auch mit der Zusammenstellung ihrer wenigen Bücher keine tiefere Absicht verfolgten. Beziehungsweise: dass die nicht allein zu dem Zweck dort aufgestellt waren, mich zu irritieren. Die lasen wohl tatsächlich so:

Bekannte Speisen richtig zubereitet, ein Ratgeber für Gastronomen von Paul Maus und Lutz Kallenbach. Das Buch war 1986 erschienen, dementsprechend fallen die Anleitungen für die Zubereitung von Klassikern wie Nasi Goreng und Pückler-Eis extrem pragmatisch aus. Vor allem hinsichtlich all jener, in den letzten Tagen des Regimes noch schwerer zu beschaffenden Zutaten. Für die Zubereitung der Eiscreme à la Pückler ohne Eismaschine beispielsweise rät das Autorenkollektiv, das Vanillearoma durch »Ananaskonserve« zu substituieren. Die Scheiben selbstverständlich »gewolft«, also durch den Wolf gedreht. Es wird recht viel gewolft in diesem Buch. Auch und insbesondere bei der Zubereitung von Spezialitäten, die mittlerweile, im Jahre 27 nach dem Fall der Mauer, vielleicht zu Recht, vielleicht auch nicht, in Vergessenheit geraten sind. Wie beispielsweise das »Kotelett Pojarski«: Hierfür werden Hühnerbrüste mit »in Trinkvollmilch« (gibts denn andere?) eingeweichten Weißbrotresten und rohen Eiern (essbaren unbedingt!) gewolft und zunächst in Kotelettform geknetet, dann gemehlt und in rohen Eiern gewälzt, bis ein lückenloser Überzug entstanden ist. Dann, schwimmend, in heißem Fett frittieren, nicht ohne zuvor jeweils einen, und zwar speziell den »unteren Flügelknochen« eines Huhnes (idealerweise desjenigen Huhnes, dem die Brust entnommen ward) in die gewolfte und in Ei panierte Masse einzustecken. Denn darin, so das Autorenkollektiv, besteht das Qualitätsmerkmal der bekannten Speise Kotelett Pojarski: im aus dem falschen Kotelett herausragenden echten Knochen. Er macht die heutzutage (ohne leider) in Vergessenheit geratene Speise identitär. Dieses buzz word kommt in dem Kochbuch freilich nicht vor. Wie auch, es wurde ja erst viel später erfunden. Aber hinsichtlich des todsicher unmöglich zu beschaffenden Porterhouse-Steaks – im Berliner Grill Royal wird es derzeit dekadenterweise für 239 Euro zzgl. Beilagen in Form eines »Wagyu on the Bone« verkauft – argumentiert das Autorenkollektiv scharf gegen die nicht identitäre Fleischspezialität trotz oder gerade aufgrund deren geschichtlicher Herleitung als Leibspeise der englischen Hafenarbeiter (das wird ja in der waschechten Dialektik bewusst unklar gehalten): »Das Roastbeef mit Filet und Hochrippe gehört heute zum Bestandteil des Industriegrobsortiments und wird nur nach Absprache in die Gaststätten geliefert, so daß das Porterhouse Steak nicht mehr zum täglichen Angebot gehört. Aus ernährungsphysiologischen und ökonomischen Gründen sollte dieses außergewöhnlich große Steak abgelehnt und nur zu ausgewählten Anlässen auf die Speisekarte gesetzt werden.«

Sehr richtig. Na ja, nun hat sich’s ja erledigt, aber sonst könnte man im Sinne der Autoren dem Regime noch zugerufen haben wollen, dabei den berühmten Einbildwitz von Rattelschneck paraphrasierend: »Hey Staat, deine Wirtschaftsordnung ist zu kurz! Die Bedürfnisse des Volkes hängen heraus!«

5.10.

Nach dem ersten großen Regen zeigten sich an Ahorn und Linde die ersten gelb gefärbten Blätter. Die, die rings um deren Stämme auf dem Rasen verteilt waren betrachtend (und eigentlich zählend), fiel mir auf, wie schwierig es ist, nein: wie leicht es doch fällt in Anbetracht herbstlicher Phänomene an ein Zusammenwirken von Naturvorgängen zu glauben. Um Sinn zu konstituieren. Durch einen auf gedankliche Weise hineinpraktizierten Zusammenhang. Beispielsweise denke ich beim Anblick erster Blätter auf dem Rasen vor mich hin: Aha, bevor die Blätter fallen, gibt es in diesen Wochen zunächst eine Nacht mit Regen und viel Wind. Regen deshalb, um die Verbindung zwischen Blattstiel und dem Ast, dem Zweig, an dem das Blatt nun den ganzen Mai und dann den Sommer über gut gehalten hat, aufzuweichen, diese Verbindung, die ja wohl auch ein Ventil enthielt, durch das osmotisch die von dem das Blatt ernährenden Baum vermittels seiner Wurzeln aus dem Erdboden angesaugte Feuchtigkeit in die Adernstruktur jedes dieser vielen einzelnen Blätter geleitet worden war seit der Entrollung, hatte nun bei schwindender Zahl von Sonnenstunden, schwindender Intensität des Sonnenlichtes auch, ihre sogenannte Schuldigkeit getan, und wurde, da weder Baum noch Blatt über die entsprechenden Vorrichtungen verfügten, unter Zuhilfenahme erster Regengüsse und dem ergänzend wie zur Hilfe herbeiwehenden Windes von für diese Jahreszeit der Blattscheide charakteristischer Temperatur aufgeweicht, perforiert, ausgekugelt wie ein Schultergelenk, sodass ein von diesem Zusammenwirken herbstlicher Elemente angegriffenes Blatt schon bald seiner Anhänglichkeit müde ward und zu Boden fiel. ​Dabei denke ich natürlich auch zeitgleich an das schöne Lied Wild Is The Wind, besonders schön ist es gesungen von Nina Simone, eine Liveaufnahme, aber auch die im Studio aufgenommene von David Bowie ist schön, beide sind schön, unterschiedlich schön, eine jede für sich, aber im Effekt, also in Sachen des Gefühles, das diese beiden Versionen des Liedes heraufbeschwören oder auslösen beim Betrachten erster Blätter auf dem Rasen nach dem ersten großen Regen, sind sich beide Interpretationen ebenbürtig. Und in beiden heißt es Like a leaf clings to a tree / Darling cling to me/ For my love is like the wind —

Schwer aufzulösen, dieses Bild. Das lyrische Ich ist der Baum, an dem das Blatt hängt. Das Blatt soll sich festklammern, auf jeden Fall nicht loslassen, denn jetzt ist der Baum zum Wind geworden, der an dem Blatt reißt, der es mit sich fortnehmen will. Der danach trachtet. Das Blatt soll sich an den Wind klammern. Es soll sich gut festhalten, der Wind will nicht, dass es verloren geht. Wenn es erst auf dem Boden liegt, ist es dem Wind verloren gegangen.

Na ja. Jedenfalls gibt es mittlerweile viel zu wenige Essigbäume in der Stadt. Früher gehörte diese »Palme unter den Ruderalpflanzen« (Tita Giese) noch fest zur Stadtlandschaft, insbesondere zwischen den Gleisen und hinter den Bahndämmen. Noch früher, also im durch schwadenweise E605 insektenfrei gehaltenen Vorgarten meines Großvaters Rudolf, gehörte ein sauber beschnittener Essigbaum zum guten Ton, wie es heißt. Von daher packte ich gestern Mittag kurzentschlossen und musste dann noch ziemlich weit fahren, mit der sogenannten Heidekrautbahn, bis ich kurz vor Wandlitz am Rahmer See noch auf eine Siedlung stieß, wo zwischen bauhaushaften Behelfsbauten aus der DDR-Zeit noch Essigbäume stehen. Und wie ich es mir ausgemalt hatte, zeigt sich an ihnen gerade jetzt und nur noch für wenige Tage eine Laubfärbung wie auf einem Malen-nach-Zahlen-Gemälde: Pfirsichtöne, von lohfarbenen Fäden durchwirktes Rot. Dazu eine Stille — geradezu beunruhigend. Kaum Vögel. Hier werde ich einen Tag bleiben. Vielleicht sogar zwei.

4.10.

Im Traum befinde ich mich inmitten dieser unendlich roten, am vorderen Bildrand ins Weiße überstrahlten Landschaft aus Bergen von Sand und einer Straße, die von Sainshand bis Urgun führt, im Traum und in Wirklichkeit ist die Wüste Gobi natürlich noch viel größer und dehnt sich weiter aus als auf jenem winzigen Abbild davon, das in meiner Küche hängt. In der letzten Nacht hat sie sich sozusagen ausgedehnt bis in meinen Traum hinein. Ich ging darin durch eine Ortschaft, die durchgängig im Tegernseer Stil errichtet worden war, sogar mit geteerten Straßen und mit Blumenkästen auf den Rändern der Balkons im von der Straße aus niedrig gelegenen ersten Stockwerk. Überhaupt gab es zwischen den Häusern, deren Putz blendete, wuchs zwischen den Balkons und den Dachfirsten aus dunklem Holz wüstenunübliches Grün in Form von aus ihren Waschbetonquadern überquellenden Bodendeckern, und dazu Fichten und Eiben zwischen den Dachrinnen zweier eng beieinander stehender Häuser, wobei dem nächsten schon wieder eine gelbe und bunt gestreifte Kodakfahne aus der Fassade ragte. Sogar an einen roten Verkaufskasten der Abendzeitung hatte ich gedacht.

Nun stand ich unter dem Baldachin im Schatten und durfte den Vorarbeiter so lange beobachten, wie ich wollte. Ich blieb ganz still, stellte keine Frage, da ich umso besser sehen konnte, je stiller es um uns herum blieb (so, als ob jede Lautäußerung mit ihrer mikroskopisch wahrnehmbaren Luftausströmung die linsenhafte Atmosphäre in meinem Traum verwirbeln könnte). Er, der eine violette Uniform anhatte, bediente einen Stempel an einem langen Handgriff. Das ganze Gestell war aus poliertem Messing gemacht. Der Stempel wurde in ein mit Sand gefülltes Becken gedrückt, das am Boden stand. Vielleicht diente es als ein Aschenbecher, vielleicht war es aber auch bloß zur Zierde gedacht. Das Einprägen des Stempelmotivs in die glatte Sandoberfläche hatte sanft zu geschehen und mit gleichmäßig über die Auflagefläche verteiltem Druck. Durch das Nichtatmen konnte ich noch genauer hinsehen, ich konnte dann exakt verfolgen, was unter der Einwirkung des Prägestocks mit den einzelnen Sandkörnern geschah. Sie waren eben nicht rund geformt, Sandkörner waren noch nicht einmal rundlich, es waren Polyeder!

Auf eine, tja: traumhafte Weise empfand ich mich selbst und meinen Traum nun als ekelhaft, und diese Empfindung hielt sich auch noch nach dem Erwachen. Ich wachte auf aus Empörung über meine mir zwanghaft erscheinende Originalität im Traum, es war noch dunkel um mich herum, egal, es wurde nur noch intensiver, dieses Gefühl, mein Wunsch, dass ich anders träumen wollte; gar nicht von anderen Dingen, aber in einer anderen Machart. Einfacher, weniger gewitzt oder witzig, am liebsten sogar langweilig, wie es mir früher manchmal gelungen war (oder zugefallen): vom Einsortieren der Belege stundenlang oder Einkaufen allein in einem Supermarkt mit ein paar anderen Menschen (die aber nichts von mir gewollt hatten und ich auch nichts von ihnen).

»When human brains decided to create prodigiously large files of recorded images but lacked space to store them, they borrowed the disposition strategy to solve this engineering problem. They had their cake and ate it«, schreibt Antonio Damasio: »They were able to fit numerous memories in a limited space but retained the ability to retrieve them rapidly and with considerable fidelity. We humans and our fellow mammals never had to microfilm various and sundry images and store them in hard-copy files; we simply stored a nimble formula for their reconstruction and used the existing perceptual machinery to reassemble them as best as we could. We were always postmodern

3.10.

Der sogenannte Einzug des Tiefdruckgebietes brachte für mich die gewohnten Probleme: Schon beim Augenaufschlagen verspürte ich ein Schwindelgefühl. Und das wurde logischerweise auch nicht schwächer dadurch, dass ich mich in die Vertikale erhob. Ich blieb liegen, bis es wieder dunkel geworden war (also bis 20 Uhr). Ich hasse das Krankenhaus. Zwar kenne ich sie nicht alle, aber ich nehme mal an, dass ich Krankenhäuser an sich hasse, also die Erfindung und die Institution, und dort nie wieder hin will, aber allein zu Hause, ohne andere Patienten, ohne Krankenhauskost und Krankenhausbettwäsche ist es nicht schlimm. Vor allem ist es sicher! Vor dem Wochenende hatte mir mein Vater eine einerseits unglaubliche, andererseits wiederum eine mich in all meinen Krankenhausphobien nur noch bestätigende Geschichte erzählt, die mich, im Gegensatz zu den meisten seiner von ihm sogenannten Geschichten, auch wirklich interessieren tat, da sie ausnahmsweise von ihm handelte: Und zwar war mein Vater im Februar ins Krankenhaus eingeliefert worden nach einem leichten Schlaganfall. Kaum wieder zuhause, musste er schon wieder dorthin zurück. Dieses Mal war es sein Herz, das ihm Probleme machte. Er wurde untersucht, in eine Narkose versetzt, mit Elektroschocks behandelt, um das Herz wieder zurück in den Rhythmus einer gesunde Gangart zu versetzen. Ein paar Wochen später, ich glaube, es waren derer maximal drei, wurde er wieder eingeliefert, weil die Herzrhythmustörungen erneut aufgetreten waren. Es erfolgte eine erneute Untersuchung, wieder die Narkose, wieder die Elektroschocks und dann ein paar Tage stationären Aufenthaltes zur Beobachtung. Schließlich durfte er wieder nach Haus.

Und so ging es die nächsten Monate weiter. Auf ein paar Wochen daheim folgte eine Woche Krankenhaus. Bei jedem Mal ohne Befund, die Erkrankung schien rätselhaft. Meine arme Mutter war natürlich bereits gedanklich mit ihrem Dasein als Witwe nach 47 Jahren Ehe beschäftigt. Auch wenn sie, ebenso natürlich, mit mir darüber nicht sprach. Aber ein Sohn fühlt ja, was die Mutter beschäftigt. Dann mussten aus den Gründen des jederzeit möglichen Herztodes meines Vaters auch noch zwei bereits gebuchte und bezahlte Ferienreisen abgesagt werden. Und das, wo speziell meine Eltern in Arbeitnehmerzeiten beide ihre sämtlichen Möglichkeiten zur Vergnügung auf die Zeit ihrer Rente, wo es möglich und auch akzeptiert war (von Gott und Gesellschaft), projektiert hatten. Sie fürchten nichts so sehr wie Ungewissheit. Das habe ich möglicherweise von ihnen, wenn auch nicht in dem Maß.

Und jetzt stellt sich bei einem erneuten Aufenthalt im House of Horrors, es war der siebte oder achte insgesamt seit Februar, heraus, dass es sich bei dieser ominösen Herzkrankheit meines Vaters in Wahrheit um eine verschleppte und nicht diagnostizierte Rippenfellentzündung handelte, die diese Herzrhythmusstörungen ausgelöst hatte. Und diese Entzündung, so jetzt der von den Ärzten fairerweise geäußerte Verdacht, hatte sich mein Vater bei seinem ersten Aufenthalt dort in jenem Krankenhaus eingefangen; also den sogenannten Krankenhauskeim.

Jetzt, nachdem er dort eine Woche lang stationär behandelt wurde, geht es ihm wieder bestens. Er kann sogar telefonieren und erzählt, wie früher, seine interessanten Geschichten. Leider.

Aber freilich auch Gottseidank! Das Urlaubsbudget für dieses Jahr ist zwar aufgebraucht (und unter Schwaben gesprochen: verplempert!!! worden), aber sie planen bereits die Fahrten für 2017. Es besteht also wieder Hoffnung. Meiner Erfahrung nach stirbt die ja immer zuerst.

2.10.

Nebel und Regen, ein Versuch, aus den massenhaft im Vorgarten herumliegenden Bucheckern Popcorn zu machen, lieferte kein befriedigendes Ergebnis. Zwar wird die dreikantige Schale des Gehäuses knusprig, aber sie springt nicht auf (obwohl die Bucheckern unter dem Deckel des erhitzten Topfes herumspringen wie Maiskörner). Beim Draufbeißen findet sich darin allerdings nichts mehr außer warmer Luft. Offenbar verdampft der Kern durch die Prozedur – schnöde.

The Joy of Haushalt. Weil Eric verreist ist, um sein Examen als Minentaucher abzulegen (jedenfalls verstehe ich den Inhalt seiner SMS in diese Richtung weisend), griff ich selbst zu den Putzmitteln und saugte und wischte den Nachmittag über, was mir, wohl auch, weil es vor den Fenstern so ungemütlich zuging, weitaus mehr Spaß machte als gedacht. Endlich weiß ich, woher der appetitliche Duft kommt, den die Behausung nach Erics Besuchen verströmte: Er benutzt eine Bodenpflege mit Lavendelgeruch!

Beim Einkaufen fiel mir vor dem Supermarkt ein Plakatmotiv auf, darauf waren zwei kuschelnde Männer in einem Bett abgebildet. Mehr an Information ging, bis auf ein eiscremehaftes Logo, nicht daraus hervor, also notierte ich mir den Markennamen. Enttäuschenderweise stellte ich zuhause dann fest, dass es sich um einen Versandhandel für sogenannte Toys (fürs Liebesspiel) handelte. Enttäuschend auch vor allem deswegen, weil es in deren Shop nichts, aber auch gar nichts Neuartiges zu bestellen gibt.

»Die Tatsache, dass schon heute sehr viele Männer und nicht wenige Frauen ins World Wide Web gehen, um stimulierende Bilder anzuschauen, zu flirten, eigene Fotos oder Filmaufnahmen hineinzugeben, mit einem Chatpartner sich zu erregen, vor einer Webcam sexuelle Handlungen zu vollführen, einen Gelegenheits- oder maßgeschneiderten Dauerpartner zu suchen usw., wird unser Liebes-, Geschlechts- und Sexualleben in einem Maß verändern, das wir uns noch gar nicht ausmalen können. VR und RL, das heißt Virtual Reality und Real Life, werden sich zunehmend verflechten. Die neuen e-Apparate gesellen sich zu jenen Objekten, die massenhaft erotisch besetzt werden – im Sinne der für unsere Warenwelt charakteristischen Objektophilie«, schrieb Volkmar Sigusch im 99. Fragment seiner kritischen Theorie Sexualitäten. Allerdings sind auf jener Site ausschließlich mechanische und elektromechanische Liebesspielzeuge bestellbar. Ein Ei, das mit »kalter Flüssigkeit gefüllt«, übergestülpt werden kann. Ein Auflagevibrator. Diverse Dildos. Dilden? Jedenfalls alles geradezu bastelhaft real. Virtuell scheint dabei lediglich die Phantasie über die Qualität des somit erreichten Orgasmus. Tatsächlich sind diese Passagen in den Paarinterviews einigermaßen sehenswert (könnten freilich noch überraschender gescriptet werden, denn mittlerweile holen ja sogar die Berliner Verkehrsbetriebe in dieser Hinsicht rasend schnell auf).

Beworben werden die nach Paarkonstellationen zusammengestellten Pakete nämlich mit Testimonials, in denen Paare aus dem sogenannten Real Life in ihren noch warmen Betten lagernd, über die angeblich soeben gemachten Erfahrungen mit den Geräten berichten. Ziemlich peinlich das Ganze, könnte direkt vom Familienministerium produziert worden sein. Es gibt drei Frau-Mann-Paare und eines aus Mann-Mann. Frau-Frau kommt nicht vor. Implizit lautet die Aussage: Sexuelle Geschicklichkeit ist dem geheimen Wissen der Frauen inhärent. Treffen zwei dieser naturbegabten, direkt von der Sexgöttin inspirierten Wesen aufeinander, braucht es keiner zusätzlichen Technologie. Dann ist das die Technologie, die zu sich selbst kommt. Dementsprechend primitiv und so gesehen halbfertig stellen sich die Männer in den Testimonials dar: Der nicht glatzköpfige Liebespartnerdarsteller aus der Mann-Mann-Konstellation kichert beim Aussprechen des in seinem Paket enthaltenen Gerät namens »Eichelschmeichler«, woraufhin der glatzköpfige Eicheldarsteller ihn anweist, ihm eben damit »mal einen zu schmeicheln, Du«. Wer denkt sich so etwas aus? Das Impressum gibt leider nicht sehr viel her. Unter den traditionellen Frau-Mann-Konstellationen gibt es allerdings eine wahrscheinlich unfreiwillig komisch gecastete: Da hat der glatzköpfige Mann einen sechs Meter langen Rauschebart von lockiger Konsistenz, die sich zum Verwechseln ähnlich auf dem Kopf seiner Liebespartnerdarstellerin sozusagen fortpflanzt. Ältere Zuschauer werden sich unwillkürlich an eine Szene aus Bernd Eichingers Das Boot erinnert fühlen, wo sich bei der Filzlauskontrolle zwei Matrosen gegenseitig damit necken, dass sie sich die Haare am Arsch des einen mit denen in der Nase des anderen zu Zöpfchen verflechten könnten.

1.10.

Im Gebiet des nördlichen Amazonas leben diverse Schmetterlingsarten in Symbiose mit der Schienenschildkröte (podocnemis unifilis). Der Fluss hat sich auf diesem Abschnitt an der Grenze zu Peru bereits derart weit von den Einströmungen des Pazifik entfernt, dass seine Wasser kein Natrium mehr enthalten. Die fleischfressenden Tiere nehmen die lebenswichtigen Salze durch ihre Nahrung auf. Die Schmetterlinge behelfen sich mit einem Trick: Als gleichwarme Tiere streben die Schildkröten nach Sonnenplätzen. In der Regenzeit von November bis Mai wachsen die Ufer zu, sodass einzelne, daraus hervorragende Wurzeln, Totholz und Steine zu unter den Schildkröten begehrten Aufenthaltsorten werden. In den Regenpausen sind regelrechte Rangeleien unter den Amphibien zu beobachten. Ist die Liegeplatzordnung erst ausgefochten, kommen die Schmetterlinge und lassen sich auf den Hälsen und Köpfen der sich sonnenden Schildkröten nieder. Ihre auf- und zuklappenden, fächelnden Flügelhälften wirken wie der Schildkrötenhaut aufgesetzte, bunt geschminkte Lider. Die Schmetterlinge sammeln die Tränen aus den Schildkrötenaugen; die Schildkröten sind aber nicht traurig, die Tränen werden gebildet, um die Reptilienaugen vor dem Austrocknen zu schützen. Die Schmetterlinge wiederum trinken diese Tränen nicht. Es handelt sich ausschließlich um männliche Exemplare, die ihre erbeuteten Schildkrötentränen so lange bei sich führen, bis deren flüssiger Anteil verdampft ist. Die verbleibenden Spuren aus Salzen werden zu kleinen Kugeln gerollt. Das Schmetterlingsmännchen übergibt solche Kugeln aus Schildkrötentränensediment an sein Weibchen, um mit der Übergabe dieses Geschenkes den Paarungsprozess einzuleiten. Durch die Versorgung mit dem aus Schildkrötentränen gewonnenen Natrium sorgt es zugleich für eine ausgewogene Ernährung des Partners.

Bei Sonnenaufgang, derzeit 6 Uhr 30, machen die Vögel vor dem Hintergrund des rauschenden Stromes der Autobahn amazonashafte Geräusche. Langgezogenes Zwirbeln, Duo-Piepser setzen Häkchen dahinter. Als hüpfende Kleckse beackern Amseln den Rasen und verschwinden mit langen Sprüngen in den bergenden Schatten des Gebüschs. Am Nachthimmel gibt es im Oktober den seltenen Stern namens Formalhaut zu sehen. Laut Herrn Marx, der es gestern in seiner monatlichen Kolumne in der Zeitung angekündigt hat, befindet er sich im »unscheinbaren Sternbild des Südlichen Fisches, das jedoch durch ihn heraussticht (…) Außerdem gehört der weiß leuchtende Stern mit einer Entfernung von 20 Lichtjahren zu den leuchtkräftigsten Nachbarsternen unserer Sonne, die er um etwa das Fünfzigfache an Helligkeit übertrifft«.

​Die zu Recht gefürchtete Phase des Mercury in Retrograde ist nun endlich vorüber. Die noch verbliebenen Haushaltsgeräte verrichten klaglos ihre Arbeit, Pakete und andere Postsendungen werden ordnungsgemäß zugestellt. »Merkur kann zu Beginn des Monats in der Morgendämmerung tief am östlichen Horizont erspäht werden. Besitzer eines Fernglases oder kleinen Fernrohres (✔️) können am 11. Oktober frühmorgens gegen sieben Uhr die enge Begegnung mit Jupiter verfolgen, wobei der Merkur nördlich an dem wesentlich helleren Riesenplaneten vorbeizieht.«

Ich bin gespannt. Mit dem Frühaufstehen habe ich kein Problem.

30.9.

Das Deutsche Bienen Journal aus dem Bauernverlag landet im Briefkasten. Bestellt hatte ich es nicht. Ob es sich um eine versehentliche Zustellung handelt oder um eine gezielte Wurfsendung, kann ich nicht feststellen. In der Oktoberausgabe geht es um die Vorbereitungen für den Winter. Insbesondere wie man die Bienenstöcke vor dem Eindringen von Mäusen schützen kann (durch Anbringen von breiten Plastikkämmen vor den Einflugfenstern der Bienenstöcke), aber auch um die Gefahren für die Bienengesundheit, die durch unkontrolliertes Freizeitimkern auf die Bestände der im Verband organisierten Imker drohen. Insbesondere in Berlin, wo, das stelle ich anhand der weiter hinten publizierten Geburtstagsgratulationsliste fest, erstaunlich viele Frauen und Männer diesem schönen Nebenerwerb nachzugehen scheinen. Der Vorsitzende des Berliner Imkereiverbandes Berlin, Dr. Benedikt Polaczek, schreibt:

»Liebe Imkerinnen und Imker, nach meinem Beitrag für das Septemberheft muss ich erneut auf das leidige Thema Faulbrut zurückkommen. In Steglitz-Zehlendorf wurde jetzt ein dritter Sperrbezirk eingerichtet. In diesem Bereich war die Faulbrut schon einmal – bis 2014 – nachgewiesen worden. Danach war der Bereich bis jetzt frei von dieser gefährlichen Tierseuche. Außerdem mussten die Grenzen des bereits eingerichteten Sperrbezirkes in Rudow bis in den benachbarten Stadtbezirk Treptow-Köpenick ausgeweitet werden, da noch ein weiterer Bienenstandort betroffen ist. Damit ist ein vierter Sperrbezirk entstanden.

Dies veranlasst mich, nochmals dringend an alle Berliner Imker – ob nun in Vereinen organisiert oder nicht – zu appellieren, ihre Bienenvölker bei den Veterinärämtern anzumelden. Im Falle eines Seuchenausbruchs kann das Amt dann konsequent tätig werden. Ich sehe dies als eine Verpflichtung für alle Imker an.«

So weit, so aufregend: Ein Staat im Staat, von dem ich bislang nicht einfach nur nichts wusste, sondern viel zu wenig! Die in Völkern organisierten Bienen werden wiederum von einem Verband umsorgt, der sich innerhalb des menschlichen Staates als Substruktur – Mannoman! Wie konnte ich all die Jahre, egal. Es spricht der Bienenpräsident. Es ist etwas faul in seinem Staat, drum appeliert er an die Selbstverantwortlichkeit, letztendlich auch an den Menschenverstand:

»Wer meint, beispielsweise auf seinem Balkon Bienen halten zu können, sich aber nicht um imkerliche Regeln und Pflichten schert, leistet keinen Beitrag zur Stadtnatur. Zum Imkern gehört nämlich auch Sachkunde, damit die Bienen gesund geführt werden können. Nur dann ist ein gedeihliches Nebeneinander von Mensch und Bienenvölkern in der Stadt möglich!

Alle Imker, ob organisiert oder nicht, erinnere ich erneut daran, die Völker im Frühjahr mittels einer Futterkranzprobe auf Faulbrut untersuchen zu lassen. Dies ist mit Hilfe der Imkervereine möglich.«

In seinem klassisch aufgebauten Vortrag verweist der Präsident, denn manche wollen ja nicht hören (und nicht jeder kriegt das Deutsche Bienen Journal frei Haus), auf Konsequenzen:

»Unser aller Ziel muss es sein, Berlin endlich faulbrutfrei zu bekommen. Dass daran nicht nur Berliner Imker mitarbeiten müssen, sondern auch die Wanderimker, die jedes Jahr in Scharen nach Berlin kommen, um hier ihre Bienenvölker zur Honigernte aufzustellen, liegt auf der Hand. Ohne ein aktuelles Gesundheitszeugnis darf – rechtlich gesehen – kein Volk nach Berlin kommen.«

Das saß. Denn freilich hatte ich seit der Lektüre des Buches von Sue Hubbell nicht einen Tag lang nicht daran gedacht, ob nicht vielleicht im nächsten Frühjahr Punktpunktpunkt. Am Bienenbesitz lockt mich ja so ziemlich alles. Vom Honig einmal abgesehen, ist es vor allem der geile Schutzanzug, aber auch ohne – in Sue Hubbells Buch gibt es die Episode, da bekommt sie Besuch von ihrem Neffen für ein paar Wochen und der will ihr bei der anstehenden Ausschleuderung des Honigs aus den Waben helfen. Zuvor muss er aber noch gegen das Bienengift immunisiert werden (bei größeren Attacken wird man wohl von derart vielen Bienen gleichzeitig gestochen, dass auch der Schutzanzug nichts mehr hilft; er wird sozusagen stellenweise, in seinem Fall am Po, perforiert), und das geht angeblich so vor sich, dass man sich zwei Wochen lang an jedem Tag von einer allmählich gesteigerten Anzahl von Bienen stechen lässt. Nach zwei, drei Wochen und etwa einhundert Stichen ist man dann unempfindlich geworden und die Bienen können einen stechen, so oft und auch wohin sie wollen. Soll extrem gesund sein!

Außerdem gefällt mir auch die gesamte Ästhetik des Drumherums: die Boxen, in denen die Völker leben, die Zentrifuge, die Waben und, im Bienenjournal war ein herrliches Exemplar abgebildet, die »große Schwester« der ApiMATIC 1000 namens ApiMATIC 3000: eine Abfüllmaschine von der Wabe aufs Glas. Gläser übrigens viel preiswerter als jemals gedacht, bei Bestellung eines Gebindes des Einheitsglases des Deutschen Imker Bundes für 500 Gramm kostet mich jedes Glas inklusive Deckel gerade mal 35 Cent. Das Gebinde umfasst 6336 Stück. Das scheint insgesamt die Downside der schönen Beschäftigung mit den Bienenvölkern: Die produzieren halt echt viel. Auf den social pages des Deutschen Bienen Journals stand die Geschichte einer jungen Frau, die von ihrer imkernden Großmutter ein Volk zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Gleich in ihrem ersten Jahr betrug ihre Ernte 15 Kilogramm Honig. Das ist unheimlich viel! Möglichweise könnte ich es innerhalb eines Jahres gar nicht schaffen, derart viel Honig aufzuessen. Eventuell könnte ich mein Volk durch auswendigen Vortrag des Lorscher Bienensegens zur Mäßigung mahnen. Oder ich spielte ihnen jeden Morgen das schöne Album White 2 von Sunnn O))) vor – könnte wiederum Ärger mit den Nachbarn geben. Ziemlich wahrscheinlich sogar.

Schade, aber toll, wie Rocko Schamoni zu sagen pflegte. Muss ich meinen Bienenfetisch halt weiterhin kalt ausleben. Als Trost bleibt mir die bienenhaft schwarz-gelbe Gestaltung von waahr. Denn in puncto Produktivität, das wusste schon Arno Schmidt (und es waren ja auch seine letzten Worte; jedenfalls von denen, die schriftlich erhalten sind (sie stehen am Ende des Fragmentes Julia, oder die Gemälde)): da sind sich Schreibende und Bienen ähnlich. Es quillt und quillt und hört einfach nicht auf.

Sieht der Präsident des Berliner Verbandes übrigens in etwa auch so: »Jetzt ist die Möglichkeit, für möglichst starke Bienenvölker zu sorgen: also am besten schwächere Völker vereinen. Bei aggressiven Völkern sollte man eine neue Königin einsetzen. Ich wünsche uns allen einen farbenfrohen, schönen Oktober.«

29.9

Sansculotten des Vendémiaire, vorgezogenerweise, es naht der Brumaire, gefolgt vom Frimaire, wenn der Nebel gefriert. Von Christiano lasse ich mir jetzt morgens eine halbe Zitrone in meinen Orangensaft pressen. Auf gar keinen Fall will ich noch einmal einen so fürchterlichen Schnupfen bekommen, wie im Winter dieses Jahres, als ich noch in der Innenstadt wohnte. In Kleidungsstücken gesprochen, schleicht sich Schicht für Schicht, es fing an mit den Socken, die Kälte in die Woche. Bei meiner Inventur blauer Pullover musste ich einen als fehlend verzeichnen. Entweder also mal wieder verloren, oder – ob es das gibt, also Mottenartige, die Pullover komplett aufessen?

Mit einem Gefühl, das sich nur als das Gegenteil von diebisch beschreiben lässt, stellte ich bei langsamer Vorbeifahrt fest, dass die hier und da in den Gärten zur Seeseite beschäftigten Gärtner trotz ihres Gehörschutzes den Laubsauger kurz hochnahmen, um ihn auf eine Fehlfunktion hin zu überprüfen. Bis sie dann zunächst mit Erleichterung, dann staunend feststellen konnten, dass es der Motor meines Bootes war, der diesen unsäglichen, tatsächlich nämlich sägenhaften Motorenlärm verursachte. Da kommt bei mir schon Besitzerstolz auf, und ich winkte, wie es sich hier auf dem Wasser, insbesondere beim Vorbeifahren an den noblen Segeljachten, gehört.

Seit dem großen Feuerwerk, von dem ich zwei gelungene Aufnahmen besitze, die ich mir immer wieder gerne anschaue, ist das Strandbad geschlossen. Gestern wurden dort die letzten Strandkörbe auf den Anhänger eines Traktors gestapelt. Leer und schön, weil ohne Menschen, ockerfarben liegt der Sand jetzt da. Einsam windet sich die die dicke Spirale der Rutschbahn aus dem kalten Wasser. Ein Lebensretter in Segelpullover und kurzen weißen Hosen steht am Ende des Steges und angelt. Die Wand aus Flechtwerk, die den Nacktbadestrand vom Normalbadestrand abteilte, ist in den Keller geräumt. Auf der Aussichtsterrasse des Restaurants auf dem Hügel, pikanterweise oberhalb des Nacktbadestrandes gelegen, sind die Sonnenschirme in roten Schutzhüllen verpackt. Weiter hinten auf dem Gelände, wo es auch ein Freiluftschachfeld gibt, dessen Figuren jetzt bestimmt bei den Strandkörben, den Aufblastieren und der Trennwand gelandet sind, steht die erste Litfasssäule Berlins. Sie hat den Krieg unbeschadet überstanden (wie überhaupt das Strandbad keinen Treffer abgekriegt (sic) hat). Damals wurde auf die Säulen noch keine Plakate geklebt, sie wurden bemalt. Auf dieser wird für die Mittagsausgabe einer Zeitung geworben, die es längst nicht mehr gibt.

28.9.

Ein Satz aus der Zeitung, eine Überschrift, begleitet mich bei meiner Fahrt durch die Stadt: »In den Türmen herrscht Kopfzerbrechen, wie man sich frisches Kapital besorgt«. Auf der Choriner Straße, linke Seite, fällt mir ein aufrecht hingestellter, in einer durchsichtigen Platiktüte verpackter Stapel Postkarten auf. Es sind 59 Stück, so gut wie neu. Die Rückseite gibt als Hersteller den VEB Bild und Heimat, Reichenbach im Vogtland an. Bis auf wenige Doubletten sind die Motive unterschiedlich und zeigen jeweils Paare, überwiegend aus Männern und Frauen, die in einer für die jeweilige Epoche typischen Mode gekleidet sind. Der Reigen beginnt mit dem dreizehnten Jahrhundert, »Gotik, Zeit der Ritter und Troubadoure«, und endet naturgemäß mit dem Ende des VEB Bild und Heimat im zwanzigsten. Dort aber, so jedenfalls die Auswahl, im Jahr 1928: »Entwicklung des Sports nimmt Einfluß auf die Mode«. Abgebildet sind zwei lange, schlanke Frauen in enganliegenden Schluppenblusen und engen, am Saum auffächernden Röcken, die eine blond, ganz in Orange mit weißen Punkten, die andere braunhaarig, in Türkis mit königsblauen Handschuhen und passendem Hut mit schmaler Krempe. Bei tragen ihr Haar in Pagenkopffrisuren. Die Blonde trägt zitronengelbe Handschuhe, die lange Fingerspitzen machen, und hält in ihrer Rechten einen Windhund an der Leine, mit der Linken hält sie ein Portemonnaie fest. Die Illustration wurde von Gisela Röder aus Berlin angefertigt. Die anderen stammen überwiegend von Maria Orłowska-Gabryś. Sie pflegte einen dokumentarisch genaueren Stil. Weniger unterhaltend. Die Gesichter, die sie zeigt, wirken ernst, beinahe freudlos auf mich, so als sollten die gezeichneten Dressmen und Mannequins die Probleme ihrer Zeit (Kindersterblichkeit, Krankheiten, Kriege) zum Ausdruck bringen, um die Buntheit der Stoffe, die teils bizarren Schnitte, Kopfbedeckungs- und Schuhmoden zu konterkarieren. Bei Gisela Röder leben die Zeichnungen von einem abstrahierenden Schwung, der die Proportionen idealisiert, um die Eleganz der Mode zum Vorschein zu bringen. Eigentlich kann, geht man von ihrem Stil aus, der ja bis heute die Modezeichnungen bestimmt, erst seit dem 20. Jahrhundert von Mode die Rede sein.

Wobei auf der Karte »Burgundische Mode um 1460 – Steigerung der gotischen Mode«, ebenfalls von Gisela Röder, ein Paar mit swag zu sehen ist: Sie in einem mehrfach auf dem gedachten Boden aufwallenden Kleid in gemustertem Gold, aus dem ein saphirfarben gerahmtes Dekolleté extrem herausragt (um den Hals ein Choker aus goldenen Ringen). Ihr Gesicht im Profil, sie schaut einen Falken an, der auf seinem rechten Unterarm Platz genommen hat. Von ihrem Haar fällt nur eine einzelne Locke dicken braunen Haares aus ihrer Kopfbedeckung, die in Dimension und Form exakt einer handelsüblichen Schultüte entspricht und von deren Spitze ein Schleier herabweht, dessen Ende ihr noch gut einen halben Meter lang über den Unterarm reicht, also in etwa bis an ihre Knie. Auf ihren Wangenknochen zeigt sich ein kreisrunder Rouge-Fleck. Wohingegen er sein Gesicht abgewandt hält, der Betrachter schaut auf seinen Hinterkopf, der unter einer roten Mütze mit aufragendem Bug von ebenfalls braunem Haar bedeckt ist, das ihm über den Nacken fällt. Ein mit Kellerfalten reichlich gerafftes und extrem tailliertes marineblaues Oberteil, das nach der Taillierung noch einmal sehr kurz, aber dafür umso heftiger auskragt nach allen Seiten. Darunter eine eng anliegende rote Hose, eine Art frühe Legging, die in schwarzen, extrem langen Schnabelschuhen wahrlich mündet. Sein einziges Accessoire ist der Falke. Schaut man ganz genau hin, lässt sich am Kragen, unterhalb des langen Nackenhaars, ein dreieckiges Stückchen Stoff in einem dunkleren Blau entdecken, das über den Rand des Kragens lappt und so an eine  frühe Form des Hoodies sozusagen gemahnt.

Klar nehme ich die mit. So ist es ja schließlich gedacht, dieses System, nachdem die Anwohner etwas in ihre Hauseingänge hier legen oder stellen, auch werfen, wenn sie es nicht mehr behalten wollen, aber die Gegenstände und Dinge ihnen noch zu gut erscheinen, um sie wegzuschmeißen. Aber ausgerechnet Postkarten. Und dann sämtliche noch wie neu, keine davon beschrieben. Ob das ein Zeichen ist? Soll ich 59 Postkarten schreiben?

Das Buch von Thomas Melle, das merke ich noch mehrfach an diesem Tag, hat eine lebensverändernde Wirkung. Nicht drastisch, aber vor allem durch eine minimale Verschiebung der gewohnten Wahrnehmungs- und Reflexionsmuster, durch eine winzige Verschiebung des Partikulars, wirkt es so stark. Beispielsweise wenn es um die Selbstwahrnehmung geht, ums magische Denken, das einem bis dahin eher unterlaufen war oder zugefallen, passiert.

Abends schaute ich mir die Dokumentation von Stephen Fry an, »The Secret Life of the Manic Depressive«. Medium interessant, aber dann stellenweise wieder überhaupt nicht. Film halt. Ich bleibe beim Buch.

27.9.

Die aus mir unbekannten Gründen verursachte Stauung im Auslieferungszentrum Berlin hatte sich offenbar mit einem Mal, und dies wohl in der Nacht von Sonntag auf Montag, gelöst, und so trafen über eineinhalb Stunden des Vormittages verteilt sämtliche von mir in der letzten Woche bestellten Waren kurz nacheinander ein: der Badezusatz, die Kuchenform und mein neues Bett. Nun stand ich vor einem veritablen Entsorgungsproblem, denn allein der Karton, in dem mir der Badezusatz von Amazon verpackt worden war, bestand auch im zersägten und gefalteten Zustand noch aus derart viel Pappe, dass die soeben erst geleerte Papiermülltonne bereits wieder zur Hälfte gefüllt war. Von der Verpackung des Bettes ganz zu schweigen.

N’importe quoi, selbst den Boten der DHL, mit deren Mitarbeitern in diversen Callcentern ich mir in den letzten Tagen einige ziemlich verschärfte Auseinandersetzungen geliefert hatte, hätte ich am liebsten umarmt und auf einen Kuchen aus der neuen Form hereingebeten (wenn er denn erst fertig war, die Zutaten standen dort schon seit dem Wochenende bereit); dem der Dynamic Parcel Distribution machte ich tief empfundene Komplimente für seine tiefrote Uniform mit perfektem Sitz. Überwältigende Freude, später vor allem Erleichterung, als ich endlich, wieder allein, aber dafür umringt von meinen vermissten Waren, zur Ruhe kam.

Zustände, wie sie Thomas Melle in seinem Die Welt im Rücken beschreibt. Hatte ich anfänglich während seiner Einleitung noch die Befürchtung, der Text könnte sich in eine Art kommentiertes Protokoll einer seelischen Erkrankung entwickeln, wurde ich vom Gegenkonzept überrascht. So etwas hatte ich bislang nur bei Unica Zürn gelesen. Ja, ich glaube, es gibt nur einen einzigen Text, der es mit Die Welt im Rücken aufnehmen kann, im Sinn einer formalen und inhaltlichen Vergleichbarkeit, und das ist Der Mann im Jasmin. Was mich dort schon fasziniert hatte, wiederholt sich bei Thomas Melle auf krasseste Weise: die Art der Beschreibung, die Schönheit der Sprache, die Begebenheiten sind wie funkelnd, sie locken, und gleichzeitig stoßen sie ab, wirken fürchterlich, aber der Text lässt mich nicht los. Andauernd, immer wieder, aber mit einem überraschenden Rhythmus, gibt es Stellen, die mich kurz an das eigene Empfinden denken lassen; Stellen wie »Am Tag, nachdem ich mich aus der Klinik entlassen hatte, sprang ich um vier Uhr morgens aus dem Bett, war sofort knallwach und begab mich noch in der Dunkelheit, gespreizterweise Novalis‘ ›Hymnen an die Nacht‹ im Kopf zitierend, auf meine fieberhafte Wanderung durch die Stadt in Richtung Steglitz, landete um acht bei Magda und ihrer Schwester am Frühstückstisch, der schon wieder aufgeräumt werden musste, da die Leute im Gegensatz zu mir noch immer normal studierten. Und stampfte also weiter bis an die Stadtgrenzen und fragte mich, nun wenigstens körperlich müde, was um alles in der Welt eigentlich in die Welt gefahren war. Es fühlte sich allerdings auch gut an, ihr meine überschüssige Energie, die sich jahrelang aufgeladen hatte, verschwenderisch zurückzugeben.«

Kenne ich, hab ich ab und an auch mal. Aber halt nicht andauernd und rund um die Uhr, und das auch nicht noch über viele Monate lang. Es ist schwer vorstellbar, wie ein Mensch das auszuhalten schafft. Also auch schon rein körperlich. Brisanterweise spart Thomas Melle in seinem Text die Beschreibung dieser Erschöpfungszustände nahezu aus. Der Text rast, singt, jubelt in einer Beschreibung zweifelhafter Höhenflüge; die Außenperspektive, herangeweht durch Passanten, Premierengäste, Freunde und immer wieder zwischendurch auch seitens der Ärzte diverser Notaufnahmen der Psychiatrie, erscheint schemenhaft, vorbeiziehend, wie durch ein schlieriges Fenster betrachtet bei ungebremst rasender Fahrt. Sämtliche bereits erschienene Bücher des Schriftstellers treten ebenso auf, seine Theaterstücke, ein Versuch, William T. Vollmann zu übersetzen, der scheitert, ein anderer, der gelingt, etliche Preise, für die Thomas Melle nominiert war, eine Reise zum Dichterwettbewerb: alles mehr oder weniger under the influence.

Bei Unica Zürn gibt es eine Szene, da ist sie am Flughafen und fühlt sich von einem Garderobenständer verlockt, er scheint zu ihr zu sprechen und bittet sie, sich in sein Gestell hineinzuflechten. Sie gehorcht, das Gelingen des Hineinflechtens ihres Körpers in diesen Garderobenständer beschert ihr unsagbare Glücksgefühle. Dass sie von Sicherheitsbeamten herausgeflochten wird, um abgeführt zu werden, bekommt sie nur am Rande mit. Ich weiß noch, wie ich diese Beschreibung wieder und wieder gelesen habe, weil sie so gut war. Und es gab noch einige mehr davon im Mann im Jasmin. Bei Thomas Melle besteht der gesamte Text aus solchen Beschreibungen von zweifelhaftem Reiz. Ich kann mir sogar vorstellen, dass es Leser gibt, die das Buch entkräftet zur Seite legen werden, weil sie es einfach nicht hinkriegen, physisch, noch eine weitere Seite umzublättern. Aus Mitleid vielleicht, oder aus Furcht. Wann aber gibt es schon ein Buch, dass eine solche, vom Gefühl her moralische Entscheidung für oder gegen sich selbst, für oder gegen den Text aufwerfen kann?

Es stimmt schon, was ich gestern geschrieben habe: Man sollte vorsichtig sein, womit man sich füttert. Ein nicht zu unterschätzender Einfluss geht von Die Welt im Rücken aus, es strahlt sozusagen. Zumindest geht es mir so. Euphorie, Begeisterung beispielsweise beim Hören eines seltenen Vogelgeräusches, dort oben in einem schönen Winkel der Baumkrone, gerade jetzt, wo doch die Sonne, die eben noch, im Moment, als sie aufging, mit diesen langen, wie mit dem Brotmesser gerissenen Streifen am Himmel – zumindest noch während ich dieses Buch lese, und ich habe, zum Glück!!!, noch mehr als einhundert Seiten vor mir, nehme ich das Gute in meinem Gefühlsleben auch gleichzeitig als eine Warnung zur Kenntnis. Das Rauschhafte, so schön es sich liest: Was wäre, wenn es für immer so bliebe?

Ein Jahr war ich noch glücklich und gleichzeitig auch immer ein wenig traurig, weil nach der Stunde zwischen Frau und Gitarre anscheinend so rein gar nichts mehr nachzukommen schien. Und jetzt, knapp ein Jahr später ist die Traurigkeit vorbei und es gibt, nun tatsächlich schon, wieder ein solches grandioses Buch, das ich wahrscheinlich gleich noch einmal von vorne lesen werde, wenn ich, meinen Berechnungen zufolge, heute Abend an seinem Ende angelangt sein werde. Die Welt im Rücken ist Die Stunde zwischen Frau und Gitarre 2016 für mich.

26.9.

Nach zwei Tagen auf dem See ist der innere Wellenschlag nicht mehr kaputt zu kriegen – bleibt das jetzt so? Wäre ja lustig. Ich bin gespannt, ob ich mich daran gewöhnen kann. Am Ende bekomme ich noch einen, wie es in den achtziger Jahren hieß: Matrosengang!

Einschlafen und träumen wird mit diesem Körpergefühl – einer Halluzination, die durch anhaltende Irritation des Gleichgewichtssinnes entsteht, wie ich annehme – zu einer neuartigen Erfahrung. Ich sehe beispielsweise eine Reihe von Bäumen, wie durch das Fenster eines vorüberfahrenden Zuges betrachtet, aber dieser Zug, so sagt es mir mein Gefühl, fährt über das Wasser, er gleitet durch Wellen hinab und empor, während die Bäume, die draußen in der Traumlandschaft zu sehen sind, einem festen Grund entspringen. Dazu hörte ich, ich habe keine Ahnung, woher das nun wieder kam, den MDMA-Bowlen-Klassiker von Richard Strauß zum Text eines Gedichtes von John Henry Mackay: »Auf, hebe die funkelnde Schale empor«.

In dem ausgezeichneten Buch von Thomas Melle, in dem ich den Nachmittag über gelesen hatte, kommt dieses Gedicht bislang nicht vor. Dafür die Affäre um den gehackten Zugang zu Sven Lagers Blog »Ampool«, an die ich mich noch lebhaft erinnern kann. Dass die Affäre für Melles Leben solche Konsequenzen hatte, war mir bislang nicht klar gewesen.

Man muss sehr vorsichtig sein, womit man sich füttert.

25.9.

Ganz schön viele Dinge kann die Kamera nicht erfassen. In einem Interview hat Wolfgang Tillmans von einer Begegnung mit einem Gehirnforscher erzählt, den er gefragt hatte, weshalb auf seinen Aufnahmen nicht das abgebildet würde, was er im Moment vor dem Auslösen der Kamera in dem Motiv gesehen hatte; und er hatte dem Forscher gegenüber seinen Wunsch erklärt, einmal das sehen zu dürfen, was sein Gehirn tatsächlich wahrnimmt – an optischen Reizen, bar der seelischen Interpretation. Der Gehirnforscher vermutete: »Das wollten Sie nicht wirklich«.

Vor Sonnenaufgang, heute früh, kurz vor sechs, lag der See unbefahren und glatt, das Boot schnitt in den Spiegel hinein und teilte vom Bug an drei bis vier Wellen ab, die sich bald schon wieder legten. Handelte es sich im Falle Ilses nicht um das lauteste Boot aller Zeiten, ergäbe sich von schräg oben hinten betrachtet ein friedliches Bild. Die Enten, die sich um diese Zeit noch reglos auf der Mitte des Wassers treiben lassen wie schlafend, ließen sich nichts anmerken. Das Phänomen wolkigen Dunstes, für das es das unschöne Wort Wrasen gibt, schwebte über der Wasseroberfläche. Hinter der Brücke trieben zig weiße Luftballons auf dem Abschnitt, der als Kleiner Wannsee kartografiert wird. Anscheinend Überbleibsel einer gestrigen Feier im Haus des Ruderclubs, an dessen First eine Lüftelmalerei in Fraktur meldet: »Vom Wasser haben wir das Wandern gelernt«. Auf den Luftballons ist jeweils die Strichzeichnung eines Brautpaares aufgedruckt, über denen immer drei rote Herzchen entschweben.

Die ideale Stelle befindet sich in einem Delta aus der Fahrspur des Roland von Berlin, dem Hafen am Stölpchensee und seiner Einmündung in den Teltowkanal. Ein Kreuz aus zwei Kondensstreifen begann dort zu leuchten, zwirbelnder Herbstgesang aus den Weiden am Ufer, durch die sich lösenden Wrasen drang flach das orangefarbene Licht der Sonne (das Boot ist zwar laut, kommt aber trotzdem nicht schnell voran). Mein bester Wurm, über Nacht quicklebendig geworden in seiner Mischung aus gekochten Kartoffeln und Ufersand, vemochte erfolgreich zu locken. Allerdings konnte ich schon beim Anschlagen spüren, dass es sich um einen Barsch von weniger als einem Pfund Lebendgewicht handeln würde. Es war sogar weit weniger. Leider aber hatte er den Haken derart tief hineingeschlungen (von einem in sich Hinunter kann bei Fischen ja nicht die Rede sein, es handelt sich um horizontal organisierte Formen des Lebens), dass nur noch die Notschlachtung sozusagen half. Mehr war dann auch nicht. Ein Experiment mit Muschel, die werden hier ja handtellergroß, schmecken aber beim Drüberlecken eher abturnend neutral, wollte nicht fruchten. Dafür halt der Anblick der erwachenden Seelandschaft, in die über die ersten zwei Stunden kontinuierlich Bewegung kommt mit Geräuschen, so als sei über Nacht alles hier tiefgefroren und würde dann Stück für Stück aus der Starre gelöst von der Wärme des Sonnenscheins. Beinahe schade dann, wenn ich den Motor wieder anreißen muss, um heimzufahren, aber nur beinahe. Kalt war es immer noch. Kalt wie, bald schon, im Oktober am Nachmittag. Und noch keine Regenwolke in Sicht. Das wird sich ändern. Vermutlich.

Im Café will ich die Tasse zwischen den Handflächen halten, bis auf die Knochen ist kein Spruch. Jetzt wäre es schön, wenn mir jemand die Zeitung umblätterte. Gerade mal 9 Uhr 30, und ich habe eigentlich schon genug gesehen.

24.9.

Abends vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr im Garten des Grünen Baum gesessen und die Käsespätzle mit grünem Salat bestellt. Nur wenige Tische waren besetzt, es wird nun aber auch mit dem Sonnenuntergang empfindlich kühl. Man spürt die Kälte am Hals. Zur vollen Stunde schlägt vom Turm der benachbarten Kirche ein Läutwerk Geh aus, mein Herz, und suche Freud, danach kehrte Stille ein. Enttäuschend, denn neben den ausgezeichneten Käsespätzle, die dort serviert werden, bietet sich der Grüne Baum vor allem als Belauschhimmel an. Die schönsten Gespräche habe ich dort schon serviert bekommen. Aber gestern, leider: unergiebig, so gut wie nichts. Dabei hatten sich um den Nebentisch fünf Frauen und ein einzelner Mann versammelt. Anscheinend handelte es sich um den längst erwachsenen Sohn jener einen, die als einzige mit dem Rücken zu mir saß. Ab und zu machte eine der Frauen eine knappe Bemerkung hinsichtlich des einsamen Mannes, die von dessen Mutter sogleich abgewiegelt wurde.

Irgendeine aus der Runde fragte dann schließlich nach den Fernsehgewohnheiten ihres Sohnes, des einzigen Mannes, der als einziger aus der Runde noch einen Kaffee trank. Das war der Türöffner, hierzu hatte die Mutter, um sie handelte es sich tatsächlich, so einiges anzumerken. Leider interessieren wiederum mich die Fernsehgewohnheiten anderer überhaupt nicht. Ich konzentrierte mich auf die Spätzle. Das Gespräch am Nebentisch kam währenddessen richtig in Fahrt. Offensichtlich handelt es sich bei Fernsehkritik um ein Feld mit niedriger Hemmschwelle. Jeder kann etwas dazu sagen. So ging es vor allem um die letzte Sendung Zimmer Frei, die von allen Frauen am Tisch gnadenlos verrissen wurde. Götz Alsmann: ein eitler, sich spreizender Geck, dessen Klavierspiel nicht nur als aufdringlich, sondern auch als dilettantisch bewertet wurde. Noch schlimmer traf es Christine Westermann. Die nämlich sei »einfach alt«. Und das aus dem Munde dieser Damen, die alle so um die siebzig Jahre alt waren. Als ob es damit noch nicht genug war, führte eine von ihnen noch Details zur Trutschigkeit Christine Westermanns aus. Ihre Auftritte im Literarischen Quartett wurden indes nicht durchgesprochen. Gut möglich, dass ihnen auch Maxim Biller gar kein Begriff war. Wohingegen die Sondersendung Mann TV, die in der letzten Woche überraschend auf dem Programmplatz von Frau TV ausgestrahlt worden war, als eine tolle Idee beurteilt wurde. Und zwar einstimmig, bis auf jene des Mannes, der eine Zigarette rauchte, und gar nichts mehr sagte. Was auch daran liegen mochte, dass ihm all diese Sendungen nichts sagten, da er, wie seine Mutter erklärte »ausschließlich Ami-Schrott« anzugucken pflegte. Manchmal komme sie morgens eigens dafür in sein Zimmer, um den Fernseher auszuschalten, vor dem er schlafend liege.

Ob der dann »noch oder schon wieder« liefe, sei dann die Frage, warf eine ihrer Freundinnen ein.

»Noch«, sagte der Mann »Schon noch. Doch doch.« Und ließ es damit auch bewenden, bis alle gezahlt hatten. Noch im Hinausgehen wurde über den Auftritt von Thomas Gottschalk bei Zimmer Frei diskutiert. Und wie scheußlich der sich wieder aufgeführt habe. Die Westermann hingegen, aber

23.9.

Gestern früh, ich ging die Gormannstraße bergan, lag zwischen zwei am Rand geparkten Autos ein Blatt von einem Gummibaum. Seltsam. Ohne hochzusehen, ward’ dieses Blatt unwillkürlich als eines von einer Zimmerpflanze registriert. So, als hätte ich alle möglichen Blätter aller in dieser Gegend möglichen Bäume gespeichert, um ohne Ansehen der umliegenden Bäume feststellen zu können: Ah, ein exotisches Blatt, das nicht von einem der Bäume hier auf dem Garnisonsfriedhof stammt. Und trotzdem, auch wenn von vorneherein klar zu sein schien, dass dies Blatt nicht von einem Baum dort hinter der Friedhofsmauer gefallen war, ergab sich auch trotz seiner glänzend dunkelgrünen Farbe auf dem Asphalt gleichsam unwillkürlich ein Bild, das sagte: Herbst.

Schon am Sonntag, als ich mit meinem Besucher Joachim Lottmann am Wahlabend vor die Tür getreten war, um ihn zu verabschieden, hatte er mich am Ärmel berührt, um, nachdem er so um meine Aufmerksamkeit gebeten hatte, mit der Nasenspitze in Richtung der Bäume zu weisen. Ja, sagte ich. Ich rieche es auch. Ihn. Es riecht nach Herbst. Das ist er.

Kastanien als Vorboten. Eicheln und Bucheckern. Zehn Tage später, elf, spätestens nach zwei Wochen setzt die Blattfärbung ein. Wenn nun erst sämtliche Kakteen sämtliche ihrer Stacheln fallen ließen wie Weihnachtsbäume an Dreikönig – nicht auszudenken, die daraus sich ergebenden Zustände (die Fensterbänke der Schaufenster von Läden und Cafés von Mitte bis Neukölln würden zu Nadelkissen). Seit wann gibt es Trendpflanzen? Im Zuge jenes Phänomens, das ich, eingedenk des einzigen Solo-Hits des Schlagzeugers der Gruppe Spliff, als Herwigmittereggerianisierung im Journalismus bezeichnen will, »immer mehr hm, hm, hm«, wird auf den Wohnseiten und in den Stilteilen auch über den Trend zur Kaktee, zur Monstera, zum Ficus, zum Philodendron und zur Taro, zum – ich glaube, mit ihm fing es an, durch intensives Featuren im Wallpaper Magazine: Bogenhanf. Die exotische Pflanze, skulptural von ihrem Erscheinungsbild, wie eine Skulptur auch pflegeleicht, sie braucht nur gegossen und manchmal abgestaubt zu werden. Eine Pflanze wie die Monstera, wie ein Asparagus oder eben eine Kaktee, die ein grünes Ornament beisteuert zum Ensemble aus dänischen Mid-Century-Möbeln und -Lampen. Blätter einer Pflanze wie auf einem Druck von Matisse. Immergrüne Pflanzen. Ich kenne niemanden, der einen Bonsai besitzt. Einen Ahorn beispielsweise, mit winzlingshaft fingrigen Blättern, die sich im Herbst bananengelb und karminrot einfärben. Vor dem Fenster wären Eiben und drinnen dann Herbst.

Die Vögel jedenfalls drehen nun noch einmal ganz anders auf als im Frühjahr, als ich hierher gezogen bin. Bei Sonnenaufgang versammeln sie sich in den Bäumen hinter dem Laub und zwitschern durcheinander, als ob es um etwas ginge. Auf dem Nachbargrundstück gibt es einen, der seinen eintönigen Pfiff von weit unten herholt und dann in einem elastischen Bogen bis in den Himmel hinaufzieht. Ich habe keine Ahnung, worum es jetzt gerade geht, was der Vogelkalender zu feiern befiehlt. Ob sie sich bereits sammeln (W-Punkt K-Punkt) oder ob es der letzte Konvent ist, bevor sich die Schlafbäume selbst entkleiden. On verra.

22.9.

Golden sank die große Scheibe in den langen Waldsaum ein. Er nahm sie willig in sich auf (es blieb ihm auch gar nichts anderes übrig, als) und Mücken, vom Licht bestrahlt, tanzten vor mal hell, mal schattig baumelndem Lindenlaub.

Ich konnte meinen Blick kaum abwenden, musste aber, denn ich hatte kurz zuvor eine E-Mail von Joachim Lottmann erhalten. Aus Wien, doch es spielt bei E-Mails ja keine Rolle, von wo sie abgesandt wurden; dafür der Anhang: ein Scan des Artikels aus der Zeitschrift Wiener vom April 1989. Der lang angekündigte Verriss Martin Kippenbergers, aufgemacht in dem für diese Zeit typischen Stil mit kleinen grafischen Elementen in Pastellfarben, ansonsten aber genau so eigentlich, wie der Spiegel mittlerweile ausschaut: drei Seiten Text, dazu noch einige Fotos, auf denen »Der seltsame Herr Kippenberger«, so die Überschrift im wording dieser Ära, von Kopf bis Fuß in Normcore gekleidet auf den diversen schwarzen Ledersofas des Hotel Chelsea zu Köln abgebildet war.

Ich hatte es mir versagt, vor dem Abtippen auch nur eine Zeile des Textes zu lesen. Der Scan war so schwer lesbar, dass die für waahr entwickelte Erfassungssoftware keine Hilfe bieten konnte. Von daher, aber dem schaute ich freudig entgegen, war eine Nachtschicht angesagt (für meine Verhältnisse), denn der Text sollte, wie unseren Lesern versprochen, am Samstag online verfügbar sein.

Kurz vor Mitternacht klappte ich den Computer zu. Im Kasten sozusagen war ein grandioses, aufgrund seiner schonungslosen Härte über weite Stellen schockierendes Portrait des Künstlers. Vor allem, wenn die Reportage vom Sexualverhalten Martin Kippenbergers berichtet. Nichts davon klingt haarsträubend, weil sich alles darin Erwähnte zu mehr als einhundert Prozent mit dem deckt (sic), was mir seit meinem sechzehnten Lebensjahr von diversen Zeitzeugen über Martin Kippenberger erzählt wurde. Seit dieser Zeit besitze ich die Volksausgabe des Kippenbergerschen Œuvres, die damals bei Taschen erschienen war. Persönlich begegnet waren wir uns leider nie. Lottmann schafft es in diesem Text sogar, dass meine bis dahin schon seit jeher große Verehrung Kippenbergers als größtem Künstler der Achtzigerjahre, so wichtig wie Jeff Koons seinerzeit, nicht nur nicht beschädigt wurde angesichts all der grotesken, auch ekligen Details, die Lottmann montiert, sondern nach meiner Lektüre beinahe nur noch größer, ja: schärfer, aus klarereren Beweggründen motiviert dastand. Der Text hat mehrere völlig überraschend wirkende Gefühlsgelenke eingebaut, die es dem Leser erlauben, die verstrickte Persönlichkeit des Künstlers von allen Seiten her blitzartig ausgeleuchtet zu beschauen. Vor allem von unten. Aus einer demütigen Froschperspektive, die Lottmann als Berichterstatter des Wiener von Anfang an einzunehmen bereit sich findet, und zu der er, so viel sei verraten, in einem genialen Move am Ende wieder zurückfindet, obwohl er sich, aus Gründen der verbesserten Übersicht, kurz zuvor noch in einem an den Mystikern, vor allem halt an Johannes vom Kreuz, geschulten Schraubenstieg aufwärts befand.

Es handelt sich um seine beste Arbeit auf dem Feld des literarischen Journalismus, das steht für mich außer Frage (obwohl ich diesbezüglich noch längst nicht alles von ihm gelesen habe). Mit einem tief reichenden Gefühl der Befriedigung umgehend zu Bett.

21.9.

Mein Friseur im Salon Marwan hat einen goldenen Humor! Auf der Facebookseite des Salon Marwan gibt es seit kurzem ein Mosaik aus vier Bildern, da zeigt er, wie er aus einem full blown Afro eine für diesen Salon typische Brikettfrisur formt (Methode Buchsbaum). Darunter steht »Egal, was für Haare. Bei mir ist alles möglich«. Da hat er recht. Gestern habe ich mir dort zum ersten Mal seit Februar die Haare schneiden lassen von ihm, sonst durfte er immer nur an den Bart, und was soll ich sagen? Es war ihm eine gewisse Nervosität anzumerken. Nicht umsonst besteht das Logo des Salons aus zwei gekreuzten Rasiermessern, damit können die Jungs auch super umgehen — in einem Sinne von unblutig, aber der Rest, also soweit ich es bislang beurteilen konnte, wird dort mit elektrischen Scherblättern erledigt, von denen eine ganze Batterie auf dem Sims vor dem großen Spiegel bereitsteht, rötlich blinkend, um stets aufgeladen zuhanden zu sein. Mein seidig glänzendes, hasenzartes Haar allerdings darf nicht gestutzt werden, es will geschnitten werden (so ähnlich wurde im Manufactumkatalog einst die eineinhalb Meter lange Schneide des Brotmessers von Güde beworben: »Weil Brot geschnitten werden will, und nicht gerissen«).

Ich machte dann noch einen Umweg und besuchte Oliver in seiner Behausung. Die Putzfrau war gerade da, also lud er mich auf seinen Balkon auf einen Kaffee. Ich bewundere Oliver um seine Seelenruhe, mit der er es in seiner Wohnung aushält, während dort jemand für ihn putzt, ja, dass er währenddessen sogar noch Besuch empfängt — könnte ich nicht. Wenn Eric sich ankündigt, verlasse ich das Haus und komme erst wieder, wenn er garantiert längst fort ist. Mir wäre das so peinlich, anwesend zu sein, während jemand für mich etwas tut, das ich, genau genommen, auch selbst machen könnte. Wenn auch nicht so gut. Na ja, wo es schon einmal so war, wie es war, probierte ich einen der angebotenen Schokoladentrüffel. Die Sonne schien. Wir unterhielten uns über das Umsatzsteuersonderprüfungsamt, die Genialität von Max Küng und über Japan. Und darüber, dass die Hauptstraße noch immer Hauptstraße heißt, obwohl die Google-Lokatoren dort längst David-Bowie-Straße anzeigen. Beziehungsweise: dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird – wie so vieles, wie fast alles –, bis es keine Straßenschilder mehr geben wird, sondern bloß noch Lokatoren. Wer schaut denn da eigentlich noch hin? Und praktisch wäre es sozusagen obendrein, der Übersetzungsfunktion wegen. Beispielsweise in Japan. Vor allem aber in China.

Eigentlich hatte ich bloß noch Tintenpatronen kaufen wollen. Geriet dann aber kurz vor dem Abbiegen in die Akazienstraße in die Fänge eines Ladens namens Flying Tiger, den ich bis dato des tiffigen Krams vor seinen Türen wegen ignoriert hatte. Was ein kapitaler Fehler war, wie ich, angelockt von einer David-Shrigley-Sockenkollektion, umgehend feststellen musste. Ich leistete Abbitte in Form eines Megakaufs von etwa 1200 Artikeln nur nützlicher kleiner Dinge, die, wie ich erst beim in Tüten Verpacken feststellte, allesamt rosa waren. Ich habe nur wenige Kaufräusche erlebt in meinem Leben. Beinahe jeden davon habe ich hinterher schlimm bereut und war danach wieder für Jahre ein eher disziplinierter Typ. Aber Flying Tiger? Jederzeit wieder. Eventuell sogar schon morgen.

20.9.

Seit gestern ist auf mcsweeneys.net die Reviews of New Food online. Schon wieder ist ein Jahr vorüber. Die letzte Ausgabe war leider etwas schwach ausgefallen, ich hatte mir schon Sorgen gemacht, ob die Innovationskraft der amerikanischen Lebensmittelindustrie sich etwa erschöpft haben könnte, aber seit gestern ist alles wieder gut gemacht. Das Konzept läßt sich leider nicht auf den deutschsprachigen Raum übertragen, weil es hier viel zu wenige erfundene Nahrungsmittel gibt. Im ganzen letzten Jahr bin ich beim Einkaufen auf gerade mal zwei gestoßen: die Bärchenpärchen von Haribo und den isländischen Parajoghurt Skry, den es neu bei Aldi gibt, der aber genauso schmeckt wie extrem guter Joghurt, obwohl er wenig Fett und zigmal mehr Protein enthält als Joghurt. Die Bärchenpärchen wiederum sind halt umgepresste Gummibärchen, die in einer Hand in Hand einherschreitenden Pose aus der Tüte purzeln. Und wie schon bei den Gummibärchen selbst schmeckt mir ein Pärchen aus orangefarbenem und grünem Bärchen am Besten. Man kann sie auch an den einander umfasst haltenden Pfoten durchbeißen, dann hat man wieder zwei Einzelbären — also: Was soll’s? Marcel Makrele setzte gestern Nacht noch einen kritischen Tweet ab, demnach gibt es nun wohl Knoppers mit Erdbeergeschmack. Allerdings schmeckt das wohl übel bis überhaupt nicht.

Amerika hingegen: ein bodenloses Füllhorn, aus dem sich ein monsunhafter Segen erfundener Nahrungsmittel in die Regale ergießt. Schon in Italien macht das Einkaufen im Supermarkt ja viel mehr Spaß und selbst in Frankreich gibt es deutlich mehr Erfindungen als hier. Nicht allein, was die Produkte betrifft. In Cagnes-sur-Mer beispielsweise, nun wirklich ein Nest, gibt es einen dieser Supermärkte, in denen ausschließlich Tiefkühltruhen und -schränke aufgestellt sind. Alles tiefgefroren. Von diversen Zutaten, Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten bis zu TV-Menüs mit drei Gängen. In diesen Frigos ist es gar nicht so kalt, wie man von außen durch die Scheibe betrachtet vermutet. Vor allem ist es da drinnen immer herrlich still. Geradezu weihevoll ist die Atmosphäre, in der die stets wenigen Kunden durch die Gänge an den Glastüren der Gefrierschränke entlang sich bewegen, um eine Auswahl zu treffen. Das hat vermutlich mit einer, vielleicht auch nur durch Fernsehkrimiszenen induzierten Erinnerung an Leichenschauhäuser zu tun. Möglicherweise drückt sich darin auch eine Respektsbezeugung aus, eine Form der Andacht im Angesicht des Gefrorenen. Ich kann mich jedenfalls an keine einzige unwürdige Begebenheit in einem Frigo erinnern. In Supermärkten hingegen sehr wohl. Teilweise ging es dort schlimm zu. Und es hatte nicht immer, aber sehr oft halt mit dem Verkauf von Alkoholika zu tun. Die gibt es im Frigo sozusagen naturgemäß nicht. In Cagnes-s/M findet sich vermutlich auch deswegen gleich nebenan eine Filiale des Weindiscounters.

In den Reviews of New Food 2016 wird ein neues Getränk von Starbucks besprochen, der sogenannte Pink Drink, den ich echt gerne probieren würde. Die Rezensentin findet ihn geschmacklich, vor allem auch angesichts seines hohen Verkaufspreises von vier Dollar, total enttäuschend, lobt ihn aber dennoch, weil er sich gut auf Fotos macht und von daher als something new to add to your narrative passabel wird. Der Rezension entnehme ich weiterhin, dass der Pink Drink eine Art Ergänzungsprodukt zu einem Snack bedeutet, den es bei Starbucks dort wohl schon seit Monaten gibt, nämlich dem Pink Starburst, von dem ich ebenfalls noch nie gehört hatte. Geschweige denn gekostet. Angesichts solcher fundierten Besprechungen erfundener Lebensmittel und insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass es in Deutschland nicht wenige Filialen von Starbucks gibt, in denen mir aber die wahren Köstlichkeiten vorenthalten werden, fühle ich mich mal wieder wie in einem Entwicklungsland festgehalten.

Die schönste Rezension könnte man allerdings auch hierzulande veröffentlichen: Kevin Daley testet den Yogi Woman’s Moon Cycle®Tea. Es gibt ja immer noch Männer, die vor dem Einsatz eines solchermaßen beschrifteten Teebeutels zurückschrecken würden. Nicht so Mister Daley! Und seine ersten Sätze leiten zumindest in meiner Phantasie hinüber zu einem Roman: »I remember the first time this forbidden potion touched my lips. My boss, Paula, was an older woman experiencing menstrual cramps and asked me to run an errand for her. She gave me a $20 bill and told me to go to Whole Foods, where I would find a box oftea for women. At first, I could not believe that gender binaries had seeped into tea production, but I kept my mouth shut«.

19.9.

Gestern Nachmittag, ich war gerade eingeschlafen, da klingelte überraschenderweise mein Telefon. Joachim Lottmann war am Apparat, anscheinend befand er sich bereits ganz in der Nähe. Ob ich ihn einlassen würde? Na, was für eine Frage!

Er war in seinem cremefarbenen Wartburg gekommen, ich wies ihm einen Parkplatz an. Wie immer war er von Kopf bis Fuß in Normcore gekleidet. Ich servierte einen Tee und ließ mir so ziemlich alles über den Wartburg erklären, ein nicht nur formschönes Auto, sondern eines mit interessanter Geschichte. Gar nicht so teuer, wenn man bedenkt, dass es als erhaltenswert historisches Fahrzeug angemeldet werden kann. Steuern und Versicherung fallen dann wohl jährlich lediglich nur noch mit einem zweistelligen Betrag zu Buche. Und betankt wird der Oldtimer mit Rapsöl (was die pyrotechnischen Nebel in meinen Hortensien erklärte). Na gut, aber ich brauche ja nun wirklich kein Auto.

Da ich keinen Fernseher besitze, ließ ich mir von meinem Besucher zeigen, wie wir die Wahlberichterstattung auf meinem Computer verfolgen konnten. Die ersten Hochrechnungen sahen bereits exakt so aus, wie ich gewettet hatte. Auf RBB lief eine rasant geschnittene Vorberichterstattung, für die mehrere Reporter an verschiedenen Stellen der Stadt abgefragt wurden. Vor dem Abgeordnetenhaus, die Kamera fuhr wie eine Zunge daran empor, war ein 30 Meter hoher, provisorischer Sendeturm errichtet worden.

Beim Umschalten lief im Stream der ARD noch eine Tierdokumentation. »Der Narkosepfeil sitzt, aber der Löwe will noch nicht einschlafen«.

Sehr viel später an diesem Abend, da war Lottmann längst abgedampft, unter anderem auch deshalb, weil die Wahlergebnisberichterstattung noch langweiliger sich gestaltet hatte, als der sogenannte Wahlkampf, geisterte eben dieser schlaflose Löwe noch einmal durch das erste Programm. Das war während dieser Gesprächsrunde mit Jakob Augstein, der eine gute Figur abgab und in angenehmster Kaviar-Gauche-Manier den Sachsen erklärte, wo der Bartel den Most holt. Das war auch nötig, denn besonders der Generalsekretär der CDU Sachsen gab dort eine traurige Figur ab. Geradezu schauderhaft und nicht nur verlogen, wahrscheinlich ist Michael Kretschmer schlicht und einfach dumm. Jedenfalls zeigte man einen Einspieler von den »Geschehnissen« in Bautzen, auf dem Platz, den der Oberbürgermeister »die Platte« nannte, und dort sah man ihn, also den Oberbürgermeister von Bautzen, im Dialog mit seinen Bürgern. Der Bürger, um den es ging, war allerdings bloß von hinten zu sehen. Nach allem, was ich erkennen konnte, hatte er eine schwarze Brille auf und blondes, kurz geschnittenes Haar. Er machte sich sozusagen Luft und zwar in der Form, dass er dem Oberbürgermeister eintrichterte, dass es, das Volk von Bautzen, sich damit abgefunden habe, dass in Bautzen Döner verkauft würde, und dass es eine Croisssanterie gibt. Aber dass er, der Oberbürgermeister, nun die Wilden aus den fernen Ländern bei ihnen wohnen ließe, das seien doch alles Kindersoldaten, die mit dem Speer auf Löwen loszugehen trainiert worden seien, das ginge einfach zu weit!!!!!!!!!!!!!!!!!

Vieles von diesem Unsinn wurde dem OB im gilfzenden Kreischton entgegengeschleudert. Doch der Oberbürgermeister blieb löwenhaft. In die Kameralichter blinzelnd, suchte er zu beschwichtigen: »Aber das war doch nicht ich, der die hierher geholt hat.«

Der Bürger: »Dann war’s deine Frau Merkel!«

Daraufhin schwieg der parteilose Oberbürgermeister. Wohl, weil ihm nichts einfiel. Die umstehenden Bürger von Bautzen reckten ihre Telefone, um zu filmen. Allseits Applaus.

18.9.

Geträumt, ich war ein Feldarbeiter eines Betriebes, in dem Marshmallows hergestellt wurden. Zusammen mit vielen anderen, die ich aber nie sah, musste ich die Eibischwurzeln zuerst suchen, dann ausgraben und zu einem Sammelplatz bringen. Der Eibisch wurde aber nicht im herkömmlichen Ackerbau gezogen, sondern in Geländen, die wie Wälder ohne Wege waren. Eigentlich waren es Wälder. Die Wurzeln waren hell und dick wie Rettiche. Die Lichtstimmung war rötlich wie kurz vor Sonnenuntergang. Der Waldboden war bedeckt mit Moos, aus dessen Kissen feine, goldene Angeln ragten, die am Ende einen kleinen roten Samen trugen. Dazwischen standen die Kanten feucht glänzender, grauer Steine.

Um sechs Uhr erwacht und am hellblauen Himmel ging ein rosa Streifen einmal quer über den Waldrand am gegenüberliegenden Ufer. Der Vollmond stand noch hoch am Himmel. Ein Martinshorn machte Lalülala und zeitgleich flog das kleine, aber superschnelle Polizeiboot durch den Bildausschnitt, den mir die beiden Bäume lassen, vorüber. Auf seinem Dach ein blitzend blaues Licht. Martinshorngeräusche und vorüberfliegendes Polizeiboot ergänzten sich zu einem neuen Bild, einem Eindruck, der sich nicht fotografisch festhalten, der sich nicht filmen ließe, nur beschreiben (als mündliche Erzählung oder in der Schrift).

Um sieben Uhr trafen dann die beiden Boote der Angler ein, wie an jedem Sonntag in diesem Sommer. Sie ankern ein paar Meter vor dem Steg und werfen ihre Sehnen aus. Es sind immer drei, verteilt auf zwei Boote. Ich habe sie oft beobachtet mit dem Teleskop. So auch heute. Sie fangen nie etwas, haben noch nie etwas gefangen, aber da bin ich so geduldig und beharrlich wie sie: An jedem Sonntag beobachte ich sie, die darauf warten, etwas zu fangen, und ich warte darauf, sie dabei beobachten zu können, wie sie etwas fangen, und obwohl sie bis heute nichts gefangen haben, werde ich sie weiterhin beobachten, ob sie nicht nächsten Sonntag vielleicht doch.

17.9.

Endlich weiß ich, was Luxus für mich bedeutet: dass im Garten ein Kastanienbaum steht. Er trägt zwar nicht annähernd so üppig, wie die anderen draußen, aber dafür bin ich der Einzige hier, der sammelt. Und ich habe es nicht weit. Morgens, noch bevor die Krähen sich aus ihren Schlafbäumen herablassen, gehe ich vor die Tür, und dann liegen da schon wieder ein paar neue Exemplare. Die Katze rührt sie nicht an. Für Füchse sind sie anscheinend auch nicht interessant und Wildschweine gibt es hier offenbar nicht (anders als drüben im Grunewald, wo sie sogar bejagt werden). Zur Zeit fallen die für mich weltschönsten Baumsamen noch in ihren stacheligen Verpackungen zu Boden. Teilweise erst ein wenig aufgesprengt, sodass ihr poliertes Holz aus den braun verfärbten Schalen gerade mal so hervorlugt. Wie lockend. Keine dabei wie eine andere. Vorgestern fand ich ein Doppelauge. Heute eine Konstellation wie eine Vulva.

Die Tiere waren unruhig am gestrigen Abend. Offenbar tragen sie doch einen feiner ausgebildeten Jahreskalender in sich als gedacht; einen, der ihnen mehr anzuzeigen hat, als die Paarungssaison und den nahenden Winter. Bei Sonnenuntergang verzogen sie sich an andere Plätze als sonst üblich. So als suchten sie Deckung. Das große Feuerwerk findet in jedem Jahr am zweiten Wochenende im September statt. Gut möglich, dass die Tiere davon derart traumatisiert wurden, dass sie die Vorzeichen lesen und ahnen, was Sache ist. Vielleicht lag es aber auch daran, dass bereits kurz vor Sonnenuntergang der Himmel voller Drohnen war. Brummend und raschelnd, noch lauter als Hornissen und Libellen. Vor allem mit jeweils zwei roten Glühaugen vorne und dazu noch zwei grüne am Hinterteil.

Die Schifffahrtsgesellschaft hatte sämtliche Schiffe mit Sonderbeleuchtungen dekoriert, die niedrigen Aussichtsboote aus den Siebzigern hatten Streifen aus Neon über die ganze Länge des Oberdecks, wie man sie von denen auf der Seine her kennt. Und auch die sogenannte Heiterkeit, mit der im Sommer der Seeheimer Kreis seine Spargelfahrt gefeiert hatte, lief wie ächzend aus, dabei geben ja all diese Schiffe gerade mal ein Brummen von sich, das allerdings in großer Zahl vervielfältigt, durch subaquatische Schallwellenmassage den Steg zum Vibrieren bringt.

Im Vergleich klitzekleine Polizeiboote, in der Dunkelheit blieben sie auf ihr bläuliches Blitzen reduziert, kreisten die leuchtenden Schiffe ein, die sich in einer Spiralformation zu einer Art Schneckennudel auf der Mitte des Sees, der ja gar kein See ist, sonder ein extrem breiter Fluß, der extrem langsam fließt, zu versammeln. Vom Yachtclub Nixe am anderen Ufer tönte Saxophonmusik. Am öffentlichen Steg nebenan drängten sich Zuschauer und Drohnenpiloten. Dann, es schallte mit Echo, zählte der Kapitän der Heiterkeit, deren nostalgisierendes Schaufelrad mit Glühbirnen dekoriert worden war, einen Countdown. Und aus der Mitte des Kreises aus leuchtenden Schiffen wurde von einem vergleichsweise Miniboot aus das Feuerwerk in den Nachthimmel geschossen. Ganz klassisch: zunächst die Fontänen, dann blaue Nadelkissen, Goldregen und Chrysanthemen, zum Abschluss eine Art Nuklearexplosion.

Traumhafte Bilder ergaben sich durch den Rauch, der sich über die Wasseroberfläche wabernd, in die erleuchteten Gärten ringsum verzog. Elastische Äste der Trauerweiden, die vom Nachtwind bewegt wurden, als sollten sie tanzen. Nebel der Pyrotechnik über den im Rasen eingelassenen Scheinwerfern. Eine lange tiefrote Spiegelung färbte die dunklen Wellen, sie kam direkt auf mich zu. Nightlife von Cyprien Gaillard en miniature.

16.9.

Seltsam, wie ich die letzten Wochen über so gut wie gar nichts auf die Wettervorhersagen gegeben habe, aber als es dann hieß: »So jetzt am Freitag übernimmt die große Kaltfront«, war das plötzlich Wahrheit für mich. Das ist dieser Protestantismus, der, tief in mir verwurzelt, zu einer Demut führt à la: »Ist ja auch vernünftig, jetzt, konnte ja nicht ewig und drei Tage so weiter gehen«. Und tatsächlich zeigte sich heute früh beim Sonnenaufgang alles umher, besonders aber die Oberfläche des Sees, in rosa eingefärbt. Aber es wehte auch eine kühle Feuchtigkeit gegen meine Zehenspitzen durch das offene Fenster herein. Ein paar Tage noch, dann werde ich sie schließen müssen. Oder, wie ich es beim Studium der gesammelten Schriften von Marcel Makrele gelernt habe: »Endlich wieder im Pulli ins Bett – Herbst.«

Gestern Nachmittag habe ich mich von Timothy Taylor verabschiedet, es war seine letzte Schicht in dem kleinen Café und jetzt fliegt er zurück in sein Heimatland Neuseeland, um dort bis März zu überwintern. Seit sieben Jahren schon kommt er jeden März nach Deutschland, um hier Geld zu verdienen, das er dann den Winter über in Neuseeland und Australien ausgibt. Von seiner Umgebung dort weiß er erstaunlich wenig. Beispielsweise war er selbst noch nie im Süden Neuseelands, weiß aber zu berichten, dass es dort angeblich sehr schön sein soll. Insgesamt aber halt auch sehr langweilig, wenn man sich nicht brennend fürs Wandern oder für die Beobachtung von Vögeln interessiert. Er hat mir erzählt, dass es Quellen gibt, in der die ersten Siedler vor 200 Jahren festhielten, dass die Wälder und Berge und Wiesen Neuseelands derart dicht von Vögeln bewohnt waren, dass man den Krach der Millionen Vogelstimmen kaum aushalten konnte. Bis vor kurzem, also Timothy meinte, noch vor ein paar Jahren – ich nehme an: vor 20 Jahren, eher 30 – gab es auch noch eine Art Relikt aus der Saurierzeit, einen auf zwei Beinen gehenden Vogel, noch um einiges größer als ein Strauß, der soll richtig gefährlich gewesen sein für Leib und Leben der Menschen. Ich war noch nie dort. Und habe das auch nicht vor. Auch Australien nicht. Mir ist das einfach zu weit weg. Ich werde in diesem Winter auch nirgendwo anders hinfliegen. Ich will ein ganzes Jahr hier an diesem Ort erleben. Auch wenn mir die Leute hier in zunehmend schrillen Farben auszumalenderweise einzureden versuchen, wie unfassbar stalingradhaft unbarmherzig sich hier die Wintermonate am Ufer gestalten werden. Der See, so die Leute, wirkt sich dann aus wie ein gigantischer Kühlakku, der geradezu grimmig seine Kälte abstrahlt, die, so heißt es dann, durch sämtliche Ritzen und Löcher dringt; und gegen diese vom See erzeugte Sonderkälte hilft angeblich weder Fußbodenheizung, noch nicht einmal die guten Fenster wie ich sie hier habe.

Na ja. Ich werde es ja erleben. Wie lange werde ich noch mit dem Boot rausfahren können? Sechs Wochen vielleicht, sieben? Gestern Abend, auf dem Weg zum Nudelessen, hing der Vollmond riesig und hell zwischen den Bäumen. So klar war die Luft immerhin schon. Oder noch.

15.9.

Das Verzehren von Schwänen verbietet sich von selbst, sollte man meinen – warum eigentlich? Angeblich wurde in sehr viel früheren Zeiten zu festlichen Anlässen auch mal ein Schwan serviert. Bei Alexander Demandt wird meiner Erinnerung nach eine Quelle erwähnt, wonach bei einem Bankett ein gebratener (oder gesottener?) Schwan unter einer Rekonstruktion seines Federkleides aufgetragen wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich dabei nicht um einen kulinarischen Mythos handelt, vergleichbar in etwa mit dem angeblich ägyptischen Hochzeitsmahl, für das ein Huhn, das in einem Schwein steckt, das in ein Kalb eingenäht wurde, im Leib eines Kamels gegrillt worden sein sollte. Worauf gegrillt frage ich mich; worin? In einem Erdloch?

Unter den Foristen gibt es freilich ein paar Angeber, die von sich behaupten, schon einmal Schwan probiert zu haben. Die tasting notes sind leider annähernd wortgleich mit diesbezüglichen Anmerkungen auf Wikipedia und ähnlich frei zugänglichen Quellen im Internet: Fischig und tranig soll die Giraffe der langsamen Gewässer wohl schmecken. Na ja. Die Angeberei ist in einigen Fällen leicht zu enthüllen, beispielsweise wenn ein Forist behauptet, der von ihm erlegte Schwan habe beinahe 100 Kilo auf die Waage gebracht.

Seltsam, dass niemand vor dem Verzehr der lieben Hummer zurückschreckt. Die sehen ja ebenfalls sehr schön aus, vor allem auch farblich, und sie leben, wie Schwäne, monogam. Ob es wohl daran liegt, dass der schwarze Schwan als Trauerschwan bezeichnet wird? Vielleicht glaubte man ja zu früheren Zeiten, bei einem Schwan mit schwarzem Gefieder handele es sich um ein verwittwetes Tier? Als ich vor ein paar Jahren mit Oliver und Ingo in der Uckermark war, um Botho Strauß zu besuchen, sahen wir in einem unweit des Strauß’schen Eigenheims gelegenen Weiher, inmitten der dort auf anheimelnde Weise geschwungenen Moränenlandschaft, einen schwarzen und einen weißen Schwan, die auf dem von schmalen Bäumen umgebenen Gewässer verharrten, um ein Spiegelbild abzugeben wie gemalt.

Mir kommt es hier auch immer so vor, als ob die anderen Wasservögel verstummten, sobald die Flotte der Schwäne in den kleinen Hafen einfährt. So, als wären Tiere zu etwas wie Ehrfurcht fähig. Wahrscheinlich ist es aber halt Angst. Enten schlafen ja die meiste Zeit oder sind anders faul, Blässhühner verbreiten von früh bis spät Hektik und sehen auch eher lustig aus als elegant, wenn sie etwas Essbares unter Wasser entdeckt haben. Um unterzutauchen, müssen sie sich mit ihren appetitlichen Großfüßen erst etwas erheben, um sich dann mit einer Art Purzelbaum vornüber unter die Wasseroberfläche katapultieren zu können. Das liegt wohl an der Luftigkeit ihres Gefieders, das, anders als bei den Enten, nicht eng am Körper anliegt, um bei relativer Magerkeit und extrem großen Füßen den Schwimmkörper sozusagen zu verbreitern. Durch das kopfsprunghafte Eintauchen wird die zwischen den Federn gehaltene Luft aus dem Gefieder herausgepresst, und das Huhn, das ja eigentlich eine Ralle ist, taucht verschlankt hinunter. Um wie die Enten lässig mal hier, mal dorthin einzuschnäbeln, dafür ist der Hals des Blässhuhns viel zu kurz. Und bedingt durch seine hektische Natur, verbraucht es halt auch viel mehr Kalorien als eine Ente, weswegen es sehr oft und auf die beschriebene, kalorienzehrende Weise nach Essbarem tauchen muss. Ein Teufelskreis!

Schwäne sind anscheinend sogar sesshaft und verwenden dasselbe Nest immer wieder. Bis dass der Tod sie scheidet. Mein Vater erzählte immer die Geschichte von einem grässlichen Nachkriegswinter in Heilbronn, als ein Schwanenwürger dort sein Unwesen trieb. Und wie sie als Kinder immer wieder des Morgens tote Schwäne am Ufer des Sees fanden, denen der Mörder die Hälse verknotet hatte. Ich habe damals schon auch gefragt, ob man Schwäne denn nicht essen könne. Aber wenn die selbst im Nachkriegswinter keiner wollte?

14.9.

Das Federvieh rupfen, solange es noch warm ist. So lautet einstimmig der Rat der Foristen. Sollte auf dem Weg in die Küche bereits die Leichenstarre eingetreten sein (bei Tieren geht das aufgrund ihres geringen Gewichtes wohl deutlich schneller als beim Menschen), hilft ein Trick: die Stockente in Lagen von Seidenpapier einwickeln und bei mittlerer Temperatur des Eisens bügeln. Ein Tipp, den ich mir leicht merken kann. Schwieriger wäre es schon, ihn wieder zu vergessen.

Was die Zubereitung der Ente anbetrifft, interessiert mich die klassische Geschmacksrichtung à l’orange. Allerdings nicht auf die klassische Weise. Vor Jahren hatte mir Hervé This in seinem Pariser Institut seine modifizierte Version vorgeführt. Anstatt die Entenbrust in einem mit Orangenlikör und reduziertem Orangensaft aromatisierten Sud garzuziehen, injizierte er den Cointreau mit einer Diabetikerspritze direkt in das rohe Fleisch der Brust, garte es dann auf den Punkt in einem Mikrowellenherd, briet die Haut der Entenbrust in einer Pfanne knusprig und überzog das fertig gegarte Teil dann lediglich mit der vorbereiteten Sauce. Das Ergebnis war perfekt in Zartheit, Knusprigkeit und so weiter. This hatte den klassischen Prozess analysiert, dessen einzelne Komponenten entzerrt, von einander entkoppelt und in einer neuen Reihenfolge angeordnet. Dennoch erhielt er am Ende dasselbe Gericht.

All dies besprach ich nicht mit Anne, aber es ging mir dabei durch den Kopf, während wir uns gegenüber am Schreibtisch in der Manufaktur waahr saßen und mit unseren schwarzen Filzern auf den schönen gelben Karten herumquietschten, bis alle fertig adressiert und frankiert waren. Bald wurde es so heiß, dass ich beim Gehen tatsächlich das Gefühl hatte, meine Schuhsohlen würden nun mit dem weichen Asphalt verschmelzen (zuvor dachte ich noch kurz, es wäre vielleicht ein Kaugummi, in den ich hineingetreten war). Aber am Abend lag das vorletzte Licht dann gelb und schräg auf dem Rasen, ein untrügliches Zeichen. Und auf dem Heimweg vom Schwimmen fand ich die erste Kastanienkugel, ihre Hülle schon dunkelbraun. Ich zog die stachligen Ecken beiseite, sie lösten sich leicht und darunter lockte, noch haselnusshell und appetitlich poliert: das kleine runde Möbelstück. Ein paar Schritte weiter dann noch eine. Es geht wieder los.

13.9.

Im Schatten der roten Markise saß ich vor Markus Schädels Tagescafé und studierte die Jagdforen im Internet, denn auch Markus hatte leider keinen Schimmer, ob Blässhühner überhaupt essbar sind. Die Jäger waren einer Meinung: Es handelt sich um eine Köstlichkeit. Einige von ihnen gerieten bei ihren Erinnerungen an den Genuss des, wie es im Jägerlatein offenbar genannt wird, »Kleinen Schwarzen« sogar ins Schwärmen. Diese Jagdforen werden ja überwiegend aus dem Sauerland bestückt, wo es, soweit ich weiß, gar nicht mal so viele Seen gibt. Dafür regnet es aber halt viel, und vielleicht pachten diese Sauerländer auch Jagden in anderen Bundesländern, um zur Abwechslung mal etwas anderes vor ihre sogenannten Flinten zu bekommen als immer bloß Hasen, Rehe, Wildschweine et cetera.

Be-, nicht etwa gejagt wird nämlich, das lernte ich durch meine faszinierende Lektüre, während ich, nach monatelanger Abstinenz nun leider wieder voll auf Forum war, alles. Und selbst, was nicht von eig’ner Hand erschossen, wird dennoch mit nach Hause getragen: In einem Thread ging es tatsächlich um, egal ob absicht-, oder versehentlich, überfahr’ne Tiere und ob man die noch essen könne. Antworten, zumeist: ja.

Was aber die Zubereitung anbetrifft, so hält man es in der Jagdgemeinde konservativ bis schematisch. Eine Art Regel scheint darin zu bestehen, dass sämtliches draußen von eig’ner Hand Aufgeklaubtes, ob nun überfahren oder erschossen, zunächst in Buttermilch eingelegt wird. Dann mit Wachholderbeeren, Lorbeerblättern und Rotwein Punktpunktpunkt

No offense, schon gar nicht unbewaffnet, aber so lässt sich alles essen, meine lieben Hubertusjünger! Wenn aber das Fleisch des Blässhuhns tatsächlich einen fischigen Hautgout hat, wie es interessanterweise ausschließlich von Foristinnen bemängelt wird, dann eignet es sich wohl bloß noch für ein kurzgebratenes Wokgericht. Die abnormal großen Füße deuten ja bereits in die Richtung asiatischer Küche. Abgetrennt und ein paar Stunden in stark gesalzenem Eiswasser eingelegt, dann mit scharf gewürzten Ponzu-Flocken paniert, würden die gut als Knabberei zum Apéritiv funktionieren. Der freilich bei Sonnenuntergang am Steg serviert werden wird.

12.9.

Am Morgen saß ich vor dem Café und las in der Sonntagszeitung ein Portrait des französischen Gewerkschaftsführers. Sein Gesicht war groß vor einem strahlend blauen Hintergrund abgebildet. Mit einem Mal fand ich mich umringt von jungen Männern, die sich im Café mit Energydrinks versorgt hatten. Sie deuteten über meine Schulter hinweg auf das Foto in der Zeitung und skandierten den Namen Abdullah Öcalans.

Später dann, auf dem Balkon, ließ ich mir das Haar vom Abendwind trocknen. Die Sonne ging unter, ein großer Punkt, wie ausgestanzt aus einem Grau, so licht, wie Dieter Rams es gerne sah und sieht. Ich hielt meinen Blick darauf, so entstanden durch Blendung zwei dunkle Flecken oberhalb des orangefarbenen Punktes, der diesen violetten Flecken zu einer Nase wurde. Der Waldrand stieg dem Gesicht entgegen, die Helligkeit der Sonne nahm dadurch ab, ihre Färbung schien sich einzudunkeln, so auch das Grau des Himmels über ihr und kurz vor ihrem Verschwinden, sie war an ihrem unteren Ende nur noch halb, erschienen jetzt, sie waren zuvor ausgeblendet, die Wolken, wie verschwommen, wie mit Rauch gemalt, es zeigten sich Strukturen, die, so lange die Sonne noch mit ganzer Kraft die Szenerie des eigenen Untergangs ausgeleuchtet hatte, in dem breiten Grau wie Zaubertinte eingetrocknet, die auf diesen Moment des Einbruchs der Dämmerung schlafend wie gewartet hatten.

Hässlich durcheinanderschreiend lösten sich die Krähen aus dem Wipfel des höchsten Baums am Ufer, dessen starke Äste dadurch in Bewegung kamen. Nach einem langen Tag des Streitens und des Klapperns, des Butterbrotrindenwegtragens und Muschelnaufhackens und Eichelnußknackens und Aufeinandereinhackens flogen sie nun einigermaßen geordnet, dabei aber weiterhin vor sich hinschreiend, wie ein Schwarm in das vergehende Licht.

Falls alles schiefgeht, hatte ich mir am Nachmittag noch überlegt, eröffne ich in meiner Küche ein extrem teures, aber extrem beliebtes Restaurant für ultraorthodox regionale Küche. Also eines, das selbst dem Nobelhart & Schmutzig, das sogar dem Fäviken Magasinet und Magnus Nilsson das Fürchten lehren wird. An heißen Tagen wie diesen sind die Stockenten und Blässhühner träge und dümpeln kraftlos nahe am Steg vorbei. Mit gezielten Kopfsprüngen, so dachte ich, müsste es mir möglich sein, einzelne davon zu ergreifen und noch im Wasser zu erdrosseln. Wie man Geflügel abhängt, rupft und zubereitet, hatte ich einst von Janosch von Beöthy gelernt. Mitten in der Nacht war ich auf seinem unbeleuchteten Gehöft etwas außerhalb der Samtgemeinde von Engelshoff am Arsch der Welt eingetroffen. Von hier aus belieferte er in der ungefähren Nachfolge Archibald Tuttles (ideologisch gesehen), die deutschen Großköche mit seinem Geflügel. In einer spiegelnd mit Stahl ausgekleideten Kammer hingen die wie grün und blau geschlagenen Fasane. Es stapelten sich die Gänse, denen dünne Fäden Blut aus den Schnäbeln rannen, so, als trielten sie schlafenderweise auf ein Kopfkissen (doch das war der daunenweiche Hinterleib eines Artgenossen). In seiner Küche war es warm, ich hatte ihn kurz vor dem Martinstag besucht. Es handelte sich um eine krumm auseinandergefallene SieMatic-Zeile mit grünen Fronten. Noch nicht einmal ein Gasherd. Emaillierte Töpfe mit Blumenmuster. Ich war underwhelmed.

»Hier hat jeder schon gekocht«, sagte Janosch von Beöthy, »Siebeck, Witzigmann, Wohlfarth, Dollase, Ducasse. Alle.«

11.9.

Große Sorge um Puku. Wie es heißt: Über Nacht ist der Account des kleinen Hasen von Twitter verschwunden. Spurlos, so als hätte es ihn nie gegeben. Ich frage mich natürlich, ob es, wie in dem kurz zuvor veröffentlichten Brief an ihre Follower seine Besitzerin war, die, den Auseinandersetzungen mit dem Wuthasen leid geworden, sich zu dieser Maßnahme entschlossen haben musste, um Schlimmeres zu verhindern, oder ob, schließlich trägt sich die Geschichte in Japan zu, womöglich noch etwas drastischeres geschehen sein mag. Beispielsweise, dass der vom Wuthasen insinuierte Ehrverlust von ihr, durchaus auch auf Puku bezogen, als so schlimm empfunden worden war, dass sie beispielsweise Autoabgase in Pukus Käfig geleitet hat, um ihm und sich selbst das Leben zu nehmen. Oder oder oder.

Der zeitliche Zusammenhang wird Zufall sein. Dennoch werde ich von einem Schuldgefühl beschlichen. Im Archiv befindet sich ein Exemplar der Zeitschrift Meine Schuld aus dem Martin Kelter Verlag. Und tatsächlich gibt es in dieser dritten Ausgabe aus dem Jahr 2016 eine Geschichte mit dem Titel Internet Blog – Ich habe meine Kinder bloßgestellt. Aus der Ichperspektive erzählt Grit M. (43), eine alleinerziehende Mutter aus einer Zeit in ihrem Leben, in der sie ein Blog schrieb, um ihr Schicksal mit anderen Müttern teilen zu können: »Meistens kam schon nach kurzer Zeit, nachdem ich meinen Tagebucheintrag ins Internet gestellt hatte, eine Antwort. Die Abendstunden waren Schreib- und Lesezeit unter Müttern. Dann hatten wir endlich mal Zeit für uns. Nur allzu gern las ich die Kommentare.« Tja, aber leider bleibt es nicht bei den wohlmeinenden Kommentaren ihrer Internetfreundinnen. Schon bald kommt es zu einem ernsthaften Zerwürfnis mit ihrer pubertierenden Tochter Sina: Deren Schulkameradinnen haben das Blog entdeckt und mobben das Mädchen mit den darin veröffentlichten Details aus dem Familienleben. Gerade als es der bloggenden Mutter gelungen ist, das Verhältnis zu ihrer Tochter durch einen Shoppingexzess (»›Wo fangen wir an?‹, fragte ich betont fröhlich und knuffte sie in die Seite. ›In den Schuhgeschäften? Oder nehmen wir lieber erst die Hosen und T-Shirts aufs Korn?‹«) zu normalisieren, dreht sich das Geschütz des Cybermobbings und nimmt ihren kleinen Sohn Torben aufs Korn. Wie am sprichwörtlichen Boden zerstört, kehrt der aus dem Fußballtraining zurück. Auch dort kennen die Kameraden nun das Blog und zitieren nach Gusto: »›Mama, ich bin kein kleiner Racker!‹«.

Irgendwann droht Sina mit Selbstmord. Grit M. gelingt es aber dennoch, die Katastrophe abzuwenden. Leider auf Kosten ihrer schreibenden Existenz: »Ich habe nach dem Löschen meines Tagebuchs auch noch einigen anderen Müttern im Internet geraten, sorgsamer mit ihren persönlichen Erlebnissen umzugehen. Ich kann nur allen Müttern raten: Schreiben Sie lieber nichts über ihre Kinder im Internet! Egal, was Sie schreiben oder welche Fotos Sie dort posten: Sie werden es bestimmt irgendwann bereuen. Auch wenn Sie glauben, dass niemand Sie erkennen wird, weil Sie ja einen anderen Namen nennen: Das kann trotzdem in die Hose gehen.«

Zu Pukus Namen: Puku ist ein japanisches Zahlwort. In der japanischen Sprache werden alle Dinge a priori als plural behandelt. Handlungen und Ereignisse werden in dieser Hinsicht ebenfalls wie Dinge behandelt. Um eine zwingend erforderliche, präzisierende Stückzahl angeben zu können, muss zwischen dem Zahlenwert und dem Objekt ein Zahlwort geschaltet werden. Von diesen Zahlwörtern gibt es ziemlich viele, sie sind nach Sachgruppen geordnet. Beispielsweise bezeichnet ぽん (Pon) die Anzahl langer, dünner Dinge wie Eisenbahnlinien, Telefonverbindungen, Bleistifte, Krawatten und Filme. Puku ist das Zahlwort für angenehme Pausen. Mit ぷく (Puku) können die Züge aus einer Zigarette, die Löffelvoll des Matchapulvers, aber auch Nickerchen gezählt werden. Vermutlich wird so die Funktion eines Hasenaccounts in der japanischen Gesellschaft etwas verständlicher gemacht: Auf langen U-Bahnfahrten, beim Arbeiten bis zum 過労死 schaut man beim kleinen Hasen Puku vorbei, um sich an dessen schönem und herrlicherweise völlig stressfreiem Leben zu laben.

Schaute, wie es ja leider heißen muss.

10.9.

Seitdem es immer früher dunkel wird, könnte ich gut auch immer früher schon ins Bett. Gerade wenn es, wie gestern, noch einen schönen Sonnenuntergang gab (ein himbeerfarbener Streifen mit einem großen, orangefarbenen Punkt in der Mitte, wie eine Infrarotaufnahme der japanischen Nationalflagge), habe ich eigentlich genug gesehen und meine Augendeckel zeigen sich bereit zum Schließen.

Nun musste ich gegen zehn noch einmal in die Innenstadt, um die Wiedereröffnung der Schinkel-Klause zu besuchen – ein Fest, dessen Ausmaße von Jan als »epochal« vermutet worden waren. Auf dem Bahnsteig wurde ich von zwei eleganten Herren aus Indien angesprochen. Derzeit finden andauernd unangekündigte Gleisänderungen statt, die Fahrgäste müssen reflexartig auf die plötzlich umschnappenden Anzeigetafeln reagieren können, um die irgendwo außer der Reihe ein- und rasch wieder ausfahrenden Züge nicht zu verpassen, oder, beinahe noch fataler: zu verwechseln. (Dann kann es passieren, dass man in Oranienburg landet; was ich einem Inder nicht unbedingt anraten kann. The World’s Most Dangerous Places aus dem Verlag Collins übrigens auch nicht. Dort rangiert Oranienburg auf Platz acht zwischen Kolumbien und Sierra Leone.)

Die Herren waren auf dem Weg zum Westkreuz, vermutlich wollten sie ins Artemis, ich bot Ihnen an, mich zu begleiten (also in meine Bahn, denn die hielte dort U-Punkt A-Punkt). Auf der Fahrt erzählte mir der eine von ihnen von seinen Geschäftsreisen und stellte dabei auch mir recht viele Fragen. Aufgrund meines mimetischen Defekts antworte ich Personen, die eine Sprache mit Akzent sprechen, unwillkürlich ebenfalls mit diesem Akzent, also unterhielt ich mich mit dem Mitreisenden mit einem auch auf diese Weise, als ob ich unter meiner Zunge eine Murmel gefangen hielte.

Woraufhin er mich freundlich anlächelte, um mir ein Kompliment zu machen. Er fragte mich zunächst, woher ich stamme. Ich wies aus dem Abteilfenster, vor dem, durch die Dunkelheit unsichtbar gemacht, der Grunewald, zumindest Teile davon, vorüberflog.

»You speak very good English. Very good pronouncation.«

»That’s our schooling system. And of course MTV.«

Er schüttelte den Kopf. Ich konnte mich gerade noch beherrschen. Das Westkreuz war erreicht. Ich wies die beiden darauf hin. Nun wurde mir erklärt, dass sie eigentlich nach Charlottenburg wollten. Auch das war möglich mit dieser Linie. Am Savignyplatz verabschiedeten wir uns.

Die Eröffnungsfeier fiel dagegen etwas ab, aber gut: Es handelte sich ja um verschiedene Dinge. Ich interessiere mich für Räume weniger als für Pflanzen oder Tiere. Das geht auch Katharina Koppenwallner so, erzählte sie mir jedenfalls gestern, als ich mich verabschiedete. Eine Art Höhepunkt bestand im Auftritt des Ehepaares Grässlin, mit deren Kommen ich nicht gerechnet hatte. Und gerade jetzt, wo ich mich, bedingt durch das Manuskript von Joachim Lottmann, doch etwas intensiver mit Martin Kippenberger beschäftigt hatte. Sehr schön, Herrn Grässlin vorgestellt zu werden. Er sprach auch mit interessantem Akzent, aber unser kleines Gespräch währte nicht lange genug, dass ich angesteckt wurde. Dazu war es schlicht auch zu laut. Und der arme Herr Grässlin trug Hörgerät (ich stelle mir, vermutlich irrigerweise, immer vor, dass ein Hörgerät wie ein Verstärker wirkt, und seinen Träger alles doppelt und dreifach so laut hören macht wie unter Folter – Hörgerät kommt für mich wirklich niemals in die Tüte!!!). Die Musik, die in dem achteckigen, bis auf eine Bar vollkommen leer geräumten Raum gespielt wurde, sollte von ein paar elastisch gekleideten Tänzern konkret in Bewegungen umgesetzt werden. Da hätte man vielleicht stundenlang zugucken können, aber dazu war es einfach auch zu stickig, weil die Fenster nicht geöffnet werden konnten. Selbst als sie geöffnet wurden, kam es zu weiteren Anfällen von Schwindel und Schwäche.

All das spielte sich innerhalb einer Stunde ab. Ich unterhielt mich ausführlich mit Alexander Schröder über maritime Themen und nahm seinen Rat, meine Haare mit Heilerde zu waschen (»weniger aggressiv«), gerne an. Dann fuhr ich wieder nach Hause. In der S-Bahn saß mir dieses Mal ein eigentlich nett aussehendes Paar in meinem Alter gegenüber. Leider erzählte der Mann ihr dann stationenlang die Handlung von Blade Runner nach, obwohl sie ihn gleich zu Anfang daran erinnert hatte, dass sie sich bekanntlich nicht für sogenannten Science-Fiction interessiert. Worauf er, wie kann man so sein!, andererseits hatte er Recht, sagte: »Komm, der spielt im Jahr 2019, das ist gar nicht mehr lange hin.«

Na gut. Ich war jedenfalls froh, als ich auf meinem Balkon angelangt war. Der Garten lag im Dunkeln, der See beeindruckte durch Stillhalten. Dann sprangen die Scheinwerfer an, und eine Füchsin oder ein Fuchs betrat tänzelnd die feuchte Wiese. Die veranstalten hier derzeit ihre allnächtlichen Paarungsspiele. Säugetiere tragen länger als Vögel. Die sind erst wieder im Frühjahr dran.

9.9.

Dieser September! Anruf von Joachim Lottmann (mit einer Nummer, die ich noch nicht kannte): Offenbar hält er sich in Berlin auf, angeblich ist es ihm sogar gelungen, den legendären Wartburg wieder zu reaktivieren. Er bittet um ein klandestines Treffen, am Apparat ist von einem unveröffentlichten Manuskript die Rede, das er mir zeigen möchte. Er könnte sich gut vorstellen, dass es für Waahr interessant ist.

Zuvor traf ich mich mit Erik und Heiko am Birdhouse, um dann nach einer Einsatzbesprechung in Heikos Baustellenfahrzeug die seiner Einschätzung nach kritischen Punkte im Berliner Straßenverkehr abzufahren. Das Gute an diesem Einsatzfahrzeug ist, dass man es aufgrund einer Sondergenehmigung überall abstellen darf. Der bullige Jeep ist mit Seilwinden und sogar mit einem schwenkbaren Arm eines kleinen Krans ausgestattet. Es sieht hochoffiziell aus, beinahe ein bisschen bedrohlich. Vor allem klebt auf dem Dach eine orangefarbene Warnleuchte, die Heiko auf mein Bitten hin auch einschaltet.

Mir war nicht klar gewesen, wieviel Freude mir das Zählen von Radfahrern bereiten könnte. Immense! Als Heiko dann noch enthüllt, mit welchen Summen er diese simple Freuden bereitende Tätigkeit bei seinen Auftraggebern abrechnen könnte, sehe ich eine glanzvolle Zukunft vor mir. Solange ich das Zählen im Sommer durchführen dürfte. Es ist so warm, dass ich den ganzen Tag barfuß herumgehen kann, was erstaunlicherweise immer wieder für Aufsehen unter den Passanten sorgt. Manche fühlen sich durch meine unbedeckten Füße etwas provoziert. Als Erik einen auf dem Radweg fahrenden Motorrollerfahrer bittet, auf die Straße zu wechseln, droht einen Moment lang die Eskalation des ansonsten friedvollen Nachmittages. Aber dann schaut er sich Eriks Statur etwas genauer an, zusätzlich hatte ich ihn bereits auf die Warnleuchte auf unserem auf dem Radweg abgestellten Einsatzfahrzeuges hingewiesen. Vernünftigerweise fügt er sich und rollt ohne ein weiteres Schimpfwort dahin.

Der Ausblick auf die spektakuläre Autobahnkreuzung in der Innenstadt von Schöneberg, der uns versprochen worden war, erweist sich allerdings und leider als Ente: Unter den angegebenen Koordinaten landen wir im Hinterhof einer Hochhaussiedlung aus den Fünfzigerjahren. Den Verkehr auf dem Autobahnkreuz können wir von dort aus zwar hören, aber nicht sehen.

Barfuß mache ich mich auf den Weg zu meinem Treffen mit Lottmann. Er trifft ohne den Wartburg vor dem Souterrain ein. Aus einer Sporttasche überreicht er mit eine Klarsichthülle, in der sich zwanzig eng mit einer elektrischen Schreibmaschine bedruckte Seiten befinden. Meiner Vermutung, er habe eine IBM Kugelkopf benutzt, widerspricht er jedoch: Anscheinend hatte die in der DDR hergestellte Robotron allerdings deren klassisches Schriftbild platt kopiert. Es gibt keinen Abzug, auch kein zweites Exemplar. Joachim Lottmann weiß diese Aura des Kostbaren noch weiter zu steigern, in dem er jede einzelne Seite des Manuskriptes mit seinem iPhone abfotografiert (»Falls Du auf dem Heimweg stirbst«), bevor ich sie ihm vorlesen darf. Es handelt sich tatsächlich um jenen sagenhaft gewordenen Text, den er einst über Martin Kippenberger verfasst hatte. Ein geradezu unverschämtes Jubelporträt, das zeitgleich, also 1988, mit einem ebenfalls von Lottmann verfassten Totalverriss Kippenbergers publiziert werden sollte. Erschienen war damals aber, bedingt durch eine unselige Verkettung unglücklicher Umstände, lediglich der Totalverriss, was in Folge für einen zehn Jahre tiefen Knick in der Karriere Joachim Lottmanns wie es heißt: sorgen sollte.

Der Text ist, vorsichtig ausgedrückt: eine Sensation. Ich verspreche, gut auf ihn aufzupassen. Dann reden wir noch ein wenig über die Freuden des Alters, über das Altern, Altwerden vor alledem, über die richtige Lebensweise im Alter, die Rolle des Alterswerkes und über das Gefühl der Souveränität über das eigene Leben im Alter. Dann war die Sonne untergegangen und wir gingen beide, ein jeder für sich, er auf dem weißen Damenfahrrad und ich mittlerweile doch wieder in Schuhen, nach Hause.

8.9.

Seit längerem folge ich dem Hasen Puku auf Twitter. Natürlich ist es nicht der Hase selbst, der da twittert, der Account mit dem Handle @33jd2 wird von seiner Besitzerin gefüttert. Der Feed besteht aus mehr als 1000 Fotos und Collagen, die das Heranwachsen des Hasen Puku dokumentieren. Es handelt sich um ein orangebraunes Exemplar der Rasse Farbenzwerg, eine neben dem Zwergwidder in Japan extrem beliebte Rasse. Der Kopf dieser Zwerghasen bleibt auch nach dem Erreichen der Geschlechtsreife babyhaft rund, die Ohren erscheinen beinahe katzenhaft kurz, das Fell ist dicht und es glänzt seidig. Die verkürzten Läufe sorgen dafür, dass der Farbenzwerg oft in einer aufmerksam wirkenden Habachtstellung zu beobachten ist.

In Japan gibt es viele solcher Hasenaccounts. Die schönsten werden von den sogenannten Hasencafés betrieben, also öffentlich zugänglichen Cafés, in denen die Besucher bei den üblichen Snacks und Getränken mit den ebenfalls dort angebotenen Hasen etwas quality time verbringen können. Es gibt auch Katzencafés, Igelcafés, Eulencafés et cetera. Aber der Hase scheint in der Ikonographie dort eine zentrale Bedeutung inne zu haben. Was vermutlich auch damit zu tun hat, dass es in einigen asiatischen Kulturen eine Häsin ist, die auf dem Mond lebt, um dort in einem Stampfmörser den Teig für Reisküchlein herzustellen (Tsuki no Usagi). Von hier aus glaubt man ja bekanntlich, in den Kraterschatten auf der Mondoberfläche einen Mann zu sehen (Mann im Mond).

Puku kam am 20. September 2014 zur Welt. Seine spätere Besitzerin eröffnete den Account in jenem Herbst und dokumentierte zunächst ihre Besuche in diversen Hasencafés Tokios. Die ersten Postings bestehen aus den Portraits der verschiedenen Hasen, mit denen sie auf ihren Streifzügen durch die Szene Bekanntschaft macht. In dieser Zeit unterhält sie auch noch einen Account bei Instagram, der aber mittlerweile geschlossen wurde. Den Hasen, den sie später Puku nennen würde, entdeckt sie am 26. Dezember 2014 in einem Hasencafé in Shimokitazawa. Am 27. postet sie ein eigens neu gekauften Hasennachthemd mit roter Samtschleife. Hier wird auch erstmals der Name Puku enthüllt. Am 3. Januar 2015 schließlich zeigt sie eine Reihe extrem niedlicher Aufnahmen des noch sehr babyhaft wirkenden Farbenzwergs mit dem bierblonden Fell: »Puku kommt zu mir nach Hause!«

In diesem Tweet ist auch erstmals von »geschwollenen Brustwarzen« die Rede, aber dabei wird es sich um einen Fehler der Übersetzungsfunktion bei Twitter handeln, die von Bling angeboten wird.

In den folgenden Monaten wird das Zusammenleben mit Puku auf die ansprechendste Weise dokumentiert: Puku bezieht einen für Tokioter Wohnverhältnisse extrem geräumigen Käfig, in dem sich neben einem hasenförmigen Schlafhaus aus geflochtenem Heu (das er in Folge noch zwei bis dreimal komplett zerlegen und aufessen wird), einem möhrenförmigen Knabberstift und einem Spiegel auch eine Hasentoilette befindet. Vergleichbar mit Katzen können Haushasen durchaus zu Stubenreinheit erzogen werden. Puku wiegt bei seinem Einzug 475 Gramm.

Am 7. Januar wird eine Aufnahme gepostet, die den Kopf Pukus mit den ordentlich aneinandergelegten Ohren in der Draufsicht zeigt. Entzückt stellt seine Besitzerin fest, dass diese Ohren sie an Hummerscheren erinnern. Am 12. Januar erscheint der Stammbaum, auf dem Mama Puku und Papa Puku abgebildet sind. Hier wird nun auch zum ersten Mal das Geschlecht des Hasen bekannt gegeben. Es ist, so schreibt die Besitzerin: »ein Junge«. Von nun an gibt es reichlich feminization play: Puku im Ballettröckchen aus gelbem Tüll, Puku im Jeanskleid, Puku mit rosa Schleife um die Ohren, Puku an der Leine im Park, Puku vor dem Spiegel et cetera. Über die nöchsten Monate wird Puku auch immer wieder gewogen und seine Besitzerin freut sich (»geschwollene Brustwarzen«) sehr über seine stete Gewichtszunahme. Mittlerweile hat sie mehr als 2000 Follower. Und Puku wiegt 750 Gramm.

Im Frühsommer wurde noch Pukus erster Pfirsich dokumentiert, ein meganiedliches Bild, auf dem ihr die delikat geformte Scheibe in einem blitzblanken Porzellanschälchen serviert wurde, sowie, beinahe mein absoluter Liebling: Puku und die Hortensie — (Abb.: 15 Emojis »Eyes Full of Love«). Dann aber kam es zu einer, wie @dickebuerste53 es nennen würde, »Twause«: einer Pause auf Twitter. Es kamen einfach keine Tweets mehr von Puku (und das ist einer von nur zwei Accounts, die ich auf Notifications gestellt habe). Ich befürchtete das Schlimmste. Japanische Sommer sind ja extrem heiß, da hilft angeblich gegrillter Seeaal, aber das wollte ich mir lieber nicht vorstellen müssen!

Nun ist ein langer Brief erschienen, er klebt oben auf der Seite in Form des mittlerweile virulenten »angehefteten Tweets«. Es handelt sich um einen Screenshot, da kann Bling nicht weiterhelfen, von daher danke ich herzlich und in aller Form Frau Midori Hirano,  die mir freundlicherweise mit einer Übersetzung geholfen hat. Es war wohl so, dass ein feindlich gesinnter Hasenaccount mit dem Handle @k11036151k, der mir ab und an schon unangenehm aufgefallen war, eine beispiellose Schmähkampagne gegen Puku gestartet hatte. Das Cybermobbing, das dieser vermutlich von Neid befeuerte Wuthase gegen den von mir so geschätzten Puku gestartet hat, muss wohl für derart schrecklichen Stress bei der Besitzerin gesorgt haben, dass in Folge auch der empathiebegabte Farbenzwerg seines Lebens mit ihr nicht mehr richtig froh werden konnte. Von daher hat sie, die Besitzerin, sich vorerst entschlossen, ihre Postings einzustellen. In dem Brief entschuldigt sie sich in aller Form bei allen ihren 2472 Followern. Vor allem auch ausdrücklich bei denen, es waren wohl einige, die sie in den Verwirrungen der letzten Wochen entfolgen musste.

7.9.

Der Tag hatte sich erfolgreich Mühe gegeben, den Megahit von The Orb zu bebildern. Die sprichwörtlich gewordenen flauschigen Wölkchen wurden zum Mitttag hin en masse herangewunken. Weiß und ungeheuer unten, dabei eine jede auf Abstand bedacht. So ergab sich ein biomorphes Schachbrett. Blau gewann.

Im Strandbad bestellte ich mir erst einmal einen Spaceslush. Ich hatte die Zeitschrift Barbara dabei, in der ein mir unbekannter Bademeister des Strandbades als eingeölter Leckerbissen angeprisen worden war. Er war nicht anwesend, und die Leute am Slush-Ausschank hatten ihn auch noch nicht gesehen. Ein Schiffchen zog vorüber, die hatten ihren Ghettoblaster voll aufgedreht, Julio Iglesias, und für einen sehr langen Moment war es dann so, wie Andreas Neumeister es einst beschrieben: Von Saxophonen angetrieben steuerte der Musikdampfer namens Planet Erde durchs tiefe, dunkle Weltenall.

Bis auf die Bademeisterstrecke und eine Fachsimpelei über Pipi ist die Zeitschrift Barbara, die ich nun zum ersten Mal studierte, eine irritierend trockene Angelegenheit. Als ich mal in München lebte, hatte Barbara Schöneberger dort eine Sendung bei TV München, in der es um nichts anderes ging als um Analverkehr. Die ganze Sendungszeit über. Die Sendung kam mehrmals am Tag – jedenfalls ist das in meiner Erinnerung so. Und jetzt: Kein Wort mehr davon. Die ganze Zeitschrift Barbara ist eine komplett vom Analverkehr befreite Zone. Möglicherweise hat Barbara Schöneberger der Umzug in den protestantischen Nordosten nicht gut getan – also von ihrem Phantasiehaushalt her; eventuell ist sie aber einfach so prüde geworden. Egal. Jedenfalls fand ich keinen einzigen Tipp- oder Druckfehler, was ja schon einmal sehr erfreulich ist. Dabei las ich extra aufmerksam und mit dem Stift in der Hand.

Ich war schon etwa eine Stunde lang mit dem Heft beschäftigt, da kamen zwei deutsche Frauen heran. Die eine trug eine Frisur im Stile Beate Uhses, die andere im Stile Barbara Rüttings. Sie hatten auch ähnliche Vornamen und rieben sich mit Tiroler Nussöl ein. Ich wollte es nicht, aber ich musste heftig an Lanzarote von Michel Houellebecq denken. Es hörte gar nicht mehr auf. Eventuell, so überlegte ich verzweifelt, hatte es sich bei der aprikosenfarbenen Flüssigkeit in meinem Kühlschrank, die ich, in der Annahme, es handelte sich um Fruchtsaft, am Morgen getrunken hatte, überhaupt nicht um Fruchtsaft gehandelt. Oder jemand hatte mir etwas in meine Cornflakes gemischt.

Menschen am Dienstag. Was soll da heute noch groß kommen?

6.9.

Gestern eröffnete mir die Gemüseverkäuferin, dass wir uns in drei Wochen zum letzten Mal sehen werden für – ich konnte es ihr kaum glauben: sechs Monate! Einige Menschen, an die ich mich hier gewöhnt habe, kündigten mir in letzter Zeit ähnliches an. So langsam glaube ich nicht mehr, dass sie es scherzhaft meinen. Anscheinend handelt es sich bei dieser Gegend hier um eine Saisongegend, vergleichbar mit einem Strand in südlicheren Gefilden. Dann hat halt so ziemlich alles bald zu. Neulich, als ich in der Innenstadt war, hatte ich Markus aus einer Art Vorahnung heraus darum gebeten, mir demnächst mal meine Kaffeemaschine vorbeizubringen, die noch immer, seit dem Tag, an dem die im Schädels aufgestellte gestreikt hatte, bei ihm im Lager steht. Einen Vormittag lang hatte meine winzige Maschine dort den professionellen Zwecken gedient. Aber wenn es erst kalt sein wird, wenn es jeden Morgen schon eiskalt regnet und dazu auch kein Sonnenschein: Wozu soll ich denn dann noch über die Straße gehen oder überhaupt aus dem Haus? Zum 1. Oktober brauche ich dann auch die Zeitung im Abonnement. Für sechs Monate, so es das gibt. Und trotzdem freue ich mich auf diese Zeit der Häuslich-, vor allem: Innerlichkeit. Aber Kerzen: So weit wird es nicht kommen.

5.9.

Kurz nach elf Uhr fing es an zu tröpfeln. Der Asphalt war noch warm vom Sonnenschein des Vortages, so kam es zu dem bekannten Phänomen. Von Comme des Garçons gab es ein Parfum, es wird schon lange nicht mehr hergestellt, das roch wie dieses Phänomen, abgefüllt in ein leuchtend blaues Fläschchen (kein Flakon). Darauf stand in leuchtend roter Schrift Tea, um alle in die Irre zu führen, denn wer daran roch, konnte entdecken, dass damit eigentlich Bitumen gemeint war.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich herausfand, dass ich nicht der einzige bin, der diesen Geruch, die Verbindung der Düfte verdunstender Regentropfen auf warmem Asphalt, nicht nur als angenehm empfindet, sondern auch als stimulierend. Einige assozieren mit diesem Riecherlebnis ein Phänomen in der Region ihres Solarplexus, das sie, mit der Lebenserfahrung eines Erwachsenen, als identisch mit dem ihres Verliebtgewesenseins beschreiben. Mich beschäftigt bei solchem Wetter noch immer die Frage, was damals, als ich in diesem Zusammenhang dieses Gefühl zum ersten Mal verspürte, meinen Solarplexus stimuliert haben könnte; also woraus sich da, mit sechs Jahren, mein Verliebtheitsgefühl erzeugt haben könnte. Ich komme nicht drauf. Der Regen wird es nicht gewesen sein; Sommer?

Ich weiß aber noch, dass es abends war.

Gestern ging ich so langsam wie möglich nach Hause, eine schwierige Übung, die ich mir zu solchen Gelegenheiten auferlege, aber ich werde kaum besser darin. Wie alles Schöne ist dieses Phänomen von kurzer Dauer. Je mehr Tropfen auf dem Asphalt gelandet sind, desto rascher kühlt sich der Untergrund ab, bald ist der seltene Geruch schon verflogen und dann riecht es nach abgewaschener Natur. Es gibt ein zweites Phänomen, ein paar Minuten nachdem der letzte Regentropfen gefallen ist. So lange es noch warm ist, riecht es dann draußen eine Weile lang dämpfig und trotzdem klar, ich nehme an, es rührt von der feuchten Erde her. Aber von der Stimulation her läßt es mich kalt. Vermutlich verbinde ich damit kein Kindheitserlebnis, weshab diese Duftwahrnehmung keine hypnotische Qualität besitzt.

»aller Alchemie
erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
den Brücken gleichen, siehst du sie

hinführen ob der lautlosen Gefahr
der Augen, die ein heimlicher Verkehr
an die Kanäle schließt«

Idealer Tag, um die Blüten und Blätter aus Frühling und Sommer in das große Heft einzukleben.

4.9.

Der vorläufige Höhepunkt eines an Höhepunkten wahrlich nicht geizigen Jahres ereignete sich am gestrigen Nachmittag um 15 Uhr 23 an einem Bratwurststand. Wir saßen im Garten des Literarischen Colloquiums unter einer Eiche, ich aß eine Bratwurst, da näherte sich dem Bratwurststand ein einzelner Mann. Wie zögernd war er in einigem Abstand zum Grill stehengeblieben.

»Sie sehen aus, als wollten Sie eine Bratwurst«, rief der Bratwurstmann.

»Ja«, sagte der Zögerliche, »aber nicht jetzt«. Dabei griff er sich mit beiden Händen bedeutsam in den Bauch.

»Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel«, rief der Bratwurstmann.

»Ja, aber ich will nicht noch männlicher werden. Es reicht.«

Wie immer, wenn mir so etwas passiert, hatte ich nichts zu schreiben dabei (also Notizbuch oder überhaupt Papier), also notierte ich den Dialog auf eine Wurstpappe. Beinahe ein mise en abyme!

Kurz darauf fingen in der sogenannten Rotunde am Wasser die Lesungen an. Es war deprimierend. Und Anne, die angeblich an einer durch die Einnahme von Aspirin Complex verkomplizierten Sommergrippe litt, steigerte sich in den Wahn, in dem Gebüsch hinter uns hingen Verwesungsgerüche (was ehrlich gesagt auch gut sein konnte, denn es gibt hier derzeit des Nachts umherschweifende Füchse, die in den stillen Gärten ihre Paarungsspiele aufführen). Nicht einmal Joachim Lottmann war gekommen. Der einzige uns bekannte Schriftsteller war Alban Nikolai Herbst. Anne drängte auf sofortigen Abbruch des Experiments.

Am Tor trafen wir auf Philipp Albers und Holm Friebe, die versuchten eine der Stipendiaten des Hauses telefonisch zu erreichen, um das Eintrittsgeld (8 Euro) zu sparen. Mit Holm Friebes Journalistenausweis hätte es sogar nur 5 Euro gekostet. Ich fachsimpelte mit Luke über mein Holzbein. Bald würde es ja wieder Zeit sein, dass ich diese Hose tragen könnte, und, so Lukes Hoffnung nun seit über einem Jahr, dann wäre auch bald darauf die schöne Erntezeit gekommen, dass Luke die aus meinem Holzbein sprießenden Gemüse endlich ernten dürfte. Dann lockte die Hüpfburg, die als Kinderfang gut sichtbar im Eingangsbereich vor dem Haupthaus aufgepumpt worden war. Schon einige arglos vorbeispazierende Familien waren an diesem Nachmittag von ihren durch die Hüpfburg faszinierten Kinder in die Fänge des Sommerfestes geraten. So auch der nette Unternehmensberater, den wir mittags beim Zitronenkuchen kennengelernt hatten, und dessen freundlichen Söhnen wir arglos von den Freuden des Sommerfestes erzählt hatten. Auch die hielten sich nun schon seit einer Stunde in der Hüpfburg auf. Ihren Vater, der für den Erfinder von Red Bull einen Salzburger Buchverlag aufbaut, hatten wir leider nicht wiedergesehen. Vermutlich networkte der im Gebüsch. Dann kam endlich die Stipendiatin, Philipp und Holm wurden erlöst.

Heute früh: Nebel, Kirchenglocken. Eine Novität. Anscheinend werden die den Sommer über abgeschaltet.

3.9.

Mit den Worten Jürgen Dollases aus dem ausgezeichneten Gespräch mit Sven Michaelsen fuhr ich gegen Mittag in die Innenstadt. Wie schön er von seinen Lehr- und Wanderjahren verdanks LSD erzählt: »Wenn man was drin hat, kann man das so sehen. Das Drogenohr hört ja ein bisschen anders. Wir haben psychedelisch korrekte Musik gemacht, die unter Drogeneinfluss sehr gut wirkte. Ich hatte enge Beziehungen zu einer Kommune in Viersen am Niederrhein, die indische Musik hörte und sehr mit fernöstlicher Philosophie zugange war. Wir waren in einer Phase des LSD-Konsums angelangt, in der es keine Halluzinationen mehr gab. Für uns waren Drogen ein todernstes Wahrheitskonzept. Drogen waren unser Leben. Wir verstanden Leute nicht, die sich Drogen reinschmissen, nur um in ihrem Kopf irgendwelche irren Kinoeffekte zu erzeugen und dann staunend und mit offenem Mund rumzuliegen. Das war eine andere Abteilung. Mit der hatten wir nichts am Hut. Uns ging es um ein psychedelisches Klarbewusstsein.«

Das Beste an LSD scheint mir vor allem, dass man diese Wahrnehmungen, die Jürgen Dollase als »psychedelisches Klarbewusstsein« beschreibt, als bereichernde Erfahrung mit in die Nüchternheit nehmen kann. Dass man sich besser, ja: klarer als bei jeder anderen Droge, die ich kenne, daran erinnern kann, was man anders gesehen, dadurch erlebt hatte. So kann ich mir besser erklären, weshalb er (Dollase), als er noch regelmäßig in der Zeitung über Restaurantessen geschrieben hat, zu diesen für ihn typischen Texturanalysen von Nahrungspartikeln gefunden haben konnte. Er schrieb da oft und wie ich finde auch unnachahmlich aus der Perspektive eines Wesens, das irgendwelche speziellen Zubereitungen zum entweder allerersten Mal auf diese Weise zu sich nahm, oder das, aufgrund seiner Wesenheit, sämtliches, was dort auf dem Teller vor ihm wartete, in seiner fremden Eigenart zu beschreiben versuchte, als handelte es sich dabei um den Bericht von einer Expedition. So kann das Ergebnis einer gelungenen Erfahrung mit LSD sein: Man sieht den Wald, die Bäume und die Freunde, die Sonne, und später den Mond und die Sterne wie zum allerersten Mal (an das man sich bis dato ja leider nicht mehr erinnern konnte), und wächst nun noch einmal, wie ein Kind, das sich später an diese Weltwahrnehmungserfahrung erinnern können wird, mit allen Sinnen in die Dingwelt hinein. Für manche wirkt das wie eine religiöse Erfahrung, und sie verlassen die Kirche in dem Gefühl, ein besserer Mensch geworden zu sein.

Später am Tag wurde mir in der Punk-Pizzeria ein Modedesigner vorgestellt: Juri aus Nürnberg. Er ist sechzehn Jahre alt. Er betreibt mit seinem Freund ein Label, HUMM. Sie entwerfen T-Shirts, die sie aus ihren Jugendzimmern heraus vertreiben. Bezahlung per Paypal. Ich bestelle mir eins. Noch während wir reden, erhalte ich die Versandbestätigung (Tommy Hilfiger hat Juri nach Berlin einfliegen lassen, um seine Veranstaltung während der Bread & Butter mit jungen Talenten zu garnieren, der Freund ist daheim in Nürnberg geblieben und kümmert sich um die Geschäfte). Juri trägt einen medivial haircut, wie er einst für die erste Kollektion von Raf Simons erfunden wurde. Als Raf Simons auch das Ding mit den Motorradhelmen auf dem Laufsteg erfunden hat, das später von Daft Punk übernommen wurde. Juri sammelt alte Teile von Raf Simons, den er durch A$AP Rocky entdeckt hat, und den er jetzt als ein Vorbild für seine eigene Arbeit als Designer nimmt. Juri trägt eine feste Zahnspange, und Tabassom gibt ihm zehn Euro, damit er sein Telefonguthaben aufladen kann. Dann zeigen wir ihm noch das Bless-Apartement, weil Juri Bless noch gar nicht kannte. Alles viel zu teuer für sein Budget, aber er scannt jedes einzelne Teil, vor allem die rekonstruierten Jeansjacken, dann bringt ihn Jonas zur U-Bahn.

2.9.

Die Morgenstimmung ist zur Zeit besonders schön. Der Himmel wolkenlos bis auf die Kondenstreifen, das erste Sonnenlicht liegt als goldener Fleck in den Wipfeln der Bäume, deren Grün mittlerweile ebenfalls einen Goldton mitbekommen hat (in den Linden sind es die trockenen Fruchtkapseln mit ihren ebenfalls trockenen Flügeln, an den Kastanien färben sich die ledrigen Blattfinger von den Rändern her rostfarben ein). Die Kühle des Windes und die Temperatur der Morgenluft sind beinahe identisch, der Wind liegt in der Luft und ist vor allem zu hören, als Rauschen im Laub der Bäume. Wenn er sich legt, entspannt sich das Wasser zu einer seidigen Fläche, die bis hinüber an die andere Seite sich spannt.

Als ich gestern heimkam, gegen neun, war es schon dunkel und ich dachte, macht nichts, weil da wieder dieser lupenreine Sternenhimmel zu sehen war. Ich setzte mich auf den Balkon und von den Nachbarn kamen dumpfe Lesungsgeräusche herüber und Grilldüfte. Wahrscheinlich war das der schönste Sommer. Jedenfalls kann ich mich an keinen schöneren erinnern. Auch vor allem durch den vielen heftigen Regen, aber auch durch die Umgebung hier, die Natur, an der sich die Veränderungen halt leichter ablesen lassen als am Himmel und am Straßenbild. Und die Tiere schaffen mit ihrem Tagesabläufen auch so eine Handlung, an die man sich leicht gewöhnen kann, und die nie wirklich stört, aber die immer wieder, jeden Tag aufs Neue, erfreulich wirkt. Ich würde es wahrscheinlich nicht merken, wenn eines von ihnen stürbe oder gefressen würde, denn ich gebe ihnen keine Namen oder mache ihnen Halsbänder um. Die Tiere sind die Tiere und die Pflanzen sind die Pflanzen. Eine eigene Welt. Die andere bin ich.

1.9.

Manchmal passiert es einfach so. Ich bin jetzt sieben Jahre herumgelaufen durch die Welt und hatte dabei stets dieses anscheinend unzerstörbare rote Band um den Hals, an dem ein Pendel hing aus purem Silber, darin stand eingraviert: LOVED.

Gestern rief Oliver mich an, und nachdem er mich beim letzten Mal beinahe überfahren hatte, wollte er sich diesmal korrekt ankündigen, und ich sagte: Klar, komm halt.

Wir kennen uns jetzt schon seit 1999, es ist so lange her, dass er mir in Düsseldorf die Montan Bar gezeigt hatte, damals bezahlte er dort, so viel jünger als ich, mit einem Eintausendmarkschein.

Ich würde gerne sagen: We took it from there, aber das stimmt nicht. Fotografie und Text haben sich seitdem nur noch weiter und weiter voneinander entfernt. Ich kann mich an eine Phase erinnern, da haben wir (Oliver und ich) zusammen Geschichten produziert und es war beides: ernährend und schön.

Jeder Mensch hat auch Eigenheiten. Manche davon sind supernervig, aber seine Superkräfte können sie dann aufwiegen. Mit Oliver und mir ist es und war es so, dass ich immer den Moment fürchtete, in dem er etwas essen wollte. Denn egal, ob im ostdeutschen Hinterland war oder irgendwo in Franken: Er benahm sich meiner Meinung nach unmöglich gegenüber den Kellnern und Köchen; was Oliver von diesen Leuten verlangte, war einfach zu viel. Von daher schauderte ich ein bisschen, ihm meiner Crew im Café gegenüber auszuliefern. Wenig später allerdings gab er zu: Besser als dort ginge es nicht.

Danach gingen wir in den Garten, die Sonne war am Versinken und das Wasser, träge, erschien so gülden wie Öl. Mich ausziehend forderte ich ihn auf: Lass uns schwimmen — während ich schon reinsprang.

Danach, die Sonne war noch immer nicht weg, saßen wir nebeneinander auf dem Steg; die Blässhühner cruisten; wir fragten uns, wann junge Schwäne denn weiß sich einfärben — nach dem ersten Winter?, wir redeten über Wohnorte, über die Dauer, über Formen, über das Licht und über die Jahreszeiten und irgendwann fiel Oliver ein, dass er kein Licht dabei hatte, um auf seinem Heimweg auf dem Fahrrad et cetera.

Da zogen wir uns an. Und als ich mein T-Shirt aufhob, fiel eben diese Kette mit den silbernen Anhängseln durch eine Ritze des Stegs. Und Oliver fragte: »War doch hoffentlich nicht deine Kreditkarte?«, und ich sagte wahrheitsgemäß: »Nein.«

»Pling!«

Die ersten Minuten waren schwer zu ertragen. Und es half mir sehr, dass ich einen Gast zu verabschieden hatte. Dann dachte ich stundenlang nach. Verwarf den Gedanken, mit einer Ausrüstung nach der Kette zu tauchen. Es kam dann der aufhellende Gedanke, dass mit dem Versinken der Kette eine ganze Ära endlich vorbeigegangen war.

31.8.

Für die Vermietung seines Hinterzimmers an die Ortsgruppe der AfD bezahlt der Besitzer des kleinen Hotels gegenüber einen hohen Preis auf Raten: Über Nacht wurde die dem Café zugewandte Seite seines Hauses bis auf Höhe des ersten Stockwerks mit rosafarbenen Plakaten tapeziert, die für ein profeministisches, antirassistisches Festival werben. Die seitliche Eingangstür des Hotels war ebenso unter diesem Belag verschwunden wie das einzige Fenster zum Hof, auf dem bei Tage die Liegestühle des Cafés stehen. Der Hotelbesitzer saß telefonierend vor seiner mit Preisschildern zugehängten Fassade, die die einige Tage zuvor aufgesprühten Antifa-Fahnen verdecken sollen. Kurze Zeit später hielt der Transporter eines Malerbetriebes und zwei Männer in weißen Latzhosen machten sich an die mühselige Arbeit, den zentimeterdicken Papierbelag von der Wand zu kratzen. Beim Freilegen der Eingangstür zeigten sich großflächige Beschädigungen an der Lackierung.

Im Café war kein Gast zu sehen, was an dem pestilenzartigen Geruch liegen musste, der mir gleich beim Betreten entgegenstach: Buttersäure! Ich holte mein Döschen Carmex heraus (Methode Albert Rosenfield), um mich mit Tim auf die Suche nach der Gestanksquelle zu machen. Wir fanden gleich hinter dem Café, an der Grenze zum Hotel, einen Einkaufswagen, in dem sich ein Müllsack mit den Plakatieruntensilien fand, sowie einige aufgeschraubte Alete-Gläser, gefüllt mit einem rostbraunen, stinkenden Gel. Vermutlich wurden die nächtlichen Rächer von einem der Taxifahrer, vielleicht auch von einem der seltenen Streifenpolizisten überrascht und ließen auf ihrer Flucht über die Bahngleise ihr stinkendes Utensilio hinter dem – in ihrem Sinne – unschuldigen Café zurück.

Der Morgen war, zumindest halb: im sogenannten Eimer. Aber ein Gutes hatte das Ganze: Tim verriet mir die Zahlenkombination für die rote Metalltruhe, in der die alten Ausgaben der Zeitung bis zu ihrem Abtransport zum Altpapiercontainer gelagert werden. Und zwar seit dem Tag der Eröffnung. Hunderte Ausgaben liegen darin. Durch das Zahlenschloss und die wetterfeste Metallkiste in mint condition erhalten. Ein Schatz!!!

30.8.

Man solle, hatte Doktor Benn verschrieben, ab und an mal aufs Wasser schauen. Aber manchmal werde ich dem auch müde, vielleicht liegt es daran, dass ich es jederzeit haben kann. Dann fahre ich zu dem kleinen Gasthaus am Ufer der Schnellstraße und schaue mir von der Terrasse dort nach Sonnenuntergang den River of Brakelights an. Und die Leuchtbuchstaben der Sparkassenfiliale gegenüber, von denen in jeder Woche vom Wortende her ein weiterer stirbt. Gestern stand dort Spark. Das vorletzte A bereits zur Hälfte erloschen.

Dass George Spencer Brown gestorben ist, vielleicht schon am letzten Donnerstag, habe ich aus einer Randspalte im Feuilleton erfahren. Die Kolumne war so geschrieben, dass ich viele Zeilen lang nicht verstanden habe, worauf es hinaus laufen würde. Und die für mich interessante Nachricht vom Tod George Spencer Browns wurde dann unvermittelt kurz vor Ende des Textes gebracht.

Vor ein paar Wochen hatte ich immer wieder versucht, ihn zu erreichen. Ich hatte ihm Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen, ihm geschrieben. Aber ich war nie zurückgerufen worden und es hob nie jemand ab. Die Nummern und Adressen hatte ich einer deutschen Ausgabe seines Only Two Can Play This Game entnommen, das vor ein paar Jahren in einem Kleinverlag erschienen war. Für diese, leider grottenschlecht übersetzte, herzlos gestaltete Ausgabe hatte er noch ein weiteres Vorwort verfasst, an dessen Ende er seine Telefonnummern und Adressen gesetzt hatte. Verbunden mit der Bitte, ihn anzurufen, mit ihm in Kontakt zu treten, ihn mit Fragen zu belästigen. Ich hatte keine Frage, ich hatte eine Bitte: Ob ich ihm bitte eine anständige Übersetzung machen dürfte. Denn die im sogenannten Bohmeier Verlag erschienene Ausgabe hatte mit seinem Text eigentlich nichts gemein. Es war nicht nur von der Qualität der Übersetzung her schlecht gelaufen, vor allem hatte man dort aus was weiß ich für welchen Gründen, die gesamte Struktur des Buches, seinen Aufbau, in dem ein großer Teil seiner Schönheit besteht, durch mir willkürlich erscheinende Kürzungen zerstört.

Only Two Can Play This Game ist 1971 erschienen. Es ist ein Buch über die Liebe: »Man has nothing to say on its own, but what he says he gets from the woman. The woman has it complete but she has no voice to say it, the man is the voice; he is the poet and she is the muse. And if the voice of man divorces from its feminine source and thinks it can say it all on its own, then we get this nightmare – or comedy if you like to look at it that way«. Den Text entwickelt George Spencer Brown vom Ende seiner Liebeserfahrung her. Es beginnt mit einem Bild von den Toren des Himmels, die sich alle 500 Jahre nur für einen Augenblick öffnen. Doch er kommt zu spät. Und muss nun weitere 500 Jahre warten. Warum es schief gegangen ist, erfährt der Leser in Andeutungen. Es waren wohl familiäre Zusammenhänge, kulturelle Unterschiede zwischen seiner Herkunftswelt und der seiner Braut. Nun ist die Tür geschlossen, das Bild der Tür wiederholt sich. Ansonsten macht der Text formal vier Wandlungen durch. Es gibt zunächst mehrere Vorworte (Vorwort zum Vorwort, Einführung, Brief vorab (»Lovely Girl,«)), dann ein Hauptstück, das aus elf Gedichten besteht. Diese Gedichte formulieren die Klage. Dann kommt die sogenannte Ausführung. Und ein Postscriptum. Hier ist aber erst die Mitte des 144 Seiten umfassenden Bandes erreicht. Denn nun gibt es eine kommentierte Bibliothek, geordnet nach Schwierigkeitsgraden (easy, harder, hard). Dann erst nähert er sich einem Schluß an mit der sogenannten Abschiedsreise.

Es ist das wertvollste Buch, das ich besitze. In jeder Beziehung. Zum Glück kann ich es lesen. Wer die deutsche Ausgabe gekauft hat, versteht leider kein Wort.

29.8.

Gestern Nachmittag bekam ich endlich ein für mich mittlerweile legendäres Exemplar der International New York Times vom 20./21. August 2016. Am Samstag war ich in Zürich und Jan teilte mir per SMS mit, ich solle mal diese Zeitung befühlen, da würde nun ein anderes Papier verwendet, es sei seidenzart. Aber sämtliche Ausgaben, es war da schon spät am Abend, die ich in den Läden auf der Landstraße befühlte, hatten das gewohnte Papier. Schließlich bat ich den fernen Freund, seine Ausgabe unbedingt aufzubewahren.

Eine wichtige Maßnahme. Vor allem, da sich die Annahme, es handele sich um eine Art haptischen Relaunch unter Beibehaltung der grafischen Formalien – ein für wenige Stunden mir als aufregend subtiles Konzept die Fantasie anregend –, sich bereits mit den darauffolgenden Alltagsausgaben als falsch erwiesen hatte. Die Zeitung erschien nun wieder auf dem gewohnten, etwas raueren Papier ohne jenen Schimmer, vor allem auch ohne dieses pergamenthafte Knistern, das ich nun gestern zum ersten Mal mit eigenen Ohren genießen durfte. Es war wohl ein einmaliger Vorgang, der auch nur einen bestimmten Teil der Auslandsauflage in veränderter Papierqualität erscheinen ließ. Das Knistern vertont übrigens besonders hübsch die Geschichte auf Seite zwei, ein großes Porträt des Insektenstichforschers Justin Schmidt, der sich zum Zweck seiner Forschung — you do the math. Schmidt sagt, der schlimmste Schmerz würde vom Biss der Pogonomyrmex ausgelöst, einer Unterart der Knotenameisen (die hierzulande Gott sei Dank nicht vorkommen). Den Schmerz beschreibt er als deep and ripping. Der Satz auf dem seidig glänzenden Papier und dazu das Knistern: ein Gedicht!

Soll man alte Zeitungen dann trotzdem noch lesen? Die Antwort liefert in dieser Ausgabe der Comicstrip: Man sieht Snoopy, der ein Bündel aufgespießter Marshmallows von der Feuerstelle wegträgt. Als er das Panel verlassen hat, sagt Charlie Brown zu Linus van Pelt: »Who else do you know who keeps toasted Marshmallows in the freezer?«

28.8.

Jeder Text bringt auf seiner Außenseite eine Schattenwelt zur Blüte, da mag es sich um Verdrängtes, um Unausgegorenes handeln, vielleicht sind es auch Versionen ex negativo, die während ich deren Gegenteil zu bannen suche, umso lebhafter auf ihre Existenz hinzuweisen sich verpflichtet finden. Mit den Mitteln des Kampfes um meine Erinnerung.

So wurde ich in meinem Traum in ein lichtes Labor entführt, das einer Sekte gehörte. Es handelte sich um Anhänger eines neuen Scaphismus, meinem Gefühl nach kultivierte Leute, doch wurden mir die Bilder des Traumes aus einer fixen Zentralperspektive heraus vorgeführt. Und so erkannte ich auch erst allmählich, denn dazu gab es keine weiterführenden Erklärungen, zu welchen Experimenten dieses Labor von jenen, die mich dorthin geführt hatten, gedacht war.

Es gab keine Boote. Jedenfalls nicht in der überlieferten Form. Die Probanden lagen nackt in perlmuttschimmernden Wannen, die mit einem subtrathaltigen Gel, einer fürsorglichen Nährlösung, die sie auch vor einem eventuellen Wundliegen schützen sollte, durchspült wurden. Der folternde Schmerz, die Qual, die einst auf primtive Weise durch das Gemisch aus Honig und Milch, durch die Hitze des Hochsommers und durch die Insektenschwärme beigebracht worden war, man hatte sie gänzlich in das Innere der Schädel verlegt.

»Wir induzieren ihnen auf dem Wege einer simplen Manipulation der Elektrochemie ihrer Gehirne einen unablässigen Liebeskummer. Dazu bedarf es, da wir lediglich die Reizwege anzapfen und gewissermaßen irritieren, noch nicht einmal eines in der Realität unerreichbaren Subjekts. Das Leiden dieser Probanden, das sie hier bezeugen, auch Frauen darunter – sie können nicht viel mehr noch als liegen –, ist dennoch so tiefgehend wie wahrhaftig zu empfinden. Dabei geht es, objektiv betrachtet, um nichts. Und dieses Nichts höhlt sie dennoch vollkommen aus.«

Noch mehr als eine Stunde des Transkribierens liegen heute noch vor mir. Ich bin gespannt, was sich dadurch auf der Schattenseite ergibt.

27.8.

Es gab in der DDR tatsächlich zwei verschiedene Modelle von Außenbordmotoren, erklärte mir der Mechaniker in Potsdam gestern Mittag: Zur heute noch auf Ebay gehandelten Forelle, einem formschönen Zweitakter in türkis und orange, wurde ein speziell für Faltboote geeigneter Seitenmotor namens Tümmler hergestellt, der aus einer roten Blechkapsel und einer daraus hervorgehenden langen Welle bestand. Herr Müller war einst für die Reparatur dieser Motoren ausgebildet, mittlerweile hat er sich auf Yamaha spezialisiert. Eine schattige Halle im Potsdamer Hafen, wo auf zig Lastkarren montiert, zig Außenbordmotoren ihrer Wartung harren. So nun auch meiner. Es gibt wohl ein Vergaserproblem. Sehr angenehme Umgangsformen dort in der maritimen Garagenwelt.

Dann brachte ich meiner Mutter das alljährliche Geburtstagsständchen auf ihrem Anrufbeantworter dar, und lockte Wolfgang Ullrich in den Biergarten, um ihn dort im Schatten der Kastanien gnadenlos mit alkoholfreiem Weizenbier abzufüllen. Eine Strategie, die sich bezahlt machte: Wir redeten zwei Stunden lang über beinahe alles. Immer wieder wird mir dann beim Anhören eines Bandes klar, wie wenig ich von einem Gespräch noch weiß. So, als ob ich während des Gespräches mich darin, im Gespräch selbst, aufgelöst befunden hätte. Beim Abhören dann wird mir erst bewusst, was genau gesagt wurde. Die Schönheit des gesprochenen Wortes tritt für mich dann erst hervor und es ergeben sich neue Zusammenhänge, die mir währenddessen, im Moment des Sprechens und Zuhörens, noch nicht klar geworden waren. In dieser Form.

Das Verhältnis von Rede und Niederschrift scheint mit vergleichbar mit einem Traum und einer nachträglichen Begehung eines Gebäudes, in dem dieser Traum sich abgespielt hatte (im Traum). So denn so etwas möglich wäre. Ich ginge dann in diesem rekonstruierten Traumgebäude umher, von einem Raum in den anderen, auch einmal vor die Tür und schaute mir das Haus von außen an: So war das also. So hängt das miteinander zusammen.

26.8.

Sonnig heute. Die Temperatur beträgt derzeit »18*«; die Höchsttemperatur wird bei »32*« liegen. Der erste Termin im Kalender heute ist um 14 Uhr 30.

Schon interessant, was das iPad so alles weiß. Schön auch der Einsatz des Semikolons. Auch dass es das Celsiuszeichen anzeigen kann, es mir aber auf seiner Tastatur selbst nicht zur Verfügung stellt. Bis heute hat es sich auch noch kein Mal wegen Überhitzung abgeschaltet. Das war bei meinem ersten Modell andauernd der Fall (damals wurde ein gelbes Warndreieck angezeigt; ich weiß noch nicht einmal, wie das aktuelle Hinweisdesign auschaut). Als ich mal in Beirut war, ließ es sich nur in geschlossenen Räumen verwenden. Was das iPad nicht weiß: Gestern Nacht war, wie schon in der Nacht zuvor, ein spektakulärer Sternenhimmel zu sehen. Sogar eine Sternschnuppe habe ich gesehen gestern, so plötzlich tauchte die auf, dass mir erst viel später eingefallen ist, dass ich mir etwas hätte wünschen dürfen.

Noch vor dem Morgengrauen wurde ich von lautem Geschnatter geweckt, das sich noch in wütendes Lärmen steigerte. Das kommt eigentlich nie vor, Enten schweigen in der Dunkelheit, also nehme ich an, dass sie die Wasserschlange bekämpfen mussten. Wobei: sind Wasserschlangen nachtaktiv? Diese jedenfalls ist dünn, vielleicht zwei Finger breit, aber sehr lang mit einem blauen Kopf (die Farbe verläuft dann auf ihr Körperende hin zu einem grünlichen Braun). Und sie kann, ich habe es mit eigenen Augen gesehen: klettern. Sie kroch aus dem Wasser, indem sie sich schlängelnderweise bewegte, einen Pfeiler empor, schlängelte sich wie ein Gartenschlauch über das Gitter des Steges und sprang an dessen schattigem Ende in ein Gebüsch.

Und noch zwei seltsamen Wesen bin ich gestern begegnet: ein Tagpfauenauge landete direkt neben mir auf einem Blatt und klappte seine Flügel auf. Dafür hatte es sich kopfunter positioniert, sodass mir die beiden blauen Augen wie mich betrachtend erscheinen – sollten? Das war an dem kleinen Sandweg zum Strand, auf dem mir kurz zuvor eine Person begegnet war, die eine große aufblasbare Wassermelonenscheibe trug; so groß und dabei mir zugewandt, dass ich nur noch die nackten Beine darunter als menschlich identifizieren konnte, alles Übrige war bereits zur Melone geworden.

25.8.

»This is the cat who’s not on the list, playing jazz in the office of its therapist« — Ich lebe jetzt schon über ein Jahr mit diesem literarischen Ohrwurm, einst von Clemens J. Setz auf Twitter verfasst, als er von seiner Nicht-Nominierung für den Deutschen Buchpreis erfahren hatte (im Hintergrund war ein Siebdruck von Andy Warhol zu sehen, Siegfried Unseld abbildend).

Die Stunde zwischen Frau und Gitarre war das Buch jenes Jahres für mich (und nicht nur für mich!!!). Es ist es bis heute geblieben. Ich lehne Preise und Wettbewerbe grundsätzlich ab, das hat vermutlich mit meinen mangelnden Erfolgen im Sportunterricht zu tun (es war sogar so, dass ich beinahe durchs Abitur geflogen wäre, aufgrund von »Leistungsverweigerung« und wegen Sport!!!), aber ich weiß schon, dass es Menschen gibt, die das gleiche tun und vorhaben wie ich und die sich im Innersten getroffen fühlen, wenn ihre Bemühungen dann nicht prämiert werden wie es sich gehört.

Aber gleichwie: Ich habe ganz andere Probleme. Vor allem: Wie sollte ich meine Zeit verbringen, wenn ich einmal zwei Tage nichts zu tun hab. Nachdem ich megalang geschlafen hatte, wurde es bald schon derart warm – es war mir prophezeit worden –, dass ich es in meinem Bett selbst ohne Decke nicht mehr aushalten konnte.

Also essen. Das orientalische Frühstück hatte mich offenbar auf den Geschmack gebracht. Und ich brach auf zur Mutter Fourage, um dort diese Zeitung zu lesen, aber eigentlich vor allem auch deshalb, um dort die Öffnungszeit des Grünen Baums abzuwarten (der ja, Schwäbisch wie es dort zugeht, keine Frühstücksdienste anbietet).

Das wirkt jetzt müßig, ich hatte auch ein latent schlechtes Gewissen, aber andererseits kann ich keiner und keinem der zahlreichen in Berlin so unendlich hart und endlos schuftenden Redakteure, die sich in Festanstellung befinden, ernstlich raten, auch nur zwanzig Meter in meinen Schuhen (Doc Martens) zu gehen. Es ist halt schon etwas anderes, wenn man irgendwo Mittagessen geht ensemble; wenn man jemanden next door fragen kann, wie er das findet, oder wenn man, wie ich und ein paar andere: das stets und immer mit sich alleine ausmachen muss.

Von daher, von meiner schwäbischen Disposition und von meiner Erziehung her fällt es mir extrem schwer, auch einfach mal nichts zu tun. Denn auch dieses Nichts will ja gestaltet sein. Gerade weil ich nach zwanzig Jahren auf diesem Fleck ja weiß, dass der Winter so lange dauern wird wie eine Schwangerschaft, die nach neun Monaten der Innerlichkeit eine kurze Zeit des Freiheitsgefühls hervorbringen wird. Aber als ich dann im Garten hinter dem Grünen Baum endlich saß, erwies sich meine Entscheidung als eine richtige, denn dort herrschte, vermutlich für den heutigen Tag bloß, vielleicht noch ein paar Tage länger: das schwäbische Licht. Und ich sah vor mir: die orangefarbenen Plastikstühle in Stuttgart auf der Forststraße oder irgendwo sonst in einer Hanglage. Dass man überall dort auch hineingehen konnte, in einen Zeitschriftenladen, und dort gab es unter einer Haube die unerreicht zäh abreißenden Brötchen, mit Käse und sauren Gurken und Lyoner belegt.

Freibadfantasien: das kurze Gras heiß und spitzig. Und im Schatten der Bäume drückten die Wurzeln durch das Liegetuch. Wie man hinübergeschaut hat in die Welt der Mädchen, die Federball spielten. Wie klumpig man selbst sich fühlte, in Anbetracht dieser reckigen und dahinhüpfenden, immer fröhlichen Wesen, die erstrebenswert waren. Und wie rätselhaft es mir immer erschienen war, mit wem sie sich dann letztendlich einließen — irgendwelche Fußballspieler mit derbem Humor und ebensolchen Arten, ihnen an den Po zu greifen. (Und du hattest dir komplizierte Gedanken zu Mixkassetten und Gedichten gemacht!)

Ich aß dann, kontrapunktisch: Käsespätzle mit grünem Salat. Klar gibt es ganz schön viele Menschen in Deutschland, die bei Hitze ausschließlich Salate zu sich nehmen. Aber dann bedenke man doch die eine echte Hitze gewohnten Völker des Orients, die ja auch heißen Tee zu sich nehmen bei 50 Grad und nicht etwa iced water wie im Land der Aircondition, Amerika. Und ich will im Sommer ja auch gar nicht aktiv sein. Ich will keine Wasserbälle herumkicken, ich will gar nicht schwimmen. Ich will mich, wie Hermann Lenz das in seinem schönsten Gedicht schrieb: einrollen wie ein Weinblatt.

Und darin will ich träumen und nachdenken über das, was kommen wird: der Herbst, die Innerlichkeit und die Liebe. Ein Solar-Aggregat will ich sein nach dem Bild einer Traube, in deren Inneren sich die Hitze sämtlicher Sommertage bewahrt. Wein will ich werden, der all dies, was über dies Jahr an Absurdem geschehen, in gewandelter Form offenbart.

Oder, Steve would hate it, wie Jan Philipp Reemtsma es einst in seinem Keller geschrieben, ganz kurz vor Schluss:

»Sie wussten, dass sie nur nebeneinandersitzen konnten, beide in ihren Gefühlen isoliert, aber mit einer Hand als Brücke.«

24.8.

Und tatsächlich begab es sich über Nacht, denn als ich am Morgen des 23. August zum kleinen Café gegenüber strebte, entdeckte ich dort unter dem Kastanienbaum die Zeichen: Jemand hatte die Fassade des Hotels, in dessen Hinterzimmer vor Wochen die klammheimliche Veranstaltung der AfD stattgefunden hatte, mit dem stolzen Fahnensymbol der Antifa besprüht. Und zwar makellos. Jeden einzelnen Blümenkübel. Dazu führte eine Spur von dem Taxistreifen mit den gewaltbereiten Taxifahrern im Stil einer Schnitzeljagd dorthin, wie einst vor Jahrzehnten in Gstaad die rosa Fußabdrücke des Pink Panther (als Blake Edwards dort den ersten seiner Filme mit Inspector Clouseau präsentierte). Und ich sprach den Hotelbesitzer an, der gerade kurz nach Sonnenaufgang damit beschäftigt war, über jede einzeln schablonierte Antifa-Fahne ein Schiefertafelimitat hängen zu lassen, auf denen er seine Truckersteaks und Matjesfilets annoncierte: »Schau, ich hatte es dir prophezeit! Würdest du deinen Frischfischhandel aus der Grauzone deines Hinterzimmers auf der Straße bewerben, hättest du eine Vermietung an diese Leute doch gar nicht mehr nötig.«

Woraufhin er sich reuig gab, und mir gegenüber Besserung gelobte.

Dann diese Zeitung, danach zum Friseur. Potsdamerstraße 155 — das kann ich mir leicht merken, denn es ist ja dieselbe Hausnummer in der nur anders benannten Straße mit selbem Verlauf. Und es kam, wie es kommen musste – mittlerweile sind wir einander ja ein wenig vertraut: »Was machen Sie eigentlich beruflich, wenn ich fragen darf?«

Nach all den Jahren, Jahrzehnten mittlerweile, verspüre ich noch immer diese Hemmung, ich suche nach einer möglichst kleinlauten Bezeichnung. Und, weil ich die darauffolgende Frage bereits erwarte, frage ich ihn: »Was heißt denn Liebe auf Arabisch?«

Und er: »Habibi (حبائب)«.

Ich: »Na, ich meine das etwas Intimere!«

Er: »Hayet (محبة). Hayet, oder Hob (حب)«.

Das deckt sich mit meinen Recherchen. Wobei im Internet ja auch behauptet wird, es gäbe im Arabischen weit mehr als hundert verschiedene Worte für Liebe (so wie bei den Inuit, die kennen ja angeblich hundert verschiedene Worte für Schnee – aber welchen Schnee: tauenden, fallenden, tags, nachts, im Gegenlicht?, pulvrigen, überfahrenen, angepissten, überfrorenen, in den Händen nach Hause getragenen Schnee?). Und wenn ja, kann das Wort für Liebe des Arabischen Hob dann auf das Deutsche Sprichwort Wo gehobelt wird, da fallen Späne hindeuten? Frage ich natürlich nicht.

Danach ging ich mit Tabassom ins Persepolis, weil mir die Idee, warmen Hummus zum Frühstück zu bekommen, derart Lust gemacht hatte, Orientalisch zu essen. Da war ein kleiner Spatz (گنجشک), der sich in den Gastraum verflogen hatte, und nach einer Weile seines Herumfliegens landete er vor dem großen Spiegel und pickte sich an. Der Kellner, der uns Sabzi brachte, erklärte: »Ja, das ist an jedem Morgen so. Wenn wir dann mit dem Brotbacken anfangen, kommen die großen Vögel herein, die ihnen den Weg nach draußen zeigen.«

Dann kaufte ich ein obszön billiges Sweatshirt von Vetements in schreiendem Violett. Und als ich meinen Aperitiv bestellte, tippenderweise, haute mir plötzlich einer auf die Schulter: Vely, der Busfahrer, den ich seiner Ferien wegen seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Er sah gut aus und sagte: »Schaut her, hier schreibt jemand ein Buch!«

Ich saß dort neben dem Hotel, dessen Betreiber es mittlerweile gelungen war, sämtliche Stolperflaggen mit seinen Essensempfehlungsschildern zu verbrämen. Und wartete auf Eric, der meine Wohnung reinigen würde, wie er es einst im Dienst der amerikanischen Marine in U-Booten gelernt. Ich händigte ihm den Schlüssel aus und dazu eine Sprühflasche Fensterreiniger, die er dringend benötigte. Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der derart selbstbewußt mit einer Flasche Fensterreiniger über den Platz marschiert. Ich war so stolz auf ihn. Nächste Woche gebe ich ihm Tampax.

Und ich sagte zu Lydia, die ihn mir vermittelt hatte: »Eric is the sweetest guy in the world«.

Und Lydia sagte: »I know. If I wouldn’t like girls, I would like him«.

»Does he know that?«

»We lived together for years. He knows.«

23.8.

Die 23 wirkt als einzige von allen Zahlen in jedem Monat auf mich. Und das stark. Es hat mit Weihnachten zu tun. Der Tag vor Heiligabend. Man wird da früh schon mit dem Adventskalender auf die 23 geprimed. Es geht um die 24, aber die Vorfreude kulminiert am Tag zuvor. Die Strecke der Tage ist zurückgelegt, morgen ist es soweit.

Gestern vormittag, ich saß an den Korrekturen für den Text über das Attentat in der Geschichte, der am Sonntag erscheinen soll, da fiel mir ein: Nein, jetzt hast du die Zeremonie mit dem Oberbürgermeister in der Hauptstraße 155 verpasst. Dabei hatte ich mich extra akkreditieren lassen. Na ja. Ging nicht anders, war nicht mehr zu ändern. Am Nachmittag wurde ich belohnt mit einem Gefühl der Erleichterung, weil ich nun sämtliche Auftragsarbeiten aus den letzten zwei Wochen abgeschlossen hatte. Und somit heute und morgen nichts müssen muss, sondern nur machen kann, was ich will. Schlafen zum Beispiel. Etwas anderes fällt mir nicht ein.

22.8.

Auf dem Rückflug fiel mir wieder einmal krass auf, wie würdelos sich viele Menschen in einem Flugzeug benehmen. Insbesondere beim Einsteigen: so als hätten sie noch nie eine Modenschau gesehen. Ein Catwalk ist zwar etwas breiter als der Mittelgang, aber auch dort wird man halt, wie es bei Kraftwerk heißt, »von Millionen Augen angeguckt«. Scheint aber fast allen egal. Ebenso, dass das Flugzeug sowieso nicht losfahren wird, bevor alle ihren Platz gefunden haben. Es fährt nicht früher los, die Türen öffnen sich auch nach dem Landen nicht eher, wenn man seinem noch sitzenden Gangnachbarn das Gesäß ins Gesicht streckt, um schon mal das Gepäck aus der Lade zu zerren.

Die meisten Menschen, mit denen ich gestern geflogen bin, waren doch bereits mit der zivilen Luftfahrt aufgewachsen. Für kaum einen wird es das erste Mal an Bord eines Flugzeuges gewesen sein (jedenfalls hat leider keiner beim Blick aus dem Fenster gerufen, dass dort unten alles wie Spielzeug ausschaut). Und trotzdem kann ich mich an wenige Flüge erinnern, bei denen es beim Ein- und Aussteigen nicht unvernünftig und unwürdig zuging. Außerdem frage ich mich, wie eigentlich diese sehr dicken Menschen reisen, die es ja sehr wohl gibt. An Bord eines Flugzeuges sehe ich sie nie. Der dickste Mensch, den ich jemals selbst an Bord eines Flugzeuges gesehen habe, war Peter Sloterdijk. Er saß aber schon längst, als ich eintrat. Ich vermute aber mal, dass er sich aufgrund seiner langjährigen Dozententätigkeit seiner Catwalk-Wirkung bewusst ist, und aus seinem Auftritt vor den Passagieren das Optimum gemacht haben wird.

20./21.8.

Samstagfrüh, es war noch stockdunkel, vom Geräusch des Regens erwacht. Es rauschte und platterte wie auf ein Zeltdach, ich stand unter der Buche und wartete auf das Taxi. Dann mit der Frühmaschine nach Düsseldorf. Leider hatte ich mir nicht genau überlegt, wer wohl an einem Samstag um kurz nach sechs nach Düsseldorf muss: Das Flugzeug ist riesig und füllt sich langsam, aber allmählich dann doch mit Urlaubern, die meisten von ihnen wollen, wie ich höre, nach Miami (da war ich noch nie und ich verspüre auch keine Lust darauf, dort jemals hinzufahren). Grandioser Sonnenaufgang über der Wolkenschicht, der Himmel strahlt in einem tiefen Blau und ich träume vom Regen.

Aufgrund der Verspätung blieb mir in Düsseldorf auch keine Zeit mehr, was schade war, denn der Flughafen dort ist aufgrund seiner kompakten Bauweise ein Snackhimmel, vergleichbar in dieser Form eigentlich nur noch mit dem von Istanbul und dem von Kairo. Na ja. Der Flugkapitän behauptete, sein Name sei Carlos Sprüngli. Am Flughafen in Zürich leuchtete auf einem Display: »Der König der Schweiz trägt keine Krone aus Gold, er trägt einen Kranz aus Grünem«.

Als ich das letzte Mal hier war, gab es noch Osterhasen überall.

Die ganze Langstrasse riecht, als sei sie mit Bier abgewaschen worden. Ich bin zum ersten Mal an einem Wochenende hier und sehe nun, was Beda und Yves mir ansonsten am Telefon erzählen: Auf dem Platz vor dem Studio werden drei Schreihälse von gummihandschuhtragenden Polizisten weggetragen. Die kommen jetzt ins naheliegende Gefängnis, das noch genauso ausschaut, wie man sich ein Gefängnis vorstellt: aus Felsbrocken gemauert mit Eisengittern vor den Fenstern. Nach einer Nacht dort, lässt man sie wieder frei. Zusätzlich zu diesen Abschreckungsmaßnahmen fährt die Stadt Zürich noch eine Plakat-Aktion, die in zwinglianischer Tradition rein typografisch gestaltet wurde: »DJ Dreck feat. MC Lärm spielen nicht in Zürich – Nachtleben und Lassen«. Von hinten durch die Brust ins Auge ist der Gang der Echternacher Springprozession.

Beda sitzt an seinem Schreibtisch und streicht mit schwarzem Filzstift seine Sätze von gestern durch, bis die gesamte Tagebuchseite so ausschaut wie ein von Jenny Holzer gestaltetes CIA-Protokoll. Ich beglückwünsche ihn zu seiner neuen Tapete, denn wo beim letzten Mal noch zig Ausdrucke zum Themenkreis Schauspiel und Tanz hingen, kleben jetzt Motive und Gedankenstützen zu Ausstellungsformen, Bilderwitze von David Shrigley und Fischli und Weiss, sowie so ziemlich alles, was es zum Topos des Waschbeckens zu denken, sagen, beziehungsweise anzugucken gibt.

Der Prozess der gedanklichen Zusammenarbeit wird von einem zarten Satz abgeschlossen: »Weißt du eigentlich, wieviele Menschen es gibt, mit denen man einfach so sitzen und reden kann, und dabei entsteht alles, ohne dass ich viel erklären muss – nicht so viele«.

Dann durch die Napfgasse in die Kronenhalle. Es nieselt, die Luft aber steht. Es ist megaschwül und von daher stört es nicht, dass die Kleidung feucht auf der Haut liegt. Man ist in einem Element. Der Kellner weist uns einen ungewohnten Tisch an, wo früher angeblich Josef Ackermann immer saß, bevor er sich dieses Privileg auf unzwinglianische Weise verspielte. Von dort aus kann ich mein Lieblingswappen am Deckenfries sehen, jenes von Riesbach, daneben steht in einer Fraktur:

HOHE MASTEN
SCHWERE LASTEN
SCHLIESSEN UM DIE WELT EIN BAND

Das Wappen besteht aus einem auf den Kopf gestellten J, die Krümmung in weiß, der Griff aber rot auf dunklem Grund. Nach dem Geschnetzelten mit doppelt Rösti stellt man uns eine Saaltochter vor, deren Großvater bereits hier als Kellner gearbeitet hat. Gespräche über Liebe und Freundschaft und Liebeskummer auch. Der unter Männern angeblich so rare, in Wahrheit doch extrem wichtige Themenkreis.

Zu Fuß durch den warmen Regen über die Brücke nach Hause, wo vor meinem Hotel bereits die Vorbereitungen für die nächste Party laufen. Deren Fortgang wird im weiteren Verlauf der Nacht direkt bis in mein Zimmer im vierten Stockwerk live übertragen. Der Ventilator läuft die ganze Zeit, bis es hell geworden ist und die Langstrasse riecht schon wieder so, wie abgewaschen mit Bier.

Das Gute an Zürich ist für mich, dass ich mir um den ganzen Rest, um die Straßennamen und Gebäude, um die Umgangsformen und den Look hier, überhaupt keine Gedanken mehr machen muss, weil dazu alles, wirklich alles bereits gesagt und geschrieben worden ist.

19.8.

»Nur in alten südlichen Städten gibt es dieses Laternenlicht, das mühelos die Schleusen der Erinnerung öffnet«, las ich neulich in einer Kritik von Andreas Kilb zu Julieta, dem neuen Film von Pedro Almodóvar. Und das ist so. Es ist ein orangefarbenes, punktuell klares, dann zu den Seiten hin ausblutendes Licht, das von den Laternen dort ausgeht. Nachts erscheinen diese Landschaften wie bewacht von dem orangefarbenen Licht. Dazu feilen die Grillen und raspeln die Frösche. Autos geben beim Anfahren unnötig viel Gas. Zu Silvester gibt es kein Feuerwerk, es wird gehupt.

Man weiß sofort, dass man dort ist, gleich bei der Ankunft. Hat man sich dort jemals wohlgefühlt (wozu es keine Verpflichtung gibt), atmet man auf, denn nun ist man daheim.

Die Laternen auf der gegenüberliegenden Seite des Sees hier haben eine ähnliche Wirkung. Als ich neulich mit Christoph gegenüber des Stehimbisses zum Schleckermäulchen nachtessen war, erzählte er mir von einem Buch, in dem er gelesen hatte, dass es noch immer als eine ideale Umgebung für Menschen gilt, wenn ihre Behausung sich auf einem Hügel befindet, mit einem Blick auf ein Wasser und im Rücken der Wald (oder zumindest stünden dort Bäume). Das sei so, laut Christoph, weil Menschen seit Urzeiten sich solche Umgebungen als Siedlungsplätze gesucht; um eine Wasserquelle in der Nähe zu haben, dazu den Schutz im Rücken, sowie Ausblick nach vorne, um im Vorhinein erkennen zu können, falls sich eine Gruppe von Feinden anschleicht.

Kann gut sein, dass ich deswegen hier selig bin. Kann aber auch genauso gut sein, dass es hier schön ist. Ich las in einem Buch von Wolfgang Ullrich über »Raffinierte Kunst« von einer Erfindung der Landschaftsmaler, die als Claude-Glas bezeichnet wurde. Dabei handelte es sich um einen Spiegel, konvex, sodass das darin Gespiegelte etwas verkleinert und somit entrückt dargestellt wurde. Das Claude-Glas gab es in Schwarz getönt und in Gelb, um Mondlicht oder Sonnenaufgänge simulieren zu können. Das Claude-Glas wurde angeblich sogar eingesetzt, um bereits existierende Landschaftsgemälde in einer idealisierten Darstellung betrachten zu können.

Ich schaute in die Lichtsituation, in jene Lücke zwischen der Bäckerei und den Bäumen: wie das noch einmal hell einstrahlende Sonnengelb in den Frisuren der Passanten eine Korona erzeugte; wie es durch einen Stapel aus Leihfahrrädern hindurch schöne Effekte auf die Oberflächen der Sättel und Griffschalen produzierte. Selbst das elfenbeinfarbene Oberdach eines vorüberfahrenden Doppeldeckerbusses (»Ich soll Sie schön grüßen«) wirkte veredelt. Und vielleicht ist das ja wirklich so, dass mir ein solches Claude-Glas gehirnlich immer schon eingebaut war.

18.8.

Rings entlang seiner Ufer ist das Wasser des Sees nun auf vier, fünf Meter Breite eingefärbt im grellen Grün der Algenblüte. Von den Brücken aus betrachtet sieht das hübsch aus. Auch morgens schon, im Kontrast zu den herbstlicher beginnenden Tagen. Ich brauche jetzt bereits einen dünnen Wollpullover, wenn ich, wie heute, noch im Freien sitzend lesen will, wie der Humor in Sven Regeners Romane gelangt.

Dazu singt von der Krone der Kastanie, an der schon seit drei Wochen die grünen Stachelkugeln hängen, eine Meise. Tim legt die mit dem Logo von Orangina bedruckten Liegestühle in den vorgeschriebenen Abständen auf den kleinen Platz neben den Gleisen, wo vor drei Wochen noch das Erbeerhäuschen stand. Bald schon reist er nach Konstanz, um dort noch ein paar Tage mit seiner Frau zu verbringen, dann fliegt er nach Australien, um zu überwintern.

Auf dem Foto in der Zeitung sieht Sven Regener aus wie Joachim Lottmann. Und Heimito von Doderer hat eine abgefahrene Badehose an.

Es ist Vollmond, die Schreihälse schreien, und der Himmel ist weiß.

17.8.

Aufgewacht aus einem Traum, der sehr gute Dialoge hatte: Zwei Donaldisten stritten sich in einem Nebenraum, im Bild war detailgenau mein Schreibtisch zu sehen. Das Holz der Tischplatte war gut getroffen. Die Fachleute erörterten die Rolle der Neffen im Werk, woraufhin der eine zu dem Schluss kam, Tick Trick und Track »seien doch letzten Endes recht nutzlos«, woraufhin der andere feststellte: »Enten seinen nun mal keine Nutztiere«. Er war es offenbar auch gewesen, der dem anderen in meine Schreibtischschublade eine Karteikarte praktiziert hatte, auf der dieser zu lesen bekommen hatte: »In dieser Schublade habe ich zwei Stunden lang nach meinem Bleistift gesucht und ihn — NICHT!!! gefunden« sowie eine weitere Karte in den Stiftebecher gesteckt, wie eine Grußkarte in einen Strauß, auf der gestanden haben soll: »Dies ist kein Stiftebecher, das ist Mikado!!!«

Als ich die Vorhänge wegzog, lag zum ersten Mal Nebel über dem See und das andere Ufer war noch nicht zu sehen. Als sich der Nebel lichtete, stand hinter den Häusern eine dunkle Wand. Vor dem Café kam Tim aufgeregt winkend auf mich zu, er rief mich »Doc Sportello«. Er hatte noch nie etwas von Thomas Pynchon gehört und so hatte ich ihm vor ein paar Tagen geraten, mit Inherent Vice anzufangen (in der Verfilmung von Paul Thomas Anderson). Jetzt ist er total begeistert von dem Einfallsreichtum, von den herrlichen Dialogen und freilich auch von der schönen Stimme der Erzählerin. Beim Nachspielen meiner Lieblingsszene in dem Fischrestaurent müssen wir beide lachen. Und das morgens um acht.

16.8.

Im Supermarkt fiel mir eine neue Zahnpasta ins Auge, die mit extrem hohem Fluoridanteil beworben wurde. Außerdem sah schon das marineblaue Design der Tube derart gefährlich aus, dass es mich förmlich zuzugreifen verlangte. Die ungewöhnlich stämmige Tube war in einer Art Schneewittchensarg verpackt, den ich gleich nach dem Bezahlen in den Abfallkasten warf, obwohl ich daraus auch etwas Hübsches hätte basteln können, aber die Wohnung ist mir derzeit ohnehin schon zu voll mit Krimskrams, also: was soll’s.

Kaum zu Hause, probierte ich die Paste aus, es quoll eine extrem dunkelblau schillernde Substanz auf die Borsten. Während des Zähneputzens dachte ich, dass ich vermutlich so lange bürsten müsste, bis sich der schrille Schaum ins übliche Weiß entfärbt hätte. Doch der vermutete Entfärbungseffekt wollte sich auch nach etlichen Minuten nicht einstellen. Beim Blick auf die Uhr entdeckte ich, dass bereits das halbe Waschbecken von herabtropfenden Schaumflocken in Flugzeugtoilettenspülflüssigkeitsfarben eingefärbt war. Es wurde nicht nur immer blauer in meinem Mund, der Schaum multiplizierte sich zu einer Menge, die alles auszufüllen drohte. Die blauen Rückstände im Waschbecken ließen sich nur widerspenstig beseitigen. Als ich Schaumreste von meinen Händen trocknen wollte, färbte ich damit mein Handtuch ein. Geschmacklich angenehm, glattes Zahnoberflächengefühl, aber trotzdem: Wer denkt sich so was aus?

Aus Japan hatte ich einmal eine schwarze Zahnpasta mit Jasmingeschmack. Die verwandelte sich binnen weniger Augenblicke in weißen Schaum.

15.8.

Extrem schwieriger Tagesbeginn, denn ich hatte noch vor dem zweiten Kaffee gleich Tabassom am Telefon, die mir mitteilen wollte, das Daniel tot ist. Dann weinte sie, ich weinte nicht, ich sagte: »Na ja, das war doch abzusehen.« Sie litt anscheinend um so vieles mehr, dazu kam die schlechte Leitung. Auf Twitter gab es bereits einen Nachruf von Christoph Amend und dazu eine Bildergalerie, man nennt es Rakete, mit den 52 schönsten Werken Daniel Josefsohns aus den letzten 52 Wochen seiner Arbeit für das Zeitmagazin nach dem Schlaganfall. Später noch eine ausführliche Strecke mit den Bildern von ihm in der Margiela-Pailettenhose im Rollstuhl vor der Klagemauer Jerusalems, und ich sagte zu Tabassom, die noch immer weinte: »Guck doch mal, das ist doch auch einfach so, dass die meisten unserer Freunde, und es werden ja nur noch viele mehr werden, die bald schon sterben, also, dass die doch alle was hinterlassen, an dem wir uns weiterhin und noch sehr lange werden erfreuen können. Bücher, Bilder, Kleidungsstücke – stell dir doch mal vor, du wärst mit einem Theaterschauspieler befreundet und dann stirbt der: Vielleicht oder wahrscheinlich wirst du viel zu selten in einem seiner Stücke gewesen sein und dann ist der weg und du hast noch nicht einmal mehr Videoaufnahmen von seinen Auftritten; denn Videoaufnahmen von Theaterstücken sind doch noch schlechter als irgendwas«.

Aber das half alles nichts. Und über den Vormittag hatte ich bald solch eine Menge an Anrufen und Nachrichten von ihr gesammelt, dass mir klar wurde, dass es nun zu einem Treffen kommen müsste, denn in einem Notfall geht halt doch nichts über die reale Anwesenheit. Also trafen wir uns am Nachmittag nach der Arbeit, die ja außerdem noch getan werden wollte, im Café am Boulevard, das mittlerweile gleich um die Ecke ihres neuen Studios gelegen ist, und das, seit es Stefan Landwehr und Boris Radczun in ihr Imperium Punktpunktpunkt.

Und ich sagte: »Guck« — auch oder weil ich gerade mit ganz anderen Schmerzen und Schwierigkeiten zu tun hatte, aber vor allem auch deshalb, weil ich zwar Daniels Arbeit sehr mochte, aber ihn als Menschen, im Umgang sozusagen extrem schwierig, wenn nicht sogar ärgerlich empfunden hatte: »Es gab da diesen Abend, da hatte er schon den Schlaganfall gehabt und ich war gerade aus Afrika zurück in die Choriner Straße gezogen. Da hatten wohl, das hatte ich bei einem abendlichen Spaziergang durch mein neues Viertel festgestellt, zwei Typen aus dem Breisgau in einem der letzten kaputten Häuser eine Kneipe eröffnet mit dem unmöglichen Namen Kapitalist. Ich ging damals dort rein und wollte mit denen was trinken und dabei herausfinden, worum es denen ging, konzeptuell. Aber drinnen war alles voller Blut und voller Glasscherben, denn die hatten wohl während der vorausgehenden Party derart massiv MDMA eingenommen, dass einer der beiden Geschäftsführer, ein bildender Künstler vom Schlage Jannis Kounellis‘, im Rausch durch die Schaufensterscheibe gesprungen war. Und nun saßen sie dort noch im Afterglow beisammen am Tresen und tranken badischen Wein, und sein Unterarm inklusive der Hand des Fenstertauchers war notdürftig mit Draht zusammengeflickt, aber von Blut verkrustet. Und ich fragte: ›Kennt ihr Daniel Josefsohn?‹

Nö.

Ich sagte: ›Macht nix, aber wenn es einen hier in Berlin gibt, der euer doofes Konzept, das ja eigentlich gar keines ist, außer Flaschenbier aufmachen und weiterverkaufen, vergolden kann, dann ist das er«. Und ich rief ihn von dort aus an und sagte: ›Wann könntest Du hier sein – hier sitzt ein Badenser auf MDMA mit grotesk verunstaltetem Arm. Daraus müsste man das Plakat für diese Bar machen.‹

Und Daniel sagte – nein, er schnauzte, denn das war das Unangenehme an ihm, er rief, er befahl und er bestellte und er wollte auch stets und immer viel zu viel Geld: ›Schick mir mal ein Foto, ich will sehen, w i e verunstaltet er ist‹.

So I did. Dann warteten wir. Der Verunstaltete war mittlerweise richtig nervös. Konnte sein, dass sein MDMA-Rush allmählich ein kritisches Level erreicht hatte; es konnte aber auch genau so gut möglich sein, dass er seinen möglichen Aufstieg zur Berliner Nachtlebenikone gewittert hatte und dies zu begehren begann.

Die Antwort von Daniel, so war er halt, bestand vor allem in einem Bild. Die Aufnahme zeigte ihn selbst. Zu sehen war sein Mund, bei geöffneten Lippen. Die Vorderzähne fehlten vorne oben allesamt. Dazwischen viel Blut. Darunter eine Zeile: ›Das finde ich krass, darunter mache ich es nicht‹.

Der Badenser war noch zu bedröhnt, um die Enttäuschung fühlen zu können. Ich verabschiedete mich auch im Namen Daniel Josefsohns, betrat den Laden niemals wieder und er ist, ohne dass ich da irgendwelche Querverbindungen ziehen will, mittlerweile eine der erfolgreichsten, aber auch beschissensten Kneipen in Prenzlauer Berg.«

Als ich somit am Ende einer meiner Daniel-Josefsohn-Anekdote angelangt war, ging gerade die Sonne unter. Wie teilten uns 10 Milligramm Medikinet und bestellten noch mehr Wein. Hinter der Komischen Oper zeigten sich bronzefarbene Flecken, die angeblich Wolken sein wollten, und während wir auf unseren Freund Bert aus Antwerpen warteten, verging noch einige Zeit. Aber auf angenehme Weise.

Als Bert endlich eintraf, waren wir beide längst betrunken. Bert brachte drei orangefarbene Rollkoffer aus Nylon mit und sagte: »Ich bin so froh, dass ich endlich hier bin, ich habe die letzten Monate in Basel verbracht und Basel ist wirklich die langweiligste Stadt, die ich kenne.«

Und die herrliche Schwerelosigkeit des Alkoholrausches hatte nun auch die Traurigkeit über Daniels frühen Tod längst in jene universelle Melancholie verwandelt, über die man sich ja andererseits auch freuen kann (weil man etwas empfinden kann, das einen zu Tränen rührt). Bert wird jetzt drei Wochen lang in der Bless-Wohnung in der Oderberger Strasse wohnen. Das ist eine Art begehbare Tupperware-Party für den extremsten Mode-Shit, den es so gibt. Bevor ich nach Afrika gezogen bin, hatte Cyril Duval dort diesen Job. Und er hat sich von morgens bis abends alleine betrunken mit einer Mischung aus Wodka und Mineralwasser, in die er einzelne Tränen aus Grenadine fallen ließ, weil ihm sein Gemisch ansonsten zu farblos war. Nie klingelte dort jemand, nie wollte jemand sich von ihm durch die drei komplett mit Bless-Gegenständen eingerichteten Räume führen lassen. Als ich einmal sehr gelangweilt war, kaufte ich ihm die Bettwäsche ab, die, damals neuartig, digital mit einem Schwanensee bedruckt war (inklusive der Schwäne und vor allem: der Wellen). Und ich weiß noch genau, wie sehr sich Cyril gefreut hatte, dass er seine Kreditkartenrutsche zum Einsatz bringen durfte. Und als wir damit kinderpostartig 500 Euro wegrubbelten, sagte er zu mir: »Davon habe ich schon als Kleinkind geträumt.«

Ein paar Tage später schenkte er mir ein ausgeleiertes Sweatshirt in dunklem Rosa, das er von Hand mit Linoleumstempeln bedruckt hatte: Frimaire, Frimaire, Frimaire. Er war zu betrunken, um mir erklären zu können, was es mit dem Slogan auf sich hatte. Alles, was er herausgebracht hatte, war: »Französische Revolution«. Ich hab’s gegoogelt. Danach liebte ich ihn noch mehr.

Das war um die Zeit, als ich mein erstes iPad bekam. Ich weiß noch, dass ich es direkt in diese Bar getragen hatte, in der damals Hedi Slimane auflegte. Und Matthew Evans sagte: »This is the holy grail«. Danach wurde ich vierzig. Und dann, und dann, und dann.

14.8.

In punkto Skurilität kommt an den Easy Rider nur das Birdhouse in der Heidestraße heran. Der vogelhausförmige Imbiss steht auf einer Verkehrsinsel und ist auf der zum Hauptbahnhof weisenden Seite von hohem Gebüsch umgeben, sodass ihn nur die stadteinwärts Fahrenden überhaupt entdecken können. Hier wird ein ausgezeichnetes Wurstgulasch serviert. Ich kenne den Imbiss erst seit einem halben Jahr, Erik hat ihn mir gezeigt, aber die beiden Frauen, die dort in der Küche arbeiten, erzählten mir, dass es ihn in ähnlicher Form schon seit fünf Jahren gegeben hat. Damals noch an anderer Stelle, hundert Meter weiter in Richtung Flughafen, wo das Tape war. Die rings um das Vogelhaus angebrachten Vogelhäuser werden tatsächlich bebrütet. In dieser Saison von Spatzen und Stieglitzen (es wechselt wohl von Jahr zu Jahr).

Während sie einen Aprikosenkuchen aus dem Ofen holte, die aufragenden Kanten der Fruchthälften von der Hitze geschwärzt, wie es sich gehört, erzählte sie mir von einem Drama, das sich bei ihr zu Hause direkt vor ihrem Wohnzimmerfenster abgespielt hatte: Dort hatten auf dem Fensterbrett Amseln ein Nest gebaut und die Amselmutter saß auf einem Ei. Nun nimmt das ja nicht nur mit den Krähen Formen an in Berlin, sondern es erscheinen auch vermehrt Eichelhäher und Elstern. Generell, da waren wir uns einig, ist es ein gutes Zeichen, wenn es mehr von diesen großen Vögeln gibt (in Peking sah ich in zehn Tagen keinen einzigen Vogel – dann stimmt etwas definitiv nicht in der Natur); aber speziell die Elstern sind andererseits dann wieder eine Bedrohung für die kleineren Arten. Und so kam es, dass sie eines Nachmittages schrille Schreie hörte, das Fenster stand offen und so wurde sie Zeugin, wie das Amselpaar versuchte, die Elster abzuwehren, die es auf das einzige Amselbaby abgesehen hatte. Aber weder Schreien noch Picken noch ein Angriff aus der Luft konnte es verhindern helfen. Die Amseln mussten sich geschlagen geben und die Elster vertilgte das geduldig ausgebrütete Kind.

Die Köchin des Birdhouse litt noch sichtlich unter der Erinnerung an das Erlebnis. Vor allem, das fragte sie mich: Hätte sie eingreifen sollen? Ich war mir nicht sicher.

13.8.

Von den angeblich spektakulären Mengen an Sternschnuppen habe ich keine einzige sehen können, weil der Himmel ausgerechnet in den fraglichen, den letzten zwei Nächten durchgehend von Wolken bedeckt geblieben war. Da hilft auch ein Fernrohr nicht weiter. Und heute früh dagegen, wie zum Hohn: wolkenloses Blau. Es ist deutlich kühler geworden. Auf den Blättern des Kirschbaumes, der seiner spektakulären Blütenpracht zum Trotz keine einzige Kirsche produziert hat, sammelt sich der Tau. Kurz nach Sonnenaufgang steht noch der Dunst über der Wasseroberfläche des Sees und die Häuser entlang des anderen Ufers werden zartgelb angeleuchtet, so als läge dort ein Feriengebiet. Nach dem Aufwachen fragte ich mich eine Weile, weshalb ich mich so anders als sonst fühlte. Bis ich darauf kam: Du hast zum ersten Mal bei geschlossenen Fenstern geschlafen. Es fehlen die Aufwachgeräusche von draußen. Bis auf deinen Atem ist es einfach bloß still.

Hier dröhnt es dumpf und manchmal quietscht es, wenn die Schiffskörper gegen die Landungsstege gedrängt werden. Auf der anderen Seite, das weiß ich, klingelt es bei leichtem Wind vielstimmig, wenn hundert Stahlseile an hundert Masten von Segelbooten schlagen.

Am Gemüsestand gab es die ersten Frühäpfel. Die Schale ist dünn, weiß, hellgrün und in einem pudrigen Rot gestreift. Das Fruchtfleisch bricht glatt wie Glas, der Saft schmeckt kühl.

12.8.

Nachricht von Rob: Der Versand von zehn Schachteln nach den Entwürfen Stanley Kubricks aus Nordengland hierher kostet mehr als die Schachteln selbst. Zuzüglich 20 Prozent Mehrwertsteuer. Egal, ich gebe ja sonst für kaum etwas Geld aus, und so bleibe ich bei meiner Bestellung (und bin schon gespannt, wie sie angeliefert werden – also in welcher Verpackung: hoffentlich in einer eigens dafür angefertigten Schachtel!!!).

In der Dokumentation über die Schachteln geht es auch ausführlich um die Beschäftigung Stanley Kubricks mit Schreibwaren aller Art. In der Zeit seines Überwinterns zwischen Full Metal Jacket und Eyes Wide Shut (immerhin zwölf Jahre oder so; geplant war ein Film über den Holocaust, aber während der zweijährigen Recherche kam ihm Steven Spielberg mit Schindlers Liste zuvor, der währenddieser Zeit von zwei Jahren, die Kubrick für die Vorarbeiten beanspruchte, seinen Spielfilm vorbereitete, drehte und in die Kinos brachte), einer Zeit also, die seine Witwe Christiane Harlan als ein quälendes Warten auf den Augenblick, da er sich in eine Geschichte verlieben würde, beschreibt, hatte sich Stanley Kubrick vor allem mit der Beschaffung von Schreibwaren beschäftigt. In den eigens für seine Archivierungslust angefertigten Schachteln, fanden sich auch üppige Vorräte an Notizbüchern, Blöcken, Gläsern voller Tinte et cetera. Eigentlich, so erzählt es die Dokumentation, habe er in diesen Jahren das Grundstück nur noch verlassen, um im nahe gelegenen Schreibwarengeschäft zu schauen, »ob es etwas Neues gibt«.

Gestern Abend, wir saßen gegenüber des Stehcafés „Zum Schleckermäulchen“, gab mir Jan ein angekündigtes Geschenk. Es ist unfassbar schön, ich weiß gar nicht, wo er das wieder aufgetrieben hat: ein Block aus dem persönlichen Briefpapier Audrey Hornes.

Angesichts dessen sprachen wir noch einige Stunden lang über das Leben, vor allem aber über die Liebe an sich. Und über die Schachteln. Natürlich.

11.8.

Es war um den Moment, da sich die Datumsscheibe in meiner Armbanduhr zwischen Wed und Thu entscheiden würde. Es regnete wie bescheuert und wir saßen unter der Markise des kleinen Cafés gegenüber. Vor uns, morgens wie jetzt auch noch: die unendlich scheinende, weil wie blockierte, weil ja in Wahrheit so gut wie nie abgenutzte Kleinschlange aus Taxis.

Am Morgen hatte es dort beinahe schon ein Gefecht gegeben. Wer den ganzen Tag neben seinem Wagen sich herumzustehen gezwungen sieht, weil ihn niemand will, der braucht halt einen Kratzbaum. In diesem Fall hatte er die Form eines Einkäufers in der angrenzenden Bäckerei, der, mit dreistelligem Nummernschild zudem, sein Fahrzeug vermutlich der Bequemlichkeit halber ans Ende der Schlange aus Berufsfahrern gestellt hatte. Als er die Bäckerei mit einer Papiertüte voller Brötchen verließ, sah er sich einer wütenden Menge gegenüber, die zwar nicht seinen Kopf forderten, noch nicht, aber immerhin die sofortige Wegbewegung seines PKW. Und weil ihnen das nicht schnell genug vonstatten zu gehen schien: ihm noch ein paar aufs Maul. Dazu, aufgrund der Lautstärke und Vielstimmigkeit kann es nur als Schimpf gedacht worden sein, riefen sie ihn, den Brötchenkäufer, »Fotze«. Woraufhin er, ihnen zweifelsohne nicht unterlegen in Sachen Körperkraft, seine Geschlechtsgenossen als »Schwanzlutscher« bezeichnen wollte. So ging es immer weiter, das Ende mag man sich denken. Es ging aber unblutig aus.

Dies alles besprachen wir, wir ließen es Revue passieren, während es regnete, und dazu lief Our Darkness von Anne Clark. Von daher fiel es mir leicht, Steve und Tim von den alten Zeiten in Berlin zu erzählen. Es war ja noch nicht allzu lang her, dass ich Klaus Wowereit, den damals noch Regierenden Bürgermeister von Berlin, während einer Modewoche auf einer Party in der Russischen Botschaft am Boulevard Unter den Linden zu Our Darkness (Anne Clark war dort aufgetreten) hatten tanzen sehen.

Währenddessen hörten wir This Charming Man, P-Machinery und Club Tropicana. Auf dem iPhone des kleinen Cafés gegenüber ist eine seltsame Software installiert, über die ein sogenanntes Raumland-System aus Lautsprechern sich die Musik saugt. Momentan, also zur Stunde zwischen Wed und Thu, war das, voreingestellt, ein Programm aus meiner Pubertät.

»Germany in the eighties ———«, sagte ich demzufolge.

»Who was your Madonna?«, fragte Steve, auf dessen Unterarmen links Elvis steht und rechts Bowie.

Also sagte ich: Punktpunktpunkt

Wohingegen Tim sich, da er aus Neuseeland stammt, an überhaupt nur einen einzigen einheimischen Star erinnern konnte. Bei der neuseeländischen Madonna hatte es sich offenbar um einen Mann gehandelt namens Dave Dobbyn.

Und wir kamen von Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann und Achselhaaren bald auf den 22. August zu sprechen, an dessen Morgen ja bekanntlich der Berliner Bürgermeister eine in der Königlich Preussischen Manufaktur handbemalte Gedenkkachel an der Fassade des Hauses Nummer 155 der Hauptstrasse in Schöneberg einweihen wird. Und ich bat Steve, mich dorthin zu begleiten. Ich versprach ihm, dass ich unseren Bürgermeister so weit bringen würde, ihm den Unterarm zu signieren.

Und Steve sagte: »I am considering it.«

Dazu hörten wir Eyes without a Face.

Bei den Taxlern drüben war die Lage unverändert. Und der Regen hörte und hörte einfach nicht auf.

10.8.

In der fantastischen Dokumentation Kubrick’s Boxes geht es tatsächlich ausnahmslos um die Schachteln, in denen er seine Recherchen nach Filmprojekten geordnet archivieren ließ. In einer kurzen Einstellung war dann das Firmenschild der Kartonagenfabrik zu sehen, bei der er nach Jahrzehnten von bei Schreibwarenhändlern gekauften Schachteln seine eigene, die Kubrick-Schachtel herstellen ließ. Das Modell sah schon in dem Film derart gut aus – Stanley Kubrick hatte in einem maschinengeschriebenen Brief angeordnet, dass sich der Deckel leicht, aber nicht zu leicht, eben perfekt abheben lassen müsste –, dass ich den Firmennamen googelte, um dann auf deren Website zu gelangen: C. Ryder & Co. Ltd. ist auch heute noch »Königlicher Lieferant Ihrer Majestät« als »Specialist Box Makers«. Auf meine Anfrage hin erhalte ich nach einigen Stunden auch eine Antwort per E-Mail: Ja, man könne mir diese Schachteln nach Stanley Kubricks Maßgaben auch heute noch anfertigen und hierher nach Hause liefern. Es gibt aber, das zeigt die Website in der Rubrik Wire Stitched Boxes, ohnehin ein extrem gutes Angebot an Archivschachteln von der, sozusagen: Stange. Ich bin aber derart betört von dieser einstündigen Dokumentation über Schachteln, dass ich unbedingt die Original Kubrick-Schachteln haben will. Also bestelle ich mir für meine Zwecke zunächst mal zehn Stück.

9.8.

Nach einer nahezu schlaflos verbrachten Nacht entdeckte ich nach einem Waldspaziergang im Morgengrauen ein Büschel Immortellen, die dort aus einem Riss im Trottoir wuchsen. Das war direkt neben der Platane vor dem Anwesen des Abgesandten des Saudi Arabischen Königs, dessen Name nicht auf dem Klingelschild steht. Der König von Saudi Arabien heißt, das ist bekannt سلمان بن عبد  العزيز آل سعود. Der Abgesandte hält seit letzter Woche einen Schlittenhund in seinem Garten. Das kann man durch die Gitterstäbe des Zaunes gut sehen, weil der Husky, der noch ganz jung ist und dicke Pfoten hat, als trüge er Ugg Boots, immer gleich hinter dem Tor herumliegt. Dort steht seine Behausung, ein merkwürdig schlumpfpilzförmiges Gebilde aus violettem Samt. Der Schlittenhund des Saudi Arabischen Botschafters liegt neben diesem Pilzhaus, vermutlich ist es ihm auch so schon zu warm. Außerdem glaube ich zu wissen, dass es sich speziell bei Schlittenhunden um frenetische Rudeltiere handelt. Also kommt in seinem Fall noch ein Gefühl der Einsamkeit, oder noch schlimmer: Verlassenheit dazu. Würde ich mir, wenn ich in Riad stationiert würde, dort einen Schwan halten? Vermutlich nicht. Vor ein paar Wochen ließ sich der Abgesandte in seinem Vorgarten ein Gewächshaus aufstellen. Auch wieder direkt am Zaun, sodass ich den Vorgang der Bepflanzung bequem im Vorübergehen studieren konnte. Nach und nach wurden darin hinter klaren Scheiben die eigenartigsten, nämlich die allerunauffälligsten und unspektakulärsten Pflanzen aufgestellt. Bis auf den obligatorischen Feigenbaum, den sich jeder Gewächshausbesitzer hält, wirkten die allesamt wie einheimische Ruderalpflanzen auf mich. Vermutlich wirken die aber auf ihren Besitzer exotisch. Vergleichbar mit dem traurig tapsenden Hund mit seinen eisblauen Augenscheiben. (Raf Simons hat mir mal erzählt, dass er beim Entwerfen oft an Schlittenhunde denkt; und an Siamkatzen).

Ich trennte die Immortellen ab, kürzte die Stiele, entfernte die gefiederten Blätter und stellte die gelben Knopfblüten zu den Lavendelrispen in meine Vase ohne Wasser. Angeblich behalten die Immortellen ihr Sonnengelb für ewig. Homöopathen glauben zudem, dass man mit einem Öl aus den Blüten die Entstehung von Hämatomen verhindern kann.

8.8.

Der Sonnenuntergang gestern, nach einem an sich unauffälligen Tag: Über den gesamten Horizont verteilt hatten sich konfettihafte Grüppchen aus Wolkenpartikeln eingefunden. An der Kuppel über mir noch einige große weiße Wolken, deren Unterseiten sich an den Kanten bereits grau verschattet zeigten. Dahinter aufdringliches Blau. Über dem Waldsaum erschienen Reste des Sonnenlichtes wie glühend gemachtes Eisen (noch immer fallen mir bloß solche primitiven, un-elektronischen Vergleiche ein, obwohl ich schon ewig keinen Schmied mehr bei der Arbeit beobachtet habe, dafür aber Glasbläser, und das ist noch nicht so viele Jahre her). In dem Moment flogen alle noch verbliebenen Vögel los und steuerten in einem gemischt zusammengesetzten Schwarm in das letzte Licht der untergegangenen Sonne hinein. Das machen sie überall auf der Welt so. Warum – ich weiß es nicht. Der Himmel blieb noch lange hell. Der Mond ganz rechts außen im Bild: dünn gefeilt, elegant. Die großen Wolken zerrannen zu geometrischen Strukturen, die wie eine Kalligraphie vor dem allmählich vergrauenden Blau standen. Wie um es zu rahmen und es zu bewahren. Wie auf jenem Gemälde von Nicolas de Staël.

Es wurde bald feucht und zu kühl, um noch draußen zu sitzen. Sprachlos zu Bett.

7.8.

Das mit den Krähen hier nimmt, ich will nicht sagen: überhand, aber es nimmt eine gewisse Form an, die in manchen Situationen beängstigend wirkt. Als ich gestern nach Hause kam, saßen zwanzig oder noch mehr auf dem Rasen und gingen ihren Geschäften nach. Das wirkte schon herdenhaft. Weil sie so groß sind und ihr Schnabel so lang wie mein Zeigefinger, bloß aus hartem, wie eloxiert wirkenden Material, schaut allenfalls eine in meine Richtung, wenn ich vorübergehe. Gemächlich hüpfen sie einen Meter auf Abstand, aber deswegen gleich wegfliegen? Nö.

Meine Regenbekanntschaft hatte mir erklärt, dass es für solch große und auch dementsprechend schwere Vögel, auch Blässhühner zählen dazu, Enten, Schwäne und der Kormoran, ziemlich anstrengend ist, zu fliegen. Sie produzieren mit einem Flügelschlag einen Vorschub, in den sie sich dann sozusagen hineingleiten lassen. Die Flugbahn sieht von daher einer Wellenbewegung ähnlich: nach dem nächsten Flügelschlag geht es wieder etwas bergauf, dann gleitet der Flugkörper abwärts, dann wieder Flügelschlag und immer so fort.

Auf dem Boden spazieren die Krähen herum, so als sei das ihre bevorzugte Fortbewegungsmethode. Was sie aus dem Rasen picken, habe ich noch nie beobachten können. Vermutlich Würmer. Vielleicht aber hacken sie auch bloß Löcher hinein – aus Lust am Hacken. Neulich haben mehrere von ihnen eine mit Altglas gefüllte Tüte aus der Müllhütte hervorgezerrt und mehrere Meter abseits transportiert, dort alle Flaschen herausgezogen und herumgeworfen. Als ich dazustieß, war eine von ihnen damit beschäftigt, den Verschluss eines ausgekratzten Nutellaglases aufzumeißeln. Sie wollte davon auch kaum ablassen, als ich mich daran machte die Flaschen einzusammeln. Es muss also so sein, dass Krähen einen entwickelten Geruchssinn besitzen – wie könnte sie sonst wissen, dass sich nahrhafte Substanzen im Inneren des Schraubglases befinden? Aus Erfahrung? War das vielleicht nicht das erste Nutellaglas, das sie in ihrem Leben geschaut hatte? Und wenn dem so war: Erkannte sie dieses Glas an seiner charakteristischen Nutellaglasform? Am Etikett? Gar am Schriftzug auf dem Etikett?

Joggingschuhe sollte man besser auch nicht mehr vor der Wohnungstür deponieren. Die tragen sie bevorzugt im Morgengrauen weg und schleudern sie irgendwohin: ins Gebüsch. Verlässt man das Haus, ist es anzuraten, die Balkontüren zu schließen. Kürzlich äugte eine bereits um die Ecke herein, erblickte mich auf dem Sofa und spazierte dann mit Unschuldsmiene weiter. Fehlte bloß noch, dass sie ein Lied gepfiffen hätte. Sie wollte definitiv hereinspazieren. Wahrscheinlich roch es gut.

Soviel weiß ich mittlerweile schon über ihre Lebensgewohnheiten: Sie machen Pause von 8 Uhr 30 bis 14 Uhr. Was sie dann machen, entzieht sich meiner Beobachtung, vermutlich schlafen. Aber nach 14 Uhr kommen sie wie gerufen auf den Boden zurück.

6.8.

Beim Vorbeigehen schaute ich bei der Gemüsehändlerin die neu eingetroffenen Kohlrabi, und ich sagte: »Die Blätter können Sie behalten, weil ich (leider) keine Hasen hab«.

Sie aber schon, weil ihr Mann neulich ein heimatloses Karnickelweibchen im Park gefunden hatte, das sie seitdem bei sich aufziehen (ich bin halb neidisch). Sie nahm die Kohlrabiblätter beseite, die um diese Jahreszeit so süß, so würzig sind. Dazu kaufte ich ihr noch ein paar große Karotten ab (und sie nahm deren Kraut stillschweigend beiseite) und Kartoffeln. Dann plauderten wir noch ein bisschen über die dämlichen Wahlplakate (»Standpunkt Standhaft Stephan Standfuß: CDU«, »Fahrscheinlos ins Parlament: Die Piraten«, »Fortschritts Beschleuniger: FDP«, »Dein Sex Dein Gott Dein Ding: Die Grünen«) und ich verfügte mich in die Küche, um mein liebstes Saisongericht zuzubereiten: Kohlrabigemüse und Pommes Macaire.

Für zwei Personen nehme ich sechs Kartoffeln. Die sollten nicht zu klein sein, also jeweils gerade so groß, dass sie, längswärts gegriffen, in der Hand so viel Platz beanspruchen, dass Daumen und Fingerspitzen nicht mehr zueinander finden können. Sie (die Kartoffeln) kommen auf ein Gitter in den Backofen bei 180 Grad. Und das so lange, bis ich rieche, dass sie gar sind. Wer seiner Nase nicht trauen mag: Das dauert in etwa eine Stunde. Dann knistert die Kartoffelhaut bei Berührung, und sie dürfen heraus und werden auf ein Handtuch gelegt.

Während sie dort etwas abkühlen, schäle ich eine Kohlrabiknolle, die in etwa die Größe eines Karnickelkopfes haben sollte. In dünne Scheiben schneiden, und diese Scheiben wiederum in schmale Streifen. In meiner Heimat nennt man diesen Zerschneidevorgang Stifteln und genau so sollte das Ergebnis auch ausschauen: wie kurze Stifte. Dasselbe mache ich mit den Karotten. In einem schweren Topf, am besten in einem aus Eisen, erhitze ich reichlich Olivenöl, lege eine waagerecht mitsamt ihrer Schalen halbierte Knolle Knoblauch hinein (auf die Schnittflächen), streue zwei bis drei kleinteilig zerschnittene Schalotten hinzu und lasse die so lange darin, bis es duftet. Dann kommen die Stifte hinzu. Den Abrieb einer ganzen Zitrone darüber und wenig später ihren Saft. Salzen, Pfeffern, brauner Zucker (zwei Prisen). Nach einer Weile bedecke ich das Gemüse noch mit einem sehr guten Currypulver, am besten Thai-Curry, und zerreibe zwei Peperoncinischoten. Gut durchrühren, Hitze etwas runterdrehen und dann den Deckel drauf.

Derweil sind die Kartoffeln so weit abgekühlt, dass ich sie anfassen kann. Sie werden jetzt halbiert, und mit einem Löffel schabe ich ihr Innenleben aus der Schale in eine Schüssel. Das kann man sich gut merken: von der Schale in die Schüssel. Das wird mit zwei Eigelben, Pfeffer, reichlich Salz (Kartoffeln brauchen extrem viel Salz!) und einem kartoffelgroßen Stück Butter vermischt (mit einer Gabel). Es entsteht eine Art Kartoffelbrei, den ich zusätzlich noch mit Frühlingszwiebelgrün vermische, das ich hierfür in feine Ringe geschnitten habe. Es geht aber auch Schnittlauch. Und es geht (sollte es sein müssen) auch Speck, auch Salami oder Schinken, Käse et cetera. Ist der Kartoffelteig mit der Gabel gut durchgearbeitet, kommt er auf ein nasses Küchenbrett, wird zu einer Wurst gerollt und mit dem Messer schneide ich von der Wurst gut Fingerdicke Taler ab. Die werden etwas platt gedrückt und in einer Pfanne im Fett meiner Wahl gebraten. Butter geht, Olivenöl geht besser. Eine Mischung aus Butter und Olivenöl ist meinem Geschmack nach perfekt. Die Taler einmal wenden. Wenn sie beidseitig braun und knusprig scheinen, sind sie fertig und können raus. Währenddessen gebe ich einen ganzen Becher Crème Fraîche an die Kohlrabi-Karotten-Mischung. Beides zusammen, die Kartoffeltaler und das Gemüse, schmeckt um diese Jahreszeit genial. Man kann es aber auch im Winter zubereiten. Es schmeckt eigentlich immer gleich gut.

5.8.

Mit dem Regenrauschen eingeschlafen und mit dem Regenrauschen aufgewacht. Es hat sich kaum abgekühlt, die Fenster stehen offen und von mir aus kann es auch weiterhin solche Sommer geben, die wie Regenzeiten in anderen Breiten sind. Freilich hätte ich dann gerne auch darauffolgende Winter, die trocken sind, bei 12 bis 14 Grad.

Ich versuche mir vorzustellen, wie all dies vor meinem Fenster bald ausschauen wird – es ist ja durchwegs alles mit Laubbäumen bestanden bis hinüber ans andere Ufer. Erst bunt, dann nackt. Zwar heißt es licht, aber das wird dann vom Schrumpfen der Tageslichtphasen gemindert. Und quelqu’un ma dit que der See vor vier Jahren ein paar Tage lang zugefroren war, sodass man darauf gehen konnte. Vor vier Jahren war ich um jene Zeit auf dem Weg nach New York gewesen, um dort Weihnachten zu feiern. Wurde aber leider am Flughafen von Addis Abeba festgehalten, eines kleinen Visavergehens wegen, das ich unterschätzt hatte. Nun stand ich am 22. Dezember kurz vor Mitternacht ohne Pass da. Der Beamte in der Deutschen Botschaft meinte am Telefon zwar, dass das illegal sei, da mein Pass das Eigentum der Bundesrepublik Deutschland sei, aber dieser Einwand brachte leider nichts. Am Heiligabend stand ich dann mit meinem Reisefreund Richard vor Gericht. Das war in einem Pepsi-Zelt, es war heiß und dunkel und der Richter trug einen Umhang aus ungebügeltem Satin wie in einem Harry-Potter-Film. Ich sollte mich auf Amharisch verteidigen, die Verhandlung wurde auf Amharisch geführt. Richter heißt Fürtebet, aber ich verwechselte in der Folge zwei Worte, die ziemlich ähnlich klangen und alle Zuschauer lachten sich scheps über uns. Dann zahlten wir eine hohe Strafe in bar und das in US-Dollar, die wir illegal kaufen mussten, standen einen ganzen Tag vor dem Einwanderungsministerium an, daneben die schrottige Säule mit dem Sowjetstern oben drauf, und bekamen dann schließlich unsere Pässe wieder.

An Silvester traf ich über Umwege an der Upper Westside ein. Die Party in einer großen Wohnung mit Ausblick auf den Broadway könnte ich heute noch minutiös nacherzählen. Seltsamerweise. Am nächsten Morgen ging ich Bagel kaufen. Die Trottoirs kamen mir so sauber vor. Feuerwerk war ja damals schon verboten, aber es fehlte halt auch der Staub und die Tiere, die ich aus Addis Abeba gewohnt war. Ich weiß noch, das ich das Innenleben eines öffentlichen Mülleimers fotografiert habe, weil da lauter Klarsichtverpackungen von Salaten drin lagen und Klarsichtbecher von Säften und verschiedenfarbige Strohhalme. Das schien mir alles so heiter und ungewohnt shiny und eigentlich schien es mir in dem Augenblick und in der Verfassung, in der ich mich befand: wie Kunst. Und dann wurde es hell, es war der erste Januar 2013 in Manhattan: dieser Himmel, dieses Licht!

4.8.

Zauberhafteste Himmelssituation des bisherigen Jahres heute früh, direkt über meinem Balkon um 07 Uhr 07: ein zartes Blau, davor ein paar gelockte Spuren Wolkendunst, eingerahmt von einem Feld dicker Flocken. Darüber ein Kreuz aus bereits verwehten, circa jeweils 500 Metern breiten Kondenstreifen, die ins Unendliche weisen. Ein Flugzeug, klein und silbern zieht einen präzisen Strich wie mit Lackmarker mitten hindurch. Kaum zwei Minuten später ist alles von einer herangewehten Schicht hell- und dunkelgrau melierter Wolkenballen verdeckt wie von einem Schleier, aus dem sich längliche Formen bilden. Eine davon gegliedert wie ein Zeigefinger, sodass die benachbarten Formen wie abgebrochen wirken auf mich. Dann ändert sich das Licht und die Krone des gegenüberstehenden Baumes, einer Eiche, wird wie von einem Scheinwerfer angestrahlt.

Enten pflasterten seinen Steg.

3.8.

Wenn ich am Vorabend eine Stunde auf dem See unterwegs war, wache ich in dem Gefühl auf, dass sich die Wellen bewegen – in mir, durch mich hindurch. Sanft, so als läge ich auf einem Wasserbett. Verstandesmäßig ausschalten oder unterdrücken läßt es sich nicht. Und das Gefühl scheint sich während meines Schlafens zu formieren. Es kommt dann über den Tag immer mal wieder. Wenn ich eine Weile lang still sitze oder liege. Scheint das Gehirn ziemlich zu irritieren aufgrund seiner Außergewöhnlichkeit.

In der Zeitung las ich von einem seltenen Vogel, der hierzulande überwintert, obwohl er sich das eigentlich aufgrund seiner Bauweise und Lebensart gar nicht leisten kann. Er ist sehr klein, seine Eier wiegen jeweils nur ein Gramm. Sie sind rostrot gesprenkelt (wozu die Sprenkelung dient, stand in dem Text leider nicht. Will ich aber unbedingt herausfinden; also generell: Wozu sind die Sprenkel auf Vogeleiern gut?). Damit die zierlichen Baumläufer nicht erfrieren, drängen sie sich im geplusterten Zustand mit anderen in ihren Behausungen aneinander und bilden sogenannte Schlafrosetten. Obwohl ich das Wort Rosette ansonsten nicht mag, fand ich die Idee einer Schlafrosette wunderschön. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sich das Geplustertsein für den Vogel selbst genauso schön anfühlt oder auch nur annähernd so, wie sich ein geplusterter Kleinvogel von außen. Ich sehe ja den ganzen Tag Federn herumliegen: das spitze Ende ist im Verhältnis zum flauschigen Teil immer recht lang. Und das steckt ja hundertfach im Vogel drin. Wie eine eiserne Jungfrau, so stelle ich mir das Innenleben der Vögel im Querschnitt vor.

2.8.

Auf halber Strecke in Richtung Alexanderplatz kam eine Frau mit goldenem Retriever in den Waggon, der Hund streckte sich auf dem Boden aus wie vor dem Kamin in einer Filmdekoration und sie blieb gleich bei der Tür stehen, in eine Nische gelehnt, und telefonierte, während sie aus dem schmalen Fenster sah. Zumindest dachte ich das. Sie trug ihr Haar lang über ihre Ohren hängend, und sie sprach ziemlich laut wie viele, die über Ohrhörer telefonieren. Dann wurde das Gespräch, das ich und alle Umstehenden zwangsläufig mithörten, zunehmend abstruser. Sie fing an, ihren Gesprächspartner hart zu beschimpfen. Es ging, das machte sie klar, um eine Spionageaffäre. Bei diesem Reizwort sah ich offen hin. Ich würde ohnehin bei der nächsten Haltestelle aussteigen müssen. Sie hatte überhaupt kein Telefon. Wir stiegen zusammen aus. Ich ging eine Weile noch neben ihr her über den Bahnsteig. Ihr Gespräch war offenbar zu Ende. Der Hund sah dem Ausgang des Bahnhofsgebäudes entgegen.

Seltsam, dass niemand sie darauf angesprochen hatte, dass sie zu laut telefonierte, was bei regulär Telefonierenden ja schon öfter mal vorkommt. Mich hätte auch interessiert, weshalb sie das Telefongespräch imitiert, sobald sie einen mit Menschen gefüllten Waggon betritt. Habe mich aber nicht getraut, sie anzusprechen. In meinem Viertel gibt es einen ganz in Blütenweiß gekleideten Mann, der spaziert nicht, sondern geht mit schnellen Schritten durch die Gegend; er hält nie an, jedenfalls habe ich das noch nie gesehen. Er trägt weiße Kopfhörer mit goldenen Verzierungen, die sind über ein weißes Kabel mit einem weißen Lautsprecherkasten verbunden, der an seinem weißen Gürtel befestigt ist. Auf diesem Kasten, der größer ist als einst der Sony Walkman, blinken im Takt der Musik bunte Leuchtelemente in verschiedenen Formen (Blume, Diamant et cetera). Die Musik ist ziemlich laut. Wenn er vorübergeht, wird das von manchen hier als Belästigung empfunden. Vielleicht sogar als Bedrohung. Wahrscheinlich auch deswegen, weil er immer so undurchdringlich zu lächeln scheint. Und weil er es dabei vermeidet, einen direkt anzusehen. Mich würde interessieren, was er in seinen Kopfhörern hört: ob da ein Band läuft oder eine Datei, die ihm etwas ganz anderes in die Kopfhörer spielt als die Lautsprechermusik – Vogelstimmen oder Straßengeräusche.

Neulich, da war er gerade unten vorübergezogen, fiel mein Blick auf eine Frau mit langem weißen Haar, die mir in einiger Entfernung schräg gegenüber saß. Sie löffelte ein Eis. Und zwar mit Begeisterung. Ich sah, wie sie nach der Quetschflasche mit dem Ketchup griff, die für die Burger-Esser bereit steht, und wie sie eine nicht kleine Menge davon in ihren Eisbecher spritzte. Ich habe sie nicht gewarnt, wollte aber auch nicht wissen, wie das schmeckt. Ich konnte auch nicht mehr wegsehen. Auch dann nicht, als sie zum zweiten Mal nach der Flasche griff, um den Becher damit aufzufüllen. Sie löffelte sehr schnell.

1.8.

AUGUSF
(August mit einem halbierten Telegraphenmast)

Was Du willst
Was Du wünschst
Ist anderen sehr
Oft egal
Manchmal bedeutend
Wie Heidegger erklärte
In seinem Opus Fidibus
Einsam ist
Die Leserin
Zuhanden
Wie der
Griff an einer Tür
Erst da
Für Dich (und mich)
Für uns
In dem Augenblick da, da
Wir
Danach gegriffen, ohne hinzuschauen
In den letzten Tagen
Habe ich so
Viele Türenmetaphern
Gehört, Gelesen, Recherchiert
Ich warte
Bald
Dass eine Person
Zu einer anderen Person
Nach den Tellerfotografien
Sagt: »Mh —«
Schmeckt wie eine Tür

31.7.

Was Borges über den Traum gesagt hat: dass man darin Darsteller und zugleich der Zuschauer ist.

So kommt mir jetzt alles vor.

30.7.

Nachbarschaft ist etwas Schönes – prinzipiell kann es das werden. Bis zum letzten Jahr hatte ich lange Zeit keine Erfahrungen mehr gemacht mit Nachbarschaft, weil ich jahrelang nie lange genug an einem Ort sesshaft geblieben war, um mich irgendwem dort in meiner aktuellen Umgebung verpflichtet fühlen zu können (oder zu müssen). Dann kam das Ende des Monats Juli 2015. Damit begann in der Außenwelt das Jahr der Megakrise, das nach der Einschätzung Angela Merkels auch noch nach Ablauf einer bis dahin üblichen, der konservativen Zeitrechnung zufolge, zu Ende sein wird.

»Ein Jahr wie 2015 wird es definitiv nicht mehr geben« – und das war ja nicht tröstlich, im Sinne eines Wunsches nach Wiedergutmachung gemeint, sondern aufs glatte Gegenteil bezogen im Sinne eines »say goodbye to yesterday«.

In meiner Innenwelt hatte sich damals ungefähr zeitgleich das glatte Gegenteil ereignet. Die Wiederzusammenfügung meiner Gefühlswelt, das Gegenteil zur Apokalypse. Ich wusste aber, dass es ein Prozess werden würde. Ich wusste, dass ich zweierlei brauchte (und das eine war Struktur).

So ist die Idee zu dem Tagebuch entstanden, auch weil ich wusste, dass ich den Zeitdruck brauche und die unerbittliche Forderung an jeden Morgen, etwas zu schreiben, was meinen Anforderungen genügt, weil ich die tägliche Arbeit in der Redaktion ja nicht mehr hatte, aber vermisste (weil sie in einer solchen Situation ja auch stützend wirkt). Dann habe ich kurz nach Anfang des physischen Jahres 2016 dieses um weitere Monate hinaus verlängert (bis zum 16. April 2017), weil die Tagebuchaufzeichnungen in meiner inneren Wahrnehmung ja schon um etwa genau so viele Einträge früher begonnen hatten, und ich dem auch für die Öffentlichkeit Rechnung tragen wollte.

Jetzt ist das gerade so, dass ich nicht mehr genau weiß, wie ich das schaffen soll. Aber andererseits. Pflichtgefühl ist etwas Schönes. Es konstituiert erst die Nachbarschaft und als mir Vorgestern aus irgendwelchen Gründen mein Telefon zu Boden krachte und zerbrach (ein kluger Freund stellte einst die gar nicht so unberechtigte Frage: »Wer kommt eigentlich auf die Idee, ein Telefon aus Glas zu konstruieren!«), konnte ich mir für die Zeitdauer der Reparatur in dem kleinen Café gegenüber ein altes iPhone ausborgen, in das meine SIM hineinpasste; dann funktioniert der Rest nach dem Hotelbettenprinzip.

Das war an dem Nachmittag, als die Belegschaft wie ein Rudel aufgeschreckter Blässhühner sich um mich geschart hatte, um mir von einem unsäglichen Vorfall zu erzählen: Nämlich war es wohl so gewesen, dass sich ein älterer Herr (von deren Sorte es hier nicht wenige gibt), an meinen Lieblingstisch gesetzt hatte, um einen Orangensaft auszutrinken. Marco, der dort die Tagesschicht leitet, war nur kurz weg gewesen, um seinen Hund aus dem Kofferraum zu lassen. Und wie er zurück an seinen Arbeitsplatz kommt, sieht er dort an meinem Platz Alexander Gauland im Gespräch mit einer blonden Frau. Nun kam es zu Loyalitätskonflikten, meinem Thema, denn einerseits gilt im Corsini die Regel, so viel Cash wie nur möglich zu machen. Andererseits ist Marco eine Seele von Mensch, Cottbuser, pflichtbewusst, und nun schon seit Wochen von mir politisch indoktriniert. Die Überlegung war wohl tatsächlich, ihm, Gauland, den Orangensaft wieder zu entziehen, ihn zumindest aufzufordern, rasch auszutrinken, denn »einen Nachbarn wie Sie wollen wir hier nicht«.

Alexander Gauland scheint einer, der, um es megatriftig auszudrücken: »Apfelsaft predigt, aber Orangensaft trinkt«. So wie jeder Autor nur die Leser findet, die so sind wie er selbst, finden diese Jungs auch nur die Wähler, die dasselbe wollen: Macht. Es sind die Alten und sich übergangen Fühlenden. Die Jungen, die sich chancenlos wähnen (und es meiner Einschätzung nach auch sind). Die AfD ist somit auch vor allem ein brennendes Problem der deutschen Provinz (innerlich wie äußerlich genommen).

Alexander Gauland hat bestimmt seine Schäfchen im Trockenen, aber so ein zusätzliches Einkommen mit Pensionsansprüchen des deutschen Steuerzahlers wäre willkommen. Im Corsini arbeiten Franzosen, Neuseeländer, Westafrikaner, Briten, Schotten, Esten, Mexikaner. Die Speisekarte hat kein Eisbein, es gibt Hamburger und Salat mit Avocado. Die Weine sind aus Südafrika und aus dem Libanon. Kaum jemand dort, außer Marco, spricht Deutsch. Die Touristen verständigen sich in einem unterhaltsamen Lingo aus Französisch, Handzeichen und Englisch. Das Corsini ist, in einem Teil Berlins, in dem man so etwas nicht erwartet, die wahrgewordene Antithese zu der Behauptung Tyler Brûlés von vor ein paar Jahren in der Wochenendausgabe der Financial Times, dass es sich bei Berlin um die einzige Weltstadt handele, in der auf den Straßen keinerlei Fremdsprachen zu vernehmen seien. Das war so, aber das hat sich seit 2008 mächtig geändert. Und erst seitdem hat Berlin seinen provinziellen Hautgout abstreifen können.

Ein paar Tage zuvor war ich nachts in das kleine Hotel nebenan gekommen, um Zigaretten zu ziehen. Die Nachtkellner hatten mich angeschaut wie beim Abscheiden ertappte Hunde. Das kam daher, dass wir des Öfteren schon über den Button an meiner Jeansjacke diskutiert hatten, auf dem ein Hakenkreuz zu sehen ist, das von einem hineinjagenden, roten Keil gesprengt wird. Die wussten also, wo ich stehe. Aber auf dem Fußboden lagen in jener Nacht wie Konfetti verstreut ausgesprochen schlecht gestaltete Flyer oder Aufkleber in roter Farbe, auf denen zu lesen stand: »Willkommens Diktatur«. Also konfrontierte ich die Mannschaft mit dieser Augenfälligkeit und fragte sie wörtlich: »An wen habt ihr das Hinterzimmer vermietet?«

Die Antwort, verdruckst: »AfD«.

Ja, es stimmt wohl: Ein Jahr wie 2015 wird es wohl wirklich nie wieder geben. Eines wie 2016 aber auch nicht. Und auf meinem Tisch liegt seit Tagen ein Buch, dass ich als Jahresgabe überreichen wollte, das eine Innenwelt der Innenwelt beschreiben sollte. Ich würde gern, bin aber leider zu geschwächt, um dafür den Stift oder das Klebeband zu heben. Es schaut mich an wie eine Kreatur mit all ihren Augen das Offene.

29.7.

Im Traum hatte ich das Gefühl, etwas stehe über mir und warte. Es war ein Traum ohne Bild, er bestand nur aus diesem Gefühl. Das Etwas war von den Abmessungen meines Bettes, in dem ich lag, und es stand wenige Meter über mir. Noch im Traum wurde mir klar, dass es der Unterwasserroboter war mit seinen Mantaschwingen, Spannbreite 2 Meter 20, von dem mir meine Regenbekanntschaft erzählt hatte. Sein Geschöpf, das mit allen seinen Kameras das Offene registriert. Es bewegte sich nicht.

Ich zwang mich dazu, aufzuwachen, um es zu verscheuchen. Um mich war es noch immer dunkel, aber ich hörte ein Lied, das ich kannte. Die Balkontüren standen offen und es regnete. Nebenan saßen welche in einem Zelt, unterhielten sich, lachten und hörten Hotel California. Ausgerechnet dieses Lied. Nach einer Weile, es war weit nach 1 Uhr, schaltete jemand mitten im Lied die Musik ab und es wurde abgeräumt. Ich wusste gar nicht, was ich schlimmer fand: Das Lied oder dass es so abgewürgt worden war.

Der Traum danach war viel weniger bedrohlich, weil bebildert; wirr und von daher nachvollziehbar. Ein Traum halt.

28.7.

Gestern nachmittag färbte sich der Himmel schwarz, dann zuckten Blitze durch die Wolken und danach fing es gleichmäßig und stark zu regnen an. Ein Licht wie am Abend, kurz nach Sonnenuntergang. Diejenigen, die nichts anderes machen mussten, fanden sich unter Markisen und Bushaltestellen ein. Vereinzelte Passanten hasteten mit Schirmen oder improvisierten Kopfbedeckungen (eine junge Frau hielt sich ihr Longboard über) vorbei. Der Straßenverkehr war beinahe zum Erliegen gekommen. Es fuhren bloß noch Busse und hin und wieder laut die Feuerwehr. Und als ob das nicht genug der Bladerunnerhaftigkeit gewesen wäre, stand ich auch noch neben einem Mann, der mir erzählte, dass er Unterwasserroboter baue. Und zwar wie bei Ridley Scott: nach den Vorbild von Tieren. Ich habe mir das Gerät wie einen Manta vorzustellen. Der Antrieb funktioniert auch wie bei dem Naturvorbild: Sein Roboter schlägt mit den Schwingen, die durch zwei starke Motoren angetrieben werden. Es ist aber für Notfälle noch ein Propellersystem eingebaut. Der Roboter wiegt 60 Kilogramm und ist so programmiert, dass er bei niedrigem Batterieladestand selbstständig an seine Aufladestation fährt und dort sozusagen abwartet, bis er weiterfahren kann. Mit mehreren Kameras ausgestattet, lässt sich nach dem Ende einer Tauchfahrt ein HD-Film in 3D auslesen. Der Roboter dient zur Erforschung der Salzhaltigkeit von Gewässern, er kann die Partikeldichte messen, um die Verschmutzung zu analysieren, er vermisst nebenbei den Grund und hilft mit seiner Datensammlung beim Anfertigen verlässlicher Karten. Eigentlich war sein Entwickler Tischler, er stieß zufällig zu dieser Firma, bei der er nun den Roboter baut. Und zwar über seine Leidenschaft für die Tierbeobachtung. Er ist hier aufgewachsen und hat schon immer gerne den Flug der Vögel studiert. Der Manta macht ja unter Wasser auch nichts anderes als fliegen. Das mit dem Regen ging ja stundenlang. Irgendwann haben wir gemerkt, dass es aufgehört hatte.

27.7.

Ich habe Muskelkater – allein der Begriff scheint mir bescheuert, denn das setzt doch voraus, dass ich zuvor eine Feier mit meinem Körper hatte, und dem ist halt nicht so. Ich mag Schwimmen nicht. Aber von daher kommt er, ich bin sogar zu schwach, um zu googeln, wie Muskelkater auf englisch heißt. Oder, bestimmt noch interessanter, auf Französisch.

Hier, auf Wordpress stehen oben im schwarzen Feld drei Befehle zur Auswahl: Inhalt, Struktur, Konfiguration – die habe ich mittlerweile jetzt derart verinnerlicht, dass ich sie gar nicht mehr wahrnehme. Ich habe vor allem noch gar nie nachgeschaut, was denn passieren würde, wenn ich mal auf Struktur tippe.

Dann war ich gestern bei der Tankstelle, um Benzin zu kaufen. Zu Fuß, was ja an sich schon etwas lächerlich ist, denn man sollte ja vorfahren, um Benzin zu kaufen (Ich weiß nicht, wie oft am Tag jemand zu Fuß auftaucht, um Benzin zu kaufen).

Und danach ging ich gegenüber an die Tankstelle für Menschen. Ich saß dort an dem langen Tisch, und nach ein paar Minuten kam eine sehr große Gruppe von Menschen, die mich fragte, ob es mich stören würde, wenn sie sich dazu setzte. Also die hatten das vor. Ich habe mich nicht getraut genau hinzusehen, weil ich den Eindruck hatte, dass die sich ohnehin beobachtet fühlten (aber es waren mindestens acht oder zehn und sie sahen sich alle ähnlich). Die Tankstelle für Menschen bietet extrem preiswerte Speisen an. Also alles, wofür es mittlerweile das Wort »herzhaft« gibt. Und der Mann, es gab auch noch einen Sohn, aber der Rest der Gruppe war weiblichen Geschlechts, trug eine Submariner und einen auffälligen Ring, sehr breit, und in der Mitte waren Brillanten eingesetzt. Mir fiel bald auf, dass die sich in einer extrem klaren Sprache unterhielten. Beinahe technisch. Und wie es mir schien: ohne Konflikthintergrund. Da existierte ein Autoritätsgefüge, das nicht hinterfragt wurde. Und es wurde mir zunehmend unwohl dabei, an diesem Tisch zu sitzen, denn mir schien das alles derart intim, dass ich wie ein ungebetener Gast mir vorkam (obwohl ich ja zuerst dort gesessen hatte). Also stellte ich die Frage, die sich mir aufgedrängt hatte: »Entschuldigung, aber sind Sie eine Familie? Sie sehen sich doch alle sehr ähnlich.«

Es gab ein kleines Kind, ein Mädchen, das mir gegenübersaß, und es aß Erdbeeren mit Schlagsahne mit einer Gabel. Alle um den Tisch nannten sie Engelchen und das wirkte kein bisschen geziert oder gekünstelt. Das war einfach der Name für dieses Kind, bis sie größer werden würde. Und der Vater sagte: »Ja, wir sind eine einzige Familie. Da sind jetzt aber auch Schwiegertöchter dabei.« Und ich sagte: »Aber selbst die sehen sich ähnlich«. Und er sagte: ja. Und ich fragte, wie sie denn angekommen waren an der Tankstelle, und er sagte: »Wir reisen in drei Autos«.

Und dann ging es um Politik und so weiter. Aber abschließend sagte seine Frau, die neben mir Platz genommen hatte: »Was glauben Sie denn, woher wir sind?«

Ich sagte:»Keine Ahnung, das interessiert mich auch nicht. Aber woher sind Sie denn?«

Und sie sagte:» Sehen Sie das nicht? Wir sind Sinti.«

Und ich sagte:»Nein, das sehe ich nicht.«

Sie sagte: »Für uns ist es auch nicht immer leicht hier, weil wir so dunkel sind.«

How beautiful you are

Nebenan gibt es einen öffentlichen Park, in dem steht eine Statue der Borussia, ich weiß gar nicht, welches Buch sie da in der Hand hält, vielleicht ist es die Verfassung, aber von der andere Hand sind alle Finger abgeschlagen. Darunter ist eine steinerne Bank, da hat jemand an die Rückwand mit Filzer geschrieben: »Jasmin ich liebe Dich.« Und spät nachts wird diese Statue so beleuchtet, dass an der Fassade meines Nachbarn eine übergroße Silhouette dieser Frauenfigur erscheint. Und dort steht eine rotlackierte Bank, auf der ich gestern saß und von der aus ich einen Kometen sah. Das geht ganz kurz, ich dachte währenddessen, als ich es bezeugte, dass ich mich getäuscht haben könnte. Derart merkwürdig war das. Seltsam.

26.7.

Zum ersten Mal seit zwei Wochen das Grundstück verlassen. Und mir damit angeschaut, wie die sogenannte Welt dort draußen usw. Kaum saß ich dort – die Leute dort im kleinen Café waren ganz aufgeregt, man spricht jetzt von mehr als einhundert Litern Eiscreme, die sich täglich verkaufen lassen –, da kamen Heinrich und Willhelm. Und beide hatten ihr schlechtes Gewissen dabei, aber es war kein anderer Tisch mehr frei. So sieht es aus, wenn man als Mann keine Zähne mehr hat. Und ich spendierte ihnen das Lieblingsgetränk: zwei kleine Kaffee mit Milch und Zucker, und dachte mir: Na ja, dann konfrontiere ich sie im Gegenzug mit ihrer Situation und fragte: Na, wie ist das, wenn man in einer Gesellschaft lebt, die einen bloß noch wegstecken will; wenn man versteckt werden soll, weil es niemanden interessiert, wie das Leben zu Ende geht. Und das war s o interessant, weil insbesondere Willhelm mich dabei munter und auch streitlustig anschaute, und dann erzählte er mir eine Geschichte aus seinem Leben anno 1952 circa (er hatte bis zum Schluß mit seiner Mutter in Moabit zusammengewohnt). Und Heinrich, der ja immer als eine Art Pfleger oder Führer oder seines Bruders Hüter mit ihm auftritt, selbst aber auch nicht eben frischer wirkt, moderierte das Gespräch. Dann wurde es 17 Uhr und die beiden schauten geradezu panisch auf meine Armbanduhr und wollten sich eilig verabschieden. Heinrich: »Wir müssen los, jetzt gibt es Abendessen, da dürfen wir nicht zu spät kommen«. Und ich sagte: »Das kenne ich aus dem Krankenhaus. Um 6 muß man frühstücken, um 17 geht es ins Bett«. Und beide machten diese schälende Bewegung mit den Zungen in den ansonsten leeren Mundhöhlen. Und sagten unisono, und ohne Witz: »Geh ja nie in so ein Heim.« Und gingen.

25.7.

Eine Krähe ist ein sehr großes Tier. Wer nicht im Berliner Stadtgebiet lebt, macht sich vermutlich falsche Vorstellungen: Eine der Nebelkrähen hier ist gut so groß wie ein Huhn. Das ist jetzt freilich eine unklare Referenz, denn: Wer lebt denn schon noch zusammen mit lebendigen Hühnern? Und dazu bräuchte es das lebendige Exemplar (befedert): um die Massigkeit des von Federschichten bedeckten Brustkorbes einer Krähe zu ermessen, beispielsweise (man kriegt aber noch eine Ahnung davon, kurz vor dem Grillen, wenn man die gerupfte Haut des Hähnchens mit weicher Butter einschmiert).

Vielleicht ist meine Fantasie ja so und auf diese Weise entstanden: Krähe auf dem Rücken liegend (an sich schon eine Fantasie, weil man die so niemals sieht; die schlafen im Sitzen), mit kleinen Kartoffeln plus Rosmarin und brauner Sauce. Oder auf einem Bett von Pommes Frites. Ich kann nicht mehr an meinem Ofen vorbeigehen, ohne da eine Art von eigens produziertem GIF zu sehen: Da liegt die Krähe auf dem herausgezogenen Blech, Schnabel nach oben, Füße an den Leib gezogen, Leib knusprig: auf einem Bett von Pommes Frites.

Und ich schrecke zusammen, äußerlich sieht man das wohl nicht, es passiert in mir drinnen und denke: Ah! Und dazu Harissa.

Darüber erschrecke ich mich dann noch bei jedem Mal. Weil das offenbar meine einzige sogenannte menschliche Regung ist.

Der Gärtner trägt gelbe Lärmschutzkopfpolster zum grünen T-Shirt, während er seine Motorsense durch die Wiesen führt. Der hat’s gut!

24.7.

Eigentlich müsste das Ypsilon mein Lieblingsbuchstabe sein. Wo ich gehe, finde ich kleine und größere Astgabeln. Diejenigen, die ganz genau meiner Vorstellung eines Ypsilons entsprechend geraten sind, stecke ich ein und lege sie nachher zu den anderen auf die Fensterbank. Aber mein Lieblingsbuchstabe sieht anders aus. Ich kenne auch niemanden, dessen Vorname mit einem Ypsilon beginnt. Muss heißen: Kenne auch niemanden mehr.

Alles liegt wie unverrückbar hier, alles wird zum Exponat, kaum hinter meine Tür gebracht. Wie dieses Buch, das aufgeschlagen zwischen anderen liegt und dem ich, im Vorübergehen, flüchtig, einen Satz entnehme, den ich zwar kannte, aber nicht so, und dann sozusagen automatisch zurückkehren muss, um den ganzen Rest zu lesen. Eine Falle, wenn man so will, die ich mir selbst gestellt, denn wer hat denn dieses Buch dahin gelegt? Und darin steht, bekanntlich:

»Mit allen Augen sieht die Kreatur
das Offene. Nur unsere Augen sind
wie umgekehrt und ganz um sie gestellt
als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.
Was draußen ist, wir wissen’s aus des Tiers
Antlitz allein; denn schon das frühe Kind
wenden wir um und zwingen’s, daß es rückwärts
Gestaltung sehe, nicht das Offne, das
im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.«

Ein Boot, vermutlich, machte ein Geräusch wie mein Telefon, wenn es auf der weichen Unterlage meines Notizbuches liegt und mit dem Eingang einer SMS vibriert – täuschend ähnlich.

Ein Kirschblatt hatte drei große Löcher, Fraß vermutlich, durch deren sonnenlichtgrünen Passepartout ich das Blau des Himmels sehen konnte (wie in der Erfindungslegende der Brezel by the way) – ist das jetzt zu geschraubt; am I trying to hard, wie Irina einst es mir vorwarf, dabei aber retrospektiv argumentierend à la: Ich hatte gedacht, you are.

Und über allen offenen Wunden steht der Geruch von Blut, einer – natürlich –: mineralischen Note mit (für uns Menschen) extremer Sillage.

Und wenn man, wenn ich: so bin? In Wirklichkeit, im RL *setzt einen Gedankenstrich*, auf der Suche nach einem gelungenen Ausdruck, nein: dem gelungenen Ausdruck für jemandes Haar, las ich mich in Loslabern fest (ohne sic) und stellte erneut, wie vor einiger Zeit schon mit dem roten Buch, fest, dass irgendetwas – schwerwiegend klingt immer so dramatisch negativ, es klingt nach Krebs und weißen Blutkörperchen, aber es gibt wohl auch eine positive Konnotation – schwerwiegendes sich in mir getan haben muss, gehirnlich, denn selbst Loslabern, das ich seinerzeit nie ansprechend gefunden hatte, konnte mit einem Mal singen, war wohl erwachsen geworden. Oder halt ich.

Ich kann es – natürlich, wie ich mir innerlich gütig zunickend feststellen will – exakt beziffern, wann ich noch nicht erwachsen war (aber auch nicht mehr jugendlich, von daher aus altersfaschistoider Sicht, die mittlerweile jedem oktroiert scheint: in limbo): 1987. Da war ich nach Jahreszahlen knapp Jugendlicher und in dem Zeitraum war erschienen Kiss Me Kiss Me Kiss Me. Da muss man gar nicht groß synästhetisch veranlagt worden sein, um ermessen zu können, was das bedeutet haben mag. Es gab ja, um von Kriegszeiten zu erzählen, damals nur wenige Fachgeschäfte für Schallplatten, in denen ein sogenanntes Vorhören möglich war. Vorhörvorrichtungen wurden erst mit Rave und Techno eingeführt, als die Zahl der zunächst wöchentlich, dann aber bald täglich aus Detroit und Chicago und bald auch schon Frankfurt am Main und Berlin hinter der Mauer hereinbrandenden Maxisingles, 12inches (unter Technikern gesprochen) derart fluthaft sich gebärden sollte, vor allem White Labels darunter, dass es ohne eine Möglichkeit, da in der Rille zu forschen unmöglich geworden war, überhaupt noch Käufe zu tätigen; überhaupt noch so etwas zu entwickeln wie »eigenen Geschmack«.

Und so kaufte ich damals halt, wie andere ihren Liebling schüttelten, dieses Doppelalbum aufgrund dieser Fotografie dieser Lippen: unscharf. Aufgrund dieses Titels, in einer Art handgemalter Comic Sans: Kiss me Kiss me Kiss me. Vor allem aber natürlich und wegen der Band, The Cure, wegen Robert Smith. Zuhause dann, beim Anhören: Loyalitätskonflikte. Wörtlich: Darf ich das? Darf ich das gut finden? Mit jedem einzelnen Stück, besonders hart aber mit How Beautiful You Are war hier etwas zerbrochen worden, zerbrach, woraus zuvor die Verbindung der Freunde dieser Band zu ihrer Band bestanden hatte. Einfacher ausgedrückt: Das war nicht mehr dieselbe Band. Beziehungsweise: doch, aber jetzt ging es dieser Band scheinbar um etwas ganz anderes. Und das hieß anscheinend auch: um neue Freunde der Band.

Heute, ich bin jetzt 45 Jahre alt, kann ich mich vor so ziemlich jeden hinstellen und aussagen: Kiss me Kiss me Kiss me ist mein Lieblingsalbum von The Cure. Das ging lange Jahre nicht. Lange Jahre musste ich das insgeheim denken, das Album insgeheim gut finden. Es sogar: insgeheim hören. Vor allem How Beautiful You Are.

Erwachsenwerden ist anstrengend, es erfordert Verantwortung und Pflichtgefühl. Es macht dick und es macht alt. Aber es gibt halt auch gute Seiten.

How Beautiful You Are.

23.7.

Oh man, mir tun die Leute in Russland so leid! Das mit dem Embargo geht ja angeblich noch bis zum 8. August und das will und will ich mir eigentlich gar nicht mehr vorstellen müssen, wie sehr und derart diese mir lieben Russen doch leiden müssen bis dahin; bis nämlich sich endlich wieder die Schleusen öffnen werden dürfen und wir ihnen den gerechten Fisch (unter anderem) zwischen die ausgedorrten Kiemen spülen. Denn eins ist klar: Russischer Fisch ist Schrott! Ich weiß das, ich darf es so in den sogenannten Raum stellen, seit ich in unserem Supermarkt, der ja signifikanterweise eine russische Abteilung vorzuweisen sein Eigen nennt, die Konservendose beinhaltend die Sardinelle erstanden hatte.

Sardinelle — hier ist ein Quadritelstrich angebracht: Was soll das denn sein für ein Fisch? Halb Sardine, halb Forelle? Soweit das ginge: Bedeutete das einen Hybriden aus Süßwasser und Salzwasserfisch? Und wenn ja, wäre das denn dann der LEVIATHAN???

Wurscht übrigens, denn so schmeckt dieses Wesen »in eigenem Saft«: Es schmeckt wie Corned Beef, sieht aber anders aus (von daher das Ekelpotenzial). Und ich will eigentlich und lediglich vor zweierlei gewarnt haben:

1.) Den Doseninhalt nicht erwärmen.
2.) Den erwärmten Doseninhalt auf gar keinen Fall mit Okraschoten vermischen.
3.) Falls doch passiert: »Vitamin C« von Can anhören. Und zwar wieder und wieder. Die ganze Nacht.

Desweiteren:

(und hierbei lauschte ich »Vitamin C«)

Wie geht das wohl, als hätte ich es vergessen, wusste es aber wohl schon einmal: Wenn einen die eigene Frau im supersexy navyfarbenen Wickelkleid mit ultraweißen Paspeln anspricht und etwas wissen will bezüglich später, später also diesbezüglich, wenn diese andauernd klagendenen und berichtenden Kinder, der Offspring nämlich, dieser also endlich im sogenannten Bett – und er dann aber, weil es drängt, zuvörderst eine Frage hat bezüglich Müllabfuhr (wahlweise: Steuerberatung, Kindergeld, Elternabend – choose your battle). Wie also wird man sich daraufhin eine bis anderthalb Stunden später begegnen? Wie kriegt man das hin?

Und, weiter draußen: Meine Leute (die Enten, das Paar Blässhühner, die Schwäne mit den Schwanenjungen, die Haubentaucherweibchen), dass also die auf der Wasserfläche der kleinen Marina saßen und dort umherfuhren, was im Gegenlicht gegen den extremen Sonnenuntergang so aussehen musste wie: Einschüsse im davon angeleuchteten Zinn.

Haben die ein Problem?

22.7.

Eigentlich hatte ich die Kritik der zynischen Vernunft zur Hand genommen, weil es dort im zweiten Band, im 12. Kapitel des historischen Hauptstückes, um die Hochstapelei geht, und ich mir davon Hinweise zur Erklärung des Falles dieser SPD-Frau Hinz versprach, war dann aber sozusagen im Vorbeiblättern weiter vorne hängengeblieben. Auf jene Weise, wie es mir manchmal geschieht, dass ich tatsächlich wie im Vorbeifahren aus dem Augenwinkel jemanden oder etwas erkannt zu haben glaube, zwar längst schon weiter bin auf meiner Wegstrecke, aber der flüchtige Eindruck haftet und will sich behaupten, mich für ihn einnehmen, sodass ich dann anhalte, umkehre, und an die Stelle zurückkehre, um mich vergewissern zu können. Und so auch in diesem Fall.

Dort stand: »Für das türkische Volk darf man es fast als ein großes Glück betrachten, daß die Zeit seiner schleichenden Erkrankung plötzlich in einer so furchtbaren Katastrophe abgekürzt wurde, denn im anderen Fall wäre die Nation wohl langsamer, aber um so sicherer zugrunde gegangen…
Es ist dann schon ein – freilich bitteres Glück –, wenn das Schicksal sich entschließt, in diesen langsamen Fäulnisprozeß einzugreifen, und mit plötzlichem Schlage das Ende der Krankheit dem von ihr Erfaßten vor Augen führt … Denn darauf kommt eine solche Katastrophe öfter als einmal hinaus. Sie kann dann leicht zur Ursache einer nun mit äußerster Entschlossenheit einsetzender Heilung werden.«

Dazu Peter Sloterdijk: »›Bitteres Glück‹: Dies ist der schärfste Ausdruck der völkischen Dialektik. Politischer Sadismus in medizinischen Metaphern? Pathologischer Zynismus in politischen Metaphern? Schon in der Geburtsstunde der Republik sind ganz rechts und ganz links die politischen Chirurgen in Stellung gegangen und schleifen die ideologischen Messer, mit denen man dem türkischen Patienten das Krebsübel herausschneiden will. Beide interessieren sich kaum für den aktuellen Zustand der Türkei. Sie blicken in die Zukunft und träumen von dem Tag, an dem die große Operation stattfinden kann.«

Der gesuchte Eintrag »Zur Naturgeschichte der Täuschung. Von deutscher Hochstapler-Republik« enthielt dann folgende Analyse: »Es erwies sich in jenen Jahren als allgegenwärtiges Existenzrisiko, daß hinter allem soliden Schein das Haltlose und Chaotische auftauchte. Eine Umwälzung vollzog sich in jenen Tiefenbezirken kollektiver Lebensgefühle, in denen die Ontologie des Alltags entworfen wird: ein dumpfes Gefühl von der Unfestigkeit der Dinge drang in die Seelen ein, ein Gefühl des Substanzmangels, der Relativität, des beschleunigten Wechsels und des unfreiwilligen Flottierens von Übergang zu Übergang.
Diese Aufweichung des Gefühls für das Zuverlässige mündet in eine kollektiv verbreitete Angstwut gegen die Modernität. Denn diese ist der Inbegriff von Verhältnissen, in denen alles eben nur ›verhältnismäßig‹ erscheint und auf Wandel angelegt ist. Aus dieser Angstwut formt sich leicht eine Bereitschaft, sich von diesem unbequemen Weltzustand abzuwenden und den Haß gegen diesen umzuformen in ein Ja zu gesellschaftlich-politischen und ideologischen Bewegungen, die die größte Vereinfachung und die energischste Rückkehr zu ›substantiellen‹ und zuverlässigen Verhältnissen versprechen. Hier begegnet uns das Ideologieproblem von einer sozusagen psycho-ökonomischen Seite. Der Faschismus und seine Nebenströmungen waren ja – philosophisch gesprochen – zu einem guten Teil Vereinfachungsbewegungen. Aber daß gerade die Marktschreier der neuen Einfachheit (gut – böse, Freund – Feind, ›Front‹, ›Identität‹, ›Bindung‹) ihrerseits durch die moderne und nihilistische Schule der Rafinessen, des Bluffs und der Täuschung gegangen sind – das sollte den Massen erst viel zu spät klarwerden. Die so einfach klingenden ›Lösungen‹, das ›Positive‹, die neue ›Stabilität‹, die neue Wesentlichkeit und Sicherheit: das sind doch Strukturen, die im Unterirdischen noch komplexer sind als die Kompliziertheiten des modernen Lebens, gegen die sie sich wehren. Denn sie sind defensive und reaktive Gebilde – zusammengesetzt aus modernen Erfahrungen und Leugnungen derselben. Die Antimoderne ist womöglich moderner und komplexer als das, was sie ablehnt; auf jeden Fall ist sie trüber, dumpfer, brutaler, zynischer.
In einer so ›verunsicherten‹ Welt wuchs der Hochstapler zum Zeittypus par excellence heran.«

Ich schaute auf und blinzelte in die Sonne. Bauschig, bläulich, beinahe brav saßen die quadratisch geformten Wolken nebeneinander wie Buchteln in ihrer Form. Ein Hund, dem Klang seiner Stimme nach war’s ein Hündchen, empörte sich in einem Staccato, elf Minuten lang. Dann war entweder jemand gekommen, ihm zu helfen, oder er war verendet (ich konnte das durch die Hecke nicht sehen). Die Kinder betraten die Terrasse mit Xylophon und Batteriegitarre, mit Ukulele und mit einer Rumbarassel, um ein Konzert zu geben. Ich ging lieber schwimmen. Jagte das Blässhuhn auf Augenhöhe, woraufhin es sich in einer fish or cut bait-Panik dazu entschließen musste, vor mir davon zu fliegen. Ich verfing mich in Wasserpflanzen, die legten sich wie ganz lange, klebrige Finger um meine Knöchel.

Milena schenkte mir einen Aal.

21.7.

Geschlafen, gegessen, gelesen, geschwommen: zunächst in exakt dieser Reihenfolge, im weiteren Verlauf des Tages auch durcheinander.

Abends dann, bei mildestem Sonnenuntergangslicht, das, die Bäume anleuchtend, deren Laub ins Dunkelgelbe bis Orangefarbene scheinen ließ, mit dem Buch auf dem Balkon gesessen. Die Nachbarskinder durften nach dem Nachtessen noch auf das Trampolin (eins von diesen Familienmodellen, wie man sie in jedem zweiten Garten sieht: von einem Sicherheitsnetz umgeben; neulich, ist schon ein paar Wochen her, las ich in der Zeitung, dass ein Kind, ich glaube in der Pfalz, während seines Springens auf einem solchen Trampolin von einer Orkanböe erfasst und mitsamt des Trampolins auf das Dach des Elternhauses geweht worden war. Augenzeuge: die eigene Großmutter – mise en abyme?), ich kann sie noch erkennen, wie sie sich eines nach dem anderen nackt durch die Hortensienbüsche drängen, dabei rufen sie »Sleep over für immer!« und die Szenerie verschwindet unter der dicht und dunkel belaubten Krone des Kirschbaums vor meinem Balkon. Aber hören kann ich sie noch, während sie dort unten ansonsten hüpfen und springen. Sie rufen »Jungs gegen Mädchens, Mädchens gegen Jungs! Jungs gegen Mädchens, Mädchens gegen Jungs!« Immer wieder, immer wieder von vorn. Danach gibt es Erdbeeren und Kirschen, dann Badewanne, dann geht’s ins Bett.

Sommer ist einfach besser als Winter. Wer etwas anderes behauptet, lügt.

20.7.

Es ist meiner Ansicht nach wirklich gar nicht verwunderlich, dass Sigmund Freud ihn mit einem Berufsverbot belegt sehen wollte, und dass Carl Gustav Jung seine Mitarbeit aus sämtlichen Schriften tilgte: Otto Gross war sozusagen seiner Zeit derart weit voraus, dass insbesondere seine Theorie zum Geschlechterverhältnis den Zeitgenossen wie Wahnsinn erscheinen musste (den C.G. Jung ihm tatsächlich attestierte).

Otto Gross schreibt 1920: »Der Masochismus des Mannes, auf die Frau übertragen, führt einerseits zu einem Kompromiß mit dem Protest der Frau und wird in vielen Fällen zum allerdings überkompensierten Ausdruck für ein Kontaktbedürfnis auf Grund der Gleichordnung. Es ist dies die resignierte Geste des Mannes, der auf die Anerkennung der eigenen Person in der Beziehung verzichtet hat.

Andererseits liegt es im Wesen jedes überkompensierenden, einem Antagonistenkomplex angehörenden Triebes, daß er seinen Antagonisten selbst wieder wach erhält. Mit anderen Worten: Die masochistische Tendenz des Mannes, als ein übertreibendes, über die Gleichordnung der Geschlechter hinaustreibendes Moment, erzeugt einen Gegendruck im eigenen Innern, sie läßt den durch die eigene Hingebungstendenz stets gefährdeten Trieb zur Selbsterhaltung nicht zur Ruhe kommen und bringt ihn als Impuls der übertriebenen Selbstbewahrung, der Abwehr oder Rache, immer wieder an die Oberfläche.

Es ist im Wesen des Korrekturversuches durch Überkompensation, daß er zuletzt doch immer nur den Kampf der Extreme ergeben kann und nicht das seelische Gleichgewicht, weder im Inneren des Individuums noch in der Beziehung der Individuen zueinander. Und dennoch ist in ihm das Beste, das wir haben: das Streben nach Beziehung. –«

19.7.

Ein Albtraum über fünfeinhalb Stunden: Ich war nach 0 Uhr 30 eingeschlafen und wachte dann jeweils nach einer Stunde des Schlafens wieder auf, sah auf die Uhr, um kurz darauf (kurz, wie es mir schien; vielleicht nach ein paar Minuten) wieder einzuschlafen. Albtraum auch nur deswegen, weil dieser Traum sich dann nach meinen Wachmomenten nahtlos (wiederum wie es mir erschien und jetzt noch scheint) fortsetzte. Das Geschehen selbst war ohne Grauen, jedenfalls für mich, aber wie es den Traumfiguren jeweils geht, ist in Träumen wohl egal. Ich jedenfalls war zu Besuch bei einer Familie, die, so wurde behauptet, Mitglieder einer Sekte waren, die sich als Ritter des Tempelordens bezeichneten. Meine Aufgabe war es, mit den Eltern, aber auch mit den Töchtern (Söhne gab es keine und wenn ich es mir jetzt zu überlegen versuche, auch keinen Vater) über ihre Sündhaftigkeit zu sprechen. Vor allem hieß das, ihnen zuzuhören, denn sie litten darunter, sich andauernd zu versündigen, ohne dass sie es beabsichtigten – das lag an den Regeln der Sekte, wie ich bald, ich glaube schon während des ersten Abschnittes von 0 Uhr 30 bis 1 Uhr 30, herausfand. Jedenfalls erinnere ich mich, dass es mir da noch Freude machte, und ich sogar hoffte, dass der Traum so weitergehen möge; von mir fortgesetzt würde.

Am Nachmittag hatte ich bei Otto Gross über den Konflikt gelesen und mich dann während des Sonnenunterganges gefragt, ob es eigentlich noch zeitgenössische Traumprotokolle gibt. Wo die erscheinen. Das Geschehen am Himmel war zu spektakulär und ich insgesamt zu träge nach einem fleißig verbrachten Tag, um das zu googeln, aber interessieren tat mich das schon. Ich konnte und kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Zeitgenossen noch immer so träumen, wie es beispielsweise in der Traumdeutung bei Sigmund Freud dokumentiert wird: also von Spinnen und Regenwürmern, die durchs Unterholz kriechen. Von Zähnen, die ausgerissen werden, von Leitern und Eimern und Karren und so weiter. Auch bei Otto Gross werden Träume erzählt, die mir geradezu archaisch anmuteten von ihrem Bildmaterial her.

Zu diesen Überlegungen dann aber wie gesagt das Farbenspiel eines Sonnenunterganges wie eh und je, bloß dass mir dazu halt das Cover von David Crosby einfiel, von diesem Album auf dem der Song with No Name (Tree with No Leaves) war.

Und in der Nacht dann, wie als Rache der Traumkonservativen oder Traumveteranen: die Töchter der Tempelritter! Wobei in der letzten Folge, die ging bis halb sechs, die älteste von ihnen in einem langen grünen Kleid unter einem Apfelbaum stand. Mit einem Kranz von Wiesenblumen im Haar. Ein Abfallkorb der Berliner Stadtreinigung aus orangefarbenem Plastik war freistehend in der kniehohen Wiese aufgestellt. Und jemand hat dies alles fotografiert.

18.7.

Aufgewacht mit dem Buch von Sue Hubbell im Schoß; im Sitzen eingeschlafen (kein Wunder bei solch idyllischer Lektüre). Ideen ohne Reflexion: ich schaute auf auf den schattigen Streifen am Rande des Hochbeetes, durch Cotoneasterbüschen vor Wind geschützt und dachte »Bienen« (Gesichtsausdruck freundlich gesinnt, verträumt, also leicht dümmlich) Punktpunktpunkt – dann endlich war auch mein Verstand aus der Mittagspause zurück und sagte klipp und klar: auf gar keinen Fall.

Ob es wohl stimmt, dass kurz vor dem ionischen Aufstand in der Zeit um 500 v. Chr. der Tyrann von Milet bei den Spartanern um Waffenhilfe werben wollte, indem er ihnen eine Landkarte, philosophisches Modell genannt, zum Geschenk machte, die er sich von Anaximander hatte anfertigen lassen. Laut Herodot waren darauf sämtliche Kontinente und Meere in ihren Größenverhältnissen zueinander und den Zusammenhängen zu sehen. Die Heeresführer der Spartaner besahen sich die Größe ihres Stadtstaates und sie konnten nun zum ersten Mal die Ausmaße des persischen Reiches begreifen, gegen die sie gerade noch in den Krieg zu ziehen gedacht hatten. Und darauf lehnten sie ab.

So berichtet es Gerhard Nebel, berichtet Peter Sloterdijk. Da frage ich mich – andererseits genügt die Anekdote mir, ob sie nun stimmt oder nicht, auch so und an sich als philosophisches Modell.

Und ob es wohl stimmt, dass es um diese Zeit und noch früher auf dem Olymp einen Orakelhain gab, den derjenige betrat, der das Rauschen des Windes in den Blättern der Hainbuchen wie ein Flüstern verstehen wollte. Und dass, wie Peter Handke behauptet, diese Blätter an den Hainbuchen allesamt einzeln vergoldet waren. Sodass dieses Flüstern sachte klirrte und kraspelte wie von einer Stimme nicht von dieser Welt?

17.7.

Die Sorten wilder Salate sind jetzt allesamt reif zur Ernte. Das stellte ich gestern nachmittag beim Betreten des Hochbeetes fest, von wo aus ich eigentlich bloß mit dem Fernrohr über die Hecke in den Nachbarsgarten hatte spähen wollen – dort fand am zweiten Veranstaltungstag des Festivals Empfindlichkeiten die Lesungen internationaler Dichter statt. Vorgestellt vom Redakteur für englischsprachige Texte des Monatsmagazins Siegessäule, traten dort alle zehn Minuten vornehmlich Männer an das Mikrofon, das an einem Stativ auf einem roten Teppich aufgebaut war, der ohne darunter gebaute Podeste über dem Rasen ausgebreitet lag. Das Publikum lagerte ringsum auf Decken, oder auch einfach bloß so. Angenehmes Set-up. Dichtkunst ging eher so.

Wie Barbara Sichtermann mir einst in Rendsburg erklärt hatte, geht es bei jeglicher Lektüre vor allem anderen darum, das literarische Produkt erst einmal anzunehmen. Was ich seitdem noch mehr beherzigt habe als zuvor, aber bei, durch Lautsprecher verstärkt, vorgetragener Literatur bleibt ja auch keine andere Wahl. Während ich zarte Innenblätter aus lichtgrünen Löwenzahnbüscheln schnitt, Möhrenkraut und Kerbel sammelte, sowie einige lanzettförmige Blätter die ich nicht kannte, Pl@ntNet auch nicht, aber sie schmeckten jedenfalls abartig gut, trug wenige Meter neben mir ein blonder Lockenkopf im weißen Hemd seine Zeilen auf Englisch vor, eine Sprache, die ihm erkennbar fremd geblieben war. Der Lautsprecher verstärkte seine Verlegenheit wie eine Lupe, sie erstickte alles, was er zuvor in den weiten Raum gesandt hatte. Ich sah nicht hin. Dann wiederholte er sein Gedicht auf Deutsch, das wohl seine Muttersprache war, und – es verhielt sich damit aber genau so:

»Ihr Selbstverständnis reicht
Von A bis Z
Von hinten
Angefangen fangen dort die Zweifel an«

Es gab trotzdem Applaus. Dann kamen zwei Russen, die den Teppich auf vitale Weise betraten, sodass ich mein Kräuterkörbchen doch inmitten des Sauerklees abstellte, um mir deren Auftritt genauer anzusehen. Die beiden entsprachen freilich schon auf krasse Weise den Erwartungen, die das Publikum noch immer und sei es nur insgeheim und sozusagen heimlich an die Erscheinung eines Dichters stellt. Dementsprechend saftig auch die Verse, die sie abwechselnd vortrugen, sodass sich aus den Sonetten bald das Epos einer endlosen Nacht zu fügen begann. Wobei ich, nachdem ich mir das zur Hälfte reingezogen hatte, sagen muss, dass ein klitzekleines, dennoch wesentliches Problem der konkreten schwulen Poesie darin zu bestehen scheint, dass die Gedanken des oder der lyrischen Ichs auschließlich um das Eine kreisen. In Ermangelung des Anderen. Das war bei Sappho irgendwie nicht so. Also lauschte ich auf dem Weg nach Hause noch eine ganze Weile der Ode an die einäugige Schlange. Bei der Zubereitung des Salates, bei seinem Verzehr dito.

Es war ja sehr warm und durch die geöffneten Fenster schallte die Lautsprecheranlage, die sehr potent war, wie mir schien. Das erinnerte mich auf amüsante Weise an jene Anekdote aus dem Axel Springer Verlag zu jener Zeit, als der Verleger Axel Cäsar Springer selbst noch am Leben gewesen war, und die Studenten während ihrer Unruhen in den Sechzigerjahren den Schabernack so weit getrieben hatten, dass Spezialeinheiten des SDS ihm, Axel Cäsar Springer, die hauseigene Druckerei in Brand gesteckt hatten. Diese Druckerei, so muss man wissen, ragte damals wie eine goldene Schublade, ähnlich der einer Registrierkasse aus dem Goldenen Hochhaus an der Kochstraße, die heute ja in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt ist. Denn nicht alles war Schabernack damals, das darf man halt auch nicht vergessen. Dies aber schon, denn es brannte also die Kassenschublade, im Goldenen Hochhaus versammelten sich Christian Kracht senior, Vater des Schriftstellers, sowie zu damaliger Zeit auch Generalbevollmächtigter des Verlegers selbst, im Kreise einiger Verantwortungsträger aus den Redaktionen. Der Generalbevollmächtige notierte in sein Tagebuch: »Wir trafen uns zu einer Lagebesprechung in meinem Büro. Licht brauchten wir keines zu machen, es brannte ja die Druckerei.«

Salat köstlich beyond words. Früh zu Bett.

16.7.

Im Traum wurde mir das Innenleben des Außenbordmotors erklärt. Weiterführend auch unter anderem, wie ich ihn dergestalt manipuliere, dass ich aus den fünf PS spürbar mehr Leistung herausholen könnte. Dieser Kurs wurde ohne Worte abgehalten, jedenfalls konnte ich mich nach dem Erwachen an keine erinnern. Dafür aber noch lebhaft, im Wortsinn, an eine animierte Explosionsdarstellung des Apparats, gezeichnet in goldenen Linien vor Schwarz. Jemand, den ich nur von seinem Profilbild auf Twitter her kenne, war mir im Traum begegnet und ich hatte ihn nach der Vertrauenswürdigkeit dieser Darstellung befragt. Und er meinte: »sehr«.

Also wartete ich ab, bis der Regen – an etwas anderes, Arbeit zum Beispiel, war ohnehin nicht zu denken, da meine Nachbarn eine dreitägige Veranstaltung namens Empfindlichkeiten auch bei anhaltendem Regen durchzuziehen gedachten. Die Lesebühne, auf der allerdings mehr musiziert denn gelesen werden würde, war schräg rechts vor meinem Balkon aufgestellt. Momentan lief dort – no pun intended – Reggae. Ich packte meine Schraubenzieher und ging barfuß durch den Regen hinunter zum Steg.

Die Drehzahl des Motors wird über einen Handgriff geregelt, der zugleich den Richtungswechsel steuert. Das Gasgeben funktioniert durch ein Aufdrehen des Griffes, den man während des Fahrens an einer geriffelten Manschette aus Gummi umfasst hält. Dieser Multifunktionsgriff enthält einen simplen Apparat aus einer Welle (die mir gleich zu Anfang mal mitten auf dem See gebrochen war), die unter der Gummimanschette mit der Hülse des Griffes verschraubt wird, einer waagerecht aufgesetzten Spule an deren Ende, um deren einzige Windung der Bowdenzug geführt wird, der den Vergaser reguliert. In meinem Traum war es mir eingeleuchtet worden, dass ich den Bowdenzug in der entgegengesetzten Richtung um diese Spule legen müsste. Dann stünde diese Verbindung zum Vergaser von vorneherin unter strammem Zug. Infolgedessen würde der Zugweg verkürzt und nach obenhin, also zum sogenannten Vollgas, würden ein paar wenige, dafür entscheidende Zentimeter mehr an Spielraum eingeräumt, um den Motor höher drehen zu lassen, als es ihm bislang, an der laschen Leine erlaubt.

Die Welle ist mit fünf Schrauben befestigt, von der mir eine prompt ins Wasser: plimps!, aber egal. Das Führen des Bowdenzugs in die nicht vorgesehene Richtung gestaltete sich schwieriger als gedacht. Die Schwaneneltern hatten ihre mittlerweile beinahe schon ausgewachsene, aber noch immer im grauen Jugendkleid umherfahrende Brut in die Bucht geleitet, und nun umlagerten sie flottenhaft das Heck meines im Flachen dümpelnden Bootes, in dem ich, mittlerweile in Schweiß geraten, zu den Klängen von I Will Survive und all den anderen Gay Classics an meinem Bowdenzug herumfummelte.

Warum bloß fand ich das geil? Jacques Lacan würde sagen: »Weil du nie ein Mofa hattest«.

Stimmt freilich. Tragischerweise hatten mein Vater und ich kurz vor meinem 14. Geburtstag einen mittelschweren Motorradunfall mit seiner letzten Maschine, einer Triumph, der mich beinahe (sic) mein rechtes Bein gekostet hatte. Daraufhin hatte meine Mutter ein Machtwort gesprochen hinsichtlich: In diesem Haus kommt kein Zweirad mehr in die Garage.

Aber Herumschrauben, wie es heißt, Öl an den Fingern – gestern holte ich eine wesentliche Etappe meiner Mannswerdung nach. Also jedenfalls in nuce. Und was soll ich sagen: Ilse ist jetzt mindestens doppelt so laut. Und nicht nur das, es fährt auch noch buttriger, die Angler staunten (bildete ich mir zumindest ein). Die Schwanenmutter fauchte bedrohlich.

15.7.

Ich verstehe nicht ganz, weshalb so viele mit dem Sommerwetter unzufrieden sind. Jedenfalls höre und lese ich viel davon. Gestern in den Fernsehnachrichten, Programm habe ich vergessen, sagte der Wettervorhersager abschließend: »Die Hoffnung auf einen beständigen, auf einen sauberen Sommer bliebt weiterhin bestehen.«

Sauberer Sommer – ich finde ja, seit ich in Berlin lebe, ist das nun der beste Sommer seit jeher (und das nicht, weil es der erste Sommer im ersten Jahr meiner eigenen Zeitrechnung ist). An den Sommer diesen Jahres kommt nur noch der Sommer des Jahres 1996 heran, vielleicht war es auch 1997, jedenfalls waren das drei Monate allerdurchgängigst heißen kalifornischen Wetters mit warmen Winden wie aus Föhnen von überall her. Ja, auch von unten!!! Und nachts konnte, wer überhaupt musste, nur der und der auch nur dann schlafen, wenn er sich über die Schlafzimmertür ein nasses Bettlaken gehängt. So spricht die Erinnerung. Wahrscheinlich zur Hälfte gelogen (den Rest heillos übertrieben). Reicht aber immer noch.

Wenn ich jetzt gerade aus dem Fenster schaue, dann wedelt dort elastisch ein Zweig des Kirschbaumes mit all seinen Blättern vor einem mittelgrauen Hintergrund. Sieht aus wie ein Wingsuit. Und das spezielle Grün des Kirschblütenlaubes kommt vor diesem Grau sehr schön zur Geltung; als eine andere Schönheit, dieses Grün, wie dann vor dem Ideal, dem sauberen Sommerhimmelshintergrund, eines karibischen Blaus. Möbel aus Kirschholz sehen besonders hübsch aus vor Wänden, die in einem Grau gestrichen wurden, das ein paar Nuancen nur dunkler ausfällt als dieses des schmutzigen Sommers. Man gibt diesem Grau, bei Farrow & Ball gibt es das fertig in Eimern und es heißt dann bekanntlich Elephants Breath, ein paar wenige Tropfen Kirschrot hinzu, um das Grau weicher, tröstlicher, Kirschholzfreundlicher und in der Weltwahrnehmung des Wetterfröschleins schmutziger abzumischen.

Inherent Vices: chocolate melts, eggs break, winter comes.

14.7.

Kurz vor Mitternacht hatte ich als Gutenachtgeschichte aus Das Offene von Giorgio Agamben vorgelesen. Das Kapitel über die Umwelt des Tieres, in dem er sich auf Jakob von Uexküll bezieht. Damit hatte ich sie zum Lachen gebracht, denn dieser Name klingt ja wirklich wie eigens dazu ersonnen: um alle andern aufzuheitern, sobald man, mit diesem Namen vorgestellt, einen Raum betritt. Obwohl es wahrscheinlich zu Jakob von Uexkülls Lebzeiten noch eine der gewöhnlich klingenden Namenskombinationen war.

Und fing also nach einer Weile, während ich las, in einem Sub Channel an, nachzudenken; ausgehend von dem, was dort von Agamben über Uexküll geschrieben stand. Den Aufsatz, speziell jenes Kapitel über die Umwelterfahrung der Tiere hatte ich in den letzten Jahren schon mehrfach gelesen, sodass mein telefonischer Vortrag unter der Aufteilung meiner Aufmerksamkeit nicht zu leiden hatte – sonst hätte ich es mir nicht gestattet! Außerdem hatte ich bereits vor ein paar Seiten mitbekommen, wie aus dem Lauschen am anderen Ende ein konzentriertes Atmen geworden war, das hinter das Eigengeräusch der Leitung, ein Rauschen, geglitten war.

In besagtem Kapitel erklärt Giorgio Agamben das musikalische Weltmodell, das Jakob von Uexküll erstellt hatte, um die Wahrnehmungswelten der Tiere zu erklären – denn er war sich sicher (Uexküll), dass jedes Tier seine eigene Umweltwahrnehmung besitzen musste, die notwendigerweise nichts mit der anderer Arten zu tun haben konnte. Aus seiner jeweiligen Umgebung konstruiert das Tier nach Uexküll vermittels einem Merkorgan, eine Umwelt aus Sinnesreizen, auf die es dann mit einem Apparat spezifischer Möglichkeiten, den Uexküll als Wirkorgan bezeichnet, reagieren muss. Aus dieser Klaviatur entsteht, was von ihm als »die Bedeutungssymphonie der Natur« beschrieben wurde. Als Beispiel führt Giorgio Agamben ein Spinnennetz an: »Die Spinne weiß nichts von der Fliege und kann nicht Maßnehmen wie der Schneider, der das Kleid eines Kunden anfertigt. Gleichwohl bemißt sie die Größe der Maschen ihres Netzes gemäß den Dimensionen des Fliegenkörpers und die Widerstandskraft der Fäden in exakter Proportionalität zur Kraft beim Anprall eines fliegenden Fliegenkörpers. Die Radialfäden sind darüber hinaus solider als die Zirkularfäden, weil diese – im Unterschied zu den ersteren von einer klebrigen Flüssigkeit umgeben – genügend Elastizität besitzen müssen, um die Fliege gefangenzuhalten und sie am Weiterflug zu hindern. Die Radialfäden hingegen sind glatt und trocken, weil sie der Spinne dazu dienen, sich schnellstmöglich auf die Beute zu stürzen und sie endgültig in ihr unsichtbares Gefängnis einzuwickeln. Wirklich überraschend ist der Umstand, daß die Fäden des Netzes genau nach der Sehkraft des Fliegenauges bemessen sind, so daß die Fliege sie nicht sehen kann und in den Tod fliegt, ohne es zu merken. Die zwei Wahrnehmungswelten von Fliege und Spinne kommunizieren auf grundlegende Weise nicht miteinander und sind gleichwohl perfekt aufeinander abgestimmt.«

Hinsichtlich der Aufführung einer Bedeutungssymphonie, dachte ich. Für Menschen könnte das nur die Liebe sein, die dann erklingt. Und versuchte, vom Bild der Fliege im Netz, in Zirkularfäden verheddert, den Vorgang rückwärts zu denken als Annäherung zweier, die noch nicht wissen, dass sie einander zu Liebespartnern werden. Ein absichtsloser Flug für den einen, als ein, so scheint es, universell gestricktes Netz betrachtet sich der andere. Merkorgan und Wirkorgan greifen wechselwierig in die Tasten der fremden Klaviatur. And they’ll take it from there.

13.7.

Nach der Arbeit fuhr ich mit dem Fahrrad zur Tankstelle und zapfte fünf Liter Super in den Kanister. Dann tankte ich den Motor voll, nahm den Rest im Kanister mit und fuhr hinüber zur Pfaueninsel. Aus meiner Richtung kommend, erreicht man zuerst das Ufer, an dem auf einer Lichtung dort die sogenannte Meierei steht. Ein niedriges, pseudogotisches Gebäude mit eingedrücktem Dach. Davor ankerte die Bare Foot, an Bord ein paar Männer und Frauen: die Männer in weißen Hoodies, die Frauen in Bikinistreifen. Da wurde vaporisiert und dazu lief Snoop Dog. Riesen Deutschlandfahne am Heck, und generell stelle ich fest, dass Ilse und ich (so heißt mein Boot (also bloß Ilse, na: Mein Boot heißt ILSE)) hier, an solch beschaulichen Stellen des Sees, insbesondere in lauschigen Stunden an beschaulichen Stellen des Seees nicht gerade beliebt sind. Also ziemlich unbeliebt. Das liegt an Ilses Außenbordmotor, der ist ziemlich laut. Er röhrt und er brummt, sodass die ganze Sitzbank vibriert, was ich freilich angenehm finde. Es ist zwar nicht die halbe Miete, aber im englischen hieße das Ilsesche Vibrieren der Sitzbank cherry on the top. Jedenfalls fiel mir dort zwischen Meierei und Bare Foot ein, was ich mir zu Weihnachten wünschen würde: einen Anker und sieben Meter fünfzig Seil, sagen wir: sieben Meter achtzig (der See ist an seiner tiefsten Stelle sieben Meter tief, dazu kommt vermutlich noch eine Schicht Schlamm). Dann könnte ich ebenfalls den Motor ausmachen, es würde herrlich still, ich könnte die Stille genießen, eventuell auch mal vaporisieren – wobei: lieber nicht.

Ich umrundete dann die ganze Pfaueninsel, aber es gab dort nirgendwo eine Möglichkeit anzulegen, was ich als absolute Frechheit empfand, im Grunde auch unseemännisch und, so vermute ich, ist einerseits Inselbesitzern und andererseits den vorbeidröhnenden Bootsfahrern jegliche Anlegeoption vorenthalten. Die Pfaueninsel befindet sich angeblich im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, fällt also in Tim Renners sogenannten Beritt. Ich werde ihn darauf ansprechen. Und zwar in forderndem, an Ágota Kristóf geschultem Ton. Im Zweifel werde ich ihn an den Erfolgstitel der Dolls United zu seinen guten alten Motor-Zeiten erinnern: »Eine Insel mit zwei Bergen«.

Ein gutes hatte diese fruchtlose Umrundung von Renner Island dann aber doch noch, und zwar fand ich an deren rückseitigem Ufer, als die Bare Foot schon wieder zu riechen, zu hören, aber noch nicht ins Blickfeld gefahren ward, eine Kolonie Blässhühner von gigantischem Ausmaße: mindestens dreißig Jungtiere und etliche Eltern ruckten dort zwischen Bänken aus Totholz und lebten, so schien es mir, mit dutzenden Schwänen – auch hier lauter Jungtiere – in Koexistenz. Und ich wünschte mir, zusätzlich zum Anker (aber der soll bitte nicht vom Himmel fallen, ich kenne mich!!!), dass mein Blässhuhnelternpaar doch bitte im nächsten Frühjahr, das ja meiner eigenen Zeitrechnung zufolge noch im Winter liegt, dorthin, an die Westküste von Renner Island auswandern möge, um dort zu legen und brüten (vorher Paaren nicht vergessen). Dort liegt nämlich, so schien es mir: Blässhuhn Paradise City.

Sonnenuntergang dementsprechend (wie Chupa Chups Einwickelpapier). Früh zu Bett.

Für Friederike, die heute Geburtstag hat: Alles Gute, Wahre und Schöne für Dich.

12.7.

Kaum breche ich ein einziges Mal für ein paar Tage mit dem Ritual meines Tagesablaufes, passiert in meiner Abwesenheit etwas Spektakuläres. Jedenfalls behauptet die Gemüsehändlerin, dass dem so war. Wir hatten uns, aufgrund meiner neuen Angewohnheit, den Kaffee daheim zu trinken und nicht in dem kleinen Café auf dem Bahnhofsvorplatz gegenüber, ein paar Tage hintereinander nicht mehr gesehen.

Zunächst war mir die Veränderung nicht aufgefallen. Sie stand wie üblich hinter ihrem Stand vor dem tiefgrünen Hintergrund aus Efeu und alten Bäumen, die aus dem Bombenkrater ragen. Näherkommend, ich hatte von ihren herrlichen Gurken kaufen wollen, bemerkte ich die Haufen von Baumstücken, die rings um sie gelagert waren. Von rot und weiß gestreiftem Absperrband der Feuerwehr umwickelt.

»Ja«, rief sie mir zu, wie um mich anzulocken, »Ja, kommen Sie nur. Schauen Sie sich das bloß mal an«.

Es war also, morgens um acht Uhr übrigens, wenn ich üblicherweise dort nebenan vor dem Café die Zeitung aufschlug, so gewesen, dass sie da gerade, wie an jedem Morgen, aus ihrem auf der gegenüberliegenden Straßenseite abgestellten Wohnmobil die Gemüsekisten herübergetragen hatte, und auf der Verkaufsfläche ihres überdachten Marktstandes verteilte. Den Abschluss dieser den Verkaufstag vorbereitenden Arbeiten hatte, wie an jedem Morgen der Saison, in dem Aufstellen des schmalen Tischchens mit den in Eimern gefüllten Salz-, Senf- und Gewürzgurken aus dem Spreewald bestanden. Dieses Tischchen hatte sie, seiner Stabilisierung wegen, seit eh und je gegen den Stamm der neben ihrem Stand aus dem Asphalt strebenden Linde gelehnt.

»Plötzlich merke ich, wie sich unter meinen Füßen der Boden bewegt, ganz langsam. Und ich schaue runter und sehe, wie sich der Asphalt öffnet. Und das Tischchen mit den Gurken kippt um.«

Sie springt zur Seite, sucht Zuflucht hinter ihrem Gemüsestand und sieht von dort aus dabei zu, wie der Lindenbaum über die vierspurige Straße fällt. Sie ruft die Feuerwehr.

Wundersamer Weise wurde niemand verletzt. Das Zerlegen des Lindenbaumes dauerte vier Stunden. In dieser Zeit blieb der Verkehr inklusive der Busspuren beidseitig gesperrt, was nicht alle Verkehrsteilnehmer einsehen wollten. Ein Baumforscher untersuchte den Lindenstamm und fand dabei zweierlei heraus:

a) Der Stamm war von innen heraus verfault. Kurz vor dem Aufstellen des Gurkentischchens waren ihm auch noch die letzten Wurzeln zerfallen. Dadurch gab es für ihn keine Möglichkeit mehr, sich im Grund zu verankern und oberhalb in einer Senkrechten zu halten.

b) Der Baum wurde 130 Jahre alt. Er war also viel älter noch als der Bombenkrater.

11.7.

Vorgestern früh, als ich mich nach dem Augenaufschlagen in meinem Bett umschaute, entdeckte ich auf dem Leintuch neben mir einen Nachtfalter, der lag mit gefalteten Beinen neben mir auf dem Rücken. So, als hätte er sich in der vergangenen Nacht neben meinen Kopf hingelegt, um dort zu sterben. Ich schob ihn auf eine Karteikarte und legte diese auf die Fensterbank, um den Falter durch mein Mikroskop zu betrachten (ich kann dem Fernrohr eine Makrolinse aufschrauben, dann wirkt es sozusagen umgekehrt, beziehungsweise auf den extremen Nahbereich bezogen). Alles am Nachtfalter ist staubig, wenn man ihn achtfach vergrößert betrachtet. Der Brustkorb erscheint dann enorm und von greisenhaupthaftem Pelz überzogen. Die Facettenaugen ebenso staubig, braun und grau, musivisch gefasst. Da gab’s keine Lider, Insekten sterben, wie manche Menschen auch, sehenden Auges.

Als ich mir alles am Falter angesehen hatte, legte ich ihn raus auf die Erde des Rosmarintöpfchens. Nachmittags war er fort. Entweder vom Winde weggeweht oder von den Hornissen gefressen – vielleicht auch ganz banal von einem Spatz.

Gestern habe ich dann während der Vorberichterstattung wieder an ihn denken müssen. Ich hatte ihn bereits vergessen. Nach der Halbzeit eingeschlafen und von etwas ganz anderem geträumt. Aber es ging auch dort in einem weiteren Sinne um Sport.

10.7.

Heute soll es warm werden, angeblich 29 Grad, und ich glaube das stimmt sogar, denn ich wachte bereits um 4 Uhr auf, weil es zu warm geworden war. Alle Fenster geöffnet und im warmen Durchzug noch auf der Decke eingeschlafen und von einem unwiderbringlichen Augenblick der Zuneigung geträumt. Auge in Auge.

Jetzt ziehen Herden aus gleichförmig kleinen Wolken wie helle Rasterfelder über den Himmel, der gläsern wirkt, so viel Licht scheint dahinter und kommt unvermindert durch. Auch der See wirkt tiefblau und es gibt kaum Wellengang. Dafür zeigt sich die Strömung, denn es handelt sich in Wahrheit um gar keinen See, er heißt bloß so, aber es ist ja die Havel, die hier nur stark verbreitert vorbeifließt.

In den Büschen piepst und raschelt es von den vielen Mäusen, die winzig klein sind, braun mit einem dunklen Rückenstreifen, ähnlich der Hunderasse Rhodesian Ridgeback, und von denen es in diesem Sommer besonders viele gibt. Die Katze braucht nicht einmal mehr Milch oder Trockenfutter, sie wird immer dicker. Neulich hat sie einer Taube den Kopf abgebissen, den Rest einfach liegen lassen, sie konnte nicht mehr. Wir haben dann kurz überlegt – eine Taube ist ja schon ein großes Tier: vergraben oder bestatten? Aber niemand mag Tauben, also griff ich nach dem kopflosen Vogel mit dem Umschlag eines Maxibriefs und beförderte ihn in die Tonne für den Haushaltsmüll. Sie war noch warm.

Und ich twitterte meinem Liebling.

9.7.

Gestern viel gearbeitet. Zu viel vermutlich. Ich habe einen solchen Muskelkater im Oberarm (vom Anreißen des Außenborders), dass ich kaum tippen kann. Also: Es fällt mir schwer. In dieser Angelegenheit war ich auch mittags kurz an der Tankstelle, einer Agip, weil dort die Motorradrocker vorfahren und angeblich ist ja das Gemisch, das ich in den Bootsmotor füllen soll, eine Mixtur, die in Motorrollern Verwendung findet. Ich brachte also meinen Kanister mit, der ganz anders ausschaut als einer für PKW, er ist nämlich signalfarben-orange und von seiner Bauweise flach und langgezogen (Modell Ente). An der Kasse arbeitete eine sympathische Butchlesbe im Fred-Perry-Hemd und ich sagte: »Guten Tag, könnte ich hier fünf Liter Benzin reinhaben?«

Sie sagte: »Mach doch.«

Ich sagte: »Okay, wenn das geht. Ich hätte dann noch eine Fachfrage: Ich brauche nämlich noch einen Liter Öl für das Gemisch 1:100 – welche dieser siebenundzwanzig Sorten Öl empfehlen Sie mir denn für einen Außenbordmotor?«

Sie schaute in zumindest meine Richtung, denn ich deutete auf die Wand hinter mir, wo in Wahrheit freilich weit mehr als siebenundzwanzig Plastikflaschen und Plastikkanisterchen mit Motoröl aufgereiht waren.

Sie sagte: »Das weiß ich doch nicht.«

Ich wusste nicht, vielleicht lag das an mir, denn für mich gehörten Tankstellen bis dato zur Sachgruppe Apotheke et cetera, weil es dort eben gefährliche und teilweise auch sehr spezielle Produkte gibt. Beispielsweise Wischblätter für Scheibenwischer, Fliegenschwäme oder Xenon-Glühmittel. Die gibt es halt nicht in jedem Supermarkt. Nicht mal bei Obi.

»Aber sie arbeiten doch hier an der Tankstelle«, versuchte ich an ihr Ehrgefühl zu appellieren.

»Ja«, sagte sie, »aber ich arbeite hier bloß.«

8.7.

Eigentlich war gestern ein mega gelungener Tag, weil wir zuerst eine schönen Spaziergang machten. Davor waren wir Kaffee trinken gewesen und währenddessen hatte mir Monika auszugsweise davon erzählt, wie es mit Jutta Koether und Diedrich Diedrichsen sich verhalten hatte, und ich konnte ihr wiederum aus meinem Blickwinkel, meiner Erlebnisperspektive heraus berichten, dass wiederum Jochen Distelmeyer – also kurz und gut: Durch das Übereinanderlegen unserer Perspektiven fanden wir dann gemeinsam über die Sache gebeugt zu einem Bild, in dessen Zentrum Diedrich Diedrichsen sich befand, der wiederum Jutta Koether derart angezogen hatte, dass sie sich in die Kunstproduktion stürzte, und Jochen Diestelmeyer, damals unsterblich in Jutta Koether verliebt, vor allem ihrer Kunstproduktion wegen, nahm dann, um Jutta Koether für sich zu gewinnen, mal eben so die beiden wichtigsten Platten der letzten dreißig Jahre (in deutscher Sprache gerappt und gesungen) auf.

Aus der Sicht der Kultur, die ja keine Augen hat, ist das mit den Musen keine schlechte Idee.

Dann kauften wir das Boot und fuhren full speed über den See nach Hause zurück. Großer Spaß, nein: gigantisch.

Und dieses Gefühl hielt dann auch den Nachmittag über noch an. Abends saß ich dann vor dem kleinen Café gegenüber und wartete so eher halb gespannt den Auftritt der Zauberfüße ab, freute mich aber schon auf die Nahaufnahmen. Ich saß derentwegen mit gezücktem Füller, denn ich arbeite ja an dieser poetischen Skizze mit dem Titel »Manuel Neuer, Mann«.

Tja, aber dann kam die Tagesschau. Und da kam das Schwarz-Weiß-Bild von seinem Gesicht. Und mir entfuhr ein »Nein!«

Und die Frau gegenüber, die einen modernen Gehstock bei sich hatte, fragte: »Was ist denn mit Ihnen?«

Und ich sagte: »Ich bin traurig.«

Und dann auch noch das Spiel. Aber das ging in Ordnung und war wie Kiffen für mich.

7.7.

Heute ist Siebenschläfer. Wenn es heute regnet, regnet es sieben Wochen lang. Gestern, als ich frühmorgens in die Stadt gefahren war, fing es am Hackeschen Markt augenblicklich zu regnen an, aber derart, dass die Wassertropfen von allen Seiten an mich herangeweht wurden. Ich versuchte mich unterzustellen, aber das schien unmöglich, denn selbst von unten her wurde ich nass. Dann wieder vorbei, der Wind blieb und verstärkte sich noch. Zwischendurch schien auch wieder die Sonne. Und zwischen den nass glänzenden Stämmen der Platanen in der Oderberger Straße spiegelte sich bis hinüber zur Kreuzung vor der Kulturbrauerei ein fantastisches Licht.

Ill wind den ganzen Nachmittag über. Vor der Pizzeria am Kollwitzplatz sah ich, wie der Bäcker, beim Versuch die Markise etwas zurückzukurbeln, von einem herabfallenden Ast mitgen auf die Stirn getroffen wurde, wie Ödön von Horváth, aber er musste nicht bluten und ging bald zurück in sein Geschäft. Dann saß ich später mit Constantin vor dem Souterrain, und wie immer, wenn wir uns treffen, lachten wir sehr viel. Er ist ja der lustigste Mann, den ich kenne. Er hat einen goldenen Humor und kann, glaube ich, jeden Mensch, den man so kennt, imitieren. Manche Menschen kenne ich sogar ausschließlich von den Constantinischen Imitationen her. Irgendwann fegte ihm der Wind seine Sonnenbrille aus dem Gesicht und wehte sie ein Stück die Choriner Straße hinab. Und er sah mich an, und musste noch vor mir lachen, weil er wohl meine Gedanken gelesen hatte, und dort hatte gestanden: Wie passend, ihn hält doch jeder, der ihn nicht kennt, für einen windigen Typen.

6.7.

Durch bloßes Nebeneinandersitzen entsteht ein Gespräch mit zwei Männern aus Kabul und einem aus Südafrika, Kommilitonen, die in Potsdam Public Marketing studieren – ein Studiengang, bei dem es wohl darum geht, wie sie sagen, in Zukunft »Torheiten wie den Brexit zu verhindern«. Right on!

Nach den üblichen Frage nach dem Holocaust und ob es sich bei dem überwachsenen Krater dort drüben um einen Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg handelt (ja), stellen sie mir eine Frage, auf die ich von selbst nicht gekommen wäre: Warum denn die Deutschen noch immer an ihrer Sprache festhalten, und nicht endlich auf Englisch umgestellt hätten.

Ich versuche zu erklären, dass Deutsch die Grundlage unserer Kultur bedeutet, dass in Deutschland der Buchdruck erfunden wurde, dass der Buchdruck das Selbststudium der Bibel ermöglicht hat, und dass die in der Bibel erzählten Geschichten zur Verbreitung der christlichen Werte geführt hat, auf denen unsere Gesellschaftsordnung noch immer beruht. Und das zum Glück. Interessanterweise, das fällt mir aber hinterher erst ein, erwähne ich mit keinem Wort die deutsche Dichtung, ich verweise nicht auf unsere Literaten und unsere Literatur. Eine daraus, aus meinem Hinweis auf unsere christlichen Werte entspringende Frage, weshalb sich ausgerechnet das Ungarische und das Finnische ähnlich sind, kann ich mit der Völkerwanderung zumindest zu erklären versuchen. Eine historische Tatsache, die allen dreien bislang unbekannt gewesen war. Ich führe die Ähnlichkeit des italienischen Namen des Brotes (Ciabatta) und eines indischen (Chapati) vor Ohren.

Das kommt bei den Männern aus Afghanistan gut an und führt dann zu längeren Augenblicken der Nachdenklichkeit. Aber um auf ihre Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich kann zwar, wie sie festgestellt hatten, flüssig auf Englisch erzählen, aber eben nicht schreiben. Weil es, vielleicht auch nur für mich, einen Unterschied gibt zwischen Reden und Schreiben, der wesentlich ist. Warum, das kann ich, das wird mir dabei bewusst, gar nicht erklären. Mir fehlen nicht die Worte, aber der Vorgang des Schreibens an sich ist wohl unbeschreiblich für mich. Unbegreiflich nicht. Aber es verhält sich so, wie mit meinem Verhältnis zur Zeit: Ich weiß ganz genau, was Zeit ist. Aber erklären kann ich es nicht.

5.7.

»Über das Verhältnis zum eigenen Körper und zu anderen menschlichen Körpern entwickelt sich die Beziehung jedes menschlichen Körpers zur übrigen Objektwelt und aus dieser die Sprechweise dieser Körper von sich, den Objekten, den Beziehungen zu den Objekten. In welcher Weise spricht die ‚faschistische Sprache‘ von solchen Verhältnissen und warum – das ist die Richtung, in die die Fragestellung entwickelt wird.« — Klaus Theweleit

Wenn es eine Tablette gäbe, ein Medikament, das den Prozessor der Wahrnehmung, also meine Seele, so verändern könnte, dass ich die Menschen so sehen dürfte wie Tiere, ich würde sie einnehmen. Ich finde beinahe alle Tiere schön und interessant und die meisten finde ich sogar niedlich. Menschen, vor allem die, die ich nur aus der Beobachtung kenne, machen mir einfach bloß Angst.

Für die Blässhühnerfamilie am gegenüberliegenden Ufer beginnt jetzt die Zeit der Vertreibung ihrer Küken aus dem Nest. Ich weiß nicht, wie man bei Wasservögeln das Äquivalent zum Flüggemachen nennt, aber es geht brutal vonstatten und in etwa so, wie es in einem Erziehungstipp aus dem Alten Testament heißt: »Sie bestreiche sich die Brust mit bitterer Salbe«. Das Gefieder der Blässhuhnjungen wirkt noch immer flaumig, staubgrau und an den Brüsten bis über den den ganzen Lauf der Halsvorderseite hinauf bis an die Unterseite der Schnäbel verläuft eine weiße Spur, die sich bei den erwachsenen Tieren emblemhaft auf jenen Tüpfel aus Tippex, der dann von der Schnabelspitze aus senkrecht bis auf das Schädeldach weisen wird, reduziert. Die Augenfarbe des Nachwuchses ist auch noch nicht rot, wie bei den geschlechtsreifen, sondern ebenfalls von einem gräulichen Braun.

Manchmal machen sie dumme Sachen. Beispielsweise steuert dann eines von ihnen zwischen die Schwimmkörper eines der Tretboote hinein, wo es ja nach vorneheraus keinen Ausweg gibt und ich frage mich, was es dort in dieser dunklen Sackgasse will. Bißchen aufdringlich auch, also sehr, dass dies kleine Geschwader während seiner Ausfahrten permanent Kontakt zueinander hält über Warnrufe, die sich für meine Sinnesorgane so anhören, als würde eine Radlaufglocke aus Glas betätigt (insofern es so etwas überhaupt gibt).

Es ist ein gefahrvolles Leben. Im Grunde genommen ist es ein Leben ohne Sinn, weil es, zumindest scheint mir das so, keine Pausen gibt. Das ist bei den Enten anders, die oft stundenlang schlafen; bei den Schwänen dito, weil die mir bei ihrem Umherfahren oft den Eindruck vermitteln können, sie täten das, um sich ihre Umgebung anzuschauen. Bei den Blässhühnern aber gibt es anscheinend ausschließlich Betriebsamkeit, ja geradezu Hektik. Wird das Nest nicht repariert, wird entweder gefickt, oder das Gefieder gerichtet, oder gegessen, oder erzogen. Wahrscheinlich liegt es daran, an deren Lebensführung, das mir die Blässhühner vor allen anderen Teichbewohnern so sympathisch sind.

Der Schwan, so schön und elegant er mir vorkommt, macht mir nicht den Anschein, als könnte er sich leer und verbraucht fühlen. Eventuell verspürt er instinktiv kurz vor dem Ende seines Lebens auch einen Impuls à la »Oh, okay that feeling – ich fahr mal besser dort rüber ins Schilf, denn meine ‚Pillen wirken bald‘«. Der Schwan kennt auch bloß den Anreiz seines Hungers und das Völlegefühl. Der Schwan weiß nicht, was ein Flugzeug ist, er nimmt lediglich bedrohliche Schatten aus dem Luftraum über sich wahr. Der Schwan kann nicht den größten Schatten aus dem Luftraum über sich in einer abstrakten Form, als Metapher auf sein Bauchgefühl übertragen, um sich selbst zu erklären, was mit ihm ist.

4.7.

Als ich nach Hause kam, war der Himmel sternenklar, so wie ich es zuletzt in Afrika erlebt hatte, und ich konnte, wie es in der Frankfurter Allgemeinen in der handgezeichneten Rubrik Der Sternenhimmel im Juli angekündigt worden war, jenes Sternbild der Schlange erkennen, das unter dem Großen Wagen sich zeigte wie ein Lächeln aus Tupfen. Der Große Wagen stand direkt über dem Dach meines Hauses.

Am nächsten Nachmittag ging ich wieder zum Easy Rider, um nachzusehen, aber dass die Räuber die Buddhastatue über Nacht klammheimlich (oder beklommen) zurückgebracht hätten, diese Annahme oder Hoffnung, die sich bei mir aus schweren Träumen ergeben hatte, bestätigte sich leider nicht. Der Wirt war dennoch guter Laune, da sich während des Deutschlandspiels bei ausbleibendem Regen sehr gute Umsätze hatten machen lassen. Zudem war wohl alles friedlich verlaufen. Er hatte mir etwas mitgebracht: eine Ausgabe der Illinois Staats=Zeitung, vom 16. Juni 1893, einer Tageszeitung in deutscher Sprache*, gesetzt in Frakturschrift (sieht aus wie die Neue Züricher vor dem Rebrush durch Mike Meiré, also auch komplett mit dem kuriosen Umbruch von Artikeln, die teilweise in Z- oder F-Form sich durch die Spalten sozusagen schlängeln), zu deren Existenz oder Vorhandensein er mir gar nicht mehr sagen konnte als »ist noch von Vattern im Keller«. Auf dem Titelblatt stand mit grünem Signalstift »Carlotta« geschrieben. Und er, der Wirt also, sagte, dass mir die Sprache gefallen müsste, man hätte ja damals, das würde ich lesenderweise entdecken, noch ganz anders geschrieben (im Sinne von erstaunlich und/oder gut).

Die Titelgeschichte dieser Tageszeitung bestand in einer Abhandlung über den Bergkristall (mit y und zwei l) von Wenzel Peiter. Daneben eine Anekdote, die komplett in bayrischem Dialekt aufgeschrieben war. Darunter stand eine Presseschau »Heiteres aus deutschen Zeitungen«, die mit einem Geviertelstrich begann: »Aus Schwetzingen berichtet das Brettener Wochenbl. Nr. 50: ‚Vor etwa 30 Jahren verlor eine hiesige Familie ein goldenes Ringchen. Dieser Tage ergab sich beim Spargelstechen, daß ein Spargel durch das langvermisste Ringchen gewachsen und (es, Anm. JB) dadurch wieder in den Besitz der Eigentümerin gelangt ist.‘ — Der Spargel! das war hübsch von ihm.«

* verlegt im 46. Jahrgang durch Balthasar Blatz, Brewing Co., Chicago, Tel. 4357. Verbunden mit dem Hinweis: »Die Illinois Staats=Zeitung ist in allen News-Stores der Stadt zu haben.«

3.7.

Aus jedem zweiten Garten roch es nach grillendem Fleisch. Auf dem Weg zur S-Bahn machte ich einen Umweg und kam in dem Wäldchen am Easy Rider vorbei. Aufgrund der schlechten Wetterlage war der Fernseher noch nicht aufgestellt, aber der Wirt trug eine Schürze in Schwarz-Rot-Gold. Die Stühle rings um den Kiosk waren leer. Am Tresen lehnte ein Mann auf seinen Krücken. Ich trug die blauen Schuhe und mit denen ist etwas. Vielleicht liegt es auch nur an deren Farbe, aber wie mich einst die Zwillinge auf der Brücke meiner Schuhe wegen angesprochen hatten, so rief mich nun auch der mit den Krücken zu sich, um mich nach dem Preis für die Schuhe zu fragen. Wahrheitsgemäß sagte ich ihm, dass ich den nicht wüsste, weil ich die einst gegen einen Text eingetauscht hatte; also dass ich damals drei Paar Schuhe gegen einen Text erhalten hatte. So entstand natürlich ein Gespräch, an dem sich auch der Wirt beteiligte. Nach ein paar Minuten kamen zwei Männer mit zwei Kindern, grüßten freundlich und kauften den Kindern zwei Eis in der Plastikdose und für sich selbst zwei Flaschen Bier. Dann setzten sie sich mit ihren Rucksäcken in den Kreis aus Liegestühlen, in dessen Mitte ein niedriger Tisch in Form einer halbierten Orange steht. Wir setzten unser Gespräch fort. Es ging um die Fundsachen, die sich den Sommer über am Easy Rider anhäuften. Nach einer Weile, wenn ein Portemonnaie nicht abgeholt wurde – und das scheint unbegreiflicherweise sehr häufig so vorzukommen – wirft der Wirt die Gegenstände, auch Schlüsselbunde darunter, in den nächsten Briefkasten. Angeblich würden die dann von der Post umgehend aufs nächste Fundbüro befördert. Wo sie wahrscheinlich niemals abgeholt werden, weil diese Menschen, die ihren Hausschlüssel dort beim Easy Rider liegen lassen, oder ihr Portemonnaie, einfach aus dem Grund nicht mehr zurückkommen, weil sie inzwischen tot sind.

Fand der Wirt einleuchtend, aber auch sehr buddhistisch (wir hatten schon ein Mal über dieses Thema gesprochen), und dies aussprechend, schaute er lachend hinüber in die Sitzecke, wo vor einigen Minuten noch die zwei Männer mit den Kindern pausiert hatten, und sagte dann: »Hey, das gibt’s ja gar nicht. Meine Buddhastatue ist weg!«

In der Tat säuselte dort, auf dem abgesägten beschnitzten Baumstumpf, der seiner Buddhastatue als Aufstellungsort diente, bloß noch ein einsames Räucherstäbchen. Wie näherten uns zu dritt der Stelle, durchstreiften das Gras und das Gebüsch und sahen sogar unter der Hollywoodschaukel nach. Aber der Buddha, vielleicht fünfzig Zentimeter hoch, aus Zement, fünf Kilogramm schwer, war verschwunden. Und er war, dessen war ich mir hundert Prozent sicher noch dort gestanden, als ich gekommen war. Der Wirt schwang sich aufs Fahrrad, um die Tempelräuber noch an der S-Bahn zu erwischen, aber er schaffte es nicht mehr. Obwohl die Bahnen dort im Elf-Minuten-Takt abfahren, hatte er die letzte wohl knapp verpasst.

Noch wirkte er heiter, ein bisschen empört, aber ich wusste aus Erfahrung, dass er mit einer verzögerten Wirkung dieses Übergriffs rechnen musste. Aus seinem Kiosk holte er eine Querflöte im kleinen Koffer, die gestern erst jemand dort vergessen hatte. Wir bewunderten das schöne silberne Instrument aus England, laut Stempel, das graviert war mit den Initialen ACK. Querflöte samt Koffer passt nicht in den Briefkasten. Querflöte ohne Koffer halt schon, aber. Na gut, aber ich fand ja auch häufig einzelne Schuhe im Wald und frage mich noch immer bei jedem einzelnen davon: Was ist da wohl genau passiert? Und da, als ich dabei war, mich zu verabschieden, setzte die Latenzwirkung ein, der Wirt sprach nun davon, wie er sich fühle, so benutzt und bestohlen worden zu sein. Vor allem auch, dass die es vor den Kindern getan hatten. Und wir dachten kurz an die Frau des Tempelräubers, die sich vielleicht sogar freuen würde über den Buddha, der im Badezimmer so gut neben die Aromastäbchen passt, und sie fragt ihn: Hast Du mir den gekauft? Vielleicht lügt er, vielleicht würde er ihr die Wahrheit sagen. Schwer zu sagen, was schlimmer wäre.

2.7.

Eineinhalb Stunden mit Beate telefoniert. Zuerst ging es um Berlin und die Volksbühne, dann um Bayreuth und um alles dort und ich dachte: darüber (Bayreuth) solltest Du ein kleines Buch schreiben! Worüber denn sonst? Und ich sagte: »Dann muss ich da aber auch ein paar Wochen lang hin – off season«. Beate hatte das akustisch nicht verstanden, also wiederholte ich den Satz, und dann: klar – was ist denn Bayreuth schon ohne die Festspiele? Wusste sie auch nicht, aber aus der Erinnerung: »ein reizendes Barockstädtchen«. Und daraufhin wurde es mir noch lustmachender, diesen Text schreiben zu dürfen.

Und Beate las mir ihren Text am Telefon vor, einen offenen Brief an die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde von München, Frau Charlotte Knobloch, die anscheinend verdanks ihrer politischen Funktion verhindern kann und konnte, dass in München Stolpersteine gesetzt werden (weil dann »die Juden wieder mit Füßen getreten werden«). Text sehr gut, durchdacht, tief empfunden, erfahren, in der Sprache einfach. Beate befürchtet, dass der Chefredakteur ihrer Zeitung ihren Text nicht abdrucken lassen wird. Ich riet ihr zu einem Blog.

Vermutlich, also meiner Erfahrung nach, ist es das Größte, was einem ein anderer Mensch schenken können wird, dass er bei angeschaltetem Telefon einschläft. Dann liegt dort auf dem Leintuch das schwarze Rechteck, durch das seine Atemzüge übertragen werden (Lautsprecher). Und man selbst bleibt wach, geht umher und hört immer wieder gebannt: eben keine Lokomotive. Und dennoch denkt man: weiter so, weiter, weiter, weiter.

1.7.

FULI (JULI MIT F)

Die Schnecke klebt im Mauerspalt
Lass sie halt
Die Ente schläft dort auf dem Steg
Dir im Weg
Die Wolken
Schichten
Grau auf Grau
Dahinter Sonnenschein und Blau
Rasensprenger
Warmer Kies
Dir geht’s gut

30.6.

Am frühen Abend saß ich gegenüber des Stehcafé und Bäckerei Schleckermäulchen und trank ein paar Campari mit Orangensaft. Ein kleines Mädchen ging an der Hand seiner Mutter an den Tischen vorbei, sie zeigte auf meinen Drink und rief: »That looks fancy!«. Ich sagte: »It is«.

Vor dem Platz auf der anderen Seite der Straße wiegten sich die Zweige der Lindenbäume und in deren Rocksäumen verfing sich das letzte Licht. Während des Essens sprach ich mit Alexandra über Systemprobleme des Journalismus. Beziehungsweise: Ob es ihn in fünf Jahren noch geben würde. Sie meinte: nein.

Nach dem Essen traf ich dort vor dem Lokal noch zufällig auf Oliver, der mich überredete, kurz bei der Party des Zeitmagazins vorbeizuschauen. Zuvor sprachen wir über die Systemprobleme des Fotojournalismus und der Werbefotografie. Beziehungsweise: Ob es sie in fünf Jahren noch geben würde. Er meinte: nein.

Die Party des Zeitmagazins fand praktischerweise gleich um die Ecke statt, in einem noch nicht oder noch nicht offiziell eröffneten Steak-Restaurant. Wir arbeiteten uns durch hundert Menschen bis in den Innenhof durch, wo es aber noch hundertmal voller war als in den Räumen zuvor. Die Getränke wurden in sehr bauchigen Kupfertässchen ausgegeben, was kurios aussah. In einer Nische fiel ich beinahe (nur mit einem Bein) in ein metertiefes Loch, das es dort im Boden gab. Einfach so.

29.6.

Zunächst hatte ich es für einen Druckfehler gehalten: Auf dem Foto vom Gartenspaziergang einiger Außenminister der Europäischen Union, das in der Sonntagszeitung auf deren zweiter Seite abgebildet war, ragte dem Luxemburger Jean Asselborn eine dünne grüne Linie schräg aus den Lippen hervor. Nach unten hin weisend, wo am Bildrand aus dem Vordergrund des Motives, brennweitenbedingt, unscharf die Büschel kniehoher Gräser ins Sonnenlicht strebten.

Aber konnte das sein? Selbst unter dem Fadenzähler, durch dessen Linse betrachtet sich die Fotos in Zeitungen zu reizvollen Mustern aus identisch großen Punkten pudriger Farben auflösen, schien diese grüne Linie noch immer als ein graphisches Element, ein rayon vert (nach Jules Verne).

Am darauf folgenden Morgen aber erhielt ich mit der Montagsausgabe den Beweis. Ein anderes Motiv von dem Spaziergang war dort veröffentlicht worden, und tatsächlich: Jean Asselborn hielt zweifellos einen Halm zwischen den Zähnen — unter Hasen gesprochen mümmelte er daran.

Dieses Wissen: Jean Asselborn benutzt einen Grashalm während schwerwiegender Dienstgespräche, um sich mit dessen Hilfe gleichsam konzentrieren wie auch zerstreuen zu können, ließ mir diesen bis zu jenem Sonntag unbekannten homo politicus aufgrund seiner Hasenhaftigkeit megaliebenswert werden. Dazu die sog. soft facts: dienstältester Außenminister in der EU, seit nunmehr 36 Jahren mit seiner Frau verheiratet.

In dem Roman Le Rayon Vert, dem einzigen nicht spektakulären Roman von Jules Verne, geht es bekanntlich um eine Frau, die sich erst dann heiraten lassen will, wenn sie in Schottland das Naturphänomen des grünen Strahls, einem Wetterleuchten über der See kurz vor Sonnenuntergang, bezeugt haben wird. Der grüne Strahl, so die Legende, beweist demjenigen, der ihn schaut, dass die sogenannte Liebe wahrhaftig existiert. Und möglich ist.

Interessant in dem Zusammenhang ist die anhaltende, momentan freilich unterrepräsentierte Diskussion um die Verwechselbarkeit der Luxemburgischen Nationalflagge mit jener des Beneluxpartners Niederlanden. Beide scheinen zwar vom grafischen Prinzip her gleich aufgebaut, doch ist der blaue Streifen in Luxemburg als ein Himmelblau festgelegt, während die Niederlanden ihr Blau als ultramarin codieren. Mein Vorschlag: Für Luxemburg einen Hasenmund in stilisierter Form mittig in das Streifenmotiv fügen (Mercedes-Zeichen, bzw. Peace-Logo; letzteres mit einem in grün dargestellten Mittelstrich).

28.6.

Durch die Überhäufung mit Kohlenhydraten, Industriezucker und Protein hatte ich leider auch das Geburtstagsgeschenk verschlafen, das ich mir selbst schenken wollte. Ich lag noch, als ich durch die geöffneten Fenster den Pfiff zur Abfahrt der MS Heiterkeit vernahm – jenem Signal zum Verstreichen der letzten Chance in diesem Jahr 2016 noch die neunstündige Fahrt über »die vielfältige Seenlandschaft Brandenburgs« antreten zu dürfen. Das Schiff, eben jenes verheißungsvoll auf Heiterkeit getaufte, macht diese Tour nämlich nur zweimal im Jahr.

Ich fühlte mich trotzdem im Zustand der Gnade und grämte mich nicht. Und tatsächlich: Nachdem ich mir nach alter Sitte zur Strafe einen Vormittag lang des Aufräumens und Sortierens und Abheftens auferlegt hatte, genehmigte ich mir nach 14 Uhr den Spaziergang zum Restaurant Seehaase, wo ich an der kleinen Marina so gerne sitze. Der Himmel zeigte sich weit, obwohl von vielen Wolken bedeckt, aber die eben in interessanten Formen, und an den Kanten lösten sich – dies beobachtete ich durch mein Fernrohr in achtfacher Vergrößerung – wie scheinbar durch die Sonnenhitze abgeschmolzen, die kuriosesten fraktalen Formen ab.

Das Instrument absetzend fiel mein Blick auf die im Becken zu meinen Füßen versammelten Tretboote. Und als eines davon losgelöst wurde, fragte ich Tim, der hier aufgewachsen ist und in seiner gesamten Abercrombie-&-Fitchhaftigkeit zu einem ultimativen Verführer gereift, gebräunter noch als ich!, für wieviel er mir denn eines dieser Boote verkaufen würde. Der Preis war bestimmt nicht überzogen, blieb dennoch unerschwinglich. Ein Tretboot kostet demnach gebraucht noch immer 1500. Ich hatte aufgrund der Spielzeughaftigkeit freilich an einen weitaus niedrigeren Preis geglaubt (so um die 300 max).

»Aber ich habe was für dich, das dir gefallen könnte«, schob Tim nach, um mir daraufhin eine wahre Beauty zu zeigen: klein, Fiberglas, mit zwei Bänken aus dunklem Holz, Außenborder von Yamaha, im exakt richtigen Lodengrün. Und das für 800.

Auf dem Heimweg ging mir das Boot nicht mehr aus dem Sinn: Bestünde darin nicht erst die Eröffnung der Welt, wenn ich, morgens zum Beispiel, kurz mal nach der Küste der Pfaueninsel fahren könnte. Vor allem im Herbst, wenn graue Nebel würden wallen, stellte ich mir das derart romantisch und nahrhaft für meine Seele vor. Ich träumte bereits von den Nachtfahrten, die mir damit möglich würden. Ich träumte von einem neuen Glück. Und es ist ja so einfach, wenn man erst erwachsen ist: Man darf essen was man will und wann man das will; man darf so lange im Bett bleiben wie man will, ohne dass einen jemanden kommentiert; und man darf sich kaufen (und aber auch sausenlassen), was man will.

27.6.

Gestern aß ich den lieben langen Tag lang (Rührei, Schaumgummi, Salami, Snackteller, Ente, Bathura, Reis), bis ich nicht mehr konnte. Offenbar schläft man dadurch nicht nur ungewöhnlich lange, man träumt auch ungewöhnliches Zeug. Ich war selbst von mir überrascht, aber: ein Wettkampf im Schreibmaschinenweitwurf. Ausschließlich weibliche Teilnehmer. Fand in einem ausverkauften Stadion statt. Tolle Kamerafahrten, wenn ich mich recht entsinne sogar mit Sound. 

26.6.

Es war zu heiß zum Blutspenden. Der Truck des Deutschen Roten Kreuzes stand von daher wie schmollend (oder wie man in meiner Herkunftssphäre sagt »zum Bossen«) auf dem Vorplatz des Bahnhofsgebäudes herum. Die wenigen Passanten oder Umsteiger ließen das Erdbeerhäuschen ebenfalls links liegen. Darin saß ein mir unbekannter Mann, der mir auf den ersten Blick als sympathisch erschienen war, weil er mich an Gert Fröbe erinnerte. Und an den »Durstigen Mann« auf den Dosen von Tuborg. Aber das lag höchstwahrscheinlich am Wetter und war eine Fatamorgana. Ich schaute mir lange, sehr lange das ergreifende Bild von David Cameron und von seiner Frau an, die versucht hatte, seine Hand zu halten. Dann las ich die traurigen Texte zur traurigen Nachricht. Dann ging ich hinüber zum Erdbeerhäuschen, grüßte, entsicherte die Olympus und sprach den Mann an.

Später erlaubte ich mir den Besuch eines Teils meines Viertels, den ich mir bislang aufgespart hatte, weil ich ja auch auf den Tellern zuerst das aufesse, was ich am wenigsten mag. Dort sah ich ein Haus, an dem standen die Fenster des ersten Stockwerks geöffnet und dort, auf der Beletage hingen an der Wand viele Bilder in weißen Passepartouts. Eines davon aber schief und ich läutete, in der Absicht zu fragen, ob ich es geraderücken dürfte, aber man machte mir nicht auf.

Im Schatten der anderen Seite der Straße schnuffelte ein Basset an den herabgefallenen Lindenblüten. Seine Fellfärbung war ungewöhnlich. Persönlich bin ich nur mit einer einzigen Hündin dieser Rasse vertraut, es ist Grenadine, die in Cagnes-sur-Mer lebt, und die ist, wie man es von den Gemälden her kennt, braun, weiß und schwarz gescheckt. Dieser Basset hier, ein Rüde, war hell und die Flecken im Fell allenfalls Ginger, rötlich, aber nicht Auburn wie das Haar Patricia Reichhardts.

Also sprach ich seine Besitzerin / seine Begleiterin an: ob es sich hierbei um einen Albino handele?

Aber nein – diese Fleckung würde unter den britischen Züchtern als Honeywhite beschrieben.

Honeywhite – sollte ich einmal eine Tochter zeugen können, wäre dies ein möglicher Name für sie.

Die Dame, die mir diese Inspiration geschenkt hatte, erinnerte mich in allem an meine Nachbarin aus Kindertagen (ich weiß, in solchem Zusammenhang schreibt man üblicherweise »unsere Nachbarin«, aber dem ist halt bei mir nicht so). Selma Besserer, so hieß sie (also die Nachbarin, die längst schon verstorben ist), war Biologin, promoviert, sie arbeitete als Lehrerin am humanistisch ausgerichteten Heidehofgymnasium. Sie lebte allein in einem extrem großen Haus, das ein Schwimmbad hatte (weil sie gerne schwamm und es in dem Dorf, in dem wir lebten, keines gab – wozu auch; unter Pietisten gilt Schwimmen, wie alles, was nichts einbringt, als Zeitvertreib und der ist freilich gottlos). Wie auch Frauen, die ohne Familien lebten – mit denen stimmte etwas nicht, die waren noch weniger als einfach bloß gottlos, bei denen handelte es sich angeblich um schadhafte Exemplare, und das on dit über Selma Besserer und ihre Haushaltshilfe Melitta war dementsprechend übergriffig und gleichsam borniert.

Sie hatte mich oft rübergerufen und dann durfte ich in ihrer Bibliothek, die neben dem Schwimmbad über zwei Stockwerke sich erstreckte, in den Büchern lesen und blättern, die es bei meinen Eltern nicht gab (und das waren ziemlich viele). Vor allem illustrierte Bände über Pflanzen und Tiere. Frau Dr. Besserer hatte so eine Art, die mir angenehm war und die sich wie Zärtlichkeit anfühlte, denn sie korrigierte mich selten und nahm beinahe alles, was ich über das Leben herausgefunden zu haben glaubte, ernst.

Mahonienbüsche umgrenzten ihr Grundstück. Der Rest war Rasen, immer korrekt kurzgehalten. Als einziger Baum stand darin eine Trauerweide – im Garten einer Biologin, so denkt man, ginge es eigentlich doch natürlicher zu.

Die Rückwand des Schwimmbades bestand aus Kirchenglas und zeigte bunt und streng gefügt eine Szene aus dem Leben des Franz von Assisi mit den Vögeln. Dahinter verbarg sich die Aussicht auf ein Panorama, von der ich jahrelang angenommen hatte, das es ihretwegen so war, dass wir dort allesamt an diesem nämlich auch in Wahrheit weltfremden Ort siedelten: Kornfelder, der Waldrand von den orangefarbenen Stämmen der Kiefern gesäumt und dahinter: die Friedenshöhe, wo sich durch aufragenden Wachholder, heidehafte Wiesen und Solitäre auf hügeligem Grund ein toskanisches Bild ergab.

Time is fleeting, wie es in der Rocky Horror Picture Show heißt. Ich wünschte, es wäre dem nicht so, aber die Dame mit dem Basset sagte dann plötzlich ganz fürcherliche Dinge hinsichtlich des Brexit. Ganz anders, als ich es innerlich selbst erlebt hatte, ist diese Nachricht für sie ein Grund, um sich zu freuen. Endlich geht es rückwärts! Hinsichtlich: Endlich wird Deutschland gezwungen, sich »vernünftig aufzustellen«. Und sie wird AfD wählen.

Man kann sich ja selbst schlecht gratulieren, wenn man, wie ich, keine zwei linken Hände besitzt. Von daher danke ich Timothy Taylor, der mir gestern das zweitschönste Geschenk gemacht hat, indem er mir meinen verloren geglaubten Füller aufbewahrt, den ich anscheinend auf dem Cafétisch hatte liegen lassen. Werde ich jetzt etwa vergesslich? Ich werde es erleben.

25.6.

Es wurde so heiß wie versprochen. Um mich herum fielen die Silver Birds wie die Fliegen um und mussten per 112 ins nahegelegene Klinikum abgefahren werden, das sich auf Arthrose und Rheuma spezialisiert hat (kaum jemand könnte da fehlerfrei per SMS einchecken).

In der ersten Hälfte des Morgens war in dem Erdbeerhäuschen aber noch immer nicht die vermutete Amerikanerin eingestellt, sondern eine deutsche Frau, die, so nahm ich es an, schon seit Jahren für diesen Verkäuferinnenjob bezahlt wurde.

Das äußerte sich unter anderem in ihrem abgeklärten Verhältnis zu den Erdbeeren an sich. Das Verkaufspersonal in den Erdbeerhäuschen trägt ja vorschriftsmäßig über der Zvilkleidung eine Schürze, die in Sachen Motto derer aus dem Dandy Diner in nichts nachsteht: stielgrün, und an der rechten Seite ist dort eine erdbeerförmige und auch ansonsten erdbeerhafte Einstecktasche aufgenäht. Der Gegensatz besteht nun bekanntlich darin, dass meinen Jungs vom Dandy Diner mit unschöner Regelmäßigkeit die Scheiben eingetreten werden, weil sich die Neuköllner Nachbarschaft nicht abzufinden können scheint mit dem sie provozierenden Schweinekopf-Symbol, während die Erdbeere – nun, man wird sehen, wann es bald eine Gruppierung geben wird, die sich gegen Früchte wendet oder Obst (ehrlich gesagt, weiß ich den Unterschied nicht). Sie aber trug diese Schürze mit Stolz. Im Erdbeerhäuschen herrscht ja aufgrund seiner Beschaffenheit ein Reizklima – am frühen Morgen ist es da drinnen kühl, heizt sich aber der Himmel erst auf, wird das Ding zu einem Backofen.

In den Zeitschriften für Frauen geht es seit Jahrzehnten um die gefürchtete »Übergangszeit«, während derer man als Frau so gar nicht weiß, was man anziehen sollte, weil es beispielsweise abends zu kühl ist und morgends zu warm (oder umgekehrt). Im Erbeerhäuschen, so meine Beobachtung: herrscht diese Übergangszeit immer; von daher trat unsere Verkäufern ihren Dienst im bodenlangen Mantel an und mit einer gelockerten Haarfrisur, während sie dann, als gegen elf Uhr die Strahlen so richtig zu stechen begannen, sich bis auf ein Schwingkleid in A-Form entkleidete, um darin den Rest ihrer Schicht, die bei solchen Temperaturen in einem erdbeerfömigen Inkubator durchaus als Fron bezeichnet werden dürfte, zu leisten.

Von Natur aus scheu (ungünstige Voraussetzung, wenn man ein Leben als Reporter bestreiten will), wagte ich es nicht, sie nun auf ihren, mir als demütigend erscheinenden Job hin zu befragen. Ein kurzer Check übers Display der Olympussy: Okay, die Batterien würden auch noch bis morgen durchhalten.

Und hörte dort natürlich von den Nebentischen her den für diese Gegend (und nicht nur für diese) klassischen Talk à la »Möchtest Du eine Apfelschorle, Mantje?« Then the Weissbier hits. And suddenly he seems to have a lot of ideas. A plethora. Und sie wünscht sich insgeheim, dass es derer mehr wären, auch untertags, auch wenn sie mal nicht dabei säße. Von daher, unter dem Schirm ihrer unterdrückten Wünsche, blieb sie still. Und er redete und redete. Wer zahlt, der mahlt. Schließlich.

24.6.

Leider, leider muss ich diesen Eintrag in zwei Teile sozusagen brechen, denn mich ereilte das nicht nur sogenannte Reporterunglück. Hatte ich nun über die letzten Wochen hinweg den amerikanischstämmigen Hipster, eine Sie, dabei beobachten können, wie sie in dem Erdbeerhäuschen neben dem kleinen Café gegenüber ihren Dienst versah, war diese Frau halt ausgerechnet an jenem Tag, also gestern, als ich mir Batterien gekauft hatte, um mit ihr ein Interview im Stile der Bottroper Protokolle zu führen, nicht am Platz.

Karls Erdbeere, das Unternehmen, setzt ja im Ostgebiet der BRD, seit neuestem auch in Leipzig nach »eigenen Angaben« ungefähr 400 Verkaufsstände ein, die aus Blech sind, aber so bemalt und geformt wie eine jener Erdbeeren, die dann daraus pfundweise verkauft werden sollen. Zu dem unverwechselbaren Merkmal dieser Erdbeerhäuschen, wie auch der daraus verkauften Erdbeeren zählt bei Karls, dass sich auf dem Häuschen, das, wie gesagt, einer Erdbeere ziemlich ähnlich sieht, auch ein grüner Stiel befindet, der dort sanft gekrümmt in einer gedachten line of beauty and grace in den mehrheitlich blauen Himmel ragt. An jeder Erdbeere mindestens ein Zentimeter Stiel: So wirbt auch Karls für die Unverwechselbarkeit der auf seinen über 300 Hektar geernteten Erdbeeren. Der Stielansatz ist sozusagen Karls Label; seine four stitches, das Markenzeichen an einem Produkt, das schon immer so da war, das wer weiß schon geschaffen hat (auf gar keinen Fall aber Karls).

Mir war in diesem Jahr, dem Jahr 2016, jenem Jahr also, in dem Punk seinen Durchbruch erhalten hätte sollen und soll, aufgefallen, dass in den erwähnten Erdbeerverkaufshäuschen zumindest hier, in meiner Region der Stadt und des Bundeslandes, das ja noch immer Brandenburg hieß, vor allem aus den Vereinigten Staaten angesaugte Hipster dort ihren Dienst an der Erdbeere versahen. Von der Qualität der aus besagten erdbeerförmigen Häuschen verkauften Erdbeeren einmal abgesehen – wie jedermann weiß, wurde das Unternehmen Karls in den zwanziger Jahren gegründet und lieferte bis zum Mauerfall eine vor allem dem Hauptabnehmer Schwartau genehme Feldfrucht, die dort zu einer schleimig süßen Marmelade verarbeitet wurde – handelt es sich um vor allem große rote und gleichförmige Erdbeeren, deren Aroma weder sozusagen »vorschmeckt« noch stören soll beim Verzehr der kostbaren Früchte. Auch fehlen hier die ansonsten in der Textur sandig markant knirschenden Samen, die bei der Erdbeere ja auf der Außenhaut plaziert worden sind.

Ich kann es nicht nur, ich darf Erdbeeren objektiv beurteilen, da ich vor bald nicht weniger als 45 Jahren in einem Erdbeeranbaugebiet geboren worden bin. Deshalb, aber vielleicht auch nicht nur deshalb, buk und rührte meine Mutter zu jedem meiner Geburtstage eine Erdbeertorte, die jedes Jahr identisch geriet (bis auf die Jahreszahl in der Mitte, die aus Schlagsahne war und einem Kreis von auf Sahnehäubchen gesetzten Erdbeeren, die das Tortenrund umzingelten wie die Stundenzahlen einer Uhr; kurz vor meinem Auszug aus dem Elternhaus wurde es dort sozusagen: eng).

Gekaufte Erdbeermarmelade, weder aus dem Hause Schwartau noch sonstwoher, wäre bei uns daheim jedenfalls nie (»net ums verrecke«) auf den Tisch gekommen. Im Gegenteil (mein Vater pflegte »im Geigentiel« zu sagen – »Tadellos.«, »Tadellöser!«) hatten wir unsere sogenannte liebe Müh‘, die alljährlich angesammelten Erdbeermarmeladenglasberge über den Rest des Jahres abzutragen. In den wenigen Wochen der Saison kochte meine Mutter in ihrem Sicomatic derartige Mengen des appetitlich rosafarbenen schäumenden Gemisches, das füllte Myriaden von ausgespülten und -gekochten Gläser in denen ehemals die Gürkchen, Kürbisschnitze oder Senfe gewohnt hatten, dass wir, auch bei großzügigstem Verhalten selbst durch das Verschenken der selbstgemachten Erdbeermarmeladen niemals Herr werden konnten. So lagerten sich in unserem Keller in den rostfreien Regalen von Mauser bald Jahrgänge ein. Der Wein ging bei uns irgendwie schneller weg. Dasselbe galt für die Zucchinifluten, die aus dem Hausgarten zu uns hereinbrandeten, aber das würde eine andere Geschichte.

Jedenfalls verbrachte ich dann gestern sehr viele Stunden, im Grunde war es der gesamte Tag bis um 17 Uhr 30, den ich an meinem Tisch vor dem kleinen Café neben dem Platz, auf dem das Erdbeerhäuschen aufgestellt ist, mit der Olympussy LS-14 griffbereit saß, um einen Schichtwechsel dort drüben abzuwarten*. Aber der fand nicht statt. Der amerikanische Hipster war an diesem Tag, an dem die Temperaturen sozusagen die 30-Grad-Marke sprengten, nicht eingeteilt. Vielleicht war sie erkrankt? Wahrscheinlich aber würde sie morgen, dies in der Erzählzeit von gestern gedacht, also de facto heute, am 24. Juni in ihr Häuschen zurückkehren. Dann würde, nein, werde ich ihr meine Fragen zu ihrem Daseinsgefühl in einem erdbeerförmigen Haus beim Verkaufen von Erdbeeren stellen.

Die Batterien, so hatte mir es der herzkranke Besitzer des Strandkiosk auf der anderen Seite der Schnellstraße versprochen: würden halten noch mindestens einen weiteren Tag.

* Das klingt jetzt so dramatisch, und ich schäme mich beinahe ein bisschen dafür, aber manchmal, also ein Mal im Jahr zumindest muss man halt auch mit seinem Alter Ego konform gehen und das ist in meinem Fall eine Filmfigur (Vgl. Jack Nicholson in Beruf: Reporter).

23.6.

Am Vormittag machte ich einen Spaziergang zur Insel Schwanenwerder, nachdem ich am Vortag, unabsichtlich, mit dem Fahrrad auf die Pfaueninsel geraten war. Wie kann es denn sein, dass ich sämtliche umliegende Inseln auf dem Landwege ereichen kann – lebe ich am Ende selbst auf einer Insel?

Schwanenwerder: Ich erreichte die Brücke nach einem kurzen Fußweg durch den schattig bestandenen, von daher mich kühlenden Abschnitt des Grunewaldes, auf dessen sandigem Boden sich die massenhaft herumliegenden Kiefernnadeln doch soweit schon erhitzt hatten, dass der Duft der Kiefernnadeln und der des Sandes sich zu jenem Aroma vermischt hatten, das ich als ein maximal aphrodisierendes wahrnehmen musste: Erinnerungen an diese Zeit, als ich mich mich im Wald einfach nur ausziehen wollte, nackt sein wollte, irgendwo hinlegen und sozusagen so sein. Ein Baum bot mir Wildkirschen dar, die ich pflückte und in meiner Tasche verstaute, um später – sie liegen noch immer in einer Tasse von Bed Bath & Beyond in meinem Kühlschrank.

Die Brücke hinüber zur Insel Schwanenwerder, die man als Freund der Nostalgie-Edition von Monopoly vor allem deswegen kennt, weil sie teuer scheint, sich deren intensive Bebauung aber doppelt bis dreifach lohnen wird, kann nun ungehindert beschritten werden – und das, obwohl auf den den dort aufgestellten Schildern aus Glas ein Warnspruch aufgedruckt wurde, dass es zu früheren Zeiten, also noch vor dem zweiten Weltkrieg, noch vor der Vertreibung der ursprünglichen Besitzer der Anwesen sämtlicher Häuser auf der Insel Schwanenwerder verboten war, diese Brücke zu überqueren: »Keine Parkplätze, keine Spazierwege, keine Gastronomie«.

Mittlerweile, und an beinahe all den Briefkästen hängen nun Dutzende Adresschilder von dubiosen Briefkastenfirmen (mangointernetservices.com usw), reicht eine gesunde Sonnenbräune, reicht frisch gebügelte Kleidung beim Überqueren dieser Brücke als Shibboleth.

Später, daheim, bringt Markus mir eine Salami mit, die ist länger als mein Unterarm. Der See zeigt sich von seiner ewigen, der besten Seite, und es gibt Wolken und Wellen, die sich zur Rautenform zusammenziehen. Ich hatte Eiswürfel besorgt.

Gelächter im Dunkeln.

22.6.

Das war also der längste Tag des Jahres. Es hat bis kurz nach zehn gedauert, bis die letzten zitronengelben Reflexe von der Wasseroberfläche verschwunden waren. Da war die Sonne selbst schon längst hinter dem Waldrand am gegenüberliegenden Ufer versunken.

Der Ostersonntag fällt 2017 auf den 16. April. Ich nahm meine Fingerknöchel zuhilfe und rechnete – 9, 31, 31, 30 usf. – aus, wieviele Tage noch blieben, bis das Jahr 2016 nach meiner Zeitrechnung zuende gegangen sein würde: 358. Noch 358 Einträge also über die Krähen und Enten, die Nachtigall und die Amsel, die Rauchschwalben, die Hornissen, die sich in dem Loch im Mauerwerk unter meinem Balkon ihren Bau eingerichtet haben und die interessanterweise erst nach dem Einbruch der Dämmerung so richtig aktiv werden; 358 Einträge über Schnecken und Schwäne, über den Kormoran und den Reiher, die Blässhühner, die schon wieder alles verloren haben und die bereits entweder unermüdlich oder unbelehrbar oder uneinsichtig an genau derselben Stelle unter dem Steg ihr mittlerweile drittes Nest der Saison beginnen zu flechten. Überhaupt, der sogenannte Wechsel der Jahreszeiten – bald kommt ja schon der Herbst, die Laubfärbung!!! Die kam bis jetzt ja noch gar nicht vor. Und dann noch einmal der witzige Winter mit seiner Kälte und dem Wind und da werde ich ganz bestimmt wochenlang das Bett nicht verlassen aus Protest. Und denke mir Sätze aus, die sich nur unter Riesenverlusten ins Englische übertragen lassen, wie beispielsweise: »Mit einer gebatikten Krawatte, die er sich selbst gebunden hatte«.

Ob der See wohl zufrieren kann? Neulich hörte ich im Café gegenüber eine Frau von der Wildschweinplage erzählen. Sie sprach – klaro besitzt sie den Jagdschein, das sah ich ihr von der Frisur her an – von einer »dreibeinigen Bache«. Hihi, diese Jäger. Die reden ja auch vom Ansprechen, wenn sie eigentlich abschießen meinen. Ein paar Meter die Straße runter gibt es ein pseudo-österreichisches Schnitzelrestaurant, das heißt Halali. Aber wenn man auf dem Fahrrad sich nähert, dann wird der letzte Buchstabe des Wirtshausschildes die längste Zeit von einem herabhängenden Kastanienzweig verdeckt. Und ich lese dann immer »Wirtshaus Halal« – in Frakturbuchstaben! Sieht irgendwie angenehm aus für mich. Könnte gerne so bleiben.

358 – die Zahl kommt mir seltsam hoch vor. Sind ja beinahe noch einmal so viele Tage wie ein Jahr im Gregorianischen Kalender hat. Ist denn bis zum längsten Tag des Jahres nicht rein rechnerisch bereits ein halbes Jahr vergangen? Ich bin schon zu müde, um noch einmal nachzuzählen. Aber so wie ich mich kenne, ist bestimmt nicht nur ein Rechenfehler drin. Macht aber nichts. Ich werde es ja erleben, ob es stimmt oder nicht.

21.6.

Wolfgang Welt ist gestorben. Das erfahre ich am Nachmittag aus einer SMS von Sebastian, den ich wegen einer ganz anderen, dann doch aber ähnlich gelagerten Sache angefunkt hatte. Wie es aussieht, starb er am Sonntag. Ich kann noch nicht einmal sagen, dass ich traurig bin deswegen, denn er hat etwas hinterlassen. Der beste erste Satz in der deutschen Literaturgeschichte lautet ja nicht etwa »Ilsebill salzte nach«, oder »Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke«, sondern meiner Meinung nach lautet der halt: »Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester«. Und so begann, beginnt, und wird weiterhin noch beginnen »Peggy Sue« von Wolfgang Welt. 

Davor, also bevor ich diese Nachricht erhielt, war ich in die Stadt gefahren, dort in das Brillengeschäft, und hatte um einen neuen Bügel gebeten. Auf die Frage hin, warum ich denn den abgefallenen Bügel nicht mitgebracht hätte, erzählte ich der Optikerin die Geschichte aus dem IC, von dem Weichspülerbenutzer, der mich geschlagen und geschüttelt hatte, woraufhin mein Brillenbügel doch erst zu Boden gefallen war in dem Waggon kurz hinter Lutherstadt Wittenberg und dass ich mich nach meiner überhasteten Flucht in den Speisewagen, wo ich überraschenderweise auf Philomene und Jan gestoßen war, nicht mehr zurückgetraut hatte in das Abteil des Verderbens, um den Bügel vom Boden zu klauben. Und dass ich auch meine Freunde nicht hatte auffordern wollen, mich zur Verstärkung zu begleiten, weil es doch Jans Geburtstag war, und ich ihm den nicht versauen wollte.

Und sie sah mich kritisch an, als ob ich ihr damit einen Bericht lieferte aus einem fremden Land, das nun, sie war aus Spanien, allmählich und unweigerlich zu ihrem werden dürfte.

Abends rief sie mich an und verkündete, ich erhielte ein komplett neues Gestell ohne Kosten. Ich konnte zuerst gar nicht glauben, dass. Dann aber doch. Und ich fand es Recht.

20.6.

»Loud Pipes Save Lives«

»Gigaspeed For You«

Im Fernseher läuft die Übertragung eines Formel-1-Rennens aus Baku, in der Werbepause steht in weißen Buchstaben über fünf weißen Fahrzeugen »Hello Future«, im Anschluß zeigen sich Saxophone und Posaunen, sie werben für den ADAC, also »Hallo Vergangenheit«, und insgesamt ist es damit halt so gekommen, wie Mixmaster Morris es vor vielen, vielen Jahren einst auf die Hülle seiner sehr guten Schallplatte hatte drucken lassen: »It’s Tomorrow Already«.

Im Opernhaus war gestern eine Leuchttafel hoch über der Bühne angebracht, auf der der gesungene Text zum Mitlesen angezeigt wurde: »Ich will Abschied nehmen von meiner Mädchenzeit«, darunter war der Chor zu einer Feier zusammengetreten und obwohl gar nicht viel getanzt wurde (es lief ja naturgemäß und zwangsläufig andauernd Musik), war Partystimmung entstanden. Und das mit einer einzigen Geste, als ein stummer Diener, der als einziger in Lila gekleidet war, von einem silbernen Tablett einen funkelnd bunten Hut überreichte. Die ganze Inszenierung bestand aus solchen schönen Gesten, aber hier war es besonders eindrücklich, wie wenig es braucht, um ein Ritual zu erklären. Ich ging mit dem Fernrohr von Gesicht zu Gesicht und erkannte, dass jeder einzelner dieser Partygastdarsteller inszeniert worden war. Keiner stand einfach so herum als Staffage, die Partystimmung, die ich fühlen konnte, bestand aus diesen einstudierten Gesten und Gesichtsausdrücken und diesem genau choreografierten Wink mit dem Hut.

Ich bin ja sehr anfällig für Bühnenbilder. Ein gutes Bühnenbild ersetzt mir schon beinahe den Theatergenuss — Jeff Koons damals in Hamburg, Johanna von Orleans im Deutschen Theater, Einstein on the Beach im Haus der Berliner Festspiele, eben dort Phantom Ghost in der Installation von Cosima von Bonin (mit dem tollen Film über die Erfindung des Balletttanzens im ersten öffentlichen Aquarium im Zoo von Paris), Der Die Mann in der Volksbühne und dann eben Leipzig: Im ersten Akt sind es drei unverbundene, nebeneinander plazierte Räume, die, wie es in Der junge Mann von Botho Strauß heißt, im Stile eines »abgelebten Futur« eingerichtet sind. Später rücken sie ein wenig aneinander, im zweiten Akt sind sie ein wenig in den Boden eingesenkt, sodass sich bei mir der Eindruck ergab, dieser Akt spiele nun im selben Hause noch, dort aber unter dem Dach. Im letzten Bild erscheinen die Elemente aneinander gefahren und bilden in ihrer Zusammensetzung einen Salon, den ich sozusagen nicht hatte kommen sehen – obwohl doch beinahe alle seiner Bestandteile über zwei Stunden lang mir vor Augen gestanden hatten.

Alles, was ich von Jans Arbeit kenne, kommt auf diese zauberische Weise zustande. Und es entsteht immer wie aus natürliche Weise aus dem Stoff selbst, nichts daran wirkt ausgedacht oder hinzugedichtet. Es handelt sich also um den krassen Gegensatz zu dem, was ich als meine Arbeitsweise bezeichnen kann. Und vermutlich liegt darin auch der Grund, weshalb wir jetzt schon seit 17 Jahren Freunde sind. Auch wenn ich mit der Musik in Opern noch immer nichts anfangen kann. Aber als in der Arabella an der Stelle mit dem Kuss ganz vage sich die Melodie von »Wenn ich ein Vöglein wär« kristallisierte, da tat sich für ein paar Augenblicke so etwas für mich auf wie eine seelische Tür.

19.6.

Die Krähe vor dem Hotel (Leipzig) macht mit einem leeren Kaffeebecher (Pappe) dasselbe, wie ihre Artgenossen daheim mit den Muscheln. Das Geschehen verfolgte ich einigermaßen zwangsläufig mit Interesse, da ich am Vortage kurz hinter Lutherstadt Wittenberg einen meiner Brillenbügel eingebüßt hatte, als ich von einem Mann in Camouflage brutal aus meinem Nachmittagsschlaf geweckt worden war, weil der sich der unverbesserlichen Ansicht behaupten konnte, dass ich auf einem von ihm bereits seit Berlin reservierten Sitzplatz säße. Im Bordbistro des IC traf ich daraufhin auf Philomene und Jan, und wir feierten ein bisschen Geburtstag.

Abends dann, nachdem ich vor meinem Hotel in eine Auseinandersetzung mit drei muskulösen Frauen verwickelt worden war, die dort, auf dem Trottoir der Hedwigstraße, einen Stativgrill in Gang zu bringen versucht hatten, schlief ich zum ersten Mal nicht ein beim Betrachten einer Oper. Und das lag an meinem lieben Fernrohr, mit Hilfe dessen ich nun endlich auch sehen konnte, was in den Schauspielern dort auf der Bühne vorzugehen schien, während sie sangen. Ich kenne mich mit Opern überhaupt gar nicht aus, erfuhr aber hinterher, auf der Geburtstags- und Premierenfeier im Kolonnadenviertel, dass es viele Menschen gibt, denen die Musik und die Lieder aus Arabella von Richard Strauss bis hin zum Auswendigkönnen vertraut sind.

Eigentlich ist Leipzig ganz schön. Besonders gut fand ich den Platz vor dem Opernhaus, als ich dort in der Pause auf der obersten Treppenstufe stand und in den golden bedampften Frontscheiben des Gewandhauses spiegelte sich das Licht der Sonne, die während des dritten Aktes würde untergehen. Aus dem kreisförmigen Brunnenbecken in der Mitte des Platzes stieg eine dünne Fontäne, und eine Firma hatte dort in das Wasser eine große aufgeblasene Ente aus Gummi gesetzt. Aufdruck konnte ich nicht lesen, meines Brillenbügelproblems wegen, und weil ich das mit dem Fernrohr nur mache, wenn ich allein bin (oder im Dunkeln, wie in dem Saal). Der Kritiker neben mir – noch längere Haare als ich, dazu auch noch Locken, also von Lutherstadt Wittenberg und IC-Fahren würde ich ihm abraten –, flüsterte mir später noch zu, dass er sein Opernglas leider zuhause vergessen habe »unverzeihlich, an so einem Abend.«

18.6.

Die Mütter der Wasservögel bringen den Küken bei, wie man hin und her fährt, wie man etwas aufschlürft, wie man über die kleine Schleuse klettert und hüpft, wie man taucht und wie man schläft. Aber ich beobachte es nun schon seit Wochen: Es gibt keinen Nestbaukurs, das scheint instinktiv verankert oder gepflanzt; von daher ist es umso erstaunlicher, was die geschlechtsreifen Tiere dann so von sich aus zustande bringen. Die Enten brüten irgendwo bodennah in den Gebüschen, ich habe noch keines ihrer Nester entdeckt. Aber die Blässhühner haben sich jetzt in diesem Jahr schon zum dritten Mal an derselben Stelle ein Nest auf dem Wasser errichtet. Obwohl dort die erste Brut komplett vernichtet wurde. Das zweite Nest wurde vom Sturm und den Wellen zerstört – sie halten an dieser Stelle fest. Und die ist eigentlich ja auch ideal, weil sie von einem Winkel aus Eisenplatten gegen den See abgegrenzt wird (und obendrüber liegt ein Gitter): Es ist also schattig dort, und sie sind gegen beinahe sämtliche Feinde geschützt, die den Eiern und später den Küken, etwas antun wollen könnten.

Seit zwei Tagen aber sitzt nun auf einem der Poller ein Kormoran. Ein leider hässliches Tier, das Gesicht, wenn man so will, ist verformt, als wäre der Schöpfer in Eile gewesen beim Zuendekneten, oder hätte, der Kormoran ist halt schon etwas länger da, aber trotzdem: nebenbei mit zwischen Kinn und Hals eingeklemmtem Gerät telefoniert. Der Schnabel ist im Vergleich zu dem des Kranichs, der hier auch immer rentnermäßig (manche würden ihn als Dandy bezeichnen) über die Planken spaziert, erstaunlich kurz, denn in allen Quellen wird behauptet, dass der Kormoran den übrigen fischfangenden Vögeln bei weitem überlegen sei (Pelikane gibts hier am See leider nicht).

Was der Kormoran macht, wenn er ansitzt, sieht an und für sich schon so bedrohlich aus, dass ich Schlimmstes befürchten muss für die Blässhuhnküken, wenn die Elterntiere erst einmal fertig sein werden mit dem Brüten (noch ungefähr zehn Tage). Er taucht ja viel, danach breitet er minutenlang seine Schwingen aus, um die Federn gegen die Sonne gehalten trocknen zu lassen. Die Schwärze seines Gefieders erscheint dann aufgehellt, aber nicht etwa bräunlich oder rötlich, sondern lediglich etwas durchlässiger, und bleibt von der Empfindung her, nicht allein von der Wahrnehmung: schwarz.

Ich habe nur einmal noch einen so schrecklichen Vogel gesehen, das war in Afrika, als ich eines Morgens duschte, auf dem Dach eines Hotels, das es mittlerweile nicht mehr geben wird in dieser Form, weil es abgebrannt ist. Und das Wasser rauschte zwar nicht unbedingt aus dem Duschkopf, aber es war trotzdem ganz angenehm, bis ich dieses Geräusch hörte, das alles übertönte. Und dann saß ein paar Meter neben mir ein Geier, der sich plusterte. Der ging mir so in etwa bis zum Nabel, während er saß. Und schaute mich an. Mit seinen verschrumpelten Augen. In etwa entsprach das damals, bloß halt in verkehrter Weise, dem Größenverhältnis zwischen Kormoran und Blässhuhn – oder Hahn, ich weiß ja nie, wer aktuell brütet auf dem Nest aus Plastiktüte, Seerosenblättern und obendrauf kreisrund geflochtenem Weidenreisig, denn bei Blässhühnern gibt es nicht bloß keine ersichtlichen Geschlechtsfärbungen im Federkleid, sie teilen sich auch die Brütarbeit und die Aufzucht paritätisch (und das, natürlich, instinktiv).

Ich könnte den Kormoran töten. Es gibt eine Lücke zwischen dem alten Baum rechts im Visier und dem herunterhängenden Zweig. Von meinem Balkon aus führt eine von mir gedachte Linie geradewegs hin zu ihm in seine Brust, während er dort seine Flügel spreizt. Es sind knapp sechzig Meter, das wäre für mich kein Problem. Dann würde ich verhaftet, wahrscheinlich – der Kormoran war Vogel des Jahres 2010.

Für Jan, der heute Geburtstag hat, aber nicht nur. Und nicht nur deswegen .—

17.6.

Aufgewacht zum Rauschgeräusch des strömenden Regens und dem des Wegspringens der Tropfen vom Fensterblech. Zwischen den Baumwipfeln vor dem Fenster erscheint der Himmel zartrosa, aber das ist nicht die Farbe des Sonnenaufgangs, die ist längst aufgegangen. Es ist ein Trugbild auf der Retina, das vorübergeht; hervorgerufen durch das umgebende Grün der Laubtöne. Davon werden die roten Stäbchen kurz irritiert oder überfordert – oder sind es die grünen?

Es gibt weder ein Emoji für das Gehirn noch eines für die Seele. Aber jede Menge Herzen für verschiedene Ausdruckswünsche. Dabei könnte man das Seelenzeichen doch ganz kawaii gestalten: ein rosa Gehirn, von mir aus auch mit Augen. Von mir aus auch mit herzförmigen Augen. Von mir aus sogar mit drei herzförmigen Augen, wenn es denn der Aufklärung dient.

Die Vögel klingen aber ganz fröhlich, anscheinend frieren sie nicht. Ich finde, es ist Luxus, es bedeutet Freiheit, heute keinen Schritt vor die Tür machen zu müssen.

16.6.

Der »Fürsprecher« und der »Verfüger«: Den einen habe ich von Gerhard Merz, der andere Begriff stammt von Botho Strauß (aus seinem Partikular), und seitdem war mein Leben und mein Schreiben wie oszillierend zwischen diesen beiden Sehnsuchtsorten gefangen, aber halt nicht aufgehoben. Und dann kamst Du.

Ab irgendwann hatte ich Dich die Muse genannt – das kam einfach so zu mir, war wohl auch einer von Dir induzierten Eingebung zufolge in mir entstanden. Ich musste aber nie darum bangen, nie fürchten, ob oder wann mich die Muse das nächste Mal küssen würde; weil ich es bald wusste, und es ist bis heute so geblieben: Wann immer wir sprechen, was auch immer Du mir sagst, es wirkt so, wie dieser Kuss einer Muse auf mich.

Gestern hast Du gesagt, ich solle doch wieder mehr schreiben, längenmäßig hattest Du das gemeint, und auch mehr über das, weswegen Du mich einst geheiratet hattest. Du sagtest: Schau doch einfach mal eine Woche lang aus dem Fenster. Und schreib mir über das, was Du dort draußen siehst. Über die Vögel, die Bäume, über die Wolken und über das Licht.

Und ich lachte.

Weil es ja das ist, genau das, so fiel es mir in diesem Moment ein, da ich es Deine Stimme aussprechen hörte, was ich am liebsten auch tun würde (All Night Long).

Jemanden zu lieben bedeutet für mich, ihm dabei zu helfen, zu dem zu werden, wozu er aus eigener Kraft nicht imstande ist.

Und dann sagte ich: Ja, aber die anderen.

Und Du sagtest: Wie? Du hattest mir einst gesagt, Du schriebst das nur für mich!

Und das stimmt auch. Natürlich. Und so soll es auch sein und bleiben. Ich pflege meine Versprechen zu halten. Im Zweifel gebe ich sie gar nicht erst ab.

Aber das solltest Du wissen und auf jeden Fall stieß ich dann gestern früh, nachdem wir gesprochen hatten, an der Fußgängerampel auf diese Frau, sie trug eine Regenjacke in acid yellow mit Reflektorstreifen, auf denen stand aufgedruckt »Fahrstreckenpersonal« — ich meine: Hello!, beziehungsweise: Hâllo Vetements!

Unter dieser mein Aufsehen erregenden Jacke hatte sie einen Hoodie an aus malvenfarbenem Fleece, aber was mich ungleich mehr interessierte, das hing an einem Band um ihren Oberkörper: Es war ein Instrument aus Messing mit zahlreichen Ventilen. Wie sie mir zeigte, handelte es sich dabei um eine Tröte, schalmeienhaft, mit drei oder vier Schalltrichtern, die davon entsprossen. Und ich fragte: »Aha, kommt da noch eine Druckluftdose unten dran?«, und sie sagte: »Nein, das bin ich.«

Der Beruf nennt sich Postenwache, sie arbeitet im Dienst der Deutschen Bahn und ihre Aufgabe besteht einzig darin, auf Streckenabschnittsbaustellen ihren Posten zu beziehen, und bei Gefahr, also bei herannahenden Zügen o. ä., in ihre Tröte zu blasen, damit die Arbeiter, die Schwellenleger und Gleisschotterschütter sich rechtzeitig verziehen.

Stehen, wachen, auf dem Posten sein und bei Gefahr tröten: Darin besteht ihr Beruf. Ich dachte an die Blässhühner und an meine Enten und stellte mir vor, dass die Wachfrau, anders als jene, sich aus einer persönlichen Wahl heraus für diesen Beruf entschieden hatte, weil sie gerne an der frischen Luft hatte ihr Leben verbringen wollen. Und dass es, wo ich bereits angefangen hatte, darüber nachzudenken, doch noch einige Berufe gibt, meinem inklusive, die einem Menschen das ermöglichen können. Also draußen zu sein:
Vogelforscherin
Försterin
Gärtnerin
Gerüstbauerin
Archäologin
Matrosin
Heißluftballonfahrerin
Hirtin
Winzerin
Bergführerin
Naturdichterin
Landschaftsmalerin
Hydrographin
Sprengmeisterin
Stadtbilderklärerin
Tierforscherin
Zeugin Jehovas
Graffitisprüherin
Industrieklettererin
Fahrradkurierin
Briefträgerin

Und unsere Wege trennten sich ohne einen Abschiedsgruß. Dann hatte ich in der Stadt zu tun, davon kann ich Dir wenig berichten, aber auf der Rückfahrt, in einer S-Bahn, kam es zu etwas, das ich nicht erwartet hatte, das geschieht selten, aber wenn, dann. Ich hatte einen Stehplatz und schaute von dort aus herunter auf das Buch, das dort aufgeschlagen auf dem Schoß einer Lesenden lag, und schon nach wenigen Augenblicken, während derer ich versucht hatte, zu entziffern, was dort geschrieben stand, wandte die Buchbesitzerin ihr Gesicht in Richtung meines Blickes – woran liegt das, dass wir Menschen spüren können, wenn jemand und so weiter und so fort?

Wunderwerk der Empathie.

Kurz darauf rollte sich ein Mann in den Wagen. Seine Haut war grau und grün zugleich, er schien wie aus Stein. Die Kleider völlig verdreckt und er hatte nicht einmal Schuhe an oder Socken. In seinem Rollstuhl schob er sich ultralangsam voran und bat um Geld für das Übliche: Übernachtungsmöglichkeiten und etwas zu essen. Er legte vor jedem Sitz eine Pause ein, und die Möglichkeit, seinem Betteln Nachdruck zu verleihen bestand in dem infernalischen Gestank, den er verströmte: Verwesungsgeruch. Ich kramte nach meiner Dose Carmex, fand sie nicht, denn es war ja zu spät. Auch als ich nach hinten ins Abteil lief: Der Gestank stand im Raum und wurde noch dichter. Eine Frau hatte sich bereits in ihren Schal übergeben. Mir fiel ein, dass ich durch den Mund atmen müsste, aber es war auf diesem Abschnitt der Strecke, wo lange, sehr lange keine weitere Haltestelle mehr kam. Als aber dann – ich fiel mehr nach draußen auf den Bahnsteig, als dass ich stieg. Ich konnte endlich die Sterne sehen, weil ich hyperventiliert hatte.

Neun Minuten warten auf die nächste Bahn nach Hause. Der Geruch haftete an mir, vielleicht hatte ich es mir auch nur eingebildet, es war auf jeden Fall wie ein Fluch.

Ich setzte mich entgegen der Fahrtrichtung und sah den Fesselballon des Springerverlages hoch in der Luft, doppelt so groß in seinem Umfang wie die Kugel des Fernsehturms, und dann fuhr der Zug um die Kurve. Ab der Sundgauer Straße wurde es draußen endlich menschenleer.

Daheim saß ich eine Ewigkeit herum und ließ mir die Alphawellen vom Flimmern des Akaziengrüns glätten. Ich dachte an Dich und auf einem Subchannel auch daran, ob wir Menschen, aus einer himmelweiten Vogelperspektive heraus betrachtet, nichts weiteres waren als lauter Ameisen, auf der Suche nach diesem einen, ihnen mega erscheinenden Zuckerwürfel. Und danach, ganz schlagartig, erhielt ich eine Lieferung, und wusste nun, wie der Einstieg zu der Geschichte über Götz Kubitschek lautete.

So war, in etwa, mein Tag.

15.6.

Auf der Suche nach Sauerampfer, den es dort angeblich, aber eben leider nur angeblich hätte geben sollen, fand ich mich auf der Sonnenallee vor dem Schaufenster eines Geschäftes für Verlobungskleider und Brautkleider wieder. Die ausgestellten Kleider waren Puppen übergezogen, denen man die Perücken falsch herum aufgesetzt hatte, so dass das lange Hinterhaar bis an den Halsansatz herunter reichte, um die darunter sich befindlichen Gesichter der Puppen zu verdecken. Das sah aus wie Martin Margiela. Kann sein, dass es den Verkäufern dort bewusst war. Kann aber auch sein, dass nicht.

Dann schüttete es aus heiterem Himmel (und das auf der Sonnenallee!), und ich führte beim Unterstehen ein schönes Fachgespräch über Radieschen. Ging dann während es noch tröpfelte in den Dandy Diner und setzte mich ans offene Fenster zur Straße. Vor dem Friedhof dampfte der Asphalt, dahinter der Friedhof im dunstigen Grün, und ich freute mich über die vielen Kakteen in hübschen Übertöpfen vor den rosa gekachelten Wänden und auf der rosafarbenen Tischplatte aus Beton. Der Aufstieg des Kaktus zur It-Pflanze ist nicht mehr aufzuhalten. Jetzt auch in Neukölln, ich saß dort in Gesellschaft eines knorrigen Zweienders mit nur ganz wenigen Stacheln. Dass 2016 zum Year of the Cactus werden würde, wurde mir persönlich erst klar, als ich im Soho House an der Kasse Götz Offergeld traf, der sich nonchalant einen meterhohen Monokaktus hatte einpacken lassen. Er zahlte mit Karte, ich nahm den geforderten Preis mit hochgezogener Augenbraue zur Kenntnis und riet ihm, den nächsten Kaktus doch in einem Fachgeschäft für Kakteenhandel zu kaufen, doch für ihn ging das auch so in Ordnung. Er betrachtete seinen Kaktus eher als ein Möbelstück.

14.6.

»Als hätte die Natur vorübergehend auf industrielle Produktion umgestellt«, begegnete ich gestern auf der Brücke zwei Männern, die waren irgendwie gekleidet, das war, sozusagen: zweitrangig, denn von Weitem schon hatte ich sie als eineiige Zwillinge erkannt.

Sie aber sprachen mich an – aufgrund meiner Schuhe ausgerechnet. Der eine von ihnen deutete darauf, der andere sprach es aus: dass sie einst, in den sechziger Jahren, »solchfarbene Schuhe in diesem leuchtenden Blau« selbst hergestellt hatten. Wie es sich dabei herausstellte, waren die Zwillingsbrüder einst Filmausstatter von Beruf gewesen.

Über die Brücke, auf der wir uns gegenüber standen, verläuft eine Schnellstraße, die stark befahren ist und dementsprechend wird Lärm produziert, aber das schien eher mich als die Brüder zu irritieren, denn sie erzählten mir nun ihr beinahe schon ganzes Leben. Sie waren 76 Jahre alt (also: nicht zusammengenommen, sondern jeder für sich). Das dauerte in etwa eine Dreiviertelstunde.

»Die Ohren haben keine Lider«, hatte Hanif Koureshi am Morgen in der Zeitung geschrieben. So I took it from there.

76 Jahre nicht nur gemeinsam, sondern zusammen verbracht zu haben: Rudi Carell war ein Kleptomane (den Satz in der Mitte teilen und der andere spricht ihn im selben Duktus zu Ende ohne Absprache, ohne dass der Anfangende sauer würde, dass der ihn Beendende die Pointe kassiert). Eigentlich waren sie gelernte Ofensetzer, waren dann in den fünfziger Jahren ins florierende Filmgeschäft eher hineingeraten als tatsächlich gewechselt. Die Kulissen des Schlosses am Wörthersee gingen genauso auf sie, wie später dann die legendäre Sperma-Melkmaschine in »Stoßtrupp Venus - 5 Mädchen blasen zum Angriff«. Siebziger Jahre dann: Hammer Films (Streckbank/Keuschheitsgürtel). Dann noch Mike Krüger und Thomas Gottschalk.

Danach kamen die Weltreisen und jeweils harte Tumore, die immer zuerst der eine von ihnen bekam, dann, kurz nach der jeweiligen Behandlung, auch und genau so der andere. Freundinnen hatten sie auch. Immer mal wieder. Aber das hielt nie besonders lange, denn im Grunde hatte jeder von ihnen ja bereits einen festen Partner. Und das fürs Leben. Ohne ihn ausgesucht zu haben, aber dennoch. Und auch gestern waren sie nicht nur gedanklich zusammen unterwegs.

Ich hatte sie anfangs nach ihrem Namen gefragt, aber sie hatten, in zwei geteilt, darauf geantwortet, dass der nichts zur Sache tue.

13.6.

Im kleinen Café gegenüber gibt es eine Eiscreme aus Kokosmilch mit Kokosraspeln in der Masse, sie ist papierweiß und schmeckt genauso gut wie die, die auf den Straßen von Chiang Mai verkauft wird (nur sind die Bällchen dort wirklich winzig). Am Abend ging ich hinüber, um mir eine Kugel davon zu kaufen, aber klar: dort stand nun der Fernsehapparat. Ein Screen, so lang und breit wie meine Badewanne, das sich darunter befindliche Gestell war penibel mit schwarzem Molton verkleidet worden. Der Wirt allerdings am Rande eines Nervenzusammenbruchs, denn es war zwar etwas zu sehen – der, wie Emily Segal es einst formuliert hatte »one giant screen saver« natürlich –, aber es kam kein Ton aus dem extra angeschafften Gerät. Mein Tipp, einfach mal den Stecker zu ziehen, half dann auch nicht weiter. Ich verkniff mir den tröstend gemeinten Rat, die Fußballübertragung ohne Ton laufen zu lassen. Irgendwann kam dann doch noch etwas aus den eingebauten Lautsprechern, aber, so wurde es mir erklärt: »viel zu leise«.

Es war jene Phase der sogenannten Vorberichterstattung oder die der Zwischenberichterstattung – jedenfalls zeigte die Kamera Gesichter in Großaufnahme und dazu diese Geräusche, die ich so unheimlich finde: Es ist eine wummernde Welle, gemischt aus Rauschen und Dröhnen, die, wie von sehr weit her gepumpt, dort aus den vielen tausend Stimmen der Zuschauer in einem Stadion entsteht.

Ein kleines Kind, das gerade mit der Stirn an den Sockel des Screens heranreichte, ging bis ganz an das Gerät heran und legte seinen Kopf in den Nacken. Mit entgeistertem Gesichtsausdruck betrachtete es die riesig vergrößerten Erwachsenen auf dem Bildschirm. Dazu das droning der Tonspur. Dann trat sein Vater hinter es und schaute sich, am Gesicht seines fasziniert starrenden Kindes gespiegelt, die Bilder vom Rasen an.

12.6.

Wenn es so warm und sonnig ist wie gestern, und die Wolken in diesem Markus-Lüpertz-Stil gemalt scheinen, füllt sich das Wasser über den Nachmittag mit Segelnden, Rudernden, Schnorchelnden und Schwimmenden, die Angel Auswerfenden, mit Außenbordmotoren, Motorjachten, Optimisten, Kajaks, Kanus, Wasserskilaufenden, mit Aufblastieren, Stehsurfbrettpaddlern und sogar mit einem Jetskipiloten. Dazwischen der öffentliche Nahverkehr mit den fahrplanmäßig kreuzenden Schiffen.

Es geht zu wie in einem Pornofilm: Alles, was irgendwie möglich ist, wird auf und im See zum Einsatz gebracht.

11.6.

~~2~2~~~~~~~~~~

10.6.

Gestern saß ich auf der Terrasse des Seesterns neben drei Damen und nach einer Weile bat die eine mich, dem Fahrer des auf der gegenüberliegenden Straßenseite abgestellten Multivans auszurichten, dass er doch bitte den Motor seines Fahrzeuges abstellen möge. Was ich auch tat. Er war einer dieser Männer, die zum Anzug mit Krawatte eine Sonnenbrille tragen und um den Hals einen laminierten Ausweis; ich konnte nicht genau entziffern, was da stand.

»Wir wollen hier schön auf den See schauen«, erklärte sich die Dame, für deren Frisur es nie einen Emoji wird geben können, weil sie auf der Mitte ihres Schädeldaches einfach gar keine Haare mehr hatte, dafür aber die an den Seiten schwarz gefärbt trug. Außerdem, darin stimmten sie alle überein, störten sie sich an der Größe und an der Farbe des lärmenden Multivans, der ja nun nicht mehr lärmte, »das sieht einfach aus wie ein Leichenwagen«. Überflüssigerweise wies ich darauf hin, dass in solchen Fahrzeugen auch Politiker gefahren werden (und an den Wahlsonntagen die Altersheimbewohner ins Wahllokal). Die Antwort »Das sind ja auch bloß noch Leichen«, nahm ich mit einem gewissen Schmerz hin, weil es mir so vorkam, als ob ich jetzt in eine Woche politischer Meinungsumfragen hineingedrängt werden sollte – und es war ja schon beinahe wieder Samstag.

Nun denn, da wir gerade beim Thema waren, handelte das Gespräch an meinem Nachbartisch dann in einer für mich überraschenden, dadurch meine Neugierde bannenden Abfolge von Peter Weck, dem Darsteller aus Ich heirate eine Familie, der als idealer Nachfolger für Joachim Gauck im Amte des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland befunden wurde. Ich weiß nicht genau, wollte es aber hoffen, dass diese drei Damen sich doch im Klaren darüber waren, dass es der Bundespräsident ist, und nicht etwa die Bundeskanzlerin, die über die Bundeswehr Deutschlands befiehlt. Indessen ging es um mögliche Alternativen für Deutschland. Es fiel der Name Karl-Theodor zu Guttenberg, der ja leider, so die Vermutung, durch eine Scharade Ursula von der Leyens ins Exil verbannt worden war. Dabei, so wusste es die eine zu berichten: heute alle aus dem Internet abschreiben. Sogar Ursula von der Leyen selbst habe das ja nachweislich so gehandhabt, um auf ihren Posten zu kommen. Anders, so einigte man sich schnell, wäre das bei sieben Kindern ja auch gar nicht möglich gewesen. Als Alternative zu Karl-Theodor zu Guttenberg, dessen forstwirtschaftliche Expertise für wichtig empfunden wurde, kam nur noch ein weiterer Kandidat zur Sprache, dessen Namen ich aufgrund des nun wieder angesprungenen Multivanmotors akustisch nicht verstehen konnte. Wohl handelte es sich dabei um einen aktiven Politiker, der allerdings aufgrund eines Krebsleidens nicht wirklich in Betracht zu ziehen war.

»Na, aber der wäre wirklich ideal«, sagte die Dame mit der Frisur. Und darüber, angesichts der Vergeblichkeit kamen sie erst ins Schwärmen. Einmündend in jener, beim Todesporno alles entscheidenden Frage »Was für einen Krebs hat der nochmal?«

Im Hintergrund, also vor dem See, den man von der Terrasse des Seesterns gar nicht sehen kann, weil davor eine Wiese mit lauter Bäumen ist, deren üppig belaubte Kronen die Aussicht auf das Ufer verstellen, nahm ein Paar auf einer der Bänke Platz und ich dachte kurz, ich seh nicht recht, aber der Mann zog sich tatsächlich aus bis auf eine Badehose – seines enormen Leibesumfanges zum Trotz – und setzte sich daraufhin wieder hin neben seine Frau, die dann ungerührt neben ihm so sitzen blieb in ihrem Sommerkleid. War einfach so.

Danach ein Traum von einem ICE aus Gummi, den ich von außen sehen konnte, obwohl ich mich zur gleichen Zeit darin als Reisender befand. Er fuhr nicht wirklich los, sondern dehnte sich Kilometer um Kilometer nur immer weiter bis zum Endbahnhof und ich musste in ihm durch die ganzen Rollkoffer und Brettspielfamilien hindurch, um aussteigen zu können.

9.6.

Vor dem Easy Rider ließ ich mich beim Mittagessen in eine Gespräch über die Lebensmittelpreise verwickeln. Es ging dabei um den ominösen Texas-Burger, der dort auf der Karte steht. Es wird andauernd von ihm geschwärmt, aber ich war noch nie dabei, wie einer der Stammgäste ihn auch tatsächlich bestellt hat. Angeblich ist er extrem wohlschmeckend und dazu noch derart sättigend, dass man drei Tage lang nichts mehr zu essen braucht. In dem Gespräch wurde mir aber auch klar, dass einige der Stammgäste lange Wege auf sich nehmen, um zu Imbissen und Pizzerien zu fahren, weil dort die Margharita für 4 Euro serviert wird. Dazu wurde mir auch jeweils der Durchmesser der Pizza in Zentimetern und das Gewicht des Rumpsteaks in Gramm mitgeteilt. Dann kam ein Mann in Domestosjeans mit einem USB-Stick und verlangte vom Wirt des Easy Rider, dass er die Musik über die Lautsprecheranlage abspielte. Es handelte sich um eine seltsam wehmütige Melodie, und Shazam meldete, dass es Juliane Werding war, die da sang. Der Stick-Besitzer lauschte indes gebannt und hielt sich dabei mit einer Hand am Tresen vor der Durchreiche fest. Auf seinem T Shirt stand: »I Hear Voices / They Say I Don’t Like You«.

Das wurde mir dann insgesamt zu intensiv als synästhetisches Erlebnis, das Setting des Easy Rider an sich genügt mir ja schon vollkommen. Also wanderte ich über den Pfad durch das Gebüsch und ließ mich auf der Terrasse der Motorradrockerkneipe nieder. Da finden sich ja zur Mittagszeit längst nicht nur Zweiradfreunde ein, sondern vor allem auch die Rentner aus dem gegenüberliegenden Zehlendorf. Weil das Essen billig, die Teller prall gefüllt sind, und weil man in der Sonne sitzen kann. Rentner finden ja irgendwie so selbstverständlich zueinander wie Mitglieder einer Jugendkultur. Es ist wie in einer Innung. Man teilt die selbe Erwerbssituation und man hat die selben Gedanken: die Gesundheit, die Enkel, der Tod. Dass sich die Terrasse gegenüber einer Tankstelle und neben einer Autobahnausfahrt befindet, stört da nicht. Die Kellner tragen T-Shirts auf denen steht: »Ich bin eine Maschine«.

Die kleine Gruppe neben mir bestand aus drei Männern und einer Frau. Die Männer in großkarierten Hemden, teuren Uhren, mit gepflegten Zähnen. Es ging um Alexander Gauland und Frauke Petry. Der Fall sei doch klar, das seien doch alles keine dummen Leute. Frau Petry sei Chemikerin, so wie Angela Merkel Physikerin sei. Auch der Gauland habe doch früher keine dummen Sachen gesagt. Björn Höcke sei Lehrer gewesen. Dann ging es um Bernd Lucke, den einige der sich Unterhaltenden noch persönlich kennengelernt hatten. Mit Hans-Olaf Henkel waren sie alle drei persönlich vertraut. Nein, der Fall sei doch völlig klar, hier würde gerade die Situation von den Regierungsparteien im Verbund mit der Presse verdreht. Dann ging es um den Fußballspieler Jérôme Boateng und um die knifflige Frage seiner Identität. Unter der Mediation des Meinungsführers einigte man sich schließlich darauf, dass es sich bei Boateng um einen Halbdeutschen handele.

Der Meinungsführer hatte so eine Art zu sprechen, die mich an Dieter Bohlen erinnerte, was nicht allein an seinem hanseatischen Dialekt lag, sondern an dieser Mimik, bei der die Vorderzähne stets gebleckt wurden, während eine Art von Lächeln mit Grübchen das umliegende Gesichtsfeld beherrschte. Er brachte das Argument vor, dass es sich im Falle Deutschlands um gar keine Demokratie mehr handele, denn es sei doch nun ganz klar, was das Volk wünsche – es geht um die Flüchtlinge, um den befürchteten Nachzug deren Familienangehöriger, vor allem geht es um den fehlenden Anpassungsdruck an die deutsche Sprache und die deutsche Kultur. Die einzige tatsächliche Demokratie, so stimmten die drei Männer am Nebentisch überein, bestünde noch in der Schweiz. Dort würde regelmäßig und bei geringsten Anlässen das Volk selbst befragt. Und danach würde gehandelt.

Die Frau sagte nichts. Ihren Arm mit schöner, flacher Uhr und mit Ringen an den Fingern hielt sie die meiste Zeit über der Tischplatte in einer Schwebe, um nur manchmal, dann aber lautlos, ihre geballte Faust neben ihrem Teller abzusetzen. Sie hatte wohl gelernt, dass sie den Mund zu halten habe, wenn über Politik geredet wird und taute erst auf, als einer von den anderen das Eis holen ging. Der Redeführer erzählte beim Löffeln einer Straciatella, dass er sich selbst momentan als Zwangsdeutscher empfinde. Weil die Rückflüge in die Vereinigten Staaten derzeit zu teuer seien. Er war ja vor Jahrzehnten bereits dorthin ausgewandert, kannte sich von daher gut aus mit einer Zuwanderergesellschaft. Und dann kam das Übliche mit dem Hymnensingen und dass dort jeder sofort Englisch lernen müsse und dass es niemanden dort gebe, der nicht von sich behaupten würde, dass er stolz sei, ein Amerikaner zu sein. Genau dort aber, da waren sich alle einig, läge für Deutschland das Problem: Kein Araber sage, dass er stolz sei, ein Deutscher zu sein, weil ja die Deutschen selbst nicht stolz darauf seien usw.

Abends dann Besuch von Henning. Wir tranken ein Bier und schauten aufs Wasser. Die Tiere hatten sich versammelt, wie um sich vorzuführen. Und das, obwohl ein ziemlicher Wind ging, landeinwärts, und der See zeigte sich weindunkel und mit starken Wellen. Die wenigen Boote zogen schnell und schräg dahin. Gespräch über Schreibprobleme und Beziehungsfragen. Henning sagte: Eigentlich ist das kein See, das ist die See.

Musste ich ganz dringend noch eine Schicht Fernsehen drüberlegen. Auf Arte lief eine tolle Dokumentation über Uwe Johnson in New York: »Für Uwe Johnson und sein Alter Ego Gesine Cresspahl wird die New York Times zu einem Fenster zur Welt.« Ich freute mich auf die Zeitung, auf den Tagesanbruch und auf den Kaffee.

8.6.

Als ich erwachte, fand ich mich von Gärtnern umzingelt. Aus allen Himmelsrichtungen drangen die Motorengeräusche durch die geöffneten Fenster. Das wurde zwar laut, klang in sich trotzdem harmonisch, also hörte ich mir das ein paar Stunden lang an. Interessanterweise drehen einheimische Vogelarten in so einem Fall der anschwellenden Umweltgeräusche einfach ihre Stimmen ebenfalls weiter auf, um das von den Motoren zu ihren Füßen erzeugte Grundrauschen übertönen zu können. Kanarienvögel hingegen, das weiß ich aus einer anderen Situation, verstummen dann, wenn auf dem Grundstück nebenan ein Einkaufszentrum gebaut wird, beispielsweise.

Stunden später, ich war gerade etwas weggeschlummert, fingen die Vögel erneut an zu kieksen. Dieses Mal war es eine verschnupft klingende Mikrofonstimme, die ihre Singstunde zu stören begann. Der schallende Lärm kam aus dem Dickicht, hinter dem sich der kleine Hafen der Berliner Wasserverkehrsbetriebe befindet. Ein Hafenfest am Dienstag – das konnte ich mir nicht erklären. Nun war da, als ich mich durch den kleinen Park kommend der Anlegestelle näherte, ein Originalmississippischaufelraddampfer vertäut. In einer Gegend, wo sonst im Sonntagsverkehr auch gerne mal mit Holzfeuer betriebene Omnibusse eingesetzt werden, sorgt das natürlich für großes Hallo. Dazu war das gute Stück noch aufgezäumt, das gesamte Oberdeck war mit weißen Zelten im orientalischen Stile überdacht, in den Dachspitzen, die baiserhaft anmuteten, waren Effektlaternen eingebaut, sodass nach einem märchenhaften Sonnenuntergang diese Zeltspitzen in Lila und Rosa und Apricot würden leuchten können. Der gesamte zu diesem Traumschiff hinführende Steg war ebenfalls mit solchen Baiserhäuschen zugestellt, darin fand eine Art Willkommensdrinksituation statt. Es war aber keine orientalische Hochzeit, es war die sogenannte Spargelfahrt des Seeheimer Kreises, und wie der Name schon andeutete, waren dort auf dem Steg und dem Schiff ausschließlich identisch gekleidete Männer zu sehen. Also wie Axel Wallrabenstein, bloß ohne Bart. Wobei Axel Wallrabenstein ja eher CDU-Mitglied ist, und die Spargelfahrer waren vom Team SPD. Angeblich war sogar Sigmar Gabriel an Bord. Angeblich, so sagte mir das eine reizende Dame aus der Zuschauermenge im Park, war das sogar Sigmar Gabriels Stimme, die da soeben noch, von den Lautsprechern verstärkt, bis zu mir hinüber gedrungen war.

Okay.

7.6.

Langes Telefonat mit Erik, der durch unseren Ausflug nach Schnellroda ins Nachdenken gekommen ist über die gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Neonazis in seiner Jugend. Er konnte sich wieder erinnern an eine Wand in seinem Jugendzimmer, an die heftete er die abgeschnittenen Ärmel der Bomberjacken seiner Feinde. Das nannte sich Skalpieren, wenn man dem Gegner, der zu Boden gegangen war, einen Ärmel abschnitt. Einmal hatte dann einer wohl seine Mutter vorgeschickt, die bei Erik höflich klingelte, um ihn zu bitten, ihr wenigstens den Naziaufnäher abzutrennen und mitzugeben. Den hatte sie, das brachte die Mutter als Argument: von Hand bestickt.

6.6.

Im Speisewagen sah ich auf den Hinterkopf eines Mannes im schwarzen T-Shirt, über dessen gesamten Hinterkopf und Hals eine Narbe verlief: diagonal hinter der linken Ohrmuschel beginnend, bis sie, für mich unsichtbar, weil seinen Hals umrundend, vielleicht vorne am Schlüsselbein enden mochte. Vielleicht aber auch nicht? Ich konnte meinen Blick nicht mehr von dieser Narbe abwenden, die auch noch besonders deutlich dadurch hervorstach, dass der Mann sein lockiges Haupthaar in einem sogenannten Undercut frisiert trug, der Bereich am Hinterkopf und um die Ohrmuscheln herum also raspelkurz frisiert war – wodurch war diese Narbe verursacht worden? Ich traute mich weder, ihn anzusprechen, noch traute ich mich, eine Aufnahme zu machen. In meinem Notizbuch fertigte ich mir eine Skizze an, eine Studie des Hinterkopfes, einen Narbenlageplan.

Das war circa acht Minuten nach Wolfsburg, als dieses kleine Dorf entlang der Robinienallee ins Bild gefahren worden war. Und der Himmel war stahlblau, er wirkte wie transparent auf mich, wie diese Folie, die in den Filmen der Augsburger Puppenkiste das Meer darstellen sollte für Seeelefant Seele-Fant und für das Urmel und in der Höhle mit den Edelsteinschätzen: die magische Krabbe. Keine einzige Wolke am Himmel und es war noch nicht einmal Mittagszeit, es würde also noch viel heißer werden. Ganz anders als vorgestern, dem Tag, an dem die Wolken zweifarbig am Himmel hingen. 36grad (2Raumremix). Die meisten Menschen, die ich kenne, finden 2Raumwohnung kindisch. Ich nicht.

Kurz vor Wustermark dann ein Feld aus Klatschmohn. Mir fiel ein, wie Jan, vor vielen Jahren mittlerweile, diese Idee entwickelt hatte für die Szene einer Flucht nach gezogener Notbremse. Und die Kamera zeigt, wie die Frau in ein Feld aus lauter Klatschmohn läuft – weil sie kurze schwarze Haare haben sollte. Das geht jetzt nicht mehr, wegen Frauke Petry. Aber sie verschwände ungefähr dort, am Rande des blaßroten Feldes im tiefen, dunklen Wald.

Dann Heerstraße: endlich die Stadt. Sie wird angekündigt durch sich auftürmende Wolken, die blumenkohlfarben sind. Weil sie aus den Ausdünstungen der Menschen, die hier leben, bestehen. Zwei Stunden Zeit, aus dem Taxifenster auf die grünen Wolken und Ballen zu starren, die hier draußen die Straßen säumen. Und davor das grelle Laub eines Ginkos. Seine Blätter wachsen einer geraden Linie entlang empor.

5.6.

Irgendwo hatte Arno Schmidt einmal ausgerechnet, dass man im Verlauf einer durchschnittlichen Lebenszeit maximal 2500 Bücher zu lesen schafft. Ich habe es bislang verpasst, mitzuzählen, aber ich bin trotzdem froh, dass Der Tod des Märchenprinzen von Svende Merian nun bei mir dazugehört. Erschienen im Jahr 1980, verkaufte sich der auf extremistische Weise autobiografisch konzipierte Liebesroman um die zweihunderttausend Mal, und das erklärt extrem viel über seine Ära, in der sich beispielsweise auch die eigenhändig illustrierten Gedichte von Kristiane Allert-Wybranietz jahrelang in der Bestsellerliste des Spiegel in den Spitzenpositionen halten konnten.

Beide Autorinnen, Svende Merian wie Kristiane Allert-Wybranietz, gerieten in den Neunzigerjahren in Vergessenheit. Die Dichtern betreibt heute einen Grußkartenservice im Wendland, Frau Merian schreibt einen Blog für übersehene Kinder- und Jugendliteratur. Im Gegensatz zur Poesie von Allert-Wybranietz lässt sich aber die Geschichte vom Tod des Märchenprinzen noch immer sehr gut lesen. Ich meine sogar: mit Gewinn. Als historischer Roman aus den späten Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Und als wichtiger Bericht einer Chronik der Gefühle zwischen Frauen und Männern. Beziehungsweise: aus der heißen Phase unmittelbar nach dem Heißen Herbst.

Wer schön sein will muss leiden – der Spruch trifft nicht nur auf Äußerlichkeiten zu. Bei Svende Merian, deren Protagonistin genau so heißt wie sie selbst (Svende), geht es sogar ausschließlich um das Innenleben ihrer beiden Figuren. Und im Gegensatz zu ihm, den sie anfänglich für einen Märchenprinzen hält, strebt sie nach seelischer Politur, wo er sich bald nur noch gehen lässt. Dieser Mann heißt einfach Arne. So viel zur Staffage. Und er hat seidiges Haar, das ihr an einem Morgen, weil er selbst bei Minustemperaturen auf geöffnete Schlafzimmerfenster besteht, eiskalt erscheint. Die Liebesgeschichte, die Annäherungsphase wird schön beschrieben, doch kurz darauf schon wird es beinahe unerträglich realistisch und dadurch auch anstrengend. Und so bleibt es dann auch. Beziehungsgespräche sind ja für beide Beteiligten nicht eben angenehm, aber in dieser Zeit muss es dermaßen unerbittlich zur Sache gegangen sein, dass man sich nur noch graust. Und dass man plötzlich versteht, weshalb all die rechtsgewendeten Ex-Aktivisten linker Kulturproduktion wie zum Beispiel Botho Strauß und Peter Stein in den Neunzigerjahren betonen wollten, dass »man sich damals in Sachen Liebe und Beziehung viel zu viel zugemutet habe«. Svende Merian dreht mit ihrer gnadenlosen Offenheit bei gleichzeitiger Hypersensibilität derart beharrlich auf, dass ihre Erzählung an keinem Punkt ins Parodierbare kippen will, es trotzdem zunehmend Schilderungen gibt, wie jenen Auseinandersetzungen, die dann eben nicht mehr unter zwei sich trennenden Liebespartnern stattfinden, sondern im Plenum der Wohngemeinschaft als Gruppendiskussionen. Hart auch, wie ihr innerer Monolog beständig und bei leichtem Nachdenken bereits von Liebesschwüren ins Feinddenken sich verkehrt. Märchenprinz und Schwein liegen in ihrem geschlechtspolitischen Gedankengebäude in unmittelbarer Nachbarschaft beieinander, und dass sie den Märchenprinzen, für den sie Arne aufgrund dessen Sanftheit zu Anfang noch halten konnte, am Ende begraben muss, ist die Frucht ihrer Erkenntnis, dass sie den Einen ohne das Andere niemals bekommen können wird.

Trotz all der Quälerei, der oftmals im Wortsinne peinlichen Passagen, fühlte ich mich nach der Lektüre des für 1 Euro 30 erstandenen Romans auf seltsame Weise bereichert. Die alltägliche Mann-Frau-Kommunikation auf einer Fahrt mit der S-Bahn nahm ich ganz anders, als erfrischend, natürlich auch als deprimierend wahr. Selbst wer sich für Liebe gar nicht oder wenig interessiert – soll’s ja geben, es gibt ja so viel –, könnte diesen Roman mit Gewinn lesen, wenn er sich dadurch die darin extrem präzise geschilderte Atmosphäre vergegenwärtigen lässt. Als nämlich alles noch politisch wahrgenommen wurde und war. Als man sich jeden Abend, oft auch tagsüber mehrfach mit anderen traf, um die Alternativen zum Bestehenden zumindest zu diskutieren. Das kann man freilich albern finden oder prekär – ganz so dumm war die Idee allerdings nicht. Als fun fact fand ich auf Seite 101 meiner Ausgabe auch die meiner Ansicht nach erstmalige Erwähnung jener virulenten Phrase, man habe »etwas akustisch nicht verstanden«. Die Szene an sich ist aber halt leider überhaupt nicht funny. Wie eigentlich keine einzige in diesem Roman. Sehr oft rührte die Erzählung der tapferen Svende mich dagegen zu Tränen. Vor allem da, als sie sich, vollkommen kirre vor Liebeskummer, in die Bildwelten ihrer Postkarten mit naiver Malerei hinein und fort zu träumen sehnt. Oder wenn sie sich auf eine der zermürbenden Diskussionen mit dem Ex-Märchenprinzen vermittels eines Stichwortspickzettels vorbereitet, den sie »in der Latztasche ihrer Latzhose« aufbewahrt. Und trotzdem keines ihrer Argumente vorzubringen schafft, weil da wieder bloß Nebel ist in ihrem Bewusstsein, wenn sie ihm gegenüber steht.

4.6.

Gestern früh gab ich einer spontanen Eingebung nach, was ich auf den Ablauf meiner Tage bezogen so gut wie niemals tue (vermutlich wirkte der Zauber des Easy Rider halt noch nach), kaufte keine Zeitung, bog stattdessen links ab und ging direkt zur S-Bahn, um einen Schönheitstag zu machen. Also mit mir machen zu lassen. Und betrat nach kurzer Fahrt den neuen Salon auf der Potsdamer Straße, den ich im Vorbeispazieren schon einige Male von behaglichen Geräuschen begleitet zur Kenntnis genommen hatte, denn aus irgendwelchen Gründen waren mir die Betreiber, ich glaube, es sind alles Brüder, sympathisch. Außerdem fand ich die Einrichtung gut. Der Salon ist nicht gerade groß, vier Stühle nur, aber für jeden Platz gibt es einen Friseur. Ich sprach den letzten noch untätigen, es war der jüngste der vier Männer, an, ob er mir den Bart etwas in Form bringen würde. Das dauerte dann eine halbe Stunde und er versuchte nicht einmal mit mir ein Gespräch anzufangen, was ich optimal fand und auch dessentwegen sogar zweimal kurz einnicken konnte. Als wir uns das Ergebnis gemeinsam im Spiegel betrachteten, lobte ich ihn sehr. Da sagte er: »Sie haben einen sehr schönen Bart.« Und dann fachsimpelten wir noch etwas über meine diversen, eher strukturell zu nennenden Haarprobleme, während der Mann auf dem übernächsten Stuhl zu seinem Betreuer sagte: »Du siehst jetzt, was mein Problem ist, oder?«, und darauf der »Ja, Mann. Du hast zu große Ohren. Habibi.«

Sechs Euro. Kann eigentlich kaum wahr sein.

Wenige Meter weiter betrat ich den Salon mit dem Logo aus kyrillischen Buchstaben für Tscharodejka, die angeblich »Zauberin« bedeuten. Den Laden gibt es schon so lange, wie ich die Potsdamer Straße kenne. Also so lange wie den Dalmatiner Grill, wie Woolworth und das Varieté Wintergarten, Riekes Rasthof und früher auch mal den Tagesspiegel, aber eben schon viel länger schon als Andreas Murkudis beispielsweise oder den Acne Superstore. Bislang habe ich mich dort auch noch nie herangetraut, weil das Innere allein von den Farben her ziemlich abschreckend wirkt (also Tscharodejka jetzt, nicht Acne oder Murkudis!!!), aber wahrscheinlich hat dieses Buch, mit dem ich mich in den letzten Tagen intensiv beschäftigt hatte, bei mir eine innere Wandlung bewirkt, es erzählt ja aus den letzten Tagen der Siebzigerjahre und: auf einmal saugte es, also mein gewandeltes Inneres (Schachtelwahrnehmung!!!) mich nun geradezu ins Reich der Zauberin hinein. Auch und vor allem, da die dort durchgeführte Pediküre mit »Russische Prozedur – Höchste Qualitätsstufe« angepriesen wird. Es ging auch gleich gut los, weil diese an schambesetzten Körperteilen stattfindende Prozedur in einem Hinterzimmer durchgeführt wurde, während die Manikürekundinnen direkt vor den Schaufenstern zur Straße lagen. Einer der zahlreichen Faktoren, weswegen die Behandlungen in diesem Salon völlig zu Recht als Premium angepriesen werden durften, besteht übrigens in den mit weißem Knautschleder bezogenen Opiumsesseln, die meiner Ansicht nach von dem Hersteller der First-Class-Sitze für Singapore Airlines stammten. Alibihaft griff ich nach meinem Buch, schlief aber sofort ein. Um natürlich mehrmals vor Lachen wieder aufzuwachen, wenn die Zauberin mit ihrem elektrischen Schleifgerät an dieser einen meiner für Kitzelreize ansonsten weniger empfänglichen Zehenwurzeln rührte. Und weil sie halt dieses Ding anhatte, das mich sofort an die Arbeit am Feed der Dicken Bürste erinnerte; und wie oft ich dabei einst »Abb. Emoji: Face With Medical Mask« eingetippt hatte.

Gegen übertriebene Heiterkeit half aber dann sozusagen leider auch ein mir gegenüber plazierter Kunde männlicher Gestalt, der die erste Zeit der über eineinhalb Stunden währenden Prozedur dazu nutzte, in sein iPhone zu schwätzen. Daran störte mich nicht allein, dass es in allerbreitestem Niedersächsisch geschah, sondern dass ich halt aufgrund der Innenarchitektur des Zauberinnenreiches, namentlich der Beschaffenheit des Hinterzimmers, alles mitbekam, was er in seinem zwanzigminütigen Telefonat seinem Liebespartner mitzuteilen hatte. Es war dessen nicht viel. Wurde aufgrund dessen aber extrem variantenarm wiederholt. Dagegen habe ich an sich nichts, wenn es die immerselben Knüller sind, die wiederholt werden. Mache ich ja selbst auch und genau so. Aber a)tens halt nie in Gegenwart anderer. Und b)tens schon gar nicht in einer Sprache (Niedersächsisch), die eine beispielsweise zu meinen Füßen an mir prozedierende Russin nicht versteht, wenn es c)tens in meinem pointenlosen, larmoyanten, megatuckigen auf niedersächsisch vorgetragenen Herrschaftstalk um diese zu meinem Füßen an mir prozedierende Russin, um ihren Körper, um ihre pedikürielle Unbegabtheit geht. Extremer Abfall also dieser Mann, wie Dicke Bürste twittern würde (Abb. Emoji »Put Litter In Its Place«). Ich habs nicht getwittert. Nach einer halben Stunde wurde er nämlich ins Schaufenster bugsiert, wo er sich die Fingernägel schleifen ließ – aber wozu hat der liebe Gott die Freisprecheinrichtung erfunden! Im Hinterzimmer hingegen kehrte göttliche Stille ein. Ab und an ein Glucksen aus dem Cremetöpfchen.

15 Euro. Kann eigentlich kaum wahr sein.

3.6.

Gestern beim nicht ganz absichtslosen Streunen durch die weitere Umgebung einen magischen Ort entdeckt: Auf der Lichtung eines Waldvorsatzes gegenüber einer Tankstelle befand sich ein Kiosk namens Easy Rider, aus dessen Dach ein langer Schornstein ragte, obenauf ein Kürbis aus Plastik. Ringsum den Kiosk waren gepolsterte Stühle aufgestellt, kleine Baumstümpfe dienten als Abstellmöglichkeiten. Hier saßen murmelnd ältere Männer, einige waren in Zeitschriften vertieft, einer scrollte auf seinem Smartphone. Als eine Gruppe Jugendlicher auf dem Weg zum Waldbad vorbeikam, wurde aus dem Inneren des Baus eine Mikrofonstimme übertragen, die in einem Singsang versuchte, die Jugendlichen anzulocken. Bewirkte natürlich das Gegenteil. Schien aber häufiger vorzukommen, denn die Sitzenden wunderten sich nicht über die Mikrofondurchsage. Wurde auch nicht diskutiert. Der alterslose Betreiber glitt wie auf Rollschuhen in den Rahmen des Bestellfensters, einer üppig dekorierten Durchreiche. Im weiten Ausschnitt seines mit Ananas und Kakteen bedruckten Hawaiihemdes schaukelte ein auffälliges Amulett. Meine Bestellung kommentiert er mit: »Aber sehr gern, mein schönes Kind«. Und als ich mich später verabschiedete und ihm sagte, dass es sich um einen märchenhaft schönen Ort handele, den er hier geschaffen hat, sagte er: »Oh wonderbra!«.

In der folgenden Nacht hingegen mein Traum: ödeste und ärgerlichste Wirklichkeit. Alles genau so wie es ist. Bloß halt auch noch verlangsamt dargestellt. Ein einziger Albtraum aus einer Party, einer anschließenden Busfahrt, einem labyrinthischen Terminalgebäude und dann auch noch vergessenem Reisepass. Um 4 Uhr dann kurz aufgewacht und das Gefühl gehabt, dass dieser Traum stundenlang gedauert haben musste. Dann noch mal eingeschlafen. Und es ging genau dort weiter, wo ich aus der Traumerzählungsperspektive betrachtet sozusagen eingeschlafen war. Besser wurde es nicht.

2.6.

In meinem Gespräch mit Heinz Bude fällt gegen Ende sein Begriff einer »Krise der Leidenschaftlichkeit«, in der sich die Deutschen befinden. Seiner Ansicht nach. Ich kann mich noch gut erinnern an die Zeit, in der das eine Wendung wurde, die sozusagen trendete, noch bevor es Twitter gab oder Vergleichbares. Plötzlich hörte ich von bestimmten Männern dieses »da bin ich leidenschaftslos«. Gerne, beziehungsweise bevorzugt in einer Gesprächssituation, in der es prinzipiell nicht um die Frage nach Leidenschaftlichkeit ging. Also beispielsweise wenn man sich verabredete (»Um halb acht, um acht?«, »Da bin ich leidenschaftslos.«)

Sagt man inzwischen nicht mehr. Dafür fangen jetzt viele Sätze mit einem »Ganz ehrlich?« an, als rhetorische Frage, auch als Zitat natürlich, aus dem Englischen frei übersetzt (kommt vom Seriengucken), bloß um dann etwas zu erzählen, was sich sowieso nicht auf andere Weise sagen ließe als ganz oder ehrlich, denn so ist der dies rhetorisch Fragende nun einmal; so ist sein Schnabel gewachsen.

Gestern früh um sieben erhielt ich eine derart unverschämte E-Mail des ominösen Professor Rattunde, der als Insolvenzverwalter des sogenannten Till Tolkemitt firmiert, dass ich etwas tat, was ich sonst niemals tun würde: Ich rief ganz ehrlich dort an. Und klar: Den angeblichen Professor gibt es in Wirklichkeit natürlich gar nicht, das geben seine leitenden Angestellten zwar nicht zu, aber sie lassen es durchscheinen. Nach einer Weile werde ich aber immerhin von einem zurückgerufen. Das war, als es draußen derartig zu regnen angefangen hatte, dass es nur so rauschte, wie ich es eigentlich in Deutschland noch nie erlebt habe. Ich konnte gerade noch fünf Meter weit sehen, danach war alles bloß milchig und grau und ich konnte meinen Blick von diesem Grau nicht abwenden, in denen das Grün der Bäume sich wie im Nebel verlor und der See sogar darin verschwand, als würde er im Wasser, das draußen vom Himmel fiel, aufgelöst. Trotzdem sprach ich mit fester Stimme auf den Anwalt ein. Viel zu viele Informationen in viel zu langen Sätzen natürlich, ich kann halt nicht anders, insbesondere dann nicht, wenn ich mich aufrege oder aufgeregt habe, kurz zuvor. Und er (auch das eine Wendung aus dem Serienleben): »Ah. Moment, mit wem spreche ich eigentlich?«

Das bringt mich derart außer Fassung, also dieser Gedanke, dass dieser Mensch einfach irgendwo anruft, um seine Telefonliste abzuarbeiten – und es stellt sich dann auch heraus, dass dem exakt so ist: Meine Nummer wurde ihm versehentlich übermittelt. Er entschuldigt sich damit, versucht es zumindest, das Professor Rattunde mehr als eintausend Insolvenzen zur Abwicklung anvertraut seien. Er beispielsweise, das fügt er entschuldigend hinzu, betreue derzeit die Insolvenz der Firma XY und Söhne. Aber damit habe ich ja nicht?

Nein.

Na gut, legt er halt wieder auf und ruft die nächste Nummer an.

Der Regen draußen ging noch stundenlang weiter und dann hörte er innert einer Minute auf, exakt halt so, wie ich das von meinem Duschkopf kenne, wenn ich das Wasser dann endlich abgedreht habe: rausch, rausch, tröpfel, pling plong, Schluß. Aus.

1.6.

Sich selbst erforschen zu können – das finde ich, nach dem vielen Geld, das ich damit verdiene, doch den schönsten Aspekt dieses wunderschönen Berufes. Dass mein Gehirn sich andauernd selbst befragen und beobachten darf und ich dabei, noch nicht einmal im Traum, noch nicht einmal dann, ein schlechtes Gewissen haben muss (na ja, schon manchmal ein bisschen); dass ich die Rückmeldungen dann doch immer interessantestens finde und dabei schon wieder etwas Neues denke, mir dabei selbst auf die Schliche komme und dennoch ist es selbst nach so vielen Jahren noch immer überraschend und brandheiß, was sich da zusammenreimt. Auf einer Top-drei-Liste meiner Organe stünde mein Gehirn auf Platz eins. Unangefochten exemplarischerweise »z.B.« vor meinem sogenannten Schwanz oder meiner Leber, die, nach Alan Flusser doch eher als die »Ackergäule« meines über alles geliebten Proteinklumpens Punktpunktpunkt

Unter anderem der Grund, weshalb ich keine Haustiere halte, und selten bloß Schnittblumen: weil ich halt andauernd mit diesem Gehirn beschäftigt bin, das mich vollkommen in Atem hält – sozusagen. Neulich wieder: Wir gingen da gerade über die Brücke, die Sonne war soeben versunken und es zeigten sich matte Töne von Violett und Dunkelgrau vor einem ansonsten schön grauen Himmel, sie türmten sich auf und im Wasser, in dem sich dieses Ensemble spiegelte, schwamm eine Ente - sie war ja gar nicht klein, aber in der Relation zu dem ganzen Bild erschien sie, als ob, nun: diese Ente also, ganz schwarz aufgrund der herrschenden Lichtverhältnisse, zog dort unter der Brücke eine ihrer Verdrängung angemessene Sillage und rechts davon dümpelten die Segelboote im Hafen des Yachtclubs.

Und darüber habe ich dann original eine Stunde und noch länger nachgedacht. Mit dem größten Vergnügen. Musik angemacht und plötzlich festgestellt – genau genommen war es freilich so, dass ich das schon vorher wusste, bevor ich das Stück also ausgewählt und angemacht hatte: Interlude und danach Movement Five von Carl Craig und Moritz von Oswald. Weil das korrespondiert oder vorgibt, wie ich finde, dass ich einen Text zu schreiben hätte. Dass er dann so verläuft und erklingt.

(Und bei dem Einsatz der Bläser muss ich immer noch an Isaac Davis denken, wie er mit Tracy im Bett in seiner neuen Wohnung liegt und er die Wohngeräusche seines Nachbarn über ihnen damit beschreibt, dass der »eine Trompete zersägt«, so klingt er nämlich, der Auftakt zum Movement Five, und Tracy sagt: Fummel‘ doch lieber ein bisschen mit mir rum!, und Isaac fragt: Sag mal, wie oft kannst Du eigentlich in einer Nacht?, und Tracy sagt: A lot!, und dann holt er seinen Taucheranzug aus dem Schrank).

31.5.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieses viele Grün vor meinem Fenster in ein paar Monaten bereits wieder komplett verschwunden sein wird. Ich kann mich nur noch vage daran erinnern, wie das vor ein paar Wochen hier noch ausgesehen hat. Als ich in Peking war, ist mir erst nach ein paar Tagen aufgefallen, dass es dort in der Innenstadt keine Pflanzen gibt. Der Himmel war sowieso immer gleich, neblig grau, auch nachts, manchmal regnete es kurz. Ich wohnte da in einem Hotelzimmer, im 78. Stockwerk, vom Fenster aus blickte ich direkt auf das Rem-Koolhaas-Gebäude, das mittlerweile von Baustellen umgeben war. In den folgenden zehn Tagen wuchsen mir von dort unten neue Häuser entgegen.

30.5.

Patricia Bateman (Idee für einen Roman)

29.5.

Erik rief an, da lag ich gerade auf dem Steg rum, um zu fragen, ob die Inkubation nun abgeschlossen wäre. Ich sagte »Noch nicht ganz.« Abends fuhr ich dann bei bestem, lindem Frühlingswetter in die Stadt und vor der Betonkirche St. Agnes saßen artig aufgereiht eins, zwei, drei, vieleviele Blogger aus Japan mit ihren Kameras und warteten.

Fünfzehn Jahre 032c – eine Zeitschrift aus Berlin, bekannt vor allem außerhalb Deutschlands, weil sich Jörg Koch von Anfang an dafür entschieden hatte, in englischer Sprache zu publizieren. Wahrscheinlich wirkte das gestern nur so stark auf mich, weil ich ja gerade auf dem Rittergut Schnellroda gewesen war, und Götz Kubitschek vergleichbar lange schon als Kleinverleger aktiv ist.

Jörg Koch und sein »Manual for Freedom, Research and Creativity«: krasser Gegenentwurf zu Götz Kubitschek und seiner »Sezession – Right Is Right and Left Is Wrong«. Vor allem ist 032c halt wirklich radikal. Dazu sieht 032c halt auch ultra aus.

Im Eingangsbereich wurden in der Konstantin-Grcic-Vitrine die Standbilder aus Ralf Schmerbergs ultimativen Berlin Film ausgestellt, die, natürlich, überhaupt gar nicht in Berlin entstanden sind, sondern in Chandigarh und sonstwo noch. Im Heft selbst sind das dann 70 Seiten, gedruckt nach allerneuesten Methoden auf dem allerbesten Papier, das Heft selbst, am Anfang noch auf Zeitungspapier und ohne Fotos, mittlerweile seit mehr als zehn Jahren in Basler Bindung, Art Directed by Mike Meiré. Alles an 032c, um 032c und um 032c herum ist, wie Martin Fry es einst sang, »So hip, it hurts« – gewiss, aber mach das erst mal selbst, fünfzehn Jahre lang.

Und zwischen der Vitrine und dem roten Block aus Heften, der bis ins erste Stockwerk hinauf sich türmt, stand das Kind hinter der Popcornmaschine und siezte die Gäste und freute sich an seiner Aufgabe im Familienunternehmen. Während oben auf der Terrasse mit Aussicht auf den Betonkirchenturm sich die Gäste vor allem darüber unterhielten, dass es hier endlich mal andere Gäste gäbe: »anders als sonst«. Und dann ging die Sonne unter. Und der Beamer ging an. Und man schaute gemeinsam, auf den breiten Turm der Betonkirche projeziert, den Film über ein mögliches Berlin in naher Zukunft an. Textbuch: Helene Hegemann.

28.5.

Der Process des Inkubierens, wie Carl Gustav Jung ihn benannte, ist das Fürchterlichste am Schreiben. Vielleicht nur für mich (und ein paar andere, die ich nicht kennengelernt habe). Ein innerer Vorgang, darüber gibt es nichts zu vermitteln, er macht stumm und blöd auch, wie ich finde, auf jeden Fall aber einsam. Das Material liegt vor, es ist viel zu viel geworden, das Sortieren erscheint unmöglich. Wegwerfen aus Angst, ansonst gar nichts mehr daraus machen zu können. Objektvermeidung, Michael Balint beschreibt den unbehaglichen Zustand als das Dämmern eines Matrosen im Hafen, solange er nicht in See stechen kann, als das Dämmern eines Astronauten vor dem Countdown, als das Dämmern eines Abfahrtsweltmeisters in der Talstation.

Selbst nach vielen Jahren, und auch nach tausend Seiten und mehr, gibt es kein Gefühl dafür, wann das Inkubieren sich dem Ende zuneigen wird; wann das Belastende, das Verstopfte, mein Gefühl des vom Material überhäuften, einmünden wird in die Lösung. In meinem Falle war das bisher immer der erste Satz. Ein Einstieg, dann die Luft lange anhalten und dorthin, wo eines das andere ergibt. Das ist eine geliehene Vorstellung, das ist mir schon klar, sie stammt aus einem Film, bei dem jemand durch ein Loch unter die Eisdecke eines Sees bricht und zurückwill an die Luft und ans Licht. Und aus Race for Your Life, Charlie Brown (die Szene mit dem Wasserbett).

27.5.

Komisch, dass ich den Geflügelzüchter von Schnellroda automatisch für einen brutalen Typ hielt. Dementsprechend hatten wir uns mit gedämpften Stimmen an seinen Hof herangeschlichen, um die neben seinem Eingangstor angezweckte Liste der zum Verkauf angebotenen Arten von Enten und Hühnern abzufotografieren. Da hielt hinter uns ein silberner Geländewagen und das war der Bauer selbst, der dann ausstieg und uns freundlich »Guten Abend« sagte (es war ja schon weit nach 18 Uhr und im Gasthof, dem einzigen des Dorfes, saßen die Männer und säbelten in Spiegeleier mit Pommes frites). Ein untersetzter Mann mit breitem Lächeln, der mir gerne noch die paar Enten verkaufen wollte, nach denen ich ihn gefragt hatte, um unser Herumlungern und Plakatabfotografieren zu rechtfertigen. Fand er auch nur ein bisschen kurios, wie es schien, dass wir um diese Zeit noch nach lebenden Entenküken fragten.

»Ich glaube, die kosten drei Euro das Stück«, sagte er. Ganz hinten, am Ende des weiten Innenhofs in einer Nische saß seine Familie um einen Tisch, und er rief nach seiner Tochter, die für den Stall mit den Küken verantwortlich war. Das Mädchen kam, brachte den Schlüssel, sie begrüßte uns knapp und sperrte auf, blieb aber gleich bei der Tür stehen, während wir von einem Gehege zum anderen gingen, wo unter Wärmelampen hunderte fluffiger Küken umherwuselten. Die gedrungenen Sachsenenten, Wildenten, kleine Hühner ganz hinten, aber uns gefiel vor allen anderen die sogenannte Laufente, die ich bislang nur aus einem Buch von Wolf Erlbruch kannte – Ente, Tod und Tulpe –, und die ich, ohne jemals nachzuschlagen, für eine zeichnerische Erfindung Erlbruchs gehalten hatte. Die sind langgezogen und sehen schon im Kükenalter aus wie Flaschen für Riesling auf zwei Watschelbeine montiert. Ich würde ein Paar dieser Enten, so stellte ich es mir vor, in die Steggemeinschaft aus Blässhuhn, Schwan und Wildente eingemeinden, und könnte ihnen dann jeden Morgen und noch einmal am Nachmittag beim Aufwachsen zuschauen: »Ginge das«, fragte ich den Geflügelzüchter, »dass wir die jetzt in einen Karton mit Luftlöchern in den Kofferaum bei uns stellen und dann über Nacht drin lassen, weil wir haben hier noch ein paar Stunden was zu tun, fahren aber heute Nacht noch zurück nach Berlin – so um Mitternacht könnten wir sie dann freilassen. So eine Lampe haben wir aber dort nicht.«

Die Tochter schüttelte den Kopf. Eine Geste, die er sich mit einem Blick von ihr abholte. »Nein, das geht nicht«, sagte der Geflügelzüchter, ein unerwartet sanftmütiger Mann. »Das würden sie nicht überleben.« Aber er gibt uns eins von den Plakaten mit, das wir vorhin noch abzufotografieren versucht hatten. Unter den Laufenten steht »Gute Schneckenvernichter«. Ich kann es mir bildlich vorstellen, jetzt, wo ich sie in natura erlebt habe.

26.5.

Auf dem Grunde des jeweiligen Gefäßes angelangt, produziert die Saugpumpe freilich hässliche Geräusche. Erinnerungen an Muriel’s Wedding drängen sich da quasi automatisch auf; dort aus der Szene, in der Muriel, gespielt von Toni Colette, im Kreise ihrer vermeintlichen Freundinnen in einer Milchbar an den letzten Resten ihres Milchmischgetränkes schlürft; selbstvergessen, es wurde inzwischen still, woraufhin eine der Frauen aus der Runde alle außer Muriel angesichts der Geräusche aus Muriels Strohhalm beschwichtigt: »Lasst sie doch erst einmal in Ruhe ihren Orgasmus austrinken.«

Der Satz danach, und der Blick, gehört in die Filmgeschichte (meiner Meinung nach).

25.5.

Als eine meine Abiturprüfung vorbereitende Maßnahme sollte ich in den späten achtziger Jahren einen Erörterungsaufsatz schreiben hinsichtlich einer dabei vorgegebenen These »Wer die Sprache beherrscht, beherrscht seine Mitmenschen«. Ich verstand die Frage nicht, arbeitete mich anhand der beigebrachten Werkzeuge von Pro und Contra zu einer Conclusio durch, deren Inhalt mir höchstwahrscheinlich zu Recht nicht in Erinnerung geblieben ist.

1993 wurde im Spiegel der legendäre »Anschwellende Bocksgesang« von Botho Strauß veröffentlicht. Ich nahm die Reaktionen darauf so wahr, dass es sich bei diesem Autor, den ich bis dato nicht kannte, um einen Punk handeln musste; las infolgedessen alles, was er je geschrieben hatte und fortan noch schrieb, und fand seine Sprache zwar nicht beherrschend, aber in höchstem Maße alkoholisch. Apropos Tyrannenmord:

»Das jetzt vernehmbare Rumoren, die negative Sensibilität der feindlichen Reaktionen, die sofort Tollheiten des Hasses werden, sind seismische Vorzeichen, Antizipationen einer größeren Bedrängnis, die sich durch jene ankündigt, die sie am ärgsten spüren werden. Das ›Deutsche‹, das sie meinen, ist nur ein Codewort, darin verschlüsselt: die weltgeschichtliche Turbulenz, der sphärische Druck von Machtlosigkeit, die parricide, die anti-parricide* Aufwallung in der zweiten Generation, Tabuverletzung und Emanzipation in später Abfolge und unter umgekehrtem Vorzeichen, die Verunsicherung und Verschlechterung der näheren Lebensumstände, die Heraufkunft der ›teuren Zeit‹ im Sinne des Bibelworts**; es ist der Terror des Vorgefühls.«

* Vatermörder, beziehungsweise dessen Gegenteil (?) (Anm. JB)
** 1. Buch Mose 41, 27 (Anm. JB)

Smoke and Mirrors

Von daher: 14 Uhr 30 Ankunft in Jena von Berlin Hbf. Erik wird mich abholen. Von Erfurt aus sind es noch eineinhalb Stunden über Land bis Steigra in Sachsen, wo im Ortsteil Albersroda das Rittergut Schnellroda zu finden sein soll. Leider, leider hat Erik seinen Defender verkauft und wir werden in seinem modernistischen Shopper dorthin fahren. Der Kleinwagen hängt hinten tief runter, denn im Kofferraum befinden sich die Waffen des Lichts.

24.5.

Mein Bruder war bis ins Erwachsenenalter hinein mit Legasthenie geschlagen. Deshalb sollte ich ihm, da war er so sechs oder acht Jahre alt, helfen, die Poesiealben auszufüllen. Denn trotz seiner Rechtschreibschwäche war er bei seinen Klassenkameradinnen sehr beliebt und brachte in dieser Zeit mehrmals im Monat einen kleinen Stapel dieser mit Liebe gefüllten Büchlein nach Hause (wofür ich ihn extrem beneidete).

Um die Einträge in seinem Sinne verfassen zu können, machte ich mit ihm kleine Interviews, während er, der Grundschüler dabei oft noch heimlich mit Legosteinen an seinen unzerstörbaren Fahrzeugen feilte, denn wir hatten da so ein Spiel seit Jahren, bei dem man möglichst blockhafte Vehikel aus bombenfest ineinander gefügten Legomauern mit Rädern unten dran ineinanderknallen ließ, und wer die wenigsten abgefallenen Steine zu beklagen hatte, wurde zum Gewinner bestimmt.

»Was ist dein Berufswunsch«, fragte ich bei einer solchen Gelegenheit, denn es hatten sich in der Poesiealbenszene mittlerweile die standardisierten Fragebogenseiten etabliert.

Und er, gerade dabei eine vorschnell montierte Parabolschale mit aufgesetzter Laserlafette mithilfe seiner Vorderzähne vom Dach seines rasenden Quaders abzwickend: »Rentner.«

Lieblingsessen: »Schnitzel mit P. frites«.

23.5.

Menschen am Sonntag (Ein Film ohne Schauspieler), gedreht im Sommer 1929 am Wannsee und um den Bahnhof Zoo herum. Im Original aus 2014 Metern bestehend, sind nach dem zweiten Weltkrieg noch 1615 Meter erhalten. Mithilfe von Kopien aus belgischen und holländischen Beständen wird eine restaurierte Fassung hergestellt, die 1839 Meter lang ist — meldet der Vorspann auf Youtube. Ich finde es kurios, dass es in der Filmwissenschaft anscheinend stark auch um die physische Länge eines Filmes geht. Zeitliche Länge, gefühlte von mir aus auch, das könnte ich eher als filmrelevantes Kriterium nachvollziehen.

Die dunkelhaarige Frau, um die es geht, ist vermutlich bereits tot. Jedenfalls sah sie 1929 moderner aus als die meisten Frauen heute. Nicht nur von ihrer schönen Frisur her, auch von ihrem Gesichtsausdruck, von ihrer Mimik her extrem cool. Die Frisuren der mitspielenden Männer hingegen harren noch ihres Revivals. Die Männerfrisurenmode pausiert ja derzeit in den vierziger Jahren, bewegt sich wahrscheinlich weiterhin beständig auf den Ursprung des zwanzigsten Jahrhunderts zu. Next stop werden also diese niedlichen Glanzköpfe sein. Gestern, während ich den Film auf einem Schattenplatz vor dem Café hier schaute, betrat dort ein Paar in neuesten Motorradanzügen und Stiefeln die Szene: ganz in Schwarz, mit asymetrischen Verschlussführungen, roten Kevlarpads im Nackenbereich, Helme von HR Giger. Dann kamen australische Radelfreaks in diesen Hotpants aus schwarzem Spandex und diesen pumpsartigen Schuhen, in denen man kaum gehen, nur so transenhaft stakseln kann, weil die an der Spitze so einen Verschluss anmontiert haben, mit dem man sich in die Pedale des Fahrrades einklinkt. Ich drückte kurz Pause und fragte einen der Herumstaksenden: »Sorry, but what happens in the unlikely event of an accident and you’d fall off your bike

»You don’t fall off your bike anymore«, sagte er. Er war in etwa siebzig Jahre alt. »You’ll just hurt yourself really bad

In Menschen am Sonntag (Ein Film ohne Schauspieler) sind leider kaum Geräte zu sehen (wahrscheinlich gab’s damals einfach noch kaum welche. In der Gartenlaube sind ja damals hauptsächlich Annoncen für Radfahrerpistolen und für diese Regale zu sehen, auf denen man seinen kleinen Brockhaus oder Meyers präsentieren konnte), dafür aber eine Art Wasserdraisine, auf dem die beiden Paare einen Ausflug über den Wannsee machen. Man sieht hier und da ein Haus und sogar das Strandbad in einer früheren Form, alles gibt es immer noch und es sieht auch noch immer so ähnlich aus (sogar das Gebüsch und der Sand), aber die Gegend um den Bahnhof Zoologischer Garten herum hat sich doch stark verändert. Die Ansagestimme in der S-Bahn klingt dann immer besonders stark verschnupft und ich höre jedesmal »Urologischer Garten« (und finde es auch jedes Mal wieder lustig; seit schon sehr vielen Jahren, es nützt sich nicht ab).

Menschen am Sonntag ist ja glücklicherweise ein Stummfilm, denn insbesondere diesen mitspielenden Menschen mit der Glanzkopffrisur und dem Genießergesicht möchte ich auf gar keinen Fall etwas sagen hören müssen. Handlung ist auch eher undurchschaubar. Es geht um eine Landpartie und die Fahrt mit der Wasserdraisine und dann treibt die blonde Frau, vielleicht ist aber auch die andere schuld, ein Spiel um die Gunst der Männer. Trotzdem ein schöner Film. Gerade wenn man den Ton, die Bilder sind mit 3,1 Megabyte Musik unterlegt, ganz ausstellt.

Dazu passt Vaporwave.

22.5.

Mit »My tongue will tell the anger of my heart, or else my heart, concealing it, will break«  zitierte Arca gestern nachmittag William Shakespeare auf Twitter, genau um 14 Uhr 07 (7 Retweets, 28 Likes). Leider war ich wie blind für die seltsame Symmetrie dieser Zahlen, für deren Schönheit; selbst die Anmut des Tweets, einer Kombination aus 86 Zeichen und einer Abbildung kam nur halb und wie verwaschen zu mir durch. Wut macht blind, mich zumindest, und um 14 Uhr 07 war ich extrem wütend, extrem blind, im Ergebnis stumm, dabei war da schon alles seit einer Stunde vorbei. Angeblich. Und trotzdem.

Beim Nachhausekommen hatte ich im Briefkasten einen eigenartigen Umschlag der DHL gefunden. Darin eine Benachrichtigungskarte: Angeblich hatte man mir vor zwei Tagen schon versucht, ein Paket zuzustellen – warum erhielt ich diese Benachrichtigung denn erst jetzt? Ich musste auf dem Fahrrad hin, denn am Samstag würde diese Filiale bereits um 13 Uhr schließen. Ich fuhr ziemlich schnell.

Als ich um zehn vor eins die Filiale betrat, verdrehte der Schalterbeamte, den ich besonders verabscheue, seine Augen und beschwerte sich für seine wartenden Kunden deutlich hörbar, dass »kurz vor Schluss« noch solch ein Stress entstünde. Im Anschluss daran verabschiedete er sich, noch etwas vernehmlicher: »aufs Klo«. Er ist ein armes Würstchen, bei anderer Gelegenheit hatte er mir ein, zwei Male schon beinahe Leid getan, weil er durch seine ständiges Besoffensein auch tatsächlich Mühe hat, zum Beispiel Briefmarken zu verkaufen. Einmal hatte er mir den hinter seinem Tresen aufbewahrten Tesafilm verwehrt, mit der Begründung, er sei nicht verpflichtet, den Kunden mit Klebestreifen auszuhelfen. Daraufhin kaufte ich ihm eine Rolle Klebeband zu einem überzogenen Preis ab, woraufhin er mich beim Kassieren derart listig anschaute, dass er schielte. Generell meide ich den Besuch in meiner Postfiliale, wo es nur geht und fahre zum Einliefern meiner Sendungen nach Schöneberg, weil auf dem Postamt dort ein paar umgängliche Schalterbeamte arbeiten. Nun aber ging es nicht anders, denn angeblich lagerte ja meine Sendung dort.

»Oh je«, rief die Kollegin des Toilettengängers, als ich den eigenartigen Umschlag aus meiner Tasche zog: »Da können sie gleich wieder nach Hause, denn von diesem Tag haben wir keine einzige Sendung hier.«

»Warum?«

»Tja, woher soll ich das wissen«, sagte die Postangestellte. »Uns sagt man ja nichts«. Und dann fing dieser traurige Monolog an von denen da oben und ihnen da unten, ich will so etwas nicht hören, dafür gibt’s in Konzernen einen Betriebsrat. Sie lachte künstlich: »Betriebsrat, wenn ich das schon höre –«

»Okay, wo ist mein Paket.«

Der Kollege noch immer Backstage, sie schaute auf die Uhr und schob mir einen Vordruck der Beschwerdeabteilung in Bonn über den Tresen. Ich erklärte ihr freundlich, dass ich dort auf gar keinen Fall anrufen würde, ich kenne die Warteschleife, und fragte sie stattdessen noch einmal eindringlich, was mit meiner Sendung passiert sein könnte. Sie gab zwar zu, dass sämtliche Sendungen an diesem Tag verschwunden seien, andererseits dürfte sie mir aber nicht verraten, warum oder wohin.

Ich würde mich als geduldigen, manchmal vielleicht sogar zu geduldigen Menschen bezeichnen. Aber ich habe daraufhin total und absichtlich die Kontrolle verloren. Die Beamtin schlug beschwichtigend vor, dass man den Zusteller aufhängen sollte. Als ich eventuell auch etwas zu laut betonte, dass ich dieses Paket extrem dringend haben wollte, sagte sie: »Wenn es etwas so wichtiges war, warum schicken sie es sich dann nicht per Mail?«

That kind of did it for me. Man drohte mir damit, die Polizei zu holen. Ich bat förmlich darum und sagte: »Sehr gern«. Der Kollege vom Klo bedrängte mich mit der Jalousienkurbel und schubste mich damit bis vor die Glastür. Dann schloss er sich mit den noch im Postamt verbliebenen Kunden ein.

Ich zitterte von dem vielen Adrenalin und wählte die Nummer der Beschwerdestelle. Man wusste aber auch dort, in Bonn nicht, was los war. Ich hätte mit der eigentlich freundlichen Frauenstimme gerne über diese Szene in der Baz-Luhrmann-Verfilmung gesprochen, in der der Fedex-Bote zur falschen Zeit nach Mantua kommt, und der Kleber an Romeos Wohnmobiltüre fällt ab und verschwindet im Staub, woraufhin ja bekanntlich Punktpunktpunkt. Und ich hätte dann, wenn es gut gelaufen wäre, unser Beschwerdegespräch, auch noch weiter aus Katherines Monolog vorgetragen: »Your betters have endured me, say my mind and if you cannot best you stop your ears«. Aber sie verhielt sich wie ein Automat, diese Person am anderen Ende der sogenannten Leitung. Wann immer ich etwas nicht Datenhaftes hineinsprach, blieb sie einfach still. Sie versprach mir wohl, eine E-Mail zu schicken (die freilich nie eingetroffen ist). Zu meiner Wut sagte sie nichts. Als ich ihr zu erklären versuchte, dass es sich bei dieser Sendung um etwas von ausgesprochener Wichtigkeit handelte, sagte sie noch nicht einmal: »Tut uns leid«. Zu den von mir beschriebenen Zuständen in der Filiale kam kein Kommentar.

Scheiß Apfelbäumchen.

21.5.

Gestern Abend: Sommerfest auf der Terrassse des Schinkel Pavillons, gleichzeitig zehnjähriges Jubiläum seiner Wiederentdeckung und -eröffnung als Ausstellungsräumlichkeit. Vor zehn Jahren schaute man von der Terrasse aus in den nächtlichen Garten hinter dem Kronprinzenpalais, rechts hinter der Statue kam in der Dunkelheit lange nichts, dann erst der Fernsehturm; auf der Rückseite kam auch lange nichts, später dann stand da das Außenministerium in seiner Kastigkeit.

Gestern, das fiel mir sogar im Dunkeln auf, stand man auf dieser Terrasse da, wie bald schon eingemauert. Hinten ein Spanplatteninferno aus billigsten Eigentumswohnungen, die schöne Ziegelkirche war nicht mehr zu sehen, das Außenministerium: ebenso weg. Vor dem Fernsehturm erst das Stadtschloss, davor aber auch noch irgendein Schwimmbad plus Wohnungen, auf der anderen Seite, da hatte es immer etwas belanglos Historisches neben der Oper gegeben, ist ein Containerdorf aufgestellt, vielleicht bleibt das auch so. Der einzige Freiraum für die Augen, der noch übrig geblieben ist, besteht in dem Garten des Kronprinzenpalais. In New York gibt es doch irgendwo diese Kirche, und um die herum stehen lauter Hochhäuser. Das fand man immer kurios, wenn es auf Postkarten gedruckt zu sehen war. Kurios fand ich auch, dass der DJ einmal den Bolero von Maurice Ravel auflegte, um darüber »Schinkel, Schinkel« ins Mikrofon zu rufen. Immer wieder »Schinkel, Schinkel«. Aus den Gebüschen des Kronprinzenpalaisgartens kam rosa Scheinwerferlicht.

Vor allem aber, das hatte ich ganz vergessen, gibt es im Pavillon noch immer nur eine einzige Toilettenkabine für alle. Da es bald an die fünfhundert Menschen waren – na ja: auf jeden Fall betätigte so ziemlich jeder aus der Warteschlange irgendwann diese Türklinke, die neben der ständig blockierten lockte. Hinter dieser Tür aber gab es einen Staubsauger zu sehen, ein paar Kabel, Glühbirnen, Schwämme und solches Zeug. »Toilette für Roboter«, versuchte ich einem enttäuschten Warteschlangengast zu erklären. Als Aufmunterung gedacht. »Wenn es nach mir ginge«, sagte Oliver, »aber es geht ja nicht um mich.«

Ansonsten: allen geht es gut. Jeder macht bald etwas Tolles. Insgesamt also viele Gründe, sich füreinander zu freuen.

20.5.

Im heftigen Wellengang der vergangenen Tage ist das Nest der Blässhühner zerstoben. Gestern waren beide Tiere bereits mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Das Fundament bildet diesmal eine transparente rote Plastiktüte, die eine Luftblase eingeschlossen hält. Um die herum wurden bereits einige Zweige und abgezwickte Stengel von Seerosen angeschoben. Zur Materialbeschaffung müssen die Blässhühner auch den geschütztem Bereich unter dem Steg verlassen, umherschweifen, um an weiter entfernt gelegenen Abschnitten des Ufers nach Zweigen und ähnlichem zu suchen. Von daher kommt es nun mehrmals täglich zu heftigen Streitereien mit einem anderen Paar, das ein paar Meter weiter vor einem dort vertäuten Motorboot sein Revier begründet hat. Die Blässhühner sind ja an sich zierlich, allerdings haben sie diese grotesk riesigen Füße. Die Füße der Blässhühner sind etwa doppelt so groß wie deren Kopf und Hals zusammengenommen. Diese Proportion sähe, auf Menschen übertragen, ziemlich schlimm aus. Bei den Blässhühnern geht es aber noch. Ihrer großen Füße wegen kommen die Blässhühner bei Bedarf verblüffend schnell vorwärts, sie legen sich dann tief ins Wasser, weshalb sie auch Duckenten genannt werden, und hinten arbeiten die Riesenfüße mit enormer Antriebskraft. Auch während der Kampfhandlungen zwischen rivalisierenden Duckenten leisten die Riesenfüße, die überdies weiß sind, der Rest des Vogels ist ja bis auf seinen Tipp-Ex-Strich über Schabel und Stirn schwarz, gute Dienste: Während die Tiere einander bedrohlich hupend umkreisen, packen sie sich unter dem Wasserspiegel an den Füßen und versuchen sich, dabei auch noch aufeinander einpickend, gegenseitig unter Wasser zu ziehen. Diese Kämpfe dauern aber immer nur wenige Sekunden, fast wirkt es so, als befolgten sie dabei ein Regelwerk wie beim Ringen oder Boxen, wo sich die Kontrahenten zu einem Schlagabtausch verbinden, um dann in ihren Ecken Kräfte zu sammeln, bis erneut ein Gong ertönt.

Beim Nestbau hingegen wird allein mithilfe des Schnabels gearbeitet. Das ist eine erstaunliche Leistung, wie allein durch schieben, ziehen und drücken und dagegenpicken ein Flechtwerk entsteht, das bald auch mittlerem Seegang standhalten kann. Nur einem mehrtägigen Unwetter eben leider nicht. Noch meisterlicher geht ja angeblich der vor zwei Jahren entdeckte, weiß gefleckte Kugelfisch Torquigener albomaculosus vor. Ich habe es selbst noch nicht gesehen, aber es gibt einen Film im Internet. Der Fisch ist in unaufgeblasenem Zustand gerade so groß wie meine Hand und das Männchen baut zum Zwecke der Paarung einen Sandtempel von drei Metern Durchmesser. Und zwar in makelloser Kreisform mit konzentrischer Ornamentik. Das ganze reliefartig, es sieht aus wie ein Mandala aus dem Erwachsenenmalbuch – wenn man es sich von weit oben her anschaut; was das Kugelfischmännchen freilich nicht kann, denn es baut dieses Sandrelief bevorzugt im Strömungsbereich einer Insel vor der Küste Japans, das bedeutet, es baut sieben Tage lang Tag und Nacht durch, damit die von der Strömung verursachten Schäden sozusagen rollierend ausgebessert werden können. So als ob das noch nicht beeindruckend genug wäre, betört das Kugelfischmännchen sein Weibchen auch noch damit, dass es diese Riesenunterwasserskulptur einzig mithilfe seiner Schwanzflosse errichtet hat. Wedelnderweise. Da das Männchen an sich wie gesagt nicht eben groß ist, kann die Schwanzflosse nicht viel größer sein als mein Daumennagel – und damit 22 Quadratmeter Sand unter Wasser zu einem Mandala formen? Ein Unterwasserlaubenvogel. Wer hätte das gedacht.

In Cusco, auf halbem Weg in die Anden von Peru, gibt es eine Kieselsteinwüste, in deren Mitte steht ein Turm. Wer da hinaufsteigt, kann aus vier, fünf Meter Höhe ein seltsames Muster erkennen, das dann aus den verschiedenfarbenen Kieselsteinen dieser Wüste entsteht. Man erkennt langestreckte Figuren, Tiere mit Masken, aber auch so etwas wie Richtungspfeile und Verkehrsschilder entlang zweier Linien, die kilometerlang durch diese Steinwüste führen wie die Randstreifen einer Autobahn. Angeblich ist dieses aus Steinen gelegte Bild ja bereits mehrere tausend Jahre alt. Sie nennen es »Runway of the Gods«.

Für Friederike

19.5.

Auf einem nachmittäglichen Waldspaziergang sammelte ich die jungen Blätter von Buchen, Himbeeren, Brombeeren und ähnlich rundblättrigen Gewächsen. Die Blätter müssen noch transparent sein und so klein wie ein Daumennagel ungefähr. Das hatte ich in einem Fernsehbericht über die älteste Künstlerkolonie Deutschlands gesehen, einem Fachwerkdorf in Hessen. Die töpferten dort ganz hübsche Teller und Tassen. Namensschilder auch. Vor allem aber drehte sich der Beitrag um deren traditionelle Küche, und das interessiert mich ja, so etwas sehe ich mir sehr gerne an. Jedes Gericht enthielt ein Pfund fetten Speck, ein Pfund Zwiebeln, ein Pfund Schmand. Die Erzählerstimme immer ganz beschwichtigend zu den Bildern hackender, rührender, Schmand verstreichender Hände: »Die Bewohner dieser Region haben immer schwer gearbeitet, da war abends kräftige Kost gefragt«. Dann wurde ein grüner Salat angekündigt (ein Pfund Schmand mit gehackten Zwiebeln, Essig, Öl, Zucker und Salz vermischen, emulgieren. Zwei, drei Kopfsalatherzen in Stücke brechen und unter die Salatsauce heben). »In der Schwalm ist natürlich selbst der Salat kein Schlankmacher«, während die Kamera längst bei der Großmutter war, die mit geübten Stößen sechs Laibe Brot in den Keramikofen einschoss (weil der wohl heißer bäckt und die Brote somit extraknusprig).

Ich schaute das und stellte dabei fest, dass in mir bereits der Wunsch entstanden war, diese Ortschaft zu besuchen, mich dort im windschiefen Malerhäuschen einzumieten und den ganzen Tag mit diesen Keramikkünstlern unter den Aprikosenbäumen zu essen. Kann gut sein, dass ich das mit einer anderen Folge verwechsle, in der es zu den Aprikosenbauern Österreichs geht, wo dem Aprikosenbauern seine Frau gerade erst frisch gestorben ist bei einem Verkehrsunfall und er dann abends auf dem Ansitz über das Leben nachdenkt, bevor er das Wildschwein, das in den Aprikosenplantagen dieser Region zu jener Zeit des Nachts so schlimm wütet, nicht erschießt. Hat mir auch gut gefallen. Oder die Folge im Norden Albaniens The Accursed Mountains, wo sie schon vor Sonnenaufgang morgens den Schafen die Milch abnehmen, um dann mit einem Extrakt aus dem Mageninhalt junger Lämmer und der Milch ihrer Mütter einen Käse zu pressen, der – und dabei weist die Kamera aus dem unverglasten Fenster hinaus auf eine herrlich bunt bestandene Wiese »Der Blutracheturm wurde gerade erst renoviert«.

Muss man aufpassen, bei Reisen nach Albanien. Obwohl die Szene mit den Forellen dann eine klare, eine ganz andere Sprache bemüht. Mir ging aber trotz aller Appetitlichkeit dabei die Story mit Enver Hoxha und dem Augenkorb nicht aus dem Hinterkopf. Albanien also lieber noch nicht, aber diesen Sommer zumindest einmal in die herrliche Schwalm. Zum Hoffest kommen angeblich mehr als zweitausend Menschen pro Tag, um vom selbstgebackenen Brot zu kosten, Keramiktiere zu bemalen (Yes!!!), auch Hasen darunter, sowie Ausritte zu unternehmen – Landschaft wirklich sagenhaft geil, soweit ich es erkennen konnte am Bildschirm, vermutlich also noch besser live, denn es war ja auf Arte. Ach ja, und der Kniff bei der Salatsauce ging so, dass in einer separaten Pfanne (beschichtet) sogenanntes Duckefett hergestellt wurde aus einem Pfund fetten Speck in Würfeln, einem Pfund Zwiebeln dito, Kümmel, Pfeffer, etwas Butter, sowie reichlich Schmand. Darin würden Pellkartoffeln einge»duckt«, also gedippt, von daher der Name der Tunke, die noch warm serviert werden sollte. Dies aber nicht, ohne zuvor einige Kellen voll auf den zubereiteten Kopfsalat verteilt zu haben, »das verleiht dieser Beilage erst ihre typische Würze«.

Jan war neulich völlig genervt vom Überhandnehmen des Hassbegriffs herzhaft. Überall gibt’s Herzhaftes. Mich stört das zwar jetzt nicht so extrem, aber klar. Das dahinter sichtbar werdende Denken, also wenn man das kreidegeschriebene Wort so ein wenig zur Seite zupft: Was dort dann herumliegt ist schon Punktpunktpunkt

Ich nehme halt gern rezent, aber das kann sich nicht jeder erlauben, weil das dann aufgesetzt und gaumig wirkt, wenn alle anderen sich auf herzhaft eingeschwenkt haben. Die jungen Blätter jedenfalls gut waschen (und auch immer erst ab Hüfthöhe gewachsene sammeln, wegen Fuchsbandwurm, da bringt nämlich auch waschen nichts!), dann in der Salatschleuder schleudern, in feine Streifen schneiden. Währenddessen ein dicke Scheibe Brot* von beiden Seiten buttern, in einer Pfanne knusprig braten, währenddessen eine Knoblauchzehen fein hacken, unter die Laubstreifen mischen, kräftig mit Flakes salzen, dann aufs heiße Brot legen. Dazu passt alles. Zum Beispiel kalte Milch.

* Muss kein selbstgebackenes, kann ruhig Supermarkt sein.

18.5.

Am Nachmittag dann noch einmal dieses selbst erfundene Spiel ausprobiert, das mir meine Mutter früher immer ans Bett gebracht hatte, wenn ich krank war. Ich hatte es als total unterhaltsam und vor allem auch spannend in Erinnerung behalten. Auch um diese Erinnerung möglichst unbeschädigt behalten zu dürfen, hatte ich das Spiel seit meinen Kinderkrankheitstagen nicht mehr gespielt. Gestern aber füllte ich dann, ohne dabei hinzusehen, eine Schüssel mit einigen wahllos aus meiner sogenannten Technikschublade herausgegriffenen Gegenständen, deckte dann, auch hier wieder ohne hinzusehen, diese mit den Gegenständen gefüllte Schüssel mit einem Geschirrtuch ab und brachte sie an mein Bett. Mit dem nicht Hinsehen während der Vorbereitungsschritte 1 bis 3 simulierte ich meine abwesende Mutter, die einst diese gefüllte Schüssel insgeheim vorbereitet und abgedeckt an mein Bett gebracht hatte. Das Spiel an sich aber, so stellte ich es gestern nicht gerade verblüfft, aber doch mit Freude fest, lässt sich auch hervorragend ohne die anwesende Mutter, beziehungsweise allein spielen: Im Bett liegend, schiebt man aus leicht aufgerichteter Position seine Greifhand unter das die Schüsselmündung bedeckende Tuch und fasst mit tastenden Fingerspitzen nach dem erstbesten Gegenstand. Nun gilt es, allein durch hin- und herbewegen dieses Gegenstandes unter dem Tuch, durch ein Wandernlassen des Gegenstandes durch die Fingerspitzen, durch ein Abwägen und -wiegen herauszufinden, um welchen Gegenstand es sich handelt. Raten ist erlaubt, allerdings führt das Aussprechen einer Vermutung in der Solovariante unweigerlich auch gleich zur Auflösung, da ja die Mutter fehlt, die in der Standardversion mit heiß und kalt, ja und nein etc. den Ratevorgang spannender gestalten könnte. Wichtig ist auch, bei der Vorbereitung: dass man die Schüssel nicht allzu hoch mit Gegenständen befüllt, weil sonst der Ratehand zu wenig Spielraum unter der Geschirtuchdecke zur Verfügung steht. Das Spiel hatte keinen Namen.

17.5.

Softer Malaria-Flashback über Pfingsten, der angenehm mit meiner nicht vorhandenen Frühjahrsmüdigkeit korreliert: Weiterhin früh erwachen, aber viel länger brauchen als üblich, um irgendwas hinzukriegen. Also beispielsweise einen Arm zu heben. Die Hand zu öffnen. Die Augenlider wieder zuzuklappen. Das Schlaf-und-Dämmerphasen-zu-Wachzeit-Verhältnis hat sich umgekehrt, mir bleiben also nur noch sechs Stunden, um irgendwas zu tun – Mahlzeiten eingerechnet. Also knapp dreieinhalb für Produktives, denn essen muss ich ebenfalls extrem ausführlich und auch viel. Dadurch entsteht wahrscheinlich zusätzlicher Ruhebedarf. Wenn das so weitergeht – wäre ja schön. Eigentlich.

»wo, die meine hand hält, gefährtin,
verweilst du, durch welche gewölbe
geht, wenn in den türmen die glocken
träumen, daß sie zerbrochen sind,
dein herz?«

16.5.

Den gesamten Tag im Bett verbracht und den Roman vom Miranda July zu Ende gelesen. Der lag hier jetzt wochenlang herum, in der Wohnung zuvor auch schon, wenn ich mich richtig erinnere. Beim ersten Versuch war ich bloß bis zur Seite 70 gekommen. Im zweiten Anlauf wird es ab Seite 80 richtig gut, überraschend, und ich frage mich, ob sie den Mann im Jasmin von Unica Zürn gelesen haben könnte.

Dem deutschen Lektor scheint es wiederum genau andersherum gegangen zu sein, denn ab Seite 80 häufen sich die unkorrigierten Tippfehler und noch ein paar Seiten später bleiben auch verstärkt die Redundanzen stehen, was teilweise sogar zu ungemeinten Subjekt-Objekt-Beziehungen führt. Ärgerlich in diesem Fall, zumindest würde es mich extrem ärgern, wenn ich Miranda July wäre, denn sie erzählt ja nun ab Seite 80 eine Geschichte teils imaginärer Beziehungen; in einer nähert die Protagonistin sich in ihrer Einbildung als ein Mann aus ihrer persönlichen Vorstellungswelt einer in ihrer persönlichen Umwelt tatsächlich existenten Frau. Wahn und Wirklichkeit mit defekter Sprache beschrieben: problematischer als geplant. Ich sah den Lektor förmlich vor mir, wie er, genervt von seinem Desinteresse, vielleicht auch von seinem Gefühl des sich Ausgeschlossenfühlens, durch die Datei des teuer eingekauften Erfolgstitels aus den USA scrollt, bis endlich wieder eine Passage käme, die er verstehen würde. Ab Seite 180 etwa war es so weit. Da findet die Protagonistin zu einer Katharsis und es folgen Beschreibungen von Schwangerschaft und Geburt und Säuglingspflege und einem Zusammenleben unter Frauen, das aus einem Zusammenwohnen sich entwickelt hat. Frei von Wahn und Imagination. In bester Tradition der Literatur junger Frauen, die Unica Zürn noch nicht gelesen haben. Das Büroschläfchen scheint beendet. Bis zum Ende des Textes auf Seite 332 (erste Auflage) läuft es jetzt wieder fehlerfrei. Leider fand ich das Buch ab Seite 180 rasch zunehmend öde. Aber von 80 bis 180 eben: extrem gut! Einmal beschreibt sie die veränderte Stimme einer Gesprächspartnerin »wie eine Maus auf einem Pferd«.

Vor dem Einschlafen sah ich an der Decke ein graues Quadrat, darin die Schatten der Zweige vor dem Fenster. Zwei Hummer gingen mit gereckten Scheren gegeneinander vor. Sturmgeräusche, viel geträumt.

15.5.

Eigenartig, dass mir die Amselgeräusche auch nach x Tagen noch immer nicht auf die Nerven gehen. Sondern mich bei jedem Sonnenaufgang nur freuen. Woran das liegen mag? Wenn jetzt, beispielsweise, aus den Baumwipfeln jeden Morgen James Blake sänge oder Joyce Clareana.

Água Terra Fogo e Ar

Auch bei Regen, selbst bei Wind – Horror. Sogar Instrumentales, also wenn die Amsel Klavier spielen könnte. Oder Flöte (so wie Spongebob auf seiner eigenen Nase). Folter mit Vogelstimmen: unmöglich. Also bis auf Tauben natürlich: Folter mit V.

14.5.

Die neue Ausgabe der Fragmente einer Sprache der Liebe enthält nun auch jene zwanzig Einträge, die Roland Barthes bei Erstellung seiner ersten Fassung gestrichen hatte. Wie sein Herausgeber Claude Coste erklärt, wurden diese zwanzig Einträge zwar noch abgetippt und redigiert, dann aber in eine Mappe aussortiert, die mit »Abfall 1. Fassung« gekennzeichnet wurde. Es war Roland Barthes wohl wichtig, dass sein Buch eine gerade Anzahl von Einträgen enthalten würde (ursprünglich 80, jetzt sind es hundert), weil seiner Ansicht nach nur die gerade Zahl ungenau wirkt.

Mich interessiert, weshalb damals ausgerechnet diese zwanzig Einträge aussortiert wurden. Es gibt keinen ersichtlichen Grund dafür. Sehr schön beispielsweise der Eintrag zu Erschöpfung (»Müdigkeit, die beim liebenden Subjekt durch den ständigen Gedanken seiner Liebe entsteht.«) Er schreibt: »Die Unruhe des Liebenden bringt eine Verausgabung mit sich, die dem Organismus ebenso heftig zusetzt wie körperliche Arbeit. ›Ich habe so sehr gelitten‹, sagt jemand, ›ich habe den ganzen Tag so heftig mit dem Bild des geliebten Wesens gerungen, dass ich abends sehr gut schlief.‹« Den Erschöpfungszustand beschreibt er in einem weiteren Eintrag als ein »marinieren in sich selbst«; als »eine Art von schwarzem Zen«. Und gibt, in einer Nachbemerkung zu seiner Methodik zu, zwar gerne Orangen zu essen, aber sich dazu beinahe immer zu faul zu finden. Das Schälen und Zerteilen der Orangen macht ihm klebrige Finger, von daher bestelle er sich die Orangen in Marrokko oder Spanien in Restaurants, weil ihm die dort von den Kellnern bereits geschält und mundgerecht in Schnitze geteilt gebracht würden. So also, in dieser Absicht des Kellners, habe er den Diskurs des Liebenden in einhundert Redefiguren zerlegt. Dass sich die Liebenden, seine Leser, die Finger nicht klebrig machen müssen.

Interessant sind auch seine Gedanken zur Genderproblematik und Unisex (»gut für die Liebenden, die Friseure und Jeans; aber psychoanalytisch will das nichts heißen: nichts zu machen, der Phallus ist nur auf einer Seite.«)

13.5.

»Ich habe zwei Nachrichten für Sie, eine gute und eine schlechte«, sagt der Pilot. »Die gute: Wir landen 15 Minuten früher als geplant in Zürich. Die schlechte: Es hat dort bereits angefangen zu regnen.«

Bainvegni, 60 °F, Distanz zum Reiseziel: 409 Meilen. Unter dem Flügel zeigt sich die Buchstabensiedlung. Ich glaube, das ist die Gropiusstadt. Ich brauche ein Shazam für Luftaufnahmen. Auf jeden Fall sehen diese Gebäude aus der Vogelperspektive betrachtet aus, wie zu Worten arrangiert, und bei zweien entsteht daraus GOD.

Dann Snacks, Musik, Bordmagazin und ein Tangram aus Rapsfeldern. Dann Wolken und in Zürich regnet es wie angekündigt und zwar von früh bis spät, aber das macht nichts, denn ich bin ja zum Arbeiten hier.

In geschlossenen Räumen. Studio Achermann: schönster Arbeitsplatz auf der ganzen Welt. Hier liegt alles bloß rum, es gibt so gut wie überhaupt keine Möbel, aber weil alles, wirklich auch noch der letzte Radiergummi mit Bedacht ausgewählt wurde, sozusagen vor einem Radiergummikuratorium bestehen musste, bevor ihm Einlass gewährt wurde, sieht es halt, sehen die Millionen von Stapeln und Haufen aus Papieren und Magazinen, alten und neuen Büchern, die Bündel von Stiften und Packen von irgendwas Papierhaftem aus wie bereitgestellt, eine ganz eigene Ordnung. Und obwohl ich es ansonsten und sozusagen privat lieber sonnig mag, freut mich in den Räumen des Studios das künstliche Licht.

Eine Ausstellung zum Thema Arbeit, in der zudem andauernd gearbeitet wird. Es gibt, das weiß ich, aber dort war ich selbst noch nie, ganz hinten rechts einen Raum, in dem sehr viele Computer aufgestellt sind und dort sitzen ein paar Spezialisten, die an den Besprechungen nie teilnehmen müssen. Ich glaube, in diesem Raum dort wird die Arbeit verrichtet, die nicht so sehr großen Spaß macht – sogenanntes Reinzeichnen beispielsweise. Retuschen, Setzen von Texten, Lithografie.

Seit Neuestem gibt es nun Becher aus Styropor, jahrzehntelang kriegte man den Kaffee aus Plastikbechern. Yves hat eine kleine Theorie, warum Styropor. Yves ist müde, sagt er. In Bedas Arbeitsraum liegen sechs bis acht Kilo Vierfarbausdrucke auf dem Holzboden zu Stapeln sortiert. Handgeschriebene Kategorien eingesteckt. Die restlichen zehn Kilo sind über sämtliche Wände verteilt. Nur die Fensterscheiben sind frei geblieben, gehören aber zum Bild: Dienerstraße, »Conditorei Happy«, »Comics Rawumms«.

»Hallo Beda, Hallo Markus, Hallo Adi, Hallo Toldo, Mannomann, das sieht ja alles unfassbar großartig aus.«

»Schau dir diesen hübschen Mann an«, sagt Beda, als dieser mir bis dato unbekannte Toldo den Raum verlässt, um zum Zwecke der Untermauerung einer grafischen These ein paar Gramm Ausdrucke anzubringen »Das ist der beste Grafiker, den ich kenne. Der ist so gut wie ich.«

Der Digitale Beda. Smartbeda. Und die Frage, durchaus im Ernst gestellt, nach den Gestaltungsmaximen für das sogenannte Favicon.

Dann, wir finden es selbst auch lustig, spielen wir das lustige Spiel. Das geht so: Du, mein lieber Professor, schreibst jetzt sechs Stunden auf, was dir zu unseren Ausdrucken einfällt. Und dann werden wir dir erklären, dass es alles zu schön, zu kompliziert, vor allem aber auch viel zu lang ist für unser Büchlein. Und dann machst du es so, wie wir es dir beigebracht haben. Und dann hast du wieder etwas gelernt. Dafür bezahlen wir dich. Und zwar erstklassig. Falls du Nüssli brauchst oder Schokolade: bei der Kaffeemaschine.

»Road trippin’ with my favourite allies«

Mein Lieblingsspiel. Weltbestes Regularium. Fällt eine Maus in den Fluss, kann kaum schwimmen, wird immer müder. Sagt die Katze am Ufer: Komm, hier ist meine Pfote. »Ich hab aber Angst«, sagt die Maus und rudert. »I wo«, sagt die Katze, brauchst du nicht »Halt dich an meiner Pfote fest!« »Na gut«, sagt die Maus »Ich machs.« Die Katze hievt sie raus, wischt ihr eine und das Letzte, was die Maus sieht, ist das grinsende Katzengesicht. »Warum hast Du das getan«, denkt die Maus. »Ich bin halt eine Katze«, sagt die Katze.

»Haha, sehr schön war’s, also dann bis morgen um zehn.«

Um 21 Uhr 25 passieren wir Frankfurt und unter mir gab es eine winzige Öffnung in der nachtgrauen Wolkendecke, die ansonsten aus lauter Klößchen bestand. Und hinter der Öffnung glitzerte es verkehrsorange vor tiefschwarzem Grund wie in dieser Stelle in den Marmorklippen, wenn Bruder Otho zu Boden schaut und in dem Augenblick bestehen sämtliche Erdschichten aus gläsernem Material und darin blinkt und fließt das Nervensystem der Menschheitsgeschichte, sichtbar gemacht.

Zu erschöpft für den Bus, ich leiste mir ein Taxi, in dem es nach Zauberbaum duftet. Und mir fällt der Katalog von Phillips De Pury ein, den ich am Mittag durchgeblättert habe und darin war eine Zeichnung von Mel Ramos (Los Nr 160) mit dem Titel Antilope, geschätzt auf 12 – 18.000 Dollar, erstmalig versteigert bei Christie’s in Rom am 18. Oktober 2002 (Los Nr 116), seitdem in Privatbesitz.

Der Fahrer sagt »Sie sehen kaputt aus. Das meine ich aber nicht böse.« Ich sage »Ich weiß.«

Einmal pro Woche diesen Ausflug, kann von mir aus ruhig immer regnen dort, hier: Balkon, Sterne, geiler Wind.

Die Conditio humana aus Sicht eines Hasen beschrieben (mümmel mümmel und studier‘).

Stefan Marx: I WAIT HERE FOR YOU FOREVER AS LONG AS IT TAKES

»We used to play doctor and nurses as kids, we used fizzlers as tablets to make the patient feel better! It caused a few fights… But my kids still play today«.

(Abb. Screenshot aus dem Internet: I Want to Spend the Rest of My Life, Everywhere, with Everyone, One to One, Always, Forever, Now von Damien Hirst. (Glass, compressor, rubber tubing, spray-gun and ping-pong ball). Dimensions variable)).

A revair.

12.5.

Weil der Planet sich dreht, erscheinen abends schöne Farben.

Weil der Planet sich dreht, ziehen Wolken über mir dahin.

Weil der Planet sich dreht, gibt es Gravitation.

Wenn meine Tränen aufwärts fließen, ist die Welt am Ende, hört der Planet aber vermutlich nicht auf, sich zu drehen.

Und der Wind. Und die Zeit.

Angst davor, wie es weitergeht, und

11.5.

In ihrem Standardwerk Tweet like a Pro gibt Jenna Jameson zwar so allerhand Hinweise, aber entweder bin ich halt zu dumm oder eben auch gerade nicht, jedenfalls funktioniert es leider nicht. Was ich für einen Hammertweet halte (zum Beispiel »Ein Haus aus Sülze, flankiert von 2 Gewürzgurken«, oder so ähnlich), kommt bei meinen sogenannten Followern nicht nur mäßig an, sondern: gar nicht. Das macht ja nix, eigentlich will ich dabei, beim Tweeten, bloß sichergehen, dass ich meine Gedanken nicht etwa in ein sogenanntes schwarzes Loch freilasse. Als Protestant ist mir jeglicher Gedanke an Verschwendung halt super unangenehm und in dem Fall ließe ich es lieber.

Na ja, aber wozu kenne ich denn den erfolgreichsten Twitterer aller Zeiten (eTaZ) Justin Andre, der unter @dickebuerste53 (auch das bereits vermutlich ein Fehler, nachtglockenhaft, dass ich mir selbst einen derart einfallslosen Handle habe »nicht einfallen lassen«, denn ich heiße ja hüben wie drüben exakt genau so wie ich selbst) einen neutronenbombenhaften Tweet nach dem anderen aus seinen Ärmeln schüttelt – und dass schon since 2014.

DiBue also, wie allein ich ihn nennen darf, riet mir bei meinem von nicht gerade von Verzweiflung grundierten, aber schon ein bisschen davon angefassten Anruf, es mit einem radikalen Programm der Kundenfreundlichkeit zu probieren. Ergo: Die Follower, die er, DiBue, eine Ära lang als »Follieschnollies« adressierte (ohne dokumentierten Widerspruch), »dort abholen, wo sie sich befinden, mental«. Awwww!!!, klingt das grässlich, meinem Vater *rollen sich die Fußnägel auf*, mir auch übrigens auch schon beinahe, aber trotzdem: »irgendwo«, irgendwie hatte mein junger Schreiberfreund recht.

Was also, so dachte ich nach, könnte die Menschen dort draußen noch interessieren? Birnenbrause? Dazu hatte Sarah Kuttner einen Tweet lanciert, besser gesagt, über deren Verfügbarkeit (also Birnenbrause), der geliked wurde, bis der Arzt, der doch nie kommt, kam. Oder etwas zum Hashtag »Schönen Sonntag«? Das schaute ich mir ja selbst einmal wöchentlich zum Honigbrot im Bett gerne an. Dennoch: Immerhin hatte ich ja noch einen Ruf zu verlieren. Als Vorzeigeintellektueller dürfte mein Megatweet nichts weniger sein als das: megainteressant und Mind-Boggling, Evening Post. Hatte ich doch Max Goldt höchstselbst neulich erst am Muttertag gesehen, wie er sich in hochgekrempelten Flanellhosen von einem noch tatteriger den Anschein machenden Mütterchen, vom Wannseebad kommend, über die Schnellstraße hinüber zur Tankstelle (Agip) hatte helfen lassen.

Gut, aber: Na ja, also dachte ich ein wenig, und schrieb daraufhin ein paar Versionen eines, wie ich glaubte: Monstertweets. DiBue allerdings meinte, höflich: »wk« (Twittersprech für »wohl kaum«). Thema, um das meine sprachlichen Verknappungsüberlegungen kreisten: Woher kommen eigentlich diese ganzen schönen Menschen, die sich im Mai allerortens zeigen wie Pilze – beziehungsweise: Wo waren sie vorher; wo »haben sie gesteckt«? Ein, wie ich zumindest fand, breitentaugliches Thema. Na ja. Wie »man« sich irren kann.

Tweetentwurf No 1:

»Wer weiß, wo all die schönen Menschen bis Mai überwintern – in einer Höhle bei Hameln, bei Flötenmusik?«

Tweetentwurf No 2:

»Wer weiß, wo all die schönen Menschen bis Mai überwintern – in einer Höhle bei Hameln, mit Flöten im Hintern?«

Tweetentwurf No 3:

»Höhlen bei Hameln, ist es etwa dort, wo die schönen Menschen überwintern? Kein Wort von der Flöte.«

Tweetentwurf No 4:

»Flötenmusik – Wenn schon Mai, dann denke ich an jenen Ort, wo schöne Menschen überwintern.«

Tweetentwurf No 5:

»Mai: Die schönen Menschen strömen aus ihrer Höhle bei Hameln. Und ich höre Flötenmusik.«

Tweetentwurf No 6:

»Flötenmusik begleitet den Auszug der schönen Menschen im Mai. Die Höhle harrt.«

Tweetentwurf No 7:

»Flöten, na gut, allein von deren Anblick wird mir winterlich. Bald schon, bald, werden die schönen Menschen nach Hameln geräumt.«

Tweetentwurf No 8:

»When in Hameln, do as the beautiful people do«

Tweetentwurf No 9:

»Wer schön ist, der muss leiden. Und das in Hameln (zu Flötenmusik).

Tweetentwurf No 10:

»Höhlen sind kein schöner Ort. Drum halte dich von Hameln fort. Und schallt es auch von noch so vielen Flöten — der Winter naht, will Schönheit töten.«

Tweetentwurf No 11:

»Im Griff des Winters sollte man, von der Natur her, Schönheit angetan, das Städtchen Hameln lieber meiden. Was dort für Musik gilt (insbesondere aus Flöten), wird andernorts den Frühling vom Winter grausam scheiden.«

Tweetentwurf No 12:

»Wer noch nie, so wie ich, die Dunkelheit der Hamelner Grotte erlitten, der kennt sie nicht, des Flöters Sitten, kaum dass des Winters Kältesturz die Schönheit bannt, des Lichtes kurz, und entführet uns des Anblicks Reiz — fahr‘ nie nach Hameln, im Oktober, my dear, weil dort, final, verliert die world ihren Reiz.«

(Abb. Emojis »Squared Okay«, »Squared Cool«, »Checked Ballot Box«)

10.5.

Riesengroße Liebe zu Radiohead flammt auf wie neu, beim Hören von Daydreaming. Radiohead: Always ultra — literarisch mein Programm. Ich will irgendwann aber auf jeden Fall noch ein textliches Karma Police schaffen. Das schöne Lied ist auch gerade volljährig geworden. Wie es wohl zustande gekommen sein mag?

Moment, nicht googeln! Wie Friederike ganz richtig feststellte, gibt es für das sich selbst etwas Erzählen nur zwei Methoden: Entweder man schaut sich dabei etwas an oder man macht die Augen dabei zu.

Ich bevorzuge Augen dabei zu. Und also:

Zu der Erzählzeit, 1996, am Ende der Neunzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts, bot die Fahrt mit der Eisenbahn von Bangkok nach Chiang Mai noch eine angenehme Reiseerfahrung. Damals wie heute wird das Erlebnis im Wesentlichen von den mitreisenden Passagieren bestimmt, da es vor den Fenstern über sieben Stunden kaum etwas zu sehen gibt. Damals standen den westlichen Industrienationen noch mehrere gravierende Wirtschaftskrisen bevor. Die Stadt, in der Peter Gente starb, ist mittlerweile ein billigeres Florida. Betreute Wohnanlagen für ausländische Senioren werden erbaut. Das medizinische Gewerbe floriert. Besonders die Apotheken, die mit einer großen Auswahl an Präparaten gegen erektile Dysfunktion aufwarten. Massage Parlors florieren auch. Am anderen Ende der Altersskala findet sich die zweite Bevölkerungsgruppe nicht thailändischen Ursprungs. Es handelt sich um eine Variante des Rucksacktouristen, der dort eben nicht mehr in Wäldern hausen, kiffen und bald schon selbst ein Bergvolk gründen will, sondern: saufen. Große Teile des alten Chiang Mais wurden so einer blinkenden Vielfalt gut sortierter Spätkaufs geopfert. Pubcrawling floriert ebenfalls. Insgesamt ist die Fahrgastmischung also keinesfalls mehr geeignet, um sich mit ihnen auf einen siebenstündigen Trip einzulassen. Temps passé.

Auf der Eisenbahnfahrt hatte The Girl With The Hitler Hairdo die Bekanntschaft eines ausgewanderten Schweizers gemacht, der eine bunte Vita vorzuweisen hatte: Nachdem er seine erfolgreiche Werbeagentur in Zürich verkauft hatte, arbeitete er nun als PR-Berater für den Dalai Lama. Da konnte er spezifisches Fachwissen einbringen, denn er war aus früheren Zeiten noch immer sehr gut befreundet mit den bekanntesten Mitgliedern der Rolling Stones. In Chiang Mai hatte er eine Prinzessin der Königsfamilie kennengelernt. Das war während er dort eine Haftstrafe absaß. In einer Phase, als die Schweizer Innenpolitik ein Outsourcing des Haftvollzuges in Billiglohnländer für testreif befunden hatte. Die Prinzessin und er würden bald heiraten. Zu ihrer Mitgift gehörte so ziemlich der ganze Norden des Landes. An den Ufern des größten Süßwassersees, in einer Gegend unberührten Palmfruchtanbaus, plante er unter ausschließlicher Verwendung umweltfreundlicher Materialien ein Resort zu errichten. Und er schrieb Gedichte. Seiner eigenen Beschreibung zufolge im Stile Heiner Müllers, den er mit jenem Erich Frieds fusioniert habe, um eine Verkäuflichkeit zu ermöglichen. Das Ganze als Haiku gefasst:

Die Strompreise steigen
In den asiatischen Städten werden bald die Lichter abgeschaltet
Kein Eis mehr im Sommer

Bedachtsam zog The Girl With the Hitler Hairdo einen Flunsch und bekräftigte seinen Vortrag nickenderweise. Sie überlegte, ob sie dem Schweizer für die zweite Zeile zu »In den Städten der asiatischen Sphäre werden bald die Lichter ausgeschaltet« raten sollte, um mit einer Dosis Gottfried Benn auch die dichterische Qualität zu ermöglichen, behielt das aber für sich.

Und Chiang Mai präsentierte sich dann als zauberhaft. Dass es sich bei asiatischen Straßenbildern um ein Gewimmel handeln sollte, bestätigte sich hier als ein rassistisches Argument. In Wahrheit bestand so ein hiesiges Straßenbild aus einer Ballung widersprüchlicher Motive, wahrgenommen in einem vor Hitze flirrenden Licht. Es war die Zeit der Erdbeerernte, und an den Kreuzungen gab es Stände, an denen die Früchte in Bambuskörbchen verkauft wurden. Der Fahrer war eigentlich Polizist, schob aber zwischen den Einsätzen kleine Touren als Taxifahrer ein. Das Polizeifunkgerät hatte er auf dem Beifahrersitz stehen. Der trug auch seine Uniform.

Im Stadtkern gab es viele Tempel. Und The Girl With the Hitler Hairdo sehnte das Ende des Sitzens herbei. Als sie in einer Nebenstraße ein Hotelgebäude entdeckte, das sie sympathisch fand, lenkte sie den Wagen dorthin. Duat Champa hieß ein schmales, mit seinen Verzierungen viktorianisch anmutendes Holzhaus, dessen Fassade und Innenhof in einem hellen Minzgrün gestrichen waren. Der Empfangstisch aus den fünfziger Jahren stand auf dem polierten Beton eines Außenbereichs, der von einem dort ebenfalls entspringenden Tamarindenbaum überschattet wurde. In einem hübschen Holzregal wurden alte Ausgaben des Time Magazine gestapelt. Auf der Ablage zwei gläserne Vasen mit Kampffischen. Zwischen die Vasen war eine Postkarte gesteckt: damit die sich zwischen den Duellen nicht sahen.

Mariam hatte ihr das Zimmer aus Bangkok telefonisch reserviert. Für wie lange?
Das wollte The Girl with the Hitler Hairdo noch nicht wissen.

Die Tage in Chiang Mai waren vorübergeweht auf eine schön unaufdringliche Weise. Nachts waren vom nördlichen Ufer des Mekongs große Ballons aus hellem Papier in den Himmel gestiegen, wo die Sichel des Shiva Moon auf dem Rücken lag. Je weiter die kleiner werdenden Ballons von den Flammen ihrer Öllämpchen emporgetrieben waren, desto gelblicher und schließlich dunkelorange glosten sie in dem tiefdunklen Blau, als seien sie Glühbirnen in den zwanziger Jahren. Dann standen hundert glühende Planeten am Himmel und das Bild war zu einem Gemälde geworden, zu einem Matte Painting aus Return of the Jedi. Und dortvorüber trieb der Duft von Holzkohlenfeuern im Wind.

Eines Morgens lag in im Aschenbecher eine kleine gelbe Feder. Da beschloß The Girl with the Hitler Hairdo: Heute führe sie nach Pai.
Den Bus besteigend, meinte sie den Sänger von Radiohead erkannt zu haben. Sie traute sich nicht, hinzusehen. Vielleicht hatte sie sich geirrt?

Schlimmer wäre ja: falls nicht!

Der Haarschnitt kam hin, aber so sahen hier einige aus. Thom Yorke hatte diese charakteristische Gesichtslähmung. Die war eher selten. Also doch hinsehen – ! Dann stieg er vom Bus ab und lief auf einen Tempel zu.

Der kannte sich hier aus, denn offenbar hatte er nur eine Abkürzung genommen. Kurz vor Verlassen der Stadt stieg er wieder zu. Dieses Mal setzte er sich direkt neben sie. Als auf offener Straße zwei junge Soldaten mit Schnellfeuergewehren an Bord gelassen wurden, entfuhr The Girl with the Hitler Hairdo ein Flüstern. Es passierte ihr manchmal, unter großer Anspannung, dass ihr eine freche Bemerkung entkam. Wie, um die Anspannung dadurch lösen zu können, sagte The Girl with the Hitler Hairdo: »Die sind von der Karmapolizei.« Und kicherte, was ihr so peinlich war, dass sie rot wurde und ihre Lippen mit einer Handfläche verschlossen hielt. Er behielt die Jungs in seinem charakteristischen Auge, mit jenem Blick also, bei dem sich seine Gegenübers nicht sicher sein konnten, ob er sie ansah oder sonst irgendwas. Antwortete: »Du meinst, sie spielen Good Karma, Bad Karma?«

Da war es um sie geschehen, und sie lachte so laut und heftig auf, dass alle Mitreisenden bald mitlachen wollten, angesichts dieses Riesenmissgeschicks.

»Wohin willst du«, fragte er sie im vom Gelächter gefüllten Businnenraum.

The Girl with the Hitler Hairdo sah ihn an. »Wo wir alle hinwollen: Pai.«

Er nickte und sah dabei auf die Spitzen seiner Espadrilles. »Schon mal dort gewesen?«

»Nein. Ist es gut?«

Er nickte, danach sah er sie an: »Gut ist kein Ausdruck für Pai. Neigst Du zur Seekrankheit?«

The Girl with the Hitler Hairdo sah ihn an mit einem Blick, so als fragte er, ob sie sich jemals die Fingernägel lackiert habe. Das war, als der Bus sich die Berge hinaufzuwinden begann. Zunächst auf relativ gerade geführten Straßen, doch da die Berge des Nordens steil aufragten wie bewaldete Zuckerhüte, nahmen die Kurven, die bald zu Serpentinen wurden, zu. Beim Blick aus dem Fenster in talartige Schluchten, aus denen grüne Ranken wie Feuerstöße züngelten, schien die Gewalt, mit der hier die Plattentektonik zugeschlagen hatte, spürbar für sie, jetzt gerade, in diesem Augenblick, wie der imaginäre Zusammenprall mit einem heranrasenden Wagen, den The Girl with the Hitler Hairdo noch an jedem Zebrastreifen als bevorstehend befürchtete, ganz kurz nur – dabei war in solchen Momenten dort nie ein Auto zu sehen.

So gut das war, unfassbar eigentlich, neben Thom Yorke im Bus zu dem Ort, an dem selbst der Staub langsamer zu Boden sank, unterwegs zu sein, so anstrengend war diese Situation auch für The Girl with the Hitler Hairdo. Kniffligerweise hätte sie noch viel lieber Musik gehört zu den grandiosen Bildern, die sich vor den Busfenstern abwechselten. Aber sie konnte ja schlecht, das ginge doch gar nicht, vor ihm den Discman auspacken und die Kopfhörer. Oder sah sie da bereits ein Zuviel an Verbindlichkeit ihm gegenüber? Zudem käme die Geste pietätlos. Würde sie es denn nicht stören, wenn er nun in What Is it Like to Be a Bat? zu lesen begänne? Komischerweise nicht. Also fragte sie ihn, ob es ihn störte. Wie ein Raucher das getan hätte. Sie glaubte, er habe dabei woanders hingesehen. Sie erwachte mit dem Gesicht zur Hälfte in seiner Armbeuge. Die Kopfhörer hatte sie immer noch auf. Da lief Cowgirl in the Sand. Sie tat so, als schliefe sie und hörte Musik. In der Dunkelheit kamen sie an.

Das dunkle Holz der Häuser war gelblich beleuchtet von Hunderten von Laternen, dazwischen auch grünliche Gasbrenner, von Insekten umschwärmt. Da sie ihre Zimmer in benachbarten Pensionen gebucht hatten, verabredeten sie sich für den späteren Abend zum Essen. Gleich hinter der nächsten Kreuzung war dort nach Einbruch der Dunkelheit ein Markt aufgebaut, auf dem ausschließlich mit Essbarem gehandelt wurde. Als Rohware, aber vor allem in zubereitetem Zustand. Eine Spezialität bestand in grotesk überdimensionierten Fröschen, nach denen eine extreme Nachfrage zu bestehen schien, da die lebenden Tiere zu Hunderten in Maurerkübeln gehalten wurden. Auf Zweigen hielt ein Jäger eine Beute aus zwei Eichhörnchen und einem Flughund feil. Thomas lebte vegan. The Girl with the Hitler Hairdo ganz plötzlich auch.

Beim Essen sagte er ihr, wie sehr er es zu schätzen wisse, dass sie ihn bislang noch nicht darauf angesprochen hatte, dass – und hier schien er zu überlegen, nicht abzuwägen, sondern wirklich nicht darauf zu kommen, wie es sich auf unaufdringliche Weise ausdrücken ließe, wer er sonst noch war.

The Girl with the Hitler Hairdo sagte dazu nichts.

»Aber du weißt, was ich meine?«

»Ich ahne es«, sagte The Girl with the Hitler Hairdo nach einer Pause. »Aber nur zu einem Teil.«

In den nächsten Tagen gab sie sich nicht direkt Mühe, aber wundern tat es sie schon, dass er so mir nichts, dir nichts verschwunden war (das mit dem »aus dem Staub gemacht« musste sie sich untersagen, obwohl sie es zum Schreien lustig fand.) Immerhin war ihr zugetragen worden, dass er das Zimmer hielt. Konkret, als sie sich danach am Tresen seiner Pension erkundigt hatte. Aber wo der hier steckte? Groß war Pai zwar nicht, dafür weitläufig. Stellenweise direkt unübersichtlich. Einige Male glaubte sie lediglich, ihn gesehen zu haben. Sie unternahm ein paar Touren, auf manchen der Wege waren nicht einmal mehr Fahrräder erlaubt. Seltsam, dass es hier in den Bergen, so nahe bei Laos, keinerlei Minengefahr geben sollte. Ein paar Kilometer weiter war das Unterholz gespickt voll. Wie konnte das abgelaufen sein? Die hatten nach Karten navigiert. Als sie an einem kleinen See Rast machte, begann es in einem Gebüsch hinter ihr zu rascheln. Als sie sich bewegte, wurde das Rascheln hektischer. An der Fläche des Geräusches, anders ließ sich das nicht beschreiben, konnte The Girl with the Hitler Hairdo erkennen, dass es sich um ein Tier handeln musste. Was mit dem Raschelgeräusch zu tun hatte, das war zu sprunghaft, hektisch ausgelöst worden, dann wieder streichend: So bewegte sich ein Tier - allerdings eines, das in etwa so groß war wie sie selbst. Dass es ein Mensch war, der sich in dem Gebüsch versteckte, konnte sie ausschließen.

Aber wie ihr das Herz klopfte: Irrsinn!

Sie tastete nach ihrem Aschenbecher, umfasste ihn als Keil. Die Geräusche waren verstummt. Da es hellichter Mittag war, traute das Tier sich vermutlich nicht, seinen Schattenplatz hinter dem Camouflage der vielen Blätter zu verlassen. The Girl with the Hitler Hairdo ging zu ihrer aufgebohrten Motocross-Maschine, ohne das Gebüsch aus dem Blick zu lassen. Dann war sie weg. Als sie nach Pai zurückkehrte, war dort blaue Stunde, noch sehr heiß, aber das Licht warf lange Schatten und die Straßen schimmerten gelb. Sie stellte das Motorrad vor ihrem Lieblingscafé ab und bestellte sich Bier. Da stand er plötzlich vor ihr und entschuldigte sich, indem er zugab, komplett abgetaucht gewesen zu sein. Ob er – ? Sie freute sich. Sehr.

Ihrer Erzählung aus den Wäldern hörte er aufmerksam zu. Ihm selbst war kaum etwas zu entlocken. »Hauptsächlich geschrieben«, war das Konkrete, das sie herauszupräparieren schaffte. Doch sie aßen und tranken, und es wurde ein großer Spaß.

Hoffentlich fragt der mich nie, was ich so mache, dachte The Girl with the Hitler Hairdo. Und das tat er auch nicht. Er ließ sich eine Gitarre geben und darauf spielte er ihr das neue Lied vor, das er in ihrer Abwesenheit komponiert hatte. Dessen erste Akkorde fielen so langsam wie draußen vor den Laternen der Staub. Und es hatte einen wundersam wunderschönen Text.

Wunderschön, flüsterte The Girl with the Hitler Hairdo. Er wollte es Karma Police nennen. Das fand The Girl with the Hitler Hairdo gut! Ob er sich eine Begleitung durch ein Melotron vorstellte – oder halt, halt, viel besser: Theremin? Und machte, als sie spüren konnte, dass seine Aufmerksamkeit nun komplett ihr gehörte, ein paar Angaben zu einem speziellen Gitarrensound, der ihr dabei vorgeschwebte. Die waren präzise. Wortlos überreichte er ihr das Instrument. The Girl with the Hitler Hairdo stimmte die Saiten um jeweils eine halbe Oktave nach unten, sodass sie auf den abgegriffenen Bundstäbchen zu schnarren begannen. Keine schönen Töne für sich genommen, jedoch in Arpeggien der Akkorde, die The Girl with the Hitler Hairdo in einem portugiesischen Stil zu zupfen begonnen hatte, klang das ergreifend. Vor allem als sie mit geschlossenen Lidern ganz leise den Text zu singen begann. Die Melodie hatte sie aus einem Summen entwickelt. Nach dem ersten Vers veränderte sie die Grifftechnik auf der Gitarre und nun wurden die perkussiven Töne noch von Klängen untermalt, die wie gezupfte Celli wirkten. Er stimmte die Überleitung an, worauf The Girl with the Hitler Hairdo sich auf die Erzeugung rhythmischer Effekte konzentrierte. Als sie geendet hatten, waren sie von applaudierenden Personen umringt.

(Abb. T Shirt mit Aufdruck: »It’s the Singha Not the Song«)

Schneller als der Staub von den Bürgersteigen Singapurs gewischt wurde, standen zwei Flaschen Bier auf dem Tisch.

Als die Sonne aufging, erwachten sie beide in The Girl with the Hitler Hairdos Bett. Sie dachte nicht etwa »Girl, you go places«! Für sie war Thomas eine ihr liebe Person, deren musische Begabung sie über alle Maßen zu genießen wusste. Den wollte sie nicht am ausgestreckten Arm verhungern lassen – im Gegenteil! Sie wollte ihm erklären, was sie fühlte. Er wollte erzählen, und so führten sie fortan ein Gespräch, das bis in die Nacht langte. Und am nächsten Morgen weiter ging. The Girl with the Hitler Hairdo war noch nie verliebt gewesen. Aber das musste es jetzt wohl sein. Sie hielten sich an den Händen, wenn sie durch die Straßen gingen. An einem Tempel kaufte er einen kleinen Vogel, der in einem Ball aus Bambusstreifen eingeflochten war. Den ließen sie frei. Das wurde merit-making genannt. Eine gute Tat also, um die nicht so guten wettzumachen. Das funktionierte! The Girl with the Hitler Hairdo fühlte nichts, aber auch gar kein Stückchen Schlechtes mehr in sich. Den Bambusball gaben sie dem Händler zurück.

Bis jetzt hatten sie sich noch nie gefragt, was sie als nächstes unternehmen sollten. Was The Girl with the Hitler Hairdo schön fand, bis dahin aber noch nicht erlebt hatte. Das Ziellose daran hatte sie gut gefunden. So, als wäre er nur dann da, wenn sie es wollte. Immer wieder wurde sie von einer Angst befallen, sich in dem Glück aufzulösen. Ihm erschien es dann meistens so, als habe sie kurzzeitig an etwas anderes gedacht. Aber in einer Nacht erwachte The Girl with the Hitler Hairdo aus einem furchtbaren Albtraum mit namenlosem Geschehen. Und da war diese Angst, sie ließ sich nicht rationalisieren. Dazu wurde sie von einem weiteren Gefühl geplagt: Seine Nähe bekomme ihr nicht. Es war zu viel. Zu viel des Glücks, das unvermittelt auf sie einströmte. The Girl with the Hitler Hairdo konnte den Gedanken nicht ertragen, dass alles vorbestimmt sein konnte. In dem Falle würde ihr sämtlicher Handlungsspielraum genommen, beziehungsweise auf Täuschungsmanöver hin reduziert. Gemeinsam Musik zu hören war eine schöne Möglichkeit, sich nahe zu sein. Fand The Girl with the Hitler Hairdo. Ging ihm auch so, bloß reichte ihm das nicht. The Girl with the Hitler Hairdo fand seinen Körper, fand den ganzen Mann schön, der zudem zärtlich war.

Beim ersten Café des nächsten Morgens überraschte er sie mit einem Ticket nach Luang Prabang. Er rate ihr, dorthin alleine zu reisen. Diese Erfahrung machte man am schönsten auf sich selbst gestellt. The Girl with the Hitler Hairdo weinte. Weil es sie berührte, dass der sie verstand. Er hatte auch ein Rückflugticket parat, gestand er ihr abends beim Wein – falls sie es haben wollte? Sie schüttelte den Kopf, auf ihre ganz eigene Weise. Dabei lag das Schütteln einzig in ihrem Blick, der davon dunkel wurde. Ins Dunkel flüsterte sie Reklame von Ingeborg Bachmann. Und übersetzte ihm die Zeilen, die er nicht verstand. Während der Nacht spielte sie ihm Sehnsucht vor von Purple Schulz, das hatte es lange vor Unfinished Sympathy gegeben, und Junimond von Ton Steine Scherben; da auch das Solo, das unverzichtbar war, sie löste es in einem Akkord aus Flageolets. Beiden war ihnen dieser irritierende Moment der Musikgeschichte eingefallen, als Elton John 1976 sein Sorry Seems to be the Hardest Word vorstellte und dabei mitsamt eines im Glencheck karierten Jackets, vor allem aber in Frisur und Wahl seiner Brille, plötzlich Niklas Luhmann glich. Und Thomas hatte hoch und heilig geloben wollen, sich fortan eingehend mit deutschem Songwriting zu beschäftigen.

Die ganze Piste des Militärflughafens war er entlang gerannt. Als sie abgehoben war, fing er zu winken an. Sie weinte die Flugzeit über. Nach einer dreiviertel Stunde landete sie in Luang Prabang. Der Zutritt zum Land wurde The Girl with the Hitler Hairdo gegen eine Spende von fünfzig Dollar gewährt. Der Stempel war riesig und fein ziseliert. Das Ticketgeschenk enthielt eine Anzahl von Nächten in einer Pension, zu der sie sich in einem Tuktuk fahren ließ. Das Gebäude war aus Holzstämmen im Stile eines spätkanadischen Blockhauses gemacht. Das Zimmer hatte einen weiten Balkon mit Ausblicken auf das Ufer des Mekong, der um diese Stunde am späten Nachmittag olivgrün wurde, sich auf den Ton ihrer Augenfarbe einließ - weil sie so viel hineinschaute, in den träge sich wälzenden Fluß?

Warum war er nicht hier?

In einem Gemischtwarenladen, der auch als Schnellimbiß mit Kaffeeterrasse fungierte, kaufte sie sich eine Kinderflöte, auf der sie, zurück auf ihrem Balkon, die Melodie spielte zu dem Lied, das vielleicht Karma Police heißen würde, vielleicht aber auch so wie sie.

Als Fackeln entzündet wurden und die Laternen zum Fauchen gebracht wurden, zog sie sich um und ging auf dem Uferweg auf und ab. Bei der Sammelstelle der Tuktuk-Fahrer lief ein Kartenspiel. Die Typen sahen verwegen aus. Dem einen, ihm fehlte das Auge entweder oder es war in seinem Gesicht ganz woanders zu finden, gefiel es, sie zu provozieren. Er zeigte ihr einen Glasballon, der bei näherem Hinsehen bis oben hin gefüllt war mit toten Schlangen, Skorpionen, Vogelspinnen und ähnlichem Viechzeugs. Die lagen im Schnaps ein. Sie wurde auf ein Glas herausgefordert. Schnaps vertrug sie doch nicht – schmeckte widerwärtig.

Erwartungsgemäß…

»Ja, aber doch nicht so!«

Die Männer freute es. Was genau, das ließ sich nicht erkennen. Alles vermutlich. Und überhaupt.

Von der magischen Wirkung, die ihr versprochen worden war, konnte The Girl with the Hitler Hairdo nichts feststellen. In einem Imbiß am Ufer bestellte sie sich frittierten Süßwassertang, der hier an den Ufern geerntet wurde. Mit getrockneten Tomaten und Chili bestreut, schmeckte das gut. Sagte Thomas. Und sie war doch jetzt ebenfalls zum Veganer geworden. Dann kam das Zeug: zur Lotusblüte auf einem Teller arrangiert. Schmeckte ging so. Danach Klebreis mit Mango – das ging sogar gut!

Wenn mich hier einer anspricht, vergesse ich absichtlich, dass er mich meint.

Altertümlich anmutige Fischerboote landeten in der Dunkelheit an. Auf den Planken der Rümpfe waren Hütten mit spitz zulaufenden Dächern errichtet. Die Kinder befüllten aus Konservenblech geformte Gießkannen und bewässerten die aus Steilhangbeeten strebenden Gemüsepflanzen. Ein elastisch verbundener Schwarm von Fledermäusen zog über The Girl with the Hitler Hairdo hinweg. Seltsam, dass man die zu Flattern hören glaubt, geben sie doch keinerlei für uns hörbares Geräusch dabei ab.

Am nächsten Tag sah sich The Girl with the Hitler Hairdo bei einem Verhandlungsgespräch mit einem Straßenverkäufer plötzlich die Seiten wechseln: Was würde sie sagen, um ihm etwas verkaufen zu können. Das war eine verwirrende Vorstellung, sie zahlte einfach den geforderten Preis. Die Halskette legte sie sich sofort um – ein dünnes korallrotes Band, das von einem schmalen Pendel aus Silber beschwert wurde, sodass es ihr zwischen den Brüsten gerade nach unten hing. Auf dem Pendel stand eingraviert LOVED. So ging sie den stufigen Pfad zu dem alten Holztempel hinauf, dessen Mönche vor Sonnenaufgang mit sieben Schlägen einer Holztrommel geweckt wurden. Somit auch The Girl with the Hitler Hairdo, das war um vier in der Früh gewesen. Im Dunkeln liegend, hatte sie sich vorgestellt, was die dann machten – singen, stundenlang. In Sanskrit. Davon hörte man aber nichts.

Auf halber Strecke kaufte sie einen Vogel im Bambuskäfig. Oben angekommen, gab sie dem Vogel aus dem Aschenbecher Evian zu trinken und heftete ihren Blick auf das Panorama des Dorfes in der Mekongschlinge, mit der eisernen Brückenkonstruktion, die aussah, als ob sie von Dreharbeiten übrig geblieben war. Und auf der kreuzten zig Mopedfahrer, die Männer mit aufgerollten Ärmeln, alle im Hemd. Dahinter: Berge, Wald. Der Vogel flog nicht, er stürzte davon. Und The Girl with the Hitler Hairdo fand es nicht die Bohne pathetisch, als sie dabei dachte: für ihn. Also Thom.

9.5.

Vor ein paar Wochen war in der Frankfurter Allgemeinen ein Text über die erste Liebe von Rolf Dieter Brinkmann, wusste ich alles gar nicht. War aber wohl bekannt. Mir war immer wieder mal geraten worden, seine Texte zu lesen, aber ich fand daran einfach nichts interessant. Ein Gedicht hatte einen ansprechenden Titel, Mein Fucking Herz, aber dann gleich darunter ging es weiter wie in den Dialogen für einen Baader-Meinhof-Film. Aber diese Geschichte mit den Briefen an die Internatsschülerin, von denen er Kopien anfertigte, bevor er sie überbringen ließ; dass er auf keinen einzigen davon je Antwort erhalten haben soll, und, nach der Vernichtung der Originale durch eine Aufseherin des Mädchenschlafsaales, der Schülerin eine gebundene Fassung der gesammelten Abschriften nach Hause schickte, wo sein Werk der unerhörten Liebe in Kopie nur knapp einer Vernichtung durch die Mutter der mittlerweile Suspendierten entging, er vor allem, so wohl der Stand der Literaturwissenschaft, nie auch nur einen Brief oder eine Karte oder mit einem Telefonat von diesem von ihm in Gedichten umworbenen Mädchen eine Antwort bekam: megainteressant!

8.5.

Zum ersten Mal in diesem Jahr im See geschwommen. Zum ersten Mal in meinem Leben in diesem See. Wäre ich von alleine nicht drauf gekommen, aber wo er jetzt immer da ist? Das Wasser war noch extrem kalt, wie ein Gelee fühlte sich das an und es stimmt halt leider überhaupt nicht, dass es einem mit dem Schwimmen nach einiger Zeit wärmer wird oder dass ich die Eisigkeit nicht mehr spüren würde. Schrecklich war es, schrecklich blieb es. Aber vom Wasser aus betrachtet, sahen die Schwäne auf eine tolle Art größer und schöner aus. Die schauten auch interessiert und bogen heran. Klar, die kennen mich ja, aber so hatten sie mich noch nie gesehen (ich sie ja auch nicht).

Extreme Mengen einer Wassermelone gegessen, bestimmt drei Kilo, und im Arabischen bedeutet Melone »Trinke das Licht«. Die an der Schale haftenden Reste des Fruchtfleisches an die Duckente verfüttert, die schon wieder auf ihrem Nest unter mir saß. Wahrscheinlich sind die übrigen sieben Küken eben doch von irgendeinem Tier geholt worden. Deshalb beschützen sie das ihnen einzig verbliebene Küken jetzt auch so aggressiv. Und legen, bevor der Sommer kommt, noch rasch einen weiteren Satz Eier.

Die Nachbarn, schließlich war Samstag und aus dem muss man etwas machen, hatten einen Tipp-Kick-Tisch auf die Terrasse gehoben und an dem spielten dann mit leisem Geklacker die männlichen Gäste, während sich eine Frau in blauem Sommerkleid auf die antike Balustrade an der Grundstücksgrenze setzte, um dort im Kreise ihrer Freundinnen auf einer Gitarre zu musizieren. Ja, Wahnsinn, so etwas gibt es halt auch.

Schwer, aber nicht zu schwer, solch einen Tag noch zu einem geglückten Abschluss zu bringen; den Tag zu landen, wie George Condo das vom inneren Erlebnis seiner Malerei sagt »I’ve got to land the painting«. Ich griff zum kleinen roten Buch, das in diesem Frühling ja tatsächlich volljährig geworden ist, 1. Auflage 1998 © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998. Ich kenne die Regel, die nur mich selbst betrifft, aber sie bringt mir nichts, denn immer dann, wenn ich behaupte, dass ich ein Buch auswendig kenne, kenne ich es halt überhaupt nicht auswendig, sondern habe lediglich das Gefühl, dass es sich so verhält mit mir und einem dieser Bücher, von denen ich behaupte, dass ich sie auswendig kenne. Von daher handelt es sich streng genommen um gar keine Regel, sondern um den Versuch einer Beschreibung, weshalb es mir – nach all den Jahren – noch immer gelingt, mich selbst zu kitzeln. Und so lag ich lesend im Bett, während mir die untergehende Sonne durchs offene Buch ins Gesicht schien und las Rave jetzt als ein Buch der Liebe. Hatte ich total vergessen, dass es vor allem um Liebe geht. Dabei wollte ich darin ursprünglich etwas spezifisch anderes finden. So war es aber nicht nur auch okay, sondern noch viel besser als gedacht. Tag gelandet. Maschine schläft.

1998 fiel der 8. Mai auf einen Freitag.

7.5.

Geträumt, dass es in ganz Deutschland nur noch zwei Freibäder gibt: Freibad Nord und Freibad Süd, diese dafür aber derart riesig, dass jeder in der Nachbarschaft von einem der beiden wohnt. Es war einer jener Albträume, aus denen es kein Entrinnen gibt, weil ich den Gegenstand nie zu sehen bekomme (die Konfrontation führte zum Erwachen). Weil mir die Freibäder nicht gezeigt werden, sondern ich von ihrer Existenz erfahre; man erzählt sich davon, ich ahne, dass der Schrecken wirklich ist. Wie in dieser Szene in Mulholland Drive, wenn der Ängstliche mit seinem Therapeuten frühstückt und der erzählt ihm von seinem Traum, der so unsagbar schrecklich gewesen sein soll. Und während er erzählt, schleicht vor der Tür die Kamera genau diese Gasse zu einem Hinterhof entlang, von dem in der Patientenerzählung die Rede ist. Als sowohl Erzählung wie auch Kamera vor einer Mauer angelangt sind, will man als Zuschauer auf gar keinen Fall um diese Ecke herumschauen. Dennoch geschieht genau dies. Der Bildschock überlagert blitzhaft die Erzählung, man muss dann ein paar Mal zurückspulen, um die Worte genau mitzubekommen, aber das Schreckliche bleibt tatsächlich unsagbar.

6.5.

Von den sieben Küken des Blässhühnerpaares ist nur noch eines übrig. Das Nest ist leer, auch das letzte Ei, das dort immer noch lag, ist fort. Das Küken schwimmt in einem dunklen Winkel unter dem Steg. Der Kopf sieht aus wie eine Rambutan, auf der die rote Maske eines Pestarztes sitzt. Die Mutter kreuzt im schwarzen Wasser vor dem Nest und stößt Warnschreie aus.

Wo sind die anderen sechs? Holt der Kormoran, dessen eleganten Gleitflug dicht über der Wasseroberfläche ich am Morgen bewundert hatte, auch kleine Vögel? Machen das die Krähen? Gibt es schwimmende Raubtiere am Ufer? Oder ist das eine hier etwa das achte Küken aus jenem Ei, das nach dem Schlüpfen der übrigen wie aufgegeben im Nest lag und von dem ich dachte, die Eltern würden es irgendwann aufpicken und den Inhalt unter sich aufteilen. Bei sieben Küken kommen sie ja wohl kaum dazu, für sich selbst etwas zu essen zu suchen. Ich hatte seit dem Schlüpfen eine Woche lang nicht nach ihnen gesehen, um sie nicht unnötig aufzuschrecken. Es hat demnach wohl gerade ein paar Tage mehr als eine Woche gedauert, bis die anderen das Nest verlassen konnten, um sich eigene Plätze am Ufer zu suchen. Im nächsten Jahr auch schon mit eigenem Nest.

In ein paar Tagen ist dann auch der Nachzügler so weit. Sein Reifegrad ist wahrscheinlich daran zu erkennen, dass der Schnabel sich von der Spitze her mit jedem Tag ein Stück weiter weiß einfärbt. Vermutlich ist das ein Nebeneffekt des Aushärtungsprozesses im Schnabelmaterial. Der Schnabel der Elterntiere ist ja ganz weiß und geht farblich nahtlos in die weiße Maske über. Dieser obere Part war bei dem Küken gestern, dem achten, noch rot.

5.5.

In einem späten Gedicht mit dem Titel Das Tagebuch beschreibt Johann Wolfgang von Goethe die erotische Begegnung mit einer Zufallsbekanntschaft. Zeitlebens hat er sich gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen, in den ersten Gesamtausgaben des 19. Jahrhunderts war Das Tagebuch darum auch nicht enthalten. Der Meister selbst hingegen hat es in seinem Kreis dennoch wiederholt vorgetragen, es seiner Zuhörerschaft geradezu ans Herz gelegt, so als wollte er damit auf mündliche Überlieferung bauen, wozu das Dichten ja im Grunde erfunden ward. Das obskure Gedicht bekommt damit eine vergleichbare Funktion wie jener nicht erhaltene Artikel aus einer italienischen Tageszeitung aus dem Jahr 1928, den Virginia Woolf in ihrem Kreis immer wieder herumgezeigt haben soll in jenem Jahr, da ihr Roman Orlando erscheinen würde.

Goethes Tagebuch wurde erst Jahrzehnte nach seinem Tod als Privatdruck aufgelegt, angeblich wurden die wenigen Exemplare wiederholt beschlagnahmt. In späteren Druckfassungen wurden insbesondere die beiden Zeilen, in denen von Jesus Christus und Gott die Rede ist, unlesbar gemacht werden. In den Werkausgaben des späten 20. Jahrhunderts ist Das Tagebuch selbstverständlich enthalten, seit Siegfried Unseld es in einem Jubiläumsband des Insel Verlages der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hatte. Zusammen mit den Phallischen Hymnen Rainer Maria Rilkes übrigens, der selbst ein Bewunderer des Tagebuchs gewesen sein soll.

Die Forschung hatte sich bald darauf geeinigt, dass im Tagebuch ein Erlebnis männlicher Impotenz geschildert wird. Diese Auslegung ist im Kontext des Wissensstandes über Sexualitäten und Geschlechteridentitäten am Ende des 20. Jahrhunderts zu verstehen. Kurz gefasst erzählt die Handlung des Gedichtes von einem erzwungenen Aufenthalt des lyrischen Ichs in einem Landgasthof. Eine Wagenpanne verhindert die Weiterfahrt nach Hause, wo die Verlobte ihn erwartet. Ein Zimmermädchen tritt auf und wird als faszinierend beschrieben. Ein Versuch, sich mit dem Schreiben des Tagebuchs abzulenken, missrät. Als das Zimmermädchen erneut die Szene betritt, bedrängt das lyrische Ich diese namenlos bleibende Person, bläst die Kerze aus und sie gibt sich ihm in der Dunkelheit hin. Daraufhin wird es schleierhaft. Die Forschung hat sich vor allem auch darauf konzentriert, mit welchen Worten Johann Wolfgang von Goethe das Geschlechtsteil des lyrischen Ichs benennt: als »Meister Iste«, als »braver Knecht«, »verfluchter Knecht«. Bei Tagesanbruch verschwindet das Zimmermädchen, das lyrische Ich erkennt, dass er nur noch einen Wunsch kennt: heim zur Verlobten, um diese zu heiraten.

In Reading from Behind, den Titel des in diesem Jahr erschienen Buches von Jonathan A. Allen würde ich mit Andersrum Lesen übersetzen, liefert der kanadische Literaturwissenschaftler »A Cultural Analysis of the Anus«. Das bereits mehrfach für seinen Titel und seine Umschlaggestaltung ausgezeichnete Buch ist extrem unterhaltsam, vor allem kann es gerade hinsichtlich eines obskuren Werkes wie dem Tagebuch von Johann Wolfgang von Goethe erhellendes Werkzeug zur Verfügung stellen. Der Text Jonathan A. Allens ist aus einem Artikel für eine Fachzeitschrift der Queer Studies gewachsen, in dem er ebenfalls eine Gedichtanalyse vorgenommen hatte. Da ging es um El Intruso von Delmira Augustini. Hier wird ebenfalls eine Liebesnacht in Versen geschildert, ebenfalls bleibt das lyrische Ich namenlos, sein Partner oder seine Partnerin auch, und Jonathan A. Allen konzentriert sich in seiner Analyse vor allem auf die Zeilen, die ich mit

»Gestern Nacht

Als du mit deinem goldenen Schlüssel

mein Schloss zum Singen gebracht«

übersetze. Jonathan A. allen weist nun darauf hin, dass hier allein aufgrund des Umstandes, dass ein Schlüssel in ein Schloß gesteckt wird, eine phallozentrische Sexualbeziehung konstituiert werden könnte. Und bis ins späte 20. Jahrhundert auch wurde. Zudem singt das Schloß, beziehungsweise wird es zum Singen gebracht. Irgendwie scheint es logisch, davon auszugehen, dass hier das lyrische Ich weiblicher Natur ist, der Schlüssel hingegen und so weiter und so fort. Andersrum gelesen weist aber die Goldenheit des Schlüssels auch auf ein Artefakt hin. Und der Schlüssel zu einem neuen Verständnis der Kulturgeschichte besteht für Jonathan A. Allen im menschlichen Anus, einer Körperöffnung, mit der Frauen wie Männer gleichermaßen ausgestattet sind und die, im Gegensatz zur Mundöffnung, lustempfindlich ist. Mit seinem Plädoyer für den Anus als legitime errogene Zone steht Jonathan A. Allen nicht alleine da. Paul Perciado beschreibt in Testo Junkie seine Liebesbeziehung zu Valérie Despentes als eine ausschließlich aktiv anal penetrierende, aus eben jenem Grund, das heteronormative Zeichensystem der Pornografie umzuschreiben. Stellt man sich in diesem Sinne das lyrische Ich aus dem von Jonathan A. Allen zitierten Gedicht als ein männliches vor, den Schlüssel als goldenen Dildo, seinen Träger als eine weibliche Person, ändert das nichts an der Romantik des Gedichtes. Das Schloß wird so ´rum oder andersrum zum Singen gebracht.

Reading Goethe from Behind, verschwindet das Zimmermädchen, es gab es noch nie. Interessant wird vielmehr die Wahl des Hotels, in der unser lyrisches Ich seine Nacht zu verbringen gedenkt: »So stand ich nun. Der Stern des nächsten Schildes/Berief mich hin, die Wohnung schien erträglich.« Dieser »Stern« könnte als Sinnbild, als ein Anus gelesen werden (das preisgekrönte Umschlagsdesign von Reading from Behind zeigt eben genau dieses: einen »Stern«, der im Kontext mit Titel und Unterzeile als Strichzeichnung eines Anus gelesen wird.)

Tritt dann das Zimmermädchen auf, so fungiert es als heteronormative Figuration der Lust, mit der sich das lyrische Ich konfrontiert sieht. Dann schreibt es das Tagebuch (gesteht sich sein Verlangen ein – Thomas Mann war übrigens ein großer Fan dieses Gedichtes von Goethe), und bläst die Kerze aus. Was es damit macht, bleibt im Dunkeln. Die männliche Forschung hat sich nun ausschließlich auf den braven, bald verfluchten Knecht, den Meister Iste konzentriert. Man fragte sich: Konnte Goethe damals etwa nicht? Dabei weist die verklausulierte Namensgebung eindeutig auf ein Artefakt hin: Meister Das da spricht doch ganz unmissverständlich von einem Gegenstand ex corporale. Zumal er sich, nach der inkriminierten Christus-Halluzination, »von reifer Saat umwogt, vom Rohre fest umschlossen« fühlt. Goethe nahm bei anderen Gelegenheiten, man denke an den Götz von Berlichingen, kein sogenanntes Blatt vor den Mund und war sehr wohl in der Lage, die Dinge beim Namen zu nennen (»Im Arsche lecken«).

Das Schleierige der Sprache im Ausdruck und der Verzicht auf eine Publikation, wo ansonsten alles raus musste, hängen wohl mit dem Goetheschen Gefühl der Unbegreiflichkeit zusammen, seine Anal Lust betreffend. Denn auch davon handelt »Reading from Behind« von Jonathan A. Allen, das macht dieses Buch auch jenseits der Literaturwissenschaft interessant und ich wünsche ihm vor allem viele heteronormativ geprägte Pornogucker als Leser (gleich ob weiblicher oder männlicher Natur): anales Begehren hat nicht automatisch etwas mit Schwulsein oder »davon Schwulwerden« zu tun. Ob Johann Wolfgang von Goethe schwul war oder einfach bloß seiner Zeit voraus wie Virginia Woolf, ist doch scheißegal.

4.5.

Gestern zeigte mir Alfons einen wunderschönen Gegenstand, an dem ich mich gar nicht sattzusehen können glaubte. Ich wollte ihn auch immerzu anfassen. Es handelt sich um einen etwa dreißig Zentimeter langen Behälter aus mundgeblasenem Glas in Form eines Fieberzäpfchens. Darin befindet sich exakt ein Liter Wasser. Der Behälter wurde eigens für diesen Zweck, einen Liter Wasser zu umschließen, angefertigt. Die darin enthaltene Luftblase ist von daher sehr klein, vor allem, das steigert die Attraktivität des Objektes, einer Arbeit von Felix Kiessling, für mich extrem: Es gibt keinen Verschluss, das Wasser und die Luftblase sind nahtlos vom Glas umschlossen. Nur an der vorderen Wölbung des Zäpfchens ist die Narbe vom Abdrehen der Glaspfeife zu erkennen.

Zu dem gläsernen Objekt gehören leider, wie ich sagen muss, noch zwei Dokumente. Auf dem ersten erhält der Käufer des Liters eine Kalkulation, um wieviele Bruchteile eines Meters der Weltwasserspiegel abgesunken sein dürfte, da Felix Kiessling einen Liter Wasser aus dem Landwehrkanal entnommen und in das mundgeblasene Zäpfchen hatte abfüllen lassen. Dazu dann, so Alfons, erhält der Käufer noch ein Gedicht, das der Künstler für eine Frau verfasste, die er geliebt, sie ihn aber nicht.

Das fand ich schlimm. Alfons nicht. Sondern gerade gut: Es bekäme ja nur derjenige zu lesen, der es kauft.

»Gerade das ist doch das Unmoralische, dass er es verkauft«, sagte ich. »Er hatte es doch für sie geschrieben. Er hat es ihr übereignet. Weiß man denn, was sie dazu sagt; weiß sie denn überhaupt, dass er das macht?«

»Das ist mir egal«, sagte Alfons.

»Wie ist das Gedicht denn?«

»Natürlich sehr gut.«

3.5.

Es gibt kein anderes mir bekanntes Lied aus der Geschichte der Popmusik, bei dessen Entstehung ich so gerne vom absoluten Anfang her schon als Fliege an der Wand mit dabei gewesen wäre wie: I’m Not in Love. Auch dass es davon keine Dokumentation gibt, quält mich. Sehr. Ich habe sogar extrem große Lust, Kathy Redfern zu besuchen und sie eingehend zu befragen, wie das damals eigentlich war und überhaupt alles vor sich gegangen ist. All studio and production — die einzig guten Live-Versionen sind Playback und alle Coverversionen, sogar die von Diane Krall, sind Schrott.

Alles an 10cc scheint mir perfekt. Schon allein der Name der Band, dann erst die Persönlichkeiten der Mitglieder, und wenn es die großartige Serie der Deutschen Grammophon bloß noch gäbe, die Tim Renner in seiner damaligen Funktion als Chef der Universal ins Leben gerufen hat, dann wäre das doch jetzt das Megaprojekt der Stunde, wenn Ricardo Villalobos und Carl Craig zusammen die Masterbänder von I’m Not in Love remixen dürften und täten. Ich meine: Loops, vier Meter lang, aus Magnetbändern mit den Gesangsaufnahmen von Godley & Creme! Und mit der Stimme von Kathy Redfern, die sich angeblich zunächst strikt geweigert hatte, ins Mikrofon zu flüstern: »Don’t cry, big boys don’t cry«.

Robert Smith, den ich auch sehr gerne zumindest noch einmal treffen können würde, bevor er, wie ich hoffe, so bald noch nicht, gestorben sein wird, hat sich meines Wissens nach ebenfalls noch nie dazu geäußert, ob die Stimme Kathy Redferns ihm die Inspiration geliefert hatte, Boys don’t Cry zu dichten.

Godley & Creme gegoogelt. Interessant fand ich, dass es Personen gibt, die im Internet als inaktiv geführt werden. Und das auch noch, im Falle Godley & Cremes: seit 1988! Besonders angesichts dieses Monster-Œuvres. Cry ist ja tatsächlich eines der wenigen Lieder, die in puncto Kompatibilität mit der Königin der Substanzen I’m Not in Love noch das sogenannte Wasser reichen können. Aber halt auch bloß im Extended Remix.

Die Website von Eric Stewart ist seit 2014 offline. He is »considering whether he wants to have a new website.«

(Abb. Screenshot aus dem Internet: The Gizmotron)

Und dann schicke ich meiner Übersetzerin die aktuelle Kolumne und mache den ersten Satz dann doch wieder auf Deutsch, weil ich gespannt bin, ob es für »Seltsam, oder« vielleicht einen noch besseren Ausdruck gibt.

2.5.

Zeit der Mahonienblüte. Die traubenblauen Beeren kamen früher in die Erbsenpistole, um damit »auf die Mädchen« – natürlich »auf die Mädchen« – zu schießen, die diesen Brauch ablehnten und hassten, weil die Flecken aus dem Fruchtsaft der Mahonien sich mit überhaupt keinem Waschmittel mehr entfernen ließen. Dafür flogen die vergleichsweise winzigen Mahonienbeeren aber auch nicht so weit wie getrocknete Erbsen, man musste also ziemlich nah heran an den Feind, um einen Treffer anbringen zu können.

Mit der Verbreitung elektronischer Bestellsysteme in der Gastronomie stirbt leider auch die Frage nach »Zettel und Stift« aus. Kann sogar sein, dass dadurch letztendlich sogar der Brauereiblock an sich in den Abgrund gerissen werden wird. In meinem Leben war diese Frage zumindest noch ein Standard gewesen in gewissen Situationen des Sozialen, beispielsweise, wenn ich jemanden kennengelernt hatte. Dann fragte man das Barpersonal nach »Zettel und Stift« (um eine Telefonnummer oder, noch vorgestriger, eine Wohnadresse zu notieren). Die Frage war üblich und wurde selbst bei Lautstärke Rave noch von den Lippen abgelesen. Es gab sogar eine dazu gehörige Pantomime, die sich nur in einem Detail, das aber wesentlich war, von der Pantomime für »Könnten wir bitte die Rechnung haben« unterschied.

Auf den Brauereiblöcken wurde die Abrechnung einer Nacht erstellt. Für einen Zahlenmagier wie Roman, einen der Kellner im klassischen Schumann’s an der Maximilianstraße, war der Brauereiblock das wichtigste Arbeitsgerät. Auf Brauereiblöcken wurden aber auch Ausschnitte aus Stadtplänen skizziert, Lebensentwürfe, Geschäftsideen, Anträge aller Art (selbst ich, Reinhold Böh war sozusagen mein Zeuge, schrieb einst der schönen Mathematikerin, die ich nie kennengelernt habe, auf einem Brauereiblockzettel von, das weiß ich noch: Augustiner »Willst Du jetzt mit mir spazieren gehen — Ja,  Nein, Vielleicht«. Darunter, wir schrieben bereits das 21. Jahrhundert, meine Mobiltelefonnummer bei Debitel, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Woraufhin, wir befanden uns in einem room full of people, sie, die schöne Mathematikerin, mir Reinhold, der ihr meinen Brauereiblockszettel überbracht hatte, mit einem von ihr beschriebenen Brauereiblockszettel zurückschickte: »Wie soll ich das entscheiden, wenn ich gar nicht weiß, wer Du bist?« Darauf hatte ich, entgegen des Ratschlags Reinholdens eine mögliche Vorgehensweise betreffend, den Heimweg angetreten. Es war ohnehin ein durchwegs bizarrer Abend gewesen, da der DJ als Kommentar zu dem damals gerade erschienenen Barockalbum von Daft Punk das Spätwerk der Wings aufgelegt hatte. Woraufhin ich zu Andreas Neumeister sagte: »Das nächste große Ding wird Rondo Veneziano«. Wurde es halt aber einfach original gar nicht).

1.5.

So lange geschlafen wie schon lange nicht mehr.

Zum ersten Mal Erdbeeren bekommen in diesem Jahr. Schon als Kind habe ich, wenn überhaupt, dann unreife Früchte gegessen. Am liebsten die Pfirsiche. Aber auch Haselnüsse. Tröstlich, dass es Erdbeerhäuschen gibt, rot lackiert, mit aufgemalten Sporen in gelb und einem Stiel auf dem Dach. In die Eingangstür des Häuschens mit der Erdbeerhäuschennummer 165 ist ein Schild genietet: »Einbruch lohnt nicht! Der Verkauf-Stand wird täglich ausgeräumt.«

Schöner, warmer, weicher Wind. Das Blau ist nicht gründlich durchgerührt und die Zweige der Birke zeigen sich girlandenhaft als die leichtgewichtigsten Zweige von allen. Eine Hornisse, die erste in diesem Jahr, gräbt in der Erde des Blumentopfes. Scheinbar ergebnislos. Dann muss sie weiter.

Die Berliner Polizei twittert unter dem Hashtag Walpurgisnacht.

30.4.

Auf Seite 240 konnte ich es nicht mehr länger ertragen und musste die Lektüre von Jetzt Alles Sofort abbrechen. Abigail Ulman beschreibt da gerade eine Sexszene zwischen zwei australischen Teenagern, die übrigen Szenen in diesem Buch scheinen direkt von Fernsehserien übernommen, aber hier wird es, zunächst unmerklich, persönlich. Dabei ist die Szene rein technisch formuliert, aber halt nicht mehr so, wie bei meinem Generationsgenossen Bret Easton Ellis, der seine Innenräume nach Abbildungen aus Einrichtungszeitschriften gestaltet hat und die Sexszenen vom Porno abschrieb. Bei Abigail Ulman haben die Teenager die Dramaturgie und die Dialoge der Pornos verinnerlicht, sie spielen auch nichts nach, sondern halten all dies, was sie aneinander tun, für ihre Natur. Und lügen sich nicht nur hinterher gegenseitig an.

»Gefällt dir das?«, fragte Zach.

»Äh…«

»Ich tu so, als ob’s dir gefällt«, sagte er.

»Ich auch«, sagte Elise.

Sie lachten.

Ich las dann noch einige Zeilen, es wurde nur noch herzloser, und auf dem Umschlag ist ein Foto der Autorin im Sommerkleid abgebildet, die gesund und fröhlich in die Kamera schaut. Dahinter unscharfe Pflanzen.

*

Am Nachmittag ging ich dann zwei Stunden vor der Eröffnungsfeier in die Galerie Sprüth Magers, um mir die Installation von Alexandre Singh anzuschauen. Jan hatte mir geraten, dass ich mir Zeit nehmen sollte, weil es sich bei The School for Objects Criticized um ein Theaterstück handelte. Und saß dort also in einem komplett schallgedämpften, schwarz ausgeschlagenen Raum, in dessen Mitte auf unterschiedlich hohen Podesten sieben Gegenstände ausgestellt waren: ein Kassettenrekorder CAS 1500 von Califone, ein Kassettenrekorder mit Radioempfangsteil CAS 5272 des gleichen Herstellers, ein Toaster, ein origamiförmiges Kunstobjekt, eine Spiralfeder, ein Kanister mit Chlorbleiche der Marke Chlorax in der Duftnote Fresh Meadows, sowie ein ausgestopftes Stinktier. Das Stinktier tat glücklicherweise kaum etwas zur Sache, denn die darüber befestigten Scheinwerfer erteilen sozusagen den Gegenständen das Wort, und das Stinktier blieb die meiste Zeit der einstündigen Aufführung über im Dunkeln. Der Chlorbleichenkanister hingegen redete ziemlich viel, denn schon nach wenigen, für den willing suspense of disbelief-Effekt nötigen Minuten meldete das Gehirn des Betrachters, also nicht nur meins: die Clorflasche spricht. Und das natürlich »ätzend«, das gibt sie auch gleich zu Beginn dieser Party unter Dingen zu bedenken, dass dies nun einmal ihrem Naturell entspräche, ätzend zu wirken. Reinigend halt aber auch. Und so wirft dann ungefähr nach einer halben Stunde der Toaster eine existenzielle Frage in die Runde: »But I’m sorry, where do we… I mean… Where is it that us in this room… Where is it that we came from?«

Woraufhin der Scheinwerfer über der Chlorflasche angeht: »Baby, can you be that naïve [lowering his voice to an intimate leve]. Listen, when two bleach bottles love each other very much, hey go into a dark cupboard – you know, the one under the kitchen sink. They close the door behind them [speaking with increasing desire] and passionately they begin to take off each other’s labels. Caps unscrew, fluids ooze down curved flanks –«

»Please«, schreit die Spiralfeder »Can we leave your voluptuary till later? Why don’t you give me a hand taking the glasses into the kitchen?«

Ende der vierten Szene. Es waren weder Gläser noch war eine Küche zu sehen.

29.4.

Ich liebe es, wenn Anfang Mai im Unterholz die jungen Blätter schon dicht und hell entfaltet sind. Als ob eine Wolke aus grünem Licht durch das Spalier der nackten Stämme triebe.

Die Krone der Blutbuche neben dem Haus wirkt wie mit einer Folie bekleidet, das Licht erscheint rosa, ich laufe meine Treppen hinauf und lasse den Parka an und auch die Schuhe, denn es geht jetzt um Sekunden. Die Sonne, es gibt keine Halbsonne, weder zunehmend, noch abnehmend, weder z noch a, diese Sonne steht gerade noch ganz über dem dunkelblauen Streifen am anderen Ufer und quer über dem See liegt das gehämmerte Gold, ein Tamtam für Wendelin, »das Fischgericht stieg hernieder«.

Früh zu Bett.

Um 3 Uhr und 03 Minuten wache ich auf, freue mich und mache die Balkontür auf. Stunde der Nachtigall, dazu wieder einschlafen. Ohne die Kopfhörer. Es ist ja so schwer, die endlos variierte Melodie der Nachtigall zu beschreiben. Es sind ja zwei Nachtigallen. Die andere, ist es eine sie?, antwortet beständig mit fünf langgezogenen Lauten. Womöglich ist es ein und dieselbe und sie ahmt in und für sich eine ihr antwortende Nachtigall nach. In Los Angeles hatte ich einen mockingbird im Garten, den ich nie zu Gesicht bekam, der konnte den aufwippenden Sound der ferngesteuerten Türverriegelung eines BMWs nachmachen.

Am Abend des Todestages von Prince hatte Carl Craig ein Foto aus seinem Hotelzimmer gepostet, darauf waren eine Flasche Bordeaux, zwei kleine Flaschen Tequila und eine Flasche San Pellegrino zu sehen. In seiner Bildunterschrift hatte er sich beim Hotelpersonal bedankt, dass die ihm sämtliche für die Zubereitung eines Purple Rain notwendigen Zutaten aufs Zimmer gestellt haben. Ich habe viele mögliche Mischungsverhältnisse ausprobiert. Schmeckte echt grauenhaft. Dann erst gegoogelt und herausgefunden, dass es ziemlich viele Rezepte gibt, einen »Purple Rain« zuzubereiten, aber keines davon mit Mineralwasser, Rotwein und Teq.

Wie leicht es dir fällt, jemandem vertrauen zu wollen, sobald du ihn erst in dein Herz geschlossen hast.

Und wenn du ein Vöglein wärst, dann.

28.4.

Nachdem ich auf der Eröffnung des Dandy Diners aufgrund dessen Überfülltheit so gut wie nichts von der Raumgestaltung hatte erkennen können, ergab sich nun gestern Abend eine willkommene Gelegenheit. Carl Jakob Haupt empfing die geladenen Gäste in der von Henrik Vibskov entworfenen Uniform aus Schürze, Mongolenkäppi und Kurzarmhemd. Kurt Karl David Roth hingegen und sozusagen in zivil. Passend zur Farbe der Wandfliesen, laut Carl Jakob Haupt handelte es sich um den Farbton des Jahres 2016 auf der Pantoneskala, wurde eine gekühlte Limonade mit Kirschblütenaroma ausgegeben, die angeblich aus einer Berliner Limonadenfabrik stammte – extrem köstlich, war mir neu. Haupts rechter Unterarm war eng mit Frischhaltefolie umwickelt, da er sich kurz vor dem Beginn des Abends zu Ehren des Modeschöpfers Vibskov noch eine Tätowierung hatte machen lassen. Bei der Vorspeise (Salat aus Linsen) erzählte er mir, wie es zu der geborstenen Schaufensterscheibe gekommen war. Offenbar stellt die Corporate Identity des Dandy Diners – das Logo besteht aus einem zwinkernden Schweinegesicht – in der unmittelbaren Nachbarschaft des ja nicht gerade kleinen, sondern, vergleichbar mit einer innerstädtischen Filiale von Burger King oder McDonalds, schon eher auffälligen Schnellrestaurants, eine gewaltige Provokation dar. Beziehungsweise provoziert sie Gewalt. So soll, laut Haupt, ein Duo aus vollbärtigen Männern mit glattrasierter Oberlippenpartie sich neulich abend vor dem Diner aufgestellt haben, um mit »Hurensohn, Hurensohn«-Rufen ihrer Abscheu Ausdruck zu verleihen. Kurz darauf erschien eine weitere Person männlichen Geschlechts, um mit einem, wie Haupt es ausdrückte, Roundhouse Kick die Schaufensterscheibe einzutreten. Die Angestellten des Dandy Diners verließen aufgeschreckt ihre Arbeitsplätze in der zartrosa gekachelten Küche und sahen den Übeltäter gemütlich die Karl-Marx-Straße hinaufschlendern, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Reparatur der Scheibe wird weit mehr als 1000 Euro kosten. Die Versicherung hat bereits angedroht, beim dritten oder vierten Fall von Vandalismus auszusteigen. Die Polizei riet den Betreibern Carl Jakob Haupt und Kurt Karl David Roth, sich Gedanken über ein anderes Logo zu machen. Das ursprüngliche Anstreichen der Aussenfassade im Pantone-Farbton des Jahres wurde aus Sicherheitsgründen ebenso untersagt, wie das Anbringen des Schweinegesichtes aus Neon, dessen Auge blinken sollte, um ein Zwinkern zu simulieren.

Beim Risotto mit Artischocken, erst recht aber bei der Mangocreme mit Kokosflocken, dachten wir intensiv nach, mit welchem Tiergesicht die Salafisten uns denn so richtig provozieren könnten, kamen aber auf nichts.

Dann traf Mary Scherpe ein, als cum tempore war das schon lange nicht mehr zu bezeichnen, machte Snapchat an und riet mir, meinen Bart abzunehmen. Sie fand ihn »viel zu lang«.

27.4.

Beim absichtslosen Herumsurfen auf der Website der Deutschen Post entdeckte ich dort das Angebot, Telegramme zu versenden – dass es die immer noch geben darf! Ich probierte es sofort aus und tatsächlich, das funktioniert! Die Deutsche Post ist ja an sich schon ein zauberhaftes Unternehmen, das haben die Jungs von Vetements goldrichtig erkannt. Ich kenne kein Land, in dem es so preiswert ist, eine Postkarte zu verschicken, vor allem kommen sie in Deutschland nicht nur tatsächlich, sondern auch unverzüglich und unbeschädigt an. Da, wie Jörg Splett sagt, Dankbarkeit eines Adressaten bedarf, schrieb ich eine E-Mail zur Sache an Frau Manteufel aus dem Team Unternehmenskommunikation der DPDHL, wie der mit dem Vetements-Kollektiv fusionierte Konzern mittlerweile heißt. Die Antworten stammen vom Pressesprecher der DPDHL, Alexander Edenhofer.

Sehr geehrte Frau Manteufel, liebes Team,

Beim absichslosen Herumsurfen auf ihrer Seite stieß ich auf das Angebot, Telegramme zu verschicken. Ich habe es sofort ausprobiert — und tatsächlich! Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich fand und finde Telegramme wunderschön. Aber seit sich E-Mail etabliert hat: Wer nutzt Telegramme?

Von daher meine Fragen:

1 Wer nutzt ihrer Erfahrung nach noch Telegramme?

Das können wir so nicht sagen, da wir ja nicht wissen (können), wer jeweils Telegramme aufgibt. Neben Privatkunden, die das Telegramm z.B. für Anlässe wie Geburtstage oder Goldene Hochzeit nutzen, gibt es auch viele Unternehmen, die dieses Produkt aufgrund seines Aufmerksamkeitswertes nutzen, z.B. bei Firmenjubiläen, als Einladungen oder auch Mahnungen.

2 Worin besteht deren Vorteil? Nostalgie?

Der Vorteil besteht darin, dass das Telegramm ein hochwertiges Traditionsprodukt und besonders aufmerksamkeitsstark ist. Beim Empfänger wird es – je nach Inhalt – als besonders wertschätzend und persönlich wahrgenommen. Es hat einen hohen Erinnerungswert und hebt sich von der sonstigen Post – allein schon durch die persönliche Übergabe durch den Zusteller – positiv ab.

3 Wie wird ein Telegramm heute übertragen, wer trägt es aus?

Siehe hier: https://www.deutschepost.de/de/t/telegramm/haeufige-fragen.html

4 Wozu dient die Zeichenbeschränkung auf 160 Anschläge?

Der Preis des Telegramms richtet sich nach der Anzahl der Zeichen. Angelehnt an die Historie wird mit einem Telegramm etwas Wichtiges, Besonderes verbunden und der Absender konzentriert sich auf eine kurze Botschaft, z B. einen Glückwunsch oder ein Dankeschön. Mit unserem Mini-/Maxitelegramm sowie den Zusatzzeichen ist es jedoch ebenso möglich, das DIN A4-Blatt statt mit einer Kurzmitteilung mit langen Nachrichten zu füllen. 

5 Weshalb keine Emojis?

Hier lehnen wir uns noch immer ein bisschen an das Aussehen des Traditionsproduktes an: klassisch und hochwertig. Da das Produkt aufgrund seines Produktionsprozesses auch nur in schwarz/weiß ausgedruckt werden kann, kämen die Emojis sowieso nicht richtig zur Geltung. Ein Smiley im Format „ :-D “ kann jedoch mit jeder Tastatur in den Text eingefügt werden.

6 Warum steht zwischen den Sätzen der Mitteilung nicht mehr das schöne +Stop+?

Da das Telegramm vermehrt auch von Geschäftskunden genutzt wird und hier der Kunde seine Texte komplett eigenständig formulieren möchte, haben wir von der „Zwangsvorgabe“ dieses Wortes bzw. der Reglementierung abgesehen. Es steht jedoch jedem frei, in seinen Text „+Stop+“ einzubauen, wenn er damit seinem Telegramm einen historischen Charakter verleihen möchte.

7 Warum bewirbt der Konzern diese herrliche Kommunikationsoption nicht offensiv?

Wir haben erst im letzten August eine Pressemitteilung zur Neuerung herausgegeben, dass Telegramme von da an mit Wunschtermin und taggleicher Zustellung (bei Beauftragung zwischen 0:00 und 3:00 Uhr nachts) angeboten werden (Abb. Hyperlink zur Pressemitteilung der DPDHL). Wir hatten zudem eine Weihnachts- und eine Osteraktion, sogar mit saisonalem Schmuckblatt, bei der das Telegramm zu einem Sonderpreis beauftragt werden konnte. Im Übrigen bewerben wir das Telegramm immer wieder mal auf unserer Website www.deutschepost.de und auch bei Facebook.

8 Geht es in den Telegrammen heute mehrheitlich um Liebesdinge, wird die Telegrammfunktion überwiegend von Liebenden benutzt?

S.o.: Es gibt viele Anlässe für das Telegramm: Geburtstag, Hochzeiten, Schulanfang, Goldene Hochzeit, Muttertagsgrüße aber auch Firmenjubiläen, Einladung zu besonderen Firmenveranstaltungen oder Mahnungen. Was die Absender jedoch im Detail in das Telegramm schreiben, wissen wir nicht, denn das unterliegt selbstverständlich dem Briefgeheimnis.

9 Ist der Telegrammdienst ein Zuschussgeschäft des Konzerns, ein Prestigeobjekt, oder wirft er gar Gewinne ab?

Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu finanziellen Kennzahlen einzelner Produkte grundsätzlich nicht äußern.

26.4.

Neulich, als die Aufnahmen von den Privaträumen Donald Trumps gepostet wurden, lag dort, auf dem größten Sofatisch der Welt natürlich der größte Bildband aller Zeiten (bei Büchern mit Text drin ist diese Kategorie schwer zu fassen, weil sich die Größe des Inhalts ja erst im Bewusstsein und danach in der Erinnerung seiner Leser dimensioniert; das größte Textbuch aller Zeiten kann also fallweise auch von seinen physischen Abmessungen her zunächst wie für die Winzlinge gemacht scheinen – aber dann): das über den Berufsboxer Muhammed Ali.

Das nahm ich hin wie selbstverständlich: Also dass ein Proll auf goldene Gardinen besteht und auf Auslegeware von Donatella Versace ist doch bekannt und sozusagen Usus. Ebenso, dass solche Leute aus eher einfachen Verhältnissen entweder ganze Bibliotheken mit Schweinsledernem kaufen (Dieter Bohlen) oder nur ein einziges Buch zum Vorzeigen besitzen, dafür gibt es ja schließlich den Taschen-Verlag. Den Rest besorgt dann im Falle Trump der Ausblick durch vergoldete Fensterrahmen: umgeben von den Häuserspitzen der teuersten Stadt der Welt, Hauptstadt der Juden. Im Vergleich dazu hat Adolf Hitler auf dem Obersalzberg ja eher bescheiden gelebt (die Interior-Strecke gibt es bekanntlich auch). Aber das war eben eine andere Zeit.

Im kleinsten Buch aller Zeiten, jedenfalls all derer, die jemals im Taschen-Verlag erschienen sind, und dort auch im schönsten, das dieses Verlagshaus jemals publiziert hat, fand ich nun die Anekdote, dass Albert Speer, der bezeugt hatte und niedergeschrieben, was an den Abenden auf dem Obersalzberg so gemacht wurde unter dem damals noch nicht existenten Hashtag workhardplayhard, wie es nun scheint, wohl ein Riesenfan gewesen war von Je t’aime…moi non plus, also diesem ultraguten Lied, dessen Dimension derart ausgreifend sich in, wie ich annehmen will, jedermanns Bewusstsein saharahaft breit gemacht hat, so dass es in Wirklichkeit niemand mehr hören will. Wie Andrew Birkin sich in dem quadratischen Begleitheft zu seinem poesiealbengroßen Bildband über die Liebe seiner Schwester Jane zu Serge Gainsbourg erinnert, konfrontierte Albert Speer nach seinen Jahrzehnten in der Spandauer Haftanstalt aber Serge Gainsbourg mit dem Wunsch, sich eine Vinylsingle von Je t’aime…moi non plus signieren zu lassen. Zum Anlass schweigt die Erinnerung, leider, aber man trifft ja heute gerade auf Partys die unterschiedlichsten Menschen unterschiedlichster Neigungen und Milieus (*Scherz, aber es war halt eine andere Zeit).

Hat also, dies nur als Fantasie, Albert Speer womöglich in den Jahren nach seiner Entlassung aus seiner Spandauer Zelle Je t’aime obsessiv gehört? Also nicht in einem Guantanamo-Sinn, unter Zwangsbeschallung, sondern ex negativo als ein Verdrängungslied seines Schuldbewusstseins? Und warum, wenn dem so gewesen sein sollte – seine Erinnerungen schweigen davon, ich habe eben noch einmal nachgesehen – ließ er sich dann den Datenträger dieses seines Schuldbewusstseinsauslöschungssoundtracks von Serge Gainsbourg, der Jude war, signieren?

Der hat ihm, auch davon zeugt dieses wunderschöne, für Taschen-Verhältnisse winzigkleine, dabei aber riesengroße Buch Jane and Serge, diesen letzten Gefallen übrigens getan. Und ich nehme mal an, also, ich will es hoffen: Donald Trump hört permanent Nina Simone.

25.4.

Hayden Christensen, zusammengesunken, sein Gesicht oberhalb hängender Schultern, in einem kirschblütenfarbenen Hemd, das ihm aufgrund seiner Haltung zu groß erscheint. Die beiden obersten Knöpfe sind geöffnet, aus den Schatten dahinter tritt sein Adamsapfel scharfkantig hervor. Die Farbe seiner Lippen: vier Nuancen dunkler als der Kirschblütenton des Hemdenstoffes. Ratloser Blick. Eine Träne ist bis auf zwei Zentimeter vor seinem linken Mundwinkel herabgerollt. Die Lider sind angeschwollen. Im unteren Drittel des Hintergrundes ist der gewellte Bezugsstoff eines weißen Sofas zu sehen. Der dahinter beginnende Hintergrund des Raumes erscheint einfarbig in einem warmen Graubraun.

Ed Harris in einem dunkelgrauen Einreiher aus Flanell, darunter ein dunkler Pullover mit Rundhalsauschnitt. Der Sessel, aus dem heraus er sich in den Vordergrund beugt, steht direkt neben einem Fenster. Durch die Gardine aus hellem Stoff fällt das Licht des frühen Morgens. Es sind keine Tränen zu sehen in seinem Gesicht, aber dafür sein Blick, den er zu Boden, und dort auf einen Punkt weit außerhalb des Bildrandes gerichtet, hält; da sind die zusammengezogenen Brauen, die Falten auf seiner Stirn, sowie, es ist im Anschnitt zu erkennen, die Haltung seiner Hände, die er bei auf die Lehnen des Sessels gelegten Unterarme mit den Fingerknöcheln aneinandergelegt hält. Der Hintergrund ist unscharf und dunkel, bis auf den kleinen Schnipsel der Glasfüllung einer in den Nebenraum führenden Tür.

Dustin Hoffman, nackt, seine Haut erscheint in dem ihn umgebenden Raum, in dem alles von strahlendem Weiß ist, auf unnatürliche Weise gebräunt. Das Haar ist kurz geschnitten und jungenhaft verstrubbelt. Im Gegensatz dazu wirken seine Oberarme plump, schlaff. Sein Blick ist nicht zu erkennen, er hält die Augen geschlossen. Alles leicht unscharf, so als ob er den Raum zum Schluchzen gebracht hat. Einige Kosmetikprodukte von Elizabeth Arden. Durch die geschlossenen Jalousien vor dem Fenster am rechten Bildrand dringt kalifornisches Licht.

Forest Whitaker in einem magentafarbenen Guayabera, dahinter entsteht scheinbar aus dem Verlauf seiner Silhouette die Lehne eines Sofas oder Sessels aus rostrotem Korbgeflecht. Seine rechte Hand unterstützt den Ellbogen des linken Unterarmes, den er, die Finger bleiben unscharf in einer abwehrenden Haltung, vor sein Gesicht zu schwenken versucht. Sein Blick geht zur Seite, der Mund steht offen, die obere Zahnreihe sticht weiß hervor. Darüber ein schmaler Oberlippenbart. Die Gesichtszüge sind verzerrt, die Stirn liegt in Falten, alles glänzt. Im Hintergrund des Sitzmöbels ist eine Stehlampe aus Bronze nach dem Entwurf Frank Lloyd Wrights zu sehen.

Jude Law in weiten Jeans und einem ecrufarbenen Hemd von Tom Ford, in einer Zimmerecke auf dem Fußboden. Die Füße leicht angehoben, schwarze Brogues, Schatten an der Wand. Sein Gesicht verbirgt er zur Hälfte hinter dem linken Unterarm, der bei geöffneten Manschetten nackt und mit angespannten Sehnen wie ein Fremdkörper aus dem Ärmel hervorzustoßen scheint. Die Augen sind geschlossen. Die Brauen so weit zusammengezogen, dass eine tiefe Falte von der Nasenwurzel bis in den Haaransatz hinein entstanden ist. Mit seiner Nasenspitze berührt er beinahe die Haut des davorliegenden Unterarmes. So als wischte er darüber (hin und her).

Gabriel Byrne in einem himmelblauen Hemd aus ägyptischer Baumwolle, es steht sehr weit offen, slack pants in grauem Beige. Das linke Knie angezogen, das rechte Bein von sich gestreckt, hält er seine Hände übereinandergeschlagen auf dem linken Knie. Um das rechte Handgelenk, es liegt zuoberst, führt das silberne Band einer Panzerkette. Am Ringfinger der zugehörigen Hand steckt ein silberner Siegelring. Die Manschetten des Hemdes sind beidseitig aufgekrempelt. Am Rücken der linken Hand, mit der er den beginnenden Unterschenkel seines linken Beines umfasst hält, treten die Adern hervor. Der linke Zeigefinger macht eine unzusammenhängende Geste. Der Blick geht nach links unten zu Boden, die Haut des Gesichtes erscheint insgesamt gerötet. Auf den Lidrändern und in den Wimpern glänzt Tränenflüssigkeit. Der Hintergrund, ein Fenster, wird von einem Vorhang aus papierweißer Gaze verhüllt. Es ist hellichter Tag.

Sam Shepard in einem dunklen Pullover (die Aufnahme ist schwarz-weiß). Er stützt das Gesicht in die Handschale der Linken. Der kleine Finger berührt den Lidrand, es wirkt so, als ob er ihn damit stützt. Der Blick geht zu Boden, die Stirn liegt in Falten. Der linke Mundwinkel wird von der Handfläche verdeckt, auf dem Handrücken ist ein kleiner Leberfleck zu sehen. Der rechte Mundwinkel hängt herab und das umgebende Gewebe hat sich zu einem dreieckigen Polster geballt. Sein Haar ist dunkel, sehr kurz geschnitten und die Struktur der Haare scheint so fein, dass im Gegenlicht jedes einzelne von ihnen wie mit einem Druckbleistift technischen Härtegrades illustriert worden erscheint.

Woody Harrelson in einem dunklen Flanellhemd, die obersten drei Knöpfe gelöst, darunter ein dunkles T-Shirt, darüber eine Windjacke mit grobem Reißverschluss, der offen steht. Sonnenlicht fällt auf die obere Hälfte seines Gesichtes, im Hintergrund sind unscharf drei Bäume zu sehen. Sein Blick geht nach rechts unten zu Boden, darüber helle Wimpern. Im Kinnbereich wirkt er unrasiert. Zwischen den zusammengezogenen Brauen ist eine Furche entstanden, die bis zur Mitte seiner Stirn reicht. Die Spuren seiner Stirnfalten sind zu erkennen, aber dennoch wirkt die Haut über seiner Stirn glatt und entspannt.

Ryan Gosling in einem grauen Anzug, in Glencheck gemustert, weiße Manschetten, die Manschettenknöpfe in Form zweier Knebel, vermutlich Koralle, wahrscheinlich Secondhand. Er hockt auf einem Heizkörper, die Abdeckung ist weiß lackiert, allem Anschein nach im Brown’s Hotel (London). In seiner rechten Hand hält er zwischen Daumen, Zeige- und Ringfinger eine bis auf den Filter heruntergerauchte Zigarette. In die Handschale der Linken stützt er sein Gesicht. Am Ringfinger der linken Hand steckt ein schmaler Reif aus Silber. Seine Nasenspitze wird gegen den kleinen Finger der Linken gepresst, sodass sich der Nasenflügel verformt. Die Aufnahme ist unscharf, die Augen wirken geschlossen, drei Falten reichen quer über die Stirn.

Tim Roth in einem schwarzen Pullover, die Ärmel bis an die Ellenbogen hochgeschoben. Die Hände vor den Lippen aneinandergelegt. Am Ringfinger der rechten steckt ein breiter, goldener Ehering. Sommersprossen auf den Handrücken. Ein rötlicher Schnurrbart, getrimmt, die Lider sind rot und stark angeschwollen. Tränen glänzen in den Augen, die Farbe der Iris ist nicht zu erkennen. Im Hintergrund, unscharf: Sonnenlicht und Vegetation.

Willem Dafoe in einem roten Hemd mit kurzen Ärmeln, weit aufgeknöpft, darunter ein weißes T-Shirt von Zimmerli. Mit dem Rücken der linken Hand wischt er sich den Winkel des linken Auges, das durch die Geste zur Hälfte verdeckt wird. Die Lider des rechten sind weit aufgerissen, der Blick geht zur Seite, nach links. Im Hintergrund ist ein ungemachtes Bett zu sehen, sowie, an der Wand montiert: das Steuerungselement einer Klimaanlage.

Kris Kristofferson in einem schwarzen Hemd, bis obenhin geschlossen. Die Mittelknöchel seiner Finger an der rechten Hand stützen den Kopf an der rechten Schläfe. Ein graumelierter, kurzer Bart umgibt die fest geschlossenen Lippen, deren Oberfläche gefurcht ist und von einem hellen Rosa im Kontrast zu seiner ansonsten sonnengebräunten Gesichtshaut. Viele Runzeln und Falten. Kaum Augenbrauen. Toter, nach innen gewendeter Blick. Unter dem rechten Auge haftet eine Träne, wie dort erstarrt.

Paul Newman, in Schwarz-weiß aufgenommen, er trägt ein weißes Polohemd von Sulka, den Kragen aufgestellt. Drei Finger seiner rechten Hand sind auf die rechte Gesichtshälfte aufgelegt; der Ringfinger verdeckt gänzlich das rechte Auge. An diesem Ringfinger: ein klobiger Siegelring, darin eingelegt ein dunkler Stein, darauf, in Silber eine arabische Zahl (1). Kaum Lippen, darüber und darunter tiefe, senkrechte Falten. Das linke Auge schaut unter der weißen Augenbraue drein. In seiner Iris spiegelt sich etwas vom Raum.

Daniel Craig in einem anthrazit und dunkelgrau gestreiften Hemd, darüber einen ausgewaschenen Pullover aus schwarzer Merinowolle, Jeans. Das Sonnenlicht brennt auf seiner Stirn ein Quadrat aus, der Rest des Gesichtes liegt im Schatten. Das Weiß in seinen Augen ist wie auch die Lidränder gerötet. Unter den wulstigen Tränensäcken glänzen Tränen. Mit dem Rücken der rechten Hand, deren Fingerspitzen in seinen Schoß weisen, wischt er seine Nasenspitze. Am Ringfinger steckt ein zwei Zentimeter breiter Hopi-Ring. Die Linke hängt in verquerer Haltung, am Unterarm auf den linken Oberschenkel gestützt, vor seinem Schoß. Die Finger dabei eingerollt, wie der Trieb eines Farns.

Michael Gambon in einem weißen Hemd (pin point quality) von Brooks Brothers, dunklem Jackett, vor einem gleißenden Hintergrund. Die rechte Hälfte seines Gesichtes liegt im Schatten. Ratloser Gesichtsausdruck. In beiden Augen glitzern Tränen. Er atmet aus.

John Leguizamo in einem bis unten hin aufgeknöpften, schwarzen Hemd von Versace. Um den Hals trägt er eine silberne Gliederkette, die Hände halten ein Stielglas, gefüllt mit Rotwein. Am rechten Handgelenk eine Armbanduhr von Omega, das Ziffernblatt zeigt zu Boden. Der Gesichtsausdruck gibt Widerwillen, beinahe Abscheu wieder. Und Abscheu vor der Abscheu, das momentan vorherrschende Gefühl nicht empfinden zu wollen. Der Blick ist nach rechts vorne gerichtet. Sonnenlicht fällt auf die linke Gesichtshälfte. Gleich daneben: ein weiß lackierter Rahmen eines Sprossenfensters, draußen: bricks. Dahinter: die Innenstadt.

Michael Pitt in einem anthrazitfarbenen T-Shirt, extrem dunkle Lichtstimmung: beide Unterarme, sowie Teile seiner rechten Gesichtshälfte treten umso deutlicher hervor. Der rechte Unterarm unterschlägt den linken innerhalb der Verschränkung. An der Daumenwurzel ist eine feingliederige, blaue Tättowierung (Striche, Ranken) zu sehen. Den rechten Unterarm umschließen zwei Bänder, zunächst eines aus semitransparentem, türkisfarbenem Kunststoff mit Snap-Back-Verschluss, dann weiter hinten ein schwarzes Gummiband, und auf dem Handgelenk klebt ein Wundpflaster, weiß, auf dessen gepolsteter Mitte ein Herz aufgemalt wurde. Die darüberhinwegverlaufenden Buchstaben (schwarze Tinte) sind nicht zu entziffern. Er hält beide Augen geschlossen. Die Wimpernbögen erscheinen gezackt. Dicke Strähnen des mittelblonden Haupthaares rahmen sein Gesicht.

Ben Stiller in einer Lederjacke (Ziege) von Tom Ford. Der Anschnitt gibt den Fahrersitz eines Sportwagens frei. Dahinter Rasen. Die rechte Hand verdeckt alles oberhalb der Nase. Die Lippen liegen gelöst aufeinander. Die Stellung der Finger erscheint spielerisch, der Zeigefinger wirkt beinahe kokett.

Ray Winstone in einem perlgrauen Hemd, die drei oberen Knöpfe geöffnet. Bartstoppeln (zwei Tage alt), die Lippen ein wenig geöffnet, dahinter ist eine Blase aus Speichel zu sehen. Seine rechte Hand hält ihm den Hinterkopf. Die Augen sind geschlossen, etwas zusammengepresst. Auf der Mitte seiner rechten Wange, inmitten der Stoppeln: eine Träne, die winzig erscheint.

Robin Williams, marineblaues T-Shirt von Prada, hellgraue slack pants, er sitzt auf den Treppenstufen im Vorgarten eines im für Los Angeles typischen Hispanostil erbauten Hauses. Von links und rechts ragen die Blattspitzen von Oleandersträuchern ins Bild. Die Unterarme von Robin Williams sind dicht und lang und dunkel behaart. Seine Hände sind zu einer einzigen Faust zusammengeballt und verschränkt, sodass sein dahinter gelegener Mund zum Verschwinden gebracht wurde. Der Blick geht nach rechts unten. Sein Haar ist in einem Seitenscheitel von links nach rechts hoch über die Stirn gekämmt. Seine Stirn liegt in drei breiten Falten, in deren Mitte sich jeweils ein parallel ausgerichtetes Gravitätszentrum zu befinden schint. Um sein linkes Handgelenk ist eine Armbanduhr von Breitling geschnallt.

Steve Buscemi in einem in stahlblau und marineblau gestreiften Hemd von Dries Van Noten, zwei Knöpfe offen und darunter ein schwarzes T-Shirt von American Apparel. Seine rechte Hand schießt aus dem Vordergrund wie ein Projektil auf sein Gesicht zu und dabei macht es den Anschein, als ob es sich bei dem angenommenen Aufprall an seiner Stirn in einen Oktopus gewandelt hätte – doch das ist seine Hand. Seine Augen sind geschlossen. Das Leberkranke, das seine Lider schon immer vermitteln konnten, es scheint hier noch einmal und dabei um das maximal mögliche verstärkt. Tiefe Furchen links und rechts seiner Lippen, denen ein Beben und Zittern tatsächlich anzumerken scheint. Von der linken Hand ist nichts zu erkennen, lediglich der Unterarm, der Rest bleibt Napoleonsgeste. Am Halsansatz sieht seine Haut aus wie mehrfach geschmolzen und daraufhin in immer anderen Zuständen erstarrt.

Laurence Fishburne in einem Wintermantel aus schwerem Pelz (shaved beaver) von Tom Ford. Im Hintergrund ist eine an Science-Fiction erinnernde Kulisse, vermutlich handelt es sich dabei um ein Schwimmbad, zu sehen. Ein geometrisch rasierter Bart umrahmt seine Lippen, sein Kinn. Die aus beiden Augen strömenden Tränen reflektieren den Lichtschein des Ringblitzes.

Michael Madsen, in einem weißen T-Shirt und in Jeans auf einem Fensterbrett. Im Hintergrund sind Blätter der Falschen Bananenstaude zu sehen. Eine silberne Kette pendelt um seinen Hals, die rechte Hand ist in einen Wundverband gewickelt. Am linken Handgelenk trägt er eine Rolex Oyster Royale mit goldener Lünette. Am selben Oberarm findet sich die Tättowierung eines Logos bestehend aus einem Kreis mit beidseitig angebrachten Adlersschwingen. Die verbundene Hand hält er an die Lippen geführt. Die Stirn zeigt Runzeln. Der Blick ist flehentlich, steil nach links oben gerichtet.

Chiwetel Ejiofor in einem geblümten Hemd, darüber ein dunkles Jackett mit Kreidestreifen. Seine rechte Hand liegt auf seinem Kopf auf, sein Blick scheint zweifelnd, die Stirn gerunzelt. Mit der linken Hand umklammert er ein Kissen. Die Tapete der Schlafzimmerwand ist halb glänzend, halb nicht, vertikal gestreift.

Sean Penn in einem schwarzen T-Shirt und eisblauen Jeans. Er schaut zu Boden. Auf seinem linken Unterarm ist die Tättowierung eines chinesischen Schriftzeichens zu sehen. Im Hintergrund: Die Balustrade des Bradbury Building, sowie dahinter gelegener Gebäude in Downtown Los Angeles.

Benicio del Toro in einem weißen Hemd, extrem weit geöffnet, sowie einem marineblauen Jackett (beides Brioni). Er hält beide Augen geschlossen, es wirkt mehr wie beten, denn wie weinen. Eine seiner Stirnlocken weist aus der ansonsten geschlossenen Frisur heraus nach vorne rechts und findet in einem Nagel, der aus dem Rahmen des lichten Fensters strebt, eine kuriose Entsprechung.

Philip Seymour Hoffman. Ach Mann. Ausgerechnet du. Du trägst ein in Marineblau, Bordeaux und Leinenweiß kariertes Hemd. Die Hose ist flaschengrünfarbend. Dazu keine Schuhe, deine Socken sind weiß. Der Überwurf des Bettes, auf dem du sitzt, scheint in goldenen Tönen gemustert, kann aber sein, dass es an der Wandfarbe im Hintergrund liegt: moosiges Grün. Deine Hände sind lustlos gefaltet, so als seiest du zu müde gewesen; zu müde, um schlafen zu gehen, aber auch. Keine Tränen, kein Glitzern, ich sehe es kurioserweise in deinen Haaren, in deiner Frisur, dass du weinst.

24.4.

Gestern bekam ich eine Ahnung davon, was hier bald los sein würde. Gegen Mittag war der See von Booten dicht befahren, und im kleinen Hafen schräg gegenüber trat eine Band auf, die spielten Chaka Khan. Beim Einkaufen in dem Dorf am Nachbarsee kam ich an einem Imbiss vorbei, der jetzt ein Schild angebracht hatte. Da wurde verkündet, dass dort auch Surfbretter vermietet würden. Die Surfbretter sind länger als ich. Der See ist doch gar nicht groß. Es ist aber wohl so, dass auf dem See nicht mit Segel gesurft wird, sondern im Stehen, und man treibt das Surfbrett dann mit einem langen Paddel an. Auf dem Schild des Surfbrettvermieters weist eine niedliche Ananas mit Augen auf die Surfbretter hin. Der benachbarte Supermarkt, ein Aldi, hat französische Dimensionen und es gibt darin diese Gemüsekühlschränke, aus denen permanent kühler Nebel quillt. Alles sehr aufgeräumt und sehr sauber in den breiten Gängen, und die Kassen werden von Jungs in Kurzhaarfrisuren bedient, die sich beim Kassieren gegenseitig zum Lachen bringen und eine Abercrombie-&-Fitch-Atmosphäre verbreiten. Alle, auch die Kunden, redeten davon, dass jetzt bald »die Saison« begänne. Auf der Uferseite des S-Bahnhofes: Taverne Seestern. Im Park prügelten sich zwei Obdachlose um eine Pfandflasche. Sie verfolgten sich, rennend, am Ufer entlang, über die Wiese. Seine Krücke hatte der eine längst weggeworfen.

23.4.

Friedrich Forssman, der Zettels Traum von Arno Schmidt gesetzt hat – zehn Jahre lang hat er die hektographierten Schreibmaschinenseiten der Originalausgabe in den Computer eingegeben und daraus dann die erste barrierefrei lesbare Ausgabe geschaffen - hat mir einmal erzählt, dass er diese zehn Jahre als eine wunderschöne Zeit empfunden hat. Aufgrund dieser Tätigkeit des Dienenden. Er sagte damals wörtlich: »Ich finde es einfach angenehm, dabei meine Gedanken vor sich hin dieseln zu lassen.« Damals machten wir ein Buch zusammen: Ich hatte On Drink von Kingsley Amis übersetzt, Friedrich Forssman hatte aus meinem Manuskript erst ein Buch gestaltet und die Alkilope Eugen Egner durfte dann über die makellos lesbaren Seiten mit blauem Kuli drüberkritzeln. Leider leider hatte kurz nach Erscheinen der Sohn des verstorbenen Schriftstellers, Martin Amis (Abb. Emoji »Face With Medical Mask«) ein Exemplar davon in die Hände bekommen und befahl dem Verlag, die gesamte Startauflage zurückzuziehen, da ich damit ja eindeutig das Andenken an seinen Vater, immerhin Sir Kingsley Amis, in den Schmutz zu ziehen trachtete. Stimmte zwar nicht, sowas von überhaupt nicht übrigens, kam aber anscheinend so rüber. Na ja, Humor. Schwierig.

Im September 2015, vielleicht auch schon im August, das lässt sich im Nachhinein bei Twitter nicht mehr so genau recherchieren, begann ich auf einen Hinweis Friederikens hin, @dickebuerste53 zu folgen. In der Vorweihnachtszeit veröffentlichte er, der sich damals noch Theophilus Knesebeck nannte, einen Tweet über Bügelwasser, den ich derart lustig fand, dass ich mir seinen gesamten Twitterfeed durchzulesen begann. Es waren damals bereits mehr als 11.000 Texte à 140 Anschläge. Einige, sehr viele davon, waren so gut, so seltsam erdacht, dass ich Anne und Ingo bat, @dickebuerste53 als Autor auf waahr.de veröffentlichen zu dürfen. Mittlerweile nannte er sich Justissimo, dann später später noch einmal anders, aber das änderte nichts an der Qualität der Texte von @dickebuerste53. Es ist hier ein Autor zu entdecken, der  – Methode Matthew Barney – die Zeichenbeschränkung des angeblichen Kurznachrichtendienstes Twitter entdeckt, adaptiert und zu einer Kunstform entwickelt hat.

Ich habe einige Tage meine Gedanken vor sich hin dieseln lassen dürfen. Ich habe oft und sehr viel gelacht. Manchmal auch schon beim bloßen Gedanken daran, gleich wieder an meine Arbeit gehen zu dürfen. Das war eine sehr schöne Zeit, Tage wie ausgeblasene Eier sozusagen, aber noch schöner fand ich es dann, als Stefanie gestern mit dem Korrekturlesen fertig war und wir nun ab heute den entschlackten und polierten Twitterfeed von Justin Andre, so lautet der Klarname dieses Autoren, den Freunden der Literatur in einer leicht lesbaren Form zugänglich machen können. Ich bin mir recht sicher, dass ich nicht der einzige sein werde, der sich an seinem Text erfreuen können wird.

22.4.

Ich bin mondsüchtig, wie es heißt. Also nicht über mich, ich weiß ja zum Glück zwar nicht alles, was die Leute über mich zu wissen glauben, aber meine Mondsüchtigkeit etwa ist den meisten, die ich kenne, und von denen ich von daher auch weiß, was sie über mich zu wissen glauben, vollkommen unbekannt. Glaube ich zumindest. Der schöne Film mit Cher in der Hauptrolle ist auch unbekannt, da zu lange her, sodass ich beinahe schon davon ausgehen kann, dass Mondsüchtigkeit an sich als Gesprächsthema in der Berliner Gesellschaft momentan keine Rolle mehr spielen dürfte. Eventuell sollte ich am nächsten Donnerstag, wenn die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis im Modeshop The Corner ihre aquarellierten Gesellschaftsportraits ausstellt, meine Mondsüchtigkeit thematisieren.

Oder halt Cher. Die sich ja, wie jedermann weiß, einst zwei Rippen hatte heraussägen lassen, um eine sogenannte Wespentaille zu erhalten. Prince Roger Nelson hat sich vor seiner conversio zum Zeugen Jehovas übrigens der selben Prozedur unterzogen (also unter die Säge gelegt), sogar aus dem selben (weltlichen) Motiv: nämlich, um an sich selbst die Fellatio ausführen zu können. Damals gab’s ja noch so gut wie gar kein Yoga. Mick Jagger hingegen, some guys have all the luck, konnte bereits in den frühen Siebzigerjahren auf der sogenannt offenen Bühne eines Festivals vorführen, dass er ein zwischen seine Oberschenkel gestecktes Mikrofon ganz in den Mund zu nehmen fertig brachte. Ganz so weit würde ich nicht gehen. Aber ich bin jetzt schon sehr gespannt* auf den Fürstentalk. Was mich nicht um den Schlaf bringen kann, da ich ohnehin mondsüchtig bin.

Also auf zur blauen Tanke, um die Wochenzeitung Die Zeit zu kaufen (die Tageszeitungen treffen dort leider erst um sechs ein, und das auf eine Weise, die keine Art ist, unter Zeitungsliebhabern gesprochen. Ich weiß das, habe es bezeugt und könnte, wie es heißt, sogar: ein Lied davon singen, tue das aber nicht), aber leider war sie bereits ausverkauft. Ob es in meinem Kiez etwa noch einige Mondsüchtige mehr gab? Prinzipiell könnte es sogar sein, daß Cher hier